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Stell Dir vor, du lebst im fünfundzwanzigsten Jahrhundert. Die Menschen werden unterdrückt, der freie Wille ist gebrochen und die Welt steht am Abgrund. Und Du besitzt die Fähigkeiten, die Vergangenheit zu verändern – aber könntest beim ersten Versuch dabei sterben. Würdest du das Risiko trotzdem eingehen? Für Jason keine Frage! Doch es liegt nicht allein in seinen Händen. Werden Kayden und Evan in der Vergangenheit ihren Teil erfüllen, um den Verlauf der Geschichte zu verändern? Können sie den Bestechungen der Regierung standhalten? Oder werden sie in der Akademie zu sehr von Luxus und Abenteuern abgelenkt…?
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Seitenzahl: 431
Veröffentlichungsjahr: 2018
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L. C. McLaurens
Meliori
Die Akademie
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog – Jason
Kapitel 1 – Evan
Kapitel 2 – Ella
Kapitel 3 – Evan
Kapitel 4 – Logan
Kapitel 5 – Evan
Kapitel 6 – Zoe
Kapitel 7 – Evan
Kapitel 8 – Henry
Kapitel 9 – Evan
Kapitel 10 – John
Kapitel 11 – Evan
Epilog – Evan
Danksagung
Impressum neobooks
Jahr 2491
Wütend schlug Jason mit der Faust auf den wackeligen Tisch, um den sich die kleine Gruppe versammelt hatte.
„Es reicht!“, rief Jason aufgebracht und holte gerade für einen weiteren Faustschlag gegen den bereits demolierten Tisch aus, als ihn eine andere Hand noch gerade rechtzeitig zurückhielt. „Seit Jahrzehnten leben wir in diesem dreckigen Loch und lassen uns einfach so unterwerfen. Aber genug ist genug! Unsere Vorfahren waren vielleicht zu eingeschüchtert, um sich zu wehren und haben es immer der nachkommenden Generation überlassen, einzugreifen. Und ich sage, diese Generation sind wir. Es muss hier und heute enden!“
Zornig funkelte Jason in die Runde. Doch alle senkten ihren Blick und schwiegen. Niemand wollte sich mit ihm anlegen, solange er in dieser gefährlichen Stimmung war. Seine Meinung teilte in diesem Raum keiner. Sie wollten sich ebenfalls, genau wie ihre Eltern, nicht mit dem Problem befassen. Schliesslich räusperte sich der Mann zu seiner Rechten und begann bedächtig zu sprechen.
„Ich verstehe deine Frustration, mein Sohn. Doch dein Vorschlag ist einfach nicht akzeptabel. Darüber müssen wir nicht einmal diskutieren. Schon sehr lange vor unserer Zeit, vor tausenden von Jahren, haben sich unser aller Vorfahren geeinigt, unsere Fähigkeiten nicht mehr einzusetzen und daran–“
„Na und?! Wie du selbst sagst; das wurde vor Jahrtausenden entschieden. Die Dinge haben sich seit damals geändert!“, unterbrach Jason seinen Vater wütend.
Wieso waren sie nur so engstirnig und ängstlich?
„Mag vielleicht sein, aber wir befinden uns überhaupt erst in diesem Dilemma, weil sich andere nicht an die Regeln gehalten haben. Es würde die Sache nur verschlimmern, weshalb es noch immer die oberste Regel ist“, versuchte ihn Tina sanft zur Einsicht zu bringen.
„Aber es waren nicht wir, die die Regeln gebrochen haben, sondern die Regierung hat alles erst ins Rollen gebracht!“
Sein Vater, Tina und die übrigen sechs Personen am Tisch warfen sich verstohlene Blicke zu. Sie hatten diese Diskussion bereits dutzende Male geführt und jedes Mal hatte Jason klein beigegeben. Doch dieses Mal nicht. Seit Marios Tod vor wenigen Tagen hatte er den Entschluss gefasst, etwas zu unternehmen. Ob mit oder ohne Hilfe, war ihm egal.
„Egal, ob ihr dafür oder dagegen seid, ich habe mich entschieden und daran könnt ihr nichts mehr ändern. Die Frage ist also nur, wer mich dabei unterstützen will“, stellte er klar und war selbst überrascht, wie ruhig und unerschütterlich er dabei klang. Er war nicht dumm. Er wusste, was für ein grosses Risiko er einging. Was, wenn er nur schon beim Versuch kläglich sterben würde? Seine Hände zitterten leicht auf der Tischplatte, doch bei dem spärlichen Licht im Zimmer konnte dies glücklicherweise niemand erkennen.
„Wie willst du das Anstellen, Junge? Selbst wenn du das Zeitspringergen in dir trägst – und das ist nicht einmal bewiesen – weisst du doch gar nicht, wie es funktioniert“, wandte sein Vater bekümmert ein. „Und du kennst doch die Geschichten! Ein winzig kleiner Fehler und du bist im schlimmsten Fall auf der Stelle tot, dein Körper zersplittert in verschiedenen Zeiten“, erinnerte er seinen Sohn mit bebender Stimme.
„Du irrst dich, Vater. Es ist durchaus erwiesen, dass ich ein Zeitspringer bin. Nur weil du es leugnest, wird es dennoch nicht wahr. Ausserdem studiere ich seit Wochen alle alten Aufzeichnungen, die gerettet werden konnte. Ich kenne sie in- und auswendig. Ich weiss, wie es funktioniert!“, erwiderte Jason trotzig.
„Und wenn schon. Es ist noch immer verboten, in die Geschehnisse der Vergangenheit einzugreifen und damit hat sich die Sache erledigt. Ende der Diskussion! Endgültig!“, mischte sich nun Jessica barsch ein. Sie war mit ihren einundfünfzig Jahren die Älteste der Anwesenden.
„Ihr könnt mich nicht daran hindern. Du am allerwenigsten“, antwortete Jason mit einem so feinen Hauch Abfälligkeit, dass sich die anderen nicht sicher waren, ihn überhaupt gehört zu haben. Doch Jessicas Augen verengten sich zu Schlitzen und sie warf ihm einen giftigen Blick zu.
Sie besass die Zeitspringergene nicht und Jason wusste, dass es falsch war, sie auf diesen Unterschied hinzuweisen. Doch in diesem Moment war ihm egal, ob er Anstand bewies oder nicht. Die zweitoberste Regel der Zeitspringer lautete, andere Menschen ohne besondere Fähigkeiten deswegen nicht zu diskriminieren. Alle Menschenleben waren gleich viel Wert. Ausser der Regierung natürlich. Sie waren natürlich besser. Sie mussten sich auch an keine Gesetze halten, dachte Jason bitter.
„Wir könnten dich als Rebell entlarven. Ich bin mir sicher, die Regierung hat so ihre Methoden um dich unschädlich zu machen“, meinte Jessica gehässig, woraufhin sein Vater schockiert nach Luft schnappte und protestieren wollte. Doch Jason kam ihm zuvor.
„Bevor du dies tun könntest, sogar noch bevor du blinzeln könntest, wäre ich bereits verschwunden“, klärte er sie in bemüht gelangweilten Tonfall auf und um seinen Standpunkt zu verdeutlichen, tat er genau das.
Er verschwand vor den weit aufgerissenen Augen der anderen.
Es war nur ein kleiner Sprung. Nur gerade vor die verschlossene Tür der kleinen Kammer, wo er die überraschten und entsetzten Schreie der anderen aus dem Innern des Zimmers hören konnte. Er hörte ebenfalls ein dumpfes Plumpsen und er hoffte inständig, dass es Jessica war, die auf ihrem alten Hintern gelandet war. Ein hämisches Lächeln stahl sich auf sein Gesicht.
Während er den engen, dunklen Gang entlang hastete, musste er sich immer wieder mit der Hand an der feuchten Wand abstützen, um sein Gleichgewicht nicht zu verlieren. Er hatte den Sprung durch Raum schon einige Male heimlich geübt und obwohl es immer leichter ging, wurde ihm trotzdem noch immer schwindlig danach.
