Meisternovellen - Emil Ertl - E-Book

Meisternovellen E-Book

Emil Ertl

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Beschreibung

Emil Ertl war einer der bedeutendsten Vertreter des österreichischen Heimat- und Geschichtsromans. In seinen Werken beschreibt er die soziale Entwicklung Österreichs und des österreichischen Bürgertums zur Jahrhundertwende 1900. Dieses Buch umfasst 15 ausgesuchte Novellen aus seinem Gesamtwerk. Null Papier Verlag

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Seitenzahl: 271

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Emil Ertl

Meisternovellen

Emil Ertl

Meisternovellen

Veröffentlicht im Null Papier Verlag, 2024Klosterstr. 34 · D-40211 Düsseldorf · [email protected] EV: L. Staackmann Verlag, 1930 3. Auflage, ISBN 978-3-962818-95-1

null-papier.de/katalog

Inhaltsverzeichnis

Au­tor

Zum Ge­leit - Ein Vor­wort

Die Rose

Bar­ba­na

Ar­tis­ten­tra­gö­die

Der Um­weg

In der Gro­ßen Kar­tau­se

Das Kon­zert

Christl

Der Sal­to mor­ta­le

Der Spit­zen­schlei­er

Die Ton­nara

Der Eli­te­ball

Der taub­stum­me Bör­sen­kö­nig

Schick­sal

Im Strand­bad

Ein Kind der Lie­be

In­dex

Dan­ke

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Ihr Jür­gen Schul­ze

Klas­si­ker bei Null Pa­pier

Ali­ce im Wun­der­land

Anna Ka­re­ni­na

Der Graf von Mon­te Chri­sto

Die Schat­zin­sel

Ivan­hoe

Oli­ver Twist oder Der Weg ei­nes Für­sor­ge­zög­lings

Ro­bin­son Cru­soe

Das Got­tes­le­hen

Meis­ter­no­vel­len

Eine Weih­nachts­ge­schich­te

und wei­te­re …

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Autor

E­mil Adolf Vic­tor Ertl (✳ 11. März 1860 in Wien; † 8. Mai 1935 eben­da) war ein ös­ter­rei­chi­scher Dich­ter und Schrift­stel­ler.

Emil Ertl ent­stamm­te eine Sei­den­we­ber-Fa­mi­lie und wuchs am Schot­ten­feld, im 7. Wie­ner Ge­mein­de­be­zirk, auf. Bis 1873 be­such­te er das Gym­na­si­um in der Amer­ling­s­tra­ße, da­nach über­sie­del­te die Fa­mi­lie nach der Wie­der­ver­hei­ra­tung der ver­wit­we­ten Mut­ter nach Meran. Ertl stu­dier­te Phi­lo­so­phie in Graz und Wien; 1886 wur­de er im Wege der Ar­beit »Uti­li­ta­ris­mus und Po­si­ti­vis­mus – eine Un­ter­su­chung im An­schluss an Bent­ham, Mill, Dar­win, Spencer und Com­te« zum Dr. phil. pro­mo­viert. Ab 1889 war Ertl Biblio­theks­be­am­ter, spä­ter Biblio­theks­di­rek­tor an der Tech­ni­schen Hoch­schu­le Graz (Tech­ni­sche Uni­ver­si­tät Graz) und zu­letzt in die­ser Funk­ti­on in Wien.

Be­kannt wur­de Ertl vor al­lem als Schrift­stel­ler. Zwi­schen den bei­den Welt­krie­gen war er ein viel ge­le­se­ner ös­ter­rei­chi­scher Au­tor. Mit Pe­ter Ro­seg­ger, der für ihn als Dich­ter ein Vor­bild war, war er be­freun­det.

Emil Ertl starb am 8. Mai 1935 im Al­ter von 75 Jah­ren in Wien und wur­de auf dem Evan­ge­li­schen Fried­hof Matz­leins­dorf (Gruft 153) bei­ge­setzt.

Sein Nach­lass be­fin­det sich im Be­zirks­mu­se­um Neu­bau. Nach dem Dich­ter sind Gas­sen und Wege in ei­ni­gen ös­ter­rei­chi­schen Städ­ten, wie Wien, Wie­ner Neu­stadt, Bad Aus­see und Graz, be­nannt.

Werks­aus­zug

Ab­dêwa. Ein Mär­chen. 1884

Miss Grant und an­de­re No­vel­len. 1896

Mis­tral. No­vel­len. 1901

Op­fer der Zeit. 2. verm. Auf­la­ge. 1905

Die Leu­te vom blau­en Gu­gucks­haus. 1911

Nach­denk­li­ches Bil­der­buch. Erns­te und hei­te­re Ge­schich­ten. 1911–1913

Aus der Bie­nen­gas­se und an­de­re Ge­schich­ten. 1914

Der Hand­schuh. No­vel­le. 1922

Meis­ter­no­vel­len. 1930

Men­schen­schick­sa­le. Ge­schich­ten aus dem al­ten Ös­ter­reich. 1948

Zum Geleit - Ein Vorwort

Der 70. Ge­burts­tag Emil Ertls, der im Vor­früh­ling die­ses Jah­res ein fest­li­ches Ge­sche­hen be­deu­te­te, hat da­durch ein sehr be­red­tes Zeug­nis für die ver­eh­rungs­vol­le Lie­be ei­ner in­ner­lich-er­grif­fe­nen Ge­mein­de ab­ge­legt: er wur­de zum lau­ten He­rold für die an­dau­ern­de künst­le­ri­sche Gel­tung ei­nes ge­stal­tungs­star­ken Er­zäh­lers und dar­über hin­aus zum zu­ver­läs­si­gen Kün­der von des­sen en­ger see­li­scher Ver­bun­den­heit mit al­len je­nen, für die im Wo­gen und Wer­den un­se­rer Zeit aus dem wei­se ver­ste­hen­den, gü­ti­gen Dicht­er­her­zen durch die Dar­stel­lung des All­ge­mein-Men­sch­li­chen und Ewi­gen die be­glücken­de Fül­le ed­ler Geis­tig­keit und tie­fen Ge­müts ver­hei­ßungs­voll auf­blüht.

»Al­les was der Dich­ter uns ge­ben kann,« meint Schil­ler, »ist sei­ne In­di­vi­dua­li­tät; die­se muß es also wert sein, vor Welt und Nach­welt aus­ge­stellt zu wer­den.« Gilt die­ses Wort, so be­steht Emil Ertl groß vor uns, ist doch so viel ed­ler Stil in sei­ner Er­schei­nung, quillt doch aus sei­ner sel­te­nen Men­sch­lich­keit der wun­der­sa­me Brun­nen, des­sen Tie­fe sein Werk speist. Alle Wär­me, alle Güte, al­ler Hu­mor kom­men bei ihm aus sol­chem Ur­sprung. Die­ses star­ke, erd­ver­wach­se­ne und da­bei fest in gött­li­chem Grun­de ru­hen­de Men­schen­tum be­wirkt sei­ne geis­ti­ge Hal­tung, be­stimmt sein be­deu­ten­des, von al­len Mäch­ten der See­le und von rei­fem Welt­wis­sen er­füll­tes, in Hö­hen und Tie­fen rei­chen­des Dich­ter­tum.

