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Mentorenprogramme - im Kern Hilfe zur Selbsthilfe - können den Integrationsprozess unbegleiteter Minderjähriger in die deutsche Gesellschaft und den deutschen Arbeitsmarkt maßgeblich unterstützen. Mentoring ist eine hochspezifische Maßnahme, die auf einer engen und vertrauensvollen Beziehung zwischen Mentoren und Mentees beruht. Auf dieser Basis werden die Kinder und Jugendlichen in ihrem Erleben und Verhalten grundlegend unterstützt und in ihrer kognitiven und sozial-emotionalen Entwicklung sowie ihrer Identitätsbildung ganzheitlich gefördert. Dieses Buch erläutert anhand sozial- und organisationspsychologischer Erkenntnisse, wie Mentorenprogramme für diese besonders schützenswerte Gruppe gelingen können und welche besondere Bedeutung hierbei Erwartungen, Motiven, Vertrauen und Wertschätzung zukommt.
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Seitenzahl: 130
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Die Autorinnen
M. Sc. Patricia Heinemann ist als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Sozial- und Organisationspsychologie an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt tätig. Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen die Themen Förderung und Unterstützung sozial-benachteiligter Kinder und Jugendlicher mit dem Fokus auf Mentoringprogrammen für diese Zielgruppe sowie der Motivforschung von ehrenamtlich Engagierten.
Prof. Dr. Elisabeth Kals lehrt Sozial- und Organisationspsychologie an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt und ist zudem zertifizierte Mediatorin und Mitglied im Beirat der Zeitschrift »Konfliktdynamik«. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Feldern der Engagementforschung, Gerechtigkeits- und Emotionspsychologie sowie Motivforschung mit vielfältigen Anwendungsfeldern.
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1. Auflage 2019
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-036020-4
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-036021-1
epub: ISBN 978-3-17-036022-8
mobi: ISBN 978-3-17-036023-5
»In Deutschland bleiben sogar Hunde an der roten Ampel stehen!« Diese Feststellung traf Efrem aus Eritrea auf meine Frage, was denn typisch für Deutschland sei. Efrem lebte da schon seit einem halben Jahr in unserem Haus für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge und ich hatte das Privileg, diese jungen Menschen aus vielen mir fernen Ländern zu unterrichten und sie in die Gegebenheiten und Gepflogenheiten unserer Gesellschaft einzuführen, die nun wieder ihnen fern und fremd waren. Der Satz lässt einige Rückschlüsse zu: auf die genaue Beobachtungsgabe der Jugendlichen, auf den Witz, mit dem die unbegleiteten Minderjährigen durchaus auf ihre Umgebung reagieren können, wenn sie sich in einer entspannten und ungefährdeten Lage befinden, und auf die Schwierigkeit, mit der neuen Situation umzugehen. Deutschland, insbesondere das Leben in einer Einrichtung für unbegleitete Minderjährige, scheint nur aus Regeln zu bestehen. Da sind sie auf ihrer Flucht Hunger, Gewalt, Gefahren begegnet, haben unwirtliche Lager und das Mittelmeer überwunden, und dann kommen sie nach Deutschland und müssen beim Radfahren einen Helm aufsetzen. Wie soll ein junger Mensch aus Afghanistan, aus Somalia, aus dem Irak das verstehen? Braucht er da nicht jemanden, der ihn sicher durch die Untiefen der neuen Welt führt und sie ihm erklärt? Jemand, der nur für ihn da ist?
Genau das war und ist unser Plan: Jedem unserer Schützlinge einen Mentor, eine Mentorin an die Seite zu stellen, jemanden, der ganz individuell über die Betreuung in den Einrichtungen hinaus Wege zur Integration sucht, die sich an den spezifischen Bedürfnissen und Verfasstheiten der Jugendlichen orientieren. Wir – das ist die Roland Berger Stiftung – haben in unserem Deutschen Schülerstipendium, einem bildungsorientierten Stipendium für begabte und leistungsbereite Kinder und Jugendliche aus schwierigen Lebenssituationen, bereits seit zehn Jahren Erfahrungen mit dem Mentoring sammeln können, da jedem unserer Stipendiaten ein Mentor, eine Mentorin zur Seite gestellt wird, die sie auf dem Weg zum Schulabschluss begleiten. Inzwischen haben sich in unserem Programm mehr als 600 MentorInnen oft langjährig dieser Aufgabe gewidmet und wir haben damit beste Erfahrungen gemacht, was die Entwicklung, insbesondere die Persönlichkeitsentwicklung der Jugendlichen angeht. Dieses Prinzip haben wir auf unser bildungsfokussiertes Programm für unbegleitete Minderjährige übertragen und das Mentoringkonzept entsprechend angepasst.
