Meine süße kleine Fee - Birke-May Bergen - E-Book

Meine süße kleine Fee E-Book

Birke May-Bergen

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Beschreibung

Große Schriftstellerinnen wie Patricia Vandenberg, Gisela Reutling, Isabell Rohde, Susanne Svanberg und viele mehr erzählen in ergreifenden Romanen von rührenden Kinderschicksalen, von Mutterliebe und der Sehnsucht nach unbeschwertem Kinderglück, von sinnvollen Werten, die das Verhältnis zwischen den Generationen, den Charakter der Familie prägen und gefühlvoll gestalten. Mami ist als Familienroman-Reihe erfolgreich wie keine andere! Seit über 40 Jahren ist Mami die erfolgreichste Mutter-Kind-Reihe auf dem deutschen Markt! Gisa Roers Schritte wirkten müde und schwer, als sie an diesem späten Nachmittag ins Studentenwohnheim zurückkehrte. Wie um denen zu entgehen, die fröhlicher waren als sie, wählte sie den Weg über die Treppe ins erste Obergeschoß. Mit gesenktem Kopf ging sie dort weiter, schloß eine der vielen schmalen Türen auf und betrat das Zimmer, das sie mit ihrer Kommilitonin Hanne Joost teilte. Sekundenlang lehnte sich Gisa gegen die Tür, die sie hinter sich ins Schloß gezogen hatte. Tief holte sie Atem, um der Tränen Herr zu werden, die sich in ihre graublauen Augen drängten. Dann stieß sie sich jäh von der Tür ab und ließ sich, ohne den leichten Anorak auszuziehen, auf die Liege sinken. Sie verschränkte die Arme unter dem Kopf und starrte an die Zimmerdecke, die der nahe Abend schon mit Schatten füllte. »Nanu, du bist hier – und hockst im Dunkeln, Gisa! Geht es dir nicht gut? Hast du wieder einmal Streit mit Manfred gehabt?« Gisa Roer stand auf, als Hanne die Deckenbeleuchtung einschaltete. »Ich fühle mich nicht krank. Und mit Manfred gibt es höchstens heftige Diskussionen, aber keinen Streit, Hanne.« »Na, dann ist ja alles klar«, erwiderte die braunhaarige Kommilitonin in burschikosem Ton, klopfte Gisa auf die Schulter und fuhr erschrocken zurück, als sie Tränen über Gisas Wangen rollen sah. »Du hast Bescheid?« erkundigte sie sich leise. Gisa nickte. Ratlos glitt ihr Blick durch dieses Zimmer, das sie mit so vielen Hoffnungen und Ängsten bezogen hatte und das sie nun verlassen würde, ohne Hoffnung, ohne Aussicht auf das, was sie nach diesem Studium angestrebt hatte. »Aber – aber bei den anderen hat es doch geklappt, Gisa«

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Seitenzahl: 145

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Mami Bestseller – 63 –Meine süße kleine Fee

Ein Mädchen wurde zum Schicksal einer Familie

Birke-May Bergen

Gisa Roers Schritte wirkten müde und schwer, als sie an diesem späten Nachmittag ins Studentenwohnheim zurückkehrte. Wie um denen zu entgehen, die fröhlicher waren als sie, wählte sie den Weg über die Treppe ins erste Obergeschoß. Mit gesenktem Kopf ging sie dort weiter, schloß eine der vielen schmalen Türen auf und betrat das Zimmer, das sie mit ihrer Kommilitonin Hanne Joost teilte.

Sekundenlang lehnte sich Gisa gegen die Tür, die sie hinter sich ins Schloß gezogen hatte. Tief holte sie Atem, um der Tränen Herr zu werden, die sich in ihre graublauen Augen drängten. Dann stieß sie sich jäh von der Tür ab und ließ sich, ohne den leichten Anorak auszuziehen, auf die Liege sinken. Sie verschränkte die Arme unter dem Kopf und starrte an die Zimmerdecke, die der nahe Abend schon mit Schatten füllte.

