Meistererzählungen - Robert Louis Stevenson - E-Book

Meistererzählungen E-Book

Robert Louis Stevenson

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Beschreibung

Diese Anthologie enthält neben dem Klassiker ›Dr Jekyll und Mr. Hyde‹ weniger bekannte, doch ebenso meisterliche Geschichten des großen Erzählers Stevenson.

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Seitenzahl: 501

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Robert Louis Stevenson

Meistererzählungen

Aus dem Englischen von Marguerite und Curt Thesing

Mit einem Nachwort von Lucien Deprijck

Diogenes

Die krumme Janet

Reverend Murdoch Soulis war seit vielen Jahren Pastor der Gemeinde Balweary, eines im Tale des Dule gelegenen Heidedorfes. Ein strenger, freudlos blickender, alter Mann, der Schrecken seiner Hörer, hauste er während der letzten Jahre seines Lebens in dem kleinen, einsamen Pfarrhause am Fuße des Hanging Shaw, ohne Verwandte, Diener oder irgendwelche menschliche Gesellschaft. Trotz der eisernen Gesetztheit seiner Züge war sein Blick wild, unsicher und voller Furcht; und wenn er in privater Ermahnung die Zukunft des unbußfertigen Sünders schilderte, schien sein Auge die Stürme der Zeit zu durchdringen und die Schrecken der Ewigkeit zu schauen. Viele junge Leute, die sich mit seiner Hilfe auf das heilige Abendmahl vorbereiteten, wurden von seinen Reden zu panischer Furcht aufgerüttelt. Insbesondere hatte er eine Predigt über Petrus I, Vers 5 und 8, »Der Teufel ist ein brüllender Löwe«, in der er sich selbst übertraf, sowohl durch den grauenerregenden Gegenstand wie durch das Furchtbare seines Gebarens auf der Kanzel, und die er an jedem ersten Sonntag nach dem 17. August hielt. Die Kinder wurden dabei von Krämpfen befallen, die alten Leute dagegen sahen mehr als gewöhnlich orakelhaft drein und ließen den ganzen Tag über allerlei Andeutungen fallen von der Art, wie Hamlet sie zu mißachten liebte. Das Pfarrhaus selbst lag neben den Wassern des Dule zwischen einigen dichten Bäumen; es war auf der einen Seite überschattet von dem hängenden Shaw selbst und bot nach der anderen Seite einen Blick auf zahlreiche, kalte Heidehügel, die sich hoch gegen den Himmel abhoben, und die bereits zu einer sehr frühen Zeit von Mr. Soulis’ Amtsdauer während der Abenddämmerung von allen, die sich auf ihre Vorsicht etwas einbildeten, gemieden wurden. Ja, die Gevattern, die sich in dem Dorfgasthause versammelten, pflegten bei dem Gedanken, spät in der Nacht an jenem unheimlichen Ort vorbei zu müssen, den Kopf zu schütteln. Um ganz genau zu sein, es gab dort eine Stelle, die mit besonderer Scheu betrachtet wurde. Das Pfarrhaus lag zwischen der Landstraße und den Wassern des Dule, mit je einem Giebel nach jeder Seite, während die Rückwand nach dem fast eine halbe Meile entlegenen Kirchdorf Balweary blickte und die Vorderfront samt einem kahlen, von einer Dornenhecke eingefaßten Garten den Raum zwischen Fluß und Straße einnahm. Das Haus hatte zwei Stockwerke mit je zwei geräumigen Zimmern. Es grenzte nicht unmittelbar an den Garten, sondern an einen Hohlweg oder Gang, dessen eines Ende auf die Straße führte und dessen andere Mündung durch hohe Weiden und Ellern, die den Fluß umsäumten, begrenzt wurde. Dieser gemauerte Gang erfreute sich unter den jüngeren Gemeindemitgliedern von Balweary eines ganz besonders schlimmen Rufes. Der Pastor pflegte dort häufig nach Anbruch der Dunkelheit auf und ab zu wandeln und mitunter in der Inbrunst seiner stummen Gebete laut zu stöhnen; und wenn er von Hause fort und die Pfarrhaustür verschlossen war, wagten nur die Tollkühnsten der männlichen Schuljugend klopfenden Herzens an jenem verrufenen Ort Räuber und Gendarm zu spielen.

Die Atmosphäre des Grauens, die hier in der Tat einen Gottesmann von fleckenlosem Charakter und reinster Orthodoxie umgab, war ganz allgemein die Ursache von Staunen und Neugier unter den wenigen Fremden, die durch den Zufall oder durch Geschäfte in jene unbekannte, weltfremde Gegend geführt wurden. Aber sogar in der Gemeinde selbst gab es viele Leute, die nichts von den seltsamen Begebenheiten wußten, die das erste Amtsjahr Mr. Soulis’ auszeichneten, und unter den besser Unterrichteten gab es einige, die von Haus aus zurückhaltend waren, und andere, die vor jenem besonderen Gegenstand zurückschreckten. Nur hin und wieder erwärmte sich einer der älteren Männer über seinem dritten Glase Schnaps hinreichend, um Mut zu fassen und der Ursache des seltsamen Aussehens sowie des einsiedlerischen Lebens des Geistlichen nachzugehen.

Vor fünfzig Jahren, als Mr. Soulis zuerst nach Balweary kam, war er noch ein junger Mann – ein forscher Bursche, wie die Leute sagen – ganz voller Buchgelehrsamkeit und großartig im Auslegen der Heiligen Schrift, aber, wie man’s bei einem so jungen Menschen ja auch nicht anders erwarten kann, ohne richtige, praktische Erfahrung in der Religion. Die jungen Leute, die waren natürlich ganz weg von seinen Talenten und seinem vielen Reden; aber was so alte, vorsichtige, ernste Männer und Weiber waren, die sorgten sich so sehr um den jungen Mann, daß sie für ihn und die Gemeinde beteten; denn von ihm glaubten sie, daß er einer von jenen sei, die sich selbst betrügen, und von der Gemeinde, daß sie wahrscheinlich übel mit ihm dran wäre. Das war noch vor den Tagen der Lauen im Herrn – Gott strafe sie –; aber die schlimmen Dinge sind wie die guten – beide wachsen recht hübsch langsam, Stück für Stück, und es hat auch damals schon Leute gegeben, die da meinten, der Herrgott hätte die gelehrten Professoren ganz verlassen, und die Burschen, die bei ihnen das Studieren anfingen, wären besser und gescheiter in ihrem Torfmoor hocken geblieben, wie ihre Voreltern das in den Zeiten der Bedrängnis taten, mit ’ner Bibel unter ihrer Achsel und dem Geist des Gebets im Herzen. Eins war sicher: Mr. Soulis war viel zu lange auf der Universität geblieben. Er sann und trachtete nach vielen Dingen, außer denen, die wahrhaft not tun. Er hatte einen Haufen Bücher bei sich –, mehr, als man je zuvor im Pfarrhaus beieinander gesehen hatte – und eine saure Müh machte es dem Boten, sie hierherzutragen; alle waren sie nahe daran, irgendwo in dem Teufelsmoor zwischen hier und Kilmackerlie zu ersaufen. Es waren zwar Bücher der Gottesgelahrtheit, oder hießen doch so; aber die ernsten Leute sahen alle nicht ein, weswegen er so viele brauchte, wo sich doch das ganze liebe Gotteswort in der Falte eines Plaids herumtragen läßt. Da saß er nun den halben Tag und fast die halbe Nacht lang – was doch kaum anständig ist – und tat schreiben, nicht mehr und nicht weniger; und zuerst fürchteten wir alle, er würde seine Predigten herunterlesen; aber dann kam es heraus, daß er selber neue Bücher schrieb, und das schickt sich für jemanden in seinen Jahren und von seinem bißchen Erfahrung doch bestimmt nicht.

Nun mußte man ihm aber ein altes, ehrbares Weibsbild finden, um ihm das Pfarrhaus in Ordnung zu halten und sein bißchen Essen zu kochen; und man nannte ihm ein altes Frauenzimmer – Janet M’Clour war ihr Name – und ließ ihn dann seiner Wege gehen, so daß er tat, was er sich in den Kopf gesetzt hatte. Zwar waren auch viele da, die ihm von der Janet abrieten, denn sie war den besten Leuten in Balweary mehr als anrüchig. Lange vorher hatte sie von ’nem Dragonerkerl ’nen Balg bekommen; seit rund dreißig Jahren war sie nicht an den Tisch des Herrn getreten; und die Kinder hatten gesehen, wie sie bei Dunkelwerden ganz allein auf Keys Loan herumstrich, was für ’ne gottesfürchtige Frauensperson ein recht seltsamer Ort ist, und dabei hatte sie in einem fort vor sich her gemurmelt. Na, wie dem auch sei, der Gutsherr selbst war der erste, der dem Pastor von der Janet sprach; und damals machte man noch manchen Umweg, um der Herrschaft zu gefallen. Wenn die Leute ihm sagten, daß Janet sich dem Teufel verschrieben hätte, so war das in des Herrn Pastors Augen nur ein Stück Aberglauben, und wenn sie ihm dann mit der Bibel und der Hexe von Endor kamen, so trommelte er’s in ihre Schädel hinein, daß die Zeiten heute vorbei wären und daß der Teufel jetzt durch Gottes Gnade in Ketten läge.

