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Helmut Krausser

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Beschreibung

Mit ›Melodien‹ schrieb sich Helmut Krausser Anfang der Neunziger in die vorderste Riege der deutschsprachigen Gegenwartsautoren. Zwanzig Jahre nach dem ersten Erscheinen hat er sich einen seiner wichtigsten Romane noch einmal vorgenommen, bearbeitet und verdichtet. Die Geschichte der Melodien ist die Geschichte eines Mythos über vier Jahrhunderte hinweg. Im Italien der Renaissance arbeitet der Alchimist Castiglio mit seinem Famulus Andrea an der Verwirklichung eines Traums: Durch bestimmte Melodien soll der Mensch im Guten wie im Bösen beeinflusst werden können. Castiglios Ideen sind edel, aber in der Wahl der Mittel ist er skrupellos – und das Böse pflanzt sich fort bis in die Gegenwart.

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Mit ›Melodien‹ schrieb sich Helmut Krausser Anfang der Neunziger in die vorderste Riege der deutschsprachigen Gegenwartsautoren. Zwanzig Jahre nach dem ersten Erscheinen hat er sich einen seiner wichtigsten Romane noch einmal vorgenommen, bearbeitet und verdichtet.

Die Geschichte der Melodien ist die Geschichte eines Mythos über vier Jahrhunderte hinweg. Im Italien der Renaissance arbeitet der Alchemist Castiglio mit seinem Famulus Andrea an der Verwirklichung eines Traums: Durch bestimmte Melodien soll der Mensch im Guten wie im Bösen beeinflusst werden können. Castiglios Ideen sind edel, aber in der Wahl der Mittel ist er skrupellos – und das Böse pflanzt sich fort bis in die Gegenwart.

Helmut Krausser, geboren 1964, lebt in Berlin. Bei DuMont erschienen neben den Gedichtbänden ›Plasma‹ (2007) und ›Verstand und Kürzungen‹ (2014) die Romane ›Eros‹ (2006), ›Die kleinen Gärten des Maestro Puccini‹ (2008), ›Einsamkeit und Sex und Mitleid‹ (2009), ›Die letzten schönen Tage‹ (2011) und ›Nicht ganz schlechte Menschen‹ (2012) sowie die Tagebücher ›Substanz‹ (2010) und ›Deutschlandreisen‹ (2014) und der Kriminalroman ›Aussortiert‹ (DuMont Taschenbuch 2011). Seine Romane ›Der große Bagarozy‹ und ›Fette Welt‹ wurden fürs Kino verfilmt.

Helmut Krausser

MELODIEN

oder

Nachträge zum quecksilbernen Zeitalter

Von Helmut Krausser sind im DuMont Buchverlag außerdem erschienen:

Eros

Plasma

Die kleinen Gärten des Maestro Puccini

Einsamkeit und Sex und Mitleid

Substanz

Die letzten schönen Tage

Aussortiert

Nicht ganz schlechte Menschen

Deutschlandreisen

Verstand und Kürzungen

Neufassung

eBook 2014

© 2014 DuMont Buchverlag, Köln

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Lübbeke Naumann Thoben, Köln

Umschlagabbildungen: © AKG-Images, Berlin; © daboost – Fotolia.com

Satz: Angelika Kudella, Köln

eBook-Konvertierung: CPI books GmbH, Leck

ISBN eBook: 978-3-8321-8825-2

www.dumont-buchverlag.de

Mitarbeit: Beatrice Renauer

PROLOG

Ich träumte von einem großen Kastanienpark, in Septemberlicht getaucht, voll wildem Gras und gekiesten Pfaden. Dort sah ich, zwischen zwei hohen alten Bäumen, ein Glashaus, dessen Fenster halbblind und staubig leuchteten. In diesem Haus standen, Stockbetten ähnlich, Särge, acht oder zwölf, ich weiß nicht mehr, aufgereiht in zwei Etagen. Und sonst befand sich nichts darin.

Die Särge waren schwarz und glänzten, trotz des Spinngewebs, das sie überzog. Jeder von ihnen besaß ein braungetöntes Sichtfenster, durch welches man mumifizierte Schädel erkennen konnte, ledrige Masken des Todes. Ich erinnere mich an Frauen mit dünnen Resten Haars und an Männer mit eingesognen Wangen, den Mund wie zum Schrei geöffnet. Die Mischung aus Glas, Laub, Licht und Spinngeweb traf mich warm und schrecklich zugleich. Das Dach des Glashauses war von Kastanienblättern übersät und in der Nähe plätscherte ein Springbrunnen azur bemalter Schale. Es war nicht stiller an diesem Ort als in anderen Teilen des Parks; auch Singvögel waren da, und auf der Wiese spielten Kinder.

Ich ging dreimal um das Glashaus. Keinerlei Inschrift fand ich, weder an der Pforte noch im Gras.

