Melanthus der Klon - Fred Winkler - E-Book

Melanthus der Klon E-Book

Fred Winkler

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Beschreibung

Nach jahrelangen vergeblichen Bemühungen schenkte Lena einem kräftigen Jungen das Leben. Das Eheglück schien perfekt, wenn David nicht die lästigen Schwimmhäute zwischen den Zehen gehabt hätte! Als Mark anlässlich eines Firmungsjubiläums seinen Geburtsort besuchte, musste er mit Schrecken feststellen, dass neben seinem Zwillingsbruder noch mehrere ehemalige Mitschüler ihre letzte Ruhestätte auf dem St. Annen gefunden hatten. Mark schöpfte den Verdacht, dass die gehäuften Todesfälle in Silberberg kein Zufall sein konnten. Am Grabe seines Zwillingsbruders leistete er den verhängnisvollen Schwur, seinen Sohn vor gesundheitlichen Schäden bewahren zu wollen. Er beschloss, einen menschlichen Klon - einen Schössling - als "Ersatzteillager" für seinen Sohn zu zeugen. Als Melanthus das Licht der Welt erblickte, spitzten sich die Verwicklungen zu. Mark schreckte vor kriminellen Handlungen nicht zurück. Würde seine Ehefrau Lena jemals von der Existenz des Klons erfahren?

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Seitenzahl: 395

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

„Lena kräftig pressen!“, schrie die Hebamme sichtlich genervt.

Die Wehen setzten mit unverminderter Heftigkeit ein. Eine Kontraktionswelle nach der anderen zog über ihren Leib, wie die Woge einer sturmgepeitschten, aufgewühlten See.

Um die Wehen zu unterstützen, presste Lena die Lippen fest zusammen, ihre zarten kleinen Hände waren zu Fäusten geballt.

Mark wischte ihr mit einem angefeuchteten Tuch den Schweiß von der Stirn.

Die Wehen meldeten sich jetzt im Minutentakt.

„Die Fruchtblase ist gesprungen! Lena, ich gebe dir eine Spritze, die die Wehen verstärken wird“, meldete sich die Hebamme zu Wort. Sorgenvoll blickte sie auf die Monitore der angeschlossenen Überwachungsgeräte. Davids Puls war fliehend, die Sauerstoffsättigung im Blut bedrohlich gesunken. Bei jeder neu einsetzenden Wehe konnte es zur Verschiebung, zu einer bedenklichen Entgleisung der Parameter kommen. Es war höchste Zeit, dass David kam!

David? Ja, David!

Bei den regelmäßigen Ultraschalluntersuchungen war längst klar, dass es ein Junge würde.

Sie hatten sich ein Kind gewünscht. Nach jahrelangen vergeblichen Bemühungen trug Lena ein Kind unter dem Herzen. Wenn es ein Junge würde, käme nur der Vorname „David“ infrage, war man sich von vornherein im Klaren.

Einerseits war er gerade in, andererseits hieß Marks Zwillingsbruder David.

Mark hat während Lenas Schwangerschaft mehr Ultraschalluntersuchungen gefordert als überhaupt notwendig waren. In den ersten Schwangerschaftsmonaten war seine Anspannung besonders hoch. Fast ängstlich schaute er weg, wenn sein Kollege den Ultraschallkopf zur Hand nahm. Erst wenn er sagte: „Lena, es sieht gut aus. Dein Sprössling entwickelt sich vorzüglich“, riskierte Mark einen Blick auf die Sonografie-Bilder.

Zufrieden nickte er mit dem Kopf.

Wenige Minuten nach der Injektion erreichten die Wehen ihren Kulminationspunkt. Lena stöhnte vor Schmerzen.

„Pressen!“, rief die Hebamme zum wiederholten Male. Der Geburtskanal hatte sich weit geöffnet. Die Hebamme unterstützte aktiv den Durchtritt des Kopfes.

„Gut, Lena! Noch einmal!“, rief sie energisch. Mark drückte ihre Hand fest, um sie moralisch zu unterstützen.

„Es ist vollbracht! David ist da!“, schrie die Hebamme erleichtert.

Sie war ins Schwitzen gekommen, hob den neuen Erdenbürger triumphierend in die Höhe und trug ihn zum Wickeltisch.

Seine Atmung setzte ein. Der erste Schrei! Eine kräftige helle Glockenstimme des schwarzhaarigen neuen Erdenbürgers!

Lena war ermattet ins Kissen gesunken. Sie schloss die Augen, ein sanftes zufriedenes Lächeln umspülte ihre Lippen. Mark küsste ihr erleichtert die Stirn.

Lena hatte es so gewollt. Sie wollte keinen Kaiserschnitt. Sie wollte die Geburt Davids aktiv miterleben. Dafür nahm sie die Schmerzen und den ganzen Stress gern in Kauf, alles, was so eine Geburt mit sich brachte.

„Ist alles in Ordnung?“, fragte Mark besorgt die Hebamme, die das Neugeborene versorgte.

„Ja, äußerlich scheint alles in Ordnung zu sein. Der Kinderarzt ist schon auf dem Weg zum Kreißsaal“, antwortete sie.

Mark Farrell beschlich ein ungutes Gefühl. Zweifel nagten in ihm, so lange, bis er sich vom Gegenteil überzeugt haben würde.

Sie reichten bis in die frühen Kindheitsjahre zurück …

1

Es war eine wunderbare Kindheit.

Mark und David waren unzertrennlich. Wenn sie etwas ausgefressen hatten, hielten sie dicht wie Pech und Schwefel, auf der Jagd nach Abenteuern hingen sie wie Kletten aneinander.

Als sie die Schule besuchten, saßen sie auf einer Schulbank nebeneinander, schrieben voneinander ab, ihre Aufsätze glichen einem Ei dem anderen. Der Lehrer merkte es nicht. Hatte Mark etwas ausgefressen, übernahm David die Verantwortung, ließ sich statt seiner maßregeln. Dem Lehrer muss es egal gewesen sein, wem er gerade die Strafe aufgebrummt hatte.

Er konnte sie sowieso nie auseinanderhalten.

Kein Wunder! Schließlich waren sie eineiige Zwillinge, das Produkt einer naturgegebenen Klonung, das Pendant zur künstlichen.

Mark war der Ältere, weil er gerade fünf Minuten früher zur Welt gekommen war.

Sie wuchsen unbeschwert auf dem Lande auf. Ihre Eltern waren nicht reich.

Als der Ruf nach Uran immer lauter und nachhaltiger wurde, hallte auch in die Wohnstätten der ehemaligen Silberschürfer das dritte furchterregende Berggeschrey. Sein Echo trug es mit dem Wind in die Ferne, lockte Tausende Glücksritter und Goldsucher an.

Vater Richard arbeitete in der Grube. Täglich fuhr er mit dem Korb in den Schacht ein, um in tausend Meter Tiefe die Abstützungen und Schalungen in den Stollen zu kontrollieren. Steiger nannte er sich.

Seinen Kumpels war er ein Vorbild; er hatte einen guten Ruf, und sein Wort hatte Gewicht.

Vater Richard war ein angesehener Bürger. Seine Brigade erzielte Rekordergebnisse. Als Normbrecher war sie aber bei Kumpels anderer Brigaden nicht gerade beliebt.

Die Bergknappen waren traditionsbewusst. Ihre Bergaufzüge sind bis ins 16. Jahrhundert zurückzuverfolgen. Während Vater Richard mit seiner Brigade nur noch am Margarethentag zum großen Aufzug blies, wurden zu früheren Zeiten Bergaufzüge zur Huldigung und Schaustellung fürstlicher Macht missbraucht; sogar Peter I. ließ es sich nicht nehmen, auf einer Durchreise einem großen Bergaufzug, an dem Knappen aller Silberstätte des Fürstentums teilnahmen, beizuwohnen.

Orden am Fließband waren der Lohn für Richard und seine Knappen.

Den Bergleuten ging es gut! Neben Lebensmittelzulagen erhielten sie üppige Schnapsrationen.

Aber sie wussten nicht, dass sie von unsichtbaren Feinden umgeben waren, von ihnen verfolgt wurden!

Für die SAG Wismut förderten die Kumpel tiefschwarzes, glänzendes Gestein. Der Bergmann nannte es Uranpechblende.