Als freier Träger der Jugendhilfe hat die Roland Berger Stiftung vollbetreute Wohngruppen für unbegleitete Minderjährige eingerichtet, die nach den üblichen staatlichen Richtlinien organisiert und finanziert sind; die Stiftung verantwortet inhaltlich wie finanziell das zusätzliche Bildungsprogramm mit dem Ziel der Integration der Jugendlichen in Gesellschaft, Schule und Ausbildung.
In das Betreuungsgeflecht für die unbegleiteten Minderjährigen mit Hausleitung, BetreuerInnen, Vormund, SchulsozialarbeiterInnen, Jugendamt usw. auch noch MentorInnen zu integrieren, ist keine triviale Aufgabe, und zwar mit Blick auf alle Beteiligten – die Jugendlichen, die sich mit all diesen Menschen und ihren unterschiedlichen Rollen vertraut machen müssen, die MentorInnen, die in diesem Beziehungsgeflecht ihre Rolle finden müssen, und das Betreuungspersonal, das die Funktion von MentorInnen zunächst nicht so recht einschätzen kann.
»Sind dann wir diejenigen, die für das Aufstellen und die Durchsetzung der Regeln im Haus zuständig sind, und die Mentoren machen dann das ›Schöne‹ mit den Jugendlichen?« Diese Sorge äußerte einer der Sozialpädagogen bei der Einführungstagung zu unserem Bildungskonzept für unbegleitete Minderjährige. Eine sehr verständliche Frage, wenn man miterlebt, wie schwierig es ist, einen geregelten Tagesablauf in einem Haus zu installieren, das von Jugendlichen aus vielen Ländern mit unterschiedlicher kultureller und religiöser Prägung, mit unterschiedlichen Fluchterfahrungen, zum Teil traumatisiert, bewohnt wird. Aber MentorInnen machen eben auch nicht nur »das Schöne«, sie sorgen genauso dafür, dass im gegenseitigen Umgang Regeln eingeübt und eingehalten werden, und sie werden sich auch nicht über gut kommunizierte Regeln der Einrichtung hinwegsetzen. Hier hilft Transparenz über das Verfahren, das rechtzeitige Einbeziehen des Einrichtungspersonals in die Vorbereitung von Mentoraten und eine präzise Definition der unterschiedlichen Rollen. Je schneller und intensiver die Jugendlichen durch die Unternehmungen mit den MentorInnen und ihr Verhalten in der Gesellschaft, ihr Vorbild, erfahren, wie sie die Erwartungen der Gesellschaft und ihre eigenen Träume und Pläne in eine gute Beziehung setzen können, umso leichter werden die Aufgaben und die Arbeit der BetreuerInnen. Nach unseren Erfahrungen sind Mentorate eben auch ein großer Gewinn für die Einrichtungen.
»Mein Schützling sagt immer nur ›ja, nein, gut‹, nie schlägt er vor, was wir gemeinsam unternehmen könnten; ich glaube, ich habe voll versagt.« Stoßseufzer eines Mentors, der so auch in unserem Stipendienprogramm vor allem in den ersten Monaten eines Mentorats häufig zu hören ist. Und wenn schon deutsche Jugendliche eine Anlaufzeit brauchen, bis sie mit einem ihnen zunächst fremden Menschen vertraut sind, wie viel Mehr Zeit und Geduld benötigen unbegleitete Minderjährige mit ganz anderen Prägungen, was den Umgang mit Erwachsenen, mit Älteren angeht. »Mein Mentee blickt mich nicht an, wenn wir miteinander sprechen.« Ein Zeichen von Unhöflichkeit? »Mein Mentee spricht nur nach Aufforderung.« Ein Zeichen von Desinteresse? Schon an diesen einfachen Beispielen wird sichtbar, wie wichtig die professionelle Begleitung von MentorInnen, Fortbildungen zu Themen wie Interkulturelle Kompetenz, Verhalten von traumatisierten Jugendlichen usw. und Treffen der MentorInnen zum Erfahrungsaustausch sind. Dann stellt sich schnell heraus, dass alle diese Erfahrungen machen und darin kein Versagen der MentorInnen liegt – sehr entlastend! Im Übrigen gilt es diese Themen auch mit den unbegleiteten Minderjährigen z. B. in Bildungs- und Kulturstunden zu besprechen. Damit haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht. Erst im Sichtbarmachen der Differenz ihrer Erfahrungen und Prägungen können beide – MentorInnen wie Mentees – den Prozess der Integration bewältigen, einen Prozess, der mit Empathie, Faktenwissen und viel Geduld zum Erfolg führt und dann auch keine Einbahnstraße bleibt.
