Mercator - Nicole Wittig - E-Book

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Nicole Wittig

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Beschreibung

Fritzi Hellmann hat eine große Klappe und ein noch größeres "L" wie Loser auf der Stirn. Auf einer Silvesterparty trifft sie auf eine gefangene Seele und erfährt, dass ausgerechnet sie zwischen Himmel und Hölle vermitteln soll. Ben und Lars vertreten die gegensätzlichen Seiten und beide versuchen die Seelenhändlerin für sich zu gewinnen. Fritzi weiß nicht viel über Religion, aber eins ist sicher: die Engel waren schon immer die Guten, oder etwa nicht? Sie lernt den Tod kennen und bekommt einen Schutzengel – und den kann sie auch gut gebrauchen, denn gleich in der ersten Verhandlung um eine Seele kommt es zu unerwarteten Problemen. Fritzi muss eine mutige Entscheidung treffen und mit den Konsequenzen leben.

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Seitenzahl: 268

Veröffentlichungsjahr: 2019

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MERCATOR

Die Seelenhändlerin

Nicole Wittig

Inhaltsverzeichnis

Kapitel Eins: 1978 – Georg Süß

Kapitel Zwei: 30. Dezember

Kapitel Drei: 31. Dezember

Kapitel Vier: Geschichten

Kapitel Fünf: 1. Januar / 2. Januar

Kapitel Sechs: Zuhause

Kapitel Sieben: 5. Januar

Kapitel Acht: 6. Januar

Kapitel Neun: 8. Januar

Kapitel Zehn: Larsʼ Geschichte

Kapitel Elf: 9. Januar

Kapitel Zwölf: 1. Verhandlung

Kapitel Dreizehn: Nach der Verhandlung

Kapitel Vierzehn: Ideen

Kapitel Fünfzehn: 11. Januar

Kapitel Sechzehn: Konsequenzen

Kapitel Siebzehn: 15. Januar

Kapitel Achtzehn: 14. Februar

Danksagung

Die Autorin

Impressum

Kapitel Eins: 1978 – Georg Süß

So fühlt sich also das Sterben an. Ich hatte es mir anders vorgestellt. Ich hatte oft von einem langen Tunnel gelesen, von Engeln und von einem Gefühl von Frieden. Vielleicht auch vom Herrgott. Aber so, wie das jetzt ist, fühlt es sich nicht wie Erlösung an. Es tut weh. Meine Beine verkrampfen, es ist fast so, als würden meine Zehen versuchen, sich selbst vom Fuß zu reißen. Meine Waden, meine Oberschenkel, alles ist steinhart. Gleichzeitig ist mir so schlecht wie noch nie zuvor im Leben. Mein Magen ist längst leer, ich habe mich so oft übergeben, dass noch nicht einmal mehr Galle kommt. Immer wieder würgt es mich. Ich kann nicht mehr schlucken, Speichel läuft über meine Lippen, über meine Wange, und bildet eine kleine Pfütze neben meinem Kopf. Ich liege auf dem kalten Küchenboden. Dem Boden, den ich selbst verlegt habe. Ich kann die Fugen sehen. Hellgrau waren sie einmal. Richtig geleuchtet haben sie zwischen den dunkelgrauen Fliesen. Aber über die Jahre sind sie dunkler geworden. Obwohl meine Frau sie geschrubbt hat. Oft sogar. Manchmal ist es einfach so. Manches wird mit der Zeit dunkel, obwohl es einmal hell war. Meine Frau war wie ein helles Licht. Sie hat das ganze Zimmer in Licht getaucht, sobald sie den Raum betreten hat. Immer freundlich, immer gut. Kein böses Wort. Zu niemandem. Und dann wurde sie düsterer. Ihr Licht hat aufgehört zu strahlen. Am Anfang, da hab ich das noch gar nicht so bemerkt. Es war vielleicht ab und zu einmal kein Abendessen fertig, wenn ich vom Schieferbruch heimkam. Und manchmal hat sie ganz abwesend gewirkt. Ich hab mir nichts dabei gedacht. Drei Kinder sind schließlich auch ganz schön viel Arbeit. Aber irgendwann ist es mir dann doch aufgefallen, dass sie sich die Haare nicht mehr so sorgfältig richtete. Früher hat sie ihre semmelblonden Haare immer geflochten. Schick sah das aus. Zuletzt hat sie ihre Haare kaum mehr gewaschen. Strähnig und fettig hingen sie an ihrem Kopf. Wie vermoderndes Gras in einem Sumpf. Und richtig gemein konnte sie sein. »Georg, und wenn du dem Pfaffen die Schuhe ableckst, der interessiert sich einen Dreck für dich«, hat sie oft gesagt und dabei verschlagen gegrinst. Ihr Lächeln sah mehr und mehr wie Zähnefletschen aus. Zum Gottesdienst kam sie da schon lange nicht mehr mit. Zuerst haben sich die Leute gewundert. Irgendwann sagten sie dann nichts mehr zu mir, aber ich hörte ihr Flüstern: »Die Süß, die hat es an den Nerven. Die ist nicht mehr ganz richtig im Kopf.« Ich wehrte mich nicht gegen das Getuschel. Vielleicht hatten sie ja recht. Vielleicht war meine Frau krank. Meine Cillie. Deshalb ging ich noch vorsichtiger mit ihr um und ließ sie gewähren.