Schon im Mittelalter hatte man begonnen, das schwarze taube Gestein auf Halde zu lagern. Für die Landesfürsten war es damals unnütz taubes Gestein. Man war auf Silber aus. Silber machte die Fürsten und Städte wohlhabend. Ihre reich mit Stuck und Blattgold beschlagenen Rathäuser, ihre prächtigen mit Cranachs Altären geschmückten Kathedralen verraten noch heute etwas über den unermesslichen Reichtum der Silberstädte im späten Mittelalter.

Die einfachen Leute in den Streusiedlungen an den Berghängen und in den Tälern wurden am Reichtum nicht beteiligt.

Als die meisten Silberadern versiegt waren, kehrte bei ihnen der Hunger wieder ein. Not machte sie erfinderisch. Aus ihren vielseitigen Begabungen entstand eine Volkskunst, die sie über die Zeit rettete. Die Klöppelspitzen aus Silberberg wurden weit über die Region hinaus berühmt.

Der Kalte Krieg hatte das Fieber neu entfacht. Die Russen waren dem Geheimnis der Uranspaltung auf die Schliche gekommen. Der Teufel hatte seine Hände im Spiel. Beide Lager, die eigentlich gar keine Feinde waren, übertrafen sich mit Horrormeldungen.

Auch Wismut betrieb Raubbau. Nur die dicken pechschwarzen Flöze interessierte sie. Eine ganze Region wurde von Maulwürfen unterwühlt, Dörfer versanken über Nacht in den unterirdischen Stollen. Weniger ergiebiges Material ließ die Halden des Mittelalters zu riesigen Vulkankegeln anwachsen. Wie vegetationslose frische Lavaberge nach einer gewaltigen Eruption ragten sie aus der Landschaft heraus; gespenstisch schwarz, Sonnenstrahlen reflektierend, einen außergewöhnlichen vielfarbigen, schillernden Glanz erzeugend.

Goldsucher aus aller Herren Länder suchten die Region heim.

Die Ureinwohner mussten zusammenrücken, um ihnen für eine begrenzte Zeit auf Anordnung der Administration Unterschlupf zu gewähren.

Vater quartierte Erich, der aus dem Fränkischen angereist war, in einer Bodenkammer ein. Ein eiserner Ofen spendete nur wenig Wärme.

Erich war sehr gesellig, und die Kinder mochten ihn. Oft verbrachte er gemütliche Abende im Kreise der Gastfamilie.

David und Mark profitierten von Vaters Lebensmittelzulagen. Sie teilten ihre belegten Brote mit ihren Spießgesellen, wie sie mit ihnen die Halden teilten!

Die Halden wurden zur Spielwiese der Bergkinder! Der Winter kam früh zu ihnen. Tief verschneit waren Berge und Täler. Meterhohe Schneewände umsäumten die engen Gassen, meist nur einen schmalen Trampelpfad für Fußgänger freigebend.

Für David und Mark hatte die schönste Jahreszeit begonnen. Mit Schlitten und Skiern tummelten sie sich stundenlang auf der Halde hinter ihrem Haus, nur ein Katzensprung entfernt. Auch auf einer Sprungschanze maßen sie ihre Kräfte. Ihr Baumeister hieß David, der Sieger war Mark.

In der kurzen schneefreien Periode jagten sie als Winnetou und Oldshatterhand auf der Halde Ganoven. In der Villa Bärenfett, auf der Kegelspitze errichtet, rauchten sie die Friedenspfeife – eine ausgehöhlte Kastanie –, gestopft mit getrockneter Pfefferminze.

Vater Richard hatte ein verwildertes Grundstück von der Stadt gemietet, auf dem ein kleines Sommerhäuschen im Pavillonstil auf einer Halde stand. Einen Teil der Abraumhalde hatte er abgetragen und urbar gemacht, einen schönen Gemüsegarten angelegt. Er lag versteckt hinter der großen Friedhofsmauer, an der die Gebeine seiner Großeltern in einer Gruft ruhten. Auf einem Trampelpfad, umsäumt von Holunder- und Ginsterbüschen, gelangte man an einen übermannshohen dichten Bretterzaun, hinter dem das sprichwörtliche Paradies auf Erden lag. Die Kinder ernteten, was das karge Abraumgestein hergab: Kohl, Gemüse, Beeren.

Die Pflanzen gediehen gut! Sie saugten wertvolle Mineralsalze aus dem Boden auf, leider auch Substanzen, die späte Folgen für die Kinder hatten!

Die Schuleinführung wurde ein großes Fest. Richards Brigade feierte mit den Zwillingen. Mark und David freuten sich auf die Schule; in der St. Annen wurden sie außerdem als Kurrendaner aufgenommen, weil sie wohlklingende Sopranstimmen hatten.

Seit Schulbeginn war David anfällig gegenüber Infekten, litt häufig an Erkältungskrankheiten und Lungenkatarrh.

Mutter hatte das Gefühl, dass bei David ein rückläufiger Entwicklungsprozess einsetzte. Auf seinem Gesicht zeigten sich erste feine Fältchen!

Mutter war sehr beunruhigt. Sie schleppte ihren David von Arzt zu Arzt; auch Heilpraktiker und Wunderheiler ließ sie nicht aus. Eine Genesungskur an der Küste brachte nur vorübergehend Erleichterung.

Mit zehn hatte David die Statur eines Sechsjährigen, aber die Haut eines Fünfzigjährigen: Pigmenteinlagerungen, Faltenbildungen, Warzenbildungen!

Ratlosigkeit machte sich in der Familie und in seiner Umgebung breit.

David und Mark hatten sich optisch so weit entfernt, dass ihre eineiige Herkunft äußerlich nicht mehr erkennbar war.

Hinzu kam bei David eine multiple Lipomatose.

Unförmige Fettkörper schossen wie Pilze nach einem warmen Regenguss aus der Erde.

15jährig verstarb David plötzlich an einer Lungenentzündung. Mark hatte seinen Zwillingsbruder verloren!

Auf dem Totenschein ist als Todesursache eine chronische Lungentuberkulose festgehalten.

Mark war gesund, hatte sich körperlich und geistig normal entwickelt.

Der Verlust seines Zwillingsbruders ließ ihn in einen tiefen Brunnen stürzen. Als er endlich aus ihm herausgekrabbelt war, war er inzwischen volljährig geworden.

Vater Richard starb wenige Jahre später angeblich an einer Staublunge. Er wurde neben seinem Sohn auf dem Friedhof der St. Annen beerdigt.

Der Rest der Familie verließ fluchtartig die alte Bergstadt und ließ sich in der Niederung in der Nähe eines Kurbades nieder, weit genug entfernt von den Abraumhalden.

Mark machte das Abitur und studierte Medizin. Eine innere Stimme riet ihm dazu. War es die von David?

Er entdeckte seine Leidenschaft für Molekularbiologie und Molekulargenetik.

Revolutionäre Erkenntnisse verhalfen dem Mikrokosmos zu einem Durchbruch. Wissenschaftler fanden endlich den Schlüssel zu ihm! Die Chromosomenstruktur konnten sie entschlüsseln und schließlich auch die menschlichen Gene!

Ein Tor wurde weit aufgestoßen. Hatte es der Schöpfer so gewollt?

Wissenschaftler kennen keine Barrieren. Ihr Wissensdurst ist unstillbar!

Das Fieber hatte Mark gepackt! Er stieg in die Rakete, die ihn in die Welt des Mikrokosmos bringen sollte!

Wohin ging seine Reise? Eine Reise ins Unbekannte?

2

Mark fröstelte, als er an diesem trüben wolkenverhangenen Septembermorgen die Wohnung verließ.

Er wollte Lena nicht wecken, da sie am Abend zu später Stunde einen heftigen Migräneanfall bekam. War die bevorstehende Reise von Mark der Auslöser? Lena hatte lange Zeit vor diesen Anfällen Ruhe, die sie für Stunden kampfunfähig machten. Der Anfall kündigte sich mit einer Aura an. Auch gestern schlich sich ein Unbehagen in ihrem Gemüt ein, als Mark ihren Vorschlag, ihn nach London zu begleiten, strikt ablehnte. Er schluckte ihre Verärgerung mit einiger Mühe herunter. Sie kämpfte mit den Tränen. Alles Bitten und Betteln half nichts. Sonst gab er immer nach. Warum dieses eine Mal nicht? Es ging ihr nicht aus dem Sinn, dass etwas Verborgenes in seiner Ablehnung stecken musste.

Er versuchte zu schlichten, sie zu beruhigen, aber alle Ausflüchte halfen nichts. In ihrer Verärgerung muss die Migräne eingesetzt haben. Sie dunkelte plötzlich sämtliche Fenster ab, losch die Lichter. Mark wusste sofort, was die Stunde geschlagen hatte. Er hatte den Anfall ausgelöst!

„Lena, das habe ich nicht gewollt!“, stammelte er. „Entschuldige! Natürlich hättest du mich begleiten können. Du hättest dich aber allein in London gelangweilt. Außerdem wäre ich in Sorge gewesen, da du der englischen Sprache nicht mächtig bist. Paris wäre etwas anderes! Meine drei Kollegen und ich werden nicht in London bleiben. Wir fahren nach Edinburgh ins Institut zu Professor Willems. Ich habe dir doch erzählt, dass wir ein molekularbiologisches Institut aufbauen wollen.“

Lena hörte Marks Einwände längst nicht mehr. Sie hatte mit ihrer Migräne zu kämpfen und sich ins Schneckenhaus zurückgezogen. Erst in den frühen Morgenstunden übermannte sie der Schlaf.

Sie schlief fest. Mark wagte nicht, sie zu wecken.

Er wird auf dem Flughafen frühstücken. Pünktlich halb sechs klingelte der Taxifahrer. Mark sah noch einmal nach Lena. Ja, sie schlief fest. Er strich ihr sanft übers Haar und schlich sich wie ein Dieb aus dem Haus. ‘Wenn sie aufwacht, werden die Kopfschmerzen vorüber sein, aber sie wird sich abgeschlagen fühlen. Heute wird mit ihr nichts anzufangen sein’, dachte er für sich.

Er wird sie anrufen, wenn das Flugzeug gelandet ist, nahm er sich vor.

Seine drei Kollegen warteten schon ungeduldig auf Mark. Der Taxifahrer hatte wieder ewig an der Baustelle warten müssen.

„Sie werden nie fertig“, fluchte der Fahrer sichtlich genervt. Auf den letzten Drücker passierten sie die Sicherheitskontrolle.

Marks Frühstück musste also ausfallen.

„Gibt es was Neues von Dolly?“, fragte Mark Harry, der gelangweilt im Morning Star blätterte.

„Mark, diese Neuigkeiten suchst du hier vergeblich.“

„Aber Dolly ist doch in aller Munde“, konterte Mark lächelnd.

„Die Zibbe soll wieder schwanger sein!“

„Wie lange dauert eigentlich eine Schwangerschaft bei ihr?“, mischte sich Mike ein.

„Meinst du die Tragzeit?“, präzisierte Mark seine Frage.

„Ja!“

„Nach 150 Tagen wird Dolly vielleicht Zwillinge bekommen. Ihre Chancen stehen fifty-fifty“, erwiderte Mark.

„Ist sie überhaupt zeugungsfähig?“, wunderte sich Freddy.

„Warum nicht? Warum sollte ein Klon keine reifen Eizellen produzieren? Trifft ein Spermium auf eine empfangsbereite reife Eizelle, klingelt es wie bei jedem anderen Säuger auch; sie vereinigen sich zur diploiden Zygote“, erklärte Mark wissenschaftlich.

„Übrigens, Ian Willems hat mir versprochen, uns seine Dolly zu zeigen!“

„Wie ist er auf den Namen ‘Dolly’ gekommen?“, wunderte sich Mike.

„Dreimal darfst du raten, mein Lieber. Ein übergroßer Busen machte sie einst berühmt“, gab Harry süffisant zum Besten.

„Morgen früh hält Willems an der Uni Edinburgh eine Vorlesung über den wissenschaftlichen Stand der Klontechnik. Ich denke, dass wir für unser Institut einige interessante Anregungen mitnehmen können. Nachmittag wird er uns durch sein Institut führen. Und übermorgen werden wir Dolly zu Gesicht bekommen“, erklärte Mark seinen Kollegen das Programm für die nächsten Tage.

Es war kurz vor sieben, als sie in Richtung Edinburgh fuhren. Es regnete. Wie hätte es auch anders sein können. Immer, wenn er aus dem Flieger stieg, empfing ihn Londoner Nebel. Er schaltete das Fernlicht ein, um wenigstens für ein paar Meter die undurchdringliche Nebelwand zu überlisten. Seine Kollegen hatten auf dem Rücksitz des alten Fords Platz genommen. Sie waren nicht darauf erpicht, ihn auf der regennassen Straße links zu steuern. Gespenstisch tanzten die Lichter der aufgeblendeten Scheinwerfer zwischen den Bäumen auf der kurvenreichen Landstraße hin und her. Der Nebel spannte sich wie ein bleiernes Netz zwischen die rauchenden Schornsteine.

Der nebelverhangene Morgen erinnerte ihn an einen späten Herbsttag.

Er schien die Bäume erdrücken zu wollen. Wenn die alten Linden nicht noch reichlich belaubt gewesen wären, hätte es durchaus ein Tag im November sein können.

Mark widmete seine ganze Aufmerksamkeit dem rechtslastigen Steuer seines Fords.

Seine Kollegen waren angeregt in ein Gespräch verwickelt. Er konnte ihm aber nicht folgen. Nur gelegentlich drangen einige Gesprächsfetzen in sein Ohr, die keinen Sinn machten. Er konnte sich keinen Reim daraus machen. Offenbar ging es aber um Dolly und ihre fraulichen Reize.

Es war das scheußlichste Reisewetter, das sie auf der Insel begrüßte. Sogar der Einheimische mochte sich nicht mit ihm anfreunden. Sie hatten glücklicherweise wenig Gegenverkehr. Mark musste nicht mal für kurze Zeit mit Abblendlicht fahren.

„Es war Wahnwitz in den Flieger nach Glasgow zu steigen, nur, um ein paar Stunden Zeit zu sparen. Am Ende werden wir nicht früher ankommen als das nächste Flugzeug!“, schimpfte Mark.

Er könnte Harry verfluchen, der die Idee hatte, am Airport London

die Route umzubuchen.

Bei normalem Festlandwetter könnte Mark ihm recht geben, mit dem Auto einen Abstecher durch Schottland zu machen.

Aber wann ist auf der Insel schon normales Wetter?

Erst viel später erfuhr er, warum Harry so darauf erpicht war, einen Umweg über Glasgow zu machen.

Er war ein Schinkel-Narr! In seinem Garten hat er sich sogar einen Pavillon errichten lassen, der an das Babelsberger Schloss erinnerte. Als Mark und Lena ein Gartenfest bei Harry besuchten, stach ihnen sofort das protzige Bauwerk in die Augen.

Schinkel hatte 1826 mit einem Freund eine Reise nach England und Schottland unternommen, um sich Anregungen für den geplanten Museumsneubau zu holen. Schinkel beeindruckte das neue Edinburgh; seine prächtigen, breiten Straßen, aber auch der Kontrast von Enge und Schmutz der höhlenartigen Behausungen, in denen die Bewohner in größter Armut dahinsiechten.

„Mark, machen wir in Lanark eine Pause. Im Park der alten Jungfrau liegen die schönsten Wasserfälle des Clyde; auch die vielen alten Schiffshebewerke am Kanal sollten wir uns ansehen“, meldete sich Harry. „Zu Schinkels Zeiten waren sie eine Sensation.“

Der Nebel lichtete sich. Auch der Regen ließ nach. Gott sei Dank!

„Ja, ich habe nach der anstrengenden Irrfahrt durch den Nebel ei-ne Pause nötig“, antwortete Mark. „Außerdem sind wir bald am Ziel.“

Edinburgh, die Siebenhügelstadt, war nicht zu übersehen.

Ein Vergleich mit Athen ist durchaus statthaft. Edinburgh hat zwar keine Akropolis, aber doch ein Kastell, das Castrum puellarum, aus schwarzem, glänzendem Basaltgestein auf dem Berg errichtet, mit herrlichem Panoramablick auf die Stadt und das Meer.

Von der einst mit viel Hohn und Spott überschütteten alten verräucherten Industriestadt, wie sie einst Baumeister Schinkel vorfand, ist nicht mehr viel geblieben.

Natürlich ließen sich Mark und seine Freunde die Gelegenheit nicht entgehen, einen flüchtigen Blick in die Schlafgemächer Maria Stuarts im Holyrood Palace zu werfen, in denen ihr Privatsekretär und Geliebter David Rizzio nach einem Eifersuchtsdrama – ein Dolchstoß des Hahnrei Lord Darnley traf ihn mitten ins Herz – seinen letzten Atemzug machte.

In der altehrwürdigen Edinburgher Universität hielt Professor Ian Willems seinen weltberühmten Vortrag vor der Wissenschaftswelt über „Dolly“.

„Mit der Geburt der Zwillinge ‘Magan’ und ‘Morag’ ist endlich ein Dogma gefallen. Ihnen habe ich Dolly zu verdanken. Der Ruhm, mit dem ich gegenwärtig überschüttet werde, gebührt dem Schöpfer der beiden Welsch-Mountain-Lämmer, nicht mir“, endete Willems Laudatio über seinen Schössling „Dolly“. „Leider war ihnen nur ein kurzes Leben beschieden“, stellte er abschließend fest.

Bescheiden, von den Zuhörern unbeachtet, von der Wissenschaft ignoriert, saß der Schöpfer der ersten geklonten Zwillinge aus der Klasse der Säugetiere im Publikum.

Nachdenklich verließen die vier das altehrwürdige Universitätsgebäude, mit dem der preußische Architekt und Baumeister so hart ins Gericht gegangen war.

Er ließ keinen guten Faden an dem in neugotischem Stil erbauten Gebäude. Nur den herrlichen Stein lobte er, aus dem es erbaut wurde: „Alles ist mehr ein Probieren als ein geregeltes Bestreben“, las Harry aus seinen Tagebuchnotizen über Edinburgh vor. Weiter berichtete er: „Mein System ist hier oft zum Vorschein gekommen, doch oft Missgriffe.“

„Den Wissenschaftlern wird die Meinung Schinkels gleichgültig sein. Sie haben es jedenfalls geschafft, ihrer Universität zu Weltruhm zu verhelfen, nicht zuletzt auch durch Dolly“, meinte Mark sarkastisch.

Mark und seine Kollegen fuhren über Stierling in Richtung Norden.

In der Nähe von Perth sollte sich Dolly aufhalten. Ihr Aufenthaltsort wurde geheim gehalten.

Nur wenige waren auserwählt, Dolly zu Gesicht zu bekommen. Professor Willems schilderte Mark, dass Dolly auf dem Hochland in einer Herde integriert sei. Er beruhigte Mark, als er besorgt nach einem Erkennungsmerkmal fragte.

„Keine Sorge, du wirst sie an einer Ohrmarke erkennen. Der Schäfer wird dir Dolly zeigen.“

Sie erreichten das Forschungsinstitut der Universität, das auf dem baumlosen grünen schottischen Highland, durch viele Täler zerklüftet, in unmittelbarer Nähe eines Sees errichtet worden war.

Soweit sie sehen konnten, gab es hier keine Bäume, nur Wiesen mit sattem Grün.

Mark war mit seinen Kollegen angemeldet worden. Sie wurden bereits erwartet. Wie immer, wenn sie Gäste erwarteten, gab es den berühmten Scotch Whisky zum Empfang.

Ablehnung? Ging gar nicht! Wäre einer Beleidigung gleichgekommen.

Nach dem zweiten Glas streckte Mark die Waffen. Er fürchtete, Dolly nicht mehr zu erkennen! Glücklicherweise unterbrach man erst einmal die feuchte Begrüßungszeremonie.

Von den Schotten berichtet die Legende, dass sie sehr trinkfest seien. Ihre Pubs sind berühmte Begegnungsstätten. „Wir finden im Wirtshause alles betrunken, nur die Wirtin hält noch die Sache zusammen“, berichtete Schinkel auf seiner Reise ins schottische Bergland.

Der Leiter des Institutes Mister Cormack zeigte den Gästen auf Schautafeln Dollys genetische Quellen:

„Vom Spendertier ‘Finn Dorset’ stammt aus einer Euterzelle der Zellkern, die Eizelle wurde einer geschlechtsreifen Zibbe der Rasse ‘Scottish-Blackface’ entnommen, entkernt und mit dem Zellkern von Finn Dorset belegt; also stammt die DNA im Wesentlichen von Finn Dorset, nur ein geringer Anteil kommt aus den Mitochondrien der Eizelle der Rasse Blackface.

Die Leihmutter war wiederum eine Scottish-Blackface-Zibbe.

Dolly ist schneeweiß, also ohne schwarze Blesse der Blackface-Zibbe.“

„Wie sahen ihre Nachkommen aus?“, wollte Mark wissen.

„Dolly hat ja fast keine Erbsubstanz von Blackface, also wurden ihre bisherigen vier Nachkommen auch ohne schwarze Blesse geboren“, antwortete Cormack.

„Dürfen wir Dolly sehen?“, fragte Harry.

„Ja, ich denke, ich habe Sie lange genug auf die Folter gespannt! Folgen Sie mir bitte!“

Cormack führte seine Gäste über den Hof in den gegenüberliegenden Stall. Er war aufgeräumt, geräumig und hell. Ein weißes Schaf mit einer gelben Ohrmarke begrüßte die Gruppe. Es war Gäste gewohnt, hoffte dabei immer einen Leckerbissen zu erhaschen.

„Das ist Dolly von der Gattung ‘ovis orientalis aries’.“ Cormack zeigte mit ausgetrecktem Arm auf das Schaf.

Mark betrachtete Dolly voller Ehrfurcht! Ein kalter Schauer rieselte ihm über seinen Rücken.

Dolly war schneeweiß, hatte keine schwarze Blesse. Mark konnte an ihr äußerlich keine Auffälligkeiten entdecken.

„Dem Schaf werden sprichwörtlich Eigenschaften nachgesagt, die in Wirklichkeit überhaupt nicht zutreffen: ‘dummes Schaf’, ‘das schwarze Schaf in der Familie’, ‘der Wolf im Schafspelz’, und, was der große Tierkenner Brehm sagte, trifft gleich gar nicht zu: ‘Seine Furchtsamkeit sei lächerlich, seine Feigheit erbärmlich’.

Wenn mit dumm die Unfähigkeit gemeint ist, aus Erfahrung zu lernen, ist das Schaf in keiner Weise dumm. Dolly hat ein gutes Erinnerungsvermögen, vor allem ein gutes Personengedächtnis“, meinte Cormack augenzwinkernd.

„Ja, wenn man das Schaf in seiner Gesamtheit betrachtet, hat es doch etwas mit ‘Dolly’ gemein“, sagte Harry anerkennend.

Dolly kam langsam ans Gatter, um ihre Gastgeschenke entgegenzunehmen.

Man sah es ihr an, dass sie trächtig war: runder Bauch, straffes Euter. Mark strich ihr liebevoll über die Stirn – eine symbolträchtige Handlung –, nachdem er Dolly die Möhre gereicht hatte.

3

Lena fühlte sich am nächsten Tag nach dem heftigen Migräneanfall miserabel. Sie kam den ganzen Tag nicht aus dem Bett, nur für kurze Zeit verließ sie es, um sich Tee aufzubrühen.

Sie saß auf dem Bettrand, versuchte ihr kastanienbraunes langes Haar zu ordnen. Sie erschrak beim Blick auf die Uhr. Schon elf? Sie wird den Nachmittagstermin in der Boutique wohl absagen müssen, gerade heute, wo die Winterkollektion vorgestellt würde.

Recht wackelig auf den Beinen, sie musste sich auf ihrem Gang in die Küche mehrmals an Gegenständen festhalten, um nicht zu fallen. Dass ein Migräneanfall sie so mächtig niederwerfen würde, hätte sie sich nicht mal im Traum ausmalen können.

Sie stand auf Kamille. Der Teebeutel tanzte auf der heißen Wasseroberfläche, bevor er allmählich in die Tiefe sank. Wenn sich das Wasser goldbraun gefärbt hat, sind genug Inhaltsstoffe im warmen Wasser gelöst, dann hat der Mohr seine Schuldigkeit getan. Aus einem Wandschrank nahm sie die Vitriole mit Hoffmannstropfen. Sie schwor auf das Hausmittel, das schon ihre Großmutter und Urgroßmutter im Medizinschrank vorrätig hatten. Sorgfältig zählte sie vierzig Tropfen auf ein Stück Würfelzucker. Der alkohol-ätherische Geschmack war ihr zwar zuwider, aber sie tat es in der Gewissheit, dass es ihr bald danach besser gehen würde.

Mark hatte schon zweimal versucht, sie auf ihrem Handy zu erreichen. Sollte sie zurückrufen? Nein, sie fühlte sich noch nicht in der Lage, ein längeres Gespräch mit ihm zu führen.

Mit der Tasse Tee setzte sie sich auf die Fensterbank, um draußen das emsige Treiben der Kohlmeisen zu verfolgen, die ununterbrochen für ihren Nachwuchs auf Futtersuche waren.

Sie musste aufpassen, dass sie den heißen Tee nicht verschüttete.

Mark hatte den Nistkasten am Baum so angebracht, dass man das Flugloch vom Küchenfester beobachten konnte.

Das dritte Jahr brüteten die Kohlmeisen bereits im Nistkasten.

Lena erkannte sie an ihren schwarzen Häubchen und dem zitronengelben Bauchkleid. Ob immer dasselbe Paar nistete?

Sobald die Eltern das Flugloch anflogen, reckten sich ihnen mehrere Schnäbel zugleich entgegen. Das Meisenpaar traf bei der Fütterung ihres Nachwuchses keine Wahl. Es fütterte nach dem Zufallsprinzip. Das Recht des Stärkeren setzt sich durch. So kann es passieren, dass Küken vernachlässigt werden, infolge Unterernährung sterben. Lena empfand diese Art der natürlichen Auslese ungerecht.

Die Medizin und der Tee belebten ihre Lebensgeister. Erleichtert atmete sie tief durch.

Mark hatte jetzt bei der Einrichtung seines Institutes so viel um die Ohren. Warum war er darauf so versessen, den sicheren Schoß der Universität zu verlassen? Er verheimlichte ihr etwas!

Immer, wenn sie auf seinen Zwillingsbruder zu sprechen kam, winkte er gereizt ab, schnitt sofort ein anderes Thema an.

Nur gelegentlich erwähnte er David flüchtig, der jetzt auf dem Friedhof St. Annen lag.

Damals schwebte sie zwischen Hoffen und Bangen. Sie wünschte sich ein Kind.

Die Hochzeit mit Mark war eine Liebesheirat, keine Hochzeit aus einer Champagner-Laune heraus, bloß, weil es mal prickelte. Sie mochte ihn vom ersten Augenblick an: seine Augen, sein strahlender Blick, sein herzhaftes Lachen.

Es war ein kühler verregneter Samstag im Monat Juli, als sie und Mark vor den Traualtar traten. Mark stellte erfreut fest, dass seine Braut in einem weißen Schleppkleid, mit Plauener Spitze besetzt, entzückend aussah. Ein sehr feiner kurzer Musselin verdeckte ihre Augen. Sie entschlossen sich für eine ökumenische Trauung, da Mark nicht bereit war, seinen Glauben zu wechseln, wenn auch seine Bindung zum Katholizismus nicht sehr ausgeprägt war. Aber in Silberberg achtete man auf Etikette. So entschloss er sich, auswärts zu heiraten, um kein Aufsehen wegen seiner protestantischen Braut zu erregen. Seine Angehörigen waren gar nicht damit einverstanden. Zu sehr war sein Vater auf den Katholizismus geprägt.

Zahllose Menschen besuchten die Kirche. Kamen sie nur Lenas wegen? Viele, die ihre Hand schüttelten, kannte sie nicht.

Aus ihrem alten Semester fehlte keiner.

Kennengelernt haben sie sich bei einer Semester-Party.

Lena kann sich noch genau daran erinnern: Von acht bis zehn hatte sie vor ihrem Spiegel gestanden – es war Viertel nach zehn, als sie endlich fertig war – und krampfhaft überlegt, was sie anziehen sollte. An der Front ihres ungewöhnlichen großen Kleiderschranks waren zwei riesige Spiegel eingelassen. Vor den umklappbaren Spiegeln betrachtete sie ihre bloßen Schultern und ihre ebenmäßige Gestalt.

Sie legte ein dezentes Augen-Make-up und ein Schönheitspflästerchen auf, zog die Augenbrauen mit einem schwarzen Stift nach, wendete den Kopf hin und her, um ihre Wirkung zu prüfen, ihr kastanienbraunes, schulterlanges Haar folgte schwungvoll ihren Bewegungen. Sie öffnete den Kleiderschrank. Ratlos stand sie davor. Sie wusste mal wieder nicht, was sie anziehen sollte!

Während des Studiums jobbte sie als Mannequin für ein renommiertes Modehaus. Die vorgeführten Kleider durfte sie behalten. Jetzt quollen sie aus dem übervollen Schrank hervor.

Lena probierte zehn Kleider, ehe sie sich schlüssig wurde.

Es war nicht Marks Äußeres, es war sein geistiges Fluidum, das sie anzog und festhielt wie die Flamme, die die Motte verbrennt. In seinen Augen lag ein eigenartiger Glanz von Romantik.

Heute regnete es in Strömen; wie damals. Die Meisen kennen kein schlechtes Wetter. Warum haben sie dieses Jahr ein zweites Mal gebrütet? Sie haben es zwar nicht eilig wegzufliegen wie Stare, die sich bereits auf den Bäumen zum Abflug sammelten. Nein, an den Meisen wird sie im Winter noch ihre Freude haben, wenn sie vom Futterhäuschen die Hirsekörner aufpicken. Stare haben dieses Jahr ihren Kirschbaum heimgesucht. Einen Tag vor der Ernte! Innerhalb von fünf Minuten war er leer. Nur die Kirschkerne hingen noch am Stiel!

Das Handy klingelte. „Ja!“.

„Ich bin ’s, Mark. Lena, ich habe schon mehrmals versucht, dich zu erreichen. Wie geht es dir?“

„Mark, ich habe das Gefühl, dass es mit mir jetzt aufwärts geht. Der Tee hat mich aufgerichtet.“

„Wie ist das Wetter?“

„Mark, es regnet! Es ist wie im November.“

„Lena, auf der Insel ist dasselbe Wetter. Wir sind gerade in Glasgow gelandet.“

„Glasgow? Ihr wolltet doch nach Edinburgh!“

„Wir haben uns von Harry überreden lassen, nach Glasgow umzubuchen und von hier mit einem Leihwagen nach Edinburgh zu reisen. Er meinte, Zeit einsparen zu können.“

„Pass auf dich auf, Lena! Ich liebe dich!“

„Ich liebe dich auch, Mark.“

Gott sei Dank ist er gut angekommen!

Oft kam ihr der Gedanke, dass ihre Kinderlosigkeit wie ein dunkler Schatten auf ihrem sonst glücklichen Leben liegen könnte. Ob morgen noch alles so sein würde wie es war? Ihr wurde schwer ums Herz, sodass sie tief durchatmen musste.

„Ach, ich sehe nur Gespenster!“, rief sie laut.

Mark hatte schon vor Monaten eine vage Andeutung gemacht, dass man ihren Kinderwunsch durch künstliche Befruchtung erfüllen könnte. Aber Lena war damals, es ist Monate her, noch davor zurückgeschreckt. Aber später sah sie Marks Vorschlag mit anderen Augen. Es wäre ja trotzdem ihr und Marks Kind, auch wenn es durch eine künstliche Befruchtung gezeugt würde. Es hätte ihr und Marks Erbgut! Außerdem würde sie es selbst austragen können.

Die Ärzte haben Folgen einer Adnexitis als mögliche Ursache ihrer relativen Unfruchtbarkeit diagnostiziert. Dadurch hätten die befruchteten Eizellen kaum eine Chance, die Gebärmutter zu erreichen.