Nun, als es sich so im Dorfe herumsprach, daß Janet M’Clour als Dienstbot aufs Pfarrhaus sollte, waren die Leute recht außer sich über alle beide, sie und ihn; und einige von den Gevatterinnen hatten nichts Besseres zu tun, als zu der Janet hinzulaufen und ihr alles vorzuwerfen, was sie von ihr wußten, von dem Soldatenbalg angefangen bis zu John Tamsons zwei Kühen. Die Janet war nicht gerade sehr fix mit der Zunge; auch ließen sie die Leute gewöhnlich ihre eigenen Wege gehen und sie die Leute nicht minder, mit kaum einem »Schönen guten Abend« oder »Guten Tag«; aber wenn sie sich’s in den Kopf setzte, dann hatte sie ’ne Zunge, um selbst den Müller taub zu machen. Diesmal war sie nun auch nicht faul; in ganz Balweary gab’s keine alte Klatschgeschichte, die sie an jenem Tage nicht irgend jemandem unter die Nase hielt, und man konnte ihr kein Ding vorwerfen, ohne als Entgelt gleich zwei zu hören zu bekommen, bis die Gevatterinnen die Janet zu guter Letzt packten, ihr die Kleider vom Leibe rissen und sie durch das ganze Dorf stießen bis an den Dule heran, um herauszubekommen, ob sie ’ne Hexe wäre; ob sie schwimmen oder untergehen würde. Das Frauenzimmer schrie, daß man es bis zum Hanging Shaw herauf hörte, und kämpfen tat sie wie ihrer Stücke zehn. Manch eine von den Gevatterinnen trägt noch ein Abzeichen ihrer Nägel bis ans Lebensende mit sich herum; und wer kommt da, grad als die Sache am hitzigsten ist, auf daß seine Sünden bestraft werden, des Weges? Der neue Herr Pastor!

›Weiber‹, sagt er (und er hatte eine großartige Stimme), ›ich befehle euch im Namen des Herrn, gebt sie frei!‹

Janet rannte auf ihn los – sie war schon halb verrückt vor Angst – und klammerte sich an ihn und bat ihn um Christi willen, sie von den Klatschbasen zu retten; und die, für ihr Teil, erzählten ihm alles, was sie wußten, und vielleicht sogar noch ’n bißchen mehr.

›Weib‹, sagt er zu Janet, ›ist das wahr?‹

›So wahr der Herrgott mich sieht‹, sagt sie, ›so wahr der Herr mich erschaffen hat, kein Wort davon. Bis auf das Kind‹, sagt sie, ›bin ich mein Lebtag ein ehrbar Weib gewesen.‹

›Willst du‹, sagt Mr. Soulis, ›im Namen Gottes hier vor mir, seinem unwürdigen Diener, dem Teufel und seinen Werken abschwören?‹

Nun, es scheint, daß sie, wie er das so fragte, zu grinsen anfing, so daß alle, die es sahen, es mit der Angst bekamen, und man konnte ihre Zähne im Munde nur so klappern hören. Aber da half nun gar nichts, für das eine oder das andere mußte sie sich entscheiden, und Janet hob die Hand hoch und schwur vor ihnen allen dem Teufel und seinen Werken ab.

›Und jetzt‹, sagt Mr. Soulis zu den Gevatterinnen, ›macht, daß ihr nach Hause kommt, alle miteinander, und betet, daß Gott euch verzeihen möge.‹

Und er reichte Janet den Arm, ob sie auch wenig mehr als ihr Hemd an hatte, und führte sie durch das ganze Dorf bis an ihr eigenes Heim wie eine richtige große Dame; und ihr Lachen und Weinen war ein Skandal, wert, daß man ihn hörte.

In jener Nacht gab’s viele ernste Leute, die mit ihrem Gebet gar nicht fertig werden konnten; als dann aber der Morgen kam, überfiel die ganze Gemeinde Balweary eine solche Furcht, daß die Kinder sich versteckten und selbst die Mannsbilder nur hinter der Haustüre hervorzugucken wagten. Denn da kam Janet das Dorf hinunterspaziert – sie oder doch ihr Ebenbild, das konnte kein Mensch wissen –, mit ganz schiefem Hals und dem Kopf auf der einen Seite, wie jemand, der gehängt worden ist, und mit einem Grinsen ums Maul, wie eine nicht hergerichtete Leiche. Mit der Zeit gewöhnten sich die Leute ja daran, und einige starrten ihr sogar ins Gesicht, um herauszubekommen, was mit ihr los wäre; aber von dem Tage an konnte Janet nicht mehr wie eine christliche Frauensperson reden, sondern schnatterte und klapperte mit den Zähnen, als hätte sie ein paar Scheren im Maul; und auch der Name Gottes kam von da an nicht mehr über ihre Lippen. Manchmal, da versuchte sie es ja, ihn auszusprechen, aber es ging nicht. Die Leute, welche das meiste wußten, redeten am wenigsten; niemals aber gaben sie dem Ding da den Namen Janet M’Clour; denn die alte Janet, so wie sie’s erzählten, briet bereits in der tiefsten Hölle. Aber der Herr Pastor war nicht zu belehren und nicht zu halten; er predigte von nichts anderem als von der Grausamkeit der Leute, die der Janet einen Schlagfluß verursacht hätten; ja, er schlug die Kinder, die sie neckten; und noch in derselben Nacht holte er sie hinauf ins Pfarrhaus und wohnte mit ihr da ganz alleine unter dem Hanging Shaw.

Nun, die Zeit ging vorüber, und die Müßigeren unter uns fingen an, leichtfertiger von der ganzen schwarzen Angelegenheit zu denken. Von dem Herrn Pastor hatte man eine gute Meinung; immer noch saß er bis spät in die Nacht bei seiner Schreiberei, ja, die Leut konnten bis zwölf Uhr den Schein seiner Kerze über dem Dule-Fluß sehen. Er schien mit sich selbst auch noch genau so zufrieden und so selbstsicher wie zuvor, wenn auch jedermann sehen konnte, daß er abmagerte. Und Janet kam und ging, und hatte sie früher nicht viel geredet, so hatte sie jetzt Grund genug, um noch weniger zu schwatzen. Aber sie war schauerlich anzusehen, und um den ganzen Balweary-Pfarracker hätte keiner ihr über den Weg laufen mögen.

Da kam gen Ende Juli eine Spanne Wetter, wie wir es in der ganzen Gegend noch nicht erlebt hatten; es war drükkend und heiß und unlustig; die Herden konnten den Schwarzen Berg nicht mehr hinauf, die Kinder waren zu müde, um zu spielen; und dabei war es auch stürmisch, mit Stößen von heißem Wind, der in den Tälern nur so rumorte, und mit kleinen Schauern, die niemandem nichts nützten. Wir glaubten, es würde am nächsten Tage ein Gewitter geben, aber der Morgen kam und der übernächste Morgen, und immer noch das gleiche, unheimliche Wetter, hart für die Menschen und hart fürs Vieh. Von allen, die es in den Knochen spürten, war keiner so übel dran wie Mr. Soulis; er konnte weder schlafen noch essen, erzählte er den Kirchenältesten; und wenn er nicht an seinem langen, langen Buch schrieb, dann stieg er in der ganzen Gegend umher, wie einer, den der Teufel reitet, und das in einer Zeit, wo jede Kreatur froh war, zu Haus bleiben zu können.

Über dem Hanging Shaw im Schatten von Black Hill liegt ein kleiner eingefriedeter Grund mit einem eisernen Gitter; es scheint, daß er in alten Zeiten der Kirchhof von Balweary war und von Papisten geweiht, ehe denn das himmlische Licht über dem Reiche leuchtete. Das war nun Mr. Soulis’ Lieblingsaufenthalt; dort saß er und dachte sich seine Predigten aus, und es war auch wirklich ein schattiges Plätzchen. Als er nun eines Tages durch den wüsten Teil von Black Hill schritt, sah er zuerst zwei und dann vier und schließlich sieben Krähen rund um den alten Friedhof flattern. Sie flogen tief und schwer und krächzten im Fluge, und es war Mr. Soulis klar, daß etwas sie aufgescheucht haben mußte. Ihm war nicht so leicht bange zu machen, darum ging er auch schnurstracks auf das Gitter los. Und was fand er da? Einen Mann oder doch so was Ähnliches, der drinnen im Kirchhof auf einem Grabe saß. Er war sehr groß und schwarz wie die Hölle, und seine Augen waren seltsam anzusehen. Mr. Soulis hatte schon manches liebe Mal von schwarzen Männern erzählen hören, aber an diesem hier war etwas Fremdartiges, das ihm Furcht einjagte. Heiß wie ihm war, spürte er einen kalten Angstschauer bis ins Mark hinein, aber er redete ihn trotzdem forsch an und fragt: »Mein Freund, seid Ihr fremd an diesem Orte?« Und der schwarze Mann antwortete kein Wort, sondern machte sich auf die Beine und stolperte auf die jenseitige Mauer zu, und die ganze Zeit über sah er den Pastor an, und der Pastor starrte zurück, bis der Schwarze in der nächsten Minute über die Mauer rüber war und auf den Schatten der Bäume zulief. Mr. Soulis, warum, wußte er selber kaum, rannte hinter ihm drein; aber er war schon ganz alle von seinem Spaziergang und von dem heißen, ungesunden Wetter, und wenn er auch noch so sehr rannte, so konnte er doch nur einen Augenblick lang den Schwarzen zwischen den Birken laufen sehen, bis er den Berg hinunter war, und da sieht er von neuem, wie der andere laufend, springend und rennend über den Dule-Fluß rüber im Pfarrhaus verschwindet.

