Menesis - Joan Willy Tiedeks - E-Book

Menesis E-Book

Joan Willy Tiedeks

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Beschreibung

Ihr Leben hatte gerettet werden können, aber was war es, das Cassandras Existenz so wichtig gemacht hat? Nach ihrem Wiedererwachen führt die junge Frau ihr Weg zurück in eine wohlbekannte Berghütte. Diese dient, neu aufgebaut, nun aber nicht mehr dem Schutz, denn ehemalige Feinde sind zu Verbündeten geworden. Verbündete im Kampf um die Erinnerungen Cassandras, welche sich nicht an ihr Leben als Menesis erinnern kann und sich dadurch nicht darüber im Klaren ist, welche Rolle sie in dem Ringen um das Schicksal der Menschheit einnimmt.

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Seitenzahl: 377

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Joan Willy Tiedeks

Menesis

Der Niedergang

© 2019 Joan Willy Tiedeks

Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

 

Paperback:

978-3-7497-5971-2

Hardcover:

978-3-7497-5972-9

e-Book:

978-3-7497-5973-6

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Je größer die Gabe,

desto größer die Verpflichtung,

je größer die Auswirkungen,

desto größer die Verantwortung.

Wem viel gegeben ist,

dem ist auch immer viel auferlegt.

Prolog

Der strenge Frost der vergangenen Tage hatte am Berg alles überzuckert, so dass die Eiskristalle die ganze Welt in ein surreales Glitzern tauchten. Die mittlerweile entlaubten Bäume reckten ihre Äste wie dürre schwarze Finger gen orangeroten Abendhimmel, als wollten sie selber nach dem letzten bisschen Licht und Wärme der im Untergehen befindlichen Sonne greifen. Im Bauch des Berges hatte sich die betretene Ruhe, welche seit dem Verrat die Atmosphäre bestimmte, ab dem Punkt der guten Nachricht in reges Treiben verkehrt.

Nachdem Waheela die Verbesserung von Cassandras und Leopolds Werten beobachten konnte, hatte er sich dazu entschieden, beide auf getrennte Zimmer verlegen zu lassen. Auch Thor hatte er zu Cassandra nur solange noch den Zutritt gewährt, wie sie bewusstlos war. So hatten beide Epheoriedenfürsten zu ihr keinen Zugang mehr und das aus gutem Grund. Der Wolf hatte ihr zunächst Zeit zur Erholung eingeräumt. Sie gleich mit ihr fremden zu konfrontieren, das wäre einfach zu viel Aufregung gewesen. Es wurden also nur Cassandra bekannte Individuen vorgelassen, um die junge Frau nicht unnötig in Aufregung zu versetzen.

Die Zeit verging. Schließlich kam der Tag, an dessen Morgen der erste Schnee in einer hauchdünnen Schicht das Glitzern des Frostes in ein samtenes Weiß verwandelte und Waheela sich letztlich entschieden hatte, Thor als ersten zu der jungen Frau vor zu lassen.

„Hej, guten Morgen. Wie geht es dir heute?“

„Wie soll es mir schon gehen? Wie gestern und vorgestern und dem Tag davor.“

„Vergiss ihn! Auch wenn es schwer für dich ist. Joachim hatte nie wirkliches Interesse an deiner Selbst, nur an den Vorteilen, die er sich von dir versprach!“

„Aber das, was ich gefühlt habe, war echt, auch wenn das nicht für ihn der Fall war. Es ist doch natürlich, dass es immer noch weh tut!“

„Sicher ist es das, aber es wird für dich jetzt auch langsam Zeit, in die Zukunft zu blicken.“

„Leicht gesagt! Was wird denn nun überhaupt? Werde ich jetzt bald wieder in mein ehemaliges Leben zurückkehren?“

„Das eher nicht und wenn du ehrlich zu dir selber bist, hast du es doch auch schon sicherlich selber gespürt. Gespürt, dass sich mit dir etwas geändert hat. Du dich verändert hast. Du nicht mehr dieselbe wie zuvor bist.“

„Schon, aber ich hatte immer noch insgeheim gehofft, dass diese bruchstückhaften, keinen Sinn ergebenden Fetzen, die eher wie Illusionen von Erinnerungen in meinem Kopf aufblitzen, als zu etwas Realem zu gehören, nichts als Täuschungen und Wahnvorstellungen sind, welche als Nebenwirkungen und Überbleibsel des Komas in meinem Kopf herumspuken. Tatsächlich fühle ich mich verwirrter als je zuvor. Dieses Mal ist der Zustand auch noch irgendwie beängstigend, da ich diese vagen Bilder in meinem Kopf, welche sich wie Erinnerungen anfühlen, nicht einmal ansatzweise einordnen kann. Das alles macht mir irgendwie Angst.“

Sanft legte ihr der Wolf seine Hand auf die Schulter.

„Dann heitert es dich vielleicht auf, was ich dir zu erzählen habe. Es wird hoffentlich dazu beitragen, dass du auch im Kopf nach und nach wieder ruhiger werden kannst. Liebe Cassandra, du wirst heute jemanden kennenlernen, den du schon lange kennenlernen wolltest, den du schon längst hättest kennenlernen sollen. Auch, wenn ich mich nicht unbedingt als Freund von ihm bezeichnen wollte und seine Methoden eher ablehne, so denke ich, dass es in Anbetracht dieser Situation doch sinnvoll ist, wenn ihr Gelegenheit bekommt, einige Worte zu wechseln. Der, von dem ich rede, ist kein anderer als Andreas Chef. Es geht um Thor Andersen.“

Cassandras irritierter Blick löste bei ihrem Gegenüber ebenfalls sichtliche Irritationen aus, welche dazu führten, dass sich beide nachdenklich musterten.

„Thor Andersen? Der norwegische Milliardär? Was sollte der hier wollen - vor allem von mir?“

Während es noch Momente hinter Waheelas fragender Stirn arbeitete, klärte sich sein Blick schließlich auf und er musste sogar anfangen zu lachen.

„Entschuldige bitte! Ich hatte nicht daran gedacht, dass ich dir gegenüber nie erwähnt hatte, dass der Drachenkaiser in dieser Welt unter Menschen den Namen Thor Andersen trägt.“

„Zum einen weiß ich nicht, was daran so komisch ist, zum anderen weiß ich nicht einmal, ob ich ihn überhaupt persönlich kennenlernen möchte.“

Die Stimme der jungen Frau ließ nur zu klar ihren Unwillen deutlich werden.

„Ich habe nicht deinetwegen gelacht, sondern über mich, als mir klar wurde, dass ich der Grund aller Irritation bin. Aber um zu Thor zurück zu kommen, ich selber halte es für sinnvoll, wenn du mit ihm sprichst. Gleich, was ich dir damals in Seiryuus Weisheit erzählt habe, während du im Koma lagst, ist vieles geschehen. Thor ist einer der wenigen, denen ich zugestehen muss, dass sie für dich nun unerlässlich geworden sind, damit du an Informationen gelangen kannst, welche in Zukunft notwendig für dich sein werden. Du weißt selber nicht, wer du bist. Ich meine, wer du wirklich bist. Nach den Geschehnissen der vergangenen Wochen könnten sich aber genau daraus weitere Probleme entwickeln. Für dich, mich, uns alle hier und noch viel weiter reichend.“

Diesen Worten lauschend wurde Cassandras Gesichtsausdruck eher noch ein wenig unwilliger.

