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Anna Alrutz ist ein beliebiges blondes Mädchen, wie sie selbst findet. Als älteste Tochter einer wohlhabenden Familie verbringt sie glückliche Sommer im kleinen Kurort Salzgitter. Hier zankt sie sich mit ihrem Bruder Willi, streift mit ihrer besten Freundin Helene durch die Wälder, trifft ihre erste große Liebe. Dass Anna sich schon früh für den Nationalsozialismus begeistert, können die liberalen Eltern nicht verhindern. Auch nicht, dass sie ihr Medizinstudium abbricht und eine »NS-Schwester« wird. An der Universitätsklinik Göttingen praktiziert sie, was Hitler per Gesetz angeordnet hat: die Zwangssterilisation »erbkranker« Frauen und Männer. Anna meint, das Richtige zu tun. Doch als sie sich in den französischen Medizinstudenten Thierry verliebt, und Helene in die Klinik eingeliefert wird, gerät ihre Überzeugung ins Wanken. Sie schließt sich einer Gruppe an, die Patientinnen zur Flucht verhilft, und muss bald eine folgenschwere Entscheidung treffen. Meine langen Nächte ist die Geschichte einer ideologischen Verirrung, aber auch eine Geschichte des Mitgefühls und der späten Einsicht: die anrührende literarische Lebensbeichte einer jungen Frau.
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Seitenzahl: 373
Veröffentlichungsjahr: 2023
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R[abbi] Elieser sagte: Tue Buße einen Tag vor deinem Tode. Die Schüler sprachen zu R. Elieser: Weiß denn der Mensch, an welchem Tage er sterben wird? Dieser erwiderte: Um so mehr muß er heute Buße tun, vielleicht stirbt er morgen; es ergibt sich also, daß er alle seine Tage in Buße verbringt.
Die Erzählungen des Talmuds
denn ich arbeite.
Der Nachtdienst entlässt dich an der Schwelle zur Dämmerung mit dicken Füßen und dunklen Augenringen. Dann fällt, wie immer in den frühen Morgenstunden, ein rosafarbenes Licht in die Krankensäle, Greta löst mich ab und ich wanke in mein Zimmer im dritten Stock, eine ausgebrannte Kerze. Meine Nächte sind jedoch noch aus einem anderen Grund lang. Wenn du fürchtest, entdeckt zu werden, steht die Zeit still. Die Angst breitet sich auf der ganzen Haut aus wie eine Krankheit und juckt, sie lässt deine Schritte zögerlich werden, lässt dich überall in der Dunkelheit Spitzel sehen, lässt dich zittern vor den Wachen am Eingang.
Ich hieß Anna Alrutz, Dienstnummer 271207, was zugleich mein Geburtsdatum ist. So hieß ich und so heiße ich wohl noch immer, in dieser Art Halbschatten ohne Raum und Zeit. Ich bin eine braune Schwester, eine der neuen, speziell ausgebildeten Krankenschwestern, die sich die Nationalsozialisten ausgedacht haben. Eine dieser Schwestern, die berauscht waren von dem, was sie über das lebenswerte Leben eines gesunden Kindes und das lebensunwerte eines Krüppels gelesen und gehört haben. Die Patientinnen kannten mich. Ich war nicht weiß gekleidet wie die anderen und sie wussten, warum. Meine Schwesterntracht war eine Uniform aus braunem Leinen mit einer schneeweißen Schürze, die ich jeden Tag wusch, und einer mit einem Band verzierten Haube, die ich nun nicht mehr trage. Ich verdiente hundertzwanzig Reichsmark im Monat, die anderen Schwestern gerade mal vierzig. Wenn ich etwas in die Akten der Patientinnen notierte, machte ich nie Rechtschreibfehler. Mein Vater hatte es mir ermöglicht, ein Mädchengymnasium zu besuchen und Medizin zu studieren. Und nach knapp drei Jahren hatte ich alles über Bord geworfen und mich den braunen Schwestern angeschlossen. Als ich die Uniform zum ersten Mal anlegte, kamen mir die Tränen. Endlich hatte ich einen Lebenszweck gefunden, die Treue zum Führer und zur neuen Nation, die mit meiner Hilfe erblühen sollte. Die Entscheidung war nach einem Jahr Traurigkeit gefallen. Die Krankheit meiner Schwester Hedwin, die Auseinandersetzungen mit Papa, die Schwierigkeiten im Studium. Die braune Uniform war wie eine Mönchskutte – sie stand für die Verpflichtung und das Recht, mich der neuen Aufgabe vollständig hinzugeben.
Ich war noch keine dreißig Jahre alt, als ich starb, in einer Dezembernacht. Graupel fiel aus bleiernen Wolken in den Schneematsch am Boden. Und wenn ich mich jetzt, nach all diesen Jahren, umschaue, erkenne ich die Klinik, in der ich gearbeitet habe, kaum noch wieder. Ich sehe die Wöchnerinnen nicht mehr, weiß nicht, wo die Wickelkinder sind oder die anderen Schwestern: Greta, Wilhelmine, Frida … die Ärzte, der Hausmeister Moritz. Wo sind sie, wo verstecken sie sich? Nichts ist mehr wie zuvor. Im Hörsaal stand ein Sektionstisch aus weißem Marmor, den ich jeden Morgen gründlich schrubbte. Wo wurde der wohl hingebracht? In dem Gebäude neben der Klinik, wo sich der Raum für die Sterilisationen befand, sind jetzt viele kleine Büros, in denen die Angestellten der Universität von früh bis spät arbeiten. Die Sauerkirsche im Hof hat man herausgerissen. Sie, die auch während des Krieges unverdrossen jeden Mai blühte. Alles hat sich verändert, und auch ich habe mich verändert. Einmal habe ich in diesem seltsamen Halbschatten meines Daseins versucht, nach meinen Beinen und Füßen zu sehen. Doch ich existiere nicht mehr, damit muss ich mich abfinden. Habe kein Gewicht mehr und keinen Körper. Meine sterblichen Überreste wurden im Grab der Familie Alrutz auf dem reformierten Friedhof von Braunschweig beigesetzt, neben meinem Großvater Anton und seiner Frau Lise. Etwas weiter hinten liegt meine Schwester Hedwin. Ich aber bin ein Lufthauch in einem Zwischenraum. Kann mir jemand sagen, warum ich mich hier verfangen habe? Zur Strafe, als Herausforderung, ist es ein Spiel? Vielleicht ist es die Rache jenes Gottes, den ich im Leben so gekonnt ignoriert habe?
Manchmal packt mich ein eiskalter Wind und wirft mich mit Gewalt zurück. Situationen und Personen tauchen in willkürlicher Abfolge aus der Vergangenheit auf, oft ohne logischen Zusammenhang. Ich sehe die Szenen dutzende Male, und dutzende Male nehme ich immer wieder dieselben Einzelheiten wahr – wozu dient diese seltsame Übung?
Ich weiß bis heute nicht, ob meine so tugendhafte wie vergebliche Auflehnung gegen den Irrsinn des Führers wirklich als Verdienst gelten kann. Hätte ich Frida und Thierry nicht kennengelernt, zwei Leichtsinnige, zwei Tatmenschen, dann hätte ich vielleicht weitere zehn, zwanzig Jahre sterilisiert, registriert und archiviert. Ja, im Vergleich zu ihnen war ich eine ziemlich lausige Verschwörerin. Eine, die jede Nacht vor Angst zitterte. Auch in der Nacht, in der ich umkam.
