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Die Verschwiegenheit ist Programm. Sie kann selbstverschuldet sein, muss aber nicht. Selbstverschuldet, wie ein ereignisarmes Leben.
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Seitenzahl: 191
Veröffentlichungsjahr: 2018
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"So schweiget nun
und lasset mich reden,
es komme über mich, was da mag!"
Hiob 13,13
Schön, dass du so früh schon hier bist. Ich schätze deine Pünktlichkeit, sagte ich. Ich schätze es überaus. Wie ich alles an dir schätze, wenn ich ehrlich sein darf, sagte ich. Ich bin froh, dass ich dich kennenlernen durfte. Dass ich dich überhaupt getroffen habe. Es ist für mich sehr wertvoll, dich gefunden zu haben. Es ist, so könnte man sagen, äusserst kostbar. Ich weiss nicht, ob ich mein Vorhaben ohne dich hätte verwirklichen können, mein Projekt.
Mein Donnerstagabendmahl, wie ich es nenne.
Setz dich nur noch ein paar Minuten zu mir, sagte ich. Das kann nicht schaden. Wir haben genügend Zeit, sagte ich. So wie es aussieht.
Ausreichend Zeit. Das alles wäre gar nicht möglich gewesen ohne dich, sagte ich. Mein Vorhaben ist zur Hälfte auch dein Projekt, wenn man so möchte. Es ist genaugenommen, im weitesten Sinn, ein partnerschaftliches Projekt. Ein Gruppenprojekt eigentlich. Eine Gruppenarbeit. Gruppenidee. Es gibt keine Sitzordnung, setz dich wo du möchtest. Auch heute keine Sitzordnung. Wir sind allen möglichen Konstellationen zugänglich. Nur noch ein paar Minuten. Das Donnerstagabendmahl ist ein Kooperationsvorhaben, wenn wir es genau sagen möchten. Mehr noch als eine reine Idee. Es ist eine Konzeption mit Tatkraft würde man sagen, sagte ich. Das Donnerstagabendmahl ist mehr noch als ein alleiniger Grundgedanke. Es ist ein lebendiger Gedanke, ein umgesetzter, ein tatsächlicher Gedanke, wie soll ich sagen?, ein lebendig gewordener Gedanke. Mehr als ein gedachter Gedanke. Es ist ein geborener Gedanke, sagte ich.
Es ist nicht nur ein Wissen, wie soll ich sagen?, es ist Gewissheit, sagte ich. Gewissheit. Jetzt ist es gut: Gewissheit. Genau. Gewissheit, sagte ich. Gewissheit! Ein Fakt. Faktizität, sagte ich.
Ein Sachverhalt, ein Tatbestand! Gewiss, ein Tatbestand, sagte ich. Das Donnerstagabendmahl ist unser Kind sozusagen. Unser gemeinsames Kind, wenn du weisst was ich meine.
Gemeinschaftlich. Ein gemeinschaftlich vereinigtes. Es ist vielleicht sogar noch mehr als unser gemeines Kind, sagte ich. Ein eineiniges Kind, sagte ich. Sozusagen eineinig. Mit einer hohen Bedeutung, einer tiefen Bedeutung, sagte ich. Mit einer hochstehenden Bedeutung, mit einer tiefgreifenden Bedeutung, möchte ich sagen. Nur noch ein paar Minuten, sagte ich. Ich habe dich diese Woche gar nicht gesehen. Die ganze Woche über nicht; auf jeden Fall. So versteckt wie du bist. Den ganzen Tag versteckt, sagte ich. Immer bist du so versteckt, sagte ich.
Zurückgezogen. Abgesondert. Fast schon unheimlich. Apart, wenn man so möchte. Apart! Du verbirgst dich. Die Gläser stehen auf der Anrichte, sagte ich. Immer stehen sie auf der Anrichte. Nimm nur eins. Keine Ursache! Du verheimlichst dich auf eine Art. Deine Art. Zuhinterst. Hältst dich bedeckt. Zuhinterst hältst du dich bedeckt, ganz apart. Auf der Anrichte, rechts, sagte ich. Wo immer. Stets rechts auf der Anrichte! Immer zuhinterst im hintersten Büro. Ganz hinten, sagte ich. Ich habe mich gefragt, warum du dich versteckst. Die ganze Zeit. Ich habe mich gefragt: Warum versteckt sie sich nur? Die ganze Zeit. Das habe ich mich gefragt, sagte ich. Nicht nur diese Woche habe ich mich das gefragt. Schon seit ich dich kenne habe ich mich das gefragt, sagte ich. Was du geheim zu halten versuchst, fragte ich mich. Ob du etwas zu verschleiern suchst, allenfalls. Zu maskieren, wenn man so möchte. Zu verhüllen.
Oder ob dir etwas peinlich ist? Die Eiswürfel stehen daneben. Gleich. Gleich daneben. Links, sagte ich, die Eiswürfel. Es hat noch weitere im Eisschrank. Für nachher. Unmengen, sagte ich.
Ist das deine Art?, fragte ich mich. Deine eigenste Art? Ureigenste? Warst du schon immer so? Das fragte ich mich, als ich dich zum ersten Mal sah. Beim ersten Mal fragte ich mich das – ehrlich gesagt – noch nicht so detailliert wenn du weisst, was ich meine. Ich stellte mir alle diese Fragen damals noch nicht bis ins Detail.
Ins hinterste Detail. Nicht ins Hinterste. Bis ins Kleinste. Damals nicht. Am Anfang sicherlich weniger, heute fraglos mehr. Die Antipasti sind auf dem Buffet. In der grossen Schale, sagte ich. Diese Fragen stelle ich mir heute vorherrschender. Selbstredend, sagte ich, selbstredend! Freilich nicht ganz übermächtig, nein, sagte ich. Aber zentral. Recht zentral, sagte ich. Stark ausgebildet. Nicht dominant, damit du das verstehst. Aber sie sind vorhanden. Prävalent würde ein Gebildeter sagen, sagte ich. Prävalent.
Ein schönes Wort, sagte ich, prävalent! Erst heute sind diese Fragen aktuell geworden. Indes nicht akut, keine Bange. Keineswegs beunruhigend, sagte ich. Ich habe dich ja nur kurz gesehen. Am Anfang nur kurz. Nur ganz kurz, sagte ich. Es war nur eine Okkasion, wie man sagt. Als ich dich entdeckte. Ein Augenblick.
So lange nur wie ein Wimpernschlag. Nur so kurz, wollte ich sagen. Fast schon augenblicklich, sagte ich. Beim Vorbeigehen an deiner halboffenen Bürotüre. An der angelehnten Türe. Als ich dich im Vorbeigehen zum ersten Mal kurz erblickte. Versteckt in deinem Büro.
Als ich dich entdeckte. In der hintersten Ecke deines Büros. Eine Entdeckung, sagte ich mir.
Präsentierteller müsste ich sagen. Es ist eigentlich keine Schale. Olivenöl ist in der Menage, sagte ich. Table Caddy. Englisch, wenn du möchtest. Öl und Balsamico, sagte ich. Wo ist es noch? Dein Büro? Auf dem Stock 3? Zuhinterst im dritten Stock? Im Stockwerk, in der Etage. Ganz an der Wand. An der Brandmauer.
Es reicht, wenn du nickst, das wollte ich noch sagen. Ich kann das einordnen. Nimm nur. Es hat für alle genug. Auch Champagner, sagte ich. Sonst öffnen wir noch eine Flasche. Ich nehme es nicht persönlich, wenn du lediglich nickst. Das ist ja auch irgendwie eine Antwort.
Nicken und Kopfschütteln. Kopfschütteln oder nicken. Das ist auch eine Art von Kommunikation. Sitzst du bequem? Soll ich dir einen Kaffee holen? Ein Wasser? Still oder laut? Ein lautes Wasser? Lieber ein stilles? Nicken reicht mir. Champagner? Cava. Es ist ein Cava, wenn wir es genau nehmen. Egal. Ein Schaumgetränk. Schaum. Wie alles. Sekt, sagen die Deutschen. Alles Schaum, sagte ich. Viele Blasen.
Es reicht aus wenn du nickst, sagte ich. Nicken ist positiv, Kopfschütteln negativ. Stock 3. Gebäude A. A3, sagte ich. Wie das Papier. Ich formuliere alle Fragen so, dass Nicken Einwilligung bedeutet. Nicken ist positiv rückbestätigen, sagte ich. Kopfschütteln negativ. Etage 3, sagte ich. Zuhinterst. Werk A. Man findet sich beinahe nicht zurecht in diesem Labyrinth von Korridoren. Lauter leere Flure. Leergefegte Stockwerke. Kahle Etagen. Alles kalt und leer.
Eine Einsamkeit. Unheimlich. Ausgetretene Linoleumböden. Generell alle Fussbodenbeläge sind ausgetreten. Das entseelte Portierhäuschen im Vestibül. Seelenloser Glaskäfig mit einem verlassenen Sprechschlitz für rein gar nichts.
Im Foyer, in der Lobby. Das verstaubte Mikrofon im Portierhäuschen. Hängt wie eine verdorrte Dotterblume da. Verstaubt und welk, sagte ich. Die verklebten Lautsprecher. In dieser ehemals repräsentativen Lobby. Wo es heute nur noch Betongrau mit Schatten gibt, sagte ich. Findest du es nicht auch kalt in dieser Lobby? Feuchtkalt. Stickig. Abgestandene Luft.
Angefeuchtete Wände mit ein wenig, wie sagt man?, Lancômeblau, wenn man so möchte. Abgeblätterte Fetzen von Lancômeblau an den Wänden. Tapetenfetzen, abgefallener Putz, abgestossene Mauerecken. Ich nehme allerdings an, dass diese Lancôme-Verlassenheit zum Programm gehört. Diese Abgeblättertheit. Dieser Blätterteigputz der alten Herrlichkeit. Diese aufgerollten Sisalteppiche in den verlassenen Räumen. Dunkelrote Farbnuancen. Entsorgte gerollte Teppiche. Findest du das alles nicht auch abstossend? Möchtest du nichts zu trinken? Nimm dir nur einen Kelch. Ein Glas. Es dauert sicher noch ein paar Minuten. Entspanne dich. Sie werden sich verspäten! Wie immer.
Gewohnheitsmässig. Ganz gewohnt. Einen Kaffee vielleicht? Niemand wird hier gefunden.
Niemand wird hier gesucht. Ich meine in den Korridoren. Auf den Etagen. Wer nicht gesucht wird, wird auch nicht gefunden, sagte ich. In diesen dunklen Fluren wird weder gesucht noch gefunden, sagte ich. Weder noch. Keine Menschenseele wird gesucht. Hast du eigentlich eine Heizung in deinem Büro? Es ist alles so kalt in diesem Gebäude. Klirrende Kälte, gähnende Leere. Klamm. Nässlich, wenn man so möchte.
Ungastlich, sagte ich. Ungastlichkeit auf höchster Ebene. Ebene 3, sagte ich. Zuhinterst. Humid auf der ganzen Ebene. Eine beträufte Etage. Beträuft, sagte ich. Klamm. Klamm ist das richtige Wort dafür. Für die vollendete Unwirtlichkeit, Ausgestorbenheit, Entvölkerung, die öde Verlassenheit. Wo früher das pralle Arbeiterleben stattgefunden haben muss, nehme ich an. Wo alles früher vonstattengegangen ist.
Tausende von Menschen früher. Ein Publikumsverkehr sondergleichen. Ein Geschäftsverkehr. Die Kunstdrucke an den Wänden: vergilbt, verblichen, veraltet gar. Totgehängte Kunstdrucke in pflichtvergessenen Passepartoutrahmen. Tausendfach vervielfältigter Zeitgeschmack. Erloschener Lifestyle. Erkaltet, verblichen, von uns gegangen. Die reinste Trostlosigkeit. Alles speckig und ölig. Tranig und schmalzig. Fettig. Klebrig. Pomadig. Erkaltete Transpiration der Jahrzehnte. Man merkt sogleich, dass hier nichts mehr los ist seit Jahren. Dezennien. Dekaden. Eine Industrieleiche in Agonie, sagte ich. Eine Hülse in Todespein. Auf höchster Ebene. Wir arbeiten in einer entleerten Schachtel. Das ist nicht nur meine Meinung. Es ist eine Tatsache sogar. Eine offenkundige Tatsache. Eine Wahrheit.
Das Drama eines Renditeobjektes. Mit, wie sagt man als Immobilienverkäufer?, mit Ausbaupotenzial. Mit Chancenpotenzial. So sagt man doch, wenn alles den Bach runter geht. Runter gegangen ist. Wenn es schon herunten ist. Potenzial! Je zerstörter etwas ist, umso mehr Potenzial scheint es zu haben. Vordergründig. Argumentativ. Potenz. Vermögen. Kraft. Neu, jung, dynamisch, sagte ich. Wie du möchtest, sagte ich. Ganz wie du willst. Jede Zeit hat ihre Ausdrücke. Alissa, Larissa, Principessa. So heissen sie doch jetzt alle. Immer neue Namen.
Man erkennt das eigene Land nicht mehr mit diesen neuen Namen. Neu, jung, dynamisch, sagte ich. Principessa! Larissa! Alissa! Na sowas. Aber setz dich doch noch ein bisschen.
Ein Glas! Zwei. Je weniger Potenz vorhanden ist, umso mehr wird darüber geredet, sagte ich.
Das Lieblingsthema der Impotenten ist immer die Potenz, sagte ich. Wie auch immer. Dieses Geschäftshaus ist der Inbegriff der Entwirtschaftlichung unseres Landes. Seiner Impotenz.
Unsere Region – eine Wirtschaftsruine. Strukturschwäche, sagte ich. Wir haben die besten Zeiten hinter uns. Wir haben uns zutodestrukturiert. Neu, jung, dynamisch! Wir sind extrem ausgepumpt, total ausgepowert. Was meinst du? Dass wir hier arbeiten müssen? In einem so kalten Gebäude? In diesem erkalteten Skelett.
In diesem furchtbar unsauberen Bunker ohne Seele. Auf den Marmorböden knirscht es vor lauter herabrieselndem Sand. Einjeder Schritt knirscht. Echo des Umschwungs. Widerhall der Agonie. Die Eternitplatten an den Decken haben sich längst aufgelöst. Heruntergekommen. Abgefallen. Faser für Faser sind sie zerstäubt.
Heruntergebracht. Stück für Stück. Wie Hundehaare kleben sie an unseren Revers. Krebserregende Erinnerungsfasern an die Boomjahre, sagte ich. Verwehte Technikgeilheit. Abgestorbene Zukunftsgläubigkeit. Kein Raumservice kümmert sich hier um gar nichts. Alles ist vernachlässigt hier. Lancômeblau hin oder her, sagte ich. Türkis, wenn du möchtest. Türkis. Vielleicht ist es türkis. Vielleicht ist es auch das beruhigende Blau aus dem Operationssaal. Aus dem OP eines abgehalfterten Potentaten.
Oder ist ein OP grün? Ich weiss nicht. Blau oder grün, sagte ich. Einerlei. Mit abfallenden türkisenen Kacheln im Swimming. In der Sauna. Im Whirl. Wie du möchtest. Im Treppenhaus. Im Flur. Mobutus Villa im grossen weiten Urwald. Kongolesisches Türkis. Sich lösende Raumkacheln. Wohin du siehst. Abfallende Schutzschilder der Zivilsation. Du siehst, Marion, ich bin begeistert! Begeistert. Begeistert. Einfach nur begeistert! Wir haben sicherlich noch dreiviertel Stunden, bis sie kommen. Falls sie pünktlich kommen. Sicher noch fünfundvierzig Minuten. Wenn nicht noch mehr. Möchtest du vielleicht doch noch ein Glas Champagner? Cava? Kein Problem. Es ist alles da. Alles! Ich habe vorgesorgt. Wir sind vorbereitet, präpariert, wenn man so möchte.
Pünktlichkeit ist nicht ihre Stärke. Das wissen wir vom letzten Mal. Meine Güte! Nicht seine Stärke, sagte ich. Eigentlich wissen wir das von den letzten beiden Malen. Oh du meine Güte! Wir wissen das. Wir sind uns darüber bewusst. Wir wissen, dass sie zu spät kommen werden. Wir haben die Gewissheit, sagte ich. Schon wieder eine Gewissheit, sagte ich. Eine Faktizität. Wenn wir uns zurückerinnern, sagte ich.
Am Anfang kamen sie noch pünktlich. Das hat nachgelassen. Immer mehr zurückgebildet hat sich ihre anfängliche Pünktlichkeit. Es würde mich nicht verwundern, wenn sie ab heute nicht immer noch verspäteter kommen würden. Verspätet, verspäteter, am verspätetsten. Mit immer häufiger dahinschwindender Pünktlichkeit.
Mit unablässigerer Verspätung. Bald kommen sie fortlaufend später. Spät, später, am spätesten, sagte ich. Mehr geht nicht. Am spätesten.
Es ist durchaus denkbar, dass sie bald gar nicht mehr kommen werden. Das würde ihnen stehen. Das würde ich ihnen zutrauen. Ohne etwas zu sagen kommen sie spät, später, am spätesten und am Schluss gar nicht mehr, sagte ich. Voraussichtlich niemals mehr. Ohne eine Kurzmitteilung zu schicken. Erst schicken sie noch eine. Sie schicken eine entschuldigende Kürzestmitteilung. Eine einzeilige, schnodderige Kurzmitteilung. So kurz, dass man dafür keinen Begriff finden kann. Dann senden sie nur noch ein einziges Wort. Eine Allerkürzestmitteilung ohne Entschuldigung. Zum Schluss gar keine mehr. Nicht einmal eine Nullmeldung, sagte ich. Nichts. So sind sie. Von Anfang an wenig, dann immer weniger, am Schluss gar nichts mehr. Einfach nicht mehr erscheinen. Das sieht ihnen ähnlich. Sie werden uns links liegen lassen, sagte ich. Oder rechts, wie du möchtest. Sie werden uns missachten. Uns übergehen.
Über uns hinweggehen. Uns ausixen, wie man so schön sagt, sagte ich. Es ist wie zu erwarten war. Es ist wie immer. Wie es ihre Art ist. Sie bezahlen für alles. Das kann man ihnen lassen. Das ist für sie gerade das Richtige. Bezahlen.
Begleichen. Das macht sie stark. Einzigartig stark. Mächtig. Machtvoll. In ihrem Bereich sind sie machtvoll. Auf ihre Art mächtig. Für ihren Spass und fürs Linksliegenlassen. Sie lösen eine güldene VIP-Karte für den Golfclub und gehen zweidreimal hin. Dann ist selbst Golf für sie nicht mehr interessant. Erst melden sie sich noch kurz an oder ab im Resort. Sie sagen Resort. Golfresort. Man muss Golfresort sagen, wenn man einer von ihnen ist, sagte ich.
Resort. Es ist ein Place, verstehst du? Ein Anchor-Point, sagte ich. Irgendwie so. Es darf lächerlich tönen. Durchaus. Für unsereins lächerlich, sagte ich. Aber es ist ihre geltende Sprache. Ihre gängige Sprache. Erprobte Sprache, anerkannte, sagte ich. Nimm doch noch ein Häppchen, Marion. Es spielt keine Rolle. Sie werden es nicht bemerken. Sie sind vom Bäcker an der Hauptstrasse. Wie heisst er noch? Der Bäcker im Deli-Center?, fragte ich. Muss wohl von Delikatessen her kommen, nehme ich an. Echt originell. Nicht indisch, sagte ich. Delikat essen, sagte ich. Wäre ja auch was – delikat essen. Im Palais Golf beziehen sie ihre vielen Häppchen auch vom Deli-Center, sagte ich.
Standesgemäss. Canapés. Tapas, wenn du möchtest. Sie sagen herzhaft. Alles dort ist herzhaft. Exquisit. Was früher schmackhaft war, heisst heute herzhaft. Ich meine im Deli-Center. Im Resort sowieso, sagte ich. Alles ist herzhaft. Köstlich. Fingerfood. In ihrem heiligen Resort melden sie sich anfänglich an oder ab. Wenn sie antraben oder wenn sie sogenannt verhindert sind. Es ist mir etwas dazwischengekommen, schreiben sie. Dazwischengekommen. Unvorhersehbar, sagen sie. Tut mir leid.
Nein, das sagen sie nicht, sagte ich. Sie schreiben nie es tue ihnen leid. Weil es ihnen auch nie leid tut, sagte ich. Es ist ihnen egal, sagte ich. Hast du es schon einmal erlebt, fragte ich, dass sie behaupteten, etwas habe ihnen leidgetan? Es tut ihnen nicht leid. Nie tut ihnen etwas leid. Schon gar nicht schrecklich. Schrecklich leid! Dass ich nicht lache. Meine Güte! Selten tut ihnen etwas leid. Nur ganz selten. Äusserst selten. In der Regel nie. Es tut ihnen allerhöchstens leid, wenn sie etwas Vermeintliches verpassen. Empfindlich leid. Nur, wenn sie etwas für sie Wichtiges verpassen. Wenn sie erfahren, etwas mutmasslich Wichtiges verpasst zu haben. Das tut ihnen leid. Es kränkt ihre Gier nach mehr. Wenn sie einen Promi verpasst haben. Promi, sagen sie. Einen Bankanalysten beispielsweise, sagte ich. Egal, was sonst für einen Promi, sagte ich. Man erklärt ihnen, dass sie einen sogenannten Promi verpasst haben.
Das tut ihnen aufrichtig leid, sagte ich. Aufrichtig! Rechtschaffen leid tut ihnen das. Sie fahren auch zur Rennstrecke und zum Sportflugplatz. Zum Tenniscourt. Immer mit der güldenen VIP-Karte in der Hand. Mit der Membership-Premium-Karte. Goldkarte. Platin. Visitenkarte. Ich bin nicht so, sage ich dir. Ich wäre nie so, sagte ich. Ich kann dieses Verhalten nicht ausstehen. Aber ich bin ja auch nicht so wichtig, sagte ich. Vielleicht bin ich nur eifersüchtig, mag sein. Mag sein. Eifersüchtig.
Kann sein, sagte ich. Diese leeren Versprechungen! Dieses Gehabe. Ich mag solche Menschen nicht. Nie und nimmer. Kann ich nicht ausstehen, sagte ich. Sie sind Hülsenfrüchte, sagte ich. Früchte ist falsch. Früchte sind fruchtig, sagte ich. Sie sind lediglich Scheinfrüchte.
Ohne Fruchtfleisch. Nur Schein. Lug und Trug. Blosse Anlocker. Ködernde Hülsen, sagte ich. Die Verfehlungen von solchen Menschen prägen sich mir ein. Verspätungen. Nur schon die Verspätungen! Immer kommen sie zu spät.
Was ihre Wichtigkeit unterstreichen sollte, sagte ich. Sie lernen das Zuspätkommen im Vorstadtmanagerkurs. Abendschule. Volkshochschule für werdende Spitzenwirtschaftsführer auf dem Lande, sagte ich. Dass ich nicht lache.
Es ist alles so offenkundig. Durchsichtig gar. So platt! Das prägt sich ein. Nicht beim ersten Mal, sage ich dir. Nicht, wenn sie zum ersten Mal zu spät kommen. Nicht beim ersten Mal.
Ich bin nicht nachtragend, sagte ich. Ich bin gar nicht nachtragend. Aber wenn jemand andauernd nicht zur Zeit kommt, dann stört mich das.
Massiv, sagte ich. Nachhaltig. Es stört mich sondermassen. Andererseits sind wir auf sie angewiesen. Wir sind von ihnen abhängig, sagte ich. Als Schicksalsgemeinschaft sind wir ihnen untertan, wenn du möchtest. Aktionsgruppe.
