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Mit spitzer Feder und tollkühner Lust an der Übertreibung macht sich Roland Topor über Memoiren und das inflationäre ›name dropping‹ darin lustig. In dieser fiktiven Autobiographie begegnet das alte Arschloch fast jeder Berühmtheit seiner Zeit – von Édith Piaf und John Cage über Salvador Dalí und Albert Einstein bis zu Al Capone und Albert Camus. Diese megalomane Selbstdarstellung treibt dem Leser Tränen des Lachens und der Erkenntnis in die Augen.
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Seitenzahl: 166
Veröffentlichungsjahr: 2017
Roland Topor
Memoiren eines alten Arschlochs
Aus dem Französischen von Eugen Helmlé
Diogenes
{5}Ich widme dieses Buch
meiner großen Familie,
einschließlich der Verleger.
{7}Der kürzeste Weg, eine große
Persönlichkeit zu werden,
ist der, daß man seine Leute
auszuwählen versteht.
Baltasar Gracián,
Der Weltmann
{9}Meine beachtlichen Talente für die Bildenden Künste zeigten sich seit meiner frühesten Kindheit. Ich legte bereits damals eine außergewöhnliche Begabung an den Tag. Mit drei Jahren ritzte ich mit der Gabel Klees in den Kartoffelbrei, die meine Familie verblüfften. Mit vier Jahren hielt ich Siesta. Mit fünf Jahren zeichnete ich mit dem Bleistift die Porträts meiner kleinen Kameraden, naturgetreuer und schöner als die Fotografien Lewis Carrolls. Ein Fotograf machte mich sogar verantwortlich für seinen Bankrott. Meine Hände waren die herrlichsten, präzisesten Werkzeuge, von denen ein Mensch überhaupt träumen kann. Bei uns in Luxemburg sagt man ›die Goldhand‹. Dabei war mein Vater Bankier, so daß ihm ästhetische Fragen sehr fern lagen. Er war ein Mann der Tat. Und was er tat, war das Spiel mit Aktien, Geld und Geldanlagen … Er war sehr gebildet, sehr klug, zerstreut. Ich muß sagen, daß er nie versucht hat, meiner sich entwickelnden {10}Berufung im Wege zu stehen. Meine Mutter hingegen war eine ungewöhnliche Frau: eine aristokratische Schönheit, eine Allgemeinbildung, Augen, ein Mund … ein Kopf. Meine Mutter, ich nannte sie Mama, wurde nie müde, mir Mut zu machen. Sie lächelte voller Güte vor meinen Werken und bewahrte die gelungensten in ihrem Zimmer auf. Soweit das möglich war. Der Kartoffelbrei verträgt das Altern schlecht, doch es gab auch Werkstoffe, die an der Wand besser hielten.
Ich war einziges Kind, was immer gefährlich ist. Ich hätte ein tyrannisches Wesen werden können, ganz von sich selbst durchdrungen, wie manche – die ich kenne und die die Kunstgeschichte vergiften. Ein ziemlich grausames Erlebnis bewahrte mich vor dieser Abscheulichkeit.
