Meine Geschichten - Peter Leupin - E-Book

Meine Geschichten E-Book

Peter Leupin

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Beschreibung

Aufgearbeitetes und Verarbeitetes aus unzähligen längst nicht abgeschlossenen Erinnerungen, die sich stets selbst erneuern und mit immer neuer Leidenschaft Raum und Traum erschaffen, um altes Leiden aus der Welt schaffen.

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Seitenzahl: 548

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Inhaltsverzeichnis

Eine Verführung zur Einführung

Wechselspiele oder wider die Zuordnung

Vorwort

Zum Autor

Danksagung

Widmung

Nachdenkliches

Der Spassvogel

Betrachtungen im Kinderzimmer

Widmung

Gedanken über den ungedachten Gedanken

Von Sternen und Worten

Die Schwerkraft der Gedanken

Gartengedanken

Das verflixte Sternchen

Wie geht’s?

Was heisst hier: Dafür bist du zu alt?

Der Gartenschreiberling

Keine Weihnachtsgeschichte

Rebellion

Inklusion

Die Zeit, die uns fehlt

Bolivien, eine andere Realität

Die Trauminsel

Selbstgespräch

Heiße statt weiße Weihnachten

Der Kapitän

Unterheblich

Ansichten und Aussichten

Kultiviert

Sein wahrer Name

Abreisevorbereitungen

Twilight Zone

Maria

Lost in space

Esmeralda

Chat lag

Hyperanthropos

Endstation

Micro

Stoned

Die neuen Nachbarn

Der Erlöser

Der, dessen Namen nicht genannt werden darf

Gedanken am Bahnhof bei Sonnenuntergang

Mein Flug nach Rio

Nachruf auf einen Riesen

VITAM PERFECTAM

Der Fall Iguazú

Auszug aus meinem ungeschriebenen Buch

Innenräume

Zeitspringer —

Ein Science-Fiction-Märchen

Kapitel 1: Die Entdeckung

Kapitel 2: Die Landung

Kapitel 3: Die Ankunft

Kapitel 4: Der Plan

Kapitel 5: Die Rückkehr

Freundschaft

Siesta

Aus dem Tagebuch eines Zeitreisenden

1. Sankt Clark

2. Das Mädchen im Schnee

3. Jeannette — Eine Reise in meine Jugend

Erinnerungen

Erinnerungen an das Bermuda Dreieck in Basel

Erinnerungen an Macondo

Die Krönung der Schöpfung

Mein Grossvater

In the Air Tonight

Joanna über John

John über Joanna

Anita über Patrick

Patrick über Anita

Anita über John

John über Anita

Damals

Aufzeichnungen aus unseren Anfängen

im wilden Osten von Bolivien

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Teil 5

Teil 6

Teil 7

Teil 8

Teil 9

Teil 10

Lustiges

Ferien

Paris

Indien

Türkei

Ein Ehepaar in Bolivien

Königsberger Klopse oder warum so wenige Philosophen heiraten

Ein Anwalt im Paradies

Die unheimlichen Vorzüge des Alters

Der geheime Kartoffel-Gipfel

Apokalypse

Eine epische Kurzgeschichte

Der Pfeifer

Von der Rolle

Kunterbuntes

Das Mädchen aus Irland?

Brain Damage

Gedanken zwischen Hammer und Nagel

Stephen Hawkings Party für Zeitreisende

Das Glücksmaß

Zeitgrenze

Pilzjagd oder: Wer nicht sucht, der findet

Die fünfte Sprache

Gleichung mit einer Unbekannten

Der grosse Zufallsgenerator

Julia

Das Gefühl zwischen den Zeilen

Gespräch unter der Tamarinde

Der Garten-Schreiberling

Bagheera

Hope

Die Begegnung

Komische Käuze

Eine kleine Zeit-Geschichte

Transition

Ein Märchen

Mit anderen Augen

Die grosse Verschwörung

Strange Love oder:

wie ich den Algorithmus lieben lernte

Spinnereien

Das Interview

Außergewöhnlich

Der komische Kauz

Mein Freund Yver

Apokalypse

Das Gleichnis vom Geschäftsfreund

THE MIND FUSION THEORY

Hintergrund

Natürlich eine Geschichte

Eine Geschichte aus unserem Garten

Der General

Der Andromeda-Brief

DAS HAUS AN DER LEHMGRUBE

1. Auf die Minute

2. Krähen

3. Labyrinth

4. Ein Stück Blau

5. Auszeit

6. Frühling

7. Mit anderen Augen

Abrechnung

Das andere Leben

Erste Szene

Zweite Szene

Dritte Szene

Vierte Szene

Fünfte Szene

Das Bild

Erstes Kapitel

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel

Epilog

Elysium

Erstes Kapitel

Aufzeichnungen von Hermes, 1.Teil

Zweites Kapitel

Aufzeichnungen von Hermes, 2. Tei

Aufzeichnungen von Hermes, 3.Teil

Drittes Kapitel

Götterdämmerung

Epilog

Bestimmung

Epilog — zehn Jahre später

In Erinnerung

Nachwort

Tagebuch aus der Hölle

14. Juni 2019, Palmasola

Tag 1

Tag 2

Meine Geschichte

Tag 5

Die Party

An einem anderen Tag

Noch ein Tag

Noch ein Tag

Noch ein Tag

Tag 59

Letzter Tag

Gereimtes und Geklopftes

Ein Gedicht entsteht

Einsamkeit

Gestern

Labyrinth

Der Baum

Das angekettete Herz

Der Zeitraffer

Begegnung im Park

Mädchen aus Irland

Das Riesenrad der Zeit

Wanderer sind wir

Paradox

Krank

Die Wurzel

Die einzige Möglichkeit

Weit gebracht

Unzufrieden

Jahresanfang

Silvester

Sorgen am Morgen

Herausragend

Probleme

Fortschritt

Problem

Vorstellung

Hammer

Das musste mal gesagt sein

Klarstellung

Religionen

Fehler

Unvernünftig

Kleine Lichter

Große Schatten

Jugendliebe

Dummheit

Der Schein trügt

Diktatur

Glück

Zweifellos

Ehrlich gesagt

Konfusion

Omen

Spitzenprädator

Selbstwerdung

Humor

Bedenke

Absurd

Ausgang

Ecken und Kanten

Vormacht

Etikettenschwindel

Lernen

Gesichtspunkt

Das Wort zum Sonntag

Ein schlechter Koch verdirbt jedes Rezept

Noch etwas rabenschwarzer Humor zum Schluss

Nachruf auf mich selbst

Vorwort zum Nachwort

Eine Verführung zur Einführung

Von Alberigo Tuccillo

Die Prosa Peter Leupins lässt sich nicht einordnen. Sie gehört keinem Genre an, erinnert formal zwar an vieles, was man kennt, erfüllt bald die Kriterien für die Kurzgeschichte, für die Glosse, für den Tagebucheintrag, verletzt diese Kriterien aber immer, ohne sie zu missachten. Leupin spielt: mit den Formen, den Gattungen, mit den Inhalten, mit den vermeintlichen Gewissheiten — die er zerstört und aufbaut, ohne jeweils zu verraten, ob er gerade am Aufbauen oder am Zerstören ist —, spielt mit der Sprache, mit den Sprachen, mit den Leserinnen und Lesern, blendet und führt zugleich hinters Licht. Und er hat Spaß dabei. Daraus macht er keinen Hehl, obwohl er manchmal doch vorgibt, seinen Spaß verhehlen zu wollen.

Meine erste Begegnung mit Peter Leupins Literatur weckt in mir eine Erinnerung an einen britischen Zauberkünstler, den ich meiner Jugend ein einziges Mal sah und bis zu dieser Lektüre voll-kommen vergessen hatte: Der Zauberer, ein unscheinbarer, etwas schüchterner älterer Herr, drückte beim Betreten der Bühne vor allem zwei Dinge aus: Unsicherheit und zugleich eine rührende Zuversicht, irgendwie werde es schon klappen. Dann fängt er mit den üblichen Nummern an, die man er-wartet, die man kennt und die dem stereotypen Bild eines Zauberers entsprechen. Er möchte wohl ein Kaninchen aus dem Zylinder holen. Aber da ist nichts zu machen. Es gelingt ihm nicht. Der Zauber-stab aus hartem Material wird plötzlich weich wie eine gekochte Nudel. Er wühlt mit der Hand im Hut herum — es scheint nichts drin zu sein. Er wirft heimlich ein paar Karotten hinein — nichts! Er kehrt den Hut um und schüttelt ihn, aber nichts fällt heraus; nicht einmal die Karotten. Er gibt auf und möchte zum nächsten Zaubertrick übergehen. Aber jetzt hopst ein Kaninchen aus dem Hut. Und noch eins. Und noch eins. Der Zauberer tut, als wäre es ihm peinlich. Betreten packt er die fünf Kaninchen, die gar nicht Platz haben dürften, mit Mühe in den Zylinder zurück, immer wieder hopst eines wieder her-aus, aber da flattern auch Tauben heraus…

Ähnliches macht Leupin mit der Erzählkunst. Ein Beispiel: Ein Ich-Erzähler, der in allen wesentlichen Zügen der Autor selbst ist, beschreibt einen Freund, den er als äußerst zwiespältig, widersprüchlich, diskrepant zeichnet: auf der einen Seite äußerst liebenswürdig, herzgewinnend, auf der andern Seite rücksichtslos, rüpelhaft. Leupin setzt virtuos seine ganze rührende narrative Unbedarftheit und Unzulänglichkeit ein. Und wir überragend klugen Leserinnen und Leser ahnen selbstverständlich schon sehr früh, dass der antithetische angebliche Freund in Wahrheit ein Hund ist. In der Tat wird von Zeile zu Zeile deutlicher, dass der Autor erst mit den letzten Worten der kurzen Erzählung die Katze aus dem Sack lassen will. So ist es schließlich auch. Aber unser Scharfsinn wird mit dem doch überraschenden Schluss nur teilweise belohnt: Der Hund ist nämlich vielleicht doch kein Hund, denn der Ich-Erzähler ist nicht der, den wir erwartet haben. — Und mit den letzten Worten verwandelt sich die Geschichte, die wir gelesen haben, in eine Geschichte, die uns zufällt, ohne dass wir sie gelesen haben.