Mr. Soulis war nun nicht besonders entzückt, den schauerlichen Kerl so mir nichts, dir nichts mit dem Balweary-Pfarrhaus umspringen zu sehen; und er rannte nur um so schneller und mit nassen Schuhen über den Bach und den Gang hinauf; im ganzen Garten hat er sich umgeschaut, aber nirgends war da ein schwarzer Mann zu sehen. Am anderen Ende des Ganges drückt er ein bißchen ängstlich, wie das ja ganz natürlich war, die Klinke runter und ging ins Pfarrhaus; und da vor seinen Augen stand Janet M’Clour mitsamt ihrem schiefen Kopf und freute sich obendrein gar nicht, ihn zu sehen. Und da fiel es ihm ein, daß er immer schon, seitdem er sie zum ersten Male zu Gesicht bekommen hatte, dasselbe kalte, gräuliche Gefühl gespürt hatte.

›Janet‹, sagt er, ›hast du einen schwarzen Mann gesehen?‹

›Einen schwarzen Mann?‹ fragt sie. ›Gott steh uns bei! Ihr seid nicht gescheit, Herr Pastor. Es gibt keinen schwarzen Mann in ganz Balweary.‹

Aber sie redete nicht deutlich, müßt ihr wissen, sondern winselte und wieherte nur so vor sich hin, wie ’n Pony, das ’n Zaumzeug im Maule hat.

›Nun‹, sagt er, ›Janet, wenn das kein schwarzer Mann war, dann habe ich den Versucher selbst gesehen.‹

Und er setzte sich wie einer, der ’s Fieber hat, und seine Zähne klapperten ihm im Kopfe.

›Pfui, pfui‹, sagt sie, ›schämt Euch, Herr Pastor‹, und sie gab ihm einen Tropfen Schnaps, den sie immer bei sich hatte.

Dann ging Mr. Soulis in sein Studierzimmer zu seinen vielen Büchern. Das ist ’n langes, niedriges, finsteres Zimmer, zum Umkommen kalt im Winter und nicht einmal im Sommer sonderlich trocken, denn das Pfarrhaus liegt dicht am Fluß. Da setzte er sich also hin und dachte an alles, was er so erlebt hatte, seit er nach Balweary gekommen war, an seine Heimat und an die Zeit, als er noch ein Bub war und vergnügt über die Heide sprang; und der schwarze Kerl da ging ihm wie so ’n Lied im Kopfe ’rum. Er versuchte zu beten, aber die Worte fielen ihm nicht ein; und es heißt auch, daß er an seinem Buche schreiben wollte, aber da ging es ihm auch nicht besser. Es gab Zeiten, in denen er glaubte, der Schwarze stände neben ihm, und der Schweiß brach ihm aus allen Poren, so kalt wie Brunnenwasser, und dann wieder kam er zu sich selbst wie ein richtiger Christenmensch und fürchtete sich vor nichts mehr.

Das Ende vom Liede war, daß er zum Fenster schritt und in den Dule-Fluß hinunterstarrte. Die Bäume wuchsen da unheimlich dicht, und das Wasser unterhalb des Pfarrhauses ist tief und schwarz; und da stand Janet und wusch mit hochgerafften Röcken die Wäsche. Sie hatte dem Pastor den Rücken zugekehrt, so daß er zuerst gar nicht wußte, wen er vor sich hatte. Dann drehte sie sich um und zeigte ihm ihr Gesicht; und Mr. Soulis hatte dasselbe kalte Angstgefühl, das er schon zweimal an jenem Tage gespürt hatte, und er erinnerte sich an das, was die Leute sagten, daß Janet schon lange tot wäre und daß hier ein Gespenst in ihrem Leichnam umginge. Er zog sich ein bißchen zurück und beobachtete sie scharf. Sie stampfte und rieb auf die Wäsche los und summte so vor sich her, und – der Herr stehe uns bei! – es war ein gräuliches Gesicht! Mal sang sie lauter, aber es gibt keinen Menschen, vom Weibe geboren, der da hätte sagen können, welches ihre Worte waren; und mal guckte sie so von seitwärts an sich herunter, aber es war nichts da, das sie hätte sehen können. Da lief wieder ein Schauer durch des Pastors Knochen, und das war eine Warnung des Himmels. Aber Mr. Soulis machte sich Vorwürfe, daß er so schlecht von einem alten, unglücklichen Frauenzimmer dachte, das niemand außer ihm selbst zum Freunde hatte; und er sprach so ’n kleines Gebet für sich selbst und eins für sie und trank ein bißchen kaltes Wasser – denn sein Magen drehte sich bei dem Gedanken an Essen um – und ging im Dämmerlicht zu seinem kahlen Bett hinauf.

Das war eine Nacht, wie ganz Balweary sie nie und nimmer vergessen wird, die Nacht zum siebzehnten August siebenzehnhundertundzwölf. Es war vorher schon heiß gewesen, wie ich ja gesagt habe, aber diese Nacht war heißer denn alle anderen. Die Sonne ging hinter gar schaurig aussehenden Wolken unter; es wurde so finster wie in der Hölle selbst; kein Stern, kein bißchen Wind; man konnte nicht die Hand vor Augen sehen, und selbst die alten Leute warfen die Decken von ihren Betten zurück und schnappten nur so nach Luft. Mit allem, was ihm so im Kopfe herumging, war es nicht sehr wahrscheinlich, daß Mr. Soulis viel schlafen würde. Er lag also wach und warf sich in den Kissen herum, und das gute, kühle Bett brannte ihn bis auf die Knochen, und mal hörte er die Glocken schlagen und mal einen Köter draußen auf der Heide heulen, wie wenn jemand im Sterben liegt; mal glaubte er, Geister schrien hinter ihm drein, und mal sah er Gespenster im Zimmer. Da meinte er, daß er wohl krank sein müßte; und krank war er auch – aber was für eine Krankheit er hatte, das ahnte er nicht.

Zum Schluß wurde es ihm aber klarer im Kopfe; er setzte sich also in seinem Hemde im Bette aufrecht, und fing wieder an, an den schwarzen Mann und an Janet zu denken. Wie es kam, wußte er nicht – vielleicht war die Kälte an seinen Füßen dran schuld –, aber mit einemmal wußte er ganz genau, daß die beiden irgendwas miteinander hatten, und daß entweder einer von beiden oder alle beide Gespenster waren. Und gerade in dem Augenblick kam von Janets Kammer her, die neben der seinen lag, ein Stampfen wie von Männern bei einer Rauferei, gefolgt von einem lauten Knall, und dann heulte ein Wind rings um die vier Wände des Hauses, und dann war wieder alles still wie das Grab.

Mr. Soulis, der fürchtete sich aber weder vor Mensch noch Teufel. Er nahm also sein Feuerzeug, steckte eine Kerze an und war mit drei Schritten neben Janets Kammertür. Die war nicht verschlossen, und er stieß sie auf und guckte ganz unverzagt ins Zimmer hinein. Es war ein großer Raum, so groß wie der des Herrn Pastors selbst, und ganz voll schweren, alten, festen Hausrats, denn andere Sachen besaß der Pastor gar nicht. Da standen ein großes, vierpfostiges Bett mit alten Vorhängen und ein schöner Schrank ganz aus Eiche, der voll von des Herrn Pastors geistlichen Büchern steckte und dort aufgestellt war, um außer Weges zu sein; und ein paar Kleidungsstücke Janets lagen am Boden herum. Aber von Janet selbst war nichts zu sehen, und von einem Streite auch nichts. So spazierte Mr. Soulis denn schnurstracks hinein (und ich kenn’ wenige, die es ihm nachgemacht hätten) und blickte sich ringsum und lauschte. Aber da war nichts zu hören, weder drinnen im Pfarrhaus selbst noch in der Gemeinde Balweary, und nichts zu sehen außer den vielen Schatten, die um die Kerze tanzten. Und dann fing plötzlich des Herrn Pastors Herz an wie wild zu klopfen und stand dann wieder stockstill, und ein kalter Wind blies ihm durch die Haare. Und ach, welch eine schlimme Sache mußte der arme Mann da sehen! Dort hing Janet an dem alten Eichenschrank an einem Nagel: ihr Kopf lag ganz auf ihrer Schulter, die Augen waren ganz starr und die Zunge hing ihr zum Halse heraus, und ihre Absätze baumelten glatt zwei Fuß über dem Estrich.

›Gott verzeih uns allen!‹ dachte Mr. Soulis, ›die arme Janet ist tot.‹

Er trat also ’nen Schritt näher auf die Leiche zu; und dann donnerte sein Herz nur so gegen seine Rippen. Denn durch welchen verdammten Spuk ziemt es sich wohl kaum für einen Menschen zu sagen, aber da hing sie an einem einzigen Nagel, an einem einzigen Wollfaden von der Art, mit der sie sonst des Pastors Strümpfe stopfte.