„Geht es etwa immer noch darum, mein Leben zu schützen?“

„Nein, du bist nicht mehr in der vormaligen Sachlage.“

So schnell die Antwort kam, so zögerlich war die Fortsetzung.

„Dafür bist du aber in einer Situation, welche zwar weniger gefährlich für dich als Individuum ist, sich aber für alle anderen als ungleich komplizierter darstellt.“

„Und das weil?“

Von Moment zu Moment wurde die Frau nur verwirrter.

„Ich denke wirklich, das solltest du dir besser von Thor persönlich erklären lassen. Im Übrigen wird er auch bald mit Andreas hierherkommen. Ich habe darauf ohnehin keinen Einfluss mehr. Im Grunde bin ich gerade nur hier, um dich auf ihr Eintreffen vorzubereiten.“

Woraufhin es wie auf ein Zeichen auch schon an der Tür klopfte. Von wirklicher Vorbereitungszeit konnte wirklich nicht die Rede gewesen sein. Der Schakal voran betrat mit einem aufmunternden, wie ehrlich freundlichen Lächeln den Raum.

„Na, wie fühlst du dich heute?“

„Besser denke ich. Bis jetzt!“

Kam prompt die misstrauisch, tendenziell eher missmutige Antwort.

Andreas seinerseits legte den Kopf nachdenklich auf die Seite. Hatte er doch selber mit einem freudigeren Empfang gerechnet.

„Wie darf ich das verstehen?“

„Naja, wörtlich. Mir geht es besser, aber ich kann jetzt schließlich noch nicht wissen, wie es mir am Ende des Tages geht.“

„Das wiederum ist zwar richtig, jedoch ungewohnt negativ für dich betrachtet.“

Einen weiteren Augenblick betrachtete der Epheoried vom Stamm der Schakale die Bettlägerige, ehe er fortfuhr.

„Wie auch immer, ich habe heute weiteren Besuch für dich dabei.“

Was er eigentlich nicht mehr hätte erwähnen müssen. Es erschien ihm wohl als einzige passende Überleitung für das, was folgte. Womit Andreas einige Schritte aus der Tür in den Raum hineintrat und Thor in selbiger erschien.

„Cassandra Daivis? Es freut mich, Sie kennen zu lernen!“

Womit er sich in aller Form und Höflichkeit vor ihr mit einem sanften Lächeln verbeugte.

„Dann sind Sie Thor Andersen, wie ich annehme? Was verschafft mir die zweifelhafte Ehre, dass ein Mann wie Sie sich für eine Frau wie mich interessiert und ihr auch noch in derartiger Höflichkeit gegenübertritt?“

Cassandras Miene gab gleich ihrem Tonfall ihrer geringen Begeisterung Nachdruck.

„Was verschafft mir einen derart kalten Empfang? Ich kann mich nicht erinnern, dass wir bereits etwas miteinander zu schaffen gehabt hätten und Sie mich von daher in irgendeiner negativen Erinnerung hätten im Gedächtnis behalten können.“

Womit der blonde Hüne Waheela einen tadelnden Blick zuwarf, der klar ausdrückte, dass er durchaus eine konkrete Vorstellung davon hatte, woher dieser unterkühlte Empfang entstammte. Ungeachtet dessen zog Thor sich einen Stuhl heran und setzte sich neben die Patientin.

„Auch wenn ich nicht glaube, dass das, was immer Waheela Ihnen über mich erzählt hat, gelogen ist, so glaube ich gleichfalls, dass es auch nicht unbedingt schmeichelhaft war. Ich möchte Sie daher darum bitten, mich trotz aller Vorbehalte anzuhören.“

Cassandra immer noch mit größter Höflichkeit begegnend wartete Thor ruhig auf die Antwort.

„Wie könnte ein Mensch dem Teufel gegen über keine Vorbehalte hegen? Andererseits, welche Wahl habe ich denn schon, als mir anzuhören, was Sie zu sagen haben?“

Überrascht blickte der Große die junge Frau an, worauf er dann jedoch den beiden anderen mit einem Wink zu verstehen gab, sie alleine zu lassen.

„Dann hat Ihnen der struppige Wolf also bisher tatsächlich so gut wie im Grunde nichts erzählt, was nur insofern ein Problem darstellt, als dass Sie mich nun für ein Monster halten müssen. Aus menschlicher Sicht wohl ein Stück weit auch zu Recht“

„So würde ich es nicht unbedingt sagen. Aber wenn sie das Wesen sind, welches die Menschen unter anderem als Teufel kennen, so halte ich mein Verhalten für durchaus verständlich.“

Darauf lachte der Hüne kurz wie belustigt auf.

„Nun, es ist schon richtig, dass ich mit jenem Wesen, welches von den Menschen als Teufel bezeichnet wird, übereinfalle. Das, was man mir jedoch nachsagt, ist eine einseitige menschlich geprägte Sicht.“

„Falls es Ihnen entgangen ist, ich bin Mensch! Natürlich betrachte ich die Welt mit den Augen eines Menschen und wer Feind der Menschen ist, ist auch aus nachvollziehbaren Gründen mein Feind.“

„Daher weht also der Wind?!“

Thor musste erneut leise lachen. Sie wusste wirklich so gut wie nichts, ihre Erinnerungen an alte Zeiten waren also bisher nicht zurückgekehrt, auch hatte sie bisher niemand über ihr wahres Selbst aufgeklärt. Scheinbar hatte es über dies niemand auch nur versucht.

„Wissen Sie, ich habe für Ihr Verhalten aus Ihrer Sicht ein gewisses Verständnis. Nach alledem, was mir nun klar ist, wie sich ihre Weltsicht gestalten muss, denke ich, dass wir unser Verhältnis anders als von mir geplant aufbauen sollten. Auch wenn Sie mich aus von ihrem Blickwinkel entspringend verständlichen Gründen als die Personifizierung alles Bösen wahrnehmen, so bitte ich Sie doch an dieser Stelle, zu versuchen, alles Schlechte, was Sie glauben über mich wissen zu meinen, beiseite zu schieben. Sei es nur für die Zeit, welche wir gemeinsam verbringen. Bitte versuchen Sie mich als Freund zu betrachten. Wenigstens aber wäre es hilfreich, wenn Sie sich durchringen könnten, mir gegenüber eine gewisse Neutralität an den Tag legen.“

Womit er ihr unter einem freundlichen Lächeln die rechte Hand hinhielt. Eine groteske Situation zumindest aus Cassandras Sicht.

„Also Cassandra, ich bin Thor, einfach nur Thor!“

Wie eine giftige Schlange starrte sie seine Hand an, bis ihr Verstand ihr letztlich klar machte, dass sie hier ohnehin nicht so schnell wegkäme und ein kooperatives Verhalten ihrerseits ihre Lage zumindest nicht verschlechtern konnte. Trotz weiter aufrechterhaltener Skepsis und mit gehörigem Misstrauen erwiderte Cassandra letztlich dann doch den Griff seiner Hand.

