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Eine Romanze wie aus dem Bilderbuch, erlebt die achtzehnjährige Elly mit dem sieben Jahre älteren Milan 1969 in ihrem Urlaub in Budva. Dass es kein gewöhnlicher Urlaubsflirt war, zeigen die liebevollen Briefe, die sie sich danach schreiben. Nach einem Jahr, wie ausgemacht, findet das Wiedersehen des Studenten aus Belgrad und der Hotelfachfrau aus Bayern, in Milans Heimatstadt Belgrad statt. Dafür nimmt Elly, die jetzt in Genf eine Sprachenschule besucht und sich als Au-pair bei einer amerikanischen Diplomatenfamilie das Geld dafür verdient, die 24-stündige Bahnfahrt mit dem Balkan-Express gerne in Kauf. Die Spannung steigt mit jeder Stunde die sie dem Mann, der ihr Herz höher schlagen lässt, näher bringt. Die zärtlichen Gefühle füreinander sind unverändert geblieben. Es erfüllt sich worauf sie beide lange gewartet haben. Was tatsächlich in ihnen vorgeht, darüber sprechen sie nicht. Es dauert fünfzig Jahre, bis sie endlich ihr Schweigen brechen………
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Seitenzahl: 166
Veröffentlichungsjahr: 2023
Elisabeth Müller
Meine Sonne
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Vorwort
Mein Sommer 1969
Ein Jahr später
Fünfzig Jahre später
Impressum neobooks
Vorwort
Meine Begegnung mit Milan fiel in die Zeit, als die Jugend der westlichen Welt gegen das Establishment zu revoltieren begann und Studenten ihren Unmut über die Regierenden lauthals in Demonstrationen kundtaten. Auch in Jugoslawien wurde protestiert, und von den Studenten, Milan war einer davon, eine Reform des Sozialismus gefordert. Als wir uns ganz unspektakulär an einem Zeitungskiosk trafen, konnten wir nicht ahnen, dass dies der Beginn einer einzigartigen Romanze sein würde, die mir bis heute als eine der wunderbarsten Erinnerungen meiner Jugend erhalten blieb. Mag sein, dass für manche Ohren das Wort Romanze wie aus der Zeit gefallen klingt, doch halte ich es, altbacken hin oder her, auf jeden Fall für das Geschehene von damals immer noch absolut zutreffend.
Ein bisschen Wehmut, das kann ich nicht leugnen, spielt mit, wenn ich mich hineinbeame in diese Sommertage von Montenegro 1969, und das Geschehene an mir vorüberziehen lasse genauso wie das Wiedersehen nach fünfzig Jahren.
Mein Sommer 1969
1969 bedeutete für mich, Freiheit in jeder Hinsicht. Ich gehörte zu den Glücklichen, die das für sich in Anspruch nehmen konnten. Ich war achtzehn.
1969 hieß für mich, daran festzuhalten, dass die Welt friedlicher, besser, schöner und gerechter werden wird, wenn wir alle was dafür tun.
1969 bedeutete für mich die Hippie-Flower-Power-Bewegung, der ich mich zugehörig fühlte. Mit ihrem Slogan „Make love not war“ als Protest gegen den Kalten Krieg zwischen Ost und West und den Vietnam Krieg der Amerikaner, traf sie auch meinen Nerv.
1969 bedeutete außerdem für mich das Musical Hair. Ich habe es im Sommer 1969 in München gesehen. Hair erzählt die Geschichte einer Gruppe gegen das Establishment eingestellter, langhaariger junger Männer (daher der Name des Musicals), Hippies, die sich gegen die Einberufung als Soldaten für den Vietnamkrieg auflehnen. Das Musical entstand in der Zeit, als sich die afroamerikanische Bürgerrechtsbewegung gegen Apartheid, Rassismus und Gewalt in Amerika formierte, was in dem Musical eine große Rolle spielt.
1969 fand in Amerika das legendäre Woodstock Musik-Festival statt. Ein Jahr später kam der Festival Film, der dort während der vier Tage, die das Festival dauerte, gedreht wurde, in die Kinos. Im Cinéma Le City in Genf, habe ich den Film mir voller Begeisterung angesehen.
1969 war auch das Jahr, in dem die Beatles, ich war ein absoluter Fan von ihnen, die bevorstehende Auflösung ihrer Band bekannt gaben. Anfang 1970 war es dann so weit.
1969 war für mich persönlich, das Jahr der Reifung zu einer selbstbewussten, unkonventionellen jungen Frau, die auch mit achtzehn genau wusste was sie wollte und entsprechend handelte.
Vor allem aber war das Jahr 1969auch das Jahr einer einzigartigen Romanze die ich erlebte. Sie war Anlass und Motivation für diese Erzählung.
Ich hatte gerade meine Ausbildung als Hotelfachfrau in einem renommierten Kurhotel eines bekannten Kurortes abgeschlossen und große Pläne für die Zukunft. Hoteldirektorin, nichts geringeres, schwebte mir vor. Erfahrungen in großen Häusern zu sammeln, war die Voraussetzung dafür. Das Palace Hotel in St. Moritz, das Grandhotel Atlantic in Hamburg oder der Bayerische Hof in München, das waren Adressen für eine Hotelkarriere. Ein Stipendium für die Hotelfachschule in Heidelberg, welches ich für meine gute Abschlussprüfung erhielt, stellte ich erst einmal zurück. Zunächst war es mir wichtiger, meine Sprachkenntnisse in Englisch und Französisch auf einen guten Level zu bringen, ein erheblicher Vorteil, wenn man bei einem der genannten Nobelhotels anheuern und über die edlen Schwellen treten möchte. Die Sprachen richtig sprechen lernen wollte ich, und sie nicht praxisfern auf dem Papier beherrschen. Es sollte Genf sein, die Metropole der französischen Schweiz, wohin ich wollte. Zumindest nicht weit entfernt davon. Diese internationale Stadt zog mich intuitiv an und war Beweggrund, mir dort eine Stelle als Au-pair zu suchen. Über den Jugendauslandsdienst in Frankfurt erhielt ich Adressen von Familien, die ein Au-pair-Mädchen suchten. Heute geht das meist über Agenturen, für die man bezahlen muss. 1969 war das ein kostenloses Angebot der Bundesregierung für junge Frauen. Meine Wahl, ich hatte mehrere Angebote, fiel auf eine amerikanische Diplomatenfamilie, bestehend aus Mr. und Mrs. Chamberlain und ihre beiden fünf und achtjährigen Kinder Anne und Robert, in Coppet am Genfer See, zwanzig Kilometer von Genf entfernt. DasVorstellungsgespräch, zu dem ich eingeladen wurde, verlief insofern gut, dass ich mit einem Arbeitsvertrag für ein Jahr, zwar nicht als Au Pair, es kam besser: als Küchenmanagerin des Diplomaten-Haushalts, was um einiges besser dotiert war, beglückt mit dem Zug von Genf aus wieder nachhause fuhr.
Tini, meine Schwester, sechs Jahre älter als ich und Drogistin von Beruf, hatte mit ihrer Kollegin Klara, einen Urlaub in Jugoslawien, genauer gesagt, in Montenegro, einer Teilrepublik dieses, damals noch Vielvölkerstaates, gebucht. Die zwei freien Wochen, bis zum Antritt meinerStelle als Küchenmanagerin sah ich sinnvoll darin genutzt, mich den beiden Damen kurzerhand anzuschließen, um mit ihnen einen Badeurlaub in Montenegro zu verbringen. Mit etwas Unbehagen zwar, wegen dem Fliegen, ich war in meinem jungen Leben noch nie geflogen. Doch mit Tini an meiner Seite, da fühlte ich mich schon immer wie in Abrahams Schoß, geborgen und beschützt. Sie hatte so etwas Fürsorgliches, Mütterliches in ihrer Art, wo man sich einfach aufgehoben fühlen musste. Das rührte wahrscheinlich daher, dass ihr unsere Eltern schon früh, mit elf oder zwölf, bestimmte Verantwortungen und die Aufsicht über unseren jüngeren Bruder George und mich übertragen hatten.
Grundsätzlich jedoch unterschieden wir beide Schwestern uns erheblich. Während Tini stets auf dem Boden der Vernunft agierte, und auch als Teenager nie zu Ausbrüchen, egal welcher Art, neigte, war ich eine kleine Revoluzzerin, der Enge und provinzielles Gehabe zuwider waren. Ich identifizierte mich mit der Flower-Power Bewegung der Hippies und trug eine Weile den Button „Make Love not war“ als Protest gegen den Vietnamkrieg, für jedermann sichtbar, an meiner Kleidung. Ein Pauschalurlaub passte eigentlich überhaupt nicht zu mir. Jedoch mit meiner Schwester, ich liebe sie immer noch sehr, in warmen Gefilden ein paar unbekümmerte Tage zu verbringen, war Motivation genug darüber hinweg zu sehen und mich ihr und ihrer sympathischen Kollegin Klara anzuschließen.
Ich rückte noch näher an meine Schwester heran, als die viermotorige Propellermaschine der Yougoslav Airlines in Stuttgart mit dem Ziel Dubrovnik abhob. Auf dem fast dreieinhalb stündigen Flug, bei dem ich die Propeller der Maschine von meinem Sitz aus beständig beobachten konnte, passierte irgendwann das, was man umgangssprachlich als „in ein Luftloch fallen“ bezeichnet. Thermische Luftveränderungen oder Fallböen können Ursachen sein für das plötzliche, aus seiner Flughöhe Absacken eines Flugzeugs. Diese nicht ungewöhnliche Begebenheit während eines Fluges ist flugerfahrenen Passagieren bekannt. Mich als Erstfliegerin beunruhigten diese, unversehens aufkommenden Schwankungen, natürlich. Aber, ich hatte ja meine Schwester neben mir, die mir ganz entspannt und überzeugend erklärte, was da vorging mit diesem Flieger. Meine Befürchtungen, dass wir uns vielleicht kurz vor dem Absturz befinden, waren damit ausgeräumt. Wirklich heftig war dieses kurzzeitige Absacken der viermotorigen Maschine nicht und der Pilot, wie es schien, hatte die Situation souverän, soweit er da eingreifen konnte, gemeistert. Das Wetter war gut und der restliche Flug verlief ohne weitere Zwischenfälle. Das letzte bisschen Anspannung bei mir war verflogen, als die Tabletts mit Essen und Getränken von äußerst freundlichenStewardessen verteilt wurden. Um diese charmanten,gutaussehenden und nicht weniger als einen Meter siebzig großen jungen Damen, ein Kriterium bei der Einstellung, jedenfalls bei der Lufthansa, rankte sich der Nimbus gleich Schauspielerinnen, von den Männern äußerst begehrt zu sein. Einigen prominenten Männern, so konnte man es in den Gazetten lesen, gelang es, eine Stewardess als Ehefrau zu gewinnen. Heute sind es sowohl Damen als auch Herren welche als Flugbegleiter und Flugbegleiterinnen als Teil der Crew den Service für die Gäste an Bord verrichten.
Da wir sehr nah beieinander saßen, betrachtete ich Tini manchmal so von der Seite und stellte immer wieder fest, wie gut sie aussah. Ihre Augen waren mandelförmig und hatten die Farbe von Karamell. Sie schminkte sie immer sehr wirkungsvoll, ebenso ihren schön geformten Mund, aus dem ihre perfekten Zähne, die sie von unserer Mutter vererbt bekommen hatte, blitzten, wenn sie lachte. Dieses genuine Merkmal blieb mir leider versagt. Die Zeit der Hochfrisuren war 1969 praktisch vorüber. Tini trug einen Bob und verstand es, diesen Haarschnitt stets durch eine der angesagten Tönungen zu unterstreichen. Moderne Kleider und Chanel-kostüme, oft von der Schneiderin unserer Mutter, Frau Kornblum, nach Burda-Schnitten angefertigt, füllten ihren Kleiderschrank. Die dazu passenden Schuhe, einige davon elegante High Heels, waren ein Muss für Tini. Außerdem duftete sie immer so richtig gut. Es war kein aufdringliches Parfüm das sie umgab, die fachkundige Drogistin, sondern ein feines Eau de Parfüm, bestenfalls ein Eau de Toilette. Bis heute hat meine Schwester das Gespür für besonders feine Duftnoten, die sie hauchzart und unaufdringlich, angenehm umgeben.
Ich bedauerte es, dass sie noch keinen festen Freund hatte mit ihren vierundzwanzig Jahren. Es hätte mir gefallen, wenn vielleicht schon bald sogar eine Hochzeit stattgefunden, und damit ein weiteres männliches Mitglied unsere Familie bereichert hätte.
Ich dagegen war im Hippie-Look unterwegs, mit bunten Röcken oder Jeans, mit Rüschenblusen und je nach Stimmungslage noch mit einem Schlapphut und wagenradgroßer Sonnenbrille. Meine langen, dunkelbraunen Haare unterstrichen diesen Look, mit dem ich mir absolut gefiel. Endlich, nachdem ich meine Ausbildung im Hotel beendet hatte, die fachlich interessant und persönlich bereichernd war, konnte ich mich so geben wie ich war und wie ich wollte. Als Hotellehrling im besten Hotel eines angesehenen Kurortes, galt es, da man auch in der Freizeit auf Gäste traf denen man bekannt war, in angemessenem Äußeren aufzutreten.
Petrovac na moru, ein kleiner Badeort ganz im Süden von Montenegro, war unser Urlaubsziel, wohin uns der Shuttlebus nach der Landung in Dubrovnik brachte. Der Bus fuhr auf der bekannt kurvenreichen Jadranska Magistrala, die in den 1960-iger Jahren gebaut wurde. Sie gilt bis heute als eine der schönsten und malerischsten Küstenstraßen weltweit. Einhundert und zwanzig Kilometer bis zu unserem Urlaubsort, bedeuteten zweieinhalb Stunden Fahrt mit dem Bus, was uns zunächst nicht gerade sehr erbauend erschien. Sie wurde jedoch zum Sightseeing, der besonderen Art und verschaffte uns sowie allen anderen, die mit im Bus saßen, erste Eindrücke dieser zauberhaften Gegend und pushte die Vorfreude auf den bevorstehenden Urlaub. „Schaut euch das an“ machte Tini auf die Meeresbucht von Kotor aufmerksam, eine von steilen Bergflanken gesäumte, fjordartige Bucht, die sich nahezu dreißig Kilometer südwärts in Richtung Montenegro erstreckte. 1979 wurde dieses Wunder der Natur, von der UNESCO in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen. „Zum Weinen schön“, befand meine Schwester, eine Meisterin von überbordenden Umschreibungen. Die wenigen Bilder im Reisekatalog konnten nicht im Geringsten das widergeben, was sich jetzt direkt vor unseren Augen in immer neuen Sequenzen auftat.
Heute haben wir das Internet, eine großartige Sache, ich bin begeisterte und eifrige Nutzerin davon. Alle Informationen und Betrachtungen zu jedweder Sache tun sich in Sekunden vor uns auf, I really love it! Überraschungseffekte allerdings, das Salz in der Suppe, bleiben, wenn man ehrlich ist, bisweilen auf der Strecke. Wir wissen ja schon fast alles wenn wir losfahren. 1969 jedenfalls staunte man noch und sog die Eindrücke begierig auf, die sich einem boten, vor allem wenn man noch nicht so wahnsinnig viel, wie ich, von der Welt gesehen hatte.
An den Ausspruch meiner Schwester Tini “Zum Weinen schön“ anknüpfend, kann ich heute, nach über fünfzig Jahren nur sagen „Zum Weinen schrecklich“ wenn ich im Internet die riesigen Kreuzfahrtschiffe in der Meeresbucht von Kotor kreuzen sehe. Es gibt nur einen Liegeplatz an einer langen Mole direkt neben der Stadtmauer, wo sie festmachen können. Ist dieser schon besetzt oder das Schiff zu groß, wird in der Bucht geankert. Die Passagiere kommen dann mit Tendern (kleineren Booten) an Land. Die Vorstellung, dass sie, wie Heuschreckenschwärme, in Jahrhunderte alte Städte, wie Kotor, einfallen, kaum Geld liegen lassen, jedoch umso mehr an Unrat, ist schrecklich. Von den städtebaulichen Schädigungen ganz abgesehen. Mittlerweile wurde dieser Stadt mit der Aberkennung des Titels „Weltkulturerbe“ schon gedroht, wenn sich nichts ändert. Doch bin ich voller Optimismus, dass sich auch in Kotor etwas tun wird, so wie in Dubrovnik. Dort wurde inzwischen dieser Zustrom an Menschenmassen eingedämmt, indem man die Anzahl dieser Giganten, die anlegen dürfen, auf ein verträgliches Maßreduzierte.
Im Grunde war Petrovac na moru damals, 1969, noch ein unspektakulärer montenegrinischer Badeort und etwa achtzig Kilometer von der albanischen Grenze entfernt. Tini, meine Schwester, hatte bei Hetzel Reisen in Stuttgart, diese vierzehntägige Pauschalreise zum günstigen Nachsaison-Preis für uns gebucht. Es war die Zeit des sogenannten Wirtschaftswunders, wo (fast) jeder Arbeit hatte und auch der einfache Angestellte und Arbeiter wenn er ein bisschen was „zur Seite legte“ sich einen Urlaub mit der Familie leisten konnte. Die Entwicklung des beständigen wirtschaftlichen Wachstums, bescherte, insbesondere der Reisebranche, einen Markt, der sich kontinuierlich steigerte, bis heute. Die Pauschalreise, bei der im vornherein für alles gesorgt war, wurde der Renner. Scharnow, Hummel Reisen und Touropa waren eher Anbieter für die besser Verdienenden und für geringere Einkommen meist noch zu teuer. Dies änderte sich, als Josef Neckermann, der Versandhauskönig, mit ausgeprägtem Unternehmergeist und Gespür für die Markt-Entwicklung, die „Neckermann Reisen“ gründete. Schnell konnte er damit große Erfolge erzielen und avancierte bereits in den 1970-iger Jahren zum Marktführer in Deutschland. Spanien, die Balearen, allen voran Mallorca, die Kanaren, Tunesien und Griechenland waren die bevorzugten Reiseziele der Deutschen. Charterflugzeuge (umgangs-sprachlich manchmal abschätzig Urlaubsbomber genannt) brachten sie zu den angenehmen Temperaturen der südlichen Länder Europas. Auch das sozialistische Jugoslawien mit seinen zahlreichen Inseln öffnete bereitwillig die Schranken für diesen boomenden Tourismus und versprach sich davon eine Verbesserung seiner wirtschaftlichen Lage, um die es nicht besonders gut stand. Der erhoffte Aufschwung für das Land blieb nicht aus. Waren es anfangs hauptsächlich westdeutsche Blechlawinen, die sich bei Ferienbeginn zu den Campingplätzen in Istrien und Kroatien wälzten, so konnte man jetzt Dank der Charterflüge nun auch entspannt und in viel kürzerer Zeit zu den südlichen Regionen Jugoslawiens gelangen. Die südlichste und unberührteste Bastion des Landes war die kleine Teilrepublik Montenegro. Mit den Vorzügen einer ursprünglichen Landschaft, dem Meer und den schwarzen Bergen (die in Wirklichkeit gar nicht schwarz sind) sollte auch sie etwas von dem Kuchen abbekommen, der jetzt im ganzen Land verteilt wurde. Bei der Bevölkerung, die größtenteils in sehr ärmlichen Verhältnissen lebte, kam das gut an. Der Ertrag aus ihren landwirtschaftlichen Produkten und dem Fischfang war bescheiden und andere einträgliche Arbeit gab es viel zu wenig. Mit dem beginnenden Tourismus erhoffte man sich auch hier, bessere Perspektiven für die Zukunft.