Zurück zum Anfang. Auf meine Frage, was denn typisch für Deutschland sei, sagte Belal aus Afghanistan: »Deutschland ist ein gutes Land, ich kann hier zur Schule gehen, die Lehrer hier haben Respekt (Anm.: gegenüber den SchülerInnen). Aber warum sperrt ihr eure alten Menschen in Heime weg?« Ja, gute Frage. Ich bin während meiner Zeit mit den unbegleiteten Minderjährigen mit vielen solcher Aussagen und Fragen konfrontiert worden und ich habe dabei viel gelernt über mich und über die Kultur und Werte unserer Gesellschaft, gute und weniger gute. Ich bin diesen jungen Menschen sehr dankbar dafür, dass ich diese Erfahrungen machen konnte und Dinge lernen konnte, von denen ich vorher nur eine schwache, vielleicht sogar vorurteilsbehaftete Vorstellung hatte. Und das ist fast immer das Fazit, das unsere MentorInnen nach Abschluss ihres Mentorats ziehen: Dankbarkeit dafür, diese unerwarteten Erfahrungen gemacht zu haben bei der Begleitung eines jungen Menschen. Ein Abenteuer und ein Gewinn.
Ich wünsche allen, die sich in dieses Abenteuer begeben, eine gewinnbringende und intensive Zeit, in der sie trotz mancher Rückschläge, die nicht ausbleiben werden, die gemeinsamen Erfahrungen genießen können. Ich wünsche möglichst vielen unbegleiteten Minderjährigen die Chance, von einem ihnen zugewandten Mentor bzw. einer Mentorin sicher durch die Wege zur Integration begleitet zu werden. Und ich wünsche allen, die Mentorate einrichten wollen, dass ihnen das hier vorgelegte Manual ermutigende Hilfestellung bietet bei dem Weg durch den Prozess zu einem professionell aufgestellten Mentoringprogramm.
Barbara Loos
Roland Berger Stiftung; Gesamtkoordination Mentorenprogramm
www.rolandbergerstiftung.org
Geleitwort von Barbara Loos
1 Einleitung: Unbegleitete Minderjährige als Zielgruppe von Mentoringprogrammen
2 Mentoring als Chance für Integration
2.1 Die Integration unbegleiteter Minderjähriger durch Mentoring
2.2 Die Effekte von Mentoring auf unbegleitete Minderjährige im Überblick
2.3 Förderung der sozial-emotionalen Entwicklung
2.4 Förderung der kognitiven Entwicklung
2.5 Förderung der Identitätsentwicklung
3 Organisation und Grundlagen von Mentoringprogrammen für unbegleitete Minderjährige
3.1 Vielfältige Organisation der Programme als Status quo
3.2 Idealtypischer Ablauf eines Mentoringprozesses
3.2.1 Der Mentoringprozess im Überblick
3.2.2 Anwerben der Mentorinnen und Mentoren
3.2.3 Absprache mit allen beteiligten Personen
3.2.4 Vertragsabschluss
3.3 Klärung von Erwartungen
3.3.1 Klärung der Erwartungen im Überblick
3.3.2 Ansprüche an die Mentoringprogramme
3.3.3 Erwartungen an die Programmverantwortlichen
3.3.4 Erwartungen an die Mentorinnen und Mentoren
3.3.5 Erwartungen an die Mentees
3.4 Evaluation und Qualitätssicherung
4 Auswahl der Mentorinnen und Mentoren
4.1 Die Balance zwischen Zumutbarkeit und Notwendigkeit
4.2 Die Bedeutung von Vertrauen
4.3 Methoden zur Auswahl der Mentorinnen und Mentoren
4.4 Kommunikation der Erwartungshaltungen
4.5 Klärung der Motive
4.6 Feststellung der Kompetenzen
4.7 Treffen einer Entscheidung
4.8 Rückmeldung der Entscheidung
5 Vorbereitung der Mentorinnen und Mentoren
5.1 Funktionen der vorbereitenden Angebote
5.2 Format der vorbereitenden Angebote
5.2.1 Workshops/Seminare
5.2.2 Informationsmaterialien
5.2.3 Informelle Gespräche
5.3 Inhalte der vorbereitenden Angebote
5.3.1 Programmregeln
5.3.2 Rolle der Mentorinnen und Mentoren
5.3.3 Rechtliche Grundlagen
5.3.4 Kommunikation und Konfliktmanagement
5.3.5 Interkulturelles Training
5.3.6 Nähe und Distanz
5.3.7 Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen
5.3.8 Wissen über die Berufswahl
6 Matching der Mentoringtandems
6.1 Bedeutung des Matchings
6.2 Kriterien des Matchings
6.2.1 Matching anhand des Geschlechts
6.2.2 Matching anhand des kulturellen Hintergrunds
6.2.3 Matching anhand der Persönlichkeit und Interessen
7 Begleitung der Mentorinnen und Mentoren sowie der Mentoringtandems
7.1 Funktionen und Formate der begleitenden Angebote
7.2 Emotionale Begleitung der Mentorinnen und Mentoren
7.2.1 Stärkung durch Erfahrungsaustausch
7.2.2 Stärkung durch Supervision
7.2.3 Stärkung durch Kontakt zu den Programmverantwortlichen
7.2.4 Stärkung durch Würdigung der Tätigkeit
7.3 Inhaltliche Begleitung der Mentorinnen und Mentoren
7.3.1 Erweiterung von Kompetenzen
7.3.2 Anregung zur Reflexion der Tätigkeit
7.4 Begleitung der Mentoringtandems
8 Auflösung der Mentoringtandems und Nachbereitung
8.1 Bedeutung der Auflösung für die Mentoringtandems
8.2 Geplante Auflösungen
8.3 Ungeplante Auflösungen
9 Stolpersteine für die Mentoringtandems
9.1 Was sind Stolpersteine?
9.2 Stolperstein: Ungeduld
9.3 Stolperstein: Zu hoher eigener Anspruch
9.4 Stolperstein: Unklares und konkurrierendes Rollenverständnis der Mentorinnen und Mentoren
10 Sicherheit
11 Zusammenfassung und Ausblick
12 Weiterführende Literatur
Literaturverzeichnis
Stichwortverzeichnis
Anhang
A: Datenerfassung der InteressentInnen
B: Hinweise über den Mentee (zu Händen der MentorInnen)
C: Erstes Treffen für MentorInnen
D: Erstes Treffen für Mentees
E: Kontaktblatt
F: Interessen und Wünsche
G: Vorläufiger Mentoringvertrag
H: Leitfaden für ein Erstgespräch
I: Arbeit mit Fallbeispielen
J: Mögliche gemeinsame Unternehmungen
K: Verlaufsprotokoll für einen Workshop
L: Anforderungsprofil für MentorInnen von unbegleiteten Minderjährigen
L1: Fragebogen
L2: Anleitung zur Auswertung
L3: Auswertungsschablonen
L4: Auswertungstabellen
L5: Auswertungsdiagramm
(1) Die Vertragsstaaten stimmen darin überein, dass die Bildung des Kindes darauf gerichtet sein muss, die Persönlichkeit, die Begabung und die geistigen und körperlichen Fähigkeiten des Kindes voll zur Entfaltung zu bringen; (…) dem Kind Achtung vor seinen Eltern, seiner kulturellen Identität, seiner Sprache und seinen kulturellen Werten, den nationalen Werten des Landes, in dem es lebt und gegebenenfalls des Landes, aus dem es stammt, sowie vor anderen Kulturen als der eigenen zu vermitteln; das Kind auf ein verantwortungsbewusstes Leben in einer freien Gesellschaft im Geist der Verständigung, des Friedens, der Toleranz, der Gleichberechtigung der Geschlechter und der Freundschaft zwischen allen Völkern und ethnischen, nationalen und religiösen Gruppen sowie zu Ureinwohnern vorzubereiten;(…)
(Aus Artikel 29 der Konvention über die Rechte des Kindes der Vereinten Nationen vom 20.11.1989)
Die Flüchtlingsbewegung der letzten Jahre, die oftmals auch als Flüchtlingskrise bezeichnet wird, stellt die westlichen Länder, einschließlich Deutschland, vor große Herausforderungen. Spätestens seit deren Höhepunkt 2015 birgt sie die Gefahr, politische wie soziale Keile in die deutsche Gesellschaft zu treiben. Denn Deutschland hat in Relation zu seiner Größe eine sehr große Zahl von Geflohenen aufgenommen, die 2015 mit geschätzt über einer Million Menschen einen Höchststand erreichte. Dies scheint umso erstaunlicher, da Deutschland in seinem Selbstverständnis kein »klassisches« Einwanderungsland ist (Gesley, 2017). Dabei wird hier von »Geflohenen« oder in synonymer Verwendung von »Flüchtlingen« gesprochen1, wenn diese in Angst um ihr Leben vor Verfolgung oder bewaffneten Konflikten fliehen.