Nun macht Peter Leupin daraus aber keine Technik, schon gar nicht eine Masche. Diesen Kunst-griff setzt er ein einziges Mal ein, denn er hat noch viel anderes auf Lager: Einen Serial-Killer, der weder aus Habgier, noch aus sexueller Triebhaftigkeit, sondern aus Güte, aus Empathie, aus Einfühlsamkeit, letztlich aus selbstloser Liebe tötet, die fürchterliche Gewalt eines achtzig Meter hohen Wasserfalls, die ein steuerloses kleines Boot samt Insassen zermalmen könnte wie eine Nuss unter einer Stiefelsohle und dennoch auf die Bootmannschaft seltsam beruhigend wirkt, offensichtlich Biografisches, das ebenso offensichtlich frei erfunden ist, und Fantastisches, Märchenhaftes, Science-Fiction-Artiges, die sich völlig überraschend plötzlich doch als autobiografisch Unverblümtes herausstellen, Freundschaften, die nicht trotz, sondern wegen ihrer grundsätzlichen und aussichtslosen Unverträglichkeit unzertrennlich werden…

Ich habe vielleicht schon zu viel verraten, denn ich möchte niemandem den Genuss verblassen, selbst in Leupins Texten den manchmal ergreifenden, manchmal erheiternden, manchmal ernüchtern-den Zwischentöne, die ich bestimmt noch nicht alle entdeckt habe, nachzuspüren. Doch Sorgen mache ich mir darüber nicht, denn — wie bereits gesagt — die eigenwilligen erzählerischen Miniaturen sind nicht mit einem einzigen Schlüssel aufzuschließen; man braucht dazu einen ganzen Schlüsselbund — und auch dann, wenn man zu jedem Textchen den passenden Schlüssel gefunden hat, findet man bei mehrmaligem Lesen und bei mehrmaligem Aufschließen immer etwas Neues vor.

Wechselspiele oder wider die Zuordnung

Das Förderliche an der Lebens- und Leseroutine ist zugleich das Hinderliche daran: die mit der Zeit erworbene Fähigkeit, zuzuordnen, abzulegen und kurz zuvor noch ein Etikett auf die versorgungstechnisch einwandfreie Archivbox zu kleben. Alsdann es sich vortrefflich über das Wortgewordene reden lässt: dass ein Mensch, ein Um-stand, ein Inhalt so und so sei, wovon man kraft seiner Erfahrung und seines durch die Gewohnheit errungenen Gespürs so unumstößlich überzeugt ist, da man in der hitzigen Debatte auch gern mit noch mehr Eigenschaftsworten um sich wirft.

Und doch geschieht es immer wieder – ich konstatiere es nicht ohne ein Gefühl von Schadenfreude mir selbst gegenüber –, dass man in der aller komfortabelsten Routine plötzlich aufs Erfrischendste und Ersprießlichste irritiert wird: So ist es mir mit den Texten von Peter Leupin ergangen und ein bisschen auch mit ihm selbst. «Mit ihm selbst» meint, natürlich, mit meiner Vorstellung von ihm, diesem Peter Leupin, den ich über Facebook kennengelernt habe. Indes verleiten mich nicht nur seine – ja was? Kurzgeschichten, Betrachtungen, Kolumnen, Lebensberichte, Aphorismen – dazu, Mutmaßungen über die Persönlichkeit des Autors anzustellen, sondern auch seine Kommentare zu meinen eigenen Facebook-Geschichten.

(Was, ich weiß, von der Literaturkritik gar nicht gern gesehen wird: das Spekulieren über die Autorenpersönlichkeit, die gemeine Leserin tut’s trotzdem gern und ausgiebig).

Oft nämlich sind in besagten Kommentaren wiederum Erfahrungen und Erlebnisse dieses schweizstämmigen Autors verwoben, der seit langer Zeit mit seiner Familie in Südamerika lebt, was die Eigentümlichkeit und Originalität seiner Betrachtungsweise jedoch nur in Spuren erklärt, oder vielleicht auch gar nicht. Unfassbar — dachte ich beim Lesen der Texte in diesem Buch, was für eine Fülle an Erlebtem, Gedachtem, Empfundenem, und das alles in sprachlich wohlgefälligen und überaus appetitlichen Häppchen dargereicht.

Indes, noch während man sich in Erwartung des Erwarteten in das aparte, so ganz und gar unschweizerisch üppig anmutende Universum des Peter Leupin hineinziehen lässt, hält man auf einmal inne: Da ist eine unvermutete Wendung, ein querer Gedanke, ein wie aus dem Takt geratenes Ende, irgendetwas Atonales oder zumindest ganz und gar Verwunderliches, was einen die ganze Geschichte noch einmal von vorn lesen lässt. Und doch ist man sich nie ganz sicher, ob es sich um einen raffinierten Autorentrick handelt oder um eine clevere Finte oder viel eher um eine ei-genwillige Art des Erlebens und Verstehens, etwas, was Teil dieser so farbigen, blühenden Welt des Peter Leupin ist, die sich auf der nächsten Seite schon karg und kühl und nüchtern präsentieren kann.

Oh, die Gefahr der Gewöhnung besteht nicht; und doch folgt man dem Autor offenen Auges durch sein Universum, lässt sich auf seine kühnen oder übermütigen Gedanken- und Gefühlsspiele ein, lacht zuweilen unvermittelt auf, ist zuweilen jäh er-griffen, betroffen, entsetzt; wird zuweilen von Melancholie mit-übermannt.

Und was tut die solcherart bewegte Leserin? Oder eher – was tut sie nicht? Sie lässt die zu Archivboxen umfunktionierten Schuhkartons hübsch dort oben im Estrich stehen, nicht nur, weil ihr schwant, dass kein Etikett weder auf die Texte des Peter Leupin noch auf seine mutmaßliche Persönlichkeit passt, mit der sie sich ja nur schon aus literaturkritischen Gründen sowieso nicht näher und schon gar nicht gründlich befassen sollte.

Nein, die Leserin will sich ganz und gar vereinnahmen lassen von dieser Welt, die ihr in Zügen so vertraut vorkommt und dann auf einmal wieder nicht, was sie sich umso tiefer in den Erzählsog hineinbegeben lässt.

Und genau dort, im Mittendrin, will sie, die Leserin, verbleiben und versinken, ohne zu wissen, woher und wohin: Viel Freude beim Lesen, beim Eintauchen ins ureigene Universum des Peter Leupin.

Cornelia Heynen-Igler

Vorwort

Ich hatte das Vergnügen, mir jede Seite von Peter Leupins Werk einzuziehen. Und das tat ich mit wachsendem Genuss, denn mir offenbarte sich ein Schreiber, der weitab von allem Konventionellen arbeitet. Leupin ist einer, der deutsch zu denken und formulieren versteht, obwohl er seit Jahren einem anderen Idiom verpflichtet ist, in dem er sich bestimmt ebenso unverwechselbar auszudrücken ver-steht.

Mein Landsmann ist einer, der unverbrauchte Gedanken auf Papier bringt, einer zudem, der einem ständig neue Räume eröffnet. Seine Texte haben Sogwirkung, jeder hat einen eigenen Duktus und immer eine gelungene Pointe. Von absurd genial bis zum Kugeln lustig – Leupin spricht Leserinnen und Leser an, die Lust auf Überraschendes haben. Und die begierig darauf sind, etwas über die Innenwelten eines Mannes zu erfahren, der viel von der für alle zugänglichen Welt gesehen und reflektiert hat.

Der Autor ist eine fantastische und starke Stimme im Dschungel der Literatur. Und stets ist er fern von jeder billigen Beliebigkeit.

Roland Falk

Zum Autor

Der Autor dieses Werkes muss gewiss nicht extra vorgestellt werden, die meisten Leute kennen ihn, (wenigstens in seinem Dorf Cotoca, Bolivien). Für die Übrigen will ich an dieser Stelle trotzdem ein paar Worte verlieren. Er wurde geboren, und zwar in Basel an einem Fastnachts-Montag im Februar 1959. Dort hat er die Schulen besucht, wenn auch mit wenig Begeisterung.

Gerne verbrachte er seine Freizeit auf dem Petersplatz, der nach ihm so benannt wurde, weil er maßgeblich zum wirtschaftlichen Aufschwung der Stadt Basel beigetragen hat, indem er dort regel-mäßig seinen alten Plunder auf dem samstäglichen Flohmarkt entsorgte. Es gibt allerdings böse Zungen, die das sehr bezweifeln. Mit Recht würde ich sagen.

Schon früh zog es ihn in die Ferne, zuerst nach Israel und später nach Südamerika, wo er noch heute lebt. Sein beruflicher Werdegang ist mit nichts vergleichbar. So nimmt man am besten nichts und vergleicht es. Küchenhilfe, Schaufensterdekorateur, Hilfsmonteur, Spitalgehilfe, Kino-Operateur, Grafiker, Bühnenbildner, Standbauer, Gärtner, Wirt, Deutschlehrer, Zeichenlehrer, Maler und Schriftsteller. Er zeigte schon in frühester Kindheit eine große Vorliebe fürs Zeichnen. Zum Beispiel malte er Augen und Nasen auf die Buchstaben. Die Psychologen sagen: Ein verspieltes Kind, und das ist er bis zum heutigen Tag geblieben. Zum Glück, sagt er.