Das Hotel „Meeresblick“ war ziemlich neu und an einenHang gebaut. Dort angekommen befanden wir, dass es zurecht seinen Namen trug, denn der Blick auf das Meer war einzigartig und machte Stimmung auf die nächsten vierzehn Tage. „Vom Eingepfercht sein habe ich jetzt wirklich genug, ich will meine Beine ausstrecken“ verkündete Klara in gekünstelt weinerlichen Ton als wir aus dem Bus stiegen. Endlich standen wir an der Rezeption um den Zimmerschlüssel entgegenzunehmen. „Meine Damen, es tut mir schrecklich leid dass bei uns eine Überbuchung der Zimmer stattgefunden hat“. Dann bat der Rezeptionist um Verständnis, dass wir für zwei Nächte in einem Bungalow-Park, der zu dem Hotel gehörte, untergebracht würden. „Hauptsache dort gibt es ein Bett wo ich mich bald ausruhen kann, alles andere ist mir ziemlich egal“, war Klaras spontane Reaktion auf diese überraschende Mitteilung. Es war uns wirklich egal und wir hatten kein Problem damit, dass wir zunächst außerhalb des Hotels logieren sollten. Sonne, Meer, Schwimmen und Schnorcheln und vergnügliche Abende erhofften wir uns von diesem Urlaub. Ein Zimmer dagegen, auf dem wir uns hauptsächlich zum Schlafen aufhalten würden, spielte da eher eine untergeordnete Rolle. Für mich, die Jüngste des Dreigestirns war diese Flugreise in ein fremdes Land, wo eine andere Sprache gesprochen, in einer anderen Währung bezahlt wurde und Menschen verschiedener Ethnien friedlich zusammen lebten schon spannend genug und mit keinerlei bestimmter Erwartungen verbunden. Letztlich wurde der Bungalow unser Domizil für den gesamten Urlaub, was wir als absoluten Glücksfall empfanden.
Tini, Klara und ich waren ausgesprochene Wasserratten und kamen in Petrovac voll auf unsere Kosten. Das glasklare, türkisblaue Meer, in dem wir viel Zeit des Tages mit Schwimmen, Schnorcheln und Tretboot fahren verbrachten, begeisterte uns. Für andere hingegen, so konnte man beobachten, war die Adria mit ihren noch immer 22 Grad, schon zu kalt. Sie hatten ihren Spaß, indem sie wie die Störche im seichten Wasser staksten oder bis Kniehöhe hinein wateten und sich dabei köstlich amüsierten. Jeder nach seinem Gusto, und das meine ich hier gar nicht ironisch.
Heute ist Montenegro das kleinste und jüngste Land der neuen Balkan-Länder und eine unabhängige parlamentarische Republik. Es hat sich mittlerweile zu einem der beliebtesten Urlaubsländer an der südöstlichen Adria entwickelt. Bis dies soweit war, und der Vielvölkerstaat Jugoslawien aufgelöst wurde, hatte sich ein unvorstellbarer Krieg unter den Republiken entbrannt, auf den ich an anderer Stelle noch eingehen werde.
Wenn mich das öde Rumliegen nach dem Schwimmen nervte und ich keine Lust zum Lesen hatte, ging ich zu dem einzigen Kiosk, der sich oberhalb des Badestrandes befand. An einem der zwei Stehtische trank ich eine Cola oder einen Kaffee und beobachtete, wie Urlauber und Einheimische den Kiosk mit den unterschiedlichsten Absichten frequentierten. Zu gerne charakterisiere ich Menschen, hier gab es viele Möglichkeiten dazu. Hörte ich Leute englisch miteinander sprechen, freute ich mich, wenn ich auch nur einen Bruchteil davon verstehen konnte. Einmal stand ich in einer kleinen Schlange an um Ansichtskarten zu kaufen. Ein junger Mann, etwas weiter hinter mir,hörte dass ich deutsch sprach. „Kommst du aus Deutschland und bist im Urlaub hier?“ fragte er mich bevor ich wegging. Wow, dachte ich, der sieht aber gut aus, als ich ihn etwas genauer betrachtete. Barfuß, in Jeans und einem ausgeleierten T-Shirt darüber, hielt ich ihn für einen Handwerker, der Feierabend hatte und sich vielleicht ein Bier, oder ein paar Zigaretten kaufen wollte. Höflich stellte er sich mir vor: Er wäre Milan, Student aus Belgrad und mache mit seinen Eltern Urlaub in Budva, einer kleinen Stadt, fünfzehn Kilometer entfernt von hier. „Ach ja“, sagte ich „auf dieses sehenswerte Städtchen und die kleine Insel Sveti Stefan hat uns die Reiseleiterin im Bus schon aufmerksam gemacht, als wir von Dubrovnik hierher fuhren“. Der Student aus Belgrad erklärte mir, dass er auf einen Freund warte, mit dessen Auto sie hierher kamen. Dieser stamme aus der Region und habe einem Verwandten Ersatzteile für seinen PKW vorbeigebracht. Gleich müsse er kommen, dann würden sie wieder nach Budva zurückfahren. Ich sah ich es nicht als plumpe Anmache, als Milan mich fragte, ob ich mit nach Budva kommen möchte, wo am Abend einiges mehr geboten wäre als hier in Petrovac. Selbstverständlich würden sie mich später, wann immer ich das möchte, wieder hier her zurückbringen. Ich sah ihn an und musste nicht überlegen! „Das ist eine gute Idee, den Abend mal woanders zu verbringen, da komme ich gerne mit“. „Ich muss noch meiner Schwester Bescheid geben und mir etwas anderes anziehen, das dauert nicht lange“. „Es freut mich, dass du mitkommst, das gibt mir Gelegenheit, mein Deutsch ein wenig zu praktizieren“. „Ich warte hier solange auf dich, du musst dich aber nicht beeilen“ war die Antwort des freundlichen Studenten aus Belgrad.
Tini traf ich im Bungalow an. Sie und ihre Freundin Klara waren mit ihrem Styling für den Abend beschäftigt, der mit dem Dinner im großen Speisesaal begann, und an der Hotelbar endete, täglich darauf hoffend, dass sich mal die richtigen Kerle dort einfinden würden. Aber was noch nicht war, konnte ja noch werden. Die edlen Ritter der schwarzen Berge verteidigten wahrscheinlich noch ihre Burg bevor sie zu späterer Stunde hier einfallen würden, um die Fräuleins aus dem kalten Germanien etwas zu erwärmen. Tini, als ältere Schwester mahnte zur Vorsicht und nahm dazu ihre Verantwortung für mich so ernst dass sie mich zu dem Treffpunkt begleitete um sich selber ein Bild davon zu machen, wem ich mich so ganz spontan anvertraue. Als Wirtstöchter hatten wir beizeiten Menschen einzuschätzen und den richtigen Umgang mit ihnen, in unterschiedlichen Situationen, gelernt. Also, auf nach Budva!