Hieraus er­klärt es sich, warum der Ver­fas­ser des vor­lie­gen­den Bu­ches das Erbe un­ver­gäng­li­cher Meis­ter in so si­che­ren Hän­den trägt, daß wir sei­ner Kunst bis zu die­sem Tage nir­gends ein Er­mü­den oder Wel­ken an­mer­ken. Bei sei­nen un­mit­tel­ba­ren Be­zie­hun­gen zum Le­ben, aus Blut ins Blut wir­kend, hat er sei­ne Schwer­punk­te, wie­wohl er sich oft im Rei­che der Ge­schich­te er­gan­gen hat, bei­lei­be nicht in ver­k­lun­ge­nen Ta­gen, wir spü­ren bei ihm über­all den leb­haf­ten Schwung ei­nes mit der Zeit ge­hen­den Wil­lens. Sein Wirk­lich­keits­sinn führt im­mer wie­der zu hell­spü­ri­ger Beo­b­ach­tung des Klein­le­bens, der Ein­zel­heit; und doch zei­gen sei­ne Dich­tun­gen trotz fein­füh­li­ger Er­bö­tig­keit an die Na­tur und das pul­sen­de Le­ben, trotz so­zia­ler Ein­füh­lung in das Poe­ti­sche des All­tags, die zu­wei­len eine rüh­ren­de An­dacht zum schein­bar Un­be­deu­ten­den in sich schließt, jene hoch über der Er­schei­nung ste­hen­de Auf­fas­sung, die die Ge­mein­schaft al­les Le­bens bis in die stum­me Krea­tur hin­ein be­greift und hei­ligt. Ein Dich­ter soll ja auch mehr ge­ben als nur eine Nach­bil­dung des Le­bens in sei­nen cha­rak­te­ris­ti­schen For­men. Wir hof­fen von sei­ner Kunst, daß sie uns den ver­hoh­le­nen Sinn des Da­seins ent­schlei­ern, den ir­di­schen Ta­ges­lauf be­zwin­gen leh­ren und uns eine in­ne­re Durch­leuch­tung für Ar­beit und Pf­licht­er­fül­lung ver­lei­hen wer­de.

Emil Ertls Muse hat die­ses wei­he­vol­le Amt im­mer ge­übt, doch be­nö­tig­te sie hie­zu nicht im­mer den Schau­platz großer ge­schicht­li­cher Er­eig­nis­se, wie etwa in der ge­wal­ti­gen Spie­ge­lung der vier in­ner­lich zu­sam­men­hän­gen­den Ro­ma­ne aus den Ge­schi­cken ei­ner ös­ter­rei­chi­schen Sei­den­we­ber­fa­mi­lie, sie in stol­zem Bo­gen eine Brücke aus Na­po­leo­ni­scher Zeit bis her­auf in un­se­re Tage schla­gen, oder in dem für uns Deut­sche gleich­nis­rei­chen Rie­sen­ge­mäl­de von Kar­tha­gos Kampf und Un­ter­gang. Ein Be­ru­fe­ner, den längst die Erde deckt, traf denn auch ins Schwar­ze, wenn er, Jah­re be­vor die ge­nann­ten Haupt­wer­ke Emil Ertls ent­stan­den, des­sen dich­te­ri­sches Kön­nen als ein viel­ver­zweig­tes und reich­ge­stal­ten­des ein­schätz­te. In ei­nem Auf­satz, der »Ein gu­ter Ka­me­rad« über­schrie­ben ist, und in dem Pe­ter Ro­seg­ger eine Be­stei­gung des Lo­ser schil­dert, je­nes aus­sichts­rei­chen Kalk­gip­fels, mit dem das Tote Ge­bir­ge ge­gen den dun­kel­grü­nen Al­taus­seer See ab­stürzt, rühmt der volks­tüm­li­che stei­ri­sche Dich­ter in sei­ner Art die ge­wal­ti­gen Ein­drücke, die ihm die Er­ha­ben­heit der Berg­welt ver­mit­tel­te, und freut sich zu­gleich über das of­fe­ne Auge, Ohr und Ver­ständ­nis, das sein um vie­les jün­ge­rer Freund und Wan­der­ge­nos­se von da­mals für das Größ­te und Kleins­te in der Na­tur be­kun­det habe, so­wie über des­sen Sinn für das Ge­schicht­li­che der Ge­birgs­be­woh­ner, de­ren wirt­schaft­li­ches Le­ben, ih­ren Volks­cha­rak­ter, ihre Sit­ten, Kunst­nei­gun­gen und Lie­der. Und er fügt hin­zu: »Da be­griff ich, wie die­ser Mann aus ei­nem Tin­ten­tie­gel Dorf­ge­schich­ten wie Stadt­no­vel­len schrei­ben kann.« So zu le­sen in dem letz­ten von Pe­ter Ro­seg­ger noch selbst zu­sam­men­ge­stell­ten Sam­mel­band »Abend­däm­merung«.

Ei­ner An­re­gung des Ver­la­ges L. Staa­ck­mann in Leip­zig freu­dig ent­spre­chend, aus ei­ner An­zahl ver­schol­le­ner äl­te­rer No­vel­len­bän­de Emil Ertls, die we­gen der Un­gunst der Zeit­ver­hält­nis­se der­zeit nicht neu auf­ge­legt wer­den kön­nen, einen bun­ten Strauß der er­le­sens­ten sol­cher ab­wechs­lungs­rei­cher Er­zäh­lun­gen und Ge­schich­ten, und zwar kleins­ten Um­fangs, zu­sam­men­zu­stel­len, konn­te ich mich der Zu­stim­mung des Ver­fas­sers zu die­sem Un­ter­neh­men umso leich­ter ver­si­chern, als im Lau­fe der Jah­re nicht nur an die ge­nann­te Ver­lags­an­stalt, son­dern im Wege ver­schie­de­ner Buch­hand­lun­gen auch an den Dich­ter selbst im­mer wie­der An­fra­gen ge­rich­tet wor­den sind, in wel­chem Band die­se oder jene Ge­schich­te zu fin­den sei, und auf wel­che Wei­se man sich sel­be ver­schaf­fen kön­ne; wor­auf denn kei­ne an­de­re Ant­wort ge­ge­ben wer­den konn­te, als daß die be­tref­fen­den Ban­de gänz­lich ver­grif­fen und auch im Alt­buch­han­del kaum mehr auf­zu­trei­ben wä­ren. Zehn­tau­sen­de schön­geis­ti­ger Wer­ke, sag­te ich mir, wer­den in deut­schen Lan­den all­jähr­lich mit mehr oder we­ni­ger Lärm auf den Markt ge­wor­fen, meist um für im­mer der Ver­ges­sen­heit an­heim­zu­fal­len. Und eine in al­ler Stil­le er­blüh­te dich­te­ri­sche Schön­heit, de­ren Duft und Far­be sich ih­ren Schät­zern le­ben­dig und dau­ernd ein­ge­prägt hat, soll­te den emp­fäng­li­chen Ge­mü­tern, die ein Wie­der­se­hen mit ihr fei­ern oder an­de­re dar­auf auf­merk­sam ma­chen möch­ten, für im­mer un­zu­gäng­lich blei­ben?