So lag sie auch noch, als nach einer guten halben Stunde Hanne Joost wie ein Wirbelwind ins Zimmer kam und erstaunt ausrief:

»Nanu, du bist hier – und hockst im Dunkeln, Gisa! Geht es dir nicht gut? Hast du wieder einmal Streit mit Manfred gehabt?«

Gisa Roer stand auf, als Hanne die Deckenbeleuchtung einschaltete. Sie wandte ihr Gesicht dem Fenster zu, während sie sich des Anoraks entledigte und mit tonloser Stimme antwortete:

»Ich fühle mich nicht krank. Und mit Manfred gibt es höchstens heftige Diskussionen, aber keinen Streit, Hanne.«

»Na, dann ist ja alles klar«, erwiderte die braunhaarige Kommilitonin in burschikosem Ton, klopfte Gisa auf die Schulter und fuhr erschrocken zurück, als sie Tränen über Gisas Wangen rollen sah.

»Du hast Bescheid?« erkundigte sie sich leise.

Gisa nickte. Ratlos glitt ihr Blick durch dieses Zimmer, das sie mit so vielen Hoffnungen und Ängsten bezogen hatte und das sie nun verlassen würde, ohne Hoffnung, ohne Aussicht auf das, was sie nach diesem Studium angestrebt hatte.

»Aber – aber bei den anderen hat es doch geklappt, Gisa«, murmelte Hanne verstört und legte mitleidsvoll den Arm um Gisas schmale Schultern.

»Soviel ich weiß, haben Marianne und Brigitte auch Absagen erhalten. Das Land tut eben sehr viel für die Bildung. Überall herrscht Lehrermangel. Doch eingestellt wird nur ein geringer Teil von uns.«

»So darfst du nicht sprechen. Hoffnung gibt es immer. Schließlich hast du ein Zuhause. Du stehst nicht allein da.«

Ein von Schmerz und Sorge entstelltes Gesicht wandte sich Hanne zu. »Ein Zuhause? Man hat meinen Vater gestern ins Krankenhaus gebracht, weil ja daheim keiner für ihn sorgen kann. Die Nachricht von seiner Erkrankung kam zusammen mit der höflichen Absage aus Münster, Hanne. Was nutzt mir ein Zuhause, da sämtliche Ersparnisse für mein Studium draufgingen? Ich wollte, ich stände wirklich allein da – dann könnte ich auswandern, brauchte auf keinen Rücksicht zu nehmen, müßte mich vor niemandem schämen.«

»Laß das Grübeln, Gisa«, sagte Hanne. »Komm mit hinunter. Ein paar feiern schon Abschied. Schade, daß die schöne Zeit vorüber ist. Ich werde alle sehr vermissen.«

»Neue Aufgaben werden dich rasch trösten, Hanne.«

»Aber neue Freunde werde ich so schnell nicht finden.«

Freunde! Gisa verzog ein wenig die Lippen. Unter Freundschaft hatte sie immer etwas anderes verstanden, als dazusitzen, zu diskutieren, zu trinken und zu tanzen. Und was Manfred betraf – auch die Trennung von ihm würde nicht so schmerzlich sein wie das Wissen am Ende einer hoffnungsvollen Zeit mit leeren Händen dazustehen und sein Ziel aus den Augen verloren zu haben.

»Du könntest bei meinem Bruder unterkommen«, schlug Hanne vor, als Gisa sich nicht rührte und wieder traurig aus dem Fenster sah. »Er hat drei Kinder und einen großen Hof. Zu darben brauchtest du dort nicht. Und keiner würde sich drängen…«

»Ich habe mir immer allein geholfen«, unterbrach Gisa sie. »Ich möchte es auch weiterhin tun. »Daß nun alles auf einmal mich wie eine Eislawine überrollt, das ist eben mein Pech. Für ein oder zwei Monate reichen meine Mittel noch. Vaters Rente kann ich nicht mehr einkalkulieren.«

»Was hat er denn? Ist es ernst?« wollte Hanne wissen.