Am 6. Dezember 1935. Nikolaus.
Ich war noch keine dreißig Jahre alt. Schneematsch, Graupel und die Kälte, die einem in die Knochen kroch.
Eins
Zwei
Drei
Vier
Fünf
Sechs
Sieben
Acht
Neun
Zehn
Elf
Zwölf
Dreizehn
Vierzehn
Fünfzehn
Sechzehn
Siebzehn
Achtzehn
Neunzehn
Epilog
Frida wirkte aufgeregt, als wir uns bei meiner Ankunft in Göttingen kennenlernten.
Auf dem Bahnhofsvorplatz stand ein Wagen für mich bereit. Sie hatte sich daneben aufgebaut, die Arme eng an den Körper gelegt, fast in Hab-Acht-Stellung. Am Steuer saß Moritz, der Hausmeister. »Der Herr Doktor erwartet Sie schon«, verkündete sie und schenkte mir das strahlende Lächeln eines kleinen Mädchens, das gleich ein Geschenk auspacken darf. Sie war so mager, dass ihre Knochen herausstanden, und die weiße Schwesterntracht war um ihren Körper gewickelt wie ein Verband um eine Verletzung. Durch den Rückspiegel musterte sie verstohlen meine Uniform und wählte jedes Wort, das sie sagte, mit Bedacht. Sie erzählte mir, dass dies die modernste Frauenklinik in ganz Deutschland sei und dass es in den letzten Jahren kaum noch zu Todesfällen während der Geburt gekommen sei. Sie teilte mir auch mit, dass ich ein Zimmer ganz für mich allein haben würde. Ich nickte nur, stellte keine Fragen.
Die Szene meiner Ankunft in Göttingen habe ich dutzende Male wieder erlebt. Jedes Mal rieche ich das herbe Rasierwasser von Moritz, das den ganzen Wagen erfüllt. Jedes Mal sitze ich neben der jungen Frau, die ich damals war, und beobachte sie. Die hellen Augen und die Haarsträhne, die dann und wann unter der Haube hervordrängte. Ich möchte sie berühren, ihr über den Kopf streichen. Sie stärken und auf das vorbereiten, was sie in den folgenden zweieinhalb Jahren bis zu ihrem – meinem – Tod erleben würde. »Eine echte Arierin!«, sagte die Meinhardt immer, wenn sie mir den Kragen der Uniform richtete. Moritz biegt nach links in den Kirchweg ein, und ich lege die Hand, die ich nicht mehr habe, auf Fridas hagere Schulter. Sie dreht sich zum Fenster und kurbelt es hoch. Ich bin nur noch ein eisiger Lufthauch, nichts weiter.
Die ganze Fahrt über dachte ich an den Moment, in dem ich Professor Hartmann wiedersehen würde, meinen Mentor, mein Vorbild. Seinetwegen hatte ich mich entschlossen, nach Göttingen zurückzukehren, obwohl mein Studium genau dort kläglich gescheitert war. »Fein, ich freue mich, dass sich unsere Wege erneut kreuzen«, würde er später zu mir sagen, »Sie waren eine ausgezeichnete Studentin und werden eine genauso ausgezeichnete Krankenschwester sein, da bin ich sicher. Man wird Ihnen mit Respekt begegnen, aber sie werden anfangs doppelt so viel leisten müssen. Sie werden die Hebammen instruieren und sich um die neue Aufgabenzuweisung kümmern. Frau Meinhardt hat sehr gut von Ihnen gesprochen. Das Land braucht genau solche Frauen wie Sie!« Er würde sich erheben und mir die Hand schütteln. »Große Veränderungen sind im Gange«, würde er dann zögerlich hinzufügen. Die Hand schon auf der Türklinke, würde er schließlich flüstern: »Es ist schwierig vorherzusagen, wie die Dinge sich in den kommenden Monaten entwickeln. Ich hätte da ein paar Pläne für die Klinik … aber ich will mich nicht lange auslassen, wir werden noch Gelegenheit haben, darüber zu sprechen.«
Die Pläne. Der Inhalt des Rundschreibens über das »Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses« vom 14. Juli 1933 wurde mir an einem schwülen Spätsommernachmittag halbamtlich mitgeteilt. Es war ein Freitag, und als ich nach dem Abendbrot in mein Zimmer kam, fand ich dort eine kurze Nachricht von Hartmann vor, der mich noch am selben Abend zu sich in die kleine, an die Klinik grenzende Villa bestellte. Das war ungewöhnlich, vielleicht etwas Dringendes. Mit dem Zettel in der Tasche lief ich durch den verglasten Gang, der das Wohnhaus mit der Klinik verband, und drückte schüchtern den Klingelknopf. Hartmann selbst öffnete mir im Hausanzug die Tür und gab mir die Hand. Auf dem Tisch lag eine Kopie des Rundschreibens mit unzähligen Unterstreichungen. Er erläuterte mir, dass wir eine Vorgehensweise entwickeln, mit den Krankenschwestern sprechen und, falls nötig, diejenigen entlassen müssten, die sich nicht führen ließen. Gelder seien ausreichend vorhanden. Wir würden den Kreißsaal und das Auditorium maximum vergrößern. »Und auch den Raum für die Sterilisationen – ganz normale Eingriffe, wie Sie wissen.« Kein Schild, kein Hinweis, saubere Arbeit. »Hier, lesen Sie, verstehen Sie, was Gütt meint? Die Sterilisation ist eine Tat der Nächstenliebe. Und der Vorsorge für die kommenden Generationen. Um den Volkskörper von Kranken und Asozialen zu reinigen.« Der Führer habe große Pläne für Deutschland, sagte er.
Wieder passiert es, schau. Ich werde vom Wind erfasst und nach oben gezogen, über die Kastanienallee hinauf Richtung Wolken, hin zu einem matten, trüben Licht. Nicht ich entscheide, wann der Vorhang sich schließt, und auch nicht, wann er sich öffnet. Inzwischen überlasse ich mich den Übungen widerstandslos. Der Wind, der mich aufwirbelt, mich fortreißt und in die Bruchteile des vergangenen Lebens fallen lässt, ist stärker und mächtiger als ich kleiner Lufthauch. Ihm standhalten zu wollen, wäre ein aussichtloses Unterfangen.