„Wie du bereits weißt, Thor: Cassandra. Mit zweifelhafter Freude!“

Sie wusste nicht, ob sie es sich eingebildet hatte. Wenn es keine Einbildung gewesen war, so war es ihrer Meinung nach allemal verwunderlich. Sie meinte ein leichtes leises Seufzen der Erleichterung von ihm ausgehend vernommen zuhaben, als sie seinen Händedruck erwiderte. Ihre Skepsis machte dies jedoch zu keinem Zeitpunkt kleiner. Dies spürend, aber gleichsam ignorierend hob Thor zu seinen eigentlichen Erläuterungen an.

„Wie du dir sicherlich selber denken kannst, befinden wir uns immer noch in dem dir bekannten Berg. Ich gehe davon aus, dass es dich freuen wird zu hören, dass dein Leben nicht mehr in Gefahr ist, beziehungsweise dir niemand mehr nachstellt. In der Zeit deines Komas haben sich neue Sachverhalte ergeben.“

„Danke. Waheela berichtete es mir bereits!“

Von ihrer Distanziertheit und Kühle nicht abweichend wirkte Cassandras Reaktion einfach nur teilnahmslos. Der blonde Hüne seinerseits ließ sich jedoch nicht beirren und fuhr ungerührt fort.

„Wie dir gleichfalls sicherlich klar sein wird, weißt du nicht einmal ein Bruchteil von dem, wie du selber in diese Lage hineinkamst und was alles dich Umgebende zu bedeuten hat.“

„Das ist soweit richtig. Die Antworten, welche ich durch dein Personal bisher bekommen habe, haben schließlich mehr Fragen aufgeworfen als zu beantworten. Waheela seinerseits war sehr offen bei dem über was er sprach, hielt sich aber auch vornehm zurück in der Menge, über das er sprach.“

„Sieh es allen Beteiligten nach. Damit jegliche Sachverhalte für dich logisch werden und du ein umfassendes Verständnis erlangen kannst, wird es nötig werden, dir eine Geschichte zu erzählen. Wenn ich genau sein will, geht es um die wahre Geschichte der Menschheit selber. Zugestandener Weise werde ich alleine nicht in der Lage sein, dir alle Details zu berichten, weshalb du die Bekanntschaft mit einer weiteren Person machen wirst, welche die Lücken meiner Erzählung zu schließen vermag.“

„Und wer sollte das sein? Sollte der Teufel nicht von allem Kenntnis haben? Ist sein Wissen nicht überragend?“

Das Wort „Teufel“ vermochte sie gleichzeitig wie eine Beleidigung, als auch eine spöttische Anschuldigung klingen zu lassen. Wieder seufzte Thor. Dieses Mal aber bedauernd. Es war von Anfang an für ihn klar gewesen, dass sie kaum auf Anhieb mit ihm Freundschaft würde schließen wollen. Warum auch? Mit dem, was sie gesagt hatte, hatte sie schließlich Recht. Er selber sah sich schließlich als größten Feind der Menschen. Warum sollte eine Frau, welche sich selber als ein Mensch wahrnahm, ihm, dem Teufel, dann aufgeschlossen entgegenkommen?

„Als Serpen Lucifer Satanos, wobei es sich um meinen ursprünglichen Namen handelt, bin ich die Verkörperung der Intelligenz, nicht die der Allwissenheit. Beides wird oft gleichgesetzt oder aber miteinander verwechselt. Der Punkt ist, ich weiß durchaus das Meiste von dem, was es generell zu wissen gibt, aber eben auch nicht alles.“

„Von mir aus zugestanden.“

Cassandra machte erneut eine unwillige Pause. Als sie jedoch bemerkte, dass ihr Gegenüber nicht von sich aus fortfuhr, hakte sie selber nach.

„Und wer sollte es denn dann sein, der diese besagten Lücken zu füllen vermag?“

„Leopold Friedrichkeit.“

Völlig neutral nannte Thor diesen Namen.

„Der österreichische Milliardär?“

Ungläubig bis misstrauisch mit einem Gesichtsausdruck, der Bände sprach, starrte sie ihr Gegenüber an. Wenngleich ihr eine Stimme in ihrem Hinterkopf zuflüsterte, dass sie eigentlich nichts mehr überraschen dürfte.

„Versammeln sich denn alle Reichen Europas hier? Was hat der überhaupt mit alledem zu tun?“

„Da du schon in Argatha warst, hast du sein wahres Angesicht bereits gesehen. Er ist wie ich ein Epheoried. Er ist Leo Truth Xailon.“

„Eine von den beiden Gestalten, welche an einem der Tore nach Argatha abgebildet werden?“

„Eben jener! Und so wie ich mich in dieser Welt Thor Andersen nenne, so nennt er sich in dieser Welt Leopold Friedrichkeit.“

Wortlos und regungslos starrten sich beide an. Schließlich wischte sie mit den Händen durch die Luft, als wenn sie dadurch den vorangegangenen Wortwechsel bei Seite schieben könnte.

„Was nicht erklärt, warum ihr beide so unverschämt reich seid. Ich denke, die Epheorieden haben kein Interesse an dieser Welt? Warum horten sie dann weltliche Güter und damit alles, was dem anhängt?“

„Nun, das Eine hat per se mit dem Anderen nicht notgedrungener Weise etwas zu tun. Wir passen uns lediglich den Formen dieser Welt an und das bedeutet auch, dass weltlicher Wohlstand nötig ist, um unsere Interessen mit aus unserer Sicht möglichst geringem Aufsehen zu verfolgen.“

„Das klingt zwar irgendwie logisch, fühlt sich aber dennoch irgendwie falsch an!“

„Naja, eine Diskussion über derlei Details soll uns jetzt auch nicht beschäftigen. Ich bin heute vornehmlich hier, um dich persönlich kennen zu lernen, mir ein Bild von deinem Zustand zu machen und dich auf das, was dich in den kommenden Tagen erwarten wird, vorzubereiten. Im Klartext wird dies bedeuten, dass du in den kommenden Tagen Leopold kennen lernen wirst und wir alle - sobald es dein Gesundheitszustand zulässt - diesen Berg wieder in die dir bekannte Berghütte verlassen werden. Das hiesige Ambiente ist doch recht bedrückend und in der Hütte herrscht ein angenehmeres Klima. Ich bin sicher, darin wirst du mir kaum widersprechen.“

Zum ersten Mal während des Aufeinandertreffens beider nahm ihre Haltung eine etwas entspanntere Form an und strahlte nicht mehr generellen Widerstand aus.

„Das allerdings ist wahr, wobei die Hütte während eines Angriffes stark beschädigt, wenn nicht sogar zerstört wurde.“

Thor sah Cassandra einen Moment fragend an, lachte dann aber aus Sicht vieler anderer ungewohnt freundlich.