Schon al­lein aus die­ser Er­wä­gung scheint mir die Her­aus­ga­be der vor­lie­gen­den Aus­wahl ge­recht­fer­tigt, wo­bei ich mich üb­ri­gens auf aus­drück­li­chen Wunsch des Dich­ters zu der Fest­stel­lung ver­an­laßt sehe, daß sei­nes Erach­tens Pe­ter Ro­seg­ger ei­nem wohl­wol­len­den Irr­tum un­ter­le­gen sei, wenn er ihm sei­ner­zeit die Fä­hig­keit zu­ge­traut habe, »Dorf­ge­schich­ten« zu ver­fas­sen. Daß die­ses nur ei­nem Schrift­stel­ler ge­lin­gen kön­ne, der Ge­müt und See­le je­ner länd­li­chen Um­welt, die er zum Ge­gen­stand sei­ner Dar­stel­lung zu ma­chen be­ab­sich­ti­ge, von Ju­gend auf in sich ein­ge­so­gen habe, des­sen sei sich nie­mand bes­ser be­wußt als ge­ra­de er selbst, der als Hei­mat­dich­ter der Groß­stadt sei­ne nach­hal­tigs­ten Wir­kun­gen dem Um­stan­de dan­ke, daß er sei­ne Ro­man­ge­stal­ten das­je­ni­ge, was je­den Men­schen be­trifft und be­wegt, in ei­nem zum Grei­fen le­ben­di­gen, ört­lich und zeit­lich ge­nau be­stimm­ten und be­ding­ten Geist habe aus­spre­chen las­sen, wozu ihn wie­der nur sei­ne von Kind­heit auf be­ste­hen­de Ver­traut­heit mit die­sem Geis­te und des­sen Aus­drucks­mit­teln be­fä­higt habe.

»Du wirst, lie­ber Freund,« fährt Emil Ertl in dem be­tref­fen­den an mich ge­rich­te­ten Brie­fe fort, »viel­leicht einen Wi­der­spruch dar­in er­bli­cken, daß sich trotz­dem in mei­nen Wer­ken Er­zäh­lun­gen ge­nug fin­den, die in den man­nig­fachs­ten Um­ge­bun­gen spie­len, in der Stadt oder auf dem Lan­de, un­ter Ge­bil­de­ten oder Bau­ern, großen und klei­nen Leu­ten, Edel­men­schen und Strol­chen, manch­mal so­gar im fremd­spra­chi­gen Aus­land. In­des­sen löst sich der schein­ba­re Wi­der­spruch bei ge­naue­rer Be­trach­tung der Form. Der Ro­man, der künst­le­ri­sche Ern­te ein­brin­gen will, muß sei­ne Ge­stal­ten, auch wenn sie erst als rei­fe Men­schen in ihn ein­tre­ten, von Kind­heit auf, wo­mög­lich gar vor ih­rer Ge­burt, näm­lich in ih­ren Vor­fah­ren ken­nen, muß mit ih­ren Be­zie­hun­gen und Ver­hält­nis­sen aufs Ge­naues­te ver­traut sein, um ihr ge­heims­tes Sin­nen und Trach­ten wis­sen und sie in volls­ter Le­bens­fül­le, das heißt in in­nigs­tem Zu­sam­men­hang mit ih­rer Um­ge­bung dar­stel­len. Un­ge­fähr das­sel­be, wenn auch in ge­wis­ser Ab­schwä­chung, gilt auch von je­ner die ehe­ma­li­ge »Dorf­ge­schich­te« in sich be­grei­fen­den Er­zäh­lungs­form, die zwar oft No­vel­le ge­nannt wird, grund­sätz­lich aber so we­nig zur Ver­schwie­gen­heit neigt wie der Ro­man und sich von die­sem im we­sent­li­chen nur durch ge­rin­ge­ren Um­fang nach Brei­te und Tie­fe un­ter­schei­det. Ganz an­ders die rich­ti­ge No­vel­le. Sie weiß ab­sicht­lich und grund­sätz­lich von den han­deln­den Ge­stal­ten, de­ren Cha­rak­terei­gen­schaf­ten und Schick­sa­len nicht mehr, als was eine be­stimm­te Be­ge­ben­heit, die an sie her­an­tritt, ein Er­eig­nis oder Er­leb­nis, dem sie un­ter­lie­gen, schein­wer­fer­ar­tig da­von er­hellt. In dem ab­ge­grenz­ten Licht­ke­gel leuch­tet dann für einen Au­gen­blick ein Stück Wirk­lich­keit auf, was rechts und links da­von liegt, bleibt un­be­kann­tes Land, wird höchs­tens an­ge­deu­tet. Man fühlt die Ver­wandt­schaft mit der Ra­die­rung. Aus ei­nem Le­bens­krei­se nun, in dem ich durch Er­fah­rung oder Stu­di­um nicht gründ­lich zu­hau­se bin, wür­de ich nie­mals wa­gen, einen Ro­man zu ge­stal­ten. Aber un­be­denk­lich er­gibt er mir, wenn das Glück hold ist, eine No­vel­le, kein Ge­mäl­de zwar, aber eine Ra­die­rung, die auch ihre Rei­ze hat ...«

So­weit Emil Ertl. Es ist da­mit ge­nug­sam er­klärt, warum der Dich­ter, der auf der einen Sei­te so stren­ge An­for­de­run­gen an die Kennt­nis der Um­welt stellt, wie etwa in sei­ner oben er­wähn­ten vier­bän­di­gen Ro­man­rei­he »Ein Volk an der Ar­beit« oder in dem wuch­ti­gen dich­te­ri­schen Ge­schichts­denk­mal »Kar­tha­go«, an­der­seits vor der ab­wechs­lungs­reichs­ten und man­nig­fal­tigs­ten Stoff­wahl nicht zu­rück­schreckt. Er sieht im Ro­man oder der ro­man­ar­ti­gen Er­zäh­lung ge­wis­ser­ma­ßen einen zwi­schen be­grün­ten und be­blum­ten Ufern hin­glei­ten­den Strom, Bäu­me und Häu­ser, die am Ran­de ste­hen, spie­geln sich dar­in, so­gar das Bild des Him­mels, der sich dar­über wölbt, wirft er zu­rück. Die No­vel­le da­ge­gen scheint ihm her­aus­ge­schöpf­tem Was­ser ver­gleich­bar, das die Form des Ge­fäßes an­zu­neh­men ge­zwun­gen ist, des­sen Wän­de es um­gren­zen. Die Ver­schie­den­heit der künst­le­ri­schen Tech­nik be­dingt auch eine an­de­re Ein­stel­lung des Schaf­fen­den sei­nem Stoff ge­gen­über. Nach sol­chen Ge­sichts­punk­ten be­ur­teilt dünkt es mich kein Über­schwang, wenn die vor­lie­gen­de Samm­lung in nach­druck­sa­mer Be­to­nung ei­nes vie­ler­fah­re­nen Kunst­ver­stan­des, der den In­halt durch Form bän­digt, den Ti­tel »Meis­ter­no­vel­len« trägt. Wie grif­fig und pa­ckend be­wegt, schürzt und löst in die­sen knap­pen klei­nen Kunst­wer­ken die be­währ­te Meis­ter­hand, wie hellt sie Dunkles und Ver­bor­ge­nes auf, um es durch die Macht des dich­te­ri­schen Wor­tes zu tra­gi­schen Er­schüt­te­run­gen zu stei­gern oder trost­reich aus­klin­gen zu las­sen, wie­viel Beo­b­ach­tungs­ga­be und Welt­kennt­nis birgt der Reich­tum und die Man­nig­fal­tig­keit der großen und klei­nen Er­eig­nis­se in sich, die gleich­sam aus dem Le­ben selbst her­aus­ge­ris­sen sich in die­sem Ban­de zu­sam­men­fin­den!

Emil Ertl, in sei­ner Ge­sam­ter­schei­nung ei­ner der vor­nehms­ten Trä­ger al­t­ös­ter­rei­chi­scher Geis­tes­kul­tur, ist in sei­nem We­sen uns Do­nau- und Al­pen­deut­schen für die ei­ge­ne see­li­sche und geis­ti­ge Hal­tung voll­gül­tig wie we­ni­ge ne­ben und mit ihm. Gera­de aus den lau­te­ren Quel­len, aus dem Wur­zel­ge­fühl die­ser Dich­tung, die nicht bloß zeit­ver­trei­ben und un­ter­hal­ten, die viel­mehr auch Dienst an der See­le un­se­res Vol­kes tun will, ist man­nig­fach ech­te Kraft zu schöp­fen. Man wird schon des­halb dem Dich­ter und Den­ker ei­nes sel­ten ge­wor­de­nen ver­in­ner­lich­ten Deutsch­tums, der aus der an­drän­gen­den Viel­falt des bunt­wir­beln­den Le­bens durch den sanft über­re­den­den Gei­gen­strich ei­ner wun­der­voll ge­pfleg­ten Spra­che die köst­lichs­ten Schät­ze her­vor­zu­zau­bern weiß, al­lent­hal­ben im wei­ten deut­schen Va­ter­lan­de ger­ne mit be­schwing­ter See­le lau­schen.

Graz, im Som­mer 1930. Hein­rich Was­ti­an.

Die Rose

»Du soll­test aber doch auch an die Luft gehn, Papa!« sag­te Frau An­nie zu ih­rem Mann. »Den gan­zen Tag am Schreib­tisch sit­zen –?«

Sie nann­te ihn fast im­mer »Papa«, ob­gleich er nicht ihr, son­dern der Papa ih­rer Kin­der war; aber sie sah ja al­les mit den Au­gen der Kin­der.

»Wo geht ihr hin?« frag­te der Pro­fes­sor, zer­streut auf­bli­ckend.

»Zum Wohl­tä­tig­keits­fest. Man ist doch we­nigs­tens den Abend ein bis­sel im Grü­nen. Und die Kin­der möch­ten na­tür­lich den Jahr­markt sehn.«

»Na­tür­lich, ja, ja, geht nur!« sag­te er wie geis­tes­ab­we­send.

Min­ni, das neun­jäh­ri­ge Mäd­chen, und der zwölf­jäh­ri­ge Rolf öff­ne­ten die Türe und scho­ben sich zö­gernd in Va­ters Ar­beits­zim­mer her­ein. Drau­ßen hör­te man die ge­dämpf­te Stim­me Gret­lis, die im Al­ter zwi­schen die­sen bei­den stand: »Nicht hin­ein­gehn! Papa hat doch zu ar­bei­ten!«

»Tür zu, bit­te, es zieht!« rief der Papa. Min­ni und Rolf woll­ten zu­rück­pral­len, aber die Mama sag­te: »Also rasch her­ein! Papa er­laubt schon, daß ihr ihm Gu­ten Tag sagt.«

»Aber ge­wiß!« sag­te er und mal­te ner­vös Kra­kel­fü­ße auf den Rand ei­nes Blat­tes, an dem er eben ge­schrie­ben hat­te. »Lebt wohl und gute Un­ter­hal­tung!«

Nun trat auch Gret­li ein, das schüch­ter­ne, groß­äu­gi­ge Kind, in ih­rem Stroh­hut mit wei­ßen Bän­dern. Der Rei­he nach küß­ten sie ihn auf die Wan­ge, erst Min­ni, dann Rolf, dann Gret­li, und ent­fern­ten sich ge­sit­tet und eil­fer­tig. Im Vor­zim­mer sag­te Mama: »Gott, was für ein Stoß Druck­sa­chen und Brie­fe! Trag sie hin­ein, Gret­li!«

»Was gibt es denn schon wie­der?« fuhr der Pro­fes­sor auf.

»Nur Zeit­schrif­ten und Brie­fe, Papa,« sag­te Gret­li, gleich­sam sich ent­schul­di­gend.

»Dan­ke, schon recht, leg sie hin.«

Nach­dem das Kind sich ent­fernt hat­te, riß er die Brief­um­schlä­ge auf und die Schlei­fen von all dem be­druck­ten Zeug, dann zün­de­te er sich eine Zi­gar­re an und ließ das ge­üb­te Auge über Ak­ten und Ab­hand­lun­gen, Ge­druck­tes und Ge­schrie­be­nes glei­ten. Ein paar­mal da­zwi­schen schlug er mit der fla­chen Hand leicht auf den Schreib­tisch. Daß es im­mer wie­der neue Är­ger­nis­se gab, Kon­tro­ver­sen, Miß­ver­ständ­nis­se! Aber was läßt sich da­ge­gen tun? Kämp­fen heißt es eben, sich und sei­ne Über­zeu­gung ver­tei­di­gen. Gera­de das nennt man Wir­ken im Dienst des Geis­tes. Gera­de das nennt man Le­ben.

Rech­ter Hand auf sei­nem Schreib­tisch la­gen ne­ben­ein­an­der zwölf Stück wohl­ge­spitz­te Blei­stif­te, Ko­hi­noor 2 B, links ein ho­her Stoß Pa­pie­re, zu Quart­blät­tern zu­ge­schnit­ten. Gret­lis, sei­nes Lieb­lings, Ge­schäft war es, die­se Vor­rä­te in Ord­nung zu hal­ten. Je­den Mor­gen, ehe Papa sein Zim­mer be­trat, zer­schnitt sie das Pa­pier und spitz­te die Blei­stif­te, de­ren im­mer ge­nau ein Dut­zend sein muß­te. Manch­mal kam es vor, daß am nächs­ten Mor­gen alle zwölf ab­ge­bro­chen wa­ren. Sie setz­te sie wie­der in Stand und leg­te sie ne­ben­ein­an­der, daß sie aus­sa­hen wie Lan­zen in ei­nem Waf­fen­la­ger für Ula­nen. Den Pa­pier­vor­rat aber füll­te sie nach wie die Da­nai­den das Faß. Sie war so eine von den Still­wal­ten­den, die man nicht hört, ver­dich­te­te Weib­lich­keit im Keim, ei­nes von je­nen Kin­dern, die man lei­se aufs Haar küs­sen möch­te und sa­gen: Ge­seg­net, wer dich ein­mal heim­führt!