Er stolperte ihn sein kleines Zimmer und riss ohne noch einmal zu zögern die lose Bodendiele heraus und holte seine vorbereitete Tasche aus dem Versteck im Boden. Alles war bereit. Er hatte den perfekten Zeitpunkt in der Vergangenheit ausfindig gemacht und wusste genau, was zu tun war. Seine Mission würde gelingen! Nun musste er nur noch den Sprung durch die Zeit überleben.
Als Jason die lauter werdenden Rufe seines Vaters hörte, wusste Jason, dass ihm keine Zeit mehr blieb, das Ganze noch einmal zu überdenken. Nun war der Zeitpunkt gekommen, um zu handeln. Er berührte mit den Händen die lehmigen Wände, um ein letztes Mal so viel Energie zu sammeln, wie nur möglich.
„Alles wird bald besser sein, Vater. Das verspreche ich dir!“, murmelte Jason als leiser Abschied, bevor er die Augen schloss, die Luft anhielt und ein weiteres Mal innert weniger Minuten vor den weit aufgerissenen Augen seines Vaters spurlos verschwand.
Jahr 2434
„Hallo... Kayden...“, sagte Jason und trat hinter der Eiche hervor.
Als der blonde Junge mit gezücktem Messer und in Angriffsposition zu ihm herum wirbelte, hob Jason beschwichtigend die Hände hoch.
„Keine Angst, ich will dir nichts tun. Ich bin hier, um zu helfen. Ich bin ein Freund - aus der Zukunft.“
Jahr 2434
Stetiges, leises Piepsen drang an Evans Ohr und führte ihm den Weg aus der Bewusstlosigkeit. Und dann war da dieser beissende Geruch, der in seiner Nase brannte. Was war das? Das Piepsen einer Maus klang anders, das wusste er aus Erfah… Schlagartig riss Evan seine Augen auf. Er war nicht in den Slums. Die Erinnerung kam nach und nach zurück. Er lag auf einer weichen Matratze und aus den Augenwinkeln konnte er ein Gerät neben seinem Kopf ausmachen. Als er den Kopf leicht zur Seite drehte, erkannte er einen Monitor, der das Piepsen von sich zu geben schien und auf dem Bildschirm war eine Linie zu erkennen, die in regelmässigem Abstand nach oben ausschlug. Er hatte schon einmal solch ein Bild gesehen. In einem Buch… über Medizin. Er musste in einem Krankenhaus sein!
Er hatte bisher nur über Krankenhäuser gelesen. Natürlich. In den Slums, wo er aufwuchs, gab es keine. Das war der endgültige Beweis, dass er nicht mehr zu Hause war und in sehr, sehr grossen Schwierigkeiten steckte. Er musste in einer Vorstadt gelandet sein. Verdammt! Evan musste dringend hier weg!
Strassenkindern war vor dem Erreichen des Mindestalters der Zugang zu Vorstädten strengstens verboten. Nicht, dass man überhaupt ohne Hilfe an der dicken Mauer vorbei in die Vorstadt gelangen könnte, doch es war trotzdem verboten. Als wäre der Umstand, sich illegal in der Vorstadt zu befinden, nicht schon schlimm genug, musste es ausgerechnet ein Regierungsgebäude sein!
Auch wenn man in den Slums abgeschottet lebte, keine Bildung erhielt und sich selbst überlassen wurde, bis man alt genug war, um in der Vorstadt in einer Fabrik zu schuften, kannte doch bereits jedes Kleinkind die wichtigsten Regeln.
Regel Nummer eins: Die Regierung war dein Feind.
Regel Nummer zwei: Schulen, Krankenhäuser und so ziemlich jede öffentliche Einrichtung in den Vorstädten und Städten gehörten der Regierung.
Regel Nummer drei: Lass dich nicht von der Regierung erwischen.
Was sollte er bloss tun? Evans Luftröhre schnürte sich zu. Er spürte, wie sich die Panik einen Weg nach oben bahnte, doch er durfte nicht zulassen, dass sie Überhand gewinnen würde. Er brauchte nun mehr denn jemals zuvor in seinem Leben einen kühlen Kopf. Vielleicht gab es dann noch einen Ausweg. Er schluckte leer und liess seine Augenlider zur Hälfte hinabgleiten, dass er nicht mit weit aufgerissenen Augen dalag und jeder Blinde erkennen würde, dass er aufgewacht war. Vorsichtig liess er den Blick durch die halb geöffneten Augen durch den Raum gleiten. Zum Glück lag er nicht flach auf dem Rücken, sondern jemand hatte das Kopfteil des Bettes schräg gestellt und Kissen unter seinem Kopf zurechtgerückt, so dass er halb aufrecht sass. Sofort sprangen ihm die Fussfesseln ins Auge, mit denen er am Bett fixiert war. Also wussten sie bereits, dass er ein Strassenkind, ein nutzloser Ingratis, war und nicht in dieses Krankenhaus gehörte. Eine Flucht war mit diesen Fesseln nicht denkbar und automatisch malte er sich aus, was sie ihm antun würden.
In den Slums erzählte man sich die schrecklichsten Geschichten über die Regierung und ihre barbarische Freude, Strassenkinder nur so aus Vergnügen zu quälen. Evan hatte sich immer erfolgreich eingeredet, dass dies nur Märchen waren, um kleinen Kindern Angst einzujagen. Doch nun liessen ihn die Bilder in seinem Kopf nicht mehr los. Die Regierung, wie sie Kindern bei lebendigem Leib die Haut herunterzogen. Oder wie sie jeden Knochen der Kinder einzeln nacheinander brachen. Evans Härchen auf seinen Armen stellten sich auf.
Und im selben Moment hörte er es: leises Rascheln von Papier. Er war so in seine bestialischen Vorstellungen versunken gewesen, dass er den Raum nicht weiter beachtet hatte. Nun liess er seinen Blick weiterwandern. An der Wand zu seiner Rechten erblickte er eine Glastür, die auf einen Korridor hinausführte. Links neben seinem Bett erkannte er aus den Augenwinkeln ein weiteres, leeres Bett stehen. Und hinter diesem leeren Bett an der Wand war eine Stahltür eingelassen. War das bereits die Folterkammer?
Evans Herz begann zu rasen, woraufhin das Piepsen des Monitors schneller wurde. Das war nicht gut. Kontrolliert atmete er langsam durch die Nase ein und durch den Mund aus. Er musste seine Angst unter Kontrolle bringen. Hinter der Tür befand sich sicherlich nur ein Badezimmer, redete ihm seine Vernunft ein und sein Herzschlag verlangsamte sich wieder. Doch da war wieder dieses Rascheln. Evan blickte in die Richtung, aus der es gekommen war und machte schliesslich an der gegenüberliegenden Wand, in der rechten Ecke, einen Sichtschutz aus. Dahinter waren die Silhouetten von zwei Personen zu erkennen. Zu Evans Glück befand sich ebenfalls an dieser Wand ein Fenster mit geschlossenen Jalousien und so konnte er die Spiegelbilder der Personen im Fenster sehen. Es waren eine Frau und ein Mann. Der Mann trug einen weissen Kittel und war offensichtlich Arzt. Er war gross und hatte helle Haare. Die Frau hingegen war klein und unscheinbar. Sie trug normale Strassenkleidung und sah harmlos aus. Doch Evan liess sich davon nicht beirren. Die Regierung war hinterhältig und unberechenbar. Bestimmt war es Absicht, ungefährlich auszusehen, um dann noch brutal zuzuschlagen.
Die Frau und der Mann unterhielten sich angeregt, doch so sehr Evan sich anstrengte, er verstand kein Wort ihrer Unterhaltung. Zu Evans Glück waren sie aber so vertieft in ihre Diskussion, dass sie einige Minuten lang nicht bemerkten, dass er aufgewacht war. Doch schliesslich schaute der Mann hinter dem Sichtschutz hervor und natürlich bemerkten er mit nur einem kurzen Blick, dass Evan aufgewacht war. Evan wusste, dass es unausweichlich gewesen war, doch hatte ein winziger Teil von ihm zu hoffen begonnen, dass die Beiden den Raum verlassen und ihn vergessen würden. Doch das Glück stand heute nicht auf seiner Seite.
