"Mensch Lehrer!" - Frank U. Frey - E-Book

"Mensch Lehrer!" E-Book

Frank U. Frey

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Beschreibung

Was macht das vorliegende Buch nun so unterhaltsam und lesenswert? Ein Blick in das Inhaltsverzeichnis verrät dem Leser, was ihn auf den 204 Seiten erwartet. Von "Kakao und Zahnlücke" in der Kindheit über den "Meister im Bohren dünner Bretter" in der Ausbildungszeit bis hin zum "Ferienkoller" und der Erkenntnis "Lehrer kann man riechen" im aktiven Dienst wird der Leser "Von Baustelle zu Baustelle" durch das Leben des Gymnasiallehrers Heinz-Dieter Lauer geführt. Dieser knüpft seine Erlebnisse zwischen Frust und Freude an einen 2520 Kilometer langen Kreidestrich, der ihm als "weißer Faden" durch das Buch dient. Die Begegnungen Lauers mit Generationen von Schülern, Eltern und Kollegen decken die gesamte Palette zwischenmenschlicher Beziehungen ab. Tragische, heitere und komische Momente lassen den Leser zum Schluss kommen: die besten Geschichten schreibt das Leben selbst.

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Veröffentlichungsjahr: 2014

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Über das Buch

Bevor die Erinnerungen des Lehrers Heinz-Dieter Lauer nach einer ins Greisenalter verschobenen Pensionierung schweigend in Lückenhaft einsitzen, habe ich sie in das vorliegende Buch gezerrt. Sie haben sich dabei tüchtig gewehrt, geziert und verstellt.

Manche erscheinen mir nun weichgespült und schöngefärbt, andere dramatisch übertrieben und fast alle schwindeln sie was das Zeug hält.

So mag sich der Leser, der irgendwo in den Zeilen die Ware Realität zu finden glaubt, darüber im Klaren sein, dass ihm letztlich nur die pure Fantasie angeboten wird.

Allein schon deshalb sind die Namen aller erwähnten Personen frei erfunden und die Ortsangaben diffus gehalten. Die Schulen bezeichne ich entsprechend ihrer Bedeutung für die Lebensgeschichte des Protagonisten.

Frank U. Frey im Januar 2014

Über den Autor

„Frank U. Frey“ ist eins der Pseudonyme, unter denen der in der Mitte des letzten Jahrhunderts geborene Gymnasiallehrer seit fünf Jahren schreibt.

Neben dem vorliegenden Buch hat er sich der Lyrik zugewandt und Kurzgeschichten verfasst.

Frank U. Frey

„Mensch Lehrer!“

Ein Experiment, sich zu erinnern

www.tredition.de

© 2014 Frank U. Frey

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN: 978-3-8495-7686-8

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

INHALT

Kapitel 1 Wie ich es wurde

1.1  Auf der anderen Seite – eigene Schulzeit

Abitur auf dem Flur

Kakao und Zahnlücke

Der zweite erste Schultag

Gymnasiale Schlüsselerlebnisse

Mittelstufe grüßt Pubertät

Das Superjahr

1.2  Nach der Schule – vor dem Studium

Gemusterter Knabe

Zäpfchenstreich

Mein Bundeskanzler bei der Bundeswehr

Zum Ende und Schluss der Entschluss

1.3  Studiumseindrücke

Mit Ofenheizung zur Zwischenprüfung

Lehrer auf Vorprobe

Kapitel 2 Startzeit

2.1  Üben unter mäßiger Aufsicht

Das Zwischendurch-Gymnasium

Meister im Bohren dünner Bretter

Mit Koch und Zack auf Zack

2.2  Ab in die Pfalz!

Studienrat sucht Wohnung

Die Chemie stimmt

Heimatgefühle – aber nicht hier

Bundeswehr ade

Nach Hause

Kapitel 3 Voll im Geschäft

3.1  Das Geschäftsleben

Generationswechsel

Von Baustelle zu Baustelle

Ferienkoller

3.2  Die Geschäftskunden

Fadensuche

Die Schüler

Die Klassen

Die Eltern

3.3  Mitarbeiter im Geschäft

Lehrer kann man riechen

Prototypen

Kollegien

Chefs

Hausmeister & Co

Kapitel 4 Karriere: Leiter oder leider?