»Ich fürchte, es ist auch hier ernster, als ich vermute. Und deshalb wirst du wohl verstehen, daß mir heute nicht der Sinn nach einer fröhlichen Zusammenkunft steht. Ich habe mich bereits nach einem durchgehenden Zug erkundigt. Nehme ich den morgen früh um halb sechs, so brauche ich nur einmal umzusteigen.«

»Fährt Manfred dich zum Bahnhof?«

»Nein.«

»Also doch Streit gehabt.«

»Nein, Manfred weiß noch nichts – von meinem doppelten Glück.«

»Gisa, du solltest nicht so reden!«

»Verzeih – ich werde es nicht wieder tun.« Gisa wandte sich dem Wandschrank zu und holte ihren Koffer hervor. Sie besaß nicht viel. Die Zeit des Packens würde kurz sein, kurz, aber nicht schmerzlos, denn mit jedem Stück des Loslösens würde sich die Einsamkeit vertiefen.

*

Schon auf der langen Bahnfahrt gen Norden schweiften ihre Gedanken immer wieder ab, kehrten in die Vergangenheit zurück – zu jenen Tagen, da die Mutter in der Telefonzentrale der Stadtverwaltung gearbeitet hatte, um ihrer einzigen Tochter das Studium zu ermöglichen. Und dann war die Mutter ganz plötzlich an einer Sepsis gestorben. Nach dem Tode der Mutter hatte sich das Herzleiden des Vaters verschlimmert, hatte sie, Gisa, halbtags arbeiten müssen, um ein bißchen Geld auf die Seite schaffen zu können. Auch der Vater hatte nur eins gekannt und gewünscht: Sie, Gisa, als zukünftige Pädagogin zu sehen, sie nach eifrigem Studium durch eine gute Position abgesichert zu wissen…

Und nun kehrte sie ohne Hoffnung heim und durfte den kranken Vater durch nichts beunruhigen. Es würde schwer sein, ihm ein Glück vorzuspielen, das nicht einmal mehr in Gedanken bestand.

Aber Gisa Roer hielt tapfer durch. Ernst und gefaßt nahm sie die Nachricht des Chefarztes entgegen, die die letzte ihrer Hoffnungen zunichte machte. Lächelnd und zärtlich verweilte sie neben dem Sauerstoffzelt, unter dem ihr Vater acht Tage lag, ehe er von seinem schweren Leiden erlöst wurde.

Plötzlich gab es in Gisa Roers Leben keinen Inhalt mehr. Sie hatte nicht einmal den Trost, einige letzte Worte des Vaters zurückbehalten zu dürfen. Er war nicht in der Lage gewesen, mit ihr zu sprechen. Doch seinen dunklen, ängstlich forschenden Blick glaubte sie auch dann noch zu spüren, als die Beerdigung vorüber war und sie sich allein in der kleinen Wohnung befand, die so leer und düster schien wie ihr Innerstes.

Es stürmte in dieser Zeit so viel auf Gisa ein, daß sie kaum zum Besinnen kam. Und als es nach Tagen ruhiger wurde, konnte sie auch die Erkenntnis nicht mehr niederschmettern, daß diese Wohnung nicht zu halten war, daß der elterliche Haushalt in Kürze aufgelöst werden mußte.

So vergingen drei weitere Wochen, in denen sich für Gisa die Welt immer mehr zu verdunkeln schien. Kleine Gelegenheitsarbeiten halfen ihr ein bißchen weiter. Es gab weder den Glauben an die Wende zum Guten noch die Aussicht darauf, denn es war eine Zeit, da es viele Arbeitssuchende gab und man für die gutverdienenden Posten Kräftigere wählte als Gisa Roer, die so zart schien und doch an ihrem Unglück nicht zerbrach.

Auch an diesem Tag machte sie kurz auf einer Bank im Stadtpark Rast, ehe sie in ihr möbliertes Zimmerchen zurückkehrte. Sie sah eine Weile den Kindern zu, die tobten und spielten, und auch den jungen Müttern, die trotz Sicherheit und liebenden Ehemännern so sorgenvoll und wichtig taten. Es war kein Neid in ihr. Die Resignation hatte solche Gefühle längst verscheucht.