Mit langsamen, bedachten Bewegungen näherte der Mann sich Evan und suchte Augenkontakt. Alle verkümmerten Muskelfasern in Evans Körper spannten sich an. Der stellte sich ans untere Bettende und behielt einen Sicherheitsabstand. Die Frau blieb noch in sicherer Entfernung direkt neben dem Sichtschutz stehen.
„Hallo. Mein Name ist John. Ich bin Arzt. Das ist meine Frau Kelly. Sie hat dich zu mir gebracht, weil du ziemlich hart auf dem Boden aufgeschlagen bist und dein Kopf geblutet hat. Du bist im Krankenhaus“, redete der Mann mit besänftigender Stimmer auf Evan ein.
„Weisst du, wie du hierhergekommen bist?“, wollte er nach einer kurzen Pause behutsam wissen.
Das war eine sehr gute Frage, die Evan ebenfalls brennend interessierte. Wie konnte er nur in diesen Schlamassel geraten?
Doch Evan hatte nicht vor, auch nur ein einziges Wort von sich zu geben. Er wollte seine Lage nicht noch schlimmer machen, als sie ohnehin bereits war. Die Regierung könnte jedes seiner Worte später gegen ihn verwenden. Er war schon immer der Ansicht gewesen, das Schweigen Gold war. Er änderte seine Meinung darüber wohl kaum, wenn er sowieso schon in dieser brenzligen Lage steckte.
„Okay. Weisst du, wie du heisst?“, wollte der Arzt stattdessen von ihm wissen, doch Evan würde ihm auch darauf keine Antwort geben.
Der Arzt seufzte, ging zurück zu seiner Frau und sie wechselten einige Worte miteinander. Danach war es die Frau, die auf Evan zuging und ihr Mann blieb zurück. Evan fiel auf, dass die Frau sich näher an sein Bett herantraute als ihr Ehemann, doch sie stellte ihm noch einmal die gleichen Fragen wie der Arzt eben schon. Aber wieso sollte Evan der Frau plötzlich antworten, wenn er schon beim Mann geschwiegen hatte? Was war das für eine Logik?
Sie redete sanft auf ihn ein und versicherte ihm, dass sie ihm nur helfen wollten und nicht von der Regierung waren. Dass sie wüssten, dass er ein Ingratis aus den Slums war und sie sich vorstellen konnten, was er durchgemacht haben musste. An dieser Evan biss sich auf die Innenseite der Wangen, um nicht lauthals loszulachen. Was wussten die schon?! Doch Evan beherrschte seine Gesichtsmuskeln und liess keine Regung zu.
Frustriert gab die Frau das einseitige Gespräch auf und kehrte zu ihrem Mann zurück. Würden sie ihn nun in Ruhe lassen? Doch nach einem weiteren, hitzigeren Wortwechsel verliess der Arzt sichtlich widerwillig den Raum und die Frau blieb alleine mit Evan zurück. Die Körperhaltung des Arztes offenbarte mehr als deutlich, dass er Angst um seine Frau hatte und sie nicht alleine mit Evan lassen wollte. Die Beiden schienen Erfahrung mit Strassenkindern zu haben; Die vorsichtige Art, wie sie redeten und sich bewegten, besorgt darum, ihn nicht zu reizen. Natürlich war das ein Witz und überhaupt nicht notwendig. Evan war sehr sanftmütig. Doch der Grossteil der Strassenkinder war gewalttätig und waren Mitglieder von Schlägerbanden. Evan konnte ihnen das nicht einmal verübeln. Das Leben in den Slums war hart und wer überleben wollte, musste entweder kaltblütig oder gerissen sein. Evan gehörte zu der seltenen zweiten Sorte, doch das konnten diese Menschen ja nicht wissen. Aber wieso sollte er ihnen das mitteilen und so seinen, vielleicht einzigen, Vorteil aufgeben? Es war eindeutig besser, wenn sie ihn für gefährlich hielten.
Die Frau trat vorsichtig wieder näher an sein Bett.
„Wir wollen dir wirklich helfen. Du brauchst keine Angst vor uns zu haben. Mein Mann ist Arzt und deshalb bei der Regierung angestellt, aber wir sind beide Regierungsgegner. Du hast vermutlich in den Slums noch nie von den Rebellen gehört, aber es gibt sie! Leute, die gegen die Regierung sind! Wir haben Ressourcen, dir zu helfen, aber wir müssen wissen, was du weisst“, redete sie hastig auf Evan ein. Sie sprach so schnell, dass sie manche Wörter beinahe verschluckte.
„Weisst du, wie es zu dem Sturz gekommen ist? Wo du vorher gewesen bist?“
Evan wurde den Verdacht nicht los, dass die Frau eine bestimmte Antwort von ihm hören wollte. Sie brannte förmlich darauf. Je länger Evan schwieg, desto nervöser, aber auch sicherer schien sie sich zu werden.
„Du machst das genau richtig! Deine Eltern scheinen dir das wichtigste beigebracht zu haben, bevor sie dich ausgesetzt haben. Schweigen bedeutet Sicherheit. Aber bitte, ich flehe dich an, du kannst mit uns sprechen. Wir wollen nicht, dass dir etwas zustösst.“
Alle Angst wich von Evan und Wut packte ihn. Wie konnte diese Frau es wagen, seine Erzeuger zu loben? Erzeuger. Denn mehr waren sie nicht. Sie hatten ihn in die Welt gesetzt und danach kläglich dem Tod überlassen. Er hatte nur dank der Güte einer alten Frau in den Slums überlebt, die ihn als Baby bei sich aufgenommen hatte. Während die Wut in Evan brodelte, redete die Frau unablässig weiter.
„Bist du vor dem Sturz an einem anderen Ort gewesen?“, fragte sie schliesslich und starrte ihn gebannt an, als könnte sie die Antwort in seinen Augen lesen. Und wer weiss? Vielleicht konnte sie es ja. Die Frage löste einiges in Evan aus. Wusste diese Frau vielleicht tatsächlich mehr darüber, was mit ihm geschehen war?
Doch noch bevor er überdenken konnte, mit ihr zu sprechen, begannen unmittelbar ohrenbetäubende Alarmsirenen loszuheulen. Durch die Glastür zum Korridor konnte Evan rot blinkende Lichter erkennen.
„Verdammt! Wieso so früh?“, hörte er die Frau verzweifelt über die Sirene hinweg ausrufen. Die Ruhe und Gelassenheit von vorhin war weggeblasen und ihre Augen waren weit aufgerissen. Die Panik war unverkennbar.
„Wir waren die Guten, aber du hast deine Chance verpasst, mit uns zu rede!“, schrie sie Evan hysterisch an. „Ich hoffe, du kannst dein eisernes Schweigen durchhalten. Sie sind die Bösen, merk dir das! Glaube ihnen kein Wort!“
Mit diesen letzten Worten rannte die Frau aus dem Zimmer in den Korridor hinaus.
Evan starrte ihr fassungslos nach. Wer war diese Frau? Sagte sie die Wahrheit? Der Alarm hatte definitiv nichts Gutes zu verheissen und er versuchte gar nicht erst, sich zu befreien. Er wusste auch so, dass es zwecklos wäre. Doch wenn diese Frau wirklich „die Gute“ gewesen war, hätte sie ihn dann nicht befreien und mitnehmen können? Oder war dies Teil der Taktik der Regierung und die Frau steckte mit denjenigen, die ihn ohne Zweifel gleich aufsuchen würden, unter einer Decke?
Er wusste es nicht. Doch er behielt in einem Punkt Recht. Schon im nächsten Moment stürmten zwei bewaffnete Wachen in brauner Uniform in sein Zimmer. Sie richteten ohne ein Wort an ihn, die Waffen auf ihn und verharrten in dieser Position. Nun wäre der richtige Moment gewesen, um panisch zu werden. Doch Evan blieb überraschend ruhig.