4.1  Appetit auf Arbeit

Der frühe Vogel fängt den späten

Pressekonferenz

Wetten, dass …?

4.2  Verfahrene Verfahren erfahren

Der Freischuss

Nur noch bei Anruf

Dreifach genäht

4.3  In Amt – aber Würde?

Umbau

Ausbau

Raubbau

Die Erinnerung

Sie flicht das Wirrwarr der Gedanken zu einem festen Bilderzopf, lässt bunte Fäden um ihn ranken

Kapitel 1 Wie ich es wurde

1.1  Auf der anderen Seite – eigene Schulzeit

Abitur auf dem Flur

Eine Zeit lang war ich felsenfest davon überzeugt, dass ich schon während meiner eigenen Schulzeit – spätestens am Gymnasium – Lehrer werden wollte. Doch ein zufälliger Blick in den Jahresbericht 1971/72 meines Ursprung-Gymnasiums in einer deutschen Kleinstadt belehrt mich Jahrzehnte später eines Besseren. Dort gibt der Abiturient der OImath Heinz-Dieter Lauer als seinen Berufswunsch Diplom-Ingenieur an.

Ich stutze und bin während der weiteren Lektüre verwundert – kommt mir doch so vieles andere durchaus bekannt und vertraut vor: Die abgedruckten Abituraufgaben, die stichwortartig aufgezählte Schulchronik des betreffenden Jahres und die penibel nach dem Dienstgrad sortierte Liste des Lehrkörpers.

Dachte ich im Mai damals etwa noch nicht an die Tätigkeit, von der ich heute behaupten würde, dass sie mir als Traumberuf schon in die Wiege gelegt worden ist? Wenn es wirklich erst später war, wann soll dies dann gewesen sein? Sicher war es nicht in jenem Jahr 1972, das mir in der Gestalt eines mit Fliege und Werner-Höfer-Brille geschmückten Oberstudiendirektors das Reifezeugnis übergab – nicht in der festlichen Atmosphäre der Schulaula, sondern im düsteren Flur vor dem Lehrerzimmer.

Dort lungerten wir Abiturienten langhaarig, mit Nickelbrillen, in schmuddeligen Parkas und engen Jeans herum. Ich hatte meine getackert, nachdem meine Mutter die von mir dilettantisch gereihten Nähte wieder aufgetrennt hatte.

Wir hegten als Fast-68er nur den einen Wunsch: Raus hier!

Kakao und Zahnlücke

Aber wenn ich etwas weiter zurückblicke, sehe ich vor mir einen Jungen, der immer gerne zur Schule ging.

Vor dem Übergang zum Gymnasium – eine Zeit, in der die familiäre Situation alles andre als rosig war – zog ich fröhlich und unbekümmert durch die Welt der Schiefertafeln, Schönschreibhefte und Pausenkakaos zu zehn Pfennig. Mir fiel das Lernen leicht.

Aus dieser Volksschulzeit mit dem durch ihr Holzbein ans Pult gefesselten Fräulein Wald – Fräulein, obwohl schon jenseits der Sechzig – fällt mir heute nicht ein Nachmittag ein, an dem ich Hausaufgaben zu erledigen hatte. Ich durfte und konnte diese schon in der Schule machen und verbrachte den Nachmittag mit Spielen – am liebsten im Freien.

Das dritte Schuljahr sah die erste, aber auch letzte echte Schlägerei meines Lebens. Die Erkenntnis, dass die Trauer um zwei ausgeschlagene Milchschneidezähne nicht durch den Triumph über die blutige Nase des Kontrahenten wettgemacht werden konnte, hielt mich in der Zukunft heilsam von rein körperlichen Problemlösungsversuchen ab.