„Darum musst du dich wirklich nicht sorgen. Die Reparaturen sind längst abgeschlossen und alles wartet dort auf unsere Rückkehr. Diesmal jedoch nicht als Versteck, sondern als stillen zurückgezogenen Ort, um in Ruhe eine Reise durch eine vergessene Geschichte zu unternehmen. Am Ende dieser Reise, darin bin ich mir sicher, wirst du keine Fragen mehr über das Vergangene oder das Hier und Jetzt haben.“

Lange dauerte die Unterredung beider an jenem Tag nicht mehr. Thor war unabhängig von dem, was er spürte, klar, dass es für ihn nicht leicht sein würde, wenn er es überhaupt schaffte, warm mit Cassandra zu werden. Aus dieser Erkenntnis ergab es sich, dass er, als er schon am nächsten Tag Leopold zu ihr führte, dort nicht länger als nötig blieb und er nur den Punkt bis zum Erreichen des „Per du“ zwischen beiden abwartete. Sein negativer Einfluss sollte sich nicht auch noch auf den Rothaarigen übertragen. Dies gelang aber nur mit mäßigem Erfolg. Dem Österreicher begegnete sie sehr ähnlich wie dem Norweger mit einer gehörigen Portion Skepsis, jedoch weniger feindseligem Unterton.

„Was die alte Schlange in etwa von mir will, hat mir Waheela einmal vor einiger Zeit erzählt. Auch wenn mir die tatsächlichen Zu- und Umstände immer noch völlig unklar sind. Aber was willst du von mir?“

Nachdenklich strich sich Leopold mit der Rechten durch den ordentlichen Bart. Wie konnte er ihr zu dem Augenblick eine Antwort geben, welche zwar der Wahrheit entsprach, aber im besten Fall zum momentanen Zeitpunkt nur alles verkompliziert hätte? Zu seiner ehrlichen Erleichterung war es die junge Frau selber, welche ihm eine willkommene Vorlage bot, auch wenn diese bedeutete, sich einmal mehr schwammig ausdrücken zu müssen. Was es war, dass Cassandras Aufmerksamkeit erregt und Leopold vorerst gerettet hatte, war das kleine im Licht des Raumes reflektierende Objekt an der rechten Hand des Mannes.

„Moment! Was ist das? Darf ich das einmal sehen?“

Überrascht und erleichtert hielt er ihr bereitwillig die Rechte hin.

„Dieser Ring? Seit ich erwacht bin, trage ich einen annähernd identischen an meiner rechten Hand! Das einzige was sie unterscheidet ist das darauf abgebildete Zeichen! Als ich Waheela nach dem Ring fragte, antwortete dieser, dass ich ihn nicht abnehmen solle, da er meiner Gesundheit diene. Zugestandenermaßen versuchte ich es in einem unbeobachteten Moment dennoch, aber es ging nicht, es war, als würde der Ring von sich aus enger, je mehr ich versuchte, mich seiner zu entledigen. Was also hat es mir diesen Ringen auf sich?“

„Ich wette, eine Antwort ähnlicher Art hast du in der Vergangenheit häufiger als dir lieb war bekommen. Aber eine klare, nicht verwirrende Antwort kann ich dir darauf jetzt nicht geben. Thor sagte dir doch, dass wir dir die vergessene Geschichte dieser Welt erzählen werden?“

„Ja? Und was hat das Eine mit dem Anderen zu tun?“

„Alles und nichts. Aber danach wirst du auch die Sache mit diesen Ringen verstehen.“

„Also heißt es wieder einmal warten für mich`“

„So sieht es wohl aus.“

Eine angenehme Gesprächsatmosphäre kam jedenfalls nicht zwischen den beiden auf. Das, was stattfand, musste jedem Beobachter eher wie eine gezwungene Situation vorkommen.

So sehr Leopold sich auf ihr Zusammentreffen gefreut hatte, so ernüchternd war es für ihn ausgefallen. Was hatte er auch erwartet? Dass sie ihm um den Hals fiel und alles so gewesen wäre wie früher? Er hatte sich selber denken können, dass dies nur fromme, von der Realität losgelöste Wünsche gewesen waren und diese nichts mit der nüchternen Wirklichkeit zu tun hatten.

Es vergingen noch einige Tage der Genesung. Thor wollte sicher sein, dass Cassandra aus eigener Kraft den Weg zur Hütte bewerkstelligen konnte. Denn, davon ging er aus, wenn ihr dies gelänge, so hätte sie auch hinreichend Kraft, um das, was sie zu hören bekommen sollte, in vollem Umfang verarbeiten zu können.

Ein kalter Windzug umspielte die Berge, der nach Kälte und Frost roch, aber auch irgendwie unbestimmt frisch und rein. Wochen, nein Monate hatte Cassandra in den Höhlen des Berges verbracht. Es hatte erneut geschneit. Sauberer, unbefleckter Schnee bedeckte das Land. Einen guten halben Meter türmten sich die kalten Massen und an exponierten Lagen war die weiße Pracht wohl noch dicker. Der Winter war nun zur Gänze hereingebrochen. In dicken weißen Flocken stob das Treiben und es sah nicht so aus, als ob sich bald ein Ende einstellte. Sie waren an einem der nahe bei der Hütte gelegenen Ausgänge aus dem Höhlensystem gekommen. Nun begaben sie sich erneut zu der Hütte, von wo aus sie vor einigen Monaten geflohen waren, damit Cassandra endlich jene Erzählung zu hören bekäme, auf welche sie schon so lange neugierig gewesen war. Die Hütte war nicht einfach saniert worden, sie war neu auf- und ausgebaut worden und wirkte nun wie ein wohnliches Domizil mit dem Zweck, mehreren Individuen komfortablen Wohnraum bieten zu können. Die Beantwortung der Fragen der jungen Frau wartete hinter diesen hölzernen Wänden. Auch wenn es in Cassandras Kopf zwei Stimmen gab. Eine, die immer wieder ermahnte, dass es unmöglich eine zusammenhängende Antwort für all diese immer wirrer werdenden Entwicklungen gab. Und dann war da noch eine andere Stimme, die gelassen ihrerseits immer wieder zu bedenken gab, dass die junge Frau selber in den vergangenen Monaten so viel Phantastisches und sich jeglicher menschlicher Vernunft zu entziehen Suchendes erlebt hatte, so dass im Grunde alles möglich sein konnte.