Ich war gerade sechs Jahre alt geworden, als Freunde meiner Eltern, Leute von beachtlichem Reichtum, uns in die Sommerfrische auf ihr Schloß Wiltenstein oder Wildenstein, ich erinnere mich nicht mehr genau, einluden. Es war ein prunkvoller Wohnsitz, der überquoll von Kunstwerken: Skulpturen, Ölgemälden, Wandteppichen … Ich erinnere mich an ein Deckengemälde von William Blake, die Götter des Olymps auf dem Parnaß darstellend, das einen tiefen Eindruck auf mich machte. Vor allem aber eine {11}Pastellzeichnung von Odilon Redon, das Porträt eines kleinen Mädchens, faszinierte mich. Ich war überzeugt, daß das Mädchen lebte, daß es mich ansah. Es war geradezu Liebe auf den ersten Blick! Diese Leidenschaft war meiner Umgebung nicht verborgen geblieben, und man amüsierte sich sehr darüber. Eines Abends bat ich um die Erlaubnis, das kleine Mädchen mit in mein Zimmer nehmen zu dürfen, um in ihrer Gesellschaft zu schlafen. Selbstverständlich kam das nicht in Frage. Ich zeigte mich eigensinnig (ich hatte Charakter). Man schickte mich mit einer Ohrfeige ins Bett. Bevor ich mit hochrotem Gesicht verschwand, stieß ich diesen Satz aus, der lautes Gelächter hervorrief: »Ich liebe das kleine Mädchen, nicht das Porträt. Das Porträt ist ziemlich nichtssagend. So was könnte ich auch machen!«
Das Gezeter, das meine Offenheit ausgelöst hatte, empfand ich als eine quälende Demütigung. Ich stand im Laufe der Nacht auf und fertigte in dem großen, stillen Haus mit Hilfe der Farbstifte, die ich immer bei mir hatte, eine Kopie des Redon an. Ich arbeitete in einer Art Fieber, von der Angst besessen, nicht rechtzeitig fertig zu werden. Der Tag brach schon an, als ich endlich das Werk für abgeschlossen hielt. Ich hängte das Original ab und schob das Falsche anstelle des Echten {12}in den Rahmen. Dann legte ich mich ins Bett und drückte das berühmte kleine Mädchen an mein Herz.
Am nächsten Morgen erwachte ich, wie sich wohl denken läßt, sehr spät. Niemand hatte etwas von der Vertauschung gemerkt. Als wir wieder zu Hause in Luxemburg waren, gestand ich meinem Vater die Wahrheit. Er weigerte sich so lange, mir zu glauben, bis ich ihm den unwiderlegbaren Beweis für meine Glanzleistung geliefert hatte: den zusammengefalteten Redon, den ich mir unters Hemd geschoben hatte. Tiefbekümmert brachte er das Bild zurück. Als er von dieser heiklen Mission zurückkam, erhellte ein bleiches Lächeln sein Gesicht eines ehrlichen Geschäftsmannes. Meine Mutter fragte ihn ängstlich, wie man die Sache aufgenommen hatte. Er hielt mir einen Zehnmarkschein hin, eine für die damalige Zeit beachtliche Summe.
»Zuerst haben sie mir gar nicht glauben wollen«, hauchte er endlich. »Aber ich habe sie überzeugen können. Sie haben Rolands Zeichnung gekauft, damit der Redon in einem Safe in Sicherheit bleiben kann. Sie möchten auch eine Nachbildung des William Blake und laden Roland ein, am nächsten Wochenende zu ihnen zu kommen, um sie auszuführen.«
{13}Natürlich war ich nicht wenig stolz auf mich. Doch nach einigem Überlegen erschien mir dann der Gedanke, daß mein Gemälde im Grunde als Köder für eventuelle Diebe dienen würde, ziemlich unangenehm. Ich begriff, daß es eigentlich relativ einfach war, den Meistern gleichzukommen. Doch um wieviel schwieriger war es, selber einer zu sein! In diesem Augenblick legte ich das Gelübde ab, den Alten nie als ›Double‹ zu dienen, sondern ihresgleichen zu werden. Ich hatte gerade Bescheidenheit gelernt. Zu meinem sechsten Geburtstag bekam ich meine ersten Ölfarben geschenkt. Die Entdeckung dieser neuen Technik, von ungeahntem Reichtum, beschäftigte mich die folgenden zwei Jahre. Voller Wonne bearbeitete ich die ölige Paste. Ich verschmierte die Farbe mit vollen Händen auf allem, was ich finden konnte: auf den Kleidern meiner Mutter, auf den Wänden, den Möbeln, den Bettüchern. Die Heftigkeit meiner schöpferischen Energie führte zu zahlreichen Dramen. Josephine, unser braves Hausmädchen, stieß täglich Verzweiflungsschreie aus. Doch Mama nahm sie heiter und gelassen hin. Sie beurteilte die Qualität des Werkes, wobei sie ein Auge zukniff. Fiel das Urteil günstig aus, wurde ich mit einem Kuß belohnt. War das nicht der Fall, wurde sie zur {14}unbarmherzigsten Kritikerin, die die Fehler freilegte, die Irrtümer analysierte und mir über meine Absichten mehr enthüllte, als mir selber bewußt war. Sie schloß dabei stets mit diesen Worten: »Josephine, machen Sie das sauber!«
So war meine Mutter, hemmungslosesten Idealismus verband sie mit einem humordurchwirkten Realismus. Sie war der erste und beste Lehrer, den ich hatte.