Einen Augenblick später trat ein weiterer Mann ins Zimmer ein. Er trug einen schwarzen Anzug und hatte ein grimmiges Gesicht aufgesetzt. Der Mann musterte Evan kurz und wandte sich dann an einen Kontrollbildschirm neben der Tür und sogleich verstummte der Alarm, doch in seinen Ohren hörte Evan noch immer ein Klingeln.
Der Anzugträger drehte sich wieder um, trat auf Evans Bett zu und setzte sich überheblich auf die Bettkante. Sichtlich gelangweilt und gelassen musterte er seine Fingernägel.
„Wir wissen hier alle, dass du nicht hierher gehörst, deshalb lasse ich den Small Talk um heraus zu finden, wer du bist. Es interessiert mich nicht. Mich interessiert nur, wie du hergekommen bist.“
Endlich richtete der Mann seinen Blick auf Evan und er schien ihn förmlich mit seinen stechenden, kleinen Knopfaugen zu durchbohren wollen. Evan wusste nicht, wer die Leute vorher gewesen waren und er kannte auch den Namen dieses Mannes nicht, doch er schien ihm eindeutig weniger freundlich gesinnt zu sein, als die Frau vorhin. Doch das spielte nun keine mehr Rolle. Evan hatte nicht vor, sein Schweigen zu brechen, so lange er in diesem verfluchten Krankenhaus an ein Bett gefesselt war.
Adams Geduld war sehr schnell aufgebracht, als Evan beharrlich weiter schwieg. Evans Gesicht hatte bereits drei Mal die Bekanntschaft mit seiner Faust gemacht, doch er war sich Schläge gewohnt. Er konnte gut einstecken. Deshalb liessen ihn die Schlägerbande meistens schnell in Ruhe, da ihnen langweilig wurde.
Doch plötzlich betrat eine junge Frau das Krankenhauszimmer. Sie trug ebenfalls einen schwarzen Hosenanzug, ihre schwarzen Haare waren streng nach hinten gesteckt und ihre harten Gesichtszüge liessen sie herrisch aussehen. In dem Moment, in dem sie den Raum betrat, streckten die Wachen ihre Rücken durch. Adam entging ihre Anwesenheit zunächst und holte mit seiner Faust gerade ein weiteres Mal aus. Doch weiter kam er nicht.
„Adam, genug!“, wies sie ihn mit solcher Strenge zurecht, dass Adam merklich zusammenzuckte. Doch schon im nächsten Augenblick straffte er seine Schultern und hob trotzig das Kinn.
„Ich war zuerst hier, ich habe alles unter Kontrolle, Joanne.“
„Das war aber nicht dein Auftrag. Du hattest klare Anweisung, dich von hier fernzuhalten. Und nun verlässt du diesen Raum!“, wies sie ihn mit eisiger Stimme zurecht.
Evan gefror beinahe das Blut in den Adern. Adams Schläge hatten ihm keine Angst eingejagt. Seit dem Moment, in dem Adam seinen Fuss in den Raum gesetzt hatte, war Evan klar gewesen, was ihn erwarten würde und hatte kein Problem damit gehabt. Doch diese Frau machte ihm Angst. Bei ihr konnte er sich sehr gut vorstellen, dass es ihr Freude bereitete, Kindern die Haut abzuziehen.
Adam zog sich sichtlich widerwillig zum Ausgang zurück.
„Geht nun, ihr alle! Ich spreche alleine mit ihm.“
Die beiden Wachen verliessen unverzüglich den Raum, doch Adam rührte sich nicht von der Stelle. Erst als die Frau sich drohend zu ihm umwandte, trat er zur Tür hinaus.
Die Frau machte Anstalt, ihm zu folgen, doch neben der Tür hielt sie inne und machte sich wie Adam zuvor am Bildschirm zu schaffen. Als sie sich wieder umdrehte und zu Evan zurückkehrte, färbte sich die Glastür schwarz und Evan konnte nicht mehr auf den Korridor hinaussehen.
Evan schluckte schwer.
Vermutlich hatte sie die Tür verdunkelt, damit es keine Zeugen dafür gab, was sie gleich mit ihm anstellen würde. Doch als Evan den Blick wieder der Frau zuwandte, war die Härte aus ihrem Gesicht vollständig verschwunden. Ein Lächeln erhellte ihr Gesicht. Sie löste als Erstes die Fesseln an seinen Füssen, woraufhin er die Beine sofort schützend an seinen Körper zog und die Frau stellte sich am Kopfende neben sein Bett.
Was für ein Spiel trieb diese kranke Frau?
„Entschuldige bitte mein hartes Auftreten vorhin. Ich kann Adam einfach nicht ausstehen, er ist so ein Kotzbrocken“, stiess sie angewidert hervor und schüttelte sich, als wollte sie eine Kakerlake von ihrer Haut abschütteln. „Ich heisse Joanne. Wie du dir wahrscheinlich denken kannst, arbeite ich für die Regierung. Ich weiss, dass du uns misstraust – was ich dir nach Adams Auftritt auch nicht verübeln kann – aber ich möchte dir ein Angebot machen. Deshalb lassen wir doch das nette Geplänkel um deinen Namen und woher du kommst und all das. Wir möchten dir gerne einen Platz in unserem Meliori-Förderprogramm anbieten. Was denkst du darüber?“
Meliori? Förderprogramm? Was hatten diese Worte zu bedeuten? Er verstand kein Wort. Joanne musste die Verwirrung in seinen Augen gelesen haben, denn nach einer kurzen Pause, lachte sie fröhlich vor sich hin und schüttelte leicht den Kopf.
„Diese Rebellen haben dich also notdürftig verarztet und ausgefragt, aber dir nicht einmal erklärt, was mit dir passiert ist? Wirklich gefühllos“, sagte sie sichtlich amüsiert mehr zu sich selbst und seufzte.
„Na, dann will ich es dir versuchen zu erklären“, sagte sie sanft und schaute ihm dabei fest in die Augen. „Einige Menschen, sogenannte Meliori, besitzen spezielle Fähigkeiten. Meliori sind eine eigene Rasse, engverwandt mit dem Homo Sapiens Sapiens, den gemeinhin bekannten Menschen, oder wie wir sie nennen Perditus. Unsere Genetik stimmt beinahe mit der ihren überein, weshalb von blossem Auge kein Unterschied erkennbar ist und Meliori und Perditus auch ohne weiteres Kindern zusammen zeugen können. Ich will dich nun aber nicht mit Geschichtszahlen langweilen, diese wirst du in unserer Akademie lernen, wenn du dich dafür entscheidest. Der wichtigste und so gesehen einzige genetische Unterschied zwischen Meliori und Perditus ist, dass Meliori dazu in der Lage sind, die gesamte Gehirnkapazität gleichzeitig zu nutzen, während Perditus nur immer bestimmte Gehirnareale miteinander nutzen können. Diese Weiterentwicklung unseres Gehirnes ermöglicht uns spezielle Fähigkeiten. Die zwei wichtigsten Fähigkeiten sind das Raum-Zeit-Springen. Genau dies, ist dir heute widerfahren, wie ich gehört habe?“
Während des ganzen Monologes, hatte sie ihn nicht eine Sekunde aus den Augen gelassen, sondern jede Zuckung in seinem Gesicht und jede Weitung seiner Augen registriert. Evan hatte sich grosse Mühe gegeben, ihr zu folgen, doch diese seltsamen Worte verwirrten ihn. Und überhaupt, die ganze Geschichte klang sehr fantasievoll. Aber dennoch... Hatte sie ihm gerade die Wahrheit gesagt, was heute mit ihm passiert war? Auch wenn es noch so ausgedacht klang – wie sonst war er auf diesen sonderbaren Hügel mitten in einem Wald gekommen und wieder zurück? Eine plausiblere Erklärung, als die, die sie ihm soeben gegeben hatte, wollte ihm beim besten Willen nicht einfallen. Ausserdem, dachte er, hatte überhaupt ein Mensch so viel Fantasie um sich dies alles auszudenken? Vermutlich nicht. Also musste zumindest ein Fünkchen Wahrheit dahinterstecken. Doch wieso hatte er noch nie zuvor etwas von Meliori gehört? Auch wenn er in den Slums lebte, wo es keine Schulen gab, so hatte er sich stets bemüht, sich ein gutes Allgemeinwissen anzueignen, so dass er später in der Vorstadt vielleicht eine Schule besuchen könnte und nicht als Fabrikarbeiter enden würde. Wie oft hatte er auf ein, zwei Mahlzeiten verzichtet um sein Essen gegen Bücher zu tauschen? Unzählige Male. Und doch war ihm so eine wichtige Information entgangen?
