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Ich stelle mir vor, der liebe Gott, der allmächtig ist und einen Bart hat, warf ein Korn in den Fluss. Matsch, Dreck und Müll sammelte sich um des Korn. Das Wasser wurde geschieden. Die Insel entstand.
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Seitenzahl: 35
Veröffentlichungsjahr: 2021
Meine Stadt
Norden
Anselm
Der Süden
Mangel und Fülle
Das böse Kind
Geburt
Der Zaubergarten
Dänemark
Handel
Sex
Zombies und Cyborgs
Glück und Schmerz
Das Ende
Meine Stadt liegt wie ein Augapfel zwischen den Lidern seiner Strände inmitten eines Flusses. Sie wird vom Wasser umströmt, ein Wasser ohne Namen, wie auch meine Stadt keine Namen trägt. Auf meiner Landkarte findet man sie in der Mitte der Himmelsrichtungen.
Der Fluss umfließt sie von West nach Ost, weshalb sie die Form eines rechten Auges angenommen hat.
Nach Süden schaut man auf hügeliges, spärlich besiedeltes Grasland.
Auf dem Festland des Nordens dagegen wachsen Städte aus Stein, Glas und Beton. Im Norden liegt die Hauptstadt. Im Norden liegt Dänemark.
Meine Stadt ist nicht groß. Und sie ist ein wenig verkommen.
Dürres Gras wächst zwischen zahlreichen Ruinen leerstehender Häuser vergangener Leben.
Es sind einfache Bauten wie Schuhkartons aus Stein. Türen hängen aufgebrochen, lose in den Angeln oder fehlen ganz. Die Fenster sind zerbrochen.
Die Häuser wirken wie leere, zertretene Schneckenhäuser. Der achtlose Vandalismus ist ohne Bedeutung. Er tut niemandem weh.
Wetter gibt es selten.
Heute zum Beispiel ist kein Wetter. Das bedeutet, es ist grau, leicht bewölkt, dämmrig. Keine Jahreszeit ist. Also ist irgendwas mit staubigen Blättern an den Bäumen. Normales Jetzt.
Es ist warm in meiner Stadt. Helles Grau und Beige dominieren den Hügel, der sanft von West nach Ost anschwillt. Von West nach Ost umfließt ihn das Wasser. Von Ost nach West zieht die Sonne über ihn hinweg.
Alles hat seine Ordnung.
Ich betrete die Insel mit Dir über eine Brücke aus Metall und Beton vom südlichen Festland aus. Stahlrohre sichern den Fußgängerbereich. Das Wasser strömt grau und ruhig darunter.
In dem Bild, das ich gerade vor Augen habe, ist die Brücke weder befahren noch belaufen. So, wie auch meine Stadt leer und unbewohnt scheint. Sie wird selten besucht, und ich bin die einzige Bewohnerin. Ich und ein paar andere Ichs.
Ich lebe auf dem Hügel in einem bescheidenen Kasten, altmodisch möbliert und mit staubigen Gardinen, gegenüber eines staubigen, zertretenen Schneckenhauses.
Alles nicht meins.
Ich bin hier nur Gast.
Unten in der Dorfstraße, die von der Brücke auf den Hügel zu mir führt, gibt es ein paar Geschäfte. Die Auslagen sind von anno dazumal. Aber immerhin gibt es einen Lebensmittel-, einen Spiel- und Schreibwarenladen sowie eine Apotheke, die ja sehr wichtig ist.
Die Ladenbesitzer sehen alle gleich aus: Familien mit Mutter, Vater, Kind. Immer ein Junge und ein Mädchen. Fertigfamilien wie aus einem uralten Katalog. Läden wie Puppenstuben. Die stammen wohl aus einer Zeit, als gerade Katalogbestellungen in Mode kamen. Ich muss mir damals welche bestellt haben.
Ich stehe mit Dir auf dem Hügel meiner Stadt, meiner kleinen, schäbigen Stadt, und blicke nach Süden.
Hier ist der Himmel verhangen, das Gras gelb und der Strom grau. Am Horizont aber sehen wir die blauen Hügel: Das Grasland dort ist nicht verdorrt und der Himmel nicht verhangen.
Siehst Du?
Mein Herz schlägt schneller beim Blick nach Süden, denn dort ist es schön.
Da will ich hin.
Jeder will da hin. Aber kaum einer kann dort leben.
Geh arbeiten oder werde reich geboren.
Ich jedenfalls werde es nie schaffen.
Im Osten da drüben geht die Sonne nie grau auf. Und da wohnt ein Mann. Mein Mann. Er hat ein schönes Haus in der sonst unbewohnten Gegend. Ein Haus am Fluss meines Lebens.
Ich liebe diesen Mann und mein Herz sagt mir, dass er mich auch liebt.
Im Süden möchte ich wohnen. Im Süden ist es schön: die Sonne scheint, die Farben strahlen. Die Hügel besänftigen das Auge.
Wenn ich wie heute mit Dir abends auf dem Hügel meiner Stadt stehe, verstehe ich nicht, warum die Sonne dort untergeht. An so einem Ort kann nichts Schönes untergehen.
Dabei ist es so banal: natürlich hat das Südufer außer dem Osten auch einen Westen, und im Westen geht die Sonne nun einmal unter.
Im Westen lieget die Brücke zu mir.
Die leere Brücke zu mir.
Ich drehe mich nur ungern um. Drehe ganz langsam, um den Moment hinauszuzögern, meine Füße im Staub.