Als es nichts mehr zu schauen gab, griff Gisa nach der Zeitung, die jemand auf der Bank zurückgelassen hatte. Zuerst las sie sehr flüchtig und so, als müßte sie sich beeilen. Der Anzeigenteil fesselte kurz ihre Aufmerksamkeit. Doch was sie entdeckte, war nichts, das ihr Herz schneller schlagen ließ, weil sich hier keine Möglichkeit zum Geldverdienen bot.

Schon wollte sie die Zeitung zur Seite legen, als ihr beim Umblättern der letzten Seite ein kleines Inserat auffiel, dessen fettgedruckter Text lautete:

Kurzfristig kinderliebe, junge gebildete Dame gesucht. Angebote erbeten unter Chiffrenummer 3348.

Gisa nahm das letzte Blatt der Zeitung mit sich. Sie antwortete kurz und knapp auf das Inserat. Und fast kam es ihr ein wenig unfreundlich vor, was sie geschrieben hatte. Aber wozu sich groß anpreisen, da dies auch nur ein weiterer von all den vielen vergeblichen Versuchen sein würde.

*

Wie zähflüssig reihten sich die Tage aneinander. Da es viel regnete, verbrachte Gisa einen Teil der Zeit damit, ihre Garderobe zu ordnen und in den Heften und Büchern zu lesen, die als einziges an die Zeit des Studierens erinnerten.

Dann erhielt sie gleich drei Briefe auf einmal. Der erste enthielt eine unerhört hohe Rechnung der Firma, bei der die Möbel lagerten, von denen Gisa sich nicht hatte trennen wollen. Das zweite Schreiben war Hannes fröhlicher Bericht über ihre ersten Erfahrungen im Schuldienst. Der dritte Brief trug keinen Absender und enthielt einen Büttenbogen mit folgendem Inhalt:

Sehr geehrtes Fräulein Roer!

Bezugnehmend auf Ihre Zuschrift, möchte ich Sie bitten, am 12. d. M. hierher nach Leinighoven zu kommen. Hochachtungsvoll…

Es folgte eine Unterschrift, die zwar sehr lang, aber unlesbar war. Gisa stieg das Blut zu Kopfe. Irgendwie ärgerte es sie, daß man so kurz und unpersönlich antwortete, sich nicht für das lange Stillschweigen entschuldigte, sie an einen Ort beorderte, den sie nie zuvor gehört hatte.

Aufgeregt war Gisa Roer aber doch, als sie zwei Tage später aus dem Zug kletterte und sich auf einem kleinen Bahnhof wiederfand, als einzige Reisende, als einziger Mensch ringsum, wie es schien.

Beinahe hätte ihr dies das erste Lächeln nach so vielen traurigen Wochen entlockt. Entschlossen ging sie weiter, über von Gras bedeckte rostbraune Schienen hinweg, da die Tür des kleinen Bahnhofgebäudes verschlossen war.

Vor dem Bahnhof gab es ein paar alte Ulmen, einen Karren mit nur drei Rädern, einen Hund, der bellend davonlief, als Gisa um die Ecke kam. Sinnend sah sie ihm nach, bis er zwischen hohen Halmen verschwand. Sie kam sich vor wie am Ende der Welt. Und es ärgerte sie ein wenig, daß sie nicht erwartet wurde, daß es hier keinen Menschen gab, der ihr eine Auskunft hätte geben können.

Aufs Geratewohl schlenderte sie den Weg entlang, der der breiteste war und Räderspuren zeigte. Rechts und links von hohen Hecken begrenzt, führte er unvermittelt auf einen sonnenhellen Platz mit kleinen, aber gepflegten Fachwerkhäusern. Hier sah Gisa die ersten Zeichen dörflichen Lebens, sah Blumen, Pferde und Menschen.

Wie von selbst lenkten sich ihre Füße dem geöffneten Parktor zu, das von zwei mächtigen, runden efeuumrankten Säulen flankiert wurde. Der Weg hatte zu diesem Tor geführt; sie mußte demnach ihrem Ziel recht nahe sein. Durch eine breite Allee von Rotbuchen schritt Gisa weiter. Sie sagte sich, daß sich hier unversehens ein kleines Abenteuer bot und daß es ihre Sache sei, es zu bestehen. Nichts deutete darauf hin, daß es einen Grund für die seltsame Beklemmung gab, die sie überfallen hatte. Park und Weg waren sehr gepflegt. Und das langgestreckte Gebäude, das sie dann jenseits einer weiten Rasenfläche entdeckte, machte trotz seines dunklen Mauerwerks und des bemoosten Daches einen sympathischen, etwas trutzigen Eindruck.