Es ist eine furchtbare Sache, des Nachts ganz allein zu sein mit solchen Schrecken der Finsternis; aber Mr. Soulis war stark im Herrn. Er drehte sich also um und ging seines Weges aus dem Zimmer hinaus und schloß die Türe hinter sich zu; und Schritt für Schritt ging’s, schwer wie Blei, die Treppe hinunter; und dann stellte er den Leuchter auf den Tisch am Fuße der Treppe. Er konnte nicht beten und er konnte nicht denken, er troff nur so von kaltem Schweiß, und nichts konnte er hören, außer dem Poch-poch-poch seines eigenen Herzens. Da mag er nun wohl eine Stunde oder vielleicht auch zwei gestanden haben, wie lange, das merkte er wohl kaum, als er ganz plötzlich einen leichten, unheimlichen Schritt über sich hörte. Füße gingen in dem Zimmer auf und ab, in dem die Leiche hing, dann wurde die Türe geöffnet, obwohl er genau wußte, daß er sie verschlossen hatte, und es war ihm, als spähe die Leiche über das Treppengeländer auf ihn, wie er so dastand, hinab.

Da packte er wieder den Leuchter (denn ohne Licht konnte er nicht sein) und ging so leise wie er gekommen war schnurstracks aus dem Pfarrhaus hinaus an das andere Ende des Ganges. Es war immer noch stockfinster; die Flamme der Kerze brannte, als er den Leuchter auf den Boden setzte, so klar und ruhig wie in einem Zimmer; nichts rührte sich, außer den Wassern des Dule, die das Tal hinunter weinten und seufzten, und jenem unheimlichen Schritt, der drinnen im Pfarrhaus die Treppe hinauf tapste. Er kannte den Tritt wohl, es war Janets; und mit jedem Schritt, den er näher kam, fraß er sich tiefer in seine Eingeweide. Und er empfahl seine Seele dem, der sie erschaffen und in seine Hut genommen hatte: ›Und, o Herr‹, sagte er, ›gib mir Kraft heute nacht, Krieg zu führen gegen die Mächte des Bösen.‹

Derweilen war der Schritt durch den Gang auf die Tür zu gekommen; er hörte, wie eine Hand die Mauer entlang glitt, als ob das gräßliche Wesen sich seinen Weg ertastete. Die Aste rauschten und schlugen gegeneinander, ein langer Seufzer kam über den Berg herüber, die Flamme der Kerze flackerte, und da stand der Leib der krummen Janet mitsamt ihrem Frieskleide und ihrer schwarzen Haube, mit dem Kopf auf der einen Schulter und dem Grinsen auf ihrem Gesicht – lebendig, hätte man meinen mögen; tot, wie Mr. Soulis wohl wußte –, auf der Schwelle des Pfarrhauses.

Es ist ’ne seltsame Sache, daß die Seele des Menschen in einem so gebrechlichen Leibe wohnt, aber der Pastor gewahrte jenes Ding, und sein Herz brach nicht.

Sie blieb nicht lange da; sie bewegte sich bald wieder und kam langsam auf die Stelle zu, wo Mr. Soulis unter den Bäumen stand. Die ganze Glut seines Leibes, alle Kraft seines Geistes leuchtete ihm aus den Augen. Es war, als ob sie reden wollte, doch fehlte es ihr an Worten, und sie machte mit der linken Hand ein Zeichen. Da kam ein Windstoß wie das Fauchen einer Katze; die Kerze erlosch, die Äste kreischten wie Menschen, und Mr. Soulis wußte, daß die Sache nun, lebend oder tot, ein Ende nehmen müßte.

›Hexe, Vettel, Teufelin!‹ schrie er, ›ich beschwöre dich bei der Macht Gottes, hebe dich hinweg – wenn du tot bist, ins Grab – bist du verdammt, dann in die Hölle!‹

Und in dem gleichen Augenblick traf des Herrn Hand vom Himmel her das Grauen auf der Stelle, wo es stand; der alte, tote, verfluchte Leib des Hexenweibes, der so lange kein Grab gefunden und von Teufeln gejagt worden war, flammte auf wie ein Funke und sank, ein Aschenhaufen, auf den Boden nieder; der Donner folgte, Schlag auf dröhnenden Schlag, ihm nach stürzte der klatschende Regen, und Mr. Soulis setzte über die Gartenhecke hinweg und rannte, Schrei über Schrei ausstoßend, auf das Dorf zu.

Am nämlichen Morgen sah John Christie den schwarzen Mann, Glock sechs, an Muckle Cairn vorbeigehen; noch vor acht passierte er das Posthaus in Knockdow, und kurze Zeit darauf sah ihn Sandy M’Lellan, wie er von Kilmackerlie die Hügel entlang schlich. Es ist wohl kaum ein Zweifel, daß er es war, der so lange in Janets Körper gehaust hatte; aber nun war er endlich vertrieben, und seither hat uns der Teufel in Balweary nie wieder geplagt.

Aber für den Herrn Pastor war’s eine harte Prüfung; lange, lange lag er zu Bett und redete irr; und von jener Stunde an wurde er der Mann, als den ihr ihn heute kennt.«

Markheim

»Ja«, sagte der Händler, »die Wechselfälle unseres Geschäfts sind vielfältig. Es gibt unwissende Kunden, und dann profitiere ich durch mein größeres Wissen. Es gibt auch Unehrliche«, hier hielt er den Leuchter in die Höhe, daß das Licht voll auf seinen Besucher fiel, »und in diesem Fall«, fuhr er fort, »ziehe ich aus meiner Tugend Gewinn.«

Markheim kam gerade erst aus dem Tageslicht der Straße; seine Augen hatten sich noch nicht an das Gemisch von Licht und Dunkel in dem Laden gewöhnt. Bei diesen vielsagenden Worten und angesichts der Nähe der Flamme blickte er schmerzlich blinzelnd beiseite.

Der Händler kicherte. »Sie kommen am Weihnachtstage zu mir«, redete er weiter, »obwohl Sie genau wissen, daß ich allein im Hause bin, die Läden heruntergelassen habe und streng darauf halte, Geschäften aus dem Wege zu gehen. Nun, Sie werden dafür zahlen müssen; Sie werden dafür zahlen müssen, daß ich jetzt Zeit versäume, während ich über meinen Rechnungsbüchern sitzen sollte; Sie müssen außerdem für ein gewisses Benehmen zahlen, das mir heute an Ihnen ganz besonders auffällt. Ich bin die Diskretion selbst und stelle keine unliebsamen Fragen; aber wenn mir ein Kunde nicht ins Auge sehen kann, muß er dafür zahlen.« Wieder kicherte der Händler und fuhr dann im üblichen Geschäftston, wenn auch mit einem Schatten von Ironie, fort: »Sie können natürlich wie gewöhnlich klar angeben, wie Sie in den Besitz des Gegenstandes gelangt sind? Wieder mal aus Ihres Onkels Kabinett? Ein hervorragender Sammler, Herr!«

Der kleine, blasse Händler mit dem krummen Rücken stellte sich fast auf die Zehenspitzen, guckte über seine goldenen Brillengläser hinweg und schüttelte mit allen Zeichen des Unglaubens den Kopf. Markheim erwiderte seinen Blick in grenzenlosem Mitleid und leisem Grauen.

»Diesmal«, sagte er, »befinden Sie sich im Irrtum. Ich bin nicht gekommen, um zu verkaufen, sondern um zu kaufen. Ich will keine Raritäten losschlagen; meines Onkels Kabinett ist bis zu den Wänden geplündert; aber selbst wenn es noch intakt wäre, würde ich nichts verkaufen wollen. Ich habe an der Börse Glück gehabt und würde die Sammlung daher eher vergrößern als vermindern; mein heutiges Anliegen ist die Einfachheit selbst. Ich suche ein Weihnachtsgeschenk für eine Dame«, fuhr er mit wachsender Geläufigkeit fort, je mehr er sich für die Rede, die er sich zurechtgelegt hatte, erwärmte, »und sicherlich schulde ich Ihnen dafür, daß ich Sie in einer so geringfügigen Angelegenheit störe, eine Genugtuung. Aber ich habe die Sache gestern versäumt; ich muß meine kleine Aufmerksamkeit heute beim Essen anbringen; wie Sie genau wissen, darf man eine reiche Heirat nicht vernachlässigen.« Eine Pause folgte, in der der Händler diese Erklärung ungläubig abzuwägen schien. Das Ticken zahlreicher Uhren, die unter dem fremdartigen Trödel des Ladens verborgen waren, und das ferne Rollen der Wagen aus einer der benachbarten Verkehrsstraßen füllten die kurze Stille.