Er ist verheiratet und hat drei Kinder, alle sind mittlerweile erwachsen und die meisten haben bereits selbst Kinder, was ihn zum Großvater von acht Enkelkindern macht. Leider wohnen sie etwas weit voneinander weg, etwa dreizehntausend Kilometer. Sein Wohnort ist der bekannte Wallfahrtsort Cotoca, rund sechzehn Kilometer von Santa Cruz de la Sierra in Bolivien. Er lebt dort zurückgezogen in einem Landhaus umgeben von Mangobäumen, Avocado-Bäumen, Grapefruitbäumen, Orangen-bäumen und Moskitos. Das gefällt ihm, einmal abgesehen von den Moskitos.

Zu schreiben hat er sehr spät begonnen. Andere meinen viel zu früh, aber das sollen die Leserinnen und Leser selbst beurteilen.

Mein ganz besonderer Dank gilt dem miserablen Wetter während meines neunmonatigen Aufenthalts in der Schweiz 2013. Ohne die vielen nasskalten Regen- und Schneetage, wäre ich nie so lange am Computer sitzen geblieben, um mit Schreiben zu beginnen.

Cotoca, im Februar 2022

Danksagung

Ein riesengroßes Dankeschön allen, die sich die Zeit genommen haben, das vorliegende Buch Realität werden zu lassen.

Dank meinem Mentor, Redakteur und lieben Freund Alberigo Tuccillo, Schriftsteller und Lehrer, Mitglied der AdS Autorinnen und Autoren der Schweiz, des Deutschschweizer PEN, der ASIS Associazione Scrittori di lingua italiana in Svizzera und der Società Dante Alighieri, gibt es dieses Buch überhaupt.

Dank den aufmunternden Worten und den inspirierenden Texten von Cornelia Heynen-Igler, Frei-schaffende Texterin und Kommunikatorin, Erzählerin und Autorin, habe ich daran weitergeschrieben.

Dank dem Lob und der Unterstützung von Roland Falk, freier Journalist und Medienschaffender, Kunstwort- oder Wortkunstschaffender, habe ich dabei nicht das Handtuch geworfen.

Dank den Zeilen von Alfred Bodenheimer Literaturwissenschaftler und Autor, Professor für jüdische Literatur- und Religionsgeschichte an der Universität Basel, habe ich meine Selbstzweifel über Bord geworfen.

Niemand von den oben genannten kenne ich persönlich, und doch verbindet mich eine tiefe Dankbarkeit mit ihnen, denn sie alle haben auf ihre ganz persönliche Weise zur Entstehung von «Meine Geschichten» beigetragen.

Widmung

Dieses Buch widme ich meinen Kindern Leila, Leonardo und Lara und meinen Enkelkindern Elisheva, Sara, Debbi, Danieli, Rachel, Miriam, Jehuda Ariel und Nahomi.

Nachdenkliches

Brief an meine Tochter

Wo ist die Lebensfreude?

Als wir vor dreißig Jahren auswanderten, wechselten wir nicht nur unseren Wohnort. Als wir nach zwölf Stunden Flug ausstiegen, hatten wir auch das Zeitalter gewechselt. Kein fließendes Wasser, keine Toilette, kein Kühlschrank, kein Telefon. Der nächste Supermarkt lag noch Jahre entfernt von seiner Eröffnung. In der Nähe gab es nur einen kleinen Quartierladen mit zwei Sorten Brot: Mit Käse drauf, und ohne. Zigaretten konnte man dort noch einzeln kaufen, genauso wie Teebeutel. Wenn man Unterhaltung wollte, musste man sich selbst irgendwie unterhalten, oder jemanden finden, um sich zu unterhalten. Die Freude war groß, als der Strom endlich angeschlossen wurde, und noch größer, als wir einen Kühlschrank kauften, und wir aus ihm, das erste Glas kaltes Wasser trinken konnten. In den vergangenen Jahrzehnten lernte ich, dass die Freude meistens in Verbindung mit irgendeiner Form von Erfolg erschien: Die erste selbst geschälte und geknackte Kokosnuss. Die erste eigenhändig aus dem Boden gezerrte Mandioka-Wurzel. Den ersten selbst ausgewechselten Wasserhahn. Das erste selbst gemachte Churrasco, ohne es anbrennen zu lassen. Nichts Weltbewegendes, wie du siehst, aber eben sehr wichtig, um Freude am Leben zu bekommen.

Mit der Zeit kamen alle Errungenschaften der Neuzeit natürlich auch zu uns nach Bolivien. Doch die Lebensfreude nahm mit der größeren Auswahl im Supermarkt nicht zu. Wenn du alles kaufen kannst und nichts mehr selbst machen musst, fehlt dir eine wichtige Voraussetzung zur Lebensfreude: Das Erfolgserlebnis. Wenn du erfolgreich das Moskitonetz am Fenster auswechselst und du nur dreimal fluchst, weil dein Finger dabei unter den Hammer geraten ist, zählt das als Erfolgserlebnis.

Die Lebensfreude ist demnach nicht an einen bestimmten Ort gebunden und noch viel weniger an eine bestimmte Menge von Konsumgütern. Sie stellt sich einfach ein, wenn du etwas mit Erfolg machst, ganz gleich was. Mit Erfolg meine ich nicht, dass du dadurch gleich eine Berühmtheit wirst. Es muss dir nur gelingen, und wenn nicht, dann versuche es nochmals.

Der Spaßvogel

Die Fiesta war längst vorbei. Wir saßen noch zusammen am spärlichen Lagerfeuer. In diesen stillen Stunden zwischen tiefer Dunkelheit und dem ersten Morgenlicht, in denen man meistens die Wahrheit spricht.

Er galt als großer Spaßvogel unter seinen Freunden, hatte den Ruf, etwas zu viel zu trinken und zu scherzen und das Leben nicht ernst genug zu nehmen.

Uns einte die Begeisterung für eiskaltes Bier und die Fähigkeit, es in großen Mengen zu vertilgen, ohne dabei umzukippen. Und noch etwas anderes, schwer Beschreibbares gab es, was uns einander sympathisch machte: Der Sinn für die gleiche Art von Humor, der seine Wurzeln aus dem traurigen Bewusstsein schöpfte, dass wir in einer Unabänderlichkeit gefangen waren, die nur mit Humor zu ertragen war.

Solange er andere zum Lachen brachte, konnte er sich der Illusion hingeben, dass seine Situation nicht so hoffnungs- und ausweglos war, wie sie tatsächlich für ihn war. Dies gestand er mir, während er mit vom Alkohol glänzenden Augen ins ausgehende Feuer starrte.

Unter seinen Freunden und Bekannten galt er als ein erfolgreicher Architekt, der es in seinem beruflichen und privaten Leben zu etwas gebracht hatte und deshalb von vielen darum beneidet wurde. Er wohnte mit seiner bezaubernden Frau und seiner ebenso schönen Tochter in einer von diesen privaten Luxus-Siedlungen im Norden der Stadt. Mit Sicherheitspersonal an der Eingangspforte, einem Haus so groß und prächtig wie eine italienische Villa, mit eigenem Swimmingpool und Garten.

Nach einer Weile, in der er mich nur schweigend anschaute, fragte er mich, ob ich wisse, was TOC bedeutet. Ich hatte keine Ahnung. Er erklärte es mir: Es ist eine psychische Erkrankung, in der für er-krankte Personen ein innerer Zwang oder Drang besteht, bestimmte Dinge zu denken oder zu tun. Die Betroffenen wehren sich zwar meist gegen diesen auftretenden Drang und erleben ihn als übertrieben und sinnlos, können ihm willentlich jedoch meist nichts entgegensetzen. Meine Tochter leidet darunter. Manchmal wurde es so schlimm, dass sie versuchte sich selbst zu verletzen, oder ganz Schluss zu machen. Jetzt nimmt sie Medikamente und geht in die Therapie. TOC ist übrigens erblich, ihre Mutter hat es auch. Ich habe sie schon einmal vom Strick herunterschneiden müssen, an dem sie sich erhängen wollte. Anschließend war sie für zehn Tage in einer psychiatrischen Klinik. Für unsere Freunde war sie auf Urlaub in Miami, fügte er traurig hinzu. Sie behauptet noch immer, dass ihr nichts fehle und alles nur die Schuld «meiner» verrückten Tochter sei.

Ich blickte nur hilflos in die Glut. Was soll man darauf antworten? Aber ich hatte das Gefühl, dass er keine Antwort oder gar Trost erwartete, es ging ihm nur darum, sein Herz von dieser Last zu befreien. Dieses Gewicht hinter seiner fröhlichen Maske, das er mit sich herumtragen musste, wie eine unsichtbare, schwere, eiserne Kette. Er wollte und konnte es einfach nicht mehr länger stumm ertragen, und er musste es jemandem erzählen, um nicht daran zu erstickten, sagte er mir.

Es gab keine eigentliche Heilung von dieser Dunkelheit, die seine Frau und seine Tochter von Zeit zu Zeit verschlang, wie ein schwarzes Loch. Er fühlte sich oft nur als hilfloser Zuschauer, der nur wenig Einfluss auf die tragische Situation nehmen konnte. Dies machte ihn unsagbar traurig. Er klopfte mir freundschaftlich auf die Schulter und bedankte sich bei mir fürs Zuhören.

Als die ersten schwachen Sonnenstrahlen hinter dem Horizont erschienen, hatte sich mein Bild von diesem Spaßvogel radikal geändert. Wir kamen seither nie mehr auf das Thema zu sprechen, aber sei-ne nächtliche Enthüllung machte aus unserer Freundschaft eine Art von Bruderschaft.