Das Atmen fällt mir schwerer. Es kostet mich Kraft, Luft in meine Lungen zu ziehen. Kraft, die ich nicht habe. Wenn doch die Schmerzen nur für einen Augenblick aufhören würden. Nur einen Moment wünsche ich mir. Einen Moment ohne Schmerz. »Ich spreche dich von deinen Sünden frei«, hat der Pfarrer heute Morgen nach der Beichte zu mir gesagt. Diese kleinen Worte haben mir immer so viel Frieden gebracht. »Wen Gott liebt, den züchtigt er«, hatte mir unser Pfarrer als Leitspruch gegeben. Gott muss mich wirklich lieben.Ich würde jetzt gerne meinen ganzen Schmerz aus mir herausschreien, aber ich kann nicht mehr sprechen. Meine Kehle bildet keine Laute mehr. Ich liege auf den kalten Steinen, gurgle wie ein Ertrinkender und möchte nur einen Augenblick Ruhe. Ich denke an eine Zeile aus Heinz Erhardts Gedicht: »Wo bleibt Tod in schwarzem Kleide? Wo bleibt Tod und rettet mich?« Auf so viel Gnade darf ich nicht hoffen. Das hat sie mir gesagt. Nach dem Essen. Gut war es. Sie hat immer gut gekocht. Klöße und Sauerbraten mit Blaukraut. Sie hat sogar kleine Semmelwürfel in die Klöße hinein gemacht. Genau so wie ich es mag. Ich hab kräftig zugelangt. Zweimal. Als wir dann fertig gegessen hatten und sie den Abwasch machte, hat sie sich nur ganz leicht umgedreht. Sie hat mich nicht einmal richtig angesehen. »Georg, morgen bist du nicht mehr hier«, hat sie gesagt. Ihre Stimme klang flach dabei und ihre eisblauen Augen glänzten fiebrig. »Ich hab dir Schierling in die Klöße gemacht. Du wirst sterben wie Sokrates.« In meinem Magen spürte ich plötzlich eine heiße Eisenkugel und ich begann zu zittern wie Espenlaub. Ungerührt fuhr sie fort: »Du wirst es schon merken. Warte noch ein Weilchen.«

Dabei hat sie gelächelt. Da wurde mir Angst und Bang. Ich schüttelte sie und schrie sie an, aber sie lächelte stur und dann ist sie einfach gegangen. Ich habe versucht, das Gift loszuwerden. Habe mich zum Erbrechen gebracht. Es hat nichts genutzt.