Natürlich fragte ich die Parkwächter.

Aber sie wußten nichts.

Ich fragte auch den Springbrunnen und die Kinder und selbst den alten Kuckuck oben: Aber sie wußten nichts.

Traumerzählung des Patienten 301058, 12.Sitzung, 3/3/

Teil eins

Erstes Buch

PROPOSITIONS

oder

Der Hoffnung nimm drei Unzen voll,

des Glaubens drei und sechs der Liebe.

Der Buße zwei und gut gemischt!

Und stell’s ans Feuer des Gebets.

Drei Stunden soll’s am Feuer stehen,

dazu ein wenig Leid noch, Trübsal,

Zerknirschung, Demut, soviel nötig.

Nicht lange dauert’s– und es wird

die Weisheit Gottes daraus werden…

Lied der Piagnoni, 1469

I

1988, August

Danach traf das Gros der Touristen ein. Ihre Kinder wurden mit klebrigen Orangeaden gestillt. Auch die Melonenhändler machten gute Geschäfte. Seit Wochen hatte es nicht geregnet. Busse manövrierten mühsam durch die Altstadt, quälten sich steile Steigungen hinauf. Jede Straße war mit der Fahne ihres Viertels geschmückt, und Kleinlaster fuhren Tonnen von Sand auf die Piazza del Campo.

Der Palio, Wettkampf der Stadtbezirke, stand kurz bevor; Karten für die Tribünen waren längst ausverkauft. Wer es von den Umwohnenden nötig hatte, bot gegen 200000 Lire Klappstühle auf seinem Balkon an. Der Palio, ein Reiterturnier in historischen Kostümen, interessierte Täubner wenig. Er würde ein paar hübsche Postkarten abfotografieren.

Vor dem Dom errichteten Arbeiter ein Holzpodest und verlegten Scheinwerferkabel. In gut dreizehn Stunden sollte Cecilia G. einen Liederabend geben. Hauptsächlich deshalb war Täubner nach Siena gekommen.

Der Mittag erreichte die Stadt. Rolläden rasselten. Vor dem Fischgeschäft lud ein Junge noch Eisblöcke ab, wurde beschimpft, weil er sich verspätet hatte. Der Parkplatzwächter beendete sein Kreuzworträtsel. Appetitliche Gerüche füllten die Straßen, diese engen, schiefen, alten Straßen, deren Kopfsteinpflaster so abgelaufen glatt war, daß es der großen Zehe des Michelangelomoses in Rom glich– flachgeküßt von jährlich Hunderttausenden.

Täubner saß auf der Terrasse des Café Manora und schrieb den wöchentlichen Brief an seine Geliebte. Gegen Ende der zwölften Seite beschlich ihn das Gefühl, die Zeilen könnten larmoyant wirken. Er gab sich Mühe, eine Schlußpointe zu finden.

Täubner bewegte sich sehr wenig, und wenn doch, dann mit akzentuierter Gemächlichkeit, die an Zeitlupe grenzte. Er hätte den Mittag nicht zu fürchten gehabt, hätten seine Drüsen nicht stark zum Schwitzen geneigt.

Täubner floh in die Kühle der Kirche San Vincente, nicht weit vom Dom entfernt, Frühbarock und beinahe touristenfrei. Er setzte sich ins Halbdunkel der vordersten Seitenkapelle und starrte ins vieldutzendfache Kerzenfeuer. Manche der Flammen pulsierten Raupen gleich, die ihren Körper Segment für Segment aus dem Kokon winden. Andere wiegten sich in Trance, weigerten sich, stolz, hielten an sich fest, standen kraftvoll und gespannt– bis sie doch zu zittern begannen und ein graublaues Rauchfädchen aus ihnen quoll.

Das kringelte sich, verströmte in Schleierfetzen; die Flamme verlor ihre Seele und zuckte, wurde klein, beruhigte und sammelte sich wieder.

Das Feuer besaß unendlich viele Seelen.

Täubner lehnte sich auf der Bank zurück. Die Theorie seines Frisörs, einst würde alle Materie in Licht verwandelt, schien ihm mit einem Mal recht einleuchtend. Normalerweise war er Todeskämpfern abgeneigt, die Jenseitshoffnungen auf den Energieerhaltungssatz gründen.

Im Feuer entstanden vergessene Bilder, Bilder seiner Geliebten als junges Mädchen… Täubner sah sich spöttisch in der Kirche um.

Steingewordener Trotz. Kino der Endlichkeitsverweigerung. Der Brief konnte nicht gut sein– er hatte ihm Mühe bereitet. Während Täubner ihn zerriß, verwandelten sich die Bilder, wurden starr und kalt, voll widerwärtiger Personen. Täubner konstatierte, wie leicht er sich an diese gewöhnt hatte.