Während er vor sich hin gegrübelt und versucht hatte, die neuen Informationen einzuordnen, hatte Joanne ihn weiter beobachtet.
„Du fragst dich, weshalb du noch nie etwas von Meliori gehört hast?“, unterbrach sie schliesslich sanft seine Gedanken.
Er weigerte sich noch immer, seinen Mund aufzumachen, doch ein unmerkliches Nicken konnte bestimmt nicht schaden.
„Nun, wie gesagt, ich will dich nicht mit langweiligen Fakten aus Geschichtsbüchern langweilen. Aber nur so viel: Perditus waren seit langer Zeit eifersüchtig auf uns Meliori und wurden nicht gerne daran erinnert, dass wir klüger waren als sie. Deswegen hatten sich Meliori weitestgehend zurückgezogen und blieben unter sich, damit Perditus nicht immer wieder daran erinnert wurden, dass ihr Gehirn verkümmert war. Durch diesen Rückzug aus ihrem täglichen Leben, vergassen die Perditus schliesslich, und glücklicherweise, die Existenz von Meliori. Da die Meliori den Neid der Perditus zu sehr fürchteten, beliessen sie es dabei und so wurden die Meliori zu einer Geheimgesellschaft, weshalb du sehr wahrscheinlich noch nie etwas von uns gehört hast, obwohl du selbst einer bist.“
Für Evan klang die Erklärung einleuchtend. Vielleicht zu einleuchtend. War er zu naiv? Wieso glaubte er ihr so bereitwillig? Plötzlich erinnerte er sich wieder an die andere Frau, Kelly. Sie hatte ihn davor gewarnt, diesen Leuten auch nur ein Wort zu glauben. Und doch hatte sie selbst ihm nicht verraten, was mit ihm passiert war. War auch sie neidisch auf die Fähigkeiten von Meliori gewesen?
„Wie sieht es aus? Möchtest du an unsere Akademie kommen um deine Meliori-Fähigkeiten kennen zu lernen und zu trainieren?“, fragte Joanne noch einmal mit einem strahlenden Lächeln.
Evan war durchaus fasziniert von dem verlockenden Angebot, aber er war noch immer misstrauisch. Wieso sollte die Regierung ihn an eine besondere Schule lassen? Sein ganzes bisheriges Leben musste er wie eine Ratte in den Slums hausen und niemand hatte sich einen Dreck um ihn geschert. War es vielleicht doch eine Falle? Wollten sie…?
„Kein Geld“, stiess Evan durch seine trockenen Lippen hervor.
Joanne schüttelte amüsiert den Kopf und schenkte ihm ein Glas Wasser ein, das sie ihm reichte. Vorsichtig nippte er daran. Doch das Wasser war so köstlich, rein und kalt, dass er es in der nächsten Sekunde komplett geleert hatte. Joanne schenkte ihm nach und ermahnte ihn lachend, langsamer zu trinken.
„Wir verlangen kein Geld dafür. Die Zahl der Meliori ist in den letzten hundert Jahren rapide zurückgegangen, weil immer weniger Meliori ihre Fähigkeiten trainierten und sie schliesslich verloren. Der Regierung liegt sehr viel daran, die Fähigkeiten der Meliori zu erhalten, damit unsere Rasse im kommenden Jahrhundert nicht komplett ausstirbt. Deswegen ist diese Akademie für alle kostenlos. Auch sonst werdet ihr von der Regierung alles zur Verfügung gestellt bekommen. Kleider, Essen, ... Bücher?“, fügte sie mit einem Zwinkern hinzu. „Alles was ihr möchtet, bekommt ihr. Wir wollen, dass ihr euch wohl fühlt, damit ihr besser und mehr lernt. Der Regierung liegt das Wohl der Meliori sehr am Herzen.
Wie wäre es, wenn du dir das alles einmal ansiehst, und wenn es dir nicht gefällt, bringen wir dich zurück. Auch wenn es mich sehr schmerzen würde, dich wieder in den Slums hungern zu sehen, wenn du von uns alles bekommst, was du dir wünschst. Was sagst du dazu?“
Joanne lächelte ihn offen an und er konnte keine Unaufrichtigkeit in ihren Worten erkennen. Wie konnte er ein so verlockendes Angebot ausschlagen? Auch wenn er noch Stunden lang alle Informationen analysieren würde, er wüsste nicht, was wahr war und was nicht. Deshalb fasste er einen Entschluss.
Mit einer geschmeidigen Bewegung schwang er die Füsse vom Bett und stand auf.
„Na gut“, war alles, was er herausbrachte.
Joanne schien ehrlich glücklich über seine Entscheidung zu sein und streckte ihm die Hand entgegen.
„Das freut mich sehr, ...?“
„Evan“, und reichte ihr seine Hand.
Die Fensterscheibe vor ihm beschlug sich, als Evan frustriert den angehaltenen Atem ausstiess. Er wusste nicht, was er davon halten sollte. Er, ein Strassenkind aus den Slums, in einer luxuriösen Wohnung in Mitten der Stadt als Gast der Regierung? Dieser Gedanke hatte einen bitteren Beigeschmack. Die Regierung war nicht sein Freund; Die Regierung war niemandes Freund. Dies war ihm bereits als kleines Kind eingeprügelt worden und nach diesem Mantra lebte er schon sein ganzes Leben. Und doch hatte er sich auf einen Handel mit einer Regierungsangestellten eingelassen und war, mehr oder weniger, bereitwillig mit ihr gegangen. Wahrscheinlich hatte er sich doch eine Gehirnerschütterung bei seinem Sturz zugezogen und war deshalb noch zu benommen gewesen, um sich herauszureden.
Dieser verdammte Sturz! Mehr und mehr waren seine Erinnerungen im Krankenhaus zurückgekehrt und er hatte sich daran erinnert. Wütend ballte Evan seine Hände zu Fäusten. Am liebsten hätte er wie ein kleines Kind gegen das Fenster geschlagen und seiner Wut freien Lauf gelassen. Doch er beherrschte sich. Er war alt genug, um die Situation erwachsener anzugehen. Glaubte er zumindest.
Evan hatte allen Grund an sich selbst zu zweifeln. Sein eigener Körper hatte ihn schliesslich in diesen Schlamassel gebracht. Plötzlich hatte er keine Kontrolle mehr über ihn gehabt und er war von ihm an einen sonderbaren Ort geworfen worden. Wie das überhaupt funktionierte, verstand er noch immer nicht. Die Regierungsangestellte hatte sich die grösste Mühe gegeben, es ihm stundenlang zu erklären. Doch es wollte einfach nicht in seinen Kopf gehen. Dafür klang alles zu phantastisch.
Meliori. Menschen, die weiterentwickelt waren als andere Menschen. Die in der Lage waren, jede Zelle ihres Gehirnes bewusst zu nutzen und zu steuern. Die dadurch fähig waren, in der Zeit zu reisen! Konnte das tatsächlich möglich sein? Evan war sich nicht sicher. Und doch... Wie anders konnte man erklären, was ihm widerfahren war?
Gerade eben noch war er eine Strasse in seinem Quartier entlang gerannt, um vor Carlos und seiner Schlägerbande zu fliehen, und im nächsten Augenblick verschwammen die grauen, von der Zeit gezeichneten Häuser und von Abfall überhäufte Strasse vor seinen Augen. Sein Brustkorb schien sich zu einem winzigen Punkt zusammen zu ziehen. Er hatte keine Luft mehr bekommen und bereits gedacht, Carlos hätte eine seiner wertvollen Patronen an ihn verschwendet. Doch eine Sekunde später hatte sich sein Blick wieder geklärt und Sauerstoff seine Lungen gefüllt. Und nicht irgendein Sauerstoff. Die reinste Luft, die er je eingeatmet hatte. Kein einziges Staubkorn, keine in der Lunge brennende Partikel aus Fabriken. Reine Luft.