»Gut, Herr«, sagte der Händler, »es sei. Schließlich sind Sie ja ein alter Kunde; und wenn sich Ihnen wirklich, wie Sie sagen, die Gelegenheit zu einer vorteilhaften Heirat bietet, will ich der letzte sein, der sich Ihnen irgendwie in den Weg stellt. Hier habe ich etwas Hübsches für eine Dame«, fuhr er fort, »einen Handspiegel – fünfzehntes Jahrhundert, garantiert echt; stammt überdies aus einer guten Sammlung, wenn ich auch den Namen im Interesse meines Kunden verschweigen muß, der ganz wie Sie, verehrter Herr, der Neffe und einzige Erbe eines hervorragenden Sammlers ist.«

Der Händler hatte sich, während er in seiner trockenen, bissigen Art zu schwatzen fortfuhr, gebückt, um den Gegenstand von seinem Platz zu holen; währenddessen fuhr ein Zittern durch Markheims Glieder, ein Zucken von Hand und Fuß, und plötzlich jagte ein Sturm aufrührerischer Leidenschaften über sein Gesicht. Der Anfall verging so rasch, wie er gekommen war, und ließ keine Spur zurück, ausgenommen ein gewisses Beben der Hand, die jetzt den Spiegel in Empfang nahm.

»Ein Spiegel«, sagte er heiser und wiederholte deutlicher nach einer Pause, »ein Spiegel? Zu Weihnachten? Das ist doch nicht Ihr Ernst?«

»Warum denn nicht?« rief der Händler, »warum keinen Spiegel?«

Markheim blickte ihn mit undefinierbarem Ausdruck an. »Sie fragen mich, warum ich keinen Spiegel will?« sagte er. »Sehen Sie her – sehen Sie selbst hinein – sehen Sie sich an! Lieben Sie es, sich zu betrachten? Nein! Ich auch nicht – und ich wüßte niemanden, der es täte.«

Das Männchen war zurückgeschnellt, als Markheim ihm so plötzlich den Spiegel hinhielt; jetzt aber, da er erkannte, daß er nichts Schlimmeres in der Hand hatte, kicherte er. »Ihre Zukünftige muß recht stiefmütterlich vom Schicksal bedacht sein«, meinte er.

»Ich bitte Sie um ein Weihnachtsgeschenk«, sagte Markheim, »und Sie geben mir dieses da – diesen verdammten Herold der Zeit, der von Sünden und Torheit spricht – diesen Handmahner des Gewissens! War das Ihre Absicht? Hatten Sie dabei einen Hintergedanken? Reden Sie. Sie tun gut daran. Kommen Sie und erzählen Sie mir von sich selbst. Ich rate aufs Geratewohl: im Grunde Ihres Herzens sind Sie ein recht mildtätiger Mann?«

Der Händler musterte seinen Besucher scharf. Seltsam, Markheim schien nicht zu lachen; auf seinem Gesicht leuchtete etwas wie erwartungsvolle Hoffnung, aber keine Lustigkeit.

»Wo wollen Sie hinaus?« fragte der Händler.

»Nicht mildtätig?« entgegnete düster der andere. »Nicht mildtätig; nicht fromm; nicht gewissenhaft; lieblos, ungeliebt; eine Hand zum Gelderraffen, eine Kassette für dessen Aufbewahrung. Ist das alles? Du großer Gott, Mensch, ist das alles?«

»Ich will Ihnen sagen, was ist«, begann der Händler mit einiger Schärfe und brach dann mit einem Kichern ab. »Aber ich sehe ja, daß dies eine Liebesheirat ist, und Sie haben auf der Dame Gesundheit getrunken.«

»Ah«, rief Markheim mit seltsamer Neugier. »Ah, sind Sie je verliebt gewesen? Erzählen Sie mir davon.«

»Ich«, rief der Händler, »ich, verliebt? Habe nie die Zeit dazu gehabt, und habe auch heute keine Zeit für diesen Unsinn. Wollen Sie nun den Spiegel?«

»Wozu die Eile?« entgegnete Markheim. »Es steht und plaudert sich hier doch recht angenehm; und das Leben ist so kurz und unsicher, daß ich keiner Freude entrinnen möchte, selbst einer so unschuldigen wie dieser nicht. Wir sollten vielmehr an allem, was uns gegeben ist, festhalten, festhalten wie einer, der über einem Abgrund schwebt. Jede Sekunde stellt einen Abgrund dar, wenn man’s recht bedenkt – einen schwindelnd tiefen Abgrund –, tief genug, um uns bis zur Unkenntlichkeit unseres Menschentums zu zerschmettern. Und daher ist es besser, sich angenehm zu unterhalten. Wir wollen voneinander reden; wozu diese Maske? Lassen Sie uns gegenseitig Vertrauen fassen. Wer weiß, vielleicht werden wir noch Freunde?«

»Ich habe Ihnen gerade noch ein Wort zu sagen«, erklärte der Händler, »entweder Sie erledigen Ihren Einkauf oder Sie scheren sich aus meinem Laden!«

»Wahr, sehr wahr«, sagte Markheim. »Genug der Torheiten. Zur Sache. Zeigen Sie mir etwas anderes.«

Der Händler bückte sich ein zweites Mal, um den Spiegel auf das Brett zurückzulegen; sein dünnes blondes Haar fiel ihm über die Augen. Markheim trat, die eine Hand in der Tasche seines schweren Mantels vergraben, ein wenig näher. Er straffte sich zu seiner vollen Länge, und seine Lungen sogen sich voll Luft. Gleichzeitig malten sich die verschiedenartigsten Empfindungen auf seinem Gesicht: Furcht, Grauen und Entschlossenheit, faszinierte Aufmerksamkeit und physischer Widerwillen, und unter der verzerrten Oberlippe wurden seine Zähne sichtbar.

»Vielleicht ist dies etwas Passendes«, bemerkte der Händler; und während er sich aufrichtete, stürzte sich Markheim von hinten auf sein Opfer. Die lange, schmale Klinge blitzte auf und traf. Der Händler zappelte wie eine Henne, stieß mit der Schläfe gegen das Wandbrett und sank in einem Häufchen zu Boden.

Die Zeit hatte wohl ein Dutzend feiner Stimmen in jenem Laden, gewichtige und gemessene, wie es dem hohen Alter zukommt, schwatzhafte und eilige, und alle zählten im verworrenen Ticktack die Sekunden. Von der Gasse her durchbrach das hastige Gepolter von Knabenfüßen auf Pflastersteinen den Chor der schwächeren Stimmen und erweckte Markheim zum Bewußtsein seiner Umgebung. Er blickte sich furchtsam um. Die Kerze stand auf dem Ladentisch; mahnend zuckte die Flamme im Luftzug, und diese fast unmerkliche Bewegung füllte den ganzen Raum mit stummem Leben und wogender Unruhe wie das Meer: Die steilen Schatten nickten, die schweren, massigen Dunkelheiten wuchsen und schrumpften wie atmende Wesen, die Gesichter der Porträts und der chinesischen Porzellangötter wandelten sich und verschwammen wie Spiegelbilder im Wasser. Die innere Tür stand offen und spähte in das Heer der Schatten mit einem langen, schmalen Streifen Tageslicht, der einem gestreckten Zeigefinger glich.

Von ihren Irrfahrten kehrten Markheims furchtbefallene Augen zu dem Körper seines Opfers zurück, wie er bukkelig, mit gespreizten Gliedern, unglaublich klein und unendlich viel erbärmlicher als im Leben dalag. In den ärmlichen Kleidern eines Geizhalses und in jener plumpen Stellung war das Ganze nicht viel mehr als ein Häufchen Lumpen. Markheim hatte sich vor seinem Anblick gefürchtet, und siehe! Es war ein Nichts. Und dennoch, wie er es so betrachtete, begannen in diesem blutbesudelten Bündel alter Kleider beredte Stimmen laut zu werden. Dort mußte es liegen; niemand war, der die geschickt gearbeiteten Angeln und Scharniere spielen ließ, der das Wunder der Bewegung dirigieren konnte. Dort mußte es liegen, bis es gefunden wurde. Gefunden! Ja, und dann? Dann würde aus diesem toten Leib ein Schrei aufsteigen, von dem ganz England widerhallen mußte. Das Echo der Jagd würde die ganze Welt erfüllen. Ja, tot oder lebendig, hier lag der Feind. »Zeit war, da der gehemmte Geist entwich« – fuhr es ihm durch den Sinn, und das erste Wort zündete in seinem Hirn. Die Zeit, die für das Opfer ausgelöscht war, war nun, da er die Tat vollbracht, für den Mörder unaufhaltsam, ungeheuerlich bedeutungsvoll geworden.

Dieser Gedanke erfüllte ihn noch ganz, als erst die eine und dann die andere Uhr, in jeder möglichen Variation von Takt und Stimme, tief wie die Glocke einer Kathedrale, leicht und hell wie der Auftakt zu einem Walzer, die dritte Nachmittagsstunde zu schlagen begann.