Ohne Vorwarnung falle ich hinunter. Ich finde mich an einem warmen Ort wieder, in einer Wiege unter einem Berg aus Decken. Ich höre die Melodie der Spieluhr, alles ist verschwommen, bis über mir ein engelsgleiches Gesicht auftaucht. Es ist meine Mutter, meine gerade zwanzigjährige Mutter, die sich vergewissert, dass ihre Erstgeborene wirklich so gesund ist, wie die Ärzte sagen. Die Krankheit, die auf ihrer Lunge liegt, hat sich nicht vererbt: Ich wirke kerngesund und lächle sie voller Liebe an. Sie schaut mich an, und ich möchte jetzt schon so schön sein wie sie, ihre großen dunklen Augen und ihre strahlend helle Haut haben. Mama! Aus ihrem Kragen lugt ein Anhänger hervor, ein kleines Herz aus Bernstein, in das, wie ich später erkennen werde, die Initialen von ihr und meinem Vater eingraviert sind: E für Elisabeth und J für Johann. Blitzschnell greife ich nach dem Anhänger, umklammere ihn mit der rechten Hand und ziehe ihn mit der ganzen Kraft meines kleinen Körpers zu mir. Meiner! Die Kette reißt, und vor Freude jauchzend stecke ich meine Hand mit dem Bernsteinherz in den Mund. Meine Mutter schafft es gerade so, es aus meinen Fingern zu lösen. Sie nimmt mich auf den Arm. »Wolltest du mein Herz verspeisen?«, fragt sie und geht mit mir ans Fenster. »Aber mein Herz gehört dir doch schon! Es gehört dir ganz und gar, meine kleine Königin!« Ich höre Schritte, nehme das Rasierwasser meines Vaters wahr. Meine Mutter dreht sich um, und ich sehe ihn. Es ist Sonntagmorgen, die Sonne flutet das Zimmer und es duftet nach Blumen. Ich bin vielleicht sechs oder sieben Monate alt, und mir gehört zwar nicht das winzige Herz aus Bernstein, aber die fürsorgliche Liebe meiner Eltern. Ich bin eine kleine, aber unumstrittene Königin. Ich drücke mich an meine Mutter, und sie küsst mir die kleinen räuberischen Hände.
Einige Zeit später sehe ich das Kinderfräulein Gentiane, das vorsichtig die Tür öffnet und mich zu sich winkt. »Die Mama ist zurück, Anna«, sagt sie, »sei schön leise, schauen wir mal, wie’s ihr geht.« Ich springe auf und bin mit einem Satz im Flur. Als sie die Haustür hinter sich geschlossen haben, war meine Mutter aufgebläht wie ein Hefekloß, jetzt liegt sie blass und eingefallen auf dem Sofa, neben sich eine weiße Wiege. Eine neue Puppe, denke ich und gehe zu dem kleinen Möbel. Aber die Puppe bewegt sich, zieht die Nase kraus, greift nach dem Deckchen und strampelt. Es ist Hedwin, meine Schwester, es ist der Juli des Jahres 1910 und ich begreife, dass es ab sofort zwei Königinnen geben wird, eine gesunde und eine kranke, eine stark, die andere schwach. Mama schaut zu mir, deutet ein Lächeln an und schon weiß ich, dass ich sie verloren habe. Hedwin wird ihre Gedanken beherrschen, die kranke, die blasse und magere Hedwin. Ich werde schon allein zurechtkommen. Das Kinderfräulein bringt mich hinaus.
Ein paar Jahre später waren wir vollzählig. Willis Geburt durchkreuzte unsere Pläne nicht. Mitte Juni waren wir schon in Salzgitter, dem Kurort im Harzvorland, wo wir immer die Sommerferien verbrachten. Mein Vater notierte für den 12. Mai 1912: »Geburt von Wilhelm Anton, 4030 Gramm, Lunge und Herz kräftig, (allzu) regelmäßiger Appetit.« Willi kam mit einem unstillbaren Hunger zur Welt, ihn anzulegen war kräftezehrend, er trank und trank. Die Milch meiner Mutter reichte nicht aus, und wir mussten im Ort eine Amme suchen. Willi wuchs heran und verschlang dabei zwei Frauen: Meine Mutter wurde immerfort ohnmächtig und die junge Amme magerte zusehends ab. Um ihr den Fußweg zu ersparen, bestellte mein Vater immer eine Kutsche. Der Apotheker Sievers kam persönlich vorbei, um den Wöchnerinnen ein Stärkungsmittel zu bringen. Er setzte die Brille auf und las vor, was auf dem Etikett stand: Schafgarbe, Hagedorn, rote Beeren und Spitzwegerichblätter. Eines Tages, als ich gerade mit Hedwin auf der Veranda spielte, hörte ich Sievers’ Wagen heranfahren. Neben dem Apotheker stieg ein jüngerer Mann in einem weißen Hemd aus, dessen blonder Haarschopf in der Sonne leuchtete. Er fragte nach dem Gesundheitszustand meiner Mutter und überbrachte mit leiser, näselnder Stimme Grüße von seiner Frau. Ich hatte ihn schon einmal in unserem Haus gesehen, aber an jenem Tag kam er zu mir und strich mir über die Haare: »Das muss die Anna sein, nicht wahr? Wie groß du geworden bist … Du bist eine richtige Prinzessin geworden.« Er erschien mir wie ein einzigartiges Geschöpf, anders als alle anderen, ein weißer Vogel, vielleicht ein Schwan. Mein Vater sah mich an und sagte: »Anna, so antworte dem Herrn Pastor doch.« »Ich heiße Anna, bin vier Jahre alt und wohne nur im Sommer hier«, sagte ich und machte dabei einen Knicks, wie man es mir beigebracht hatte. Heinrich, so hieß er, lächelte mich an. »Hallo, kleine Anna, ich bin Heinrich Rudinski, der Pastor, und wohne das ganze Jahr über hier«, gab er unter dem Gelächter der Erwachsenen zurück. Er gefiel mir, der Schwan, er war schön und beinahe durchsichtig.
Ein unerreichbares Geschöpf.
Als der Wind mich wieder hochhebt und wegträgt, frage ich mich, ob ein Kind die Welt nicht besser durchschaut als ein erwachsener Mensch.
In den Augen der anderen war Salzgitter alles andere als ein irdisches Paradies. Aber meiner Familie gefiel es. Von Braunschweig aus brauchte man nur eine Stunde mit dem Zug, und es gab dort, meinem Vater zufolge, das beste Heilwasser weit und breit. Die Kranken des Hauses, Hedwin und meine Mutter, stärkten ihre Lungen mit täglichen Inhalationen, damit sie den Winter in Braunschweig besser überstanden. Die Luft war rein und duftete nach frischem Nadelholz, das Städtchen war so überschaubar wie beschaulich. Hier, in diesem kleinen ländlichen Ort, der uns immer wie ein Dorf erschien, fand meine Familie die Ruhe und Vertrautheit, die sie zu Hause nie vermisst hatte. Mein Vater hasste alles Mondäne. Er war der Ansicht, dass es sich nicht lohne, halb Deutschland zu durchqueren, um den Sommer in einem modischen Kurort zu verbringen, sich pompöse Konzerte anzuhören und womöglich minderwertiges Wasser zu trinken. Außerdem würde er dort gezwungen sein, mit den Arztkollegen und ihren unerträglich steifen Familien zu verkehren. Nein, besser man versteckte sich und pflegte einen gesunden Müßiggang ohne gesellschaftliche Verpflichtungen. Meine Eltern hatten das Haus einer verwitweten Bäuerin gekauft, Frau Priesnitz. Sie blieb darin wohnen und war im Sommer unsere Haushälterin, eine fleißige, wortkarge Frau, die vorzüglich kochte. Meine Mutter hatte in Pastor Rudinski einen Menschen gefunden, der ihre Leidenschaft für das Malen teilte. Zusammen verbrachten sie Stunde um Stunde damit, auf der Veranda Obstkörbe und Blumenvasen zu pinseln. Mein Vater wiederum nahm sich einen Stock, spazierte unbeschwert durch die Wälder und schloss sich den Stammgästen des örtlichen Sole-Bads an, mit denen ihn inzwischen langjährige Freundschaften verbanden. Sie waren unprätentiös und legten kein städtisches Gehabe an den Tag, und das gefiel ihm. Ich trieb mich von morgens bis abends auf den Feldern und in den Wäldern herum und kletterte glückselig auf Bäume. Einen Lieblingsplatz hatte ich, der mir von Beginn an magisch erschienen war, den Plünneckenbrunnen. Fast jeden Tag ging ich dorthin, um frisches Quellwasser zu trinken und die Füße ins Wasser zu tauchen. War Gott für meinen Vater eine veraltete und im Grunde nutzlose Instanz, so bestand meine ganz persönliche Idee vom Göttlichen in einem Brunnen, der nicht weit entfernt vom Greifpark halb verborgen im Wald lag. In meiner Kindheit und einem Großteil meiner Jugend war Gott der Plünneckenbrunnen, die kühle Lichtung, das eiskalte und doch weiche Wasser, das samtige Moos auf den Steinen rund um die Quelle. Dort hatte ich etwas Göttliches getroffen, und wie jede wichtige Begegnung, so teilte auch diese mein Leben in zwei Hälften, in ein Davor und ein Danach. In eines mit und eines ohne. In einen Wald, in dem ich Heinrich fand, und in einen Wald, in dem ich ihn verlieren sollte.
