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Dreizehn Kurzgeschichten und Erzählungen aus den Lebensbereichen: Liebe, Alter, Ängste, Obdachlosigkeit, Vorurteile, Selbstfindung, Krieg, Trennung, Handycaps. Kurzweilig erzählte Erlebnisse aus dem Leben jüngerer und älterer Menschen. Heldenreisen großer und kleiner Art. Alle Geschichten haben etwas gemeinsam: Sie lassen hoffen!
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Seitenzahl: 189
Veröffentlichungsjahr: 2023
Christiane Röder
MEISTENSFRIEDLICH
Kurzgeschichten und Erzählungen
© 2023 Christiane Röder
ISBN Softcover: 978-3-347-98738-8
ISBN Hardcover: 978-3-347-98739-5
ISBN E-Book: 978-3-347-98740-1
ISBN Großschrift: 978-3-347-98741-8
Druck und Distribution im Auftrag der Autorin:
tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Germany
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne ihre Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag der Autorin, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland.
Lächle und die Welt verändert sich.
Buddha
Cover
Titelblatt
Urheberrechte
Was ist passiert?
Prolog:
Meistens friedlich
Glück
Lioba
1. Hell und dunkel
2. Gustav
3. Im Café
An einem Donnerstag wirst du Glück haben
Das Hemd aus blauer Seide
Marina
1. Gestrandet
2. Ben
3. Schlechte Nachrichten
4. Versprochen ist versprochen
5. Der Knoten platzt noch
6. L-E-I-L-A
7. Der Fremde
8. Eine heiße Sache
9. Das Wiedersehen
10. Wahre Worte
11. Frust
12. Der Entschluss
13. Wut im Bauch
14. Ehrlichkeit
15. Abstand und Nähe
16. RüM Hart – Klaar Kiming
17. Freunde
18. Abschied
19. Nicolas
20. Neustart
21. Die Knutzens
Klare Pläne
In der Bäckerei oder Ist das wirklich so?
Rüdiger
Liebe
Trauer
Schöner Schein
Du wirst im nächsten Jahr im Ausland wohnen
Als mein Mann vor seiner Roulade saß und verkündete, er sei ab heute Veganer
Liebe in den Zeiten von Corona oder Fritz und Josephine
1. Sommer 2020
2. Herbst 2020
3. Winter 2020/2021
Epilog
Auf Marga kann man zählen
Mein ganz besonderer Dank gilt:
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Urheberrechte
Epigraph
Was ist passiert?
Auf Marga kann man zählen
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Was ist passiert?
Prolog:
Manchmal sehe ich etwas und frage mich:
»Wie kann das sein? Welche Geschichte gehört dazu?«
Zum Beispiel ein einzelnes Eichenblatt in der Lindenallee, aufgeweichte Zeitungsbündel in der Au, eine Frau in Hausschuhen im Wald.
Im Vorbeifahren sah ich einmal auf dem Bürgersteig eine Frau und ein junges Mädchen stehen. Das Mädchen trug einen Schlafanzug und war barfuß.
Sie standen versunken in inniger Umarmung.
Viola drehte das Radio etwas leiser, als Marieke ins Wohnzimmer kam.
»Guten Morgen, meine Süße, ausgeschlafen?«
»Nee - konnte nicht mehr schlafen - blöder Rasenmäher.«
»Dein Vater kommt bestimmt gleich mit den Brötchen.«
»Wieso ist er eigentlich noch nicht da? Ist doch schon gleich elf!«
»Weiß ich nicht, ich wunder mich auch. Aber vielleicht joggt er heute woanders und braucht länger.«
»Mama! Papa läuft immer denselben Weg, wenn wir hier sind, immer über Tinnum. Genauso wie zu Hause - immer denselben blöden, langweiligen Weg. Bloß nicht mal was anders machen, man könnte ja was Neues kennenlernen.«
»Ach, komm, Marieke, jetzt lass ihn. Es gefällt ihm eben so. Dabei kann er sich am besten entspannen. ›Musik in die Ohren, loslaufen, abschalten‹, sagt er doch immer. Bei der Arbeit muss er ja schon dauernd Veränderungen mitmachen.«
»Ja, aber wenn ich mit ihm jogge, könnte er doch mal woanders laufen, mir zu Liebe, aber nix da.«
Marieke schmiss sich aufs Sofa.
Viola war es leid, zwischen Marieke und Sven zu vermitteln.