Das Nächste, was er wahrgenommen hatte, war das viele Grün um ihn herum. Das saftige Grün der Wiese, auf der er gestanden hatte und das dunklere Grün der Bäume rund um den Hügel, auf dem er sich wiedergefunden hatte.
Er war so überrascht gewesen, dass er für einige Sekunden vergessen hatte, dass er sich eigentlich auf der Flucht befunden hatte. Der Ausblick, dem sich ihm geboten hatte, hatte ihn vollkommen verzaubert. Noch jetzt – Stunden später – konnte er sich an alle Einzelheiten erinnern, wenn er die Augen schloss. Wie das grelle Sonnenlicht ihn geblendet und den Wald in ein glühendes orangefarbenes Licht getaucht hatte. Die weissen Wiesenblumen zu seinen Füssen. Der Duft nach... Nach Holz und frischer Erde. Natur! Etwas, was er vorher so nicht gekannt hatte. Doch nach und nach hatte er auch einen beissenden Geruch wahrgenommen und als er gegen die grelle, aufgehende Sonne angeblinzelt hatte, hatte er eine Lichtung mit Häusern unter ihm im Wald erkannt. Und diese Häuser waren nicht vom Sonnenlicht umschmeichelt worden, sondern sie standen in Flammen. Zu guter Letzt hatte er endlich die Menschen gesehen! Menschen, die panisch aus den Häusern gerannt und verzweifelt schrien hatten.
Evan liess seine Stirn gegen das kühle Glas des Fensters sinken, um mit seinen Gedanken in die Gegenwart zurückzukehren. Er wollte nicht mehr daran denken; An die armen Menschen von dieser geheimnisvollen Lichtung.
Evan hatte ihnen helfen wollen. Er hasste es, Menschen leiden zu sehen. Doch so sehr er auch versucht hatte zur Lichtung zu rennen, hatte er sich keinen Millimeter bewegt. Er war wie festgefroren gewesen. Als hätte ihn eine unsichtbare Macht an Ort und Stelle gehalten. Und dann hatte er auch noch die Schüsse gehört. Schüsse, die aus dem Wald gekommen waren und er musste zusehen, wie ein Mensch nach dem anderen auf der Lichtung zu Boden gegangen war. Es war ein furchtbarer Anblick gewesen. Doch die Schüsse hatten ihn endlich aus seiner Trance gerissen und er erinnerte sich mit einem Schlag wieder an seine eigenen Verfolger. Panisch hatte er um sich geblickt und war sich sicher gewesen, Carlos‘ hünenhafte Umrisse hinter sich ausmachen zu können. Doch stattdessen hatte er ein rothaariges Mädchen erblickt. Ein Mädchen, das auf ihn zu gerannt kam.
Sie hatte an seinem Arm gezogen und ihm immer wieder zwei Worte zu gerufen, die er jedoch nicht verstehen konnte. Er hatte gespürt, wie Panik von ihm Besitz ergriffen hatte und im nächsten Augenblick hatte sich der Boden unter ihm in Luft aufgelöst. Das beruhigende Grün und grelle Orange waren verschwunden und durch das altbekannte Grau und Weiss ersetzt worden. Nur eine Sekunde später hatte er einen heftigen Schlag auf den Hinterkopf gespürt und alles war Schwarz um ihn herum geworden. Der Sturz!
Er erinnerte sich nicht, umgefallen zu sein. Weder in den Slums, was die folgende Halluzination einer Lichtung im Wald ausgelöst haben könnte, noch auf dieser sonderbaren Wiese, von der er nicht wusste, wie er dahin gekommen war. Doch irgendwo musste er offensichtlich gestürzt sein, denn die riesige Beule an seinem Hinterkopf war sehr real. Er spürte noch Stunden später das Pochen, das von der Beule ausstrahlte.
Evan löste seine Stirn von der Fensterscheibe, dessen Kälte ihn eigentlich in die Realität hätte zurückholen sollen. Doch seine Gedanken drehten sich unaufhörlich um das Erlebte des vergangenen Tages und die vielen Fragen, die dieser Tag aufgeworfen hatte. Es gelang ihm einfach nicht, sich abzulenken. Eine Zeit lang hatte ihn das turbulente Treiben der Stadt, dass er aus seinem neuen Zimmer aus beobachten konnte, abgelenkt. Es gab so vieles zu entdecken, das er bisher nicht gekannt hatte.
„Hast du endlich genug davon, die Stadt nur durch dein Fenster zu sehen und traust dich hinaus?“
Evan wirbelte herum und presste sich mit dem Rücken an die Fensterscheibe. In der Tür auf der gegenüberliegenden Seite des Zimmers stand ein breit grinsender, blonder Junge mit verschränkten Armen. Evan war so in seine Gedanken versunken gewesen, dass er nicht einmal bemerkt hatte, wie sich die Tür öffnete und eine Person eingetreten war. Wie konnte ihm das nur passieren? In den Slums war er stets wachsam gewesen und nicht einmal im Schlaf konnte ihn etwas erschrecken. Er musste wieder vorsichtiger werden, ermahnte er sich selbst.
Während Evan heftig atmend ans Fenster gedrückt dastand, löste der Junge seine Arme voneinander und schlenderte lässig auf ihn zu. Evans Muskeln waren so angespannt, dass sie schmerzten, doch er wagte es nicht, sich zu bewegen und liess den Jungen keine Sekunden aus den Augen.
Der Junge trat keinesfalls bedrohlich auf, doch stufte Evan ihn trotzdem als potentielle Gefahr ein. Er war gross und verborg unter seinem dünnen, schwarzen Pullover stahlharte Muskeln, die sich bei jeder seiner Bewegungen abzeichneten. Würde es zu einem Kampf kommen, zöge Evan definitiv den Kürzeren.
Doch so stählern der Rest seines Körpers wirkte, so unschuldig war sein Gesicht. Es war noch etwas rundlich, seine Haut war definitiv noch nicht durch die Pubertät gegangen und viel zu rein, auch wenn sein Körper etwas anderes verriet. Evan wusste nicht, wie alt genau der Junge war, doch musste er jünger als er selbst sein. Sein blondes Haar stand ihm wirr vom Kopf und seine grünen Augen funkelten ihn belustigt an.
Evan musste gestehen, dass der jüngere Junge um einiges besser aussah als er selbst. Er schien förmlich zu leuchten und das Zimmer durch seine Anwesenheit zu erhellen! Doch vermutlich war dies eine optische Täuschung. Kein Mensch leuchtete. Seine Augen mussten ihm einen Streich gespielt haben, weil er den Jungen so sehr fokussierte mit seinem Blick. Der Junge musterte Evan ebenfalls neugierig, jedoch deutlich entspannter, und starrte ihn keineswegs so unverfroren an wie Evan ihn.
Langsam näherte der Junge sich ihm und liess Evan Zeit, sich von seinem Schock zu erholen.
„Ich muss zugeben, du hast einen netten Ausblick von deinem Zimmer aus. Aber man kann nur schwer erkennen, was unten auf der Strasse so vor sich geht, findest du nicht auch?“, fragte der Junge mit einem Anflug von Enttäuschung in der Stimme. „Möchtest du das Ganze nicht hautnah erleben?“
Hatte der Junge vorhin noch verträumt aus dem Fenster geschaut, wandte er sich nun weder Evan zu und der Schalk blitzte in seinen moosgrünen Augen auf. Evan kämpfte gegen seinen inneren Reflex an, vor diesem Jungen zurückzuweichen. Er durfte nicht noch mehr Schwäche zeigen, als er ohnehin schon tat, sonst gab er das letzte Bisschen Vorteil auf, sollte es doch noch zu einem Kampf kommen. Auch wenn der Junge bisher keinesfalls kampflustig wirkte, konnte Evan sich keinen Reim auf dessen komisches Verhalten machen und wollte lieber vorbereitet sein.