In der Zwischenzeit hatte ich zwei Hauslehrer verschlissen. Der eine von ihnen, Hugo von Hofmannsthal, lehrte mich die Liebe zur Poesie. Stundenlang deklamierte er Kleist oder Goethe. Ich verstand zwar nicht deutsch, aber die berauschende Musik dieser poetischen Sprache bezauberte mich. Die Silben prägten sich in meinem Gedächtnis ein und ich war imstande, den PRINZ VON HOMBURG mit atemberaubender Geschwindigkeit aufzusagen. Schließlich wurde er es leid und verschwand, wobei er als Souvenir die silbernen Kaffeelöffel mitnahm.
Ich kam aufs Gymnasium zu den Jesuiten, aber es gefiel mir dort nicht. Vor allem der Zeichenunterricht brachte mich auf die Palme. Unser Zeichenlehrer, Pater de Chardin, verwandte alle seine Energie darauf, uns die Gesetze der Perspektive einzutrichtern, die für ihn genauso heilig {15}waren wie die des Evangeliums. Ich tat alles Erdenkliche, um ihn zu ärgern. Ich lieferte Hausaufgaben ab, bei denen die Anordnung genau umgekehrt war, wobei ich ein tückisches Vergnügen dabei empfand, den Hintergrund zum Nachteil der Vordergrundmotive zu vergrößern. Der unglückliche Pater war entsetzt über meine Verirrungen, die er für satanischen Ursprungs hielt.
»Aber das gibt’s doch nicht«, rief er eines Tages aus, »alles an Ihrer Landschaft ist falsch. Alles!«
Ich spielte den gutwilligen Schüler, der bekümmert ist über seine Unfähigkeit.
»Ich weiß auch nicht, Herr Lehrer«, sagte ich mit unsicherer Stimme, »sehen Sie, wenn ich das Blatt zusammenfalte, so, und es dann in die andere Richtung auseinanderfalte, so, habe ich den Eindruck, daß die Landschaft, wenn sie sich seitlich verschiebt, wirklich dreidimensional ist.«
Der Pater hob die Arme zum Himmel und erging sich in Teufelsbeschwörungen vor meinen Mitschülern, die sich vor Lachen bogen.
Ich gebe zu, daß dieses Verhalten nicht gerade von großer Nächstenliebe zeugte, aber ich langweilte mich schändlich und mußte etwas zu meiner Aufheiterung tun. Es war ein unwiderstehliches Muß, das ich im Laufe meiner Existenz nie habe unterdrücken können. Diese turbulente {16}Fröhlichkeit, durch die sich meine wilde Liebe zum Leben äußerte, ist einer der wesentlichen Züge meines Charakters.
Ich hatte recht, daß ich diese sorglosen Jahre nutzte, denn sie sollten bald ein Ende nehmen. Eines Abends verkündete uns mein Vater, daß er ruiniert sei. Er küßte uns zärtlich, bevor er hinauf in sein Zimmer ging. Meine Mutter weinte. Einige Augenblicke später läuteten Polizisten an unserer Tür. Sie hatten einen Haftbefehl. Ein Knall brachte sie auf den ersten Stufen der Treppe zum Stehen. Papa hatte sich gerade erschossen.