Ich erinnere mich nicht gut an den Weg von Zuhause zum Gymnasium. Ich erinnere mich auch nicht mehr genau an die Straßennamen meiner Heimatstadt Braunschweig. Dort kam ich zur Welt, dort habe ich mit meiner Familie gelebt, doch am lebhaftesten erinnere ich mich an die Sommerferien in Salzgitter. In diesem seltsamen jahreszeitlichen Wechsel der Welten bedeutete Salzgitter Sommer, Ferien und reine Bergluft. Braunschweig dagegen war Winter, Schule, schmutzige Straßen voller Verkehr, ohrenbetäubendes Hupen und schmucklose Häuserfassaden. Ein für ein kleines Mädchen unüberschaubares Netz aus Straßen. Wenn wir ausgingen, klammerte ich mich mit aller Kraft an die Hand des Kinderfräuleins, und wenn wir zurückkamen, ließ ich mich aufs Sofa fallen. Kauerte mich vollkommen erschöpft dort zusammen.
In Braunschweig blieb ich die ganze Zeit im Haus. Ich spielte mit Hedwin und unseren Puppen, versteckte mich hinter den Samtvorhängen und erschreckte den kleinen Willi. Im Arbeitszimmer meines Vaters stöberte ich in den Schubladen herum und nahm die Arzneifläschchen und die weißen Pastillen in die Hand, von denen ich dachte, dass sie jede Krankheit heilen könnten. Papa war Internist, er hatte die Praxis in der Nähe des Schlossplatzes von Großvater Anton übernommen, der sie wiederum von seinem Vater übernommen hatte, dem Leibarzt der Herzöge von Braunschweig. In meiner Familie wurde nicht einmal im Krieg über Geld oder Rationierung gesprochen. Wir waren in der privilegierten Lage, immer ausreichend Nahrungsmittel, Kleidung und Medikamente zu haben. Aber anders als andere gutsituierte Familien waren wir »schlicht«, wie meine Mutter es nannte, das war wichtig, denn wir mussten »niemandem etwas beweisen«. Wir waren als überaus anständige, aber etwas in sich gekehrte Familie bekannt, die ein zurückgezogenes Leben führte und die Ferien an einem gottverlassenen Ort verbrachte, was für die meisten absolut unverständlich war.
In der Schule in Braunschweig hatte ich eine Banknachbarin namens Lotte. Ihre Familie war das genaue Gegenteil von meiner. Jahre zuvor hatte Fritz Messing, Lottes Vater, die brillante Idee gehabt, aus einem familiären Zeitvertreib ein Geschäft zu machen, und eine kleine Marmeladenfabrik gegründet. Im Laufe der Zeit war aus dem Kleinstbetrieb eines der erfolgreichsten Unternehmen der Gegend geworden, mit rund dreißig Mitarbeitern und acht Sorten Marmelade. Der kleingewachsene Herr Messing, der neben meinem Vater wie ein »Marmeladenzwerg« aussah (diese Bezeichnung hatte sich Willi für ihn ausgedacht), war von seiner geschäftlichen Karriere so eingenommen, dass er es versäumt hatte, sich eine Frau zu suchen, mit der er seinen unverhofften Reichtum teilen konnte, und so war er mit dreißig Jahren immer noch ein fülliger und schüchterner Junggeselle. Eines Tages erlitt seine Telefonistin einen Zusammenbruch, und nur eine Woche später wurde sie durch eine Frau aus Bayern ersetzt, Rosemarie Pfaffenzeller, eine Telegrafistin der Post. Ein Offizier hatte sie und den kleinen Sohn sitzenlassen, und Herr Messing schloss sie sofort ins Herz: die gleiche Größe, die gleiche Statur und, wie Willi ergänzte, der gleiche Oberlippenbart. Das Hochzeitsessen war ein Freudenfest der Marmelade, so erzählte man sich, und ein paar Monate später erblickte ein süßes Mädchen das Licht der Welt, orange wie Mirabellengelee: Charlotte Rosemarie Messing, kurz Lotte.
Lotte war keine richtige Freundin. Sie war eher ein sympathischer Plagegeist. Ihre Bewunderung war erdrückend. Sie suchte, vielleicht von den Eltern dazu angehalten, auf jede erdenkliche Weise meine Nähe. Ich war ihr Vorbild, ein Mädchen mit tadellosen Manieren, das viel las. »Man merkt, dass die Anna aus einer anständigen Familie kommt!«, wiederholte die Mutter unentwegt. All diese Lobhudeleien waren mir peinlich. Ich hielt mich nicht für wohlerzogen. Lotte kannte nicht die Anna, die auf Bäume kletterte und von dort im Unterrock in Waldseen sprang. Sie wusste nicht, dass es meine Lieblingsbeschäftigung war, mich über meinen behäbigen Bruder Willi lustig zu machen und wild mit ihm zu raufen. Für Lotte war ich eine Busenfreundin; sie schenkte mir Bänder, Schleifchen, Federn, Karten und Bonbons, während mein einziges Geschenk an sie darin bestand, ihr bei den Französischaufgaben zu helfen. Nicht ein einziges Mal spielte ich mit dem Gedanken, sie in unser Paradies einzuladen. In den lapidaren Erzählungen über meine Ferien fand der Plünneckenbrunnen keine Erwähnung. Lotte hätte die Magie des Ortes nicht verstanden und sich, wie üblich, nur am Spiegelbild meiner Wahrnehmung ergötzt.
Immer wenn ich sie zusammen mit meiner Mutter oder dem Kinderfräulein besuchen ging, wurde mir bewusst, wie anders meine eigene Familie war. Unsere Wohnung war in gleichem Maße nüchtern, vielleicht auch ein wenig altmodisch und spartanisch, wie die ihre barock überladen und aufdringlich war. Man wurde regelrecht geblendet. Aschenbecher und Nippes überall, Damastkissen, prominent aufgestellte silberne Füllhörner, vergoldete Rahmen, Figürchen, Püppchen, Porträts und verworrene Bilder an den Wänden. Und jedes Zimmer wurde von Kronleuchtern und Kerzen, die von unzähligen Spiegeln reflektiert wurden, für Gäste taghell ausgeleuchtet. »Unser Wohnzimmer wird uns wie eine dunkle, kalte Höhle vorkommen«, meinte Papa eines Tages, als er mich nach einem über Französischaufgaben verbrachten Nachmittag abholte und sich auf dem Heimweg die Augen reiben musste.