Doch kam alles anders als die Ärzte vorausgesagt hatten.

Immer, wenn sie einen schweren Migräneanfall durchgemacht hatte, blies sie am nächsten Tage Trübsal.

4

David entwickelte sich prächtig.

Er war der Stolz der kleinen Familie. Mit einem Jahr begann er, die Welt zu erobern. Die ersten freien Schritte gelangen ihm mit Mühe, eine Windböe schien ihn fortzutragen. Lena sprang auf, um ihn aufzuhalten.

„Halt! Nicht so stürmisch kleiner Wildfang!“, rief sie, von einer Begeisterungswelle erfasst, seine Fortschritte begleitend. David landete nach einem Ausflug hart auf dem Boden der Tatsachen. Eine kleine Schramme an der Stirn war der Lohn für sein Ungestüm. Die Gefahren, die auf ihn lauerten, kannte er noch nicht.

Lena nahm ihren kleinen Eroberer in die Arme, tröstete ihn und versuchte mit einer Münze den sich rasch ausbreitenden Bluterguss aufzuhalten. Fünf Minuten drückte sie die Münze auf den Bluterguss. Es war Marks bewährtes Hausrezept, das er von seiner Großmutter übernommen hatte!

Der Schnuller ließ seinen Schmerz rasch vergessen. In ihren Armen schlief er schließlich ein.

Mark war sehr besorgt um Davids Entwicklung. Jede kleinste Wesensveränderung registrierte er mit der akribischen Genauigkeit eines Wissenschaftlers. In einem geheimen Tagebuch schrieb er es auf.

Als David geboren wurde, hatte ihm zwar der Kinderarzt versichert, dass er vollkommen gesund sei. Einige Kleinigkeiten hatte er damals aber übersehen: ein feines Hämangiom am behaarten Hinterkopf und eine inkomplette Syndaktylie der Fußzehen – Schwimmhäute zwischen den Zehen wie bei einem Fröschlein!

Als Mark vierundzwanzig Stunden nach Davids Geburt die scheinbar unbedeutenden Makel am Neugeborenen entdeckte, erschrak er zu Tode!

Lena wusste gar nichts von der Vorgeschichte, wusste nicht, dass die Syndaktylie ein „Erbstück“ seines Stammbaums war, und sich sein Zwillingsbruder von ihm nur dadurch äußerlich unterschied! Auch die kleine Blutgeschwulst am Hinterkopf hatte sein Bruder geerbt.

Lena und Mark ließen das Hämangiom ihres Sohnes durch Laserbehandlungen entfernen.

Ein äußerlich sichtbarer Makel war damit beseitigt. Lena war erleichtert und atmete erst einmal tief durch.

Geblieben war die Syndaktylie, die Schwimmhäute, die die Zehen miteinander verbanden.

Lena war seit einem Jahr zu Hause. Eines Tages sagte sie am Abend bei einem Glas Wein: „Mark, mir fällt allmählich die Decke auf den Kopf. Ich muss wieder etwas tun. Können wir nicht stundenweise eine Kinderfrau für David einstellen?“

„Lena, ich spüre deine zunehmende Unzufriedenheit. David ist jetzt aus dem Gröbsten heraus. Ich habe auch schon daran gedacht, jemanden für ihn zu suchen.“

Lena atmete erleichtert tief durch. „Ich danke dir, Mark, dass du es mir so leicht machst. Ich habe mir schon eine Tagesmutter für David ausgesucht. Stellen wir sie zur Probe vier Wochen ein“, schlug Lena vor.

„Lena, ich vertraue dir. Du wirst schon die richtige Wahl treffen.

Leider war ich in letzter Zeit nicht oft zu Hause. Du weißt ja, das Institut …“

„Mark, ich habe neben Verpflichtungen auch Rechte. Ich werde wieder als Model arbeiten. Der Computer kann auf Dauer den Laufsteg nicht ersetzen!“

„Ich weiß, Lena, du bist mit deiner gegenwärtigen Lage nicht zufrieden. Ich dachte noch ein halbes Jahr, dann könnte David in den Kindergarten gehen. Ich akzeptiere auch, dass du schon jetzt eine Tagesmutter einstellen möchtest.“

Mark war es recht, dass Lena wieder unter Menschen kam. Ihr Familienleben war vollkommen auf David abgestimmt.

„Mark, ich habe mit Stella schon gesprochen. Sie würde David gern betreuen.“

„Stella?“

„Ja, das ist die Frau mit der kleinen Franziska. Sie ist nur wenig älter als David. Sie ist alleinerziehend, möchte sich etwas hinzuverdienen. Du hast sie schon mal gesehen. In der Boutique stachen dir sofort ihre wasserstoffblonden langen Haare ins Gesicht.“

Mark hatte die Sache mit dem Kindermädchen schon längst abgehakt.

5

Seine Gedanken weilten längst bei den ersten beunruhigenden Untersuchungsergebnissen von Davids Genstrukturen.

Harry hat die ersten kurzen DNA-Abschnitte, „reads“ genannt, untersucht.

Wenn es sich bewahrheiten sollte, wäre es eine ungeheuerliche und zugleich niederschmetternde Erkenntnis!

Mark wollte sich selbst nicht unter Druck setzen. Deshalb hatte er Harry mit der Sequenzierung beauftragt.

Harry wird einige Monate für die vollständige Entschlüsselung benötigen. Puzzle für Puzzle musste getrennt und schließlich wieder zusammengefügt werden. Die menschlichen Chromosomen sind im Zellkern als Schraubenwindung auf eine Länge von über zwei Meter aufgewickelt, auf 23 Chromosomen sind über 23 000 verschiedene Gene verteilt! Mehrere Milliarden (!) Basenpaare prägen die Eigenschaften sämtlicher Gene.

Mark verglich die Anordnung der Chromosomen mit der linksdrehenden Wendeltreppe von Momo im Vatikanischen Museum. Eine von oben imposant wirkende Wendel!

Noch kompliziert und zeitraubend sind die technischen Verfahren der DNA-Sequenzierung.

In jedem Zellkern hat der Mensch zwei Kopien des Genoms – so heißt die Gesamtlänge der DNA – gespeichert, eine von der Mutter und eine vom Vater. Es gibt kein gleichmäßiges Verteilungsmuster der Gene auf die Chromosomen!

Die unterschiedliche Folge der vier chemischen Grundbausteine Adenin, Guanin, Cytosin und Thymin im tragenden Gerüst von Desoxyribose – eines Zuckers – und einem Ester der Phosphorsäure bestimmen die Eigenschaft eines Gens!

Sein molekularbiologisches Institut entwickelte sich dank der immer häufigeren Vaterschaftsteste gut.

Sie sind zu einem wichtigen Standbein geworden.

Marks Hauptinteresse galt aber der Entschlüsselung der menschlichen DNA!

Seit er Dolly gesehen hat, nahm seine Entschlossenheit an Schärfe zu.

Mark wusste, dass er viele Konkurrenten auf seinem Gebiet hatte. Noch waren die Verfahren nicht ausgereift. Die Begehrlichkeiten, den Konkurrenten in den Kochtopf zu schauen, wurden immer verlockender.

„Franka, hast du auch die vorgegebenen Werte für die Denaturierung der Probe im Autoklaven richtig eingestellt?“, fragte Harry, während er den Verlauf der Gelelektrophorese beobachtete.

„Ja, selbstverständlich. Ich kann da nichts verkehrt machen. Die Obergrenzen von Druck und Temperatur können nicht überschritten werden. Bei 80 °C ist der Schmelzpunkt erreicht, und bei 3 000 bar ist Schluss“, rechtfertigte sie sich.

„Du weißt, dass sich die Doppelhelix nur strecken soll, damit wir ihre zwei Einzelstränge trennen können. Bei diesem Vorgang sollen nur die Disulfid-Brücken gespalten werden“, erklärte Harry das Procedere.

„Als ob ich das nicht wüsste!“, knurrte Franka.