Während sie langsam weiterging, auf die Freitreppe zu, die sich von rechts und links dem mächtigen Eichenportal zuschwang, versuchte sie sich daran zu erinnern, was die klassischen Helden der Literatur in einer ähnlichen Situation gedacht und getan hatten. Doch es fiel ihr nichts ein, was sie hätte beruhigen, ihr das Gefühl der Unsicherheit hätte nehmen können. Und wie zum Trotz hob sie stolz den Kopf, als auf ihr Läuten hin ein weißbeschürztes ältliches Mädchen erschien und sie mißtrauisch musterte.

»Roer«, stellte Gisa sich eine Spur zu hochmütig vor. »Ich werde erwartet.«

Das Mädchen schien überrascht. Es verharrte auf der Stelle und schien nicht zu wissen, was es nun tun sollte. Gisa betrachtete es; und da es einfach und etwas altmodisch gekleidet war, konnte sie sich des unbehaglichen Gefühles nicht erwehren, daß die Fahrt mit dem D-Zug sie unvermutet in eine längst vergangene Zeit gebracht hatte. Viel schien der Herr Lissbach nicht für seine Angestellten auszugeben. Das schwarze Kleid des Mädchens war recht schäbig, die Frisur unkleidsam. Es lag die Vermutung nahe, daß auch bei ihr, Gisa, nicht viel Wert auf ein

gepflegtes Äußeres gelegt wurde. Und daraus konnte man wiederum mit bangem Herzen folgern, daß das zu betreuende Kind auch nicht so war, wie man es im stillen gewünscht hatte.

»Soll ich hier draußen warten, bis Sie sich entschieden haben, ob Sie mich hereinlassen oder nicht?« fragte Gisa mit scharfem Ton, als sich noch immer nichts tat.

»Der Herr ist nicht da«, antwortete das Mädchen, dessen Gesicht sich hochrot verfärbte. »Ich weiß nicht, ob…«

»Was gibt es da zu schwatzen?« rief im selben Augenblick eine Stimme, deren Kälte auch Gisa zusammenfahren und erschrocken blicken ließ. Das Mädchen fuhr herum, gab den Blick auf eine alte Dame frei, die sich langsam näherte. Gisa sah ein Paar stechend dunkle Augen auf sich gerichtet, sah einen welken Mund, der sich wie im Ekel verzog.

Dennoch lächelte sie höflich, stellte sich ein zweites Mal vor:

»Gisa Roer – ich werde erwartet.«

»So? Davon weiß ich nichts«, erwiderte die alte Dame, die nun dicht vor ihr stand und sie kritisch musterte.

»Sie sind Frau Lissbach?« erkundigte sich Gisa aufs Geratewohl. Es war, als hätte sie damit zugeschlagen. Die alte Dame fuhr zurück und hob wie in Abwehr die rechte Hand, an der ein großer Ring glänzte, dessen tiefblauer Stein von Brillanten umgeben war.

»Wer sind Sie?« fragte die alte Dame mit empört klingender Stimme.

»Gisa Roer. Ich wurde für diesen Tag schriftlich hergebeten. Es handelt sich um das Inserat, das…«

»Ach, darum geht es«, unterbrach die alte Dame sie. Wieder glitt der Blick aus den stechenden dunklen Augen über Gisa hin, schien alle Einzelheiten genau aufzunehmen und nichts anerkennen zu wollen. »Mein Neffe ist zur Zeit nicht hier«, erklärte sie kühl. »Aber ich kann das auch erledigen. Bitte, kommen Sie mit in den Salon.«

Obwohl Gisa am liebsten umgekehrt wäre, folgte sie der alten Dame, indes das Mädchen eilig die Eingangs­tür schloß und dann irgendwo im Dunkeln der großen Halle verschwand. Wieder tat sich eine Tür vor Gisa auf. Doch es wurde nicht heller. Der Salon, den sie betrat, hatte dunkle Möbel, Wandtäfelungen und erhielt wenig Licht von draußen, da vor den beiden hohen Rundfenstern Blautannen standen. Gisa hatte das Gefühl, als müßte sie eins der Fenster öffnen und tief Luft schöpfen.