So machte ich meiner Mutter auch in dieser Hinsicht keine Sorgen. Sie war froh darum, musste sie doch uns fünf Kinder alleinerziehend nur mit Sozialhilfe irgendwie – wirklich irgendwie – durchbringen.

Die Jahre, in denen ihre Ehe mit meinem Vater in der Substanz zu Staub und Asche zerbröselte, setzten meinen älteren Geschwistern in ihrem Selbstbewusstsein derart zu, dass sie sich allesamt nicht trauten, eine weiterführende Schule zu besuchen. Ich erinnere mich an einen Nachmittag, als mein Bruder weinend unsere Mutter anflehte, nicht auf die Realschule gehen zu müssen, obwohl dies sein Klassenlehrer dringend empfohlen hatte.

Mein eigener erster Schultag am Gymnasium ist eine Geschichte für sich.

Der zweite erste Schultag

Ich muss alleine mit dem Bus fahren – das Umsteigen eingeschlossen. Mein Ziel ist das riesige und ebenso Ehrfurcht wie Angst einflößende Gebäude meines Ursprung-Gymnasiums. Der alte und dunkle Bau liegt an einer stark befahrenen Straße, die den Schwerlastverkehr durch meine Heimatstadt leitet.

Meine Mutter kann nicht mitkommen, weil sie meinen vierjährigen Bruder zu versorgen hat. Auf dem weiten Schulhofgelände versammeln sich immer mehr Kinder, die zumindest von einem Elternteil begleitet werden.

Es ist 9 Uhr. Obwohl die älteren Schüler des Jungengymnasiums schon längst Unterricht haben, ist für mich die Menschenmenge unüberschaubar groß und beeindruckend zugleich.

Der Schuldirektor, der ein Zwillingsbruder von Werner Höfer zu sein scheint, hält seine Begrüßungsrede. Meine Gedanken fliegen woanders hin. Ich kenne den echten Werner Höfer als TV-Moderator aus dem sonntäglichen „Internationalen Frühschoppen“ – eine Sendung, die meine Mutter regelmäßig zu Hause schaut. Trotz unserer ärmlichen Verhältnisse haben wir schon jahrelang ein Grundig-Fernsehgerät, ein Schlechtes-Gewissen-Mitbringsel meines nie anwesenden Vaters.

Ich bin stolz auf unseren Fernseher aber neidisch auf diejenigen Kinder, die hier von beiden Eltern begleitet werden und bestimmt wie ich vor Aufregung an den Worten des Direktors vorbeilauschen.

Nachdem „Werner Höfer“ seine Rede beendet hat, treten die Klassenleiter der neuen Sexten auf den Plan, indem sie in alphabetischer Reihenfolge die Namen ihrer Schüler vorlesen. Ich muss mich konzentrieren, werden doch die Vornamen einfach ignoriert. In der VIa ist gar kein Name mit „L“ dabei, in der VIb wird ein „Lau“ aufgerufen – falsch, denn ich warte ja auf „Lauer“. Bei der VIc lausche ich noch gespannter: „… Lachmann, Laue, Matell …“ – wieder falsch! Schließlich beendet die Klassenleiterin ihre vornamenlose Listenlesung und setzt sich mit ihren Schülern in Bewegung.

Ich schaue um mich herum und entdecke, dass außer mir kein Sextaner mehr übrig geblieben ist. Ich fühle mich sehr alleine, verloren und ratlos. Meine Angst verbietet mir sogar die Tränen. Eine Frau scheint dies bemerkt zu haben und fragt mich nach meinem Namen. „Heinz-Dieter Lauer“, betone ich meinen Vornamen. Mit dieser Antwort im Ohr weist sie mit ihrem Zeigefinger in Richtung der sich in Zweierreihen fortbewegenden Marschformation der zuletzt genannten Klasse. Ich renne ihr hinterher und hänge mich unmittelbar hinter einem dicklichen, weißhäutigen Jungen mit Mecki-Haarschnitt an das rettende Zugende.

Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, diesen um ein Haar misslungenen Schulstart zu Hause erzählt zu haben. Vielleicht war er damals auch durch die zahlreichen auf mich einwirkenden neuen Eindrücke weniger wichtig, als ich es heute in der Erinnerung eines Erwachsenen einschätze.

Auf jeden Fall ist mir weder an diesem ersten Tag noch in den beiden folgenden Schuljahren am Gymnasium jemals der Gedanke gekommen, selbst einmal solche Namenslisten verlesen zu wollen, auch wenn ich mir dies dann sicher mit Vor- und Nachnamen vorgenommen hätte.

Gymnasiale Schlüsselerlebnisse

Wahrscheinlich gab es gar keinen solchen denkwürdigen Tag, an dem ein zentrales Schlüsselerlebnis in mir den Wunsch entzündete, Lehrer zu werden.

Sollten es eher die vielen kleinen, aber feinen Erfahrungen gewesen sein, die sich mosaiksteinchenartig zusammenfügten, um mir dann schließlich nach meinem Abitur in klaren Konturen den Weg zu weisen?

Oder war – auch wenn sich im Nachhinein eine gewisse Folgerichtigkeit ablesen lässt – alles nur Zufall?

Ein Streifzug durch meine gymnasialen Lehrjahre kann zur Beantwortung dieser Fragen wohl keinen größeren Schaden anrichten.

Die ersten beiden Schuljahre waren geprägt von meiner Anpassung an so viel Neues. Meine Mutter konnte mit ihrem Lerne-fleißig-und-sei-anständig mir keine intellektuelle Hilfe bieten.

Ihr Versuch, meine älteste Schwester auf die Kontrolle meiner Hausaufgaben anzusetzen, war ebenso vergeblich wie einmalig. Weder suchte ich Hilfe, noch hatte ich sie nach meiner Ansicht nötig, denn ich kam alleine einigermaßen zurecht.

Nur war ich anfangs allzu stark von den vor Selbstbewusstsein strotzenden Klassenkameraden beeindruckt, deren Eltern als Rechtsanwälte, Ärzte und Apotheker ihren Söhnen mit ausgestrecktem Arm den Weg nach vorn wiesen.

Typisch für diese Situation waren die pädagogisch fragwürdigen Wettbewerbe, die sich damals der Lehrkörper des Ursprung-Gymnasiums einfallen ließ.

Vom Lispeln und Singen

„Good morning boys!“, schmettert Mr. Acker uns eines Morgens zur Begrüßung entgegen, um uns dann mit eindringlichem Blick die Regeln seines neuen Spiels zu offenbaren.

„Today we will have a championship in reading. You will start Detlef. If you will make a mistake”, seine Augenbrauen ziehen sich bedrohlich zusammen, „you will have to stop reading at once and your neighbour will continue!”

Detlev liest ganz gut, aber nur bis zu dem ersten s-Laut, denn Detlef lispelt stark. Der Engländer an sich hat ja nichts gegen Lispellaute – doch nur an den ausgewählten Stellen des „th“.

„Stop!“, schreitet Mr. Acker ein. „James! It’s your turn!“ Jakob liest flüssig, aber nur kein Englisch, was der unerbittliche Schiedsrichter mit den Worten „Oh James! You are reading Jamesish!“ abfällig quittiert.

Als Nächster liest Peter – und liest und liest. Irgendwann macht er absichtlich einen Fehler, grinst stolz und überheblich in die Runde, damit auch für jeden klar ist: er könnte noch länger, hat aber keine Lust mehr. Peter – die Inkarnation eines jungarroganten Arztsohnes – ist übrigens der dickliche, weißhäutige Junge von meinem ersten Schultag.

Nun bin ich an der Reihe. Meine Anspannung, ja keinen Fehler zu begehen, steigert sich in Aufregung, als ich eine Zeile weiter das Wort „something“ erblicke. Auch ich neige manchmal zu leichtem Lispeln, konzentriere mich daher besonders gut und lese dann doch so etwas wie „thomesing“, als das verdammte Wort an die Reihe kommt.

Wer nun weiterlesen durfte weiß ich heute nicht mehr. Ich erinnere mich nur an meinen Zorn über die ungerechten Spielregeln. Im Fach Musik ging es ähnlich zu.

Ich kann eigentlich ganz gut singen – vor allem in der Gemeinschaft eines Chores und so möchte ich gerne in den über die Stadtgrenzen hinaus bekannten Schulchor. In der Aufnahmeprüfung müssen die Bewerber unserem Musiklehrer – einem Fels an unein geschränkter Autorität – paarweise vorsingen. Er zelebriert diese Prüfungssituationen, ist er doch in seiner Jugend selbst Sängerknabe im strenggeführten, legendären Thomanerchor gewesen.

„Der Mond ist aufgegangen – Lachmann die erste Stimme und Lauer die zweite!“

Der Lehrer legt mit aufforderndem und prüfendem Blick die Hände auf die Klaviertasten.

Lothar Lachmann – Arztsohn und heute ein berühmter Orgelprofessor – absolviert die erste Stimme glockenrein und ich singe im richtigen Takt mit – nur eben auch die erste Stimme.

Damit hat sich die Angelegenheit Schulchor für mich erledigt. Doch immer wenn die Auserwählten die „Carmina Burana“ Carl Orffs proben, lausche ich durch die trennende Wand und singe mit, denn im Chor kann ich das ja.

Trotz dieser frustrationsträchtigen Erlebnisse, die heutzutage schon viele Kinder – samt ihren Eltern – zu Fällen für den Schulpsychologen werden lassen, emanzipierte ich mich mehr und mehr.

Familiäres Intermezzo

Ich wuchs im Fußballverein und Turnunterricht zu einem brauchbaren Sportler heran, lernte schnell, richtig und richtig schnell rechnen, gewann Spielkameraden und echte Freunde – kurz: ich entwickelte mich zu einem aufgeschlossenen und aufgeweckten Burschen.

„Der macht sein Abitur! Der ist munter und unruhig wie Fipps der Affe!“, waren die Worte meines Mathematiklehrers, die meine Mutter von ihrem ersten und letzten Besuch eines Elternsprechtages mit nach Hause brachte.

Ich war mächtig stolz auf diese Prognose, obwohl ich noch gar nicht wusste, was das Abitur eigentlich bedeutete. Aber dass sie ausgerechnet von dem Mann ausgesprochen wurde, der die halbe Klasse mit den Worten „Junge, geh’ doch in den Bims!“ abqualifizierte, erfüllte mich mit Genugtuung.

Ich ging auch relativ unbefangen – fast unbekümmert – mit den damals wirklich schwierigen familiären Verhältnissen um. Ich ignorierte sie zwar nicht, doch sie belasteten mich weniger als es ihnen vielleicht zustand.

Wir hatten umziehen müssen in eine für sechs Personen viel zu kleine Sozialwohnung in einem vom unteren Drittel der Gesellschaft bewohnten Mietshaus.

Meine Mutter war verzweifelt ob des Krachs und Drecks der Durchgangsstraße, an der wir gelandet waren. Sie weinte während der Schlüsselübergabe still vor sich hin, als der Hausverwalter alle Anwesenden – auch die Erwachsenen – distanzlos duzte und hausordnungsmäßig einschüchterte.

Ich aber war froh über die neue Wohnlage, befand sich doch der Häuserblock schräg gegenüber meines Ursprung-Gymnasiums.

Von dem kleinen, rothaarigen Mitvierziger über uns lernte ich das Streichen und Tapezieren, das Bohren und Dübeln. Auch räumte ich immer die Schuhe aller Familienangehörigen in den Schuhschrank, nachdem ich sie gegen einen kleinen Lohn geputzt hatte.

Woher dieses innere, nicht belastende Verantwortungsgefühl kam, kann ich heute nur vermuten: Mein Großvater – mütterlicherseits – war mir in diesen Jahren ein echter Vaterersatz.

Er zeigte mir viele Dinge des Alltags, verlangte Arbeiten von mir, ohne mich zu gängeln, und bot mir die Freiheit zum Spielen auf Feldern und Wiesen und in den Wäldern seines Heimatdorfes.