Jetzt liege ich hier. Immer wieder ist meine Frau in die Küche gekommen, hat beobachtet, wie es mir geht. Zum Ende hin ist sie geblieben. Sie sitzt mir gegenüber. Ich kann ihre Beine sehen. Die derben Schuhe, den schmutzigen Saum ihrer Kittelschürze. Sie sagt nichts. Ich merke, dass sie mich beobachtet. Drei Kinder haben wir zusammen. 20 Jahre Ehe. Ich merke, dass meine Lungen leer werden. Dass ich keine Luft mehr bekomme. Ich strenge mich an, versuche zu atmen, aber da ist nichts. Dann gebe ich auf. Da vorne wartet das Dunkel. Es lockt mich, verführt mich. Und in diesem letzten Moment höre ich eine fremde, samtweiche Stimme, die mir leise ins Ohr flüstert. Ich spüre seinen heißen Atem, als er sagt: »Du gehörst mir!«

Kapitel Zwei: 30. Dezember

Der Tag, an dem mein Leben – wortwörtlich – zur Hölle ging, fing an wie viele andere Tage auch. Ich lag in meinem Bett, die Decke um meine Füße gewickelt, das Kissen über meinem Kopf, und hatte schon zum vierten Mal die Snooze-Taste auf meinem Wecker gedrückt. Bäääh, aufstehen. Warum eigentlich? Die würden doch auch ohne mich klarkommen. Es war eh immer zu viel Personal im Museum. Und zwischen den Weihnachtsfeiertagen kamen kaum Besucher. Musste ich mir also diese Schicht wirklich antun? Seufzend schwang ich die Beine aus dem Bett und setzte mich. Ja, ich musste mir die Schicht antun, weil ich die Kohle brauchte. Und weil ich mir den Anruf zu Hause sparen wollte. Den nächsten Job versemmelt. Auf keinen Fall würde ich anrufen. Unter überhaupt keinen Umständen. Beim letzten Mal war meine Mutter haarscharf am Schlaganfall vorbeigeschrammt. Und ich am Hörsturz. Gott, was konnte diese Frau toben. Als ob ich immer noch ein zwölfjähriges Mädchen wäre. Die Gespräche liefen jedes Mal gleich ab.

Ich: »Hey Mama, wie geht’s euch denn?«

Sie: »Gut, mein Schatz. Warum rufst du an? Brauchst du Geld? Studierst du wieder?«

Ich: »Nein, ich studiere nicht wieder. Ich wollte dir nur sagen, dass ich im Café, in der Bibliothek, beim Fahrdienst, oder wo auch immer, nicht mehr arbeite.«

Sie: »Ich kann es nicht glauben! Warum diesmal? Was haben wir eigentlich falsch gemacht? Du hattest alle Möglichkeiten! Yaddah, yaddah, yaddah …«

In der Regel durfte ich mir dann anhören, wie viel Geld sie schon investiert hatten, was die Nachbarn über mich denken und warum ausgerechnet sie so ein Kind haben mussten. Weil alle anderen in meinem Alter ja total erfolgreich waren. Ich ließ das meist stoisch über mich ergehen, denn sobald ich versuchte, zu argumentieren, flippte sie nur noch mehr aus. Mein Vater war keine Hilfe. Egal was meine Mutter auch zu sagen hatte, er stellte sich nicht gegen sie. Wahrscheinlich hatte er auch Angst vor ihr.

»Pfff!« Ich schnaubte mein Spiegelbild an.

Meine Mutter. Der Teufel trug nicht nur Prada. Manchmal kam er auch in Jeans und Mokassins.

Während ich versuchte meine straßenköterblonden Schnittlauchhaare in Form zu bringen, begutachtete ich mich im Spiegel. 1,65 m Unvollkommenheit. Die Hüften zu breit, der Busen zu üppig. Ich wäre so viel lieber das Modell »Elfe«, aber leider, leider hatte der liebe Gott sich bei mir eher das Modell »Hobbit« vorgestellt. Aber hatte ich auch deren gesunde Bräune? Fehlanzeige. An guten Tagen bezeichnete ich es als »noble Blässe«. Heute würde ich es eher »weiß wie eine Kalkwand« nennen. Und mein Gesichtsausdruck war heute auch eher »Geh mir nicht auf den Zeiger« als »Ich freue mich auf diesen wunderschönen Morgen«. Ich hatte schon bessere Tage gehabt.

Zehn Minuten später saß ich im Auto und war auf dem Weg zu meinem Job. Mit einem dampfenden Kaffee im Becherhalter sah der Tag schon nicht mehr ganz so übel aus. Es herrschte sogar absolutes Postkartenwetