Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
80 Jahre nach Ende des 2. Weltkrieges: "Deutsche und Polen" Seit Jahrhunderten siedeln Deutsche in Polen und wohnen hier in gegenseitiger Achtung. Anhand einer deutschen Familie wird im Roman ein Bogen über 200 Jahre deutsch-polnische Geschichte gespannt. Das Ende des 2. Weltkrieges naht und Otto flieht vor der Roten Armee nach Deutschland. Nach einer abenteuerlichen Flucht über nur 240 Kilometer kommt er nach sechs Monaten an seinem Ziel Beeskow an.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 281
Veröffentlichungsjahr: 2026
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Klaus Richter
Meine letzte Heimat
Impressum
Ausgabe: 2025 ©
Autor: Klaus Richter
Cover: Marcus Lessig
Herausgeber:
Klaus Richter, Ernst-Grube-Str. 149, 08062 Zwickau
Druck:
epubli – ein Service der Neopubli GmbH Berlin
Inhalt
Vorwort
Kap.1 Ferdinands Umsiedlung nach Posen
Kap.2 Otto wird flügge
Kap.3 Eine frohe Botschaft
Kap.4 Leben unter polnischer Herrschaft
Kap.5 Der 2. Weltkrieg
Kap.6 Flucht vor der Roten Armee
Kap.7 Das ersehnte Kriegsende
Kap.8 Neue Heimat
Nachwort
Vorwort
Otto wird im November 1878 in Pudewitz in der preußischen Provinz Posen geboren. Sein Vorfahre Ferdinand war vor Jahrzehnten aus dem Deutschen Reich nach Polen ausgewandert. Aus welchen Gründen verlassen Menschen Deutschland, um ins rückschrittliche Polen umzuziehen?
Hier muss man weit ausholen. Um das Jahr 966 erfolgte die erste Gründung Polens. Das Land erlebte in der Folge wechselnde Bündnisse mit folgenschweren Kriegen. Entscheidend für die Zukunft des Landes war, dass die herrschende Dynastie im Jahr 1570 erloschen ist.
Nun wählte der polnische Adel die Könige des Landes. Der Verschleiß an Königen war gewaltig. Es versuchten sich hier Könige aus Frankreich, Ungarn und Schweden.
1733 kommt die Stunde des sächsischen Königs Friedrich August I., „August der Starke“ genannt. Um an sein Ziel zu gelangen, konvertierte er bereits einige Jahre vorher, im Jahre 1697, vom Protestantismus zum Katholizismus.
Nach heftigen Widerständen bekam er letztendlich die Krone aufgesetzt. Als polnischer König nannte er sich August II.
Polen wurde in der Folge ständig in die Zwänge mächtiger europäischer Länder genommen. 1772 erfolgte die erste Teilung Polens, indem Ostpolen, ein Drittel des Landes, von Preußen annektiert wurde und Russland sich ein Drittel des westlichen Teiles einverleibte. Den mittleren Teil Polens überließen sie weiterhin dem Land. Die folgende Zeit war ständig von internationalen Spannungen geprägt. Mit der zweiten Teilung 1793 griffen weitere Staaten auf Teile Polens zu.
Österreich nahm sich ebenfalls Teile des Landes. Daraufhin wurde es den polnischen Partisanen zu bunt. Sie lehnten sich mit einem nationalen Aufstand auf, der jedoch blutig niedergeschlagen wurde.
1795 teilten sich die übermächtigen Europäer das Land vollends auf, sodass Polen als Staat für 123 Jahre gelöscht war.
Allein mit einer Annexion von Gebieten anderer Staaten war es allerdings nicht getan. Jetzt war der preußische Staat gefordert, ja sogar verpflichtet, die politische und wirtschaftliche Stabilität zu übernehmen. Letztendlich musste auch die Bevölkerung bei Laune gehalten werden, denn wenn dies nicht umgesetzt würde, gäbe es Unzufriedenheit bis hin zum Ungehorsam.
Und genau dies wollten die Preußen auf keinen Fall.
Friedrich Wilhelm III. von Preußen war es nun, der per Dekret arme Westfalen animierte, sich nach Posen aufzumachen, um diese Region aus der Rückschrittlichkeit herauszuholen. Dazu schickte er Häscher insbesondere in die ländlichen Gegenden, um junge Bauernsöhne, die keine Chance auf die Übernahme der familiären Güter hatten, zu ködern.
Diese Sache wurde eigentlich von Preußen raffiniert eingefädelt. Polen war schon immer ein Agrarland mit riesigen Ländereien. 1.000 Hektar Landeigentum für einen Großbauern waren keine Seltenheit. An diesem Privateigentum vergriffen sich die Preußen jedoch nicht. Da diese großen Ländereien nur zu einem Bruchteil durch die Polen bewirtschaftet werden konnten, lag der Rest brach.
Nun kamen die Preußen und kauften den Großgrundbesitzern überschüssige Felder günstig ab.
Und was macht man mit dem Staatsbesitz? Na klar - er wurde an diese Übersiedler mit Kolonialverträgen verpachtet. Nach der Amortisation sprudelten Pachteinnahmen und Steuern in die preußische Staatskasse. Eigentlich eine geniale Idee, müsste man meinen.
War es auch. Inzwischen brachgefallenes Land wurde hier durch die Siedler wieder urbar gemacht. Eine gute Infrastruktur entstand so ganz nebenbei. Aus Bauernhöfen wurden Siedlungen, später Dörfer. Straßenbau, Strom- und Wasserversorgung und selbst der Bau von Eisenbahnlinien waren nachfolgende Selbstläufer.
Und damit nicht genug: Die Neubauern brachten polnische Landarbeiter in Arbeit, die somit ihre Familien ernähren konnten. Selbstredend verbesserten sich zunehmend die wirtschaftlichen Verhältnisse der Bauern, sodass sie nach und nach ihr Pachtland dem Staat abkauften. Der preußische Fiskus lachte sich nun ob der guten Rendite ins Fäustchen.
Getreu den vorstehenden Ausführungen ist es Ferdinand, der dem Ruf von Preußen nicht widerstehen kann und in der preußischen Provinz Posen sesshaft und wirtschaftlich erfolgreich wird. Damit ebnet dieser den Weg für nachfolgende Generationen.
Otto wird in der dritten Generation nach Ferdinand geboren. Im Roman werden seine Familiengeschichte und die seiner Kinder mit deren Familien authentisch nacherzählt.
Man lebt zwischen den zwei Kriegen, sodass ihnen nicht nur Gutes in den Schoß fällt. Sie müssen auch viel Leid ertragen.
Kapitel 1
Ferdinands Umsiedlung nach Posen
Ottos Vorfahre Ferdinand wohnte in der westfälischen Region um Minden. Dieser wuchs in einer Bauernfamilie mit vier Geschwistern auf. Das Gut hatte nur vier Hektar Grundbesitz, also viel zu wenig, um mehrere Familienmitglieder zu ernähren, geschweige denn, diese wiederum mit ihren künftigen Familien unterzubringen.
Schnell sprach sich herum, dass in der Stadt preußische Staatsbedienstete Station gemacht hatten. Diese hielten kurze Reden und baten junge, interessierte Einheimische, an ihren Tischen Platz zu nehmen. Sie brachten unschlagbare Argumente vor, massenhaft aus armen Leuten solide Bauern machen zu wollen.
Den Leuten wurde es schummrig beim Anhören dieser Angebote.
„Ich möchte mal anfragen, ob ich auch eine solche Bauernstelle bekommen könnte“, sagte Ferdinand zögernd zu einem solchen Staatsbediensteten.
„Wat machst de denn?“, fragte sein Gegenüber.
„Ich bin ein Bauernsohn. Wir haben nur eine kleine Wirtschaft von vier Hektar. Da ich aber der Drittgeborene bin, bekomme ich keineswegs mal unser Gut. Mein Vater hat mich schon gebeten, mich nach einer anderen Arbeit umzusehen.“
Der Preuße sah auf und bedeutete Ferdinand mit einer Geste, ihm zu folgen. Er wurde in ein Hinterzimmer eines Gasthofes lanciert und gebeten, Platz zu nehmen.
„Jut, du kennst dich also in der Landwirtschaft aus?“
„Na klar, auf einem Gut muss man doch alle Arbeiten, sei es auf dem Feld oder im Stall, erledigen.“
„Hier ist ein Blatt Papier. Schreibe mal deinen Vornamen und deinen Nachnamen auf. Und dahinter noch, wo du wohnst.“
Ferdinand kritzelte zitternd mit einem Bleistiftstummel die von ihm abgefragten Angaben und reichte das Blatt zurück.
„Jut, hier ist noch ein Formular mit Zusatzfragen. Fülle es heute Abend aus und bringe es morgen bei mir vorbei. Ach ja, und lasse deinen Vater mitunterschreiben, dass er einverstanden ist, dass du auswandern willst.“
„Wieso denn auswandern? Ich denke, dort ist auch Preußen.“
„Bist wohl neunmalklug? Frag lieber nicht mehr so dummes Zeug! Klar ist das Preissen!“, bekam Ferdinand die Leviten gelesen.
„Oh, hier musst du mal dein vorlautes Maul halten. Vielleicht verstehen die keinen Spaß und versauen dir noch alles“, dachte Ferdinand bei sich.
Am nächsten Tag übergab er wortlos das unterschriebene Pamphlet.
„Ik hab was für dich.“
Ferdinand staunte nicht schlecht, als ihm ein schon unterschriebener Kolonialvertrag vorgelegt wurde.
Heimat ade, es muss sein! Es geht nicht anders. Es muss sein! Ich kann nicht dauernd anderen auf der Tasche liegen. Schluss aus!“, freute er sich.
Lachend kam er mit seinem Vertrag in der erhobenen Hand am elterlichen Haus an. Die Eltern beglückwünschten Ferdinand für seine Courage, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen.
„Das ist eben der Lauf des Lebens, dass die Kinder von zu Hause ausziehen“, stellte der Vater selbstsicher fest.
„Ja, aber so weit weg musste es nun auch wieder nicht sein“, monierte dagegen die Mutter.
Es dauerte dann noch 14 Tage, bis die Reise starten sollte. Ferdinand bekam einen Zettel in die Hand gedrückt, wann und wie spät er sich am Treffpunkt einzufinden hatte.
Die Abschiedszeremonie in der Familie fiel recht unterschiedlich aus. Die Mutter heulte schon seit ein paar Tagen, immer wenn sie Ferdinand sah. Dabei war sie es doch immer gewesen, die angemahnt hatte, dass die Kinder ihre eigenen Wege gehen müssen.
Ferdinand versuchte, sie mit Worten zu vertrösten:
„Mama, ich fahre doch nicht so weit weg. Dies sind doch bloß rund 100 Reisestunden Entfernung.“
Die Entfernungsangabe war jetzt gerade deplatziert, dies merkte Ferdinand sofort, denn die Mutter reagierte darauf mit einem Aufschrei: „100 Reisestunden, meine Güte, bis in die Stadt ist es eine Reisestunde, und solch eine Fahrt ist für mich schon eine kleine Weltreise.“
Der Vater versuchte nun, seine Frau zu beruhigen: „Wenn sich Ferdinand dort eingelebt hat, wird er uns doch ganz bestimmt wieder besuchen. Stimmt`s, Ferdinand?“
„Ganz klar, vielleicht bekomme ich Heimweh und komme ganz wieder zurück“, konterte er im gleichen Augenblick.
„Das wirst du auf gar keinen Fall tun. Auch wenn man in der Fremde ist, muss man sich durchbeißen. Das hast du doch bei uns gesehen“, ließ die Mutter laut wissen.
Ferdinand und sein Vater sahen sich von der Seite an und dachten im Moment das Gleiche: Abschiednehmen fällt ihr schwer - aber komme ja nicht wieder zurück an den elterlichen Herd!
Bei bester Gelegenheit nahm sich der Vater Ferdinand vor und schnauzte ihn an: „Hast wieder mal gelogen. Das sind gut und gerne 150 Reisestunden.“
„War ja auch eine Notlüge. Mama wäre doch in Ohnmacht gefallen, wenn ich ihr von einer noch weiteren Reise erzählt hätte.“
„Hast auch wieder recht. Ich verheimliche ihr auch einige bestimmte knifflige Dinge. Ist für das Eheleben manchmal von Vorteil. Musst dir merken.“
„Ich habe doch noch gar keine Freundin und du redest schon vom Eheleben.“
„Eben, du hast ja noch nicht die schönen Polinnen gesehen, da wirrste Augen machen.“
Am Abreisetag, um 10 Uhr des Jahres 1825, sollte sich Ferdinand am besagten Gasthof einfinden.
Die Mutter hatte bei einer Schneiderin noch einen neuen Leinenrucksack nähen lassen. „Mit solch einem alten Schinken als Rucksack lasse ich dich nicht in die Fremde reisen. Und zieh dich gut an. Du musst schon ordentlich aussehen. Was sollen denn die Leute dort denken, wenn du mit alten, abgewetzten Sachen dort ankommst?“
„Da kann ich dich beruhigen, ich habe mir sagen lassen, dass dort überwiegend Polen wohnen. Die werden auch nicht geschniegelt und gebügelt aussehen.“
Nun reichte es dem Vater. „Dass du ein loses Mundwerk hast, wissen ja alle hier in der ganzen Umgebung. Aber mit solchen Worten wirst du dir in der Fremde bestimmt keine Freunde machen. Setze es lieber an richtiger Stelle ein, damit kommst du garantiert weiter.“
Ferdinand prüfte vorsichtshalber noch einmal seine mitzunehmenden Papiere. Das wichtigste Dokument war sein Kolonialvertrag.
Dieser sicherte ihm ein Pachtgrundstück im Kreis Kolmar, oberhalb von Posen. Er nahm es nochmal in die Hand und küsste das Papier: „Bringe mir Glück, viel Glück!“
Ferdinand stand zur vereinbarten Zeit am noch geschlossenen Gasthof. Er sah sich um und sah einen jungen Mann, der angelehnt an der Hauswand saß. Neben ihm stand ein Stoffsack.
Ferdinand ging auf ihn zu, aber der Fremde war schneller und sprach zuerst: „Du fährst wohl auch mit nach Polen?“ Ferdinand wollte ihm gleich einmal die Marschrichtung beibringen, indem er meinte, die Region wäre nicht Polen, sondern die preußische Provinz Posen.
„Also doch Polen“, entgegnete sein Gegenüber.
Kollektiv wartete man auf das angesagte Pferdegespann.
„Ich glaube, wir beide sind die einzigen, die auf Reisen gehen“, meinte Ferdinand.
„Denke ich nicht. Ich habe gehört, dass wir ein Sammeltransport werden. Aber mal sehen, wie es kommt“.
Nach rund einer Stunde hörten beide Pferdegetrappel. Das Fuhrwerk hielt dann tatsächlich ein wenig später am Gasthof an. Es war ein Planwagen mit einem Vierergespann. Der Kutscher grüßte und fragte, ob denn der Gasthof schon aufhätte.
„Nein, hier steht, dass er heute erst am späten Nachmittag öffnet“, meinte geflissentlich Ferdinand.
„Scheiße, ich wollte hier noch etwas essen. Nun muss ich mein Brot herausholen. Also sitzt auf und wir fahren weiter. Unterwegs können wir uns ja über dieses und jenes unterhalten. Ab und zu kann mal einer von euch auf dem Kutschbock Platz nehmen. Der, der im Wagen sitzt, war schon hier bei mir oben.“
Erst jetzt sahen die beiden, dass es noch einen dritten Reisenden gab.
Das Gespann fuhr mit einem lauten Ausruf „Hü, hü“ des Kutschers los. Nach einer Fahrt über holprige Straßen hielt der Kutscher mit einem Brrrrrr das Gespann an. Man hielt an einem Gut fest. Flugs kamen drei junge Burschen auf das Gespann zu und nahmen auf Geheiß des Kutschers im Wageninneren Platz. „So, nun sind wir vollzählig und die Reise kann starten“, schrie der Kutscher hinein: „Wir fahren heute bloß noch rund sechs Stunden.“
Das Gespann fuhr teils über unbefestigte Sandstraßen und Straßen, welche mit Steinen ausgebaut waren. Nach einer Weile stand Ferdinand auf und krabbelte auf den Beifahrer-Kutscherbock. Ferdinand wollte eigentlich den Kutscher zur Reise und zum Zielort ausfragen, aber der drehte den Spieß um und fragte Ferdinand aus. Da er merkte, dass Ferdinand nur mürrisch antwortete, änderte er seine Taktik.
„Ich werde dir jetzt mal zeigen, was meine Pferde draufhaben. Beim Fahren werden die immer langsamer. Wenn man da als Kutscher nicht reagiert, machen die mit einem, was sie wollen. Musst du dir unbedingt merken. Aber nicht mit mir!" Hü, hott. Er schwang die Peitsche, und die Pferde wussten genau, was sie zu machen hatten. Traben. Schneller, ihr faulen Gäule.“ Ferdinand wurde es bang auf der Sitzbank.
„Der Kutscher will mir imponieren, derweil hat er aber den Verstand verloren“, dachte sich der verängstigte Ferdinand.
Sie befuhren gerade wieder eine steinige Straße, wo vorangegangener Regen die Steine freigespült hatte. Das rechte Hinterrad glitt von einem Stein ab und der gesamte Wagen geriet ins Schlingern. Der Kutscher hielt das Gespann unter Mühen an und sah sich ein hölzernes Wagenrad aus der Nähe an.
Der eiserne Radreifen hatte sich an beiden gegenüberliegenden Seiten vom Holzrad gelöst und stand quer. Der Kutscher überspielte die Panne, die ja mal vorkommen könne. Er zeigte auf den Unterboden des Wagens und ließ das dort befindliche Ersatzrad abbauen. Seine „Gäste“ mussten nun unter seiner Anleitung das Wagenrad wechseln.
Nach einer Stunde saß man wieder auf und die Fahrt ging weiter. Der Kutscher rief ins Wageninnere: „Heute Abend bekommt jeder von euch ein Bier gratis, vom Wirt spendiert.“
Dies wurde grölend zur Kenntnis genommen und die gegenseitigen Anspannungen untereinander lösten sich rasch auf. Jeder legte plötzlich seine Hemmungen ab und alle redeten gleichzeitig los.
Ferdinand war mit dabei. Mitten im Gerede fielen ihm die mahnenden Worte seines Vaters ein: „Junge, denke immer daran, besonders bei der Fahrt, dass du keinen Blödsinn redest. Vor allem muss dir klar sein, dass deine Mitreisenden bis zur Vergabe der Grundstücke deine Mitbewerber sind.“
Der Beherbergungsgasthof wurde erreicht und man zog in Dreibettzimmer ein. Danach gab es noch das Abendessen mit dem versprochenen Bier. Am nächsten Morgen war die Aufregung groß. Einer der künftigen Siedler war „stiften“ gegangen. Der Wirt meinte, dass dies bei ihm schon einmal geschah. Hinterher hatte man festgestellt, dass er Heimweh hatte und zurück in den Heimatort gelaufen war. Hier wird es auch so gewesen sein. Bei ihm wird es bestimmt die erste Nacht gewesen sein, in der er auswärts geschlafen hat.
Der Kutscher allerdings war stinksauer. Er ließ die Reisenden vor dem Gespann „antreten“. „Eines kann ich euch versprechen: Wehe, einer haut noch ab.
Dem hetze ich die Gendarmen auf den Hals. Von den Preußen werde ich nur voll ausgezahlt, wenn ich auch alle am Zielort abliefere. Also, aufsitzen, es geht weiter. Abhauen könnt ihr wegen mir in Polen.“
Die Reise ging wie geplant, nun aber zu fünft, weiter. Man näherte sich dem Kernstaat Preußen. Mit dem Einhergehen stellten die Reisenden fest, dass sich die Chausseestraßen hier in einem guten Zustand befanden.
„Heute Abend machen wir Rast bei Berlin“, verkündete der Kutscher. Die Freude war unter den Reisenden natürlich groß, Berlin einmal kennenzulernen.
Das Gespann hielt an und der Kutscher verkündete: „So, wir sind angekommen. Alle aussteigen.“
Verdutzt schaute man sich an. „Ich denke, wir halten in Berlin und nicht hier in der Prärie“, rief einer.
„Ich habe meine feste Reiseroute mit den vorgeschriebenen Übernachtungen. Was anderes kann ich euch nicht bieten, meine Herren. Preußen bezahlt die Reise und die Übernachtungen. Mehr ist nicht vorgesehen. Zum anderen sollt ihr eure paar Kröten, die ihr als Handgeld bekommen habt, nicht in Berlin ausgeben, sondern für euren Neustart gebrauchen.“
Man war zwar enttäuscht, aber nahm es mit Demut hin. „Feiern können wir später, erst müssen wir ranklotzen“, war die einhellige Meinung.
Es dauerte dann doch noch drei Tage, bis das Gefährt an seinem Ziel, einem großen Landgut, eintraf.
Ferdinand hatte sich bei seiner Ankunft auf dem Gut an die Worte des preußischen Anwerbers erinnert, der ihm den Rat gegeben hatte, sich als einer der Ersten registrieren zu lassen. „Die Verjabe erfolgt der Reihe nach. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst und bekommt das beste Land“, hatte der ihm eingebläut.
Tatsächlich stand Ferdinand als Zweiter vor dem großen, eichenen Verwaltertisch.
Der Verwalter meinte: „Nehmse mal Platz, ich bin gleich so weit.“
Ferdinand sah sich im Büro um. Ihm stach sofort eine hinter dem Schreibtisch an der Wand hängende große Flurkarte ins Auge. Eine Aufteilung in kleine Flurstücke konnte er aus seiner Entfernung zum Plan nicht erkennen. Gut sichtbar waren jedoch eingezeichnete Kreise, welche nummeriert waren.
Inzwischen sah der Verwalter auf und stellte sich mit seinem Namen, Sebastian Wülfrat, vor.
Ferdinand überreichte ihm seinen Kolonialvertrag und stellte sich ebenfalls vor. Sein Vater hatte ihm noch nachgerufen: „Du hast ein besonders loses Mundwerk. Benutze es dort auch und sei nicht unterwürfig. Falle keinem ins Wort, aber erzähle und mach so lange weiter, bis man dich abwinkt, aufzuhören zu reden.“
Herr Wülfrat hörte ihm tatsächlich aufmerksam zu, wie dieser von seiner Heimat berichtete. Er stand auf und bat Ferdinand, an die Karte heranzutreten. Jetzt sah dieser, dass große Teile der Karte in Feldstücke aufgeteilt waren.
„Na, da sind aber schon viele Felder vergeben“, schoss es Ferdinand in den Kopf.
Der Verwalter legte nun los und Ferdinand wurde klar: Das ist bei dem schon einstudiert. Während seiner Ansprache strich seine Hand vielmals kreisend über die Flurkarte.
„Der Acker besteht aus einem teils lehmigen Anteil mit einer guten Humusstruktur. Darunter befindet sich eine bis zu zwei Meter dicke Sandschicht. Diese äußerst wasserdurchlässige Schicht wurde mit der großen Eiszeit von der Küste der Ostsee angegespült. Dieses Land ist deshalb sehr fruchtbar, hinterlässt keine Staunässe und muss nur alle zwei bis drei Jahre grundgedüngt werden.“
Ferdinand kam aus dem Staunen nicht heraus. Sicher gefiel dies dem Verwalter, denn er meinte: „Na, dann wollen wir ihnen mal ein gutes Stück Boden heraussuchen.“
Wieder kreiste seine Hand über dem Plan, jedoch verdichtete sie sich auf eine kleine Region. Dann tippte er auf ein Grundstück, nahm den Stift in die rechte Hand und malte darauf einen Kreis.
„Das nehmen wir und sie werden ihre helle Freude daran haben. Hier, sehen Sie! Gleich vor Ihrem Grundstück befindet sich ein Feldweg, eingesäumt von beidseitigen großen Wildhecken. Von hier kommt die Hauptwindrichtung - und hier sind die Hecken. Wind und Wetter wird hier vor Ihrem Flurstück Einhalt geboten. Eigentlich ein ideales Grundstück.“
Ferdinand sah es ebenso und Herr Wülfrat stellte die notwendigen Papiere aus.
„Gehen Sie jetzt erst einmal zu Ihrem Zimmer. Frau Jankowiak wird sie einweisen.“
Für Ferdinand war klar: „Es stimmt schon, dass die Grundstücke nach der Ankunft vergeben werden. Aber der Verwalter vergibt sie nach seiner Nase: Wer passt zu mir oder wer ist mir zu hochnäsig? Ist mir doch auch egal! Ich denke, hier ein gutes Stück Boden abbekommen zu haben. Jetzt ist sich erst einmal jeder selbst der Nächste. Später werden wir Pächter uns schon zusammenraufen.“
Zufrieden schlenderte er über das Gut in Richtung des Wohnhauses. Frau Jankowiak empfing ihn überaus freundlich. Sie sprach ein gebrochenes Deutsch, sie war aber gut verständlich.
Sein Zimmer war zwar spartanisch eingerichtet, aber alles war peinlichst sauber. Frau Jankowiak sah an der Miene von Ferdinand, dass er sich das Zimmer besser eingerichtet hätte.
„Ferdinand - ich darf Sie doch so anreden? Wir sprechen uns hier alle mit dem Vornamen an. Wir räumen hier persönliche Sachen von Vormietern generell raus. Die sind teilweise verdreckt und kommen bei Nachmietern schnell in Verruf. Sie können sich doch nach und nach Persönliches nachkaufen.“
„Ist schon gut. Sie haben ja recht“, versuchte Ferdinand, das Gespräch in der Folge freundlich zu gestalten.
Frau Jankowiak erzählte nun, dass sie als Polin von den Preußen übernommen wurde, um für das Personal des Guts zu sorgen.
„Meinen Mann werden Sie nachher kennenlernen, denn er ist der Stallmeister“, erklärte sie Ferdinand.
Dieser bat sie, doch mal auf dem einzigen Stuhl im Zimmer Platz zu nehmen.
Nach einer halben Stunde verabschiedete sie sich: „Oh, jetzt habe ich mich verquatscht. Die anderen werden schon warten.“ Ferdinand rieb sich die Hände, denn er wusste jetzt Bescheid, wie hier alles ablief. Wichtiger war ihm aber, ihr Insiderwissen entlockt zu haben. Zufrieden steuerte er den Stall an.
Zygmunt, der Stallmeister, empfing Ferdinand mit den Worten: „Willkommen bei uns auf dem Hof. Das tägliche Geschäft musst du mit mir abstimmen. Komm mal mit in den Pferdestall rein. Hier stehen die Pferde, die ihr alle für die Landwirtschaft braucht. Das Problem ist, dass ich nicht garantieren kann, dass du immer dasselbe Pferd täglich bekommst. Es wird ja nicht jeden Tag ein Pferd gebraucht, sodass ich es anderen gebe.“
„Ist schon gut, ich kenne mich mit Pferden aus und werde schon mit allen auskommen“, entgegnete Ferdinand.
„Na, da bist du einer von wenigen, die hierbei eine Schnute ziehen.
Hier auf dem Schreibpult liegt eine Mappe von dir. Du kannst alles, was auf dem Hof vorrätig ist, benutzen beziehungsweise ausleihen. Dies musst du genau mit Datum und Zeit der Benutzung eintragen. Später, wenn du mal Einkünfte hast, werden diese Aufwendungen von uns, je nach Situation, aber immer moderat, verrechnet. Bis jetzt sind alle Pächter damit gut gefahren und führen ein gutes Leben. Wenn du klug wirtschaftest und gutes Geld einnimmst, kannst du dem Staat das Feld später teilweise oder komplett abkaufen. Auf eins muss ich aber noch aufmerksam machen: Schmu lohnt sich hier nicht. Bleibe immer ehrlich mit den Eintragungen, dann garantiere ich dir hier eine herrliche Zukunft.“
Am Abend feierten die neuen Ankömmlinge mit einem großen Krug Bier ihre Ankunft im neuen Land. Einer von den fünf Ankömmlingen sonderte sich ab, da er hier etwas anderes erwartet hatte.
„Du dachtest wohl, dir fliegen gleich am ersten Tag die gebratenen Tauben in den Mund?“, waren die moderaten Antworten.
Ferdinand suchte gleich die Nähe von Frau Jankowiak: „Was ist denn hier in der Region sonst noch los?“
„Feldarbeit, immer wieder Feldarbeit“, meinte diese lachend. Dabei musterte sie Ferdinand: „Wenn ich Sie mir so ansehe, dann könnte ich mir gut vorstellen, dass Sie bald Unterstützung von einer hübschen Polin bei der Feldarbeit haben.“
Ferdinand errötete, denn eine solche Antwort hätte er nun nicht erwartet. Jetzt scherzte man.
„Also im Ernst - den Gasthof Zum Krug müssen Sie schon mal kennenlernen. Hier gibt es auch das beste Bier der Region.“
Am nächsten Tag lief Ferdinand los, um sein Grundstück zu suchen.
„Na ja, das waren ja nicht einmal 15 Minuten vom Gut bis hierher. Von der Entfernung her ist dies schon einmal gut“, stellte er fest.
Jetzt stand er vor einem Feld, besser gesagt, einer Unkrautgegend. Da standen einen knappen halben Meter hohe Halme von Unkraut und Nester von Wicken, gemischt mit Luzerne. Er lief auf dem Feldweg an seinem Flurstück weiter. Neben seinem Flurstück war gerade ein junger Pächter, den Ferdinand schon einmal auf dem Gut flüchtig gesehen hatte, mit einem Pferd dabei, sein Feld zu eggen.
Ferdinand grüßte ihn bei bester Gelegenheit und man versprach sich, am Abend mal gemeinsam über die Zukunft zu sprechen.
„Jetzt muss ich weitermachen, damit ich die Einsatzzeit vom Pferd und der Egge kurzhalten kann“, verabschiedete sich der Feldnachbar. Nachdenklich lief Ferdinand weiter. Dabei beobachtete er noch andere Bauern bei ihrer Arbeit. Simon, der Feldnachbar von Ferdinand, winkte gegen Abend und beide nahmen auf einer Bank außerhalb des Guts Platz. Nun unterhielt man sich erst einmal über dieses und jenes.
„Also Ferdinand - ich darf doch Ferdi zu dir sagen? Ich denke, wir beide aus dem gleichem gleichen Holz geschnitzt. Ich gehe jetzt mal schnell ein bisschen Bier holen. Dann sprechen wir mal darüber, wie wir die Feldarbeit besser gemeinsam hinbekommen. Ich habe da schon länger Ideen im Kopf, aber mit meinem anderen Feldnachbarn kann ich nichts anfangen. Für mich ist das ein Stiesel, besser gesagt ein Eigenbrötler.“
Simon kam mit einem 2-Liter-Krug Bier zurück.
„Na, da haste du aber viel vor mit mir“, gab Ferdinand zum Besten.
„Du hast ja gesehen, mit welchen Mitteln ich geeggt habe“, begann Simon das Gespräch. „Es gibt hier leichte Feldtechnik und schwerere Geräte, wie Pflüge, Grubber, Eggen und die andere Feldtechnik, wo man zwei Pferde vorspannen muss. Das ist alles viel kraftsparender für Mensch und Tier. Und die Bodenstruktur kann man damit auch verbessern. Das Problem ist eben, dass die Einsätze viel teurer werden und dass manchmal zwei Leute dazu benötigt werden.“
Ferdinand hörte dem zu und gleich bei den Ansätzen von Simons Wortwahl verstand er, worum es ging.
„Und der Verwalter und Zygmunt werden nichts dagegen haben?“, fragte er vorsichtshalber nach.
„Nein, darüber habe ich schon mit dem Gut gesprochen. Dort hinten auf dem Feld bei der Biegung machen dies zwei Bauern schon seit dem vergangenen Jahr.“
Das Bier war ausgetrunken und die neuen Freunde versprachen sich, einiges gemeinsam anzugehen.
Wie Frau Jankowiak orakelte, nahm nun die Arbeit Fahrt auf und an Freizeit war nicht zu denken. Simon hatte inzwischen einen Teil seines Pachtfeldes gekauft und dort eine Scheune durch eine polnische Stellmacherei errichten lassen. Jetzt konnten seine Ernten gleich auf dem Feld eingelagert und von hier aus verkauft werden.
Ein Sonnabend brach an und Simon und Ferdinand verabredeten sich, doch mal auszugehen.
„Frau Jankowiak meinte, dass ich mal in den Gasthof Zum Krug gehen sollte“, schlug Ferdinand vor.
„Ja, machen wir! Ich war dort schon einmal, es ist aber schon länger her“, gab Simon zu verstehen.
Simon öffnete die Tür zur Gaststätte und eine gedämpfte Musik schlug den beiden entgegen. Sie nahmen an einem kleinen Ecktisch Platz und Simon klärte sein Gegenüber auf: „Das ist eine Suka, ein ganz altes Musikinstrument. Man sagt auch Streichlaute dazu.
In der ganzen Umgebung gibt es nur diesen Polen, der eine Suka spielen kann.“
Ferdinand sah sich im Raum um. Ihnen gegenüber saßen an einem Tisch vier junge Frauen, die sich angeregt unterhielten.
Während sich Simon und Ferdinand vornehmlich über ihre Arbeit unterhielten, schielte letzterer öfter zum Tisch der Damen. Sein Blick fiel auf eine junge, hübsche Brünette. Damit dies nicht auffiel, sah er zunehmend zum Wirt an der Theke, behielt dabei aber stets den Tisch im Auge.
Die Gesprächsthemen der beiden litten natürlich darunter. Ferdinand nippte immer öfter an seinem Bierglas, sodass sein Gegenüber ständig das Gespräch abbrechen musste. Der Wirt stellte natürlich, wenn er die Neige im Bierglas sah, stets ein frisch gezapftes auf den Tisch.
„Was ist denn heute mit dir los? Du säufst ja wie ein Scheunendrescher“, ließ Simon wissen. „Du hast jetzt schon drei Bier mehr als ich getrunken.“
Ferdinand dachte die ganze Zeit nach, wie er das Mädchen ansprechen sollte. Einfach hingehen und „Guten Tag“ sagen? Geht doch nicht! Daraufhin legte er sich eine Version zurecht: „Wir gehen jetzt nach Hause und im Vorbeigehen grüße ich sie. Zu Simon sage ich einfach: Die Biere haben mich müde gemacht. Das wird er schon einsehen.“
Gesagt, getan. Der Wirt hatte sein Geld und beide schickten sich an, zu gehen. Ein letzter Blick!
Dann passierte es: Die Augen zweier Menschen sahen sich im selben Augenblick an. Stechender Blick! Gefesselt!
Der Musikus machte auch Schluss, und dies bedeutete, dass das Ende der Öffnungszeit näher rückte.
Simon verließ vor Ferdinand das Lokal. Beim Hinausgehen nickte Ferdinand der jungen, hübschen Frau zu und sie nickte zurück. Es war um ihn geschehen.
Eine unendlich lange Woche kam auf Ferdinand zu, bis er am nächsten Sonnabend allein zum Gasthof ging. Sie war nicht da. „Sie wird schon kommen. Da bin ich mir ganz sicher“, redete er mit sich selbst, und so geschah es kurze Zeit später.
Die Tür öffnete sich, Ferdinand stand auf und ging ihr entgegen, nahm wortlos ihre Hand und beide nahmen am Ecktisch Platz. Der Wirt und selbst der Musiker schauten dem Paar hinterher. Ferdinand hatte seine erste große Liebe, Julie Mankowski, kennengelernt.
Das Frühjahr zog ein und damit die erste richtige Feldbestellung. Wie vereinbart, setzen Ferdinand und Simon gemeinsam die schwere Feldtechnik feldübergreifend ein.
Ratzfatz gingen alle Arbeiten vonstatten. Die Saat wurde in die Erde gebracht und Ferdinand fieberte seiner ersten Ernte entgegen.
Julie war Ferdinands angehende Ehefrau. Ihre polnischen Eltern, welche eine Zimmerei führten und im Nachbarort wohnten, sahen die Verbindung ihrer Tochter mit dem deutschen Ferdinand wohlwollend.
Julie selbst sprach ein klein wenig Deutsch, sodass man sich vorerst einigermaßen unterhalten konnte.
Kapitel 2
Otto wird flügge
In der dritten Generation wurde 1878 Otto in Pudewitz bei Posen geboren. Sein Vater war Zimmerer und die Mutter Hausfrau. Otto wuchs mit seinem älteren Bruder Adolf auf.