Ich lernte das Drachenbauen, Haselnusszweige zu schnitzen und die Sonderangebote im Sparmarkt des höhergelegenen Nachbarortes mit dem Uralt-Rad meiner Oma – ohne jegliche Gangschaltung – zu ergattern.

Zur Belohnung durften mein Bruder und ich auf dem großväterlichen Miele-Moped durch den Garten brummen – weit vor dem Zeitpunkt, an dem wir einen Führerschein hätten machen können.

Mittelstufe grüßt Pubertät

Die Ferienwochen bei den Großeltern wechselten sich harmonisch mit den schulaktiven Zeiten ab. In der Quarta wurden mit der Wahl der zweiten Fremdsprache die Lerngruppen neu zusammengestellt.

So mussten die zukünftigen Lateinschüler aus meiner Quinta – und damit die Ärzte- und Apothekersöhne – in eine andere Klasse. Ich sollte sie erst später in der Oberstufe wiedersehen.

Lag es an diesem Umbruch, an den folgenden Lehrerpersönlichkeiten oder schlicht an mir selbst, dass ich mich zum Klassenbesten mauserte? Ich kümmerte mich bewusst eigentlich nicht mehr als bisher um die Schule, aber die Zweien und Einsen häuften sich trotz zweier Kurzschuljahre auf meinem Zeugnis.

Wahrscheinlich war es für einen Jungen in diesem Alter einfach nur von Vorteil, dass sich Stimmbruch und Pubertät erst spät – und dann eher maßvoll rufend als laut schreiend – zu Wort meldeten.

Herr Rehmann

Mein Klassenlehrer in dieser Zeit war Herr Rehmann. Er hatte die schon damals anrüchige Fächerkombination Erdkunde und Sport.

In der Turnhalle ließ er uns antreten und ich musste beobachten, dass ich innerhalb eines Jahres beim „Nach-der-Größe-Aufstellen“ vom ersten Drittel an die drittletzte Position bei den echten Zwergen landete.

Dieser Mann strahlte eine einschüchternde Autorität aus. Nur was die eine – seine – Sportart anbetraf kam Begeisterungsfähigkeit dazu.

So brachte er mich zum Volleyballspiel, das noch eine bedeutende Rolle in meinem Leben einnehmen sollte. Er förderte mich und zwei Klassenkameraden durch unverhohlene Bevorzugung, indem er uns im Sportunterricht die Grundtechniken Pritschen und Baggern lehrte.

Während wir das Gelernte drillmäßig einüben durften und mussten, rannte der Rest der Klasse ohne jegliche Aufsicht – geschweige denn Anleitung – einem Fußball hinterher.

Es kam auch schon einmal vor, dass er sich nach dem obligatorischen Antreten und Abschreiten der Schülerfront in das Sportlehrerzimmer verzog, nicht ohne uns vorher ein paar Bälle rauszuwerfen. Diejenigen Untergebenen, die sich beim Umkleiden für ihn zu laut gebärdet hatten, mussten dann im Papierkorb Steine vom Aschenplatz aufsammeln oder – in besonders schweren Fällen – seinen Citroën DS21 vor der Turnhalle waschen.

Herr Rehmann war auf gut Kanzler-Schröder-Deutsch gesagt schon ein „fauler Sack“. Im Erdkundeunterricht folterte er, während er ein Brötchen verschlang und sich eine Flasche Cola in den Hals goss, drei Prüflinge zu schlechten Noten. Dazu stellte er tückische Spezialfragen zum Text aus dem nur für ihn geöffneten Lehrbuch.

Ich hatte den Dreh schnell heraus und lernte am Morgen vor einer Erdkundestunde noch im Bett den Text mehr oder weniger auswendig. So konnte ich bei einer Frage genau den gewünschten Wortlaut wiedergeben, den Herrn Rehmann – mit dem Finger mitlesend – wohlgefällig abnickte.