»Mein Neffe hat über die leidige Angelegenheit mit mir gesprochen«, erklärte die alte Dame plötzlich. »Das geschah zwar in Eile, ließ bei mir jedoch den Eindruck zurück, daß es sich um eine versierte Kraft handeln würde, die er einzustellen gedenkt, wenn die Voraussetzungen gegeben sind. Aber Sie…« Beinahe mitleidsvoll wirkte der Blick aus den stechenden dunklen Augen. Und das brachte Gisa den Mut und die Sicherheit zurück, die sie brauchte, um dieser hochmütigen alten Dame klarzumachen, daß sie sich nicht mehr im Zeitalter der Leibeigenschaft befand. Entschlossen reckte sich Gisa, lächelte liebenswürdig und sagte: »Ich wurde von Herrn Lissbach gebeten, heute herzukommen. Ich möchte daher auch nur mit ihm sprechen. Noch habe ich mich nicht entschieden. Es liegt an ihm, ob ich diese Stellung annehmen werde oder nicht. Und deshalb möchte ich hier auf ihn warten. Er wird gewiß bald zurückkommen, da es ihm ja bekannt ist, woher ich komme und wie lang die Reise nach Leininghoven ist.«

Die alte Dame schien überrascht zu sein. Feindselig blitzte es in ihren Augen auf, ehe sie scheinbar gleichmütig zur Antwort gab: »Wie Sie wünschen… Aber ich glaube kaum, daß Sie die geeignete Person sind, um die Tochter des Majoratsherrn zu betreuen. Sie haben eine sehr moderne, jedoch für unsere Kreise abstoßende Art, von einem Baron von Lissbach als von einem Herrn Lissbach zu sprechen, mein Fräulein. Sie werden verstehen, daß ich deshalb gern auf Ihre Gesellschaft verzichte. Eins unserer Mädchen wird sich um Sie kümmern, wenn Sie unbedingt warten wollen.«

»Danke, das ist nicht notwendig«, entgegnete Gisa, öffnete die Aktentasche, zog ein Buch heraus. Während sie es aufschlug, wagte sie einen verstohlenen Blick zu der alten Dame hin und stellte mit Genugtuung fest, daß diese sich ärgerte.

Doch Gisa las nicht in dem Buch, als sie allein war. Sie stand auf und ging ein bißchen herum. Von der Tür bis zum Fenster waren es genau elf Schritte, aber diese führten nicht zu etwas, das den Schlag des Herzens beruhigte oder einen fröhlicher stimmte. Die Tannen draußen wirkten ebenso dunkel und abweisend wie dieser Salon, der so schöne alte Möbel hatte, die ganz anders zur Wirkung kommen könnten, wenn… Und schon begann Gisa in Gedanken alles umzustellen, mehr Licht hereinzuschaffen, das matte Dunkel der Vertäfelung durch handgewebte helle Vorhänge zu mildern. Man hatte oft über sie gelacht, wenn sie so schnell dabei war, mit Worten und Vorschlägen zu verändern, was ihrer Meinung nach nicht gut war. Aber jetzt lachte niemand – und der schlanke dunkelhaarige Mann, der jetzt hereinkam, so leise, daß sie es nicht hörte, blieb an der Tür stehen und beobachtete sie verblüfft, während sie dastand und vor sich hinmurmelte. Mit den Händen beschrieb sie die Kreise, vollführte sie Arbeiten, die hier gewiß nie genehmigt werden würden.

Gisa war so in Gedanken versunken, daß sie völlig vergaß, zu welch einem Zweck sie hergekommen war. Und als dann unvermutet ein Räuspern hinter ihr aufklang, fuhr sie erschrocken herum und fragte ärgerlich:

»Schleichen Sie immer so herein?«