{17}Nachdem das Haus verkauft und unsere gesamte Habe verpfändet oder aufgeteilt war, standen meine Mutter und ich gewissermaßen vor dem Nichts. Selbstverständlich kehrten uns alle unsere früheren Freunde, Wittgenstein eingeschlossen, den Rücken. Ich mußte meine Studien unterbrechen, was mir, ganz offen gestanden, nur mäßig Kummer bereitete. Aber schließlich mußten wir essen! Als echte Intellektuelle wußte meine Mutter mit ihren Händen nichts anzufangen. Sie zog zu einem sehr alten Freund, den sie früher einmal hatte heiraten wollen; was mich betraf, so begann ich als Küchenjunge im Hotel Sachsen und Luxemburg.
Die Atmosphäre in den Küchen eines Palastes ist für die Vollendung eines angehenden Künstlers nicht sehr günstig. Nicht nur, daß die Arbeit ermüdend und die Bedingungen, unter denen sie verrichtet werden mußte, sehr hart waren, fehlte es auch völlig an menschlicher Wärme. Die {18}Wärme, um nicht zu sagen Hitze der Herde hingegen nahm unaufhörlich zu. Mit schweißtriefendem Körper mühte ich mich wie ein kleiner Teufel ab, die Befehle auszuführen, die es, häufig von Beschimpfungen und Schlägen begleitet, nur so regnete. Wir hatten damals noch keine Gewerkschaft, es kam uns gar nicht in den Sinn, uns zu beschweren. Zu jener Zeit hatte ein armer Küchenjunge überhaupt keine Rechte. Ich hatte nicht einmal das Recht zu malen! Wenn ich mit dem Finger, den ich zuvor in die Mayonnaise getunkt hatte, auf ein Papiertaschentuch hastig eine Skizze zeichnete, mußte ich es heimlich tun! Der kleinste Fehler bei der Arbeit wurde sofort mit einer ›heißen Hand‹ bestraft. Ich hatte mehrmals die Gelegenheit, dieser grausamen Folter beizuwohnen. Die Hand des Schuldigen wurde dabei auf die glühende Herdplatte gedrückt, und zwar für eine Zeitdauer, die der Schwere des Verbrechens proportional entsprach. Er konnte schreien, weinen … Nichts zu machen! Er mußte sich dem Gesetz unterwerfen. Ein gewisser Lampin, der zwei Jahre älter war als ich, wurde auf diese Weise eine ganze Stunde lang dieser Züchtigung unterzogen, weil er über einer Suppenschüssel voller Suppe geniest hatte. Dem Unglücklichen mußte nach dieser Tortur die {19}Hand abgenommen werden. Dann kam er wieder zu uns zurück und ließ künftig seine Possen sein. Ich mochte diesen Max Lampin nicht, der ansonsten ein recht uninteressanter Kerl war, doch ich kam nicht umhin, ihn zu bedauern.
So dressierte man damals störrische Lehrlinge. Man mag diese Methode zwar streng finden, man muß jedoch zugeben, daß sie wirksam war und daß ein übertriebener Liberalismus die Traditionen, die die Ehre unseres Handwerks ausmachten, nicht zu wahren gewußt hat. Man lernt heutzutage nicht mehr viel in den Küchen. Die Jungen folgen doch nur ihrem eigenen Kopf. Nahezu ein Jahrhundert nach meinem Aufenthalt im Hotel Sachsen und Luxemburg gelingt mir eine Sauce béarnaise oder ein Soufflé immer noch besser als vielen berühmten Küchenchefs von heute.