Der plötzliche Ausbruch so zahlreicher Stimmen in dem stummen Raum traf ihn wie ein Fausthieb. Er setzte sich in Bewegung, schritt, die Kerze in der Hand, hin und her, unablässig von gleitenden Schatten verfolgt und zu Tode erschrocken von zufälligen Betrachtungen. Aus zahlreichen prunkvollen Spiegeln, teils heimischen Ursprungs, teils aus Venedig oder Amsterdam, blickte ihm sein Gesicht in vielfältigen Wiederholungen gleich einem Heer von Spionen entgegen; seine eigenen Augen stellten ihn in der Begegnung, und seine eigenen Schritte schreckten trotz ihrer Leichtigkeit die umgebende Stille auf. Und noch während er seine Taschen füllte, warf ihm sein Hirn mit unablässiger, tödlicher Monotonie die tausend Fehler seines Planes vor. Er hätte eine ruhigere Stunde wählen, sich ein Alibi beschaffen sollen; er hätte kein Messer gebrauchen, hätte vorsichtiger sein sollen. Es hätte genügt, den Händler zu binden und zu knebeln, statt ihn zu töten; er hätte verwegener sein und sich auch noch des Dienstboten entledigen sollen; alles hätte er anders machen sollen: brennendes Bedauern, zehrender, nimmer endender Kreislauf der Gedanken, um das zu ändern, was nicht zu ändern war; zweckloses Planen, Baumeister der unwiderruflichen Vergangenheit zu werden. Und im Hintergrunde dieses fiebrigen Denkens füllten tierische Schrekken, wie das Scharren und Rascheln der Ratten auf dem öden Dachboden, die geheimsten Kammern seines Gehirns mit Aufruhr; die Hand des Konstablers fiel schwer auf seine Schulter, und seine Nerven zuckten wie der Fisch am Angelhaken; oder es jagten Gerichtsschranken, Gefängnis, Galgen und der schwarze Sarg an seinem Innern vorbei. Furcht vor den Leuten auf der Straße belagerte ihn wie eine Armee die Festung. Unmöglich, daß nicht irgendwie der Kampf ruchbar geworden war und ihre Neugier aufgestachelt hatte. Jetzt sah er sie in den Nachbarhäusern sitzen, regungslos, die Ohren gespitzt – die Einsamen, die dazu verurteilt waren, Weihnachten allein mit ihren Erinnerungen zu feiern, durch seine Tat aus zärtlichen Gedanken aufgeschreckt; glückliche Familien um den Tisch versammelt und zu Schweigen erstarrt, die Mutter mit erhobenem Finger: Menschen jedes Standes, jedes Alters, jeder Laune, aber alle am eigenen Herde versammelt, und alle spähend, lauschend und den Strick flechtend, der ihn henken sollte. Mitunter war es ihm, als könne er nicht leise genug gehen; das Klirren der hohen böhmischen Gläser tönte laut wie eine Glocke, und durch das sonore Ticken erschreckt, fühlte er sich versucht, die Uhren abzustellen. Und wieder, in wechselndem Entsetzen, schien ihm das Schweigen selbst voller Gefahr: Es mußte den Passanten auffallen, sie erstarrend an die Stelle fesseln. Und sofort vermehrte er die Sicherheit seines Auftretens, machte sich geräuschvoll in dem Laden zu schaffen und ahmte mit studierter Leichtigkeit das Treiben eines geschäftigen Mannes nach, der sich zwanglos in seinem eigenen Hause bewegt.

Jetzt aber fühlte er sich von so vielfachen Ängsten zerrissen, daß sein Gehirn dem Wahnsinn nahe war und doch wieder wachsam und schlau auf der Lauer lag. Der Nachbar, der sein bleiches Gesicht gegen die Scheiben preßte, der Passant, den eine grausige Ahnung stehenbleiben hieß, konnten schlimmstenfalls nur Vermutungen hegen; wissen konnten sie nichts. Die Ziegelmauern und geschlossenen Fensterläden ließen nur Geräusche hindurch. Aber war er hier im Hause auch wirklich allein? Er wußte, daß er es war; er hatte das Dienstmädchen in dem armen Feiertagskleid fortgehen sehen, dem Schatz entgegen, ›Ausgang‹ in jeder Rüsche, in jeder lächelnden Falte ihres Gesichts. Ja, er war allein, natürlich war er allein; dennoch hörte er ganz genau über sich in der weiten Leere des Hauses zarte Tritte – er war sich einer fremden Gegenwart vollauf bewußt, auf rätselhafte Art bewußt. Ja, bestimmt; seine Phantasie schlich ihr in jedes Zimmer, in jeden Winkel nach, und jetzt war es ein Ding ohne Gesicht, aber mit Augen, die sahen, und dann war es ein Schatten seiner selbst, und wieder war es das Abbild des toten Händlers, zu neuem Haß und neuer Tücke auferweckt.

Mit Überwindung blickte er von Zeit zu Zeit nach der offenen Tür, vor der seine Augen trotzdem zurückprallten. Das Haus war sehr hoch, das Oberlichtfenster klein und schmutzig, der Tag von Nebel blind. Das Licht, das nach dem Erdgeschoß durchsickerte, war außerordentlich trüb und zeichnete sich nur matt auf der Ladenschwelle ab. Und doch – lauerte nicht ein schwanker Schatten dort in dem schmalen Dämmerstreifen?

Plötzlich fing ein äußerst jovialer Herr an, unter Schreien und Scherzen und fortgesetzten Wiederholungen des Namens des Händlers von draußen her mit seinem Stock gegen die Ladentür zu pochen. Markheim blickte, zu Eis erstarrt, den Toten an. Nein, der lag ganz still, weit außerhalb der Hörweite dieses Klopfens und Rufens, in einem Ozean des Schweigens versunken, und sein Name, der ehedem für seine Ohren das Toben des Sturms übertönt haben mochte, war ein leeres Geräusch geworden. Und nach einer Weile hörte der joviale Herr mit seinem Klopfen auf und ging seiner Wege.

Das war ein deutlicher Wink, mit dem, was es noch zu tun gab, nicht zu säumen; sich auf und davon zu machen aus dieser anklagenden Umgebung, unterzutauchen in die Millionen Londons und, jenseits des Tages, jenen Hafen der Sicherheit und scheinbaren Unschuld zu erreichen – das Bett. Ein Besucher hatte sich bereits gemeldet; jeden Augenblick konnte ihm ein zweiter, hartnäckigerer folgen. Nach vollbrachter Tat um ihre Früchte betrogen zu werden wäre zu furchtbar gewesen. Das Geld, das war jetzt Markheims vornehmste Sorge, und, als Mittel dazu: die Schlüssel.

Er warf einen Blick über die Schulter nach der offenen Tür, wo nach wie vor zitternd der Schatten weilte. Ohne klaren psychischen Widerwillen, aber unter körperlichem Schaudern näherte er sich der Leiche seines Opfers. Der menschliche Charakter war ganz von ihr gewichen. Mit gespreizten Gliedern und gekrümmtem Rumpf glich sie einem lose mit Sägemehl ausgestopften Kleiderbündel; dennoch stieß das Ding ihn ab. Trotz der nichtssagenden Dürftigkeit des Anblicks fürchtete er sich vor der beredteren Sprache der Berührung. Er faßte die Leiche an den Schultern und legte sie auf den Rücken. Sie war seltsam leicht und geschmeidig, und die Arme und Beine nahmen dabei, wie gebrochen, die sonderbarsten Stellungen an. Das Gesicht war ohne jeden Ausdruck, aber wachsbleich, und die eine Schläfe entsetzlich mit Blut beschmiert. Das war das einzige, was Markheim Widerwillen einflößte. Im Nu war er in ein Fischerdorf zurückversetzt, an einem gewissen Jahrmarktstag: ein grauer Himmel, ein pfeifender Wind, eine Volksmenge auf den Straßen, Blechmusik, Trommelwirbel, und die näselnde Stimme einer Bänkelsängerin, dazu ein Knabe, der, zwischen Furcht und Interesse zerrissen, im Gedränge untertauchte und sich hin und her bewegte, bis er auf dem Hauptrummelplatz eine Bude mit einer ungeheuren Plakatwand entdeckte: Elendigliche, roh gemalte, schreiende Bilder, die Brownrigg mit ihrem Lehrling, die Mannings mit ihrem ermordeten Gast, Weare mit der Mörderfaust Thurtells an der Kehle, und ein Dutzend anderer berühmter Verbrechen waren hier dargestellt. Das Ganze war so lebendig wie eine Fata Morgana; wieder war er der kleine Junge, wieder betrachtete er mit dem gleichen körperlichen Widerwillen diese gemeinen Bilder; wieder schlug der Trommellärm betäubend an sein Ohr. Einige Takte der damals gehörten Musik huschten ihm durch den Sinn, und hierbei überkam ihn zum ersten Male ein Ohnmachtsgefühl, eine Welle der Übelkeit, eine plötzliche Schwäche in den Kniegelenken, die es augenblicks zu bekämpfen und zu überwinden galt.

Er hielt es für klüger, seinen Betrachtungen standzuhalten, als ihnen zu entfliehen. Fest sah er dem Toten ins Gesicht und zwang sich, die Art und Größe seines Verbrechens zu begreifen. Wie lange war es her, daß sich auf diesem Antlitz jedes wechselnde Empfinden gespiegelt, daß dieser Mund geredet, dieser Körper geglüht hatte von feurigster, lenksamer Energie? Und jetzt war durch seine Tat jenes Stückchen Leben angehalten worden, wie der Uhrmacher mit gestrecktem Finger das Räderwerk der Uhr zum Stehen bringt. So suchte er sich vergeblich zu überzeugen; vergeblich suchte er sich zu reuigerem Bewußtsein aufzupeitschen; dasselbe Herz, das vor den Abbildern des Verbrechens zurückgeschreckt war, blieb unberührt hier vor der Wirklichkeit. Im besten Fall fühlte er ein schwaches Bedauern für dieses Wesen, dem umsonst ein gütiges Schicksal alle Gaben in die Wiege gelegt hatte, die die Welt in einen Zaubergarten verwandeln, und das, ohne je gelebt zu haben, jetzt gestorben war. Von Reue aber keinen Hauch.