Mark war im Nebenraum mit einem Nucleus-Transfer beschäftigt. Der Gynäkologe Dr. Hauswald hat einer Patientin, die selbst keine Kinder austragen konnte, endoskopisch eine geschlechtsreife Eizelle entnommen. Von ihrem Ehemann stammte das Spermium. In einem speziellen Nährmedium wird die Befruchtung, die Vereinigung von Eizelle und Spermium, arrangiert. Mit der Vereinigung zur diploiden Zygote wird das Erbgefüge von Mutter und Vater auf den künftigen Nachkommen übertragen.

Die fertige Zygote steht auf dem Startblock. Der Gynäkologie musste sie nur noch in eine zeugungsfähige Gebärmutter einpflanzen. Mit der Nidation wird die Zellvermehrung initiiert.

Ohne Nidation würde niemals ein Mensch entstehen!

Wer die Leihmutter sein würde, ließ Hauswald offen.

Für Mark war die künstliche Befruchtung zur Routine geworden. Mit Mehrlingsgeburten oder gar Missbildungen musste bei sauberem Handling kaum noch gerechnet werden.

„Mark, komm doch mal rüber!“, rief Harry plötzlich.

Da Mark gerade seine Arbeit zu Ende gebracht hatte, ging er zu Harry.

„Was ist?“

„Schau dir das mal an!“, sagte er aufgeregt.

„Welches Chromosom entschlüsselst du?“, erkundigte sich Mark, der nahe an den Elektrophorese-Automaten herangetreten war.

„Moment mal, Mark!“ – Harry blätterte in den Protokollen, um sich seiner Sache sicher zu sein – „19.3q27 müsste es sein!“

„Bist du dir sicher?“, vergewisserte sich Mark.

„Ja ganz sicher!“

„Das berüchtigte Chromosom 19 also!“, murmelte Mark.

„An zwei Stellen der Helix hat es hier Brüche gegeben. Du kannst es an der unterschiedlichen Färbung sehen. Guanin und Cytosin haben ihren Plätze getauscht.“

„Es muss zu einem Crash gekommen sein – Grand malheur –!“, schrie Mark entsetzt. Das Blut war ihm aus den Adern gewichen. Sein Gesicht wurde aschfahl, Angstschweiß trat ihm auf die Stirn. Er konnte seine Schrecksekunde vor Harry nicht verbergen.

„Was ist dir, Mark?“, fragte er besorgt. „Setz dich bitte!“

Mark ließ sich auf den Sessel fallen und verbarg sein Gesicht mit den Händen. Minuten später schien er sich wieder in der Gewalt zu haben.

„Harry, es kann sich um ein Kunstprodukt handeln, ausgelöst durch einen Verfahrensfehler. Wir werden eine zweite Probe ansetzen. Ist dir eine Inversion des 19er Chromosoms an dieser Position bekannt, Harry?“

„Nein, das ist ein absolutes Novum! In der Literatur gibt es über Genbrüche an dieser Position keine Veröffentlichung. Ich vermutete sofort, als die Elektrophorese noch lief, dass wir unentdecktes Territorium, also Neuland, bezüglich des Platzwechsels von Cytosin und Guanin im Chromosom 19, betreten würden. Ich war selbst so überrascht über den Befund, sodass ich spontan nach dir rief“, antwortete Harry sichtlich nervös.

„Auf dem Chromosom 19 sind auf engstem Raum über 3 000 verschiedene Gene platziert.

Die Steigung der Schraubengänge muss hier besonders flach sein, um die Gene unterzubringen. Die Kreuzungsstellen sind berüchtigte Stellen. Unter bestimmten Einflüssen treten hier gern Brüche auf, die die Natur wieder reparieren kann, aber die Gefahr, dass von zwei verschiedenen Brüchen die falschen Enden vereint werden, ist gegeben.

Die Chromosomenmutation wird zur Erbkrankheit, nur, weil Guanin und Cytosin ihre Plätze im Chromosom getauscht haben!“, suchte Harry nach einer plausiblen Erklärung für den Crash.

Mark war in Gedanken mit den möglichen Folgen der Genmutation beschäftigt.

War es nur die harmlose Syndaktylie? Bei David setzte die Umschlagfalte zwischen zweiter, dritter, vierter und fünfter Zehe bereits an der Basis des Endgliedes an, als hätte er Schwimmhäute ausgebildet – wie ein Frosch.

Sie behinderten David nicht. Sie wurden auch nur sichtbar, wenn er die Zehen spreizte. War die Bruchstelle „19.3q27“ an der Syndaktylie schuld? Die weitere Entschlüsselung der DNA musste abgewartet werden. Der Gesundheits-Check ergab bei David zunächst keine weiteren Auffälligkeiten.

Aber was hieß das schon! Die ausgewählten Parameter konnten bei weitem nicht alle möglichen Krankheitssymptome der 23 000 Gene erfassen.

Lena störte die Syndaktylie. Sie hatte Bedenken, dass sie für gleichaltrige Kinder einmal Anlass für Hänseleien sein könnte.

„Mark, du hast doch versprochen, die Schwimmhäute noch vor dem Kindergartenalter entfernen zu lassen. Es ist nicht mehr viel Zeit!“, forderte sie ihn unlängst auf, sein Versprechen endlich einzulösen.

6

„Mark, das Wetter ist umgeschlagen, wir werden ein weißes Ostern bekommen. Wenn hier schon Schneeschauer niedergehen, wie wird es erst weiter oben aussehen!“, warnte Lena besorgt.

„Lena, wir haben 25jähriges Firmungsjubiläum! Ich muss dabei sein. Man erwartet von mir, dass ich eine Laudatio halte. Ich habe ein kleines Brevier in Versform vorbereitet, das ich gern vortragen möchte. Außerdem bin ich auf ein Wiedersehen mit dem Klassenprimus gespannt. Er wohnte nebenan. Gemeinsam haben wir viele Streiche ausgeheckt.“

„Wirst du David besuchen?“, fragte Lena leise. Sie wusste, dass sie mit dieser Frage ein heikles Thema anschnitt, das Mark nur für sich allein beanspruchte und mit niemandem zu teilen gedachte.

„Ja, Lena, das werde ich“, war seine knappe Antwort. Mit einer schroffen Handbewegung deutete er gleichzeitig an, dass er zu diesem Thema keine weiteren Fragen wünschte. Beleidigt zog sich Lena in ihren Schmollwinkel zurück.

Mark saß am Laptop und versuchte, die letzten Verse für seine Rede zu formulieren. Er konnte sich nicht konzentrieren. Das Chromosom 19 spukte in seinem Hirn herum. Das passende Wort lag ihm auf der Zunge, aber er konnte es nicht ausspucken.

Prolog und Finale sind die Säulen einer Rede, eines Vortrages oder eines Romans. Ist der Anfang misslungen, hat der Zuhörer bereits abgeschaltet und der Leser das Buch schnell beiseitegelegt.

Alle Mühen des Autors, Zuhörer oder Leser in seinen Bann zu ziehen, sind vergebens, wenn der Anfang misslingt.

„Verflixt und zugenäht!“, fluchte er.

„Was ist?“, fragte Lena erschrocken.

„Ich habe Wortfindungsstörungen. Es liegt mir auf der Zunge, aber ich kann ’ s nicht ausspucken.“

„Du suchst das passende Synonym, das sich reimt?“

„Nein, ich suche den linken Schuh, der zum rechten passt“, klärte er Lena auf.

„Zum Beispiel?“

„Ross und Reiter, Gut und Geld, Schuld und Sühne, Leben und Tod. Firmung und …“, nannte Mark sich reimende Ausdrücke. Zur Firmung fand er keinen.

Lena überlegte einen Augenblick, dann sagte sie überrascht: „Konfirmation!“

„Ja, das lass ich gelten! Das ist das Pendant deiner Kirche. Firmung und Konfirmation. Das ist die Verbindung! Jetzt kann ich meinen Hexameter vollenden. Danke, Lena, du hast mir sehr geholfen!“

Lena hatte recht. Nicht alle seiner Klassenkameraden nahmen an der Firmung teil, einige ließen sich ja konfirmieren. Die waren auch eingeladen! Man wird den Zusammenschluss der Konfessionen im Kleinen betreiben, wenn schon der Papst die Abtrünnigen nicht (noch nicht?) wieder aufnehmen möchte.

Das Abendmahl werden sie gemeinsam bekommen.