»Das müsst ihr unter euch klären, da misch ich mich nicht ein.«
»Ja, ja, fein raushalten, das ist praktisch, Mama. Nie bist du mal auf meiner Seite.«
Viola platzte der Kragen. »Was bist du grantig heute Morgen!«
»Ach, das nervt, dass Papa noch nicht da ist. Ich hab Hunger, und der blöde Eididei-Radiosender nervt auch. Warum musst du immer und überall die langweiligen Nachrichten hören? Das reicht doch zu Hause.« Missmutig griff sie sich ihr Smartphone.
Viola drehte das Radio lauter.
Marieke brüllte übertrieben gegen an. »Außerdem will ich heute an den Strand!«
»Schscht - sei mal leise.« Viola drehte ein Ohr zum Radio.
Die Zugstrecke nach Sylt wurde nach einem Unfall gesperrt. Es kommt zu Wartezeiten bei …
»Pfff, wenn das mal nicht ´ne richtig wichtige Meldung ist!« Marieke zischte ihr Handy an.
»Leise!« Viola warf ihrer Tochter einen mahnenden Blick zu.
… ersten Meldungen zufolge ist bei Tinnum ein Mann von einem Zug der Nord-Ostsee-Bahn erfasst und getötet worden. Augenzeugen berichten, dass der Mann Kopfhörer trug und die heruntergelassenen Bahnschranken umlaufen hatte.
Marieke blickte von ihrem Handy auf und starrte ihre Mutter an.
Viola sprang auf. »Ich ruf jetzt deinen Vater an, mir ist das zu dumm, dieses Gewarte«.
»Ja, nimm mein Handy!« Marieke sprang ebenfalls auf und setzte sich zu Viola auf die Sessellehne.
Viola tippte.
»Mach schnell, Mama!« Marieke drehte nervös eine Haarsträhne um den Zeigefinger.
»Er geht nicht ran!« Viola spürte ihren Herzschlag. »Gleich springt die Mailbox an.«
»Sprich drauf!« Marieke schrie. »Sag, er soll zurückrufen - sofort!«
Viola versuchte tief einzuatmen, sie schaute Marieke in die Augen, die gleichen Augen wie ihr Vater … da sprang die Mailbox an:
»Hallo, Sven, wir machen uns Sorgen. Wo bleibst du? Ruf bitte sofort zurück. Es gab in Tinnum einen Unfall.«
Ihre Hand zitterte, als sie Marieke das Handy zurückgab.
»Mama, er kommt doch bestimmt gleich, oder? Vielleicht ist er ja doch mal einen anderen Weg gelaufen. Ich flitz schnell zur Ecke und schau mal, ob er schon zu sehen ist.«
»Warte, ich komm mit.« Doch Marieke war bereits barfuß und im Schlafanzug aus der Wohnung gestürzt.
Während Viola sich an der Wand abstützte, stieg sie in ihre Schuhe. »Lass es nicht wahr sein! Oh Gott, lass es nicht wahr sein!« Ihr Herz dröhnte bis in die Ohren.
»Einatmen - ausatmen - bestimmt kommt er gleich - einatmen - ausatmen.«
Wie durch Watte hörte sie Mariekes Stimme draußen auf der Straße. Sie rannte die Treppe hinunter. Marieke kam ihr entgegen, das Handy am Ohr.
»Ja, ok, ich sag Mama Bescheid, warte mal eben!«
Sie nahm das Handy vom Ohr und strahlte.
»Es ist Papa, er musste einen Umweg laufen, wegen einer Absperrung. Er holt nur noch schnell die Brötchen und kommt dann.«
Viola kämpfte gegen die Tränen. »Ach, die Brötchen, sag ihm, er soll einfach nur zurückkommen.«
»Hast du gehört, Papa? Lass die blöden Brötchen, komm bitte, bitte, bitte nach Hause.«
Viola öffnete ihre Arme, und Marieke warf sich hinein.
So standen sie eine Weile - in inniger Umarmung auf dem Bürgersteig, eine Frau und ein junges Mädchen. Das Mädchen barfuß und im Schlafanzug, während andere Menschen an ihnen vorbeikamen, und der eine oder die andere sich vielleicht fragte:
»Was ist hier passiert? Wie kann das sein? Welche Geschichte gehört dazu?«
Meistens friedlich
Ein dichter Nebelschleier lag über dem See und den angrenzenden Wiesen. Nach schlingerndem Kurs, die Schlaglöcher umkurvend, parkte ich auf dem großen Platz gleich neben der Badestelle.