Und Herr Rehmann war, was ich ihm nie verziehen habe, ein gewalttätiger Despot. Als er eines Morgens einen Mitschüler, den er beim unerlaubten Pfeifen erwischt hatte, in seiner zynischen Art fragte: „Willst du eine fünfseitige Strafarbeit oder eine Ohrfeige?“, belohnte er dessen mutige Wahl mit einem so heftigen Schlag auf das linke Ohr, dass das Blut herausspritzte.

Ein klasse Lehrer als Klassenlehrer

Seit diesem Tag sah ich Rehmann nur noch in einem schlechten Licht und war froh, dass er im nächsten Jahr als Klassenlehrer durch Herrn Riebes abgelöst wurde.

Dieser förderte in den Sportstunden weiterhin unser Volleyballtalent, ohne die anderen Schüler zu vernachlässigen. Obwohl sein zweites Fach Biologie war, wurden wir Gott sei Dank seinen Vorgänger in der Klassenleitung auch als Erdkundelehrer los.

Im Biologieunterricht mit Herrn Riebes wurde nun erklärt, geübt, gelernt und die Noten erwuchsen aus dem, was man wirklich konnte und wusste.

Zu einer gerechten und vertrauensvollen Unterrichtsatmosphäre gesellte sich das fortgesetzte Engagement meines neuen Klassenlehrers, unseren Hunger auf Volleyball zu stillen.

In den folgenden zwei Jahren bis zur Mittleren Reife, in denen ich ohne Ecken und Kanten durch die Pubertät glitt, fühlte ich mich im Umgang mit Herrn Riebes fast väterlich geborgen.

Stolz wie Oskars durften wir als blutige Anfänger und krasse Außenseiter an den Deutschen Meisterschaften der Volleyball-B-Jugend teilnehmen.

Wir verfügten zwar schon über eine solide Grundtechnik, waren aber noch weit entfernt von den wirkungsvollen Schmetterbällen, die uns die Gegner um die Ohren schlugen.

Mir fiel auf, dass alle anderen Mannschaften von ein oder zwei Spielerstars geschmückt wurden, die ihre Rolle auch überdeutlich zelebrierten: Aufwärmen und Einschmettern mit Rund- und Umblick durch die gesamte Turnhalle.

Ich fand dies albern und angeberisch zugleich, war unsere Mannschaft doch homogen wie aus einem Guss zusammengestellt.

Dementsprechend schliefen wir alle in einem einzigen Viele-Betten-Zimmer in der Jugendherberge, das sich sogar unser Betreuer Herr Riebes mit uns teilte, wobei er sich mit bemerkenswerten Beiträgen am nächtlichen Witzerzählen beteiligte.

Trotz fehlender überragender Einzelkönner belegten wir – ohne Erinnerungsgewähr – schließlich einen für uns beachtlichen 4. Platz.

Mittlere Reife oder was?

In der zehnten Klasse stand eine Klassenfahrt an den Bodensee auf dem Programm, bei der Herr Riebes – wie es sich gehörte – nun alleine in seinem Leiterzimmer schlief.

Die 400 Kilometer Entfernung von zu Hause bedeutete für mich – wie die zunehmend weiter entfernten Volleyball-Spielorte – ein die Grenzen der großväterlichen Landferien sprengendes Hinaus-in-die-Welt-Gehen.

Auf dieser Fahrt schaute ich als 16-Jähriger zum ersten Mal genauer – das heißt irgendwie anders – auf das weibliche Geschlecht. An mir selbst beobachtete ich das in jener Zeit nicht unübliche Längerwachsen-Lassen der Haarpracht und das bewusste Auswählen meiner Klamotten.

In unserer Freizeit abseits des Klassenfahrtprogramms zogen wir Jungs durch Friedrichshafen. Manche rauchten wie Männer von Welt und einige übten sich im Klauen – einem Wettbewerb, an dem ich mich nicht nur aus Furcht heraushielt.

Worin lagen Sinn und Zweck, wenn der eine sich auf die soeben eroberte Sonnenbrille einen Augenblick später mit knirschenden Begleittönen setzte?