Zwischen Marmelade und funkelnden Leuchtern zu lernen, fiel mir nicht leicht. Zu vielfältig waren die Ablenkungen für eine wie mich, die die Hausaufgaben normalerweise in Papas schmuckloser Bibliothek zwischen all den unverständlichen Medizin- und Chemiewälzern erledigte. Ich wartete auf den Sommer wie eine Gefangene auf ihre Freilassung. Während wir, wenn das Schuljahr zu Ende war, den Elf-Uhr-fünfzig-Zug nach Salzgitter nahmen, fuhr Familie Messing mit dem Auto nach Norderney, auf die gefragteste der ostfriesischen Inseln. Lotte schrieb mir lange, mit kleinen Herzchen und Engelchen verzierte Briefe, und ich antwortete mit einer Schwarzweißpostkarte vom Rosengarten des Kurhauses: »Reine Luft, frisches und kräftigendes Quellwasser, Hedwin und ich würden am liebsten gar nicht mehr nach Hause fahren. Ich hoffe, Dir geht es gut, danke für die Briefe, die ich immer gern lese. Deine Anna.«
Als wir eines Nachmittags wieder einmal über den Büchern saßen, zeigte mir Lotte die gerahmten Fotos von ihrer Familie. Auf einem war ein junger Mann in Uniform abgebildet, groß und gutaussehend.
»Das ist mein Bruder Hadrian«, erklärte sie und sah mich aufmerksam an, »eigentlich mein Halbbruder … wir sehen uns ja auch nicht besonders ähnlich«, fügte sie etwas verlegen hinzu. »Er war auf einem Internat, und jetzt ist er in Berlin stationiert … er kommt nur selten her, aber wenn er kommt, hat er immer was zu erzählen!« Ich nahm das Foto in die Hand und hielt es mir nah vor die Augen, um Hadrians Gesicht unter dem Helm besser erkennen zu können. Er war wirklich ein sehr gutaussehender junger Mann, aber etwas an ihm beunruhigte mich. Seine Augen waren so hell, dass sie fast weiß wirkten. Zwei schmale Schlitze, der Blick leer.
Meine richtige Freundin war eine andere. Die Freundschaft mit meiner wahren, einzigen und großartigen Freundin begann, wie alles Schöne in meinem Leben, im Sommer. Es war ein schwüler Nachmittag, ich war neun Jahre alt, und sie sprang einfach dreist in meinen geheimen kleinen See.
Etwa zehn Minuten vom Plünneckenbrunnen entfernt gab es einen hinter Buchen und Binsen halb verborgenen Weiher. Der ansteigende Weg machte mir ganz ordentlich zu schaffen, aber ich wusste, die Entschädigung dafür würde herrlich sein. Ich wollte mitten in der goldenen Stille der einsamen Natur ins Wasser tauchen. Es hieß, der schlammige Grund berge ein Geheimnis: die Leichen jener französischen Soldaten, die Ende des 18. Jahrhunderts die Stadt in Brand gesetzt hatten und betrunken und in Feierlaune dort ertrunken waren, fast ohne es zu merken. Der Ort war verborgen und eröffnete sich unvermutet. Ich war dort noch nie jemandem begegnet, weder tot noch lebendig. Ich kletterte auf einen ziemlich hohen Ast und wollte mich gerade ins Wasser stürzen, als eine Stimme hinter mir sagte: »Pass auf, der See ist voller Ungeheuer!« Ich wandte mich um. Auf dem Ast eines anderen Baumes saß ein Mädchen.
»Unsinn!«, gab ich zurück und sprang ins Wasser. Einen Augenblick später sprang auch sie hinein.
»Siehst du, hier ist gar keiner«, sagte ich.
»Das kannst du doch gar nicht wissen. Warst du denn schon mal unten auf dem Grund?«, gab sie zurück und hielt sich zappelnd über Wasser.
»Nein, will ich auch gar nicht. Mir reicht es, an der Oberfläche zu schwimmen. Deshalb komm ich her.«
»Das Meer ist schöner«, meinte sie und blickte über meinen Kopf hinweg in die Ferne.
»Das hab ich noch nie gesehen.«
»Du hast noch nie das Meer gesehen? Aber woher kommst du denn?«
Es stimmte. Wegen der Inhalationen von Hedwin und Mama und wegen der verbissenen Haltung von Papa waren wir noch nie woanders gewesen. Ein wenig verlegen machte ich ein paar Schwimmzüge.
»Ich bin Helene. Ich komme aus Kiel, aber vier Wochen im Jahr wohne ich hier bei meiner Großmutter.« Eine schlichte Vorstellung mitten in einem verlassenen kleinen Weiher.
»Ich bin Anna«, sagte ich. Wir mochten uns von der ersten Minute an.
Ach, Helene! Meine Helene. Jetzt war ich kein allein durch die Wälder streunendes Kätzchen mehr, nun hatte ich eine Gefährtin für meine Abenteuer. Wenn wir um die Wette liefen, kamen wir gleichzeitig ins Ziel. Wenn ich Brombeeren von den Sträuchern pflückte, waren die saftigsten für sie. Zusammen erkundeten wir die Wälder, blieben bis zum Abend dort und schwatzten ununterbrochen. Ich war sicher, dass ich sie vor jedem Drachen beschützen würde, und Helene wusste, wie man Zauber löste. Sie war selbstständig, klug, liebenswürdig. Wenn sie sich wehtat, weinte sie nicht, sondern bat einfach um Hilfe. Eines Tages fanden wir Stacheldraht im Wald, und Helene riss sich die Hand daran auf. Von meinem Vater wusste ich, dass eine bestimmte Pflanze mit weißen Blüten und mit Blättern wie Eselsohren Blutungen stillte. Ich fand eine, pflückte eine Handvoll Blätter und zerrupfte sie in grobe Stücke. Dann schmierte ich den Blättermatsch auf die Wunde, und sie hörte augenblicklich auf zu bluten. »Du wirst mal Arzt wie dein Vater«, prophezeite Helene.
Wenn Helene und ich uns trafen, blieb die Zeit stehen, damit sie uns zusehen konnte. »Wenn ich ein Mann wäre, würd’ ich dich heiraten«, sagte ich einmal zu ihr, als wir ausgestreckt auf der Wiese lagen, um unsere Kleider zu trocknen. Helene drehte sich um. »Dafür müsstest du aber bei meinem Papa um meine Hand anhalten, und das wär’ tatsächlich schwierig. Ich hab’ ihn schon seit Jahren nicht mehr gesehen. Er reist fröhlich durch die Welt … und deshalb hat meine Mutter auch damit angefangen. Im Juli schickt sie mich, wie du weißt, jedes Jahr hierher und nach einem Monat holt sie mich wieder ab. Im September fährt sie dann immer nach Italien, an den Gardasee, und bleibt dort den ganzen Winter über. Deshalb bin ich immer mit dem Kinderfräulein und den Hausangestellten allein. Wenn du mich heiratest, musst du immer bei mir bleiben, verstanden?«
»Na klar, ich würd’ dich niemals alleine lassen, Helene.«
Der Lufthauch, der ich bin, wird zu einem Wirbel und schraubt sich wütend in den Himmel.
1919 schenkte uns Salzgitter einen riesigen Spielplatz, den sogenannten Greifpark. Auf dem Gelände, unter dem man Jahre zuvor vergeblich nach Kalisalzvorkommen gegraben hatte, hatte ein Wohltäter aus der Gegend, Reinhard Martin Stoot, der von den Einwohnern nur Onkel Stoot genannt wurde, einen ganz besonderen Park errichten lassen. Entlang der stillgelegten Gleise, auf denen einst die Bergwerksloren mit dem Aushub gefahren waren, hatte er Birken pflanzen lassen, sodass eine Allee entstanden war, die mitten durch den Park führte und Jung und Alt zu herrlichen Spaziergängen einlud. Die Überreste des Kaliwerks und der Behausungen, die aus Steinen, Schutt, Lumpen, Ziegeln und Holz bestanden, hatte er genutzt und aus dem ungewöhnlichen Material Figuren und Bauwerke gestaltet, die über den Park verteilt aufgestellt wurden. Es gab ein Modell des Sieben-Raben-Schlosses, die Figuren von Hänsel und Gretel, ein kleines Dornröschenschloss und schließlich unsere beiden Lieblingsfiguren Rotkäppchen und der Wolf, die einander am Anfang der Birkenallee gegenübersaßen. Onkel Stoot hatte Arbeitslose, junge Männer und Jugendliche aus dem Ort zusammengetrommelt und ihnen nur einen einzigen Auftrag erteilt: Der Krieg ist vorbei, baut einen Märchengarten, weit weg vom Elend dieser Welt. Der Park war bald weithin bekannt und außerordentlich beliebt. Ich erinnere mich an Reisegesellschaften aus Berlin oder Hamburg, die nur in Salzgitter Halt machten, um ihn zu besuchen. Am Eingang des Parks gemahnte eine gewaltige Figur mit einer Keule in der Hand, der Wilde Mann, die Besucher an frühere Entwicklungsstufen der Menschheit. Uns jagte der Wilde Mann keine Angst ein, wir mochten ihn und hatten den Eindruck, er würde über uns wachen. Wer hätte uns an diesem verzauberten Ort, der aus dem Nichts auf den weitläufigen Hügeln oberhalb der Kuranlagen entstanden war, je Böses tun können? Als die Arbeiten abgeschlossen waren, wurde der Geräteschuppen nicht abgerissen, sondern zu einer Gastwirtschaft umgebaut, mit Sitzbänken draußen. Dort war es schön schattig und angenehm kühl, denn der Hügel war üppig bewachsen, und so dauerte es nicht lange, bis sich Familien dort zum Mittagessen oder zu Kaffee und Kuchen trafen. Auch meine Familie ging nun zum sonntäglichen Mittagessen in den Greifpark statt in den Ratskeller. Nach dem Essen saßen meine Mutter und Helenes Großmutter dann mit einer Decke über den Knien im Schatten, lasen Hedwin eine Geschichte vor, bis meine kleine Schwester in Mamas Arm einschlief wie ein Welpe zwischen den Pfoten der Mutter. Und wenn Helenes unvermeidliche Frage, ob wir zum Rotkäppchen durften, bejaht wurde, stürmten wir glücklich davon.
»Nicht auf die Figuren klettern«, rief die Großmutter jedes Mal, »ihr wisst, dass das verboten ist!« Aber wir kletterten dennoch hinauf. Ich rittlings auf den Wolf, Helene in die Arme Rotkäppchens. »Hallo Wolf«, fing sie an, »ich weiß, dass du gar nicht so böse bist, wie du aussiehst.«
Und ich gab mit finsterer Stimme zurück: »Wart nur ab, ich fress dich gleich, meine Kleine …«
Wenn die Großen kamen, mussten wir in Windeseile herunterklettern. Manchmal aber konnten wir oben bleiben und kleine Szenen aufführen.
»He, Rotkäppchen, wem bringst du denn diesen Korb voller Leckereien?«, fragte ich.
»Meiner Großmutter«, gab Helene kichernd zurück.
»Wenn du willst, kann ich ihn tragen und dich begleiten.«
»Das ist nicht nötig, lieber Wolf, ich komme schon allein zurecht.«
»Na dann statte ich deiner Großmutter einfach so einen Besuch ab, ich lauf voraus und warte dort auf dich.«
»Lauf nur, lieber Wolf, und pass auf, dass die Großmutter dich nicht frisst!«, antwortete Helene, weil sie an ihre echte Großmutter dachte, eine Frau, die einen Wolf durchaus das Fürchten lehren konnte.
Es machte uns Spaß, die Märchen abzuwandeln. Warum musste Rotkäppchen denn immer vom bösen Wolf betrogen werden? Der Wolf im Greifpark war ein herrliches Tier mit großen sanften Augen, der dem Rotkäppchen für alle Ewigkeit gegenübersaß. In sicherer Entfernung voneinander und beide mit Stacheldraht umzäunt: Was konnte schon passieren? In unserer Version des Märchens war es der Großmutter gelungen, den Wolf zu zähmen, sodass er nun als fügsames Hündchen zu ihren Füßen vor dem Schaukelstuhl hockte. Im Greifpark gab es keine wirklich bösen Figuren. In dem Gemisch aus Schutt, Lumpen und Zement hatte sich alles Gewalttätige aufgelöst.
Ich sehe das Gasthaus von oben, Helene und ich laufen zu unseren Figuren. Und in diesem Moment drückt mich der Wind plötzlich nach unten.
Es war der erste Sonntag im Juli. Helene und ich spielten gerade eine unserer kleinen Szenen, als der Strohhut meines Vaters in der Ferne auftauchte und immer näher kam. Au weia! Ich schlug Alarm: Runter! Los, schnell! An den kantigen Pfoten des Wolfs riss ich mir den Ellbogen auf, blieb dann am Stacheldraht hängen und fiel hinunter. Ich rollte mich ab und landete direkt vor den Füßen meines Vaters. »Anna! Hast du dir wehgetan? Komm, steh auf. Warum bist du denn nur auf die Figur geklettert?« Als er mir aufhelfen wollte, bemerkte ich, dass er nicht allein war: Pastor Rudinski und Willi waren bei ihm. Wie peinlich. Ich lag im Dreck, Helene war erschrocken und beschämt und mein Vater blickte mich streng an.
»Das geschieht dir ganz recht!«, sagte Willi. »Du bringst dich doch immer in Schwierigkeiten!«
Ich sprang auf und stürmte auf ihn los. Der Pastor ging blitzschnell dazwischen und hielt meinen Arm auf halber Höhe fest. Und weil ich weiter wild um mich schlug, schlang er meine eigenen Arme um mich und zog mich zu sich heran. So fand ich mich unvermittelt Körper an Körper mit Heinrich Rudinski. In der Zwischenzeit hatte mein Vater Willi ermahnt. »Gebt Ruhe, Kinder, nicht zanken!« Der erste Körperkontakt mit Heinrich war eine Art Kampf; ich gegen ihn. Ich war dreizehn Jahre alt, als er meiner Wut auf halber Höhe Einhalt gebot: Noch heute erinnere ich mich genau an den Duft seiner von einem leichten Schweißfilm bedeckten Haut und an seinen Schwanenhals, weiß und zerbrechlich.