Ich für meinen Teil hatte unter solch radikalen Verfahren nicht zu leiden. Ich hatte mir die Sympathie eines Oberkellners erworben, dessen Porträt ich gezeichnet hatte. Er drohte dem Küchenpersonal Repressalien an, falls mir auch nur ein einziges Haar gekrümmt werden sollte. Natürlich trug mir diese Protektion Haß ein, und ein Hilfskoch versuchte trotzdem, mir die ›heiße Hand‹ zu verpassen, doch ich wehrte mich mit einer solchen Wut, daß es ihm lediglich gelang, sich selber zu {20}verbrennen. Von da an wurde ich vorwiegend damit beauftragt, die Speisen anzurichten, fern vom Herd.
So konnte ich wunderbare Nahrungsmosaike von allzu ephemerer Existenz zusammenstellen. Diese para-künstlerische Tätigkeit erlaubte mir, die Widerwärtigkeiten meiner niederen Stellung philosophisch zu ertragen.
Der Oberkellner hieß Frantz K. Er war ein musik- und literaturbesessener Wiener. Er hatte Strauß und Oscar Wilde gekannt. Ich fand kein Ende, ihn über die sagenhafte Welt der berühmten Leute auszufragen, und er, den meine jugendliche Begeisterung anrührte, stand mir gern Rede und Antwort, wenn er die Muße dazu fand. Diese Gespräche erlaubten mir, wenn schon nicht eine echte Kultur zu erwerben, so doch wenigstens ihr Vorhandensein zu erahnen. Den Namen eines Schriftstellers kennen, erlaubt schon, die Würze seines Werkes zu schmecken. Frantz lehrte mich auch, meine Gedanken klar auszudrücken, Widerspruch zu ertragen, aufmerksam zu sein. Ich schulde ihm viel.
Von meinen mageren Mußestunden stahl ich mir die Zeit, mit den spärlichen Mitteln, die mir zur Verfügung standen, mehr recht als schlecht Werke hinzukritzeln, die schon sehr weit von der {21}traditionellen Malerei entfernt waren. Auf einem entwendeten Lappen erfand ich mit Hilfe eines Soßenrestes oder einer schmutzigen Gabel unerhörte Harmonien. Es gelang mir durch die Perfektionierung dieser lange vor dem Tachismus bereits tachistischen Technik, ausgesprochene Szenen darzustellen oder mit Bohnerwachs Porträts buchstäblich hinzuschmieren.
Der Stall, der mir im Untergeschoß des Hotels als Wohnung diente, war rammelvoll mit diesen Malexperimenten, deren größter Fehler der widerliche Gestank war, der von ihnen ausging. Meine Nachbarn beschwerten sich schließlich. Der Unsauberkeit angeklagt, wurde ich völlig angekleidet unter die Dusche geschleppt. Dort fand mich Frantz, vor Kälte schlotternd und voller Scham. Er bestürmte mich mit Fragen, und ich mußte mein Verbrechen eingestehen: ich benutzte zum Malen verderbliche Materialien! Trotz des förmlichen Verbots des Personalchefs! Ich schwor händeringend, daß ich das nie wieder tun wolle, daß meine Reue echt sei … In meiner Erregung lief ich in mein Zimmer, um die schuldigen Lappen zu vernichten! Doch Frantz, der mir gefolgt war, hinderte mich daran.
»Halt ein, du Unglücklicher! Jetzt nämlich handelst du verbrecherisch! Diese bescheidenen {22}Meisterwerke gehören dir nicht mehr. Sie sind der Besitz der Gemeinschaft, der gesamten Menschheit. Vielleicht werden sie eines Tages in einem Museum ausgestellt!«
Diese Rede ließ mich erstarren. Er hatte ›Meisterwerke‹ gesagt! Er hatte von ›Museum‹ gesprochen. Machte er sich über mich lustig? Aber nein, er schien es völlig ernst zu meinen. Er machte sogar einen feierlichen Eindruck. Da begriff ich, daß er an mein Talent glaubte. Die Aufregung übermannte mich, und ich verlor das Bewußtsein.