Oder was sollte der Bodensee mit dem Stapel Ansichtskarten anfangen, den ein anderer unrechtmäßiger Besitzer in das Wasser warf, weil er ja sowieso keine Karte schreiben wollte? Noch unsinniger – dafür aber auch irgendwie lustig – war der folgende Vorfall.

Christian möchte nun endlich auch mal etwas klauen. Er sucht sich an einem Souvenirkiosk so ein Ding als Beute aus, das einen kuhechten Muh-Laut von sich gibt, wenn man es umdreht.

Christian wittert seine Chance, als der Kioskbesitzer wegschaut, streckt seine Hand aus und will das Objekt mit einem Grabsch-dreh-in-die-Tasche-Stecken verschwinden lassen. „Muuuuuuuuuh!“, meint die Kuh lapidar dazu.

„Du Bursch’! Da hol’ ich gleich die Polizei!“, schimpft der Bestohlene den zu einer armen Seele erstarrten Viehdieb.

Irgendwie entkommt dieser der unangenehmen Situation, was aber nicht verhindern kann, dass am nächsten Tag der um Größenordnungen dreistere Manfred einfach zwei LPs unter seiner Knautschlackjacke aus einem Kaufhaus kidnappt.

Das Superjahr

Die folgenden Jahre in der Oberstufe trieben meine Emanzipation weiter voran. Ich war bestens ausgelastet – und das in genau dieser Reihenfolge – durch meine Freundin, meinen Sport und die Schule, die wie von selbst lief.

Der Volleyballsport brachte mich nicht nur mit der ersten Mannschaft meines Heimatvereins in die höchste deutsche Spielklasse, sondern er katapultierte mich sogar in die deutsche Nationalmannschaft der A-Jugendlichen.

Die familiäre Situation zeigte sich in finanzieller Hinsicht durch das Wiederauftauchen des nach der Scheidung verschollenen Vaters vorübergehend etwas entspannter. Er hatte wirtschaftlich irgendwie noch einmal fußgefasst und wollte einiges wieder gutmachen, was ihm aber nur rein äußerlich gelang.

Er suchte und fand Kontakt zu uns Kindern, überschüttete uns mit finanziellen und materiellen Geschenken und musste dennoch erfahren, dass er – zumindest was mich anbetraf – weder emotional noch rational als Vaterfigur ankommen konnte.

Ich war selbst zum Mann geworden, experimentierte nicht mit Drogen und sank auch trotz der mütterlichen Prophezeiung, dass mit einer Freundin meine Noten schlechter würden, schulleistungsmäßig nicht ab. Und dabei trainierte ich noch bis zu fünfmal in der Woche.

Der Höhepunkt meiner Umtriebigkeit in jener Zeit war das Jahr 1972. Nachdem ich im Mai vom Werner-Höfer-Direktor mein Abiturzeugnis erhalten hatte, jobbte ich fünf Wochen lang im Verkaufsbüro eines Dosenproduzenten, um mir das Geld für den Führerschein zu verdienen.

Wie wenig dort in der echten Erwachsenenwelt gearbeitet und wie viel aber gleichzeitig Mitarbeiter belästigt wurden, fand ich abstoßend und ernüchternd. Nein – so einen Job wollte ich nie ein ganzes Leben lang machen!

Der Führerschein gelang und mein spendabler Erzeuger schenkte mir einen kleinen Fiat 850, der mich noch unabhängiger machte, obwohl er schon nach sechs Wochen von einer Autofahrerin aus dem Ruhrgebiet ins Jenseits befördert wurde.

Meine Freundin, die ich an Karneval des Vorjahres kennengelernt hatte, ging noch zur Schule. Trotz meines ständigen Unterwegsseins wurden wir ein unzertrennliches Paar.

Mit der satten Zahlung der Autoversicherung für das Fiat-Debakel konnte ich mir einen weißen VW-Käfer mit Faltschiebedach leisten. Darin fuhren wir in jeder freien Minute gemeinsam durch unsere junge Weltgeschichte