Ich werde weggeweht, nach oben gezogen. Ich schwebe über dem Greifpark, während das Mädchen, das ich einst gewesen bin, von Rudinski festgehalten wird. Ich sehe uns beide von oben, in diesem ersten ungelenken Aufeinandertreffen. Verbittert stelle ich fest, dass Heinrichs Umarmung das Höchste war, was ich in dieser Welt ersehnen durfte.
Jedem, der wie ich im Jahr 1907 geboren wurde, hätte das Jahrhundert normalerweise die Ehre zuteilwerden lassen, gleich zwei verheerende Kriege mitzuerleben. Vor dem ersten wurde ich durch eine Art kindliche Unbeschwertheit bewahrt. Ich war sechs Jahre alt, und wir waren gerade im Kurort. Die Bauern kamen vom Feld, die Getreideernte wurde abgebrochen. Generalmobilmachung, tönte es in den Straßen, und ich wusste nicht, was das bedeutet. Deutschland trat in den Krieg ein, und alle waren siegesgewiss. Als Hitler Polen überfiel und der zweite begann, wäre ich zweiunddreißig Jahre alt geworden, doch da war ich bereits Futter für die Würmer.
Nach dem Ersten Weltkrieg gab es in Braunschweig jeden Tag Streiks. Mein Vater klagte, dass es so nicht weitergehen könne und es früher oder später zu einem Putsch kommen würde. Er verschlang die »Braunschweiger Allgemeine Zeitung«, und wenn er die ausgelesen hatte, lieh er sich vom Portier unseres Hauses den »Volksfreund«. Lotte nahm Anstoß daran, als ich es ihr erzählte: Sie behauptete, der »Volksfreund« sei die Kommunistenzeitung, es sei nicht gut, dass ein Arzt wie mein Vater sich durch ein derartiges Blatt den Ruf ruiniere. Ihr Bruder Hadrian lese den »Stahlhelm«. Für Frauen seien hingegen eher Illustrierte geeignet, meinte sie, Politik sei für uns zu kompliziert. »Und außerdem«, fügte sie besserwisserisch hinzu, »verlässt ein Mann seine Braut sofort, wenn sie sich zu sehr für Politik interessiert.«
Beim Abendessen besprachen meine Eltern oft das Tagesgeschehen – allerdings ohne jemals laut zu werden oder sich zu ereifern –, und sie versuchten auch, es uns zu erklären. Sie vertraten gemäßigte Ansichten, meinen Vater machten die Armut und die Ignoranz traurig, denen er als Arzt jeden Tag begegnete. Er erzählte uns von Witwen, die die Arzneimittel für ihre Kinder nicht bezahlen konnten. Von Neugeborenen, die aus Not an wohlhabende Familien »verkauft« wurden. Er berichtete von winzigen Wohnungen, in denen dreizehn, vierzehn Kinder lebten, zusammen mit den Eltern und den Großeltern. Schmutz, Krankheiten und Arbeitslosigkeit waren für ihn weitverbreitete Übel, die die Stadt nicht länger ignorieren durfte. Für Hedwin, Willi und mich waren das Erzählungen aus einer sehr weit entfernten Welt. Bei uns hatte jedes Kind ein eigenes Zimmer voller Spielzeug und Kleidung, im Nordflügel gab es sogar eine Bibliothek, im Wohnzimmer standen Hedwins Flügel und hochwertige Möbel aus Nussbaumholz. »Nicht alle Kinder dieser Welt haben das Glück, in eine Familie wie die unsere hineingeboren zu werden«, erklärte mein Vater zwischen zwei Löffeln Suppe. Willi lauschte diesen Berichten mit offenem Mund und machte ab und zu konkrete Lösungsvorschläge, etwa andere Kinder in seinem Zimmer unterzubringen, sie sich im Badezimmer waschen zu lassen, ihnen neue Kleider zu schenken. Aber wenn meine Mutter ihn dann neckte und daran erinnerte, dass er auch seine Süßigkeiten mit ihnen würde teilen müssen, bekam Willis Großmut schlagartig einen Dämpfer.
»Lotte sagt, die Juden sind schuld an diesem ganzen Durcheinander!«, warf ich eines Abends beim Essen ein. Die Miene meiner Mutter verfinsterte sich, und mein Vater legte den Löffel beiseite. Er wischte sich den Mund mit der Serviette ab, und ich bereute meine Worte bereits. Ich hatte etwas Törichtes gesagt. »Das ist Unfug, Anna, vollkommener Unsinn. Deine Mutter und ich, wir hatten – und haben immer noch – einige jüdische Freunde. Ich kann dir versichern, dass es sich durchweg um überaus anständige Menschen handelt. Herr Messing … was erzählt er Lotte da nur …« Am nächsten Tag in der Schule behauptete auch der Deutschlehrer, dass die Juden und die Sozialisten an der Niederlage Deutschlands schuld seien. Aber ich glaubte meinem Vater, wie hätte es auch anders sein können? Er hatte auf jede Frage immer eine kluge Antwort, warum also zweifeln? Soll Herr Messing doch zum Teufel gehen mit seinen Theorien, sagte ich mir, Papa hat recht.
»Papa«, fragte Willi eines Abends, »ist Kuba Jude? Woran erkennt man denn Juden?«
»Daran, dass sie samstags zum Gottesdienst gehen«, ging meine Mutter dazwischen, »und dass sie kein Schweinefleisch essen. Na ja, sie haben auch noch andere, kompliziertere Regeln, aber im Aussehen unterscheiden sie sich nicht von allen anderen.«
»Das ist alles?«, fragte Willi bass erstaunt. »Und der Marmeladenzwerg hasst sie nur, weil sie keine Wurst essen?«
»Kuba ist Jude, Willi, aber wäre dir das jemals aufgefallen, wenn wir es dir nicht gerade eben gesagt hätten?«, gab mein Vater zurück.
»Ich wusste es doch schon. Thomas und Hendrik haben ihn letztes Jahr hinter dem Gasthaus im Greifpark mit einem Spaten verprügelt. Und sie haben ›Judennase, Judennase‹ gerufen.«
»Wie bitte? Und du hast nicht eingegriffen?«, fragte meine Mutter irritiert.
»Nein, ich hatte Angst, dass sie mich dann auch verprügeln«, antwortete Willi mit gesenktem Blick.