Damit schüttelte er diese Gedanken von sich ab; er fand die Schlüssel und schritt auf die offene Tür zu. Draußen hatte es heftig zu regnen angefangen, und das Geräusch der auf das Dach fallenden Tropfen hatte das Schweigen verbannt. So wie in gewissen Höhlen das ständig rieselnde Wasser ein nie enden wollendes Echo weckt, so füllte sich das Haus mit ihrem Widerhall, der sich mit dem Ticken der Uhren vermischte. Im Näherschreiten war es Markheim, als antwortete seinen behutsamen Tritten ein anderer, fremder Tritt, der sich vor ihm die Treppe hinauf zurückzog. Immer noch zitterte der Schatten auf der Türschwelle. Mit dem Zentnergewicht seines Willens zwang er seine Muskeln zum Gehorsam und schob die Tür vollends zurück.

Das schwache, dunstige Tageslicht schimmerte trübe auf dem kahlen Fußboden und der Treppe, auf der blinkenden Ritterrüstung, die mit aufgepflanzter Hellebarde auf dem Treppenabsatz stand, auf die dunklen Holzschnitzereien und gerahmten Bilder, die sich von der gelben Holzbekleidung der Wände abhoben. Die prasselnden Regentropfen hallten so laut im Hause wider, daß Markheim in ihnen vielfältige Stimmen und Geräusche zu unterscheiden vermeinte. Fußtritte und Seufzer, der schwere Schritt eines in der Ferne marschierenden Regiments, das Klingen von Goldmünzen auf dem Ladentisch, das Knarren von Türen, die von heimlicher Hand offengehalten wurden, mischten sich, schien’s, in das Geräusch des klatschenden Regens auf der Dachkuppel und in das Rauschen des Wassers in den Leitungsröhren. Das Bewußtsein fremder Gegenwart brachte ihn dem Wahnsinn nahe. Von allen Seiten umlagerten und verfolgten ihn unsichtbare Wesen. Er hörte sie sich in den oberen Räumen bewegen; vom Laden her spürte er den Toten sich aufrichten und lebendig werden, und als er sich mit starker Überwindung anschickte, die Treppe hinaufzusteigen, flohen Füße geräuschlos vor ihm her und schlichen ihm heimlich nach. Wäre er nur taub, fuhr es ihm durch den Sinn, wie sicher würde er Herr seiner Seele sein. Und wieder horchte er auf und segnete jenen immerwachen Sinn, der auf Vorposten stand und als zuverlässige Schildwache sein Leben beschirmte. Unablässig drehte und wendete er den Kopf; seine Augen, die aus ihren Höhlen hervorzutreten schienen, spähten und schweiften nach allen Seiten, und von allen Seiten her ward ihnen ein halber Lohn durch ein namenloses Etwas, dessen schwindende Spur sie erhaschten. Die vierundzwanzig Stufen zum oberen Stockwerk waren vierundzwanzig Höllenstrafen. Auf diesem Flur gähnten ihm drei Türen entgegen, drohende Hinterhalte, die wie drei Kanonenmündungen seine Nerven erschütterten. Er fühlte es, nichts war stark genug, um ihn fortan gegen die spähenden Augen der Menschen zu stählen und zu wappnen. Er sehnte sich danach, zu Hause zu sein, hinter festen Mauern, in den Bettüchern vergraben, unsichtbar vor allen, außer vor Gott. Bei diesem Gedanken wunderte er sich ein wenig, in Erinnerung an die vielen Geschichten von anderen Mördern, die angeblich vor der Rache des Himmels gezittert hatten. Sie stimmten nicht, wenigstens was ihn betraf. Er fürchtete sich vor den Gesetzen der Natur, daß sie in ihrem gefühllosen und unabänderlichen Ablauf eine vernichtende Spur seines Verbrechens festhalten könnten. Mit zehnfachem sklavischen, abergläubischen Grauen fürchtete er irgendeinen Riß in der Kontinuität der menschlichen Erfahrungen, irgend einen willkürlichen Bruch der Naturgesetze. Er spielte ein Spiel der Geschicklichkeit, das von den Regeln, den berechneten Wirkungen bestimmter Ursachen abhing. Wie, wenn nun die Natur, wie der besiegte Tyrann das Schachbrett, ihre Gesetzesfolge zertrümmern sollte? Das gleiche hatte Napoleon betroffen, als der Winter den Zeitpunkt seines Eintreffens änderte. Das gleiche konnte Markheim treffen: Die festen Mauern konnten durchsichtig werden und sein Treiben enthüllen wie das Treiben von Bienen in einem gläsernen Stock. Die starken Dielen konnten wie trügerischer Flugsand nachgeben und ihn umklammern; ja, alltäglichere Ereignisse konnten ihn vernichten. Wie, wenn nun das Haus einfiel und ihn zusammen mit dem Leichnam seines Opfers einsperrte? Oder wenn in dem Nachbarhause Feuer ausbräche und ringsum die Feuerwehr auf ihn eindränge? Das waren die Dinge, die er fürchtete, die Dinge, die man gewissermaßen die Hand Gottes nennen konnte, die Er der Sünde entgegenreckt. Vor Gott selbst fürchtete er sich nicht; gewiß, seine Tat war eine Ausnahmetat, aber ungewöhnlich waren auch seine Entschuldigungsgründe, die Gott allein kannte. Bei ihm, nicht aber bei den Menschen, war er der Gerechtigkeit sicher.

Nachdem er unbehelligt in das Wohnzimmer eingedrungen war und die Tür hinter sich geschlossen hatte, fühlte er seine Furcht von sich weichen. Die Einrichtung war völlig aufgelöst; der Teppich fehlte, statt dessen standen zahlreiche Packkisten und Möbelstücke in wüstem Durcheinander; dazu verschiedene hohe Spiegel, in denen er sich von allen möglichen Seiten erblickte, wie ein Schauspieler in verschiedenen Bühnenposen, viele Bilder, gerahmt und ungerahmt, mit der Vorderseite gegen die Wand gelehnt, eine schöne Sheraton-Anrichte, ein eingelegter Sekretär und ein mächtiges altes Bett mit schweren Vorhängen. Die Fenster gingen auf den Hof hinaus, aber zum Glück verbargen ihn die heruntergelassenen Läden vor den Nachbarn. Markheim rückte also eine der Kisten vor den Sekretär und begann nacheinander die Schlüssel zu erproben. Es war ein langwieriges und angreifendes Geschäft, denn vielleicht war der Sekretär auch leer, und die Zeit drängte. Indes ernüchterte ihn die angespannte Arbeit. Er schielte dabei zur Tür – ja mitunter blickte er sie gerade an, wie ein belagerter Kommandant, der sich freut festzustellen, daß seine Verteidigungsmaßnahmen in gutem Zustand sind. In Wahrheit war er jetzt ganz ruhig. Das Plätschern des Regens auf der Straße klang wieder natürlich und angenehm in seinen Ohren. Nach einer Weile drangen aus der entgegengesetzten Richtung die Töne eines Klaviers zu ihm herüber, die sich der Melodie eines Chorals anschmiegten, und zahlreiche Kinderstimmen nahmen die Weise und die Worte auf. Wie majestätisch und trostreich klang die Melodie, wie frisch waren die jugendlichen Stimmen. Markheim lauschte lächelnd, während er die Schlüssel ordnete; in seinem Geiste drängten sich sprechende Bilder und Gedanken: Kinder auf dem Wege zur Kirche und Orgelgebraus, Kinder auf der Wiese, Badende am Bachesrand, kleine Beerenleser im Gemeindewäldchen, jugendliche Drachenspieler unter einem windigen, wolkenreichen Himmel; und bei der nächsten Kadenz war er wieder in die Kirche zurückversetzt, in die schläfrige Hitze eines Sommersonntags, hörte die hohe, vornehme Stimme des Geistlichen (die ihm in der Erinnerung noch ein leises Lächeln entlockte) und sah die gemalten Jakobitengrabmäler sowie die matten Buchstaben der Zehn Gebote an der Kanzel.

Und noch während er so geschäftig und abwesend zugleich dasaß, riß es ihn plötzlich auf die Füße. Ein Strahl von Eis und ein Strahl von Feuer, eine Woge pochenden Blutes, und er stand angenagelt, jeder Nerv gespannt. Ein langsamer, fester Schritt kam die Treppe herauf, und nach einer Weile legte eine Hand sich auf die Türklinke, das Schloß klirrte und die Tür öffnete sich.

Furcht hielt Markheim wie mit Eisenklammern. Er wußte nicht, was war; ob der Tote auferstanden war, ob die offiziellen Häscher der menschlichen Justiz ihn greifen wollten, ob ein zufälliger Zeuge hier blind hineinstolperte, um ihn dem Galgen zu überliefern. Als jedoch ein Gesicht sich durch die Öffnung schob, im Zimmer umherblickte, ihm wie in freundschaftlichem Erkennen zunickte und lächelte, und sich dann wieder zurückzog, brach seine Furcht in einem heiseren Schrei durch. Bei diesem Laut kehrte der Besucher wieder um.