Wenn der Pro­fes­sor wäh­rend des Schrei­bens auf ein phy­si­sches Hin­der­nis stieß, konn­te es ihn ra­send ma­chen. Da­rum hat­te er sich’s so ein­ge­rich­tet. Das Pa­pier brauch­te man nur her­zu­neh­men, Blatt für Blatt, und wie die Spit­ze so ei­nes Blei­stif­tes Ko­hi­noor 2 B über gut ge­glät­te­tes Pa­pier hin­glei­tet, das ist ganz ein­zig, un­ver­gleich­lich. Er schreibt bei­na­he von selbst.

Gera­de jetzt, wäh­rend er so al­lein und un­ge­stört am Schreib­tisch saß, ris­sen ihn wie­der die Ge­dan­ken hin. Was da in ei­ner die­ser Streit­schrif­ten ge­druckt stand, war schlech­ter­dings un­ver­ein­bar mit sei­ner wis­sen­schaft­li­chen Über­zeu­gung. Das muß­te ein­mal gründ­lich wi­der­legt wer­den. Mit be­stri­cken­der Sach­lich­keit und doch zu­gleich heiß­blü­tig, schlag­fer­tig, ver­nich­tend. So ein zu­recht­wei­sen­der Auf­satz von ihm, an er­sicht­li­cher Stel­le in der ihm zur Ver­fü­gung ste­hen­den Zeit­schrift ge­bracht – das saus­te wie eine da­mas­zier­te Klin­ge durch die Luft, kleb­scharf ge­schlif­fen und da­bei fein und ge­schmei­dig.

Wie ihm die Wor­te aufs Pa­pier ström­ten, aus der Über­zeu­gung her­aus! Jede Vier­tel­stun­de krach­te eine Blei­stift­spit­ze, und so­fort flog der dienst­un­taug­lich ge­wor­de­ne Stift bei­sei­te und ein an­de­rer trat für ihn ein, aus der Re­ser­ve, die in Reih und Glied war­te­te, gleich kampf­be­rei­ten, to­des­mu­ti­gen Sol­da­ten.

Und mit den Blei­stif­ten, die in die Schreib­ti­sche­cke flo­gen, flog auch die Zeit hin, ohne daß er es merk­te, und er wun­der­te sich fast, als nach und nach ein lei­ses Zwie­licht um den Schreib­tisch zu we­ben be­gann und plötz­lich auch schon die Sei­nen vom Volks­fest wie­der heim­kehr­ten, die gan­ze Ras­sel­ban­de.

Die Kin­der in ih­rer Aus­ge­las­sen­heit schlu­gen die Vor­schrif­ten gänz­lich in den Wind, die ih­nen Mama im­mer ein­schärf­te: Pa­pas Zim­mer wie ein Hei­lig­tum zu be­trach­ten. Glück­se­lig stürm­ten sie her­ein, voll von Er­leb­nis­sen, um­dräng­ten ihn, er hör­te sie er­zäh­len, be­rich­ten, schil­dern, und hör­te sie doch wie­der nicht, sei­ne Ge­dan­ken wa­ren – ganz an­ders­wo. Er plau­der­te mit ih­nen und hat­te kei­ne Ah­nung von dem, was er sag­te, er dach­te nur im­mer an sei­ne Ar­beit, die er noch krö­nen woll­te, de­ren letz­te Ge­dan­ken, de­ren wirk­sams­te Sät­ze in ih­ren Um­ris­sen ganz deut­lich vor sei­nem geis­ti­gen Auge stan­den, und die er doch nicht hat­te pa­cken und fest­hal­ten kön­nen. Durchaus woll­te er sie nicht ent­wi­schen las­sen. Er wäre so ger­ne fer­tig ge­wor­den vor Ein­bruch der Dun­kel­heit, das Abendes­sen schmeck­te ihm nicht, wenn er nicht zu ei­nem Ab­schluß ge­kom­men wäre. Und dar­um war er froh, als die Stim­me sei­ner Frau er­tön­te: »Jetzt laßt aber Papa in Frie­den, er hat noch zu ar­bei­ten!«

»Nur ein paar Mi­nu­ten noch ...« sag­te er dank­bar.

Eine hal­be Stun­de spä­ter saß er ganz ver­gnügt mit sei­ner Fa­mi­lie beim Abend­brot. Der Auf­satz war nicht nur vollen­det, son­dern so­gar schon im Brief­kas­ten, mit Um­schlag und Frei­mar­ke. Er war zu­frie­den mit dem Ar­ti­kel. Der saß! Ab­ge­tan! Fer­tig!

Die Kin­der zeig­ten, was sie sich ge­kauft hat­ten auf dem Jahr­markt. Rolf An­sichts­kar­ten. Er sam­mel­te na­tür­lich, und zwar vom geo­gra­phi­schen Ge­sichts­punkt aus: Ge­gen­den, nur Ge­gen­den. Sa­chen, die nicht wirk­lich wa­ren, freie Er­fin­dun­gen von Künst­lern, lieb­te er nicht. Das kam ihm un­so­li­de vor. Min­ni hat­te sich ein wun­der­ba­res Spiel­zeug ge­kauft. Das war ein Ge­stell mit vier Rä­dern und oben­auf eine Kaut­schuk­bla­se, die sich mäch­tig bläh­te, wenn man hin­ein­pus­te­te. Die lang­sam aus­strö­men­de Luft ent­fes­sel­te den Ton ei­nes Trom­pet­chens und setz­te zu­gleich das klei­ne Fahr­zeug in Be­we­gung, wenn man es auf den Tisch oder Fuß­bo­den stell­te. Es mach­te einen drol­li­gen Ein­druck, wenn das Wä­gel­chen selbst­tä­tig da­hin­roll­te un­ter dem Bla­sen des Trom­pet­chens, wäh­rend der auf­ge­bläh­te Sack, den es mit sich führ­te, all­mäh­lich ein­schrumpf­te.

Die Kin­der un­ter­hiel­ten sich lan­ge mit dem schnur­ri­gen Spiel­zeug, lie­ßen es um­wen­den, an­hal­ten, berg­auf und bergab fah­ren und blie­sen es im­mer wie­der auf, so­bald ihm der Atem aus­ge­gan­gen war. Be­lus­tigt sa­hen die El­tern zu.

»Was die Leu­te al­les er­fin­den!« sag­te Frau An­nie.

Der Pro­fes­sor nick­te: »Ja, und wenn man denkt, daß im­mer­hin ein biß­chen In­ge­ni­um dazu ge­hört, so et­was aus­zu­den­ken!«

Nach­dem die Kin­der zu Bett ge­schickt wa­ren, steck­te er sich eine Zi­gar­re an und mach­te Mie­ne, sich in sein Schreib­zim­mer zu­rück­zu­zie­hen.

»Schon wie­der ar­bei­ten?« seufz­te An­nie.

»Mein Buch muß doch end­lich ein biß­chen vom Fleck kom­men.«

»Dei­ne Zi­gar­re we­nigs­tens rauch noch hier zu Ende?« bat sie.