Von diesem Tag an war nichts mehr wie zuvor. Heiter nahm ich die schlimmsten Beschimpfungen, die abstoßendsten Arbeiten hin. Mein wirkliches Leben war anderswo. Frantz hatte mir Leinwände besorgt, echte Leinwand zum Malen, auf Staffeleien, und er hatte mir einen Kasten mit Ölfarben geschenkt. Ich war glücklich.
Ich machte zahlreiche Studienzeichnungen, Genreszenen, ein wenig in der Manier Hogarths oder Rowlandsons, Stilleben, Landschaften. Frantz verkaufte das erste Bild an Jacques Doucet, einen Gast des Hotels. Die andern folgten. Wir teilten uns den Gewinn, der nicht unwesentlich war, und ich verfügte über die Mittel, mir neues Material zu beschaffen. Unsere Gesellschaft {23}sollte sich mehrere Jahre hindurch entwickeln und gedeihen.
Frantz beklagte sich häufig darüber, daß es in meinem Werk keine Akte gab.
»Wie schade!« seufzte er ständig. »Alle wollen Aktbilder haben. Sie würden sich wie warme Semmeln verkaufen!«
»Es ist nicht die Schwierigkeit, die mich davon abhält, sondern der Mangel an Modellen. Für einen Akt bräuchte ich weniger Zeit als für eine Komposition mit mehreren Personen.«
Frantz war bereit, Modell zu stehen, aber der männliche Akt inspirierte mich nicht. So sehr mich die harmonischen Kurven des Frauenkörpers faszinierten, so sehr stießen mich die harten und schroffen Linien der Männlichkeit ab. Dieser Versuch wurde ein Mißerfolg, und ich war nie wieder versucht, Aktbilder zu malen.
Der schöpferische Prozeß ist etwas Merkwürdiges. Vor einer bestimmten prachtvollen Landschaft kann ich steril bleiben. Und dann gerät mein Genie plötzlich vor einem schäbigen Stück Mauer mit einem fahlen Himmel in Bewegung. Es ist, als betätige man einen Auslöser, und die Maschine zur Schaffung der Schönheit wird in Gang gesetzt. Wer könnte dieses Rätsel erklären? Gewiß nicht die Kritiker! Um die {24}geheimnisvollen Mechanismen des schöpferischen Prozesses zu verstehen, ist es immerhin besser, sich an die Künstler zu wenden! Sie sind gar nicht so dumm, wie manche behaupten. Es stimmt zwar, daß ich blöde Künstler kenne, wie Braque zum Beispiel oder Chagall, dieser Depp, aber schließlich ist das keine absolute Regel!
Nun, was mich betrifft, so bin ich der Meinung, daß die Landschaft, die wir malen, in uns ist. In unserem Herzen oder in unserer Seele, die Wörter sind ohne Bedeutung. Wir brauchen nur Raum, um uns auszudrücken. Wenn der Raum leer ist, füllen wir ihn, das ist alles. Die Besetzung des Raums ist unsere fundamentale Berufung!
Ungefähr ein Jahr nach Beginn unserer Zusammenarbeit teilte mir Frantz mit, daß eine Stelle als Page frei sei und daß er mich bei der Hotelleitung für diesen Posten vorgeschlagen habe. Falls meine Kandidatur angenommen werde, bekäme ich eine Lohnerhöhung und ein komfortableres Zimmer. Ich schickte Gebete zum Himmel, um dieser unerwarteten Beförderung teilhaftig zu werden. Er muß mich wohl erhört haben, denn nach einer kurzen Unterredung mit dem stellvertretenden Direktor wurde ich plötzlich zur Empörung meiner Folterknechte aus der Küche auf den Posten eines Pagen berufen.
{25}Ich verließ also meinen Kerker im Kellergeschoß für den relativen Komfort der Stockwerke. Tatsächlich war das Zimmer, in das ich umzog, geräumiger und besaß, welch unerhörter Luxus, eine Fensterluke, die zum Hof ging.