Betrachtungen im Kinderzimmer

Es ist leer, das Zimmer meiner Tochter. Ich stehe darin, mein Blick streicht über die kahlen Wände bis zu der Stelle, wo einmal ihre Wiege stand. Später stand dort ihr Schreibtisch. Ich sehe sie lachend mit Farben und Pinsel hantieren. Da war sie gerade mal fünf. Danach vergingen die Jahre wie im Flug. Noch sehe ich sie in ihrer weißen Schuluniform, aus der sie viel zu schnell herauswuchs. Es kommt mir wie gestern vor, als sie sich in der Nähe der Universität eine Stadtwohnung nahm und dieser Raum leblos zurückblieb. Kaum zu glauben, wie schnell das alles geschah.

Während ich zwischen diesen kahlen vier Wänden stehe und mir in Erinnerung rufe, wie es begann, fällt mir ein Vergleich ein, der mir zwar im ersten Moment absurd vorkommt, aber je länger ich über ihn nachdenke, immer weniger abwegig erscheint.

Am Anfang war alles miteinander verbunden, das Universum konzentriert in einem kompakten Kern und meine Tochter durch die Nabelschnur mit ihrer Mutter.

Die Geburt begann mit einer Kontraktion. Die meiner Tochter und jene des Universums.

Mit der Geburt endete diese Ordnung und die Ausdehnung begann. Ausdehnung bedeutet Wachstum und Veränderung. Aus dem Neugeborenen wurde ein erwachsener Mensch, der nach draußen in die Welt strebte, und aus dem kleinen Nukleus wurde nach dem Big Bang ein Universum, das sich bis heute immer schneller ausdehnt und auseinanderstrebt.

Beide, meine Tochter und das ganze Universum, gehorchen dem gleichen Gesetz. Dieser universalen Formel, ohne die keine Entwicklung möglich wäre, die wie jeder Prozess irgendwann seinen Zenit erreichen wird und danach vergehen muss, damit sich der Zyklus wiederholen kann. Es ist dieselbe Formel, für die Geburt, die Entwicklung und ihr Ende. Dieser Gedanke tröstet mich ein wenig in diesem leeren Zimmer.

Irgendwann, irgendwo, vielleicht gerade jetzt, entsteht eine neue Welt mit Wesen, die so kluge Gedanken denken wie die alten Griechen. Die Kunst und Kultur und Wissenschaft erfinden und sie weiterentwickeln bis zu ihrem Höhepunkt, um danach auseinanderzufallen und zu enden, vielleicht mit einer weißen Leinwand voller roter Farbspritzer. Auch sie werden höchstwahrscheinlich einen Gott nach ihrem Ebenbild erschaffen, ihre Welt zum Zentrum ihres Sonnensystems erklären und ihre Wissenschaft dazu verwenden, um der Vergänglichkeit allen Seins entfliehen zu versuchen.

Auch sie werden ziemlich sicher daran scheitern und merken, dass man nirgends im Universum seine Gesetze brechen kann. Sie werden sich eigene Regeln und Gesetze schaffen, die sie zuerst einhalten, danach irgendwann brechen und überschreiten, immer weiter expandierend, weit jenseits ihrer Horizonte, bis zu jenem Punkt, der aus ihrem Streben eine Desintegration macht und den Zyklus beendet, wie es die Formel des Universums vorschreibt.

Unser Sein mit dem Universum zu vergleichen ist daher gar nicht so abwegig, schließlich sind wir ein Teil von ihm. Zwar nur ein winzig kleines Teilchen, im Vergleich geradezu lächerlich, und doch haben wir die Fähigkeit, das Universum, wenn auch nicht vollumfänglich, zu begreifen.

Mensch und Universum, beide streben immer schneller in alle Richtungen, beide werden sich irgendwann soweit ausgedehnt haben, dass ihre Expansion von einer Desintegration abgelöst wird und danach einem Neubeginn. Gäbe es einen Gott, oder Götter und Göttinnen, würden er oder sie, beim Anblick des sich auflösenden, leeren Universums, durch den Gedanken getröstet, dass dieses Ende ein Neuanfang ist und Hoffnung bedeutet. So wie für mich, im leeren Zimmer meiner Tochter. Außerdem habe ich ja noch ihre WhatsApp-Nummer.

So alt möchte ich werden

Neulich habe ich DRS 1 gehört; ihr wisst schon, das Wunschkonzert für Geburtstage. Unglaublich was für moderne Titel die in letzter Zeit dort spielen. «Familie Schultheiß wünscht Elise zu ihrem Hundertsten alles Gute». Elise befindet sich noch immer bei relativ guter Gesundheit, mal abgesehen davon, dass sie nicht mehr aufstehen kann, halb blind, vollständig taub und komplett senil ist, einen Urinkatheter hat und ausschließlich von Astronautenkost via Magensonde lebt. «Wir gratulieren herzlich und wünschen Elise noch viele schönen …»

Wenn ich es mir recht überlege, will ich gar nicht so alt wie Elise werden. Es muss nicht unbedingt die Hundert sein, jede andere Zahl ist mir auch recht, solange ich mich noch mit mir selbst beschäftigen kann und mir nicht zum x-ten Mal das gleiche Kapitel der Waltons anschaue, weil meine Festplatte vollständig im Eimer ist. Ich nehme gerne in Kauf, an keinem «Ironman» teilnehmen zu können, solange ich noch, ohne umzufallen, einen Schritt vor den andern setzen kann. Es genügt mir vollkommen, wenn ich die Welt mit all ihren Facetten wahrnehmen kann, denn dies ist schon sehr, sehr viel.

Bis zu welcher Jahreszahl ich komme, ist zweitrangig, solange ich bei einer einigermaßen akzeptablen physischen und psychischen Verfassung den Löffel abgeben kann. Ich verzichte gerne auf einen Altersrekord um jeden Preis, es reicht, wenn mir ein Glas Wein und ein gutes Essen noch mundet.

Mir ist jedes Datum recht, solange ich der Handlung Tolstois «Krieg und Frieden» noch einigermaßen folgen kann und nicht plötzlich glaube, James Joyce «Ulysses» verstanden zu haben. Was nützt mir der schönste Sonnenschein, wenn ich bewegungslos und geistig umnachtet auf einer geriatrischen Klinik dahinvegetiere? Mir ist jeder Tag zum Sterben recht, Hauptsache ich kann ihn noch mit meinen fünf Sinnen erleben.

Genauso alt möchte ich werden.

Gedanken über den ungedachten Gedanken

Vielleicht denkt ihn jemand heute Abend beim Nachtessen, oder erst in hundert Jahren? Vielleicht wurde er bereits einmal gedacht, aber als undenkbar eingestuft, und wieder verworfen? Vielleicht hat ihn jemand geträumt, aber kurz vor dem Erwachen wieder vergessen?

Ihr wisst schon, diesen einen, der die große Lösung für die Probleme der Menschheit bringt. Der jetzt noch irgendwo, völlig unbeachtet, schlummert und nur darauf wartet, gedacht zu werden. Der noch fehlende Gedanke, in dem das verborgene Licht steckt, das die ganze Welt zu erhellen vermag. Dieser winzige Keim, der die Erkenntnis in sich birgt. Dieser eine Gedanke, der uns die Augen öffnet, um uns selbst zu sehen, wie wir wirklich sind. Damit wir, dank ihm, einen völlig neuen Weg einschlagen, alle gemeinsam, einer besseren Zukunft entgegen.

Die Voraussetzungen sind optimal, ein noch unverbrauchtes Jahr liegt vor uns. Das ist einerseits viel Zeit, um ihn zu denken, aber andrerseits wenig Zeit, um ihn praktisch umzusetzen. Denn die Zeit drängt. Vielleicht bist du es, der ihn bereits auf der Zungenspitze trägt, oder noch an seiner Formulierung feilt? Zögere nicht ihn auszusprechen, wenn er dem Wohle der ganzen Menschheit dient. Ist er einmal gedacht und ausgesprochen, wird man ihm auch Gehör schenken. Oder Einwände finden, wegen irgendwelchen obskuren Interessen, um ihn in einer dunklen Schublade verschwinden zu lassen?

Nein, so wird es nicht sein, denn er wird, dank seiner hellen Klarheit, uns alle illuminieren und zu besseren Menschen machen. Nur muss ihn möglichst bald jemand denken. Strengt euch etwas an! Jemand trägt ihn ganz bestimmt, bereits mit sich herum und schaut, statt ihn zu denken, Facebook.

Aber vielleicht sind meine Gedanken, über den ungedachten Gedanken, nur schöne Illusionen und er wurde nur deshalb nicht gedacht, weil es ihn gar nicht gibt.

Von Sternen und Worten

Natürlich kann man den nächtlichen Sternenhimmel auch so genießen, ganz ohne irgendwelche Kenntnisse der Astronomie. Man sieht dann einfach Sterne und fertig.

Wie viel interessanter wird allerdings das Sternenzelt über uns, wenn man es genauer kennt, seine Konstellationen versteht, und mehr über seine Beschaffenheit, seine Geschichte und seinen Ursprung weiß.

Zweifellos sieht man danach den Sternenhimmel mit anderen Augen. Er verwandelt sich unweigerlich. Er ist dann nicht nur einfach schön, sondern gewinnt durch die gewonnenen Kenntnisse über ihn an Wert, und wird zu etwas Faszinierendem.

Was für den Sternenhimmel gilt, trifft auch auf unsere Sprache zu. Natürlich kann man ein Buch einfach so lesen, es genießen und Punkt. Aber wie viel interessanter wird es, wenn aus seinen simplen Wörtern, Worte werden, jedes mit einer Geschichte, die meist weit zurück reicht, fast wie in der Genealogie, und man überraschende Verwandtschaften und Urahnen entdeckt.