Kapitel 1

Eigentlich war es einer der schönsten Parks der gesamten Stadt. Der Kaiserpark wurde ursprünglich von Imperatoren der Menschen zu ihrer eigenen Lobpreisung angelegt. Im Größenwahn ihrer Nachfolger war er immer weiter ausgebaut worden, um schließlich zu einem Ort dekadenter Arroganz zu werden, der in seinem Überschwang sich selbst durch seine Pracht so verblendete, dass es schon nicht mehr erträglich war. Auf gemeinsamem Boden der unterschiedlichen Spezies, eigentlich als Symbol der Freundschaft oder zumindest des politischen Friedens gedacht, letztlich zu einem Schlag ins Gesicht für alles, was nicht Mensch war, geworden. Dann, unter den Friedenskaisern, bekam er sein letztliches Antlitz als Ort der Begegnung, des Verständnisses der Spezies füreinander und als Ort des wahren Friedens und wurde zurückgebaut. Doch nach dem Tod der Kaiser, als die Republik ausgerufen wurde, ging eine kleine, erst nicht wahrnehmbare, dann sich aber regelrecht aufzwingende Veränderung mit dem Park vor sich, der ihm dem Beinamen „Park der Geister“ einbrachte. Ein Name, der erst einmal mystischer klang, als es gemeint war; denn im Grunde wussten alle, die regelmäßig dort hinkamen, was dort vor sich ging. Wenn scheinbar aus dem Nichts Steinchen auf einen flogen, wenn Bäume unvermittelt haufenweise Blätter auf Passanten entluden, wenn sich Unbelebtes bewegte und einem einen Schrecken einjagte, der einen leicht das Gleichgewicht verlieren ließ. Wenn Dinge geschahen, die man als mal mehr, mal weniger grobe Streiche hatte bezeichnen können. Doch dann kam der eine Tag, der nicht ganz so ablief, wie all die anderen vor ihm. Natürlich. Nicht jeder Passant nahm die Streiche, die ihnen gespielt wurden, gleich gelassen auf. Aber bisher gingen für den Störer der örtlichen Ruhe nie irgendwelche Konsequenzen, die über Beschimpfungen hinausgingen, aus diesen Handlungen hervor. An jenem Tag begann alles wie immer. Steinchen, die aus dem Nichts zu kommen schienen und zielsicher trafen. Als das Ziel nur mit missbilligendem Knurren reagierte, fühlte sich der Urheber angespornt und aus den Steinchen wurden Steine. Schließlich knurrte der Getroffene laut auf. Mit wütender Grimasse wandte sich der Epheoried in die Richtung, aus welcher er gepeinigt worden war. Vom Schrecken darüber in seinem Versteck zurückprallend, sah der Schütze, als er über den ersten Schrecken hinweg war, zu, das Weite zu suchen. Doch zu spät. Der Epheoried war schnell heran und hatte den Störenfried mit einem gezielten Griff in das Gebüsch schon am Genick gepackt, um ihn sich selber vors Gesicht zuhalten.

„Mag sein, dass du es nicht auf mich abgesehen hattest, weil ich Epheoried bin. Es mag auch sein, dass meinesgleichen angehalten ist, mit euch Menschen im Besonderen rücksichtsvoll umzugehen. Ich bin mir auch im Klaren darüber, dass du noch ein kleines Kind bist, aber was genug ist, ist genug. Es wird Zeit, dass du deine eigene Medizin zu spüren bekommst!“

Womit er dem Jungen mit der flachen Hand so hart in das Gesicht schlug, dass dieser mehrere Meter über den Kies schlitterte. Jedes Mal, wenn sich der Junge versuchte zu erheben, wiederholte sich das grausame Spiel auf ein Neues. Das am Boden liegende Kind mit einer höhnisch überlegenen Grimasse taxierend, war der Epheoried kurz abgelenkt durch ein Geräusch in einem gegenüberliegenden Gebüsch und hatte den Jungen schließlich aus den Augen verloren. Der Wutentbrannte knurrte kurz wütend auf, ehe er mit seinen überlegenen Sinnen die Spur aufnahm. Zielsicher strebte er das Gebüsch, in welchem der Junge verborgen war, an. Das Kind wähnte sich bereits in eine neuerliche Attacke verwickelt, als der Schatten, welcher ihn zuvor in Sicherheit gezogen hatte, an ihm vorbeihuschte und die volle Aufmerksamkeit des Epheorieden auf sich zog. Der Junge zitterte am ganzen Leib und war nicht fähig, sich aufzurichten, so dass er mit der in jener Situation größtmöglichen Erleichterung wahrnahm, wie sich die Geräuschkulisse, gebildet durch Zornes- und Kampfeslaute, immer weiter entfernte, bis nichts mehr als die Geräusche des Parks um ihn herum zu hören waren. So war es nicht weiter verwunderlich, als sich der Schatten in völliger Lautlosigkeit zu ihm zurückgesellt hatte und dem Jungen nun in sein Ohr flüsterte.

„Schnell! Jetzt ist er abgelenkt. Aber versprich mir, so etwas nie wieder zu machen!“

Noch immer regungslos vom neuerlichen Schrecken über die Rückkehr des Schattens, der sich als kleines Mädchen entpuppte, verharrend, zog sie dem Verängstigten am Arm, denn nun gingen kostbare Augenblicke verloren. Schließlich konnte auch der Epheoried jederzeit zu seinem Ausgangspunkt zurückkehren, um erneut Fährte aufzunehmen.

„Schnell! Ehe er sich wieder für dich interessiert!“

Womit der Junge sich unter ihrem Ziehen aufrichtete und immer noch völlig unter Schock stehend davonlief. Noch einen kurzen Blick über die Schulter nach seinem potentiellen Häscher Ausschau haltend, war weder von diesem noch von dem Mädchen etwas zu sehen. Doch als der Junge den Rand des Parks erreicht hatte und diesen schließlich verlassen konnte, drang das wütende Gebrüll eines Epheorieden, welcher sich um seine Beute betrogen sah, an seine Ohren, woraus der Junge schloss, dass auch das Mädchen entkommen war und er sich so um seine Genugtuung auf ganzer Linie betrogen sah.

Etliche Jahre Später…

Es war früher Morgen. Nebel lag in dichten Schwaden in den Straßen und Gassen der Stadt. Die Temperaturen waren nur knapp über dem Gefrierpunkt und der eigene Atem verwandelte sich in weiße Wölkchen, welche in der unbewegten Morgenluft schnurgerade Richtung Himmel aufstiegen.

Einer von tausend Menschen. Das war die Wahrscheinlichkeit unter jenen zu sein, die jährlich für das Programm ausgewählt wurden. Etwa fünfzig neue Rekruten hatten sich vor dem Haupttor zum äußeren Regierungsbezirk an jenem frühen Morgen versammelt und warteten nun darauf, was als nächstes geschehen mochte. Zu den wenigen Auserwählten für die Ausbildung zum Mitglied der gemischten Friedensarmee von Menschen und Epheorieden zu gehören, war kein Garant, auch später ein Mitglied selbiger zu werden.

„Renat?“

Wie durch Watte drang der Name an die Ohren des mittelgroßen Mannes von drahtiger Statur, mit braunem Haar und stahlblauen Augen. War es nicht sein eigener?

„Renat?!“

„Ja! Was ist denn? Musst du das „a“ so betonen, Diego?“

Der Angesprochene hatte alten Erinnerungen nachgehangen. Nun war er aus seiner Starre erwacht und maulte sein Gegenüber an, der nicht wusste, ob er belustigt oder beleidigt sein sollte.