»Haben Sie mich gerufen?« fragte er freundlich, und mit diesen Worten trat er, die Tür hinter sich schließend, ins Zimmer.

Markheim stand und starrte ihn krampfhaft an. Vielleicht lag ein Schleier über seinen Augen, aber es war ihm, als ob die Konturen des Ankömmlings sich wandelten und verschwammen, wie die der Götzen in dem unruhigen Kerzenlicht des Ladens. Mitunter kam er ihm bekannt vor, dann wieder schien er ihm selbst zu gleichen; und dabei lastete unablässig, gleich einem schweren Stein und voll lebendigsten Entsetzens, die Überzeugung auf seiner Brust, daß das Wesen dort nicht von dieser Welt und auch nicht vom Himmel sei.

Und dennoch – das Geschöpf sah seltsam alltäglich aus, wie es so dastand und Markheim lächelnd ansah, und als es gar hinzufügte: »Sie suchen, soviel ich weiß, das Geld?« waren seine Worte in dem üblichen Ton eines höflichen Mannes.

Markheim antwortete nicht.

»Ich muß Sie darauf aufmerksam machen«, fuhr der andere fort, »daß das Dienstmädchen sich heute früher als gewöhnlich von seinem Schatz getrennt hat und bald hier sein wird. Sollte Herr Markheim hier im Hause gefunden werden, so brauche ich ihn wohl nicht erst auf die Folgen hinzuweisen.«

»Sie kennen mich?« rief der Mörder.

Der Besucher lächelte. »Seit langem gehören Sie zu meinen ganz besonderen Freunden«, sagte er, »und schon lange habe ich Sie beobachtet und Ihnen helfen wollen.«

»Wer sind Sie?« rief Markheim, »der Teufel?«

»Wer ich bin«, erwiderte der andere, »hat nichts mit dem Dienst zu tun, den ich Ihnen leisten möchte.«

»Nein«, rief Markheim, »nein! Mir von Ihnen helfen lassen? Niemals; von Ihnen nicht. Noch kennen Sie mich nicht; dem Himmel sei Dank, mich nicht.«

»Ich kenne Sie«, entgegnete der Gast in gleichsam freundlich-strengem oder festem Ton. »Ich kenne Sie bis auf den Grund Ihrer Seele.«

»Mich kennen!« rief Markheim, »wer kann das? Mein Leben ist nichts als eine Travestie, eine Verleumdung meiner selbst. Ich habe gelebt, um meine Natur Lügen zu strafen. Alle Menschen tun das; alle Menschen sind besser als die Maske, die sie tragen, die ihnen anwächst und sie erstickt. Sehen Sie nicht, wie das Leben sie packt und mit sich reißt, wie einen Menschen, den Räuber in einen Mantel hüllen und mit sich schleppen? Könnten sie, wie sie wollten – könnten Sie ihre Gesichter sehen, sie wären ganz anders; sie würden als Heroen und Heilige erglänzen. Ich bin schlimmer als die meisten; trage eine ärgere Verkleidung; meine Entschuldigung kennen nur Gott und ich allein. Hätte ich Zeit dazu, ich würde mich enthüllen.«

»Sich mir enthüllen?«

»Ihnen vor allem«, entgegnete der Mörder. »Ich hielt Sie für intelligent. Ich glaubte – da Sie wirklich existieren, – Sie verstünden im Herzen zu lesen. Und doch wollen Sie mich nach meinen Taten beurteilen! Überlegen Sie, was das heißt, nach meinen Taten! Ich bin unter Riesen zur Welt gekommen, habe unter Riesen gelebt; Riesen haben mich, von dem Tage meiner Geburt an, bei der Hand genommen und fortgeschleppt – die Riesen des Zufalls, der Umgebung. Und Sie wollen mich nach meinen Taten beurteilen! Können Sie denn nicht in mein Inneres hineinsehen? Können Sie denn nicht begreifen, daß ich das Böse hasse? Erkennen Sie denn nicht in meinem Innern die klare Schrift des Gewissens, die keine willkürlichen Sophismen auszulöschen vermochten, wenn ich sie auch gar zu oft unbeachtet ließ? Erkennen Sie mich denn nicht als ein Wesen, das so weit verbreitet ist wie die Menschheit selbst – als den Sünder wider Willen?«

»Alles, was Sie sagen, klingt sehr schön«, lautete die Antwort, »geht mich aber nichts an. Fragen der Charakterstärke fallen nicht in mein Gebiet, und es ist mir ganz gleichgültig, durch welchen Zwang Sie sich haben mitreißen lassen, vorausgesetzt, daß es in der richtigen Richtung war. Aber die Zeit fliegt; das Dienstmädchen hat es zwar nicht eilig; sie sieht sich die Volksmenge an und die Bilder an den Anschlagsäulen, aber sie rückt doch immer näher, und vergessen Sie nicht, daß es ist, als käme der langbeinige Galgen selbst durch die festlichen Straßen auf Sie losgeschritten! Soll ich Ihnen helfen, ich, der ich alles weiß? Soll ich Ihnen sagen, wo das Geld zu finden ist?«

»Um welchen Preis?« fragte Markheim.

»Ich schenke Ihnen diesen Dienst als Weihnachtsgabe«, versetzte der andere.

Markheim mußte lächeln, wie in bitterem Triumph. »Nein«, sagte er, »ich will nichts aus Ihren Händen; und wenn ich vor Durst stürbe und Ihre Hand hielte den Wasserkrug an meine Lippen, ich hätte dennoch den Mut, ihn zurückzuweisen. Vielleicht bin ich zu leichtgläubig, aber ich will nichts tun, um mich dem Bösen zu verschreiben.«

»O bitte, ich habe nichts gegen eine Reue auf dem Totenbett«, bemerkte der Besucher.

»Weil Sie an ihre Wirksamkeit nicht glauben«, rief Markheim.

»Das will ich nicht sagen«, erwiderte der andere; »aber ich betrachte diese Dinge von einer anderen Seite, und mit dem Leben erlischt auch mein Interesse. Der Mensch hat gelebt, um mir zu dienen, um unter der Flagge der Religion Bosheit und Übelwollen zu verbreiten, oder um, wie Sie, in einem Dasein voll willfähriger Schwäche gegenüber seinen Trieben, Unkraut ins Weizenfeld zu säen. Jetzt, da er sich dem Tor zur Freiheit nähert, vermag er seinen Dienst nur um die eine Tat noch zu bereichern – er bereut, stirbt lächelnd und baut in den furchtsameren unter meinen Anhängern Hoffnung und Zuversicht auf. Ich bin kein harter Herr. Versuchen Sie es mit mir. Nehmen Sie meine Hilfe an. Bedienen Sie sich im Leben, wie Sie es bisher getan haben; greifen Sie noch reichlicher zu, brauchen Sie Ihre Ellbogen an der Tafel; und wenn die Nacht sich niedersenken und der Vorhang fallen will, wird es Ihnen sogar ein leichtes sein, sich mit Ihrem Gewissen zu versöhnen und mit Gott einen Frieden auf Gegenseitigkeit zu schließen. Dessen kann ich Sie zu Ihrem Troste versichern. Eben erst komme ich von solch einem Totenbett; das Zimmer war voll ehrlicher Leidtragender, die alle den letzten Worten des Mannes lauschten, und als ich in jene Augen blickte, die sich jeder mitleidigen Regung gegenüber zu Stahl verhärtet hatten, fand ich sie voll lächelnder Hoffnung.«

»Und halten Sie mich wirklich für ein solches Geschöpf?« fragte Markheim. »Glauben Sie wirklich, ich kennte kein höheres Ziel als zu sündigen, wieder zu sündigen und immerfort zu sündigen, um mich zuletzt durch die Hintertür in den Himmel zu schleichen? Mein Herz bäumt sich auf bei dem Gedanken. Sind das Ihre Erfahrungen mit der Menschheit, oder setzen Sie eine solche Schlechtigkeit in mir voraus, weil meine Hände rot von Blut sind? Und ist dies Verbrechen des Mordes denn wirklich so ruchlos, daß es die Quelle des Guten selbst versiegen läßt?«

»Mord ist für mich keine besondere Kategorie«, versetzte der andere. »Alle Sünden sind Morde, so wie das ganze Leben ein Krieg ist. Ich sehe Ihresgleichen, gleich hungernden Seeleuten auf einem Floß, die Brotkrusten dem Hunger selbst aus den Händen reißen und einander gegenseitig verschlingen. Ich gehe der Sünde nach bis über den Moment ihrer Entstehung und sehe, daß ihre Folge überall der Tod ist. In meinen Augen trieft das hübsche Mädchen, das am Vorabend eines Balles mit gewinnendem Liebreiz die Mutter hintergeht, nicht weniger von Menschenblut als der eigentliche Mörder. Sagte ich, daß ich der Sünde nachgehe? Ich gehe auch der Tugend nach; sie unterscheiden sich voneinander nicht um Haaresbreite. Beide sind Sicheln in der Hand des Mähers Tod. Das Böse, für das ich lebe, wurzelt nicht im Handeln, sondern im Charakter. Ich liebe den schlechten Menschen, nicht die schlechte Tat, deren Früchte, könnten wir