Die Etymologie sucht die Wahrheit hinter den Wörtern, und diese Wahrheit schafft Klarheit. Dieses Wissen um den Ursprung und die Bedeutung der Worte verschafft uns Zugang zu einem bisher unbekannten Universum.

Die Schwerkraft der Gedanken

Unsere Gedanken gehorchen den Gesetzen der Schwerkraft. Möglicherweise lässt es sich in einem physikalischen Experiment nicht nachweisen, aber höchstwahrscheinlich in einem soziologischen.

Primitive, brutale und vulgäre Gedanken sind praktisch ohne Kraftaufwand denkbar. Anders verhält es sich mit erhabenen, noblen und bereichernden Gedanken.

Um sie zu erlangen, muss man gegen die Schwerkraft ankämpfen, um aus den simplen Tiefen in die Höhe zu gelangen. Geistige Höhe erfordert Aufwand an Kraft: Man fällt nicht auf des Berges Gipfel, man muss ihn zuerst mühsam erklettern.

Wer in geistige Apathie verfällt, wird von der Schwerkraft hinuntergezogen, und sinkt in die Niederungen der ordinären Mittelmäßigkeit. Um dort zu verharren, braucht es nichts, keine Kraft gegen die Schwerkraft ist dafür erforderlich. Man bleibt einfach liegen wie ein Stein, fühlt sich womöglich wohl dabei und ist auch noch (meist lauthals) stolz darauf.

Erhabene Gedanken (erhaben ist eine Bildung zu erheben «hochheben»; die Bedeutung entwickelte sich von «aufragend» über «hochstehend» zu «vornehm, würdevoll») brauchen mehr Aufwand an Kraft, um sie über die Mittelmäßigkeit hinauszuheben, weshalb sie auch viel weniger gedacht werden als die leichten und seichten Gedanken.

Bei einer derzeitigen Weltbevölkerung von 7,7 Milliarden Menschen, von der eine Mehrheit, nicht gegen diese Schwerkraft ankämpft und Medien, die diese Mehrheit täglich mit Banalitäten füttert, ist absehbar, dass die Zukunft ganz beträchtlich von eben dieser Mehrheit geprägt sein wird.

Mein Optimismus für die Zukunft hält sich deshalb in Grenzen, auch im kommenden Jahr.

Der Kant-Schüler Johann Gottfried von Herder, dessen frühes, preisgekröntes Standardwerk «Über den Ursprung der Sprache» heute weitgehend vergessen ist, notierte:

«Wer richtig, rein, angemessen, kraftvoll, herzlich sprechen kann und darf, der kann nicht anders, als wohl denken.»

Gartengedanken

Als Stadtkind hatte ich keine Ahnung. So kaufte ich mir Zitruspflänzchen, grub kleine Löcher im Abstand von zwei Metern und wartete. Nichts geschah — nein, viel schlimmer: Obschon es den kleinen Pflänzchen nicht an Wasser und Licht fehlte, gingen sie jämmerlich ein.

Ich hatte sie in Lehmerde gepflanzt, sie fanden deshalb keine Nährstoffe, das Wasser blieb an der Oberfläche und konnte nicht von ihren Wurzeln aufgenommen werden. Erst als ich gute Erde fand, wuchsen sie. Wer Augen hat, der höre und ziehe daraus seine eigenen Schlussfolgerungen, denn auch wir sind Pflanzen, die gute Bedingungen brauchen, um zu wachsen.

Nachdem meine Zitrus-Bäumchen wuchsen, begann ich alles Mögliche zu pflanzen. Das Klima hier ist ausgezeichnet und fast alles gedeiht. Nach ein paar Jahren musste ich mit Bedauern feststellen, dass ich zu viel und zu dicht angepflanzt hatte. Die Pflanzen nahmen sich gegenseitig die Kraft und das Licht weg. Wer Ohren hat der sehe, denn auch der Mensch braucht genügend Raum und Licht, um zu wachsen.

Solange die Pflanzen klein und empfindlich sind, gedeihen sie am besten im Schatten eines mächtigen Baumes. Aber um groß und stark zu werden brauchen sie Licht, so dass der mächtige Baum mit der Zeit zum Hindernis für das kleine Bäumchen wird. Entweder fällt der Gärtner den mächtigen Baum, oder er verpflanzt das Bäumchen an eine bessere Stelle.

Auch die Kinder brauchen unsere Fürsorge und unseren Schutz, solange sie klein sind. Doch um groß und stark zu werden, müssen sie aus unserem Schatten heraus ans Licht treten.

So sehe und höre ich seit bald dreißig Jahren den Lehren der Natur in meinem Garten zu und lerne immer wieder etwas dazu.

Das verflixte Sternchen

Nein, ich bin nicht stolz darauf, heterosexuell zu sein, ebenso wenig darauf, als weißer Mann in der Schweiz geboren worden zu sein. Aber mich dafür zu entschuldigen, oder sogar zu schämen, fällt mir nicht ein. Ich bin ein Mensch, wie alle anderen auch, dafür braucht es keine spezielle Bezeichnung oder ein Sonderzeichen.

Wenn ich das Ärzteblatt lese, frage ich mich nicht, ob es auf dieser Welt nur männliche Ärzte gibt. So viel Grips sollte bei allen noch vorhanden sein, um zu checken, dass der Plural einer Berufsbezeichnung, immer beide Geschlechter meint.

Ich lasse ich mich weder auf meine sexuelle Neigung noch auf irgendeine andere, naturgegebene Eigenschaft von mir reduzieren. Ob Sternchen oder Doppelpunkte, bestehende Vorurteile abzubauen vermögen, wage ich zu bezweifeln.

In meiner zweiten Heimat Bolivien hat die Regierung vor ein paar Jahren, den Namen des Landes geändert, es heißt jetzt: Plurinationaler Staat von Bolivien, statt Republik Bolivien. Wir haben jetzt, offiziell einen Staat, der aus sechsunddreißig Nationen besteht, mit sechsunddreißig offiziellen Sprachen. Geändert hat sich durch diese Änderung nichts.

Hätte man stattdessen gesetzlich verankert, dass alle Bürger Boliviens, Menschen mit den gleichen Rechten und Pflichten sind, statt einigen von ihnen Sonderrechte und Privilegien auf Grund ihrer ethnischen Zugehörigkeit zuzugestehen, wäre höchstwahrscheinlich mehr für alle Menschen in Bolivien erreicht worden.

Ein Sternchen kann nicht alle Menschen miteinbeziehen. Das Bewusstsein um Ursachen und Zusammenhänge, welche der Diskriminierung von Minderheiten Vorschub leisten, erreicht man nur durch Bildung, nicht durch Sternchen. Einen diskriminierenden Ausdruck zu verbieten, unterdrückt nicht die Diskriminierung.

In Brasilien werden mehr schwarze Menschen getötet als in den Vereinigten Staaten, daran hat auch die Einführung der Bezeichnung «Afroamerikaner» anstelle von «Schwarzer» nichts geändert.

Alte Menschen, behinderte Menschen und sozial benachteiligte Menschen haben keine Lobby, die für sie eine Love-Parade organisiert. Kein Sternchen steht für unsere Mitmenschen, die unschuldig hinter Gitter sitzen. Auch keines, für jene, die unter Tyrannen leiden.

Erst wenn wir uns als Mitmenschen von allen Mitmenschen verstehen und unsere Solidarität nicht von der Publicity für eine bestimmte Gruppe abhängig machen, wird sich vielleicht etwas daran ändern.

Wie geht’s?

Meine Freunde und ich bewegen uns in einem Alterssegment, in dem man sich die Frage «Wie geht’s?» sehr gut überlegt, bevor man sie stellt, denn in unserem Alter ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sie beantwortet wird, und zwar ehrlich, was wiederum bedeutet, dass die Antwort länger ausfallen könnte, als dem Fragesteller lieb sein könnte.

Etwas hat man ja meistens in unserem Alter, so dass der Gefragte erfreut über das Interesse, die Frage wahrheitsgetreu beantwortet, und zwar von Anfang an. Beginnend mit den ersten undeutlichen Anzeichen von leichtem Unwohlsein, über die zunächst vom Hausarzt falsch gedeuteten Symptome, bis hin zu den verschiedenen Meinungen der Fachärzte, inklusive der mannigfaltigen Therapien, nebst den dazugehörenden Medikamenten.

Die Antwort umfasst also im Normalfall um die 500 Seiten, dabei ist allerdings Band zwei mit den Fortsetzungen noch nicht mit eingerechnet.

Deshalb wird unter Freunden, mit Berücksichtigung auf die möglichen Auswirkungen, die Frage «Wie geht’s?» im Normalfall mit der Frage «Wie geht’s?» beantwortet, worauf man sich gegenseitig mit den arthritischen Händen auf die vom Rheuma geplagten Schultern klopft und jeder sich dabei, für sich selbst, im Stillen, eine Antwort auf die Frage gibt.

Ein schönes, gesundes und friedliches Neues Jahr! Möge uns auch diesmal der Himmel nicht auf den Kopf fallen, liebe Freundinnen und Freunde.

Was heißt hier: Dafür bist du zu alt?

Bedenke mein Sohn: Ich war einmal viel jünger und unbedachter als du und deine Kinder es je gewesen seid. Ich habe bereits Dummheiten gemacht, als ihr alle noch gar nicht auf der Welt wart. Diesen Vorsprung holt ihr nie mehr ein. Nur die Fassade ist etwas verwittert, aber innerlich bin ich derselbe, unverbesserliche Springinsfeld geblieben.

Dafür zu alt bin ich erst, wenn ich mich zu alt dafür fühle.