Im vorliegenden Manual geht es jedoch nicht um eine gesellschaftspolitische oder psychologische Auseinandersetzung mit dieser Thematik. Dies ist anderen Texten vorbehalten (vgl. Kals & Redlich, 2018). Vielmehr geht es darum, sich unbegleiteten Minderjährigen als einer besonders schützenswerten Gruppe anzunehmen, die ungeachtet politischer Diskussionen unser Land bereits erreicht hat, hier lebt und deren Schutz entsprechend der Konventionen über die Rechte des Kindes der Vereinten Nationen eine völkerrechtliche Verpflichtung ist. Darüber hinaus gibt es unseres Erachtens auch eine menschliche (»moralische«) Verpflichtung, diesen Kindern und Jugendlichen zu helfen. Diese besteht nicht nur angesichts der Tatsache, dass die Hälfte der Flüchtlinge von 2015/16 die Volljährigkeit noch nicht erreicht hatten (Die Bundesregierung, 2016), sondern sie zeigt sich auch darin, dass es sich überwiegend um männliche Jugendliche gehandelt hat, die demnächst in ihrem Land militärpflichtig geworden wären und für die die Vermeidung ihres Kriegseinsatzes eines der Fluchtmotive gewesen ist. Die Integration dieser Kinder und Jugendlichen in unsere Gesellschaft dient den Betroffenen wie der Gesellschaft gleichermaßen. Während sich unbegleitete Minderjährige in unserer demokratischen und freien Gesellschaft eine selbstgestaltete und sichere Zukunft aufbauen können, bereichern sie einerseits die Vielfalt der deutschen Kultur und Gesellschaft durch den offenen Austausch miteinander, andererseits können sie bei gelungener Integration durch ihre Fähigkeiten und berufliche Tätigkeit über viele Jahrzehnte Teil des deutschen Arbeitsmarktes und damit der Volkswirtschaft sein.
Diese Integrationsaufgabe stellt eine große Herausforderung dar, bei der unseres Erachtens, die bestmögliche Unterstützung und Hilfe herangezogen werden muss. »Mentoring« ist ein solch kraftvolles Instrument, das aus psychologischer Sicht das Potenzial birgt, Kinder und Jugendliche, die zum Teil ohne jegliche familiäre Unterstützung in einem Land mit anderer Kultur und Sprache stranden, zu integrieren (Cole & Blythe, 2010; Gravelmann, 2017).
Wir sprechen dabei bewusst von »unbegleiteten Minderjährigen«. Als unbegleiteter Minderjähriger gilt dabei, wer noch nicht volljährig ist und ohne Sorgeberechtigte in ein fremdes Land flieht oder dort zurückgelassen wird (Diakonie Deutschland, 2016). Die in Deutschland am häufigsten verwendeten Abkürzungen für diese Gruppe umfassen uM (unbegleitete Minderjährige), UMA (unbegleitete minderjährige ausländische Kinder und Jugendliche) und umF (unbegleitete minderjährige Flüchtlinge). In Anlehnung an Zeller (2015) verzichten wir jedoch auf die Verwendung einer Abkürzung, denn »den Namen einer Behörde kann man kürzeln, aber hier geht es um Menschen« (S. 33).
Das vorliegende Manual Mentoring unbegleiteter Minderjähriger richtet sich an Programmverantwortliche und -koordinatorInnen von Mentoringprogrammen für diese besonders schützenswerte Gruppe sowie weitere an dieser Thematik interessierte Personen.