Er blieb sit­zen. Sie nahm das Pus­te­wä­gel­chen, das die Kin­der zu­rück­ge­las­sen hat­ten, blies es auf und ließ es über den Tep­pich hin­lau­fen. Es ar­bei­te­te sich müh­sam aber be­harr­lich durch das rau­he Ter­rain. Eine gan­ze Zeit­lang zog es an wie eine klei­ne Lo­ko­mo­ti­ve, in­dem es das Trom­pet­chen da­bei bla­sen ließ. Dann schrumpf­te die Kaut­schuk­bla­se ein, knüll­te sich zu­sam­men wie eine runz­li­che Haut, und mit ei­nem lang­ge­zo­ge­nen seuf­zen­den Miß­ton ent­floh der letz­te Le­ben­sa­tem. Da stand es stil­le und kipp­te ein we­nig zur Sei­te. Der Pro­fes­sor und sei­ne Frau la­chen. Der Pro­fes­sor muß­te la­chen, daß ihm Trä­nen in die Au­gen tra­ten, so ko­misch kam das Ding ihm vor. Er ver­fiel in ein fast ner­vö­ses, krank­haft über­reiz­tes La­chen.

»Du soll­test nicht so viel ar­bei­ten, Os­kar,« sag­te die Frau. »Es muß ja dei­ne Ner­ven an­grei­fen und dich schließ­lich noch krank ma­chen.«

»O, ich hal­te et­was aus,« er­wi­der­te er be­hag­lich. »Das Ar­bei­ten macht mich nicht krank. Das ist ja das größ­te Ver­gnü­gen, das es über­haupt gibt.«

Er stand auf und ging im Spei­se­zim­mer auf und nie­der, in Ge­dan­ken ... »Siehst du,« sag­te er, »was die Ner­ven an­greift, das ist, daß man kei­nen Dank hat. Ich mei­ne nicht Lohn, ich mei­ne Dank. Über­all nichts als Miß­ver­ständ­nis­se und Miß­deu­tun­gen, von al­len Sei­ten. Und man gibt doch sein bes­tes hin, quält sich ab in zwei­fel­vol­len Stun­den, wie man ra­ten, nüt­zen, hel­fen könn­te. Man will et­was Gu­tes er­wei­sen, Lie­be spen­den, und die, de­nen es zu­ge­dacht ist, ver­ste­hen es nicht, mer­ken es kaum. Siehst du, das ist es, was manch­mal ein we­nig her­nimmt.«

»Ja, das ist es,« seufz­te sie be­küm­mert.

Er trat zu ihr und küß­te sie auf die Stirn. »Na, das war nur so eine klei­ne An­wand­lung ... Ich las­se mir mei­ne Zie­le nicht ver­rücken, und vor­der­hand bin ich noch oben­auf.« Und mit ei­nem Blick auf die Uhr sag­te er: »Jetzt heißt es aber flei­ßig sein.«

Er öff­ne­te die Tür zu sei­nem Ar­beits­zim­mer, blieb aber noch ein­mal stehn und frag­te zu­rück: »Was hat sich denn ei­gent­lich Gret­li auf dem Jahr­markt ge­kauft?«

»Gret­li? Die Rose.«

»Wel­che Rose?«

»Nun die Rose, die sie dir brach­te.«

»Die sie mir brach­te?«

»Ja. Sie brach­te dir doch eine Rose!«

»Eine Rose? Mir«?«

»Ja. Schon auf dem Hin­weg frag­te sie, ob man auch Ro­sen zu kau­fen be­käme auf dem Jahr­markt. Wahr­schein­lich, sag­te ich, die Da­men ver­kau­fen sie den Her­ren für die Wohl­tä­tig­keit. So kau­fe ich eine Rose für Papa, sag­te sie.«

»Aber sie gab sie mir doch nicht?«

»Ja, sie gab sie dir, als wir nach Hau­se ka­men.«

»Und ich?«

»Du nahmst sie und rochst dar­an. Und dann frag­te sie, ob sie die Blu­me in die klei­ne Bron­ze­va­se ste­cken dür­fe, die auf dei­nem Schreib­tisch steht.«

»Und ich?«

»Du sag­test: da darf man kein Was­ser hin­ein­tun.«

»Und dann?«

»Dann brach­te sie ihr klei­nes Por­zel­lan­väs­chen hin­über und frag­te, ob sie die Rose hin­ein­tun und auf dei­nen Schreib­tisch stel­len dür­fe.«

»Nun?«

»Da sag­test du: ja, ge­wiß! Aber ich merk­te gleich, daß du gar nicht wuß­test, wo­von die Rede war, und daß dir an­de­re Ge­dan­ken durch den Kopf gin­gen. Denn es flog ein Lä­cheln über dein Ge­sicht, und gleich dar­auf er­griffst du einen Blei­stift und warfst ein paar Sät­ze aufs Pa­pier.«

Er schüt­tel­te den Kopf.

»Soll­te man nicht glau­ben!« sag­te er nach­denk­lich, dreh­te das Licht in sei­nem Ar­beits­zim­mer an und warf durch die of­fen­ste­hen­de Tür einen Blick auf sei­nen Schreib­tisch. Da stand ne­ben der Lam­pe eine klei­ne Por­zel­lan­va­se mit ei­ner schö­nen, großen, ro­ten Rose. Es kam ihm vor wie ein Wun­der.

Al­ler­hand Ge­füh­le wur­den wach in ihm ... Da rich­test du dei­nen Blick ins Wei­te und sorgst dich für Fern­lie­gen­des, viel­leicht Un­wirk­li­ches; sehnst dich, in­dem du dich mit den Mei­nun­gen an­de­rer her­um­schlägst, ver­geb­lich nach ei­nem ein­zi­gen klei­nen gu­ten Wort des Dan­kes – und bist blind für die un­end­li­che Lie­be, die still und schüch­tern dich um­gibt und die Stät­te dei­ner Ar­beit mit Ro­sen schmückt ...

Ei­nen Au­gen­blick stand er un­schlüs­sig, dann dreh­te er sich um und schritt durchs Spei­se­zim­mer nach der ge­gen­über­lie­gen­den Tür.

»Muß doch se­hen, ob sie noch wach ist?«

»Gret­li? Ach ja! Gib ihr noch einen Gut­nacht­kuß, das macht sie über­glück­lich!«

Nach ei­ner klei­nen Wei­le kehr­te er zu­rück, vor­sich­tig, auf den Fuß­spit­zen: »Sie schläft schon.«

Barbana

Bei ei­ner Tas­se Tee sa­ßen wir nach dem Abendes­sen in dem holz­ge­tä­fel­ten, mit zahl­rei­chen Jagdtro­phä­en ge­schmück­ten Spei­se­saal des Schlos­ses am Ka­min und streck­ten un­se­re Füße ge­gen das of­fe­ne Feu­er. Es war Spät­herbst, und drau­ßen weh­te ein ei­si­ger Wind, daß die großen bren­nen­den Bu­chen­schei­te un­s­tet fla­cker­ten. Die tro­ckene Wär­me, die von ih­nen aus­strahl­te, tat uns wohl, wir hat­ten bis in den sin­ken­den Abend hin­ein einen wei­ten Weg ge­macht und wa­ren ge­hö­rig durch­ge­bla­sen wor­den. Um den mit Hirsch­le­der über­zo­ge­nen weich­ge­pols­ter­ten Lehn­stuhl des Frei­herrn la­gen oder kau­er­ten meh­re­re sei­ner Lieb­lings­hun­de, die sei­ne ste­ten Beglei­ter wa­ren. Er war lei­den­schaft­li­cher Jä­ger und hul­dig­te dem Jagd­ver­gnü­gen in al­len er­denk­li­chen For­men. Er jag­te im Fels­ge­birg und im Hoch­wald, in den Föh­ren­scho­nun­gen und am Flus­se, auf frei­em Feld und im sump­fi­gen Moor. Die Ge­gend war ge­bir­gig mit da­zwi­schen­ge­la­ger­tem Hü­gel­land und brei­ten Nie­de­run­gen, sie ge­währ­te so ziem­lich al­les, was ein Jä­ger sich wün­schen konn­te. Und der Frei­herr war stets mit der glei­chen Be­geis­te­rung bei der Sa­che, ob er auf Gems­wild birsch­te oder Ha­sen schoß, ob er den Dachs grub oder den Au­er­hahn be­schlich oder Wald- und Was­ser­vö­geln nach­stell­te und auf den Sch­nep­fen­strich paß­te.