Der Gartenschreiberling

Von wenigen Ausnahmen abgesehen, zum Beispiel wenn es regnet, verbringe ich meine Zeit in unserem Garten.

In dieser sechstausend Quadratmeter großen «Schreibstube» sprießen meine Ideen, während ich das sprießende Unkraut jäte. Wenn mich wieder ein «Geistesblitz» aus dem meist heiteren Himmel ereilt, lasse ich meinen Spaten, oder was ich sonst gerade in den Händen habe, fallen und zücke mein Handy aus dem Hosensack, um ihn so schnell wie möglich festzuhalten.

Danach setzte ich meine Gartenarbeit fort und reihe, wie auf einer Perlenschnur, die nächsten Gedanken an den ersten. An einem kreativen Tag muss ich deshalb öfters meine Arbeit unterbrechen und abrupt zum Handy greifen. Ich bin ein seltsamer Vogel und kann mir bei meinem Anblick ein Lächeln nicht verkneifen.

Für den uneingeweihten Zuschauer muss es so aussehen, als würde ich bei meinem Tagwerk andauernd von Anrufen unterbrochen. Was meine Frau des Öfteren dazu veranlasst, mich zu fragen, wer mich denn da dauernd anruft. An jenen Tagen, an denen mich die Muse besonders intensiv küsst und ich im Schatten eines Mangobaumes meine Ideen, möglichst schnell einfingrig ins Handy nagle, hat sie schon den Verdacht geäußert, dass ich ein ernsthaftes Internet-Suchtproblem habe, oder noch schlimmer: Eine Affäre!

Wie soll ich ihr erklären, dass jene, die mich so unvermittelt küsst und mich dazu zwingt, alles stehen und liegen zu lassen, um ihr meine ganze Aufmerksamkeit zu schenken, keine Gefahr für meine Treue darstellt?

Am Nachmittag, in der Hängematte, während der Siesta, lese ich nochmals meine geistigen Ergüsse durch und korrigiere sie auf dem Handy. Nicht immer korrekt. Manchmal liegt es am Korrekturprogramm, das klammheimlich meine Worte vertauscht, aber meistens liegt es an mir, weil ich beim Überlesen etwas überlese.

So entstehen die meisten meiner Geschichten, mal abgesehen von dieser, die ich an diesem regnerischen, vierten Advent-Sonntag in der Hängematte verfasst habe.

Keine Weihnachtsgeschichte

Eigentlich bin ich jedes Mal, um diese Jahreszeit ganz froh, keiner Religion anzugehören. Das vereinfacht enorm die Durchführung der Feiertage in unserer Familie. Meine Frau ist katholisch, meine Mutter protestantisch, mein Sohn jüdisch orthodox ebenso wie eine meiner Töchter, die andere ist Atheistin und ich bin Agnostiker. Mit anderen Worten: Es wäre sehr kompliziert, um nicht zu sagen unmöglich, gleichzeitig zusammen zu feiern.

Wenn ich mich für eine bestimmte Religion entscheiden würde, ganz gleich für welche, wäre jemand in der Familie durch meine Entscheidung unweigerlich von den Feierlichkeiten ausgeschlossen. Nicht, weil ich es so wollte, sondern weil es die Religion so will.

Dabei wäre es so einfach, sich einen Gott oder eine Göttin vorzustellen, die multiethnisch, multikulturell und multireligiös ist. Es wäre auch logischer finde ich. Wenn man davon ausgeht, dass diese Gottheit das ganze Universum inklusive aller seiner Bewohnerinnen und Bewohner erschuf. Wenn ich mir diese Schöpfungskraft als Mutter vorstellen würde, die alle Kinder im Universum in allen ihren Welten gebar, so hätte es keinen Sinn, dass sie (mir gefällt die Idee einer weiblichen Gottheit einfach besser) einige ihrer Kinder nur deshalb verstößt, weil sie ihr beim Beten einen anderen Namen geben.

Wie gesagt, ich bin Agnostiker und glaube an keinen persönlichen Gott, trotzdem bin ich davon überzeugt, dass er oder sie in Bezug auf Religionen im Allgemeinen garantiert flexibler wäre, als es durchschnittliche Religiöse sind. Die religiöse Engstirnigkeit kann unmöglich das Merkmal einer perfekten, unfehlbaren Gottheit sein. Es gibt ja tatsächlich Religionen wie die jüdische, die anderen Religionen das Himmelreich nicht verwehrt, wenn sie minimale Anforderungen erfüllen. Siehe dazu die Noachidischen Gebote. Das Christentum ist viel weniger flexibel. Jesus sagt zwar: Ich bin nicht gekommen, um Gerechte zu rufen, sondern Sünder; Markus 2,17. Aber auch: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich; Joh 14,6.

Alle Kinderaugen leuchten genau gleich beim Anblick der brennenden Kerzen, es spielt keine Rolle, ob sie für Nevroz, Pavarana, Divali, Mevlid Kandili, Purim oder Weihnachten angezündet wurden.

In diesem Sinne wünsche ich allen frohe Festtage, was auch immer ihr feiern mögt.

Rebellion

Meine Tochter hört nicht auf mich. Sie macht, was sie will, und schlägt meine Ratschläge einfach in den Wind.

«Wie findest du eigentlich meine Haare Papi, sind sie nicht viel zu lang?»

Ich schaue ihre schönen, langen, braunen Haare an und versichere ihr, dass sie ihr, so wie sie sind, ganz wunderbar stehen.

Am nächsten Tag trägt sie sie kurz und platinblond! Dieses harmlose Beispiel steht für viele. Einige erzeugen bei mir nur ein resigniertes Augenrollen, andere fast eine Herzattacke. Warum macht sie nicht ein einziges Mal was ich ihr sage? Gopf!

Als ich so alt wie sie war, habe ich doch auch … — Halt, stimmt nicht, ich war genauso! Nein, ich war sogar noch schlimmer! Was treibt uns eigentlich zu diesem Rebellendasein in unserer Jugend? Dieses Aufbegehren gegen die Obrigkeit. Dieses an den Grundfesten der Gesellschaft rütteln.

Wenn man jung ist, weiß man einfach alles besser und hat die besten Antworten für eine bessere Welt. Jedenfalls kam es mir damals so vor. Später haben sich viele Lösungen als unausgereifte Hirngespinste erwiesen, die ins Reich der Fantasie gehörten. Danach begann ich zu ahnen, dass es gar nicht mal so schlecht gewesen wäre, sich nicht gegen alle Ratschläge meiner Eltern, mit Händen und Füssen, zu wehren.

Rebellion scheint ein Privileg der Jugend zu sein, genauso wie Reflexion eines der älteren Generation.

Vielleicht braucht es diese jugendliche Rebellion und das Hinterfragen unserer Werte, um die Gesellschaft mit jeder neuen Generation auf diese Weise, auf Herz und Nieren zu prüfen und gegebenenfalls zu erneuern und hoffentlich auch zu verbessern.

Trotzdem bringt mich dieses Gefühl der Überlegenheit und Unfehlbarkeit, das mir manchmal von gewissen Rebellen entgegenschlägt, auf die Palme.

Wenn eine Rebellion ohne handfeste, überzeugende Argumente losgetreten wird, kann ich sie nicht ernst nehmen.

Noch schlimmer sind jene Rebellen, die mit Halbwahrheiten nur so um sich schmeißen, ohne sich zuerst gewissenhaft zu informieren. Rebellen, die nur zerstören, sei es aus simpler Wut und Frustration oder blindem Fanatismus und so eine ganze Gesellschaft ins Chaos zu stürzten drohen.

You know what I mean.

Inklusion

Neulich bekam ich einen Anruf von meinem Redaktor. «Also hör mal Peter, so geht es auf keinen Fall! Der Artikel ist ja so weit in Ordnung, aber die Anrede ‹Liebe Leser› ist ein ‹No Go›. Immer schön gendergerecht bleiben.»

Mein Einwand, dass das blöde Gendern den Lesefluss zerstört und meinen ganzen Schreib-Rhythmus obendrein, stieß bei ihm auf taube Ohren. Auch mein Vorschlag, eine von mir unterschriebene, notariell beglaubigte, eidesstattliche Erklärung zu publizieren, in der ich versichere, dass in meinem Artikel wirklich alle gemeint sind, wenn ich «Leser» schreibe, lehnte er ab. «Korrigier es, Tschüss!»

Ich ging also ernsthaft hinter die Bücher: Liebe Leserinnen und Leser? Diese Anrede erschien mir zu wenig inkludierend, da sie alle anderen nicht mit einbezog. Zum Beispiel jene, die sich nicht in die Schubladen männlich und weiblich einordnen lassen wollen. Eine Aufzählung aller kam aus Platzgründen nicht in Frage. Vielleicht mit einem Neutrum? Hier würde keiner, keine und keines den anderen vorgezogen. Na ja, mal abgesehen von den Kindern. Liebes Leserlein? Halt, woher nehme ich die Arroganz alle als «lieb» zu bezeichnen? Es gibt ja nicht nur liebe Leserlein. Deshalb nur Leserlein. Wobei hier jene diskriminiert werden, denen mein Artikel vorgelesen wird. Demnach: Leserlein und Hörerlein. Manche mögen sich an dieser Anrede stören und sie für infantil halten, oder einwenden, dass diese Anrede nur für Kinder, Liliputaner und Liliputanerinnen, Zwerge und Zwerginnen und Elfen und Elfinnen gilt. Mitnichten; wenn ich mich an Kinder wende, werde ich den Ausdruck «Leserchen und Hörerchen» verwenden. Wenigstens so lange kein Einspruch ihrerseits kommt. Denn nicht jedes Kind fühlt sich als Kind. Gut möglich, dass die Zukunft auch in dieser Hinsicht komplizierter wird, als wir bisher annehmen.