Der Zeitungsartikel beschäftigte mich noch immer. Die brutale Vergewaltigung hatte abends stattgefunden. Da waren hier gewiss keine Jogger und keine Spaziergänger mehr unterwegs gewesen, auf die ich jetzt so sehr hoffte. Nur die Frau mit ihrem Hund. Und die drei Männer natürlich.
Mir lief eine Gänsehaut über den Rücken. Ich starrte auf das Wasser und die in Nebel gehüllten Bäume und Büsche ringsum. Wie friedlich alles aussah.
Ich atmete tief ein und öffnete energisch die Autotür.
Von so einer gemeinen Tat wollte ich mich nicht einschüchtern lassen. Mich frei bewegen und den See nicht aus Angst meiden. Das war meine heutige Mutprobe. Zugegeben, jeder andere Ort erschien mir unter diesen Umständen reizvoller.
Ich schaute mich um. Drei weitere Autos standen auf dem Parkplatz. Warum ausgerechnet drei?
Kalle fiepte unruhig hinten im Auto. Ich ließ ihn raus und folgte ihm an den See.
Vergeblich versuchte sich das Sonnenlicht durch den Nebelteppich zu zwängen. Der See lag vor mir in bleischweres Licht getaucht. Drei Blässhühner schwammen an der Badestelle vorbei. Am linken Uferrand konnte ich die schemenhafte Silhouette eines großen grauen Vogels ausmachen. Vermutlich ein Reiher. Keine Menschenseele weit und breit. Nun, das war gewiss nicht ungewöhnlich frühmorgens hier am See. Ich machte mir Mut. Die drei parkenden Autos gehörten bestimmt Joggern oder Hundebesitzern, die ihre Runden um den Wollny-See drehten oder an der Pinnau entlangliefen. Sie waren also irgendwo. Nette Menschen. Hoffentlich.
Mein Herz schlug schneller. Mein Hund trabte vor mir schnüffelnd durch die Böschung, als sei es ein Tag wie jeder andere. Hund müsste man sein.
Als ich stehen blieb, blickte er sich um: Warum kommst du nicht? Ist doch alles prima hier.
Ich atmete tief ein und versuchte mich zu entspannen. Klappte nicht. Vielleicht hatte die Frau einen ganz kleinen Hund dabei gehabt, der ihr nicht helfen konnte. Kalle war stark und dreißig Kilo schwer, der würde es ihnen schon zeigen.
Setzte ich womöglich waghalsig meine Gesundheit aufs Spiel oder sogar mein Leben? Was wollte ich mir eigentlich mit dieser bescheuerten Mutprobe beweisen? Dass ich stärker war als drei ausgewachsene Männer, weil ich einen freundlich-distanzlosen Goldendoodle dabei hatte?
Nein, verdammt! Ich wollte meinem Verstand vertrauen, dass nämlich nicht oft so eine grausame Tat passiert. Was hieß denn eigentlich nicht oft? Mist!
Ich stellte mir eine Denkaufgabe. Das hatte ich mal irgendwo gelesen: Wenn Sie sich ablenken wollen von belastenden Gedanken – rechnen Sie zum Beispiel knifflige Aufgaben, oder sagen Sie Länder auf und ihre Hauptstädte, oder ordnen Sie alle Hunderassen, die Sie kennen, von A bis Z.
Ich entschied mich für die Hunderassen. Eine Hunderasse mit A … mir fiel keine ein. Gerade als ich mich selbst beschummeln und zu B übergehen wollte, blieb Kalle stehen, hob den Kopf und starrte mit aufmerksamen Ohren und erhobenem Schwanz in den Nebel.
Ich rief ihn zu mir – bereit, mit ihm den Fluchtweg anzutreten. Widerwillig trabte er an, drehte sich um und stellte sich vor mich.
»Beschütz mich, Kalle«, flüsterte ich.
Aus dem Nebel, in majestätischem Schritt, kam etwas Vierbeiniges auf uns zu. Ein Pferd?
Nein! Ein riesiger, schöner Airedale Terrier näherte sich uns. Selbstbewusst und entspannt begrüßte er Kalle, beschnupperte anschließend kurz meine Hand und trabte weiter. Ohne Zweifel – wir waren gerade dem Herrscher über den Wollny-See begegnet.