Dies­mal hat­te er, wäh­rend die Wet­ter­fah­ne auf dem Gie­bel des Schlos­ses im we­hen­den Win­de ächz­te, von sei­nen Hun­den ge­spro­chen und stell­te mir ei­ni­ge sei­ner Lieb­lin­ge vor, die treu und auf­merk­sam an sei­ner Sei­te sa­ßen oder zu sei­nen Fü­ßen la­gen und sich an der strah­len­den Wär­me des of­fe­nen Feu­ers be­ha­gen lie­ßen wie wir selbst. Da wa­ren zwei edle, weiß­brau­ne Jagd­spa­ni­els, Tie­re, die ernst und ver­stän­dig drein­schau­ten wie klu­ge Men­schen, dann der lis­ti­ge Dachs­hund »Stef­fel«, dem die Kal­fak­ter­na­tur auf der Nase ge­schrie­ben stand, end­lich »Wald­mann« und »Wal­di­ne« ein paar Pracht­ex­em­pla­re von ro­ten, sti­chel­haa­ri­gen Hoch­ge­birgs­bra­cken.

»In frü­he­ren Jah­ren,« sag­te ich, »er­in­ne­re ich mich, wie­der­holt eine un­schein­ba­re, häß­li­che schwar­ze Hün­din un­ter Ihren Beglei­tern ge­se­hen zu ha­ben. Was war das ei­gent­lich für ein Tier? Ich ge­ste­he, ich wun­der­te mich im stil­len, daß Sie un­ter Ihren präch­ti­gen Hun­den einen Kö­ter von so zwei­fel­haf­ter Her­kunft dul­de­ten.«

Der Frei­herr lach­te.

»Das will ich gern glau­ben, daß Sie sich dar­über wun­der­ten. Aber mei­ne »Bar­ba­na« war ein ganz aus­ge­zeich­ne­ter Kerl, und ich ver­mis­se sie schwer, seit sie tot ist. Wol­len Sie er­fah­ren, wie ich zu dem Tier kam?«

Er tat ein paar Züge aus der Zi­gar­re und fuhr fort: »Das war in der In­sel­zo­ne des ehe­mals ös­ter­rei­chi­schen Küs­ten­lan­des, in der ur­al­ten Pa­tri­ar­chen­stadt Gra­do, der Per­le der fri­au­li­schen La­gu­ne. Was mich oft da­hin lock­te, war die Jagd, die Jagd auf Was­ser­ge­flü­gel, die in ganz ei­gen­tüm­li­cher Wei­se in den La­gu­nen be­trie­ben wird. Man be­dient sich näm­lich da­bei ei­ner Flin­te, die ei­gent­lich eine Art Ka­no­ne ist. Sie ist dop­pelt so lang wie ein Mensch und be­sitzt ein un­ge­wöhn­lich großes Ka­li­ber. Man legt sie der Län­ge nach auf das Boot, so daß die­ses ge­wis­ser­ma­ßen zur La­fet­te wird, und ru­dert des nachts oder am däm­mern­den Mor­gen in die wei­te La­gu­ne hin­aus, um das Was­ser­ge­flü­gel beim ers­ten Früh­schein zu über­rum­peln.

An ei­nem schö­nen, fried­li­chen Herbst­tag kehr­te ich wie­der ein­mal von ei­nem sol­chen Jagd­aus­flug zu­rück, schon im sin­ken­den Abend. Wie wir uns lang­sam ru­dernd dem Ha­fen von Gra­do nä­hern, da be­mer­ke ich von mei­nem Boot aus auf der Ufer­mau­er des Städt­chens eine große Men­schen­an­samm­lung und auf dem Brack­was­ser da­vor vie­le Boo­te. Und von Zeit zu Zeit sah ich es hoch auf­sprit­zen, ge­ra­de als ob schwe­re Ge­gen­stän­de von Boots­leu­ten in die Flut ge­schleu­dert wür­den, und je­des­mal, wenn es einen Plumps mach­te und das Was­ser auf­spritz­te, er­hob sich un­ter den Men­schen am Ufer ein Ge­heul, halb wie Freu­den­ge­schrei, halb wie das Weh­kla­gen von Wei­bern und Kin­dern.

Mein Ru­de­rer, den ich frag­te, was das zu be­deu­ten hät­te, er­zähl­te mir, eine Hun­de­steu­er sei ein­ge­führt wor­den in Gra­do, wes­halb die Leu­te sich ver­schwo­ren hät­ten, ihre Hun­de zu er­trän­ken. Gro­ße Stei­ne hät­te man ih­nen um den Hals ge­hängt und wür­fe sie von den Boo­ten aus ins Was­ser; nicht ein ein­zi­ger wür­de am Le­ben blei­ben, im gan­zen Ort!

Ich war em­pört über eine sol­che Grau­sam­keit. Wir hat­ten uns den Boo­ten ge­nä­hert, und ich sah jetzt ganz deut­lich, wie zwei Män­ner einen schwar­zen Hund an den Bei­nen in der Luft hin und her schwenk­ten. Dann lie­ßen sie die Bei­ne los, und das arme Tier platsch­te ins Was­ser. Wie­der er­hob sich ein Ge­joh­le am Ufer; es schie­nen die meis­ten, die dort stan­den, kein Mit­leid zu ken­nen mit den grau­sam hin­ge­op­fer­ten Tie­ren.

Der schwar­ze Hund, der so­eben ins Was­ser ge­schleu­dert wor­den, kämpf­te einen ver­zwei­fel­ten Kampf um sein Le­ben. Trotz­dem ihm ein kinds­kopf­großer Stein am Hal­se hing, hielt er sich doch noch über Was­ser. Mit ei­nem Bli­cke, in dem die To­des­angst brann­te, späh­te er um sich, wo­hin er sich ret­ten könn­te. Und ich be­merk­te, daß er ge­ra­de auf mein Boot zu­steu­er­te, um sei­nen Hen­kern zu ent­rin­nen.

Er schwamm wie ein See­hund, aber die Last am Hal­se zog ge­wal­tig; keu­chend, nach Luft schnap­pend, nä­her­te er sich: den Blick ver­ges­se ich nie, den er auf mich ge­rich­tet hielt! Es war, als ob ein er­trin­ken­der Mensch in To­des­angst mir ent­ge­gen­schrie: Ret­te mich, ich will dir die­nen und es dir dan­ken mein Le­ben lang!