Sehr schnell wurde ich von meinem neuen Beruf eingenommen. Ich mußte zwar laufen, gewiß, und Geschicklichkeit zeigen, aber ich war aufgeweckt und schlau. Und außerdem verlangte man nie dasselbe von mir. Die Probleme, die ich zu lösen hatte, waren zahllos, mit ihnen fertig zu werden, stachelte meine Eigenliebe an. Was ich in der Küche am meisten gehaßt hatte, war die Monotonie, das stets gleichbleibende Ritual unserer Aufgaben.
Ich lernte das Hotel wie meine Hosentasche kennen, und wer ein Hotel kennt, kennt die weibliche Natur.
Ich wurde der Liebling der Hotelgäste. Immer verlangten sie nach mir, und die andern Pagen warfen mir böse Blicke zu.
An einem Winterabend wurde ich dringend ins Zimmer Nummer 17 gerufen. Ich erinnere mich noch ganz genau an die Nummer, die ich danach zu einer meiner Glücksbringer-Zahlen gemacht habe. Als ich mich meldete, erblickte ich ein herrliches Geschöpf, eine Dunkelhaarige mit {26}Samtaugen. Sie schien nackt zu sein unter ihrem purpurfarbenen Seidenkimono. Meine Knie fingen an zu zittern, und ich blieb dumm auf der Schwelle stehen, Opfer einer unsagbaren Verwirrung.
Mit einem bezaubernden Lächeln kam dieses göttliche Wesen zu mir und fragte mich, ob es stimme, daß ich eine Leidenschaft für die Schönen Künste habe. Frantz hatte ihr einige meiner Arbeiten gezeigt, die sehr gewürdigt worden waren. Ich gab stammelnd eine positive Antwort.
»Vielleicht haben Sie schon von mir gehört. Ich bin Sarah Bernhardt, und ich würde gern Modell für Sie stehen. Nackt. Finden Sie mich hübsch?«
Ruhig löste sie ihren Kimono, um mir in der Pracht ihrer ganzen Nacktheit zu erscheinen. Ein Elan warf mich auf den Teppich, zu ihren Füßen.
»Zu schön, Madame! Ich vermöchte Sie nur häßlicher zu machen! Und das würde ich mir nie verzeihen!«
Sie legte sich wollüstig neben mich.
»Sie haben recht«, seufzte sie mir ins Ohr. »Verzichten wir auf dieses Bildnis. Doch die Wege des schöpferischen Akts sind nicht immer undurchdringlich …«
Ich war fünfzehn Jahre alt.
{27}Wenn meine Leidenschaft für den Akt auch heftig und plötzlich erwacht war, so brauchte sie doch viel länger, bis sie erlosch! Nachdem ich den unvergleichlichen Zauber des ewig Weiblichen entdeckt hatte, fiel es mir schwer, ihn zu vergessen.
Ich konnte eine elegante Frau nicht mehr die Treppen des Hotels hinaufsteigen sehen, ohne sie mit den Blicken auszuziehen. Eine flüchtig gesehene Wade brachte mich ins Schwitzen, eine Brust jagte mir Fieber ein! Ich war im ganzen Gesicht mit Pickeln übersät, weshalb der Empfangschef albern sagte: »Unser Page wird groß. Wir werden einen Chasseur aus ihm machen!« Er sah in dem ästhetischen Sturm, der mein inneres Leben aufwühlte, nur ein heftiges Erwachen der Sinne. Ich stand über dieser Art von Vulgarität. Ich rang, um meinen Stil zu finden.
Ich strich wie verraten und verkauft durch die Flure, drückte mal da, mal dort ein Auge aufs {28}Schlüsselloch in der immer wieder enttäuschten Hoffnung, ein wenig Rosa, ein wenig Licht in der Dunkelheit zu sehen. Man ertappte mich, und ich bekam einen strengen Verweis.