„Wenn du nicht reagierst, habe ich wohl kaum eine andere Wahl oder?“

„Was wolltest du denn?“

„Ein wenig Smalltalk halten, nett plaudern, um die Wartezeit zu überbrücken!“

„Ernsthaft? Du weißt aber schon, dass der Morgen nicht unbedingt mein Freund ist?“

„Ach komm schon! Ich meine, solltest du wenigstens nicht heute Morgen etwas besser gelaunt sein? Unser halbes Leben lang haben wir auf diesen Tag hingearbeitet, und nun schau uns an, wir haben es endlich geschafft und stehen hier. Jetzt kann es nur noch voran gehen!“

„Wie du meinst.“

Wenig Interesse an dem begonnenen Gespräch zeigend machte sich ein eher gelangweilter bis genervter Ausdruck im Gesicht des Angesprochen breit. Wieder driftete Renat in seine eigenen Gedanken ab. Ja, es stimmte, obwohl auch nicht. Bei ihm war es sogar die längste Zeit seines Lebens, die er auf diesen Tag hingearbeitet hatte. Vielleicht hätte er sich wirklich mehr freuen sollen, aber er empfand einfach nichts. Vielleicht lag es auch einfach nur daran, dass er nüchtern genug war, um zu erkennen, dass dies im Grunde eigentlich nur der erste Schritt einer langen Reise war, die er nun beginnen würde, an deren Ende, wenn es zu seinen eigenen Gunsten ausfiele, nichts weiter als Genugtuung und Gerechtigkeit auf ihn warteten, oder vielmehr, das, was er selber dafür hielt. Dem jungen Mann war durchaus bewusst, dass es unter objektiven Gesichtspunkten durchaus andere Auslegungen seiner angestrebten Ziele gab, aber das alles hatte für ihn keinerlei Bedeutung mehr. Hatte es denn je für ihn eine Bedeutung gehabt? Wenn er ehrlich mit sich selber war, so konnte er dies nicht wirklich beantworten. Nun war aber all dies egal geworden. Ihn hatte man schließlich auch nicht gefragt, was er von den Ergebnissen der erstrebten Ziele anderer hielt, und wie ihm die Auswirkungen auf sein eigenes Leben geschmeckt hatten. Für Renat gab es nur noch eine Richtung: Vorwärts, Richtung Ziel.

Einsehend, dass jedweder neuerliche Versuch ein Gespräch beginnen zu wollen auf dasselbe Ergebnis hinausliefe, beließ es dann der Kamerad des Brünetten auch dabei und ließ ihm seine Ruhe.

Es verging noch einige Zeit. Und obwohl der Nebel eher noch einmal an Dichte hinzu zu gewinnen schien und die Welt jenseits einer Sichtweite von fünfzig Metern in ein substanzloses, watteartiges Nichts tauchte, wurde es beständig heller. Schließlich wurden die Tore, vor welchen sie gewartet hatten, geöffnet und ein Epheoried, offensichtlich vom Volk der Luchse und ebenso offensichtlich von einem in Kämpfe verwickelten Leben gezeichnet, trat mit hinter dem Rücken verschränkten Armen vor die Gruppe. Er warf einen bedächtigen und musternden Blick in die Runde, welcher keinen Zweifel über seine Souveränität zuließ. Schließlich hob er mit einer kräftigen Stimme zu seiner Begrüßung an.

„Ich freue mich, auch in diesem Jahr eine so zahlreiche Schar von Rekruten begrüßen zu dürfen. Ganz gleich, was ihr erleben werdet und wie das Ergebnis eures Herkommens ausfallen wird. Betrachtet bereits den Umstand, dass ihr hierher eingeladen wurdet und heute Morgen hier stehen dürft, als Ehre. Ach ja, und noch etwas für diejenigen unter euch, denen diese Gepflogenheit unbekannt ist. Hier herrschen die für Epheorieden üblichen Umgangsformen. Wenn ihr diese nicht kennt, solltet ihr aufmerksam euer Umfeld beobachten und schnell lernen, um Irritationen zu vermeiden. Aber um euch eine Starthilfe zu geben. Eine dieser Besonderheiten ist, dass wir direkteren und persönlicheren Umgang pflegen. So wie ich euch nur beim Vornamen rufen werde, so bin ich auch für euch einfach nur Lynx! An der rotweißen Farbe meiner Uniform erkennt ihr mich als Ausbilder speziell für Menschen. An meinem weißen Umhang meinen Offiziersstatus. Die rotweiße Farbe wird als ehrende Erinnerung an den Friedenskaiser und die Friedenskaiserin getragen. Sie nicht zu ehren bedeutet das Vermächtnis der Friedenskaiser in den Dreck zu ziehen und wird als Verbrechen der Stufe drei geahndet. Alle Verbrechen der Stufen drei bis eins haben eine sofortige unehrenhafte Entlassung aus der Armee zur Folge sowie der Tat entsprechende weitere Strafen. Aber genug der lästigen Vorreden. Wenn ich jetzt alle hier Versammelten bitten darf, mir zu folgen!“

Womit sich der Luchs wieder umwandte. Mit dem sich langsam in Bewegung setzende Grüppchen neuer Rekruten im Schlepptau machte er sich auf den Weg zu ihrem nächsten Bestimmungsort. Der all gegenwärtige Nebel ließ nicht zu, dass mehr als ein paar schemenhafte Gebäude sowie Büsche und Bäume wahrgenommen werden konnten. Dennoch hatten diese diffusen Schemen zumindest einen Rest an Orientierung gewährt. Bald schon aber war das watteartige Nichts allgegenwärtig und schien die gesamte Welt verschlungen zu haben. Der Weg, den sie zurückgelegt hatten, war nicht einmal besonders lang, aber ohne Orientierung an einem fremden Ort, ohne zu wissen, wie lange und wohin man ging, ließ jeden Weg bedeutend länger erscheinen, als er in Wirklichkeit war. Letztlich kamen sie irgendwo an. Die Hinteren bemerkten dies jedoch nur, da die Vorderen stehen blieben, so dass es ihnen alle Nachfolgenden gleichtaten. Eine andere Wahl blieb auch keinem. Nunmehr war kaum irgendetwas zu sehen und der Nebel hatte eine Qualität erreicht, die es erschienen ließ, als schluckte er sogar einiges von den Geräuschen der Umgebung. Schließlich waren irgendwo weiter vorne Schritte wie auf Holz zu hören. Einige unverständliche Worte wurden in der gleichen Richtung ausgetauscht. Dann vergingen einige Augenblicke, in denen nichts als Tritte im diffusen Nichts zur Rechten der kleinen Menschengruppe vernehmbar waren und selbst, wenn jedem unter rationalem Bedenken klar war, das keinerlei Bedrohung vorliegen konnte, so reichte das Szenario aus, um unter den Menschen nervöses Flüstern auszulösen. Dies zog sich bald als Anspannung durch die gesamte Gruppe. Der Höhepunkt des Szenarios wurde erreicht, als völlig ohne Vorwarnung die Schläge riesiger Flügel vernehmbar wurden und ein starker Wind aufzog. Ungewissheit und Orientierungslosigkeit nicht mehr aushaltend verlor schließlich der Erste der Neulinge die Nerven, fing an am ganzen Körper zu zittern und sank in die Knie zusammen. Von dem Anblick entsetzt, brachten die unmittelbare Nebenstehend nichts weiter zustande, als entgeistert zu dem Zusammengebrochenen zu starren und von diesem wieder weg in höchster Anspannung in die Umgebung zu blicken. Die Lage wurde sondiert und es wurde wieder zu dem Häufchen Elend zurückgeblickt. Nichts konnte sie dazu bewegen, sich zu rühren. Die Umherstehenden blieben wie festgewurzelt an ihren Plätzen. Letztlich war es Renat, der sich unbeeindruckt vom Szenario von seinem Standort löste. Alle sich in seinem Weg befindlichen schob er mit einer Leichtigkeit beiseite, welche man jemandem von seiner Statur nicht zugetraut hätte, und erbarmte sich dem auf die Knie Gesunkenen.