Als die Berufswahl nahte, nahm ihn sein Vater zur Seite und meinte: „Otto, du hast doch nun vieles von meinem Beruf mitbekommen. Du willst doch bestimmt auch Zimmerer werden.“ „Niemals. Mit den herumfliegenden Holzspänen habe ich nichts am Hut. Nein, nein, das mache ich nicht. Ständig diese schweren Holzpfosten herumschleppen will ich nicht.“
„Und was gedenkt der Herr zu werden?“, fragte der Vater nach.
„Irgendwas mit Metall. Reparateur oder so was.“
Der Vater lachte laut auf: „Sohnemann, hast du dir das genau überlegt? Metall ist ja noch schwerer als Holz.“
„Schwerer schon, aber die Teile, die man trägt, sind dafür auch kleiner. Die kann man mit einer Sackkarre transportieren. Ich hab's! Ich werde Schmied. Ich habe mal einem Schmied zugesehen, wie er ein Hufeisen geschmiedet hat. Das hat mir imponiert.“, prophezeite Otto.
Der Vater gab es auf, seinen Sohn zu beeinflussen. Insgeheim gestand er sich ein, dass dies ein in dieser Zeit gefragter Beruf war. Überall wurden Schmiedearbeiten und Hufarbeiten aufgrund der unzähligen Massen von Pferden angefragt.
„Ich kenne in Geistlich-Glinka einen Schmiedemeister mit einer eigenen Schmiede. Soll ich bei dem einmal nachfragen?
„Aber eins ist klar: Jeden Tag kannst du da von der Entfernung her nicht nach Hause kommen! Dann musst du die Woche über dort wohnen.“, bot der Vater an.
„Ja, frage einmal an. Ich würde mich freuen. Und mit dem Wohnen habe ich auch kein Problem.“
Otto erhielt die Lehrstelle als Schmied. Im Ort bezog er ein kleines, möbliertes Mansardenzimmer. Schon nach einer Woche bereute er seine Entscheidung, Schmied zu werden. Die rechte Hand war von Blasen und Schwielen übersät.
Der Meister hatte Ottos Elan beobachtet und war sich der Folgen bewusst: „Na Junge! Jetzt reicht es erst einmal. Das Schmiedehandwerk ist keineswegs eine Dreschtenne, wo man mit dem Schlegel die Körner aus dem Getreide herausschlägt. Jeder Schlag erfolgt erst, wenn das Eisen die nötige Temperatur hat und gelb-rötlich aussieht. Aber das habe ich dir schon alles erzählt und in der Berufsschule ist dies der Lehrstoff der ersten Stunde.“
„Ja, aber ich wollte das Gurteisen noch schnell fertigmachen. Meister, wann kann ich denn mal ein Hufeisen schmieden?“
„Wenn du die Grundbegriffe des Schmiedehandwerks beherrschst“, meinte der genervte Meister.
Otto riss sich in der Folge am Riemen. Schon nach einem Vierteljahr konnte ihm der Meister eigenständige Arbeiten anvertrauen.
In der Berufsschule war er einer der besten Lehrlinge. Nach der dreijährigen Lehrzeit gratulierte der Meister Otto für seine sehr guten Leistungen.
Er gab ihm spontan eine Anstellung in der Schmiede. Hier arbeitete er einige Jahre als Schmiedegeselle.
Zwischendurch belegte er Lehrgänge für Hufschmied und Wagenbau. Dazu musste er tageweise in die Stadt Posen fahren.
In Posen lernte Otto Martha beim Markteinkauf kennen. Martha war die mittlere Tochter des Ackerwirts Heinrich. Heinrich war ein deutscher Bauer und kam mit der zweiten Welle der Übersiedlung nach Polen in diese Region.
Da die preußische Besiedlung in der Provinz Posen nicht zufriedenstellend war, stellte man ab den 1880er Jahren Ansiedlungskommissionen auf, die Deutsche mit Landpachtverträgen oder mit Kaufoptionen zu einem Landkauf in Polen für eine Umsiedlung animierten.
Heinrich erwarb so rund 20 Hektar Land und zog mit seiner Ehefrau nach Klein-Siekierki bei Posen. Die Ehefrau und Mutter von drei Kindern verstarb jedoch im frühen Alter.
Als nun Otto als Freund von Martha in der Familie auftauchte, war Heinrich im ersten Moment geschockt.
„Der Otto wird mir doch nicht meine Tochter Martha wegnehmen“, waren seine Ängste. Nach und nach wurde ihm aber bewusst, dass seine Kinder irgendwann ihr eigenes Leben führen wollten.
Ab jetzt beobachtete er ziemlich genau, welche besonderen Neigungen seine drei Mädels verfolgten. Im Normalfall sollte seine älteste Tochter Anerbin werden, aber er nahm wahr, dass sie überhaupt kein Interesse für die Landwirtschaft zeigte. Und Martha? Marthas Interessen lagen in der Hauswirtschaft. Sie hielt den Laden in Schuss, ging einkaufen und fuhr dazu gleich mal bis nach Posen. Sie kochte für die Familie vorzügliche Essen.
Im Haus achtete sie darauf, dass es im Haus keine Dreckecken gab, was ja auf einem Bauernhof nicht selbstverständlich war.
Aber für landwirtschaftliche Arbeiten entwickelte sie auch keinen richtigen Elan.