Kuba, Jakob Goldfinger, war ein Junge, der zusammen mit seinem Vater und weiteren drei Brüdern in einer Holzbaracke am Rand von Salzgitter lebte. Sie waren Saisonarbeiter, zogen von Ort zu Ort, immer dorthin, wo es ein paar Groschen zu verdienen gab. Sie kamen aus Łódź, waren aber Deutsche. Kuba war ohne Mutter aufgewachsen, sie war bei seiner Geburt gestorben. Willi und Kuba waren gleich alt und ein seltsames Gespann. Wie Helene und ich zogen sie an den langen Sommernachmittagen ziellos herum, aber im Gegensatz zu uns hatten sie auch künstlerische Ambitionen. Kuba hatte irgendwo eine kleine Geige aufgetrieben und Willi erzählte gern Witze, trällerte Parodien von bekannten Liedern, machte kleine Kunststücke wie ein Gaukler. Willi wog dreimal so viel wie Kuba und schon das erregte Heiterkeit: so leichtfüßig der eine war, so schwerfällig und langsam war der andere. Kuba lernte schnell und vergaß noch schneller. Für Willi war der Anfang immer zäh, aber das Ziel erreichte er als Erster. Die beiden stellten in den Nachbarorten spontane kleine Aufführungen auf die Beine und bekamen so immer ein Säckchen Münzen zusammen. Sie wurden sogar eingeladen, beim Dorffest auf dem Klesmerplatz aufzutreten: Es war ein Riesenerfolg! Selbst meine Mutter, die Willis Freude am Applaus nicht gern sah, war begeistert. »Manche werden mit einer künstlerischen Begabung geboren, manche mit einer mathematischen«, sagte sie zu Rudinski, während sie Beifall klatschte, »mein Sohn wurde als Sonnenschein geboren, man muss ihn einfach gernhaben!«
Einmal, als Kuba Willi bei uns zu Hause abholen wollte, geriet er in die Fänge von Frau Priesnitz und wurde in die Badewanne gesteckt. »Dieser Junge hat bestimmt Läuse, Frau Alrutz«, rief sie meiner Mutter zu, »da sind sicher zwei Stück Seife nötig, um die Hautfarbe erkennen zu können!« An diesem Abend war Kuba, gewaschen, wohlriechend und frisch frisiert wie ein Pudel, unser Essensgast. Willis Kleider waren ihm zu weit, standen ihm aber gut zu Gesicht. Er war ein hübscher Junge, das sah man an Hedwins Blick, und er hatte genauso dunkle Augen wie Mama. Manchmal führten die beiden kurze Unterhaltungen auf Polnisch. Trotz der ärmlichen Familienverhältnisse war Kuba gut erzogen. Nie erhob er die Stimme, er war zurückhaltend, aber aufgeweckt. An jenem Abend probierte er zum ersten Mal in seinem Leben Schokolade. Sein Gesichtsausdruck besagte, dass er nie wieder etwas anderes essen wollte.
In dem Sommer wurde Kuba von unserer Familie praktisch adoptiert. Meine Mutter brachte ihm Lesen und Schreiben bei (ein Kinderspiel, sagte sie, das ist ein Wunderkind), Frau Priesnitz passte einen von Willis Anzügen, der diesem sowieso längst zu eng geworden war, für ihn an und mein Vater mischte ein Stärkungsmittel, das er morgens und abends einnehmen sollte. Innerhalb eines Sommers wurde aus Kuba zur Freude meiner ganzen Familie ein Kind wie jedes andere. Als wir abreisten, kam der Junge mit einem Strauß Margeriten für Hedwin zum Bahnhof. Ich sah, wie die Augen meiner Mutter sich mit Tränen füllten.
»Sie haben Kuba hinter dem Gasthaus verprügelt, und wir haben davon rein gar nichts mitbekommen? Wann ist das denn passiert?«, fragte meine Mutter bestürzt.
Willi schwieg, Hedwin war den Tränen nahe. Mit einem Ausdruck im Gesicht, den ich noch nie bei ihm gesehen hatte, warf mein Vater die Serviette auf den Tisch und stand auf. Er rief beim Fernsprechamt an und ließ sich mit Pastor Rudinski verbinden. Er erläuterte ihm, was er soeben erfahren hatte, und bat ihn, sich darum zu kümmern. Kuba sei wie jeden Winter verschwunden, erklärte Rudinski. Er werde im nächsten Sommer zusammen mit dem Rest seiner Familie zur Obsternte wiederkommen. Rudinski sagte meinem Vater auch, er solle sich nicht zu viele Sorgen machen, die Goldfingers seien wie Ratten – ein Vergleich, der meinem Vater gar nicht gefiel –, gewohnt, jede Situation zu überleben. Das würden sie auch dieses Mal tun.
Rudinski. Pastor Heinrich Rudinski. Ich weiß nicht, wie oft ich seinen Namen neben meinem erträumt habe. Von all den Menschen, denen ich im Laufe meines Lebens begegnet bin, ist er der rätselhafteste. Der Duft von frischgebackenem Kuchen, heißem Malzkaffee, meine Mutter, die alle auf die Veranda ruft: »Bitte, wir können anfangen, alles ist bereit!« Zuerst geht Hedwin hinaus und sucht sich schüchtern ihren Platz am Tisch. Nach ihr Kuba, dann Willi, Frau Priesnitz mit den Servietten in der Hand und schließlich mein Vater. Aber da ist noch jemand. Ich sehe Heinrichs Hände mit einer leichten und anmutigen Bewegung den Vorhang zur Seite schieben, um hindurchtreten zu können, genau wie er bei unseren Sommerspaziergängen die Brennnesseln zur Seite geschoben hat. Ich erkenne seine helle Haut und die Sommersprossen auf dem Handrücken. Es waren die Hände eines Jugendlichen, nicht die eines Mannes. Sieh an, vielleicht hat es auch Vorteile, wenn man nur ein Lufthauch ist. Ich kann ihn beobachten, so lange ich will, ohne mich verstecken oder schämen zu müssen. Ich schaue ihm so direkt in die Augen, wie ich es zu Lebzeiten nie gewagt habe, und nehme den kleinen grauen Fleck auf der linken Iris wahr. Mit den Fingern zeichne ich sanft die Linie der Lippen nach und die kleinen Schnitte von der Rasur auf dem Hals.
Er war das Licht, das ich zu Lebzeiten atmete, der Glanz meiner Jugend.
Der heutige Hausmeister dieser Universität ist ein Nichtsnutz.
Moritz war seinerzeit ein dickbäuchiger Alleskönner, der immer etwas zu tun hatte. Er tauschte Glühbirnen, staubte die Fenstersimse ab, brachte die Geräte an den richtigen Platz – man brauchte sich seine Hilfe nur herbeizuwünschen und schon tauchte er wie von Zauberhand auf. Der riesige Kerl von heute hingegen denkt nur ans Rauchen, glotzt den Studentinnen auf den Hintern und blättert in billigen Heftchen mit halbnackten Frauen auf dem Titelblatt. Die Zeiten haben sich geändert. Wäre ich noch eine braune Schwester, würde ich mit Hartmann sprechen und ihn hochkant hinauswerfen lassen. Aber Hartmann ist nicht mehr da, und ich im Grunde auch nicht. Mir bleibt nur das Vergnügen, mich ihm an seinen langen faulen Nachmittagen zu nähern und ihm einen eisigen Hauch auf die Stirn zu legen.
Zu meiner Zeit befanden sich im Keller der Klinik das Medikamentenlager, die Geräte sowie die Archive. Und die winzige Wohnung von Moritz. Heute beherbergt das Gebäude der Universitätsklinik andere Institute als die Medizin, aber der Keller ist beinahe gleich geblieben. Allerdings ist das Lager, das dieser Hausmeister hier führt, eine Katastrophe. Kabel, durchgebrannte Glühbirnen, Schreibtische, Schränke, Sessel, Aktenordner, Hefte, eingestaubte Register, Herrgott, was für ein Durcheinander!