Hunderasse mit A – Airedale Terrier! Na klar! Geht doch!
Kalle und ich setzten unseren Weg fort. Es kam uns kein Besitzer entgegen. Sollte der Airedale entlaufen sein? So ein großer Hund? Seltsam.
Meine Angst hatte sich etwas gelegt, und meine Gedanken gingen spazieren. Warum hieß der See eigentlich Wollny-See?
Gab es da nicht diese Groß-Familie im Fernsehen – die Wollnys? Nein, das war zu weit hergeholt. Aber vielleicht hatte dieses Stück Land mit dem See und den umliegenden Wiesen und Weiden früher einem Bauern namens Wollny gehört. Edgar Wollny vielleicht oder Friedrich Wollny?
Nun, da könnte ich als neu Zugezogene wohl mal die Einheimischen fragen.
Der Weg führte uns an die Pinnau. Nach dem vielen Regen in den letzten Tagen floss eine Menge Wasser Richtung Elbe. Kalle nahm die Gelegenheit sofort wahr und sprang freudig hinein.
Mein Wasserhund.
»Na, der hat aber Spaß am Wasser!«
Ich erschrak. Angst schoss mir in die Glieder. Ich schaute in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war, und sah auf der Bank einen alten Mann sitzen. Gemütlich zurückgelehnt zog er an seiner dicken Zigarre und blies den Rauch genussvoll in die ersten Sonnenstrahlen, die den Nebel nun endlich durchbrachen.
Kalle kam neugierig aus dem Wasser, schüttelte sich kräftig und dann, ja dann sprang dieser dreißig Kilo schwere Hund ohne zu zögern auf die Bank und küsste den alten Mann und leckte ihn am Ohr.
Das war der Beginn eines Begrüßungsrituals, dem ich noch oft beiwohnen durfte, denn wir trafen den alten Herrn danach noch sehr oft, und jedes Mal flippte mein Hund völlig aus vor Freude, und jedes Mal lachte der Alte und freute sich mit ihm.
Er zeigte mit der Zigarre zwischen den Fingern in Richtung See.
»Ihr müsstet meinen Airedale getroffen haben.«
»Ach, der gehört zu Ihnen?«
»Ja, ich bin nicht mehr so gut zu Fuß, da dreht er schon gern mal allein ein, zwei Runden. Ich glaube, er denkt, der Wollny-See gehört ihm.« Wir grinsten uns an. »Hauptsache, er wälzt sich nicht wieder in dem toten Fisch, den die Angler neulich vergessen hatten. Mann, hat der Hund gestunken! Auf dem Nachhauseweg musste ich mit offenem Fenster fahren – nicht auszuhalten. Meine Frau war begeistert … «
Schmunzelnd zog er an seiner Zigarre.
Er war mir sofort sympathisch. Ich konnte Kalle gut verstehen. Wenn ich auch nicht den Drang verspürte, den alten Mann zu küssen, so war es doch sehr angenehm in seiner Gesellschaft. Er wirkte zufrieden und gelassen.
»Wissen Sie vielleicht warum der See Wollny-See heißt?«
»Der heißt eigentlich gar nicht Wollny-See.«
»Ach … «
»Der heißt eigentlich See an den Funktürmen, wegen der beiden Funktürme da hinten, aber alle nennen ihn Wollny-See. Stand ja auch so in der Zeitung, der Name. Schreckliche Geschichte.«
Wir schauten beide betrübt und beobachteten Kalle, der wieder ausgiebig badete, so, als wäre die Welt immer nur friedlich.
»Hund müsste man sein«, dachte ich laut, »dann wüsste man nichts von den grausamen Dingen, die auf der Welt passieren, ein Leben im Hier und Jetzt.«
»Ja, das stimmt, wir können eine Menge lernen von den Vierbeinern«.
»Und warum nennen ihn denn nun alle Wollny-See?«
»Na ja, man erzählt, dass hier wohl mal einer im See ertrunken sei, der Wollny hieß.« Rasch fügte er noch hinzu: »Aber das ist schon ganz lange her.«
»Oh, danke, nicht noch so eine schreckliche Geschichte.«
»Tja, Sie haben gefragt.« Er zwinkerte mir zu.