Wer war dieser Junge überhaupt? Platzte einfach in sein Zimmer und plauderte mit ihm, als wären sie alte Bekannte! Evan starrte ihn aus zusammengekniffenen Augen an. Er hatte nicht vor, auch nur ein Wort mit ihm zu wechseln. Er hatte sich gegenüber Joanne im Laufe des Tages ein wenig geöffnet und konnte nichts Schlimmes daran feststellen, sich mit ihr zu unterhalten. Doch diesem blonden Schönling vertraute er nicht.
Der Junge stöhnte genervt auf und rollte mit den Augen.
„Oh man, du bist auch so einer. Genau wie meine Schwester! Und ich dachte, ich könnte etwas Spass mit dir haben...“, brummte der Junge enttäuscht und liess übertrieben theatralisch die Schultern hängen während er sich umdrehte und zurück zur Tür schlurfte.
Evan atmete erleichtert auf, dass er den Jungen scheinbar ohne grösseren Ärger losgeworden war, als ihm unmittelbar der Atem stockte. War das sonderbare Leuchten um den Jungen nicht gerade eine Nuance heller geworden?
„Nichts sagen, nichts fragen“, äffte der Junge in einer hohen Mädchenstimme seine innersten Gedanken nach.
Stünde Evan nicht bereits mit dem Rücken ans Fenster gepresst, hätte er vor Schreck bestimmt noch einen Satz weiter zurück gemacht. Woher kannte dieser Junge sein innerstes Mantra? Er kannte ihn doch nicht einmal!
„So macht das Leben doch keinen Spass, Evan...“, murmelte er traurig während er vor der Tür Halt machte und ihm einen letzten Blick zu warf.
Was stimmte mit diesem Typen nicht? Woher kannte er seinen Namen, aber Evan wiederum hatte keine Ahnung, wer der Junge war? Vorhin war Evan noch erschrocken und ängstlich gewesen, doch nun durchzuckte ihn eine erste Welle Wut. Was bildete dieses Kind sich eigentlich ein? Evan wollte wissen, was für ein Spiel gespielt wurde und wer er war. Die Tür öffnete sich gerade mit einem leisen Surren und der Junge trat in den Flur hinaus, als Evans Neugier die Oberhand über die Vorsicht gewann.
„Wer bist du?“, stiess er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
Doch weil sich die Schiebetüre bereits wieder zur Hälfte geschlossen hatte, als er die Frage ausstiess, war er sich nicht sicher, ob der Junge ihn noch gehört hatte.
Bedächtig wog Evan ab, ob er die Sache auf sich beruhen lassen, oder dem Typen folgen sollte, als sich die Tür bereits wieder öffnete und das grinsende Gesicht des Jungen vor ihm im Durchgang auftauchte.
„Klasse, das ging ja schneller als ich dachte!“
Mit einem schelmischen Augenzwinkern schlenderte er wieder in den Raum, durchquerte ihn und setzte sich gemütlich in einen der Sessel. Er machte es sich sichtlich bequem und schien sich pudelwohl zu fühlen. Ganz im Gegensatz zu Evan. Er wusste nicht, was er davon halten sollte, dass dieser Junge sich in seinem privaten Zimmer so heimisch zu fühlen schien. Oder... Fühlte sich der Junge heimisch, weil dies gar sein zu Hause war? Wohnte er hier? Joanne hatte nicht erwähnt, wem diese Wohnung gehörte. Er hatte einfach angenommen, sie gehöre der Regierung. Doch vielleicht hat er dieses Urteil voreilig gefällt. Möglicherweise wurde er in der Wohnung einer Familie einquartiert. Plötzlich fühlte er sich in seinem eigenen Zimmer, in dem er sich eigentlich sehr wohl gefühlt hatte, nur noch wie ein Gast. Noch immer angespannt stand er vor dem Fenster. Nur wenige Schritte trennten ihn noch von dem Jungen, der da zufrieden in dem Sessel sass. Er schien auf etwas zu warten. Doch auf was? Sollte er sich ebenfalls setzen?
Zögernd steuerte Evan auf den Sessel zu, der am weitesten von dem Blonden entfernt war und brachte so wieder etwas Distanz zwischen sich und ihn. Steif setzte er sich auf die Kante des Sessels. Der Junge wirkte sichtlich zufrieden. Würde er ihm nun endlich antworten?
„Kayden.“
Das war alles. Ein Wort, danach schwieg er ebenfalls wieder und beobachtete Evan interessiert. Evan wartete und hoffte, dass der Junge noch weiter ausführte, wer er war und was er hier machte und wieso er seinen Namen kannte. Doch es kam nichts weiter. Frustration bahnte sich seinen Weg nach oben, doch Evan gab sich die grösste Mühe, nicht die kleinste Regung in seinem Gesicht erkennen zu lassen.
Dennoch lachte der Junge amüsiert auf. Hatte der Typ einen Clown gefrühstückt oder war er bloss irre? Was war so komisch? Niemand hatte etwas gesagt und Evan war sich sicher, sein Gesicht nicht verzogen zu haben.
Schliesslich seufzte Evan resigniert. Er hatte verstanden, dass es an ihm lag, Fragen zu stellen, wollte er mehr erfahren. Kayden beantwortete seine unausgesprochenen Fragen nicht wie Joanne, obwohl er die Fragen ganz genau zu kennen schien. Na gut. Was konnte es schon schaden, mehr über diesen Kayden herauszufinden? So lange sie über den Jungen sprachen und nicht über Evan, wäre alles in Ordnung.
„Woher kennst du meinen Namen?“
Evan sah Kayden an, dass er die Situation mehr genoss, als es angebracht gewesen wäre. Sichtlich ironisch applaudierte er grinsend.
„Ich habe so meine Quellen“, war dann jedoch die knappe Antwort.
War dieser Typ zu fassen? Er machte sich über Evan lustig, weil er nicht gerne redete und gab dann selbst keine richtigen Antworten? Er hielt sich wohl für was Besseres. Evan hatte schon immer etwas gegen die Überheblichkeit anderer Leute. Alle Menschen waren gleich. Oder dachte er bisher zumindest immer.
Doch... war der Junge wirklich arrogant? Er machte sich einen Spass daraus, dass Evan sich nicht gerne unterhielt. Aber in seinen Augen, die ihn neugierig musterten, las er nicht dieselbe Arroganz wie in den Augen der anderen Urbanis – den Städtern – die er bisher in dieser Wohnung getroffen hatte. Diese hatten ihn mit sichtbarem Ekel von oben herab gemustert. So, als wäre er es nicht Wert, in der Stadt zu sein. In Kaydens Blick konnte er nichts von diesem Ekel erkennen. Nur den Schalk eines Jungen, jemanden zu ärgern, und unverhohlenes Interesse. War er vielleicht auch ein Ingratis? Ein Strassenkind aus den Slums? Wahrscheinlich nicht. Kayden war muskulös und gesund. Es war unwahrscheinlich, dass er auch nur einen Abend hungrig schlafen gehen musste in seinem bisherigen Leben. Sein Haar war weich und glänzend und nicht stumpf und fettig wie Evans eigene Haare. Kaydens Haut wies auch eine gesunde Bräunung von der Sonne auf, nicht so wie Evans fahle, weisse und vernarbte Haut das vom Leben auf der Strasse zeugte. Ein Ingratis konnte dieser Junge unmöglich sein.
Dann blieb nur noch eine Möglichkeit offen. Sehr wahrscheinlich war er ein Operaris aus der Vorstadt, der nicht von seinen Eltern verstossen worden war. Doch zu hundert Prozent sicher konnte sich Evan erst sein, wenn er fragte. Evan seufzte.
„Woher kommst du? Lebst du hier?“
„Ich bin erst seit etwa einer Woche hier. Ich wurde hierher gebracht, genau wie du.“
„Also bist du auch ein Strassenkind?“
„Das habe ich nicht gesagt“, erwiderte Kayden mit einem Schmunzeln.