Rasch ent­schlos­sen be­fahl ich mei­nem Boots­mann, ihm ent­ge­gen­zu­ru­dern. Er sank schon un­ter, da glitt mein Fahr­zeug an die Stel­le, und mit glück­li­chem Griff er­wi­sch­te ich den ar­men Kerl an ei­nem Bein, das ge­ra­de noch ein­mal zum Vor­schein kam, und hob ihn nicht ohne Mühe ins Boot.

Es war ein mit­tel­großes schwar­zes Tier ohne jede Ras­se, eine Hün­din. Ich schnitt ihr den schwe­ren Feld­stein vom Hal­se, sie lag er­schöpft, trie­fend und lei­se wim­mernd auf dem Bo­den mei­nes Fahr­zeugs und leck­te mei­ne Stie­fel. Als ich ans Land stieg, folg­te sie mir auf dem Fuße, ge­ra­de, als wäre ich im­mer ihr Herr ge­we­sen. Zu Hau­se gab ich ihr zu fres­sen und dach­te nach, was wei­ter ge­sche­hen soll­te. Der Be­sitz des Tie­res war für mich eine Ver­le­gen­heit. Ei­nen so ras­se­lo­sen, fast lä­cher­li­chen Kö­ter konn­te ich nicht brau­chen. Aber da ich ein­mal sein Le­bens­ret­ter ge­wor­den war, ver­fiel ich auf den Ge­dan­ken, die Hün­din ge­gen reich­li­ches Kost­geld ei­nem Flick­schus­ter zu über­ge­ben, den ich als gut­mü­ti­gen und recht­li­chen Mann kann­te. Der bra­ve Schus­ter, der eine zahl­rei­che Fa­mi­lie zu er­näh­ren hat­te, ließ sich durch mein An­bot be­stim­men und nahm den Hund in sei­ne Ob­hut. Ab­ge­macht!

Bald dar­auf hat­te ich noch im Mor­gen­grau­en einen mei­ner Jagd­aus­flü­ge an­ge­tre­ten. Ich be­fand mich be­reits mit­ten in den La­gu­nen, als ich et­was Schwar­zes un­ter der Boots­bank lie­gen sah. Ir­gend­ein Klei­dungs­stück? Ich stieß mit dem Fuße dar­an. Ein lei­ses Win­seln – mei­ne Hün­din war es. Im Schut­ze der Dun­kel­heit hat­te sie sich in das Boot ge­schli­chen und mich so ge­zwun­gen, sie mit­zu­neh­men.

Mein Är­ger ver­lor sich aber bald. Denn nun soll­te ich et­was ganz Uner­war­te­tes er­le­ben.

Ich hat­te langst dar­auf ver­zich­tet, mei­ne Vor­steh­hun­de in den La­gu­nen zu ver­wen­den, sie ver­sag­ten hier völ­lig. Das Brack­was­ser war ih­nen zu sal­zig, der Wel­len­schlag mach­te sie kopf­scheu, ich nahm sie gar nicht mehr mit. Leu­te in ho­hen Was­sers­tie­feln such­ten das er­leg­te Ge­flü­gel zu­sam­men, was nicht auf tro­ckene oder ganz seich­te Stel­len fiel, war ver­lo­ren.

Wel­che Über­ra­schung nun, wie nach dem ers­ten Schuß mein schwar­zer Kö­ter mit ei­nem großen Satz über Bord springt und sich in die Flu­ten stürzt.

Die wit­tern­de Nase vor­aus, durch­schnitt er die Wel­len, ich war ge­spannt, ob er das Fe­der­wild zer­bei­ßen oder sich sonst ir­gend et­was zu­schul­den kom­men las­sen wür­de, was nicht weid­ge­recht ist. Aber nichts da­von; er brach­te den gan­zen Ab­schuß mit ei­ner sol­chen Ge­wis­sen­haf­tig­keit an mein Boot, daß ein je­der mei­ner Bra­cken sich ein Bei­spiel dar­an hät­te neh­men kön­nen.

Ich hob das Tier nach ge­ta­ner Ar­beit in das Fahr­zeug, lob­te es und krau­te ihm den Kopf. Da sah es mit ei­nem sol­chen Aus­druck von – fast möch­te ich sa­gen – be­glück­ter Dank­bar­keit zu mir auf, daß ich schier er­grif­fen da­von wur­de. Und es stand nun fest bei mir, daß ich kei­nen Ver­such mehr ma­chen woll­te, die Hün­din weg­zu­ge­ben. War sie auch nicht von ad­li­ger Ge­burt, so ver­stand sie doch ihre Sa­che so gut, ja bes­ser als ir­gend­ei­ner mei­ner Rein­ras­si­gen. Ich be­hielt sie also bei mir und nann­te sie »Bar­ba­na« nach der La­gu­nen­in­sel, an der vor Jah­ren die Hoch­flut ein ab­son­der­li­ches Gna­den­bild soll­te an­ge­schwemmt ha­ben, wie mir auch von den­sel­ben Wel­len dies si­cher­lich nicht all­täg­li­che Ge­schöpf zu­ge­tra­gen wor­den.

»Bar­ba­na« blieb von da ab mei­ne ste­te Beglei­te­rin auf mei­nen Jagd­aus­flü­gen in die La­gu­ne. Ich räum­te ihr einen eben­bür­ti­gen Platz an der Sei­te mei­ner vor­nehms­ten Jagd­hun­de ein, und sie hat sich des­sen durch­aus wür­dig er­wie­sen, ja, ich muß ge­ste­hen, daß kaum ein and­rer von mei­nen Hun­den – ohne dem Wald­mann oder gar der Wal­di­ne na­he­tre­ten zu wol­len – die glei­che Fä­hig­keit be­saß, auch mei­ne un­aus­ge­spro­che­nen Wün­sche zu er­ra­ten und mir mei­ne Be­feh­le gleich­sam von den Au­gen ab­zu­le­sen.

Ich kann den Ge­dan­ken nicht los wer­den, daß sie ihr gan­zes Le­ben lang je­nen fürch­ter­li­chen Au­gen­blick in der Erin­ne­rung be­hal­ten hat, wo sie, den Stein um den Hals, mit dem Tode rang und ich ihr Ret­ter wur­de. Dank­ba­rer als man­cher Mensch, über­traf sie an Treue und An­häng­lich­keit, den Kar­di­nal­tu­gen­den des Hun­de­ge­schlechts, noch die bes­ten Ver­tre­ter der Gat­tung, die ich in mei­nem Le­ben ken­nen­ge­lernt habe.

Wenn ich an sie zu­rück­den­ke, so ist mir fast, als er­in­ner­te ich mich ei­nes ver­stor­be­nen Men­schen, der mir na­he­stand ...

Sie ist auf ei­nem un­se­rer Jagd­zü­ge ums Le­ben ge­kom­men ... Und auch ihr Tod war – wenn ich es aus­spre­chen darf, fast hel­den­haft zu nen­nen. Ich will nicht über­trei­ben, aber das Ende die­ses Tie­res hat­te wirk­lich et­was mit dem ei­nes Men­schen ge­mein, der in treu­er Pf­licht­er­fül­lung zu­grun­de geht.