Team. Man muss teamfähig sein in dieser Zeit, sagt Meines. Wie auch immer. Das Wichtigste ist, man behauptet: Ich bin teamfähig. Weiter wird das dann nicht mehr überprüft, sagte ich.
Es geht um die blanke Deklaration. Deklarationspflicht, sagte ich. Selbstdeklaration ohne Überprüfung. Das ist ein politischer Vorgang im Kleinen, sagte ich. Und absolut erforderlich.
In der heutigen Zeit. Etikette. Um die Aufschrift geht es. Auf irgendeine Weise sind wir ihnen als kleine Aktionsgruppe einfach nur ausgeliefert, sagte ich. Unterworfen. Setz dich bitte, sagte ich. Du kannst immer noch sitzenbleiben. Nur noch ein paar Minuten. Wir haben noch Zeit, sagte ich. Wir haben mehr, als uns lieb ist. Mehr Zeit. Mehr als angenommen. Du musst keine Angst haben. Sie haben bezahlt.
Bereits bezahlt. Den Betrag hingeschmiert, sagte ich. Wie wenn nichts wäre. Einfach so hingeschmiert haben sie die Moneten, unsere Gage, wenn du so möchtest. Die Rubel. Es schien ihnen keine Rolle zu spielen. So ein Betrag, das ist für sie ein Klacks. Ein Spiel. Ein kleiner Einsatz in einem noch kleineren Spiel. Nebenbei. Sie knallen ihren Einsatz en passant auf den Spieltisch. Jetons oder Chips, wie du willst, sagte ich. Plaques auch. Hinwerfen. Auch falls sie nicht kommen würden. Es ist alles bezahlt.
Das Essen, das Trinken. Unsere Anwesenheit. Die Idee hinter unserem Donnerstagabendmahl, sagte ich. Alles bezahlt. Es ist hingeworfen; das Geld. Der Einsatz. Er liegt schon da. Sie sind schuldenfrei. Schon bevor es losgeht. Sie kaufen sich frei, ehe es losgeht. Egal was passiert. Sie sind freigekauft. Alles spielt keine Rolle.
Das gehört dazu. Bei ihnen gehört das zum Spiel mit dazu. Es ist ihr immerwährender Schachzug. Einer nach dem anderen. Die permanente Unzulänglichkeit. Das ewige Versprechen. Ihre Indifferenz ist mir Affront. Sie sind hassenswert. Solche Menschen sind zum Andiewandklatschen, sage ich dir. Sie machen mich aggressiv. Rasend. Alles machen sie beiläufig. Kaufen, verkaufen. Kleine Beträge, Millionen. Mit Geld, das ihnen nicht gehört.
Mit Aktienwerten. Mit Wandelanleihen. Mit Lombardkrediten. Was immer du möchtest.
Nichts gehört ihnen wirklich, aber sie besitzen trotzdem alles. Allerdings können sie immer zahlen. Das ist der wahrhafte Teil ihrer Potenz, was in unserer Situation gar nicht so unwichtig ist, sagte ich. Berappen. Sie berappen. Von Bezahlen keine Rede! Wir sind die kleinsten Fische. Die Buchstaben in ihrer Buchstabensuppe, Reiskörner in ihrem Reisbrei, Maiskörner in ihrer Polenta. Wir sind gänzlich unwichtige Sandkörner. Von uns gibt es Tausende.
Abertausende. Millionen. Milliarden sogar, sagte ich. Gleichzeititg sind auch wir hungrig.
Nach nur ganz wenig, sagte ich. Wie sollten wir sonst unsere Kosten decken?, sagte ich.
Unsere Lebenshaltungskosten. Lebenserhaltungskosten. Wir sind die kleinen Fische. Stolze, kleine Fische. Fischfutter für Haie, sagte ich. Für die lokalen Hechte des Tümpels, der unsere Stadt ist. Stell dir vor, unsere Stadt ist eine Unterwasserwelt. Wir sind das Fischfutter.