„Aus einer Vorstadt?“, fragte Evan missmutig und Kayden schüttelte lächelnd den Kopf.
So langsam aber sicher, hatte Evan keine Lust mehr, mit dem Jungen zu reden. Genervt stand er wieder vom Sessel auf und stellte sich vor das Fenster. Sollte sich der Junge doch sonst wohin verziehen. Offensichtlich log er ihn an. Er behauptete weder aus der Stadt, noch aus der Vorstadt oder den Slums zu kommen. Das war ein Widerspruch in sich.
Auch wenn Evan nie eine Schule besucht hatte und man in den Slums nicht sehr viel vom Rest der Welt mitbekam, verfügte er dennoch über ein passables Allgemeinwissen; Seit einem fürchterlichen Krieg vor einigen Jahren, als Milliarden von Menschen starben, gab es nur noch fünf bewohnbare Gebiete auf der Erde, da die restlichen Teile der Erdoberfläche durch chemische Waffen verseucht und grosse Teile der ursprünglichen Erdoberfläche überschwemmt worden waren. Diese fünf Regionen waren alle gleich aufgebaut; Im Innern befand sich wie ein Kern die Stadt, in einem Kreis um die Stadt befand sich die Vorstadt mit allen Arbeitern und der äusserste Ring bildeten die weitläufigen Slums, in denen die Kinder wie aufsässige Hunde ausgesetzt wurden. Denn so nannte man sie auch. Strassenhunde, Ingratis, der letzte Abschaum der Gesellschaft, der erst zu etwas zu gebrauchen war, wenn sie alt genug wurden, um die altersschwachen Arbeiter in den Fabriken in der Vorstadt zu ersetzen.
Es war Tradition, dass Familien aus den Vorstädten ihren Nachwuchs bereits im Kleinkindalter in den Slums ausgesetzten. Und wenn diese Kinder dann zu Erwachsenen reiften, in die Vorstadt kam um zu Arbeiten und selbst Nachwuchs bekamen, taten sie ihnen wieder das Gleiche an, was sie erleben mussten in den Slums und setzten ihn da aus. An den Ursprung dieser mehr als fragwürdigen Tradition konnte sich niemand mehr erinnern, doch weil es Tradition war, wurde es immer weitergeführt. Niemand hinterfragte diese Praxis. Manche, wenige Operaris in den Vorstädten, lehnten sich dagegen auf und behielten ihre Kinder bei sich und die Städter, die Urbanis, behielten ihre Kinder auch meistens behütet in ihrer Obhut und in Luxus getränkt. Sie konnten es sich ja auch leisten.
Weshalb also wollte Kayden ihn verhöhnen und weismachen, er käme aus keiner der drei Zonen? War dies vielleicht ein Intelligenztest um herauszufinden und abzuschätzen, wie viel Evan verstehen würde? Natürlich könnte er Kayden einfach danach fragen, doch er hatte keine Lust mehr auf dieses Theater. Sollte er ihn nur für dumm halten. Das war sogar ein Vorteil.
Das leise, melodische Lachen von Kayden unterbrach Evans Gedanken und schon in der nächsten Sekunde stand Kayden unmittelbar neben ihm am Fenster und schaute ebenfalls hinaus. Evan ballte die Hände zu Fäusten um sich davon abzuhalten, vor dem Jungen zurückzuweichen und Schwäche zu zeigen.
„Woher komme ich, wenn ich weder aus der Stadt, noch der Vorstadt oder aus den Slums komme?“, fragte Kayden leise mit verschwörerischer Stimme. „So schwer ist das nicht.“
„Ist das irgend so ein blödes Rätsel?“
Kayden lachte laut auf, auch wenn Evan nicht verstand, was so lustig daran war. Komischer Vogel.
„Was denn für ein Rätsel?“, wollte Kayden wissen, als er sich wieder beruhigt hatte.
„Ein Rätsel eben! Zum Beispiel: Was will jeder werden, aber keiner sein?“
Der Schmerz, der bei der Erinnerung an dieses Rätsel aufkam, durchzuckte ihn wie ein Blitz und verschwand zum Glück genauso schnell wieder.
„Ach was, die Antwort auf meine Frage ist viel einfacher“, meinte Kayden glucksend. „Du hast ganz einfach einen weiteren möglichen Ort bei deiner Aufzählung ausgelassen.“
„Nein, habe ich nicht“, schnaubte Evan. Dieser Typ raubte ihm den letzten Nerv. „Du wirst wohl kaum aus dem Nichts hier aufgetaucht sein und vorher nicht existiert haben.“
Evan hasste es, sich dumm zu fühlen. Und Kayden vermittelte ihm genau dieses Gefühl. Er hatte sich immer extrem viel Mühe gegeben, ein akzeptables Grundwissen anzueignen, damit er später in der Vorstadt eine Schule besuchen konnte. Jedes Buch, das er finden konnte, verschlang er. Oft musste er die Bücher auch stehlen und als er einmal von einem alten Mann dabei erwischt worden war, hatte er bereits mit dem Schlimmsten gerechnet, aber tatsächlich stellte es sich als wahrer Glücksfall heraus, dass er erwischt wurde. Dieser Mann, Finnegan, war kein bisschen wütend gewesen. Im Gegenteil. Es stellte sich heraus, dass Finnegan früher einmal Lehrer gewesen war und er bot Evan an, ihn alles zu lehren, was er wusste. Zunächst hielt es Evan für eine Falle. Was machte ein Lehrer in den Slums und nicht in der Vorstadt? Der Grund dafür hatte Evan leider nie erfahren. Es war das einzige Thema, über das Finnegan stets beharrlich geschwiegen hatte. Doch Dank Finnegan hatte Evan ein sehr gutes Allgemeinwissen. Er war es auch gewesen, der ihm dieses Rätsel aufgegeben hatte. Es war das erste von einer ganzen Reihe von Rätsel, die sein logisches Denken verbessern sollten und er hatte mehrere Tage für dessen Lösung gebraucht. Und nun kam dieser blonde Sprössling daher, und stellte sein ganzes Selbstbewusstsein auf den Kopf.
Kayden schien inzwischen gemerkt zu haben, dass er mit seinen Sticheleien zu weit gegangen war. Mit hochgezogenen Augenbrauen musterte er Evan nachdenklich von der Seite.
„Du weisst es wirklich nicht... Du weisst nicht, was Zeitspringersiedlungen sind, oder?“, fragte er eindringlich mit gedämpfter Stimme.
Zeitspringersiedlungen? Wollte Kayden ihn ein weiteres Mal auf den Arm nehmen? Er hatte noch nie von diesem Wort gehört. Es stand weder in Büchern, noch hatte es Finnegan je erwähnt. Jedoch... Finnegan hatte ihm auch nie etwas von Meliori erzählt. Vermutlich war Finnegan doch nicht so allwissend gewesen, wie Evan immer gedacht hatte.
Evan musterte Kaydens angespannte, nachdenkliche Gesicht im Spiegelbild des Fensters. Der Spass schien ihm vergangen zu sein. Mehrere Augenblicke verstrichen, in denen beide schwiegen. Sie starrten nur aus dem Fenster in die Nacht hinaus. Evan war erleichtert, dass Kaydens heiterer Gesichtsausdruck verschwunden war. So viel Heiterkeit kam ihm falsch vor. Doch während er genau dies dachte, kehrte schlagartig Kaydens breites Grinsen zurück.
Kayden wurde Evan von Minute zu Minute unheimlicher.
„Ich wette, du hast die Stadt bisher nur durch dein Fenster gesehen. Willst du nicht mal nach draussen?“
Evan entging der abrupte Themenwechsel nicht, doch er sah keinen Sinn darin, weiter auf dem anderen Thema herumzureiten.
„Darf ich das überhaupt?“, fragte Evan müde. Er war sich nicht sicher, ob er mit diesem sonderbaren Jungen irgendwo hingehen wollte, geschweige denn sollte. Sein Zimmer war sehr gemütlich.