„Hej, alles okay? Ist dir nicht gut? Kann ich dir helfen?“

Der Angesprochene hörte augenblicklich zu zittern auf, verharrte einen Moment und hob schließlich lächelnd den Kopf. Beifallendes Klatschen wurde darauf in der Ferne laut, so dass Renat erst in die Richtung der neuerlichen Geräusche und dann wieder zu dem Mann vor sich sah. Zum Erstaunen des Brünetten lächelte ihn nun ein Epheoried vom Stamm der Raben an und die Stimme des Luchses wurde in der Ferne laut, während die gewaltigen Flügelschläge der Epheorieden unterschiedlicher Vogelstämme den Nebel vertrieben und sich alle in völlig freier Sicht wiederfanden. Hinter den dichten Schwaden war der Tag bereits sichtlich vorangekommen, so dass sich die Augen der Versammlung an die plötzliche Helligkeit gewöhnen mussten und einige ihre Sicht mit den Händen abschirmten.

„Alle anwesenden neuen Rekruten können sich bei unserem Freund hier bedanken, dass sie den ersten Test bestanden haben!“

Währenddessen hatte sich der Rabe gemeinsam mit Renat aufgerichtet und schüttelte diesem anerkennend die Hände.

“Das hast du wirklich gut gemacht!“

Seinerseits sah der junge Mann nur irritiert von seinem Gegenüber zum Luchs und wieder zurück. Schließlich aber stellte er genau die Frage, welche allen aus der Gruppe der Neulinge auf der Zunge brannte.

„Was soll das heißen? Was hat das zu bedeuten?“

Die Antwort kam auch prompt von dem Luchs an die ganze Gruppe gerichtet.

„Dies war euer erster Test auf dem langen Weg eurer Ausbildung. Ein recht simpler, zugegeben. Dennoch an der Fehlerquote kein zu unterschätzender. Ihr alle wart an einem fremden Ort einer unklaren Situation ausgesetzt, und wenngleich ihr hattet annehmen können, dass für euch keinerlei Gefahr besteht, so kommt es doch vor, dass einige die Nerven in einer solchen Lage verlieren, wenn sie mutmaßen, dass einer ihrer Kameraden bereits unter der Situation eingeknickt ist. Unser Freund hier…“

Womit Lynx auf Renat deutete.

„… hat durch sein ruhiges, bestimmtes Handeln nicht nur die Stimmung in der Gruppe entspannt, er hat auch von sich gezeigt, dass er selber in der Lage ist, in einer Ausnahmesituation gelassen, sicher und kameradschaftlich zu handeln. Diese Art des Auftretens und Handelns solltet ihr euch alle aneignen, denn die Ausbildung kann nur bestehen, wer solche Eigenschaften vorweisen kann. Aber genug davon. Der Ort, an dem wir uns hier befinden, ist der Hauptexerzierplatz des äußeren Regierungsbezirkes. Ihr werdet häufig herkommen und wenn ihr euch einmal auf dem Gelände aus welchem Grund auch immer verlaufen solltet. Es ist ratsam hierher zu kommen, da ihr von hier aus am schnellsten zu allen euch hier zugänglichen Orten gelangen könnt. Nun aber genug der Vorrede. Die Frau, welche ihr gleich kennen lernen werdet, ist die oberste Befehlshaberin der Friedensarmee. Sie ist nicht Frau vieler Worte und ihr werdet sie in der ersten Zeit auch kaum zu Gesicht bekommen. Prägt sie euch also gut ein, damit es für euch nicht peinlich wird, wenn ihr ihr einmal zufällig über den Weg lauft.“

Womit der Luchs das Podium verließ. Nach Momenten der erwartungsvollen Stille trat ruhigen und festen Schrittes schließlich eine junge Frau, kaum älter, vielleicht sogar jünger als Renat oder irgendein anderer der Neulinge, auf das Podest. Lange dunkelblonde Haare, ruhige blaugraue Augen, ein ernster aber nicht unfreundlicher, vielleicht ein bisschen trauriger oder von den Erfahrungen eines nicht immer schönen Lebens gezeichneter Ausdruck lag auf ihren Zügen. Am für diesen Empfang aufgestellten Rednerpult angekommen, warf die junge Frau einen langen prüfenden Blick in die Runde, ehe sie schließlich die schon fast bedrohlich wirkende Stille durchbrach.

„Guten Morgen. Ich begrüße alle hier Anwesenden und freue mich festzustellen, dass es, wenn meine Informationen stimmen, alle Neulinge dieses Jahres bis hier geschafft haben. Seit der Existenz der Friedensarmee ist dies erst das zweite Mal. Um nun aber die Unklarheit über meine Person beiseite zu schaffen: mein Name ist Destenia. Wie euch allen sicherlich bereits bekannt ist, gelten hier die Verhaltensnormen der Epheorieden. Der persönliche Umgang auch in so etwas scheinbar Banalem wie der Anrede ist besonders wichtig, da er die Kameradschaft stärkt. Wenn einer von euch sich dennoch unwohl dabei fühlt, einen Vorgesetzten mit Vornamen anzureden, so steht es euch frei, mich auch Kommandantin zu nennen. Wie ihr erkennen könnt, trage ich wie eure Ausbilder die rotweiße Paradeuniform unserer Armee. Der schwarze Umhang, welchen ich trage, weist mich darin aus, auch in einer leitenden Funktion in den Reihen der Epheorieden tätig zu sein. Wenn es zum jetzigen Zeitpunkt keine Fragen von eurer Seite gibt, dann verabschiede ich mich für den Moment und wünsche allen viel Erfolg in der Ausbildung.“

Noch einen schnellen Blick in die Runde werfend, wandte sich die Frau von der Gruppe ab und verließ den Platz auch schon wieder. Lynx, immer neben dem Podium stehend, richtete sich, ohne selbiges noch einmal zu besteigen, schließlich wieder an die Rekruten.

„Wenn ihr mir dann folgen wollt. Wir werden euch nun registrieren, euch neu einkleiden und euch eure Unterkünfte zuweisen sowie euch mit dem Gelände vertraut machen.“

Womit er sich an die Spitze der kleinen Gruppe begab. Nun, bei freier Sicht und zu etwas vorgerückter Zeit, begann das Gelände um sie herum sich immer belebter zu präsentieren. Sowohl Lynx als auch Destenia hatten recht gehabt mit dem, was sie gesagt hatten. Nicht, dass es in Zweifel gestanden hätte, aber es war regelrecht spürbar. Nichts hier fühlte sich nach militärischer Einrichtung an. Nicht die Gebäude, nicht die Bepflanzungen, nicht der Umgang, der hier gepflegt wurde. Nichts. Man hatte eher den Eindruck, in einer eigenen kleinen Stadt zu sein. Selbst ihre Unterkünfte hatten keinerlei militärischen Charakter. Zweibettzimmer mit eigenem Badezimmer, kleinem Balkon, Wohnecke, Arbeitsecke und Kochnische. Bei dem Anblick wurde Renat schnell klar, warum es so begehrt war, Mitglied der Friedensarmee zu werden. Er hatte zwar schon zuvor einiges gehört, aber all das hatte ihn nicht interessiert. Nicht das privilegierte Leben, nicht die gute Bezahlung. Nichts von alledem hatte ihn gelockt. Er hatte seine eigenen persönlichen Gründe und auch darin war er wohl nicht der einzige. Jeder, der hierherkam, hatte seine eigene Geschichte.