Da kam sein Terrier angetrabt, der Alte griff in seine Jackentasche und holte eine Tüte heraus. Zwei große Hunde – einer davon noch tropfnass – konnten eine Menge Leckerlis verdrücken …
»So, nun müssen wir nach Hause.« Langsam erhob er sich von der Bank. »Heute kommen meine süßen Enkel. Das dürfen wir nicht verpassen.«
Schon mit dem Rücken zu uns, hob er den Arm, winkte zum Abschied und rief: »Morgen früh sind wir wieder hier.«
Ich denke oft an diesen Tag, an dem ich meine Angst überwand.
An dem ich eine Freundschaft schloss mit einem Menschen, dessen Lebensfreude ansteckend war.
Am Wollny-See und an der Pinnau, wo es die allermeiste Zeit friedlich zugeht.
Glück
Ole kann sich heute noch an den heißen Sommer damals erinnern, weil von da an nichts mehr so war wie vorher. Oder wie Piet sagen würde: Das Wetter schlug um, und wir änderten den Kurs.
Ole hatte sich auf seinem löchrigen Schlafsack ausgestreckt. Als Kopfkissen diente eine seiner Plastiktüten, vollgestopft mit den Kleidungsstücken, die er noch besaß. Über ihm rauschte der Verkehr auf der Kennedybrücke.
Piet kam und warf ihm ein zerknittertes Exemplar der Obdachlosenzeitschrift auf die Brust.
»Hier - schenk ich dir, krieg ich nicht mehr verkauft. Scheiß Hitze – alle Hamburger sind auf den Malediven oder auf ’ner Alster-Jolle - nur nicht beim Einkaufen.«
Piet schmiss sich neben Ole vor sein kleines Zelt. Seit Jahren war ein Stück Betonfläche unter der Brücke ihr zuHause.
Ole stützte sich seitlich auf einen Arm, nahm einen Schluck aus seiner Bierdose und blätterte mit leerem Blick die Seiten durch. Plötzlich stockte er und setzte sich auf. Ein freudiges Kribbeln, wie er es vor ein paar Jahren noch gehabt hatte, breitete sich aus bis in die Fingerspitzen.
»Nun sieh sich einer unsern Ole an, der ist ja ganz versunken!« Trudel schlurfte heran, gefolgt von Rocky, der stolz einen Stock im Maul trug. Ole hatte es noch nie verpasst, den Labrador zu begrüßen.
Trudel stemmte die Hände in die Hüften. »Hey, Junior - wusste gar nicht, dass du so gern liest. Hast wohl nix Besseres zu tun.«
Aber Ole ignorierte sie und Rocky. Er war eingetaucht in den Artikel über einen Mann namens Harry Glück und verschlang jede Zeile. Mit jedem Satz wurde er aufgeregter und wacher.
Als er fertig war, sprang er auf. »Schaut mal her! Das ist Harry Glück, mein größtes Vorbild!«
Er zeigte ihnen das Bild eines sehr alten Mannes, der freundlich in die Kamera blickte. Piet und Trudel blieben stumm. Rocky hatte sich ein schattiges Plätzchen neben seiner Besitzerin gesucht und zerlegte eifrig seinen Stock.
»Mensch, Leute, der hat über achtzehntausend Sozialwohnungen entworfen und bauen lassen.«
»Ja, super! Und keine für uns dabei.« Piet setzte sich auf.
»Ach Piet, nicht in Hamburg, in Wien! Aber als ich studiert hab’, da wusste ich: Das will ich auch machen!
Weil Harry Glück für die Menschen baut, damit sie gern dort wohnen. Es gibt einen Wohnpark in Wien, der heißt Alt-Erlaa … wartet … «
Er blätterte und zeigte ihnen das Foto eines riesigen Hochhauskomplexes.
»Na klasse, das ist voll mein Traumquartier.« Trudel sah aus, als hätte sie gerade in eine Zitrone gebissen.
Aber Ole ließ sich nicht beirren. »Leute, da leben zehntausend Menschen, es gibt dort Dachschwimmbäder, überall grüne Wege, Begegnungsstätten für Hobbys aller Art, eine Kleinkunstbühne, Einkaufsmöglichkeiten. Die Leute stehen auf der Warteliste, um dort eine Wohnung zu bekommen – versteht ihr nicht? So was wollte ich auch bauen nach dem Studium, bevor … bevor alles den Bach runterging.«
Oles Kopf sank zwischen die Schultern.