Sie sind die Hechte im Schilfgras. Sie warten auf uns. Wie es ihnen beliebt. Wenn sie sich bequemen schiessen sie hervor aus dem Schilfgras. Erst zaghaft. Und dann: holla! Sie hechten. Sie schnappen. Weg sind wir. Solche Dinge stelle ich mir vor, sagte ich. Ich habe genug Zeit, den ganzen langen Tag. Wenn ich so dasitze und nichts zu tun habe. Am Bürotisch unseres Hechtes. Als sein Handlanger. Sein Gehilfe. Assistent. Seine rechte Flosse, wie man sagen könnte. Seine Afterflosse, wenn du so willst. Daher kommen meine Vorstellungen.
Unterwasserwelten, wenn du möchtest. Eine abgetauchte Welt. Unterwasser. Stumm wie die Fische sind wir. So sind wir. Mehr als nur trügerisch stumm. Ich irreführend. Du wahrhafig.
Was mich betrifft: Ich bin nicht stumm, nur verschwiegen. Das kann man von dir nicht behaupten, sagte ich. Ich bin temporär verstummt, du bist für immer tonlos, sagte ich. Nur unsere Kiemen bewegen sich. Meine und deine. Meine Güte! Im undurchsichtigen Teich unserer Stadt bewegen sich unsere Kiemen im Takt. Wir sind zwar nur unwichtige Fische, wie du weisst. Allerdings sind die Hechte ebenso auf uns angewiesen – und wenn es nur um das Fressen geht, wenn du weisst, was ich meine. Es ist ein Geben und ein Nehmen. Unter Wasser, über Wasser. Es ist Hans was Heiri. Fressen und gefressen werden, so sagt man doch, sagte ich. Ein überflüssiger Vergleich ohne Frage, sagte ich.
Unter Wasser, über Wasser. Fressen und gefressen werden. Der Vergleich ist plump. Lassen wir es, sagte ich. Du hast verstanden, was ich sagen wollte. Dein Couvert liegt übrigens auf der Anrichte. Vielleicht hast du es bereits gesehen. Du kannst es einstecken. Auch wenn der heutige Abend nicht zustande kommen sollte. Nicht in der von uns geplanten Form, sagte ich. Bediene dich ungeniert. Es hat genug. Je weniger sie kommen, umso eher, sagte ich.
Selbst, wenn sie nicht kommen sollten, das Geld gehört dir. Dieser Abend findet, von dieser Warte aus gesehen, statt. Er findet aus diesem Blickwinkel auf jeden Fall statt. Solange der Rubel fliesst ist alles ein Erfolg. Vielleicht nur ein Teilerfolg. Einverstanden. Erfolg, Teilerfolg. Was kümmert es uns? Wenn die Moneten fliessen. Das Schmerzensgeld. Die Abfindung. Wir streichen das Salär ein, das Schmerzensgeld – und buchen den Abend als Erfolg ab. Als Teilerfolg. Es geht nur um die Bezeichnung. Den Grenzwert der Erträglichkeit. Die Gage fürs Warten. Es ist eine Anerkennung.
Eine Teilanerkennung meinetwegen. Das allein ist es. So ist das. Du wirst bezahlt, ich habe die Erlaubnis zu reden, sagte ich. Das ist es. Ein Gewinn. Wir gewinnen, sie verlieren nichts.
Von ihnen kommt das Geld. Sie zahlen unser täglich Brot. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Sie bezahlen, selbst, wenn sie nicht erscheinen werden. Ihnen spielt es keine Rolle.
Es ist ihnen alles egal. Sie sind aalglatt in dieser Sache. Allerdings ist es mehr eine Belohnung, eher als ein Salär. Es ist keine Bezahlung. Allerdings steuerfrei. Von mir aus steuerfrei. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.
Lukas vier Vers vier – auch Matthäus vier Vers vier. Du weisst, dass ich nichts bekomme für den heutigen Abend. Keine monetäre Zuwendung. Das Reden alleine ist meine Belohnung.
Meine Befreiung. Einmal pro Woche darf ich reden. Soviel ich will. Ich werde nicht bezahlt.