Kapitel 2

So viel anders als Menschen waren Epheorieden eigentlich nicht, die Feststellung machte Renat jedenfalls für sich in der Zeit der Grundausbildung. So gut ihr Leben auch in der Zeit außerhalb des Dienstes war, so hart war die Zeit im Dienst. Grundsätzlich hatten sie aber unerwartet viel freie Zeit. Wer jedoch nicht schnell begriffen hatte, dass es das Klügste war, diese in das Eigenstudium von relevanten Informationen und dem Training des eigenen Körpers zu investieren, der schied schnell aus der Truppe aus. Zwischen Gewaltmärschen durch unwirkliche Landstriche bei Tag und Nacht war es nicht nur der Schlafentzug, die Belastung ihrer Körper und die stetige Ungewissheit, wann was als nächstes geschah. Auch, wenn es für jedes vernünftige Individuum logisch sein musste und es sich jeder von vornherein hatte denken können, so machte es die Erkenntnis, irgendwann als Mensch auf ein Kampfniveau kommen zu müssen, das sich mit Epheorieden messen kann, nicht leichter. Aber was hatten sie auch erwartet. Alles hat seinen Preis und natürlich auch ein Leben mit Vorzugstatus. Eine andere Sehensweise half auch nicht wirklich: Eigentlich, wenn man es ehrlich und objektiv besah, brauchten die Epheorieden keine Menschen. Egal von welchem Standpunkt aus man die Angelegenheit auch betrachtete. Es gab nichts, was irgendein Mensch der Friedensarmee beisteuern konnte, das nicht von Epheorieden erfüllt werden konnte. Bestenfalls die Menschenquote zu erfüllen, wenn man denn eine solche erwähnen wollte. Natürlich, ohne dass es diese wirklich gab. Überhaupt. Eine Armee Friedensarmee zu nennen. Was für eine fast absurde Entscheidung. Alles in Allem wirkte es, nein, musste es auf jeden nüchternen Beobachter einfach wie eine Farce wirken. Aber letztlich ging es auch hierbei wie bei im Grunde allem wieder einmal nur um Politik. Um Menschen und Epheorieden einander annähern zu können, bedurfte es nun einmal beider beteiligten Seiten. Aber was kümmerte es Renat. Es kümmerte ihn gar nichts. Es war für ihn und seine Ziele belanglos, wenn nicht sogar bedeutungslos. Er lachte bei diesen Gedanken in sich hinein. Wie war es mit ihm so weit gekommen? Hatte es so weit kommen können? Auch das spielte jetzt keine Rolle mehr. Es war alles so, wie es war.

Gut dreiviertel ihres Jahrgangs hatten die Grundausbildung gemeistert und waren jetzt Teil einer Armee, deren Feind der Streit zweier Spezies war, … im Wesentlichen, denn die meisten Kreaturen mischten sich einfach nicht ein. Eine der Parteien hätte mit Sicherheit in nur einem Tag und einer Nacht die Angelegenheit für sich entscheiden können. Jedem war dies klar. Laut an- oder es gar auszusprechen aber wagte niemand. Kein Wunder. Es war keine tolerierte Option und stand zu dem Zeitpunkt nicht zur Debatte. Ein Umstand, der für immer mehr Unmut sorgte. Fühlte sich die unterlegene Seite schließlich mehr und mehr nicht ernst genommen und sogar verhöhnt. So war es auch eines der angestrebten Ziele, Differenzen zu überbrücken und einen Frieden herzustellen, welcher praktisch schon nicht einmal mehr von den größten Optimisten beider Seiten erwartet wurde. Eine im Grunde aussichtslose Mission und mehr ein Wunschtraum, dessen Erfüllung eher in ferner Zukunft lag, als in greifbarer Nähe. Aber selbst das kümmerte Renat nicht in dem Maße, in welchem man es hätte annehmen sollen. Ebenso erging es Diego, der, seiner eigenen Aussage nach, dieses Leben nur gewählt hatte, um seinem Freund auf dessen Weg beizustehen. Zumindest war es das, was er immer wieder bekräftigte. Beide teilten sich ein Zimmer, hatten gemeinsam ihr altes Leben hinter sich gelassen. Nun waren sie ebenfalls gemeinsam Mitglieder von etwas, dessen Zweck zum größten Teil aus einem ambitionierten guten Willen bestand, der nicht viel mehr als ein Wunsch, geboren aus den Geschehnissen der Vergangenheit und dem Vermächtnis Verstorbener war.

Der Tag der endgültigen Aufnahme in die gemischte Armee kam. Wer Neuling und damit nur Rekrut war, besaß nicht viele Bewegungsfreiräume. Nicht einmal das Gelände des äußeren Regierungsbezirkes durfte ohne Ausbilder verlassen werden. Tatsächlich gab es nichts anderes zu erledigen, als sich auf die Grundausbildung zu konzentrieren. Und doch war dies für alle, die es bis zu diesem Punkt geschafft hatten, ein besonderer Tag. Die Sonne stand hoch. Jetzt am späten Vormittag herrschte eine angenehme Wärme, aber in nur wenigen Stunden konnte es so hieß werden, dass selbst schattige Orte nicht hinreichend Kühle für eine angenehme Erfrischung spenden konnten.

„Und? Aufgeregt, Renat?“

„Was soll die Frage, Diego?“

„Naja, ich dachte nur! Immerhin werden wir heute in den Soldatenstatus übernommen. Heute ändert sich wieder einiges für uns.“

Renat lächelte seinen Freund erst nur schräg an, ehe er sich über dessen irritierten Gesichtsausdruck doch erbarmte, eine Antwort zu geben.

„Das ist etwas, das ich an dir so mag.“

„Was?“

Erneut war der Kamerad irritiert.

„Dieses Kindliche. Leicht zu beeindrucken, aufgeregt, neugierig, aufgeschlossen, ich könnte noch lange so fortfahren. Kurz, ich mag deine unbeschwerte Art!“

„Wieso? Weil sie so gegensätzlich zu deiner ist?“

„Was soll das denn heißen?!“

Jetzt war es Diego, der lachen musste und einen Moment brauchte, ehe er vernünftig antworten konnte.

„Entschuldige. Ich wollte dich nur auf den Arm nehmen. Deinen Gesichtsausdruck eben hättest du sehen sollen! Herrlich! Aber mal im Ernst. Du bist wirklich ein feiner Kerl. Sonst wäre ich auch nicht mit dir befreundet. Trotzdem, ich denke, du solltest etwas häufiger entspannen. Dann könntest du vielleicht auch glücklicher leben.“

„Wer sagt denn, dass ich unglücklich bin?“

„Niemand. Aber manchmal, wenn du dich nicht beobachtet fühlst oder in Gedanken versunken bist, dann sieht man, wie sehr du doch mit der Vergangenheit kämpfst. Vielleicht sogar ein wenig wegen dieser leidest.“

„Und? Ist etwas falsch daran?“

„Nicht unbedingt, aber du leidest, weil du nicht loslässt!“