»Hey, Junior, was schwingst du denn da für Reden?« Flöte war unbemerkt um die Ecke gekommen und stand plötzlich neben ihm. »Willst wohl zu König Olaf ins Rathaus.«
»Nun lass doch den Jungen.« Trudel kraulte Rocky hinter dem Ohr. »Ist doch gut, wenn wenigstens einer von uns sich noch für was begeistert.« Flöte zuckte mit den Schultern.
»Genau, genau.« Piet öffnete den Reißverschluss zu einem winzigen Ein-Mann-Zelt. »Nun lasst mal den Starverkäufer in seiner Koje die Augen ausruhen.«
Ole stand da, das Magazin in der Hand und starrte auf Harry Glück. Überrollt von seinen Wünschen und Erinnerungen setzte er sich ans Ufer und schaute auf die Alster.
Zum ersten Mal seit drei Jahren dachte er wieder über seine Zukunft nach. Was war aus seinen Träumen geworden? Konnte er es schaffen, wieder Fuß zu fassen?
Er schlief nicht in dieser Nacht, wälzte sich. Wie aus einem Film blitzten Szenen aus der Vergangenheit auf:
Die beiden Polizisten an der Tür mit der Nachricht vom Tod der Eltern.
Leere Flaschen im Haus – Bier, Schnaps, Wein.
Betrunken zu den Wohnungsbesichtigungen. Abweisende Blicke.
Die letzte Nacht im Elternhaus.
Die erste Nacht im Pik As. Der Spruch dort im Eingang:
Jeder sieht, was du scheinst, nur wenige fühlen, was du bist.
Mit sieben Männern in einem Schlafraum.
Am nächsten Morgen – seine Gitarre weg.
Die ersten Nächte unter der Kennedybrücke. Trudel, Piet, Flöte und ganz besonders Rocky, die ihm halfen mit dem Plattemachen klarzukommen. Einfach so, weil er ihr Sohn hätte sein können, weil sie ihn mochten, weil er Hilfe brauchte.
Jeder sieht, was du scheinst, nur wenige fühlen, was du bist.
Erst als sich der Labrador in den frühen Morgenstunden neben ihn legte und er den ruhigen, gleichmäßigen Atem des Tieres spürte, fiel er in einen tiefen Schlaf.
In den nächsten Tagen reifte in Ole der Entschluss.
Er wollte anfangen zu arbeiten, er wollte anfangen, Wohnungen zu bauen! Jawohl!
»Also, Junior, als Erstes brauchste selbst ’ne Wohnung oder ’n Zimmer.« Flöte wickelte vorsichtig einen Croque Monsieur aus der Alufolie. »Vorher kriegste nämlich keine Arbeit. Und heile, saubere Klamotten solltest du anhaben, wenn du zum Amt gehst.«
Ole schaute an sich herunter. Seine Kleidung war fleckig, das T-Shirt hatte einen Riss an der Seite. Die Hose war an den Knien fast durchgescheuert. Seine Sachen in der Plastiktüte sahen auch nicht viel besser aus.
Flöte erriet seine Gedanken. »Am besten gehste mal ins CaFée mit Herz und fragst nach Zeug, die haben da ’ne Kleiderkammer, da kannste auch duschen.«
Flöte öffnete sein Taschenmesser, wischte es an der Hose ab, schnitt den Croque in zwei Hälften. »Jetzt iss erst mal ’ne halbe Flöte!«
Ole wusste noch genau, wie gut er sich gefühlt hatte, als er zur Behörde ging. Geduscht und neu eingekleidet saß er im Wartezimmer. Voller Hoffnung.
»Tja, Sie wollen also eine Wohnung. Da sind Sie leider nicht der Einzige. Es fehlen in Hamburg rund zweitausend Wohnungen für Obdachlose. Durch die Flüchtlingswelle kommen die Herren da oben ja endlich mal in die Puschen, Wohnraum zu planen. Man kann nur wünschen, dass sie die Obdachlosen nicht vergessen.«
Ole stand auf und wankte aus dem Zimmer.
»Wollen Sie nicht auf die Warteliste, Herr … ?«
Für wie bescheuert hielt die ihn eigentlich?
Vorbei - war das Kribbeln.
Auf dem Rückweg setzte er sein restliches Geld in Alkohol um.
Als Piet von seinem Verkaufsplatz zurückkam, fand er den jungen Mann schlafend im Zelt.