Mark erinnerte sich, dass es in seinem Jahrgang nur einen Gottlosen gab, der die Jugendweihe besuchte. Von allen anderen wurde sie boykottiert. Ist auch der Abtrünnige eingeladen worden?

Vielleicht fühlte er sich nicht mehr ganz von Gott verlassen, nur noch halb?

Wie hieß er doch? Alle nannten ihn nur den Professor, weil er eine richtige Nickelbrille trug. Hatte er sie einmal verlegt oder zum Optiker zum Richten gebracht, benutzte er einen weißen Blindenstock, um sich zurechtzufinden. Ohne Brille berührte beim Lesen seine Nase das Blatt. Wie hieß er doch? – Mark schien eine Zeit lang nachzudenken–. Frieder Schupilski!

Wird er kommen? Er war trotz seiner Gottlosigkeit kein schlechter Kerl. Nein, das war er weiß Gott nicht!

Als Mark den Stift beiseitelegte, atmete er tief durch: „So, das hätten wir.“

Missmutig schaute er zum Fenster heraus. Das Sauwetter lud nicht gerade zu einem Osterspaziergang ein. Die Kirschblüte war schon in vollem Gange. „Die Bienen werden in ihren Körben bleiben, die Blüten vergebens auf Bestäubung warten. Dann wird der Baum in diesem Jahr auch keine Früchte tragen. Ein neuer Trieb – ein Schössling – wird trotzdem aus ihm sprossen!“, ging ihm durch den Kopf.

Er bräuchte nur vom Stamm getrennt und zum Wurzeln gebracht zu werden. Ein neuer Kirschbaum würde entstehen, ganz ohne Befruchtung! Vegetative Vermehrung nennt man das. Im Fachjargon: klonen!

Seltsame Gedanken umkreisten ihn, als er die schneebedeckten Blüten des Kirschbaumes betrachtete!

„Gut, dass die Winterräder noch drauf sind. Man kann nie wissen“, wandte er sich an Lena.

„Du willst also morgen doch fahren?“, vergewisserte sie sich erneut.

„Ja, Lena. Als ich zusagte, konnte ich nicht ahnen, dass Ostern der Winter zurückkäme. Es soll übrigens ein internationales Treffen werden. Herb Smith, der Nobelpreisträger, früher nannte er sich Herbert Schmidt, hat sich auch angesagt.“

„In dieses Kaff?“

„Lena, was heißt hier Kaff! Silberberg war im späten Mittelalter eine reiche Stadt. Sie lag an einer der wichtigsten Handelsstraßen. Berühmte Persönlichkeiten haben hier gelebt. Natürlich haben ihr heute Städte wie New York, Tokio oder Paris den Rang abgelaufen. So ist eben der ewige Kreislauf in der menschlichen Gesellschaft. Kulturen blühten auf und zerfielen wieder. Was wissen wir, wie es in tausend Jahren hier aussehen wird!“, antwortete er giftig.

„Warum echauffierst du dich so, Mark? Komm runter von der Palme! Ich wollte dich nur auf den Boden der Tatsachen zurückholen. Die Gegenwart ist jetzt und heute, die Vergangenheit lebt nur in unseren Erinnerungen.“

Mark spielte den Beleidigten, schmollte mit Lena.

Mark stapfte mit seinen Halbschuhen durch den tiefen Neuschnee. Der Friedhofsgärtner hatte die Wege noch nicht geräumt. Die Gräber waren zugedeckt. Eine geradezu unheimliche Stille hat sich über ihnen ausgebreitet! Alles war wie früher: die alte Friedhofsmauer mit der Gruft seiner Vorfahren, das halb verfallene Tor, dahinter der Ginsterbusch und die von Gestrüpp und Büschen überwucherte Halde mit dem verfallenen Sommerhäuschen; der teilweise eingefallene hohe undurchsichtige Bretterzaun.

Mark blieb einen Augenblick stehen. Er musste sich orientieren, da die weiße Pracht die Gräber zugedeckt hatte. Er schlug einen Haken, ging einige Schritte zurück und beseitigte mit seinen Handflächen den Pulverschnee von einer Grabplatte.

Mark legte das Bündel Ginsterreiser, das er gerade gebrochen hatte, auf den Grabstein.

„Guten Tag, David!“ Mark faltete die Hände und murmelte das „Vaterunser“.

„Mark, du warst längere Zeit nicht bei mir!“, meldete sich vorwurfsvoll Davids Stimme aus dem Grab.

„David, ich hatte so viel um die Ohren. Ich sorge mich um Davids Zukunft.“

„Ich weiß es längst, Mark. Dein Sohn David muss für unseren Leichtsinn büßen. Wir wiederum wurden ein Opfer des Leichtsinns unseres Vaters, und Vater wurde ein Opfer der kalten Krieger. Ihm ist kein Vorwurf zu machen. Er konnte die Gefahren nicht abschätzen. Außerdem musste er uns ernähren.“

„David, wir haben zusammen eine glückliche Kindheit verlebt. Leider war sie nur von kurzer Dauer. Das Plutonium hat sie abrupt beendet.

Obwohl längst bekannt war, dass von der Uranpechblende eine drohende Gefahr ausging, erschallte durch die Täler das dritte Berggeschrey. Viele, die dem verlockenden Ruf folgten und die Haldenkinder, mussten dafür schwer büßen. Der Tod kam über Nacht; der Strahlentod ist heimtückisch.“

„Mark, ich bin nicht allein. Sieh dich um! Wenn du ein wenig Zeit mitgebracht hast, wirst du mehrere Haldenkinder hier finden.“

„David, als ich erwachsen wurde, habe ich mir geschworen, dass es unseren Kindern einmal besser gehen soll! Jetzt muss ich erkennen, dass dein Neffe, mein Sohn, auch ein Haldenkind ist!“

„Du hast seine DNA entschlüsselt?“

„Ja, wir sind dabei. Wir haben einen Zahlendreher im Chromosom 19 gefunden. Um sicher zu gehen, müsste ich eine Probe von dir und Vater untersuchen.“

„Hm, du wirst Probleme mit dem Gesetz bekommen, Mark.“

„Ich muss es tun, David!“

Nachdenklich verließ Mark seinen Bruder. Grab für Grab schritt er ab, seinen Rat befolgend; säuberte die kunstvoll bearbeiteten Granitsteine vom Schnee, las ihre Namen.

Mit Erschrecken stellte er fest, dass er den Professor nicht wiedersehen wird.

Er fühlte sich auf einen Soldatenfriedhof versetzt.

Viele der Toten auf dem Friedhof erreichten nicht das 2. Dezennium, wurden nicht mal zwanzig Jahre alt.

Dunkle, lange Schatten folgten Mark. Er möchte sie abschütteln. Sie ließen ihn nicht los. Sollte er es wagen, den ersten …?

David zuliebe?

Schlafwandelnd, tief in Gedanken verstrickt, verließ er den Friedhof, irrte in der noch fast menschenleeren Innenstadt ziellos umher. Immer intensiver verfing er sich im Gestrüpp moralisch geächteter Korridore. Er verwickelte sich mit seinem zweiten Ich – der Inkarnation des Bösen – in endlose Zwiegespräche. Als er einem Passanten direkt vor die Brust rannte, war er wieder in der Wirklichkeit angekommen.

„Passen Sie doch auf wohin Sie laufen!“, herrschte ihn der Angerempelte an.

Erschrocken murmelte Mark: „Sorry!“

In seiner tiefen Verzweiflung beschloss er, seinen Beichtvater zu besuchen. Über der Stadt hing eine dichte Dunstglocke aus Reif und Nebel.

Mark stapfte durch den frischen weichen Schnee. Am Wochenende hatte es der Räumdienst gar nicht eilig.

Hoch über dem Marktplatz thront die St. Annen. Von ihrem Turm kann man weit übers Land schauen. Ob der Türmer noch zu Hause ist? Als Mark in der Kurrende sang, hat er ihn gelegentlich besucht, um die Aussicht vom Turm, den eine grazile barocke Haube ziert, zu genießen.

Mark erinnerte sich gern an den Türmer:

„Zum Sehen geboren,

Zum Schauen bestellt,

Dem Turme geschworen,

Gefällt mir die Welt …“