Persönlich halte ich das Ganze für Augenwischerei: Was hat sich denn tatsächlich an der Situation der Frauen geändert? Erhalten sie dadurch den gleichen Lohn? Oder werden Indigene und Farbige jetzt durch die neue Bezeichnung besser behandelt? Oder sonst irgendeine Randgruppe?

Wenn mich jemand Brüderchen nennt, heißt dies noch lange nicht, dass er oder sie mich auch brüderlich behandelt. Dasselbe gilt für die Bezeichnung Genossen und Genossinnen. Dies klingt zwar nach Gleichstellung, ist aber in der Praxis weit davon entfernt. Wieder einmal wird eine Ungerechtigkeit auf dem Papier korrigiert, um sie in der Realität nicht zu korrigieren. Denn dies wäre komplizierter und würde ein Umdenken und dementsprechendes Handeln erfordern. Deshalb hängt man lieber neue Etiketten an, anstatt sich um den Inhalt zu kümmern. Als ob die Bezeichnung Kind oder Frau irgendeine Garantie für ihre Rechte beinhaltet.

Wirkliche Inklusion findet in den Köpfen statt. Wirkliche Inklusion trennt nicht. Wirkliche Inklusion bedeutet, dass die Bezeichnung keine Rolle spielen darf, um die Inklusion aller zu garantieren.

Mit Wehmut denke ich an die Zeit zurück, als die Leser noch lesende Menschen waren und sich auch als solche verstanden, ganz gleich welche Gender-Zugehörigkeit sie hatten. Sie auch?

Die Zeit, die uns fehlt

Das Jahr neigt sich dem Ende zu, was man nicht mehr erledigen konnte, muss aufs nächste Jahr verschoben werden. Wo ist sie eigentlich hin, die Zeit, die uns fehlte? Trotz Wochenplaner, Agenda und zeitsparenden Hilfsmitteln aller Art hat es wieder nicht ganz gereicht, das zu tun, was man sich so sehr vorgenommen hatte. Man hat sich doch wirklich alle Mühe gegeben, sie nicht zu vergeuden, und sie eingespart, wo es nur ging. Trotzdem ist die Zeit unaufhaltsam durch die Finger gerieselt, noch schneller als im vergangenen Jahr.

Wo ist sie hin, während wir alles Mögliche versuchten, um sie wohlorganisiert und gut strukturiert, möglichst effizient und optimal zu nutzen?

Zeit ist nicht Geld. Im Gegensatz zum Geld, das sich vermehrt, wenn man sparsam mit ihm umgeht, verhält es sich mit der Zeit gerade umgekehrt: Wer mit ihr knausert, hat immer weniger. Wer sie in immer kleinere Einheiten zerstückelt, um sie zu nutzen, zerstört sie. Wer ihr nachjagt, wird sie nie besitzen.

Meine bolivianischen Freunde würden nicht schlecht staunen, wenn ich ihnen am Telefon mitteilte, dass ich kurz in meiner Agenda nachschauen müsse, ob ich nächsten Monat etwas Zeit für einen Besuch von ihnen hätte. Wer sich die Zeit nicht nimmt, der nimmt sie sich weg.

Die Zeit ist keine Uhr, die sie mit ihren Zeigern wie eine Torte zerteilt. Die Zeit, die uns fehlt, haben wir uns selbst weggenommen. Die Zeit, die wir uns nehmen, um sie möglichst angenehm in guter Gesellschaft oder allein zu verbringen, vermehrt sich auf wunderbare Weise, je mehr wir uns davon nehmen.

Wer immer behauptet, dass er keine Zeit habe, ist eigentlich schon tot. Denn nur die Toten haben keine Zeit mehr, um zu leben.

Deshalb mein Vorschlag für das kommende Jahr: Schauen wir etwas weniger auf die Uhr, damit wir etwas mehr von unserer Zeit haben.

Frohe Feiertage aus Bolivien!

Bolivien, eine andere Realität

Wenn ich mit meiner Frau auf der «Plaza 24 de Septiembre» gemütlich auf einer Bank sitze und vorsichtig am unglaublich heißen Kaffee schlürfe, den die ambulanten Verkäufer in weißer Livree servieren, machen wir manchmal ein Spiel. Gewohnheiten legt man nicht so schnell ab, auch im Ausland nicht. Daran erkennt man die Touristen auf der ganzen Welt.

Es gibt so etwas wie eine «Berufskleidung» für Touristen. Will man vielleicht den Eingeborenen mit seinem exotischen Outfit mitteilen, dass man zur privilegierten Gruppe der kaufkräftigen Weltenbummler gehört, die gerne den doppelten oder dreifachen Preis bezahlen? Wer mit robusten Bergschuhen und Wollsocken im kakifarbenen Expeditionsanzug lässig über die Palmenbestückte Plaza schlendert, die sich in Santa Cruz de la Sierra auf schwindelerregenden vierhundert 400 (!) Metern über Meer befindet, darf sich der vollen Aufmerksamkeit der Einheimischen gewiss sein. Warum macht man so etwas? Ich besuche doch auch nicht den Pilatus im Winter (2128 m) in Sandalen, Bermudas und kurzärmligen Hawaii-Hemd.

Wir sitzen also auf der Park Bank und versuchen zu erraten, aus welchem Land die Verkleidungen stammen, mit denen die Touris an uns vorbei flanieren. Schrille Farben deuten entweder auf Gringos aus Nordamerika oder Brasilien hin. Grau, Braun und Beige stehen für Deutschland, Österreich und die Schweiz. Rasta Locken, Tattoos und Kleider, die so aussehen, als seien sie aus einem Asyl für Landstreicher geklaut worden, eher auf argentinische Hippies.

Wer in einem Land wie Bolivien die Aufmerksamkeit auf sich zieht, sollte wissen, dass dies nicht ungefährlich ist. Diebe haben einen geübten Blick für Träger von begehrten Wertgegenständen. Wer sein iPhone 13 locker in der hinteren Gesäßtasche trägt, trägt es höchstwahrscheinlich nicht mehr lange mit sich herum.

Um Stress in den Ferien zu vermeiden, sollte man sich nicht bereits aus hundert Metern Entfernung als Tourist zu erkennen geben.

Bolivien produziert qualitativ hochwertige Kleider zu Preisen, von denen man in der Schweiz nur träumen kann. Auch Schuhe in guter Qualität sind hier sehr preiswert.

Die besten Preise findet man auf den Großmärkten wo auch die Einheimischen einkaufen. Wer sich in bequemer Alltagskleidung auf die Straße begibt, kann das bunte Gewimmel genauso genießen. Wer sich außerdem noch die Mühe nimmt hinzuhören, wie die Menschen auf der Straße reden und sich verhalten, beispielsweise wenn sie nach den Preisen fragen, kann dabei sehr viel Nützliches lernen.

Man sollte seinen Rhythmus anpassen, wer durch die Straßen hetzt fällt auf und sieht viel weniger. Außerdem kommt man in Bolivien sowieso immer zu früh zu einer Verabredung, weil alle anderen zu spät kommen. Auf allen Reisen in Bolivien sollte man grundsätzlich mit Pannen und Verzögerungen rechnen. Die Straßen sind teilweise in einem jämmerlichen Zustand, und die Fahrzeuge werden sehr schlecht gewartet. Sollte man trotzdem durchkommen, ohne einen Platten einzufangen, wird der Verkehr sicher von einer Protestkundgebung inklusive Straßen-Blockade unterbrochen.

Die beste Einstellung für solche Vorkommnisse in Bolivien, ist, sich bewusst zu machen, dass Fluchen und Ausrufen die Situation auch nicht verbessert. Im Gegenteil, als Tourist hat man zwar ein paar Sympathie-Punkte, die man aber nicht leichtsinnig aufs Spiel setzen sollte, denn unterm Strich ist man hauptberuflich Ausländer und als solcher sollte man es geflissentlich vermeiden, den Eingeborenen beibringen zu wollen, wie man es richtig macht.

Verspätungen werden in Bolivien nicht in Minuten gezählt. Eine Verspätung gilt erst als solche nach Ablauf von mindestens vierundzwanzig Stunden, vorher redet man von einer kleinen Verzögerung. Trotzdem ist Bolivien ganz sicher eine Reise wert, oder vielleicht gerade deswegen. Weil dieses Land den Beweis liefert, dass man auch ohne schweizerische Perfektion und Pünktlichkeit über die Runden kommt. Eines ist sicher: Landschaftlich bietet Bolivien eine unglaubliche Vielfalt von spektakulären Orten, die zum Teil touristisch noch kaum richtig erschlossen sind.

Fragen sie keinen Polizisten in Santa Cruz nach dem Weg, die meisten kommen aus dem Hochland und kennen Santa Cruz de la Sierra schlechter als jeder japanische Tourist mit Stadtplan. Dies gilt auch für viele Taxifahrer, fragen sie deshalb zuerst nach, ob er die Adresse kennt, und bevor sie einsteigen, nach dem Preis. Die Taxis haben keine Taxameter. Besser und günstiger ist «in Driver» oder «Uber».

¡Hasta pronto en Bolivia!

Die Trauminsel

Seit meiner Geburt, vor zweiundsechzig Jahren, gilt die Trauminsel als Vorbild und Ziel, der Verwirklichung sozialistischer Träume auf Erden.

Als in den siebziger Jahren die Sozialisten und Kommunisten vor der Diktatur Pinochet aus Chile fliehen mussten, wählten sie erstaunlicherweise nicht Kuba oder die ehemalige Sowjetunion als Zufluchtsort, sondern die erzkapitalistische Schweiz. Am Stammtisch konnten dann die politischen Flüchtlinge nach Herzenslust über die kapitalistische «Schweine-Schweizer-Regierung» herziehen, ohne Repressalien zu befürchten wie in Kuba oder der Sowjetunion, wenn sie dort das Regime kritisiert hätten.

Offenbar waren sie klug genug, ihren sozialistischen Wunschtraum nicht mit der Realität zu verwechseln und zogen es deshalb vor, den Sozialismus und den Kommunismus wohlgenährt und gut versorgt in der Schweiz zu verkünden. Überhaupt ist die Hochburg des Kapitalismus bei den Kommunisten und Sozialisten sehr beliebt, wenn es darum geht, ihr Kapital sicher aufbewahrt zu wissen.

Als 2019 Morales beim Wahlbetrug von der OEA und Europäischen Wahlbeobachtern ertappt wurde, floh er nach seinem Rücktritt nicht etwa nach Kuba oder Venezuela, seinen ideologischen Vorbildern. Nein, auch er kannte den Unterschied zwischen seiner Predigt vom gelobten Land Kuba und der kruden Wirklichkeit dort. Deshalb holte ihn ein mexikanisches Militär Flugzeug aus seinem Koka-Reich im Chapare ab.

Die linken Propheten wollen ihre Länder in ein zweites Kuba verwandeln, aber keiner will dorthin ins Exil, wenn der Plan misslingt.

Die sozialistische Diktatur Kubas und die Diktatur Venezuelas sind in der Realität abschreckende Beispiele für ein total misslungenes ideologisches Projekt. Zwei Millionen Kubaner zogen es vor, der Trauminsel den Rücken zu kehren, und leben im Ausland. Drei Millionen Menschen sind aus Venezuela geflohen. Die Bilder der abgemagerten Venezolaner sind noch frisch.

Kubaner, denen es gelang aus dem sozialistischen «Paradies» zu fliehen, malen ein ganz anderes Bild von der Trauminsel als es Morales und derzeitige Präsident Luis Arce Catacora tun. Deshalb wehrt sich die Bevölkerung von Bolivien mit einem Generalstreik gegen die erklärte Absicht von Catacora, Bolivien in ein zweites Kuba zu verwandeln.

Es ist alles andere als leicht, in der derzeitigen, sehr schwierigen Situation, auf die Straße zu gehen und zu riskieren, festgenommen und eingesperrt zu werden, mal davon abgesehen, dass jeder Streiktag weniger Geld bedeutet.

Trotz Covid-19 und Wirtschaftskrise protestieren die Menschen in Bolivien mit einem unbefristeten Generalstreik, in der Gewissheit, dass Freiheit und Demokratie verloren gehen, wenn man für sie nicht kämpft.

Selbstgespräch

Der Abend endete mit einem totalen Absturz. Es war der 1. Juni 1975. Wir feierten den ganzen Sonntag, ohne bestimmten Grund, bis alle komplett zugedröhnt waren. Irgendwann zerstob die Gruppe in alle Windrichtungen.

Ich setzte mich an jenem heißen Sommerabend allein ans Rheinufer und starrte, betrübt auf die Lichtreflexe, die von der Straßenbeleuchtung am anderen Ufer auf die Wellen geworfen wurden. Ich weiß nicht mehr, ob der Grund für meine finsteren Gedanken ein schlechter Trip war oder ein allgemeines Gefühl der Sinnlosigkeit meines Lebens. Ich fühlte mich ausgeschlossen von diesem perfekt funktionierenden Räderwerk, in dem es anscheinend keinen Platz für solche wie mich gab.

Unsichtbare glühende Schnüre brannten sich in meine Haut. Der Schmerz war unerträglich. Plötzlich schienen mir die glitzernden Wellen der einzige Ausweg. Sie versprachen mir Linderung von meinem Weltschmerz. Ich wollte mich mit ihrer angenehmen Kühle bedecken, in ihrer Schwärze versinken und für immer schlafen.

Eine Stimme hinter mir ließ mich vor Schreck zusammenfahren. «Tu es nicht!»

Aus den Augenwinkeln nahm ich die Gestalt eines alten Mannes wahr. Sein Gesicht war vom Mondschatten verdeckt.

«Wer sind Sie?», Fragte ich mit vor Angst zitternder Stimme.

Aus dem Schatten hallte die raue Stimme des Alten: «Ich bin sozusagen dein Alter Ego».

Ich glotzte ihn nur verständnislos an: «Was für ein alter Egon? Ich kenne keinen Egon.»

Er schnaufte resigniert:

«Vergiss es. Ich bin ein guter Freund deines Vaters, er macht sich große Sorgen um dich.»

Verdutzt schaute ich in die Dunkelheit und versuchte vergeblich seine Gesichtszüge zu erkennen.

Mein Vater war nach der Scheidung praktisch vollständig aus meinem Leben verschwunden. Umso mehr erstaunte mich sein angebliches Interesse an mir.

«Ich glaube Ihnen kein Wort!»

Der Schatten räusperte sich: «Ich weiß. Hör mir einfach nur zu und entscheide dann selbst. Du bist niedergeschlagen und außerdem total bekifft, aber es ist sehr wichtig, dass du mir deine volle Aufmerksamkeit schenkst. Du wirst deine Matura erfolgreich abschließen und danach Kybernetik studieren. — Hast du verstanden?»

Kybernetik? Ich hatte das Wort noch nie zuvor gehört und hob nur fragend die Augenbrauen.

Der Alte machte mit der Hand eine verächtliche Geste: «Ich habe jetzt keine Zeit, dir alles zu erklären. Merke dir einfach den Begriff Kybernetik und nimm es als Studienfach, alles andere wird sich ergeben. Du wirst sehr erfolgreich sein, du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr. Eines Tages wirst du Professor an der Universität sein und … — Ach, das spielt jetzt keine Rolle, aber du wirst schon sehen. Hier nimm, und bewahre ihn gut auf, bis du wissen wirst, was du damit tun musst!»

Er streckte mir ein abgerissenes Kalenderblatt entgegen, zückte aber sofort ängstlich seine Hand zurück, so als fürchte er sich vor einer Berührung, und ließ es vor mir zu Boden fallen.

Ich hob es auf und wollte ihn gerade fragen, was ich damit machen sollte, da war er auch schon spurlos verschwunden, so als hätte er sich in Luft aufgelöst.

Nach dieser seltsamen Begegnung habe ich tatsächlich mein Leben geändert. Studierte an der Uni Basel, Kybernetik und später angewandte Physik, bis zu meiner Erfindung.

Dank meiner Erfindung wurde mir dann auch allmählich klar, was ich mit dem Kalenderblatt des Alten machen musste und wer er in Wirklichkeit war.

Auf dem Blatt stand: SONNTAG, 1. JUNI 1975.

Heiße statt weiße Weihnachten

Stellen Sie sich einmal vor, dass während Sie gerade die Geschenke unter dem hell erleuchteten Weihnachtsbaum platzieren, den sie mit viel Liebe und Sorgfalt mit farbigen Christbaumkugeln schmückten, aus der Nachbarschaft die besinnliche Stille abrupt von Böllerschüssen zerrissen wird.

Erstaunt fragen Sie sich, ob der Nachbar vom Wahnsinn erfasst, gerade mit seiner Schrotflinte Amok läuft, oder gar ein Bürgerkrieg ausgebrochen ist.

Weihnachten in Bolivien ist nicht nur wegen der Böllerschüsse und den fehlenden Schneeflocken anders. Die ganze Atmosphäre atmet viel mehr Silvesterluft als kontemplative Weihnachts-Stimmung, speziell hier in Santa Cruz.

Die hochsommerliche Schwüle wird öfters durch heftige Wolkenbrüche unterbrochen, aber die Abkühlung ist nur von kurzer Dauer. Kaum brennt sich die Sommersonne erneut ihren Weg durch die Wolken, drückt die feuchte Hitze unbarmherzig auf die unter ihr stöhnenden und hechelnden Wesen.

Ausgelassenheit statt Beschaulichkeit ist deshalb das Motto. So feiert man mit Böllerschüssen die Geburt des Christkinds und dem traditionellen gefüllten, knusprigen Weihnachts-Schwein aus dem Ofen. Die Palmen auf der Plaza tragen Lichterketten und kunterbunte Weihnachtsbäume stehen schon seit Längerem überall herum, um die Menschen vergeblich daran zu erinnern, die obligatorischen Geschenke nicht wieder am allerletzten Tag einzukaufen. Das normale Chaos der Stadt verwandelt sich, wie jedes Jahr, in ein Weihnachts-Einkaufs-Chaos.

Eltern hetzen durch die Auslagen der Märkte und sind dabei bemüht, nebst den Kindern, nicht auch noch ihren Verstand im Gedränge zu verlieren. Wer diesen alljährlichen Wahnsinn unbeschadet übersteht, den bringt nichts mehr so leicht aus der Ruhe.

Womit ich mein Stichwort für das Ende gefunden habe:

Ich wünsche euch ruhige und besinnliche Feiertage.

Der Kapitän

Es war einmal ein Kapitän, der enterte mit seiner Mannschaft ein Schiff voller Schätze. Es war ein starrköpfiger Kapitän, der, obwohl die Vorräte immer knapper wurden, seinen Kurs nicht änderte. Mit der Zeit wurde seine Mannschaft unzufrieden und jene, die konnten, verließen das Schiff. Die Balken wurden immer morscher und das Essen immer knapper, aber der Kapitän hielt noch immer den gleichen Kurs. Als das Schiff dann eines Tages an den Klippen zerschellte, bestieg der Kapitän zusammen mit seinen Schätzen ein Rettungsboot und brachte sich in Sicherheit, bevor das Schiff kenterte und die Mannschaft jämmerlich ertrank.