Er war ein milder, dickhäutiger Mensch geworden, der es kaum mehr nötig fand, für irgend etwas Ernst aufzubringen. Anstelle des Fluchens und Würgens war ein Achselzucken getreten, jede Feindschaft war längst durch Arrangements verwässert; als würde man Gegnern nach dem Spiel im Kabinengang auf die Schulter klopfen und wünschen, sie möchten auch morgen eine Mannschaft zusammenbringen, sonst kann es kein Spiel geben, keine Niederlage, keinen Sieg. Täubner dachte darüber nach, wie zuvorkommend das Hirn gebaut ist, wie es sich mit ein wenig Suggestivkraft viele Siege gönnen kann und kaum eine Schlappe für entscheidend halten muß.

Er hatte den Brief inzwischen in vierundsechzig Schnipsel zerfetzt, die er zu Boden fallen ließ.

II

1497

Castiglio schlang sich einen beinah enthaarten Fuchspelz um die Ohren und versuchte, den Schläfenschmerz mit immer neuem Falerner zu dämpfen. In den zu sauer ausgefallenen Wein war Honig gemischt.

Staub auf dem Pult, darin Figuren: ein Kreis, ein Quadrat. Darüber hingen in Eintracht die Spinnen Silvana und Julia, vielbeinige Schönheiten; Castiglio wußte nicht, ob es Weibchen waren.

Draußen wehte erregtes Geschrei durch die Gassen, von gespenstischer Hysterie: Florenz feierte das Karnevalsfinale; alles rannte, um Rausch und Taumel zu finden, den Kitzel, das Lallen, die Enthobenheit– auf die eine oder andere Art…

Castiglio hatte seine Stube seit einer Woche nicht verlassen. Selbst der Gang zur Latrine war ihm überflüssig erschienen; er hatte die Blechschüssel aus dem Fenster gehalten, seine Notdurft in den Arno geschüttet. Am Geruch, den die Schüssel verströmte, störte er sich wenig, von der Straße stank es herber. Die zum Zweck des Müllverzehrs gezüchteten, Sant’Antonio, ihrem Schutzheiligen, geweihten Schweine waren hier letztmalig vor drei Wochen vorübergezogen. Florenz besaß inzwischen vierzehn freilaufende Müllschweine, deren offiziell behördlicher Auftrag es war, das Pflaster sauberzufressen, doch die falsche Seite des Flusses besuchten die verzogenen Tiere selten. Verständlich; hier gab es keine Leckerbissen, Abfall war echt und verbraucht, die Menschen ließen nur Allerletztes übrig. Noch war Februar. Noch kam die Hitze nicht, noch begann der Florentiner Kessel nicht zu glühen. Ernste Sorgen bereitete Castiglio der pochende Eiterherd über dem Eckzahn, den er jede halbe Stunde mit gemahlenem Ingwer betupfte.

Castiglios Schrift wurde zittrig. Müdigkeit hatte die Hände, noch nicht aber den Kopf erreicht. Nur langsam fraß sie sich an ihm empor. Unwillig verschob er die Abschrift der Clavicula Salomonis und begann, mit seinen Hausspinnen zu plaudern. Silvana hörte andächtig zu, Julia verkroch sich hinter einen Balken. Er hatte ihnen erlaubt, bei ihm zu überwintern; zum Entgelt sollten sie große Netze bauen von ergreifender Architektur, Wohlgestalt und Ordnung– Analogien des Makrokosmos, Abbilder der Gestirne und Kristallsphären.

Doch Julia war faul und Silvana verrückt. Silvanas Netzen fehlte jede statische Harmonie, sie waren auf der einen Seite zu eng, auf der andern zu weit und fielen oft in sich zusammen, halt- und kraftlos. Möglicherweise stand ein kosmischer Brand bevor– der so oft prophezeite wie verschobene Untergang–, und Silvana, die mantische Spinne, ahnte ihn voraus. Auf dem Pult, gezeichnet von Flecken geschmolzener Kerzen, lag ein dreiseitiges, handgeschriebenes Pamphlet, signiert von Gabriele da Salò, einem Bologneser Arzt und Sterndeuter. Man munkelte, er opfere der Sonne als Quell allen Lebens und höchstem Wesen. Das Pamphlet enthielt unglaubliche Behauptungen: Christus sei nicht Sohn Gottes gewesen, sondern Mensch aus gewöhnlicher Empfängnis. Mit seiner Arglist habe er die Welt ins Verderben gestürzt; zum Tod sei er wegen ganz ordinärer Verbrechen verurteilt worden. Auch werde sich seine Religion in Kürze auflösen. Die ihm zugeschriebenen Wunder seien nicht aus göttlicher Kraft, sondern durch den Einfluß der Himmelskörper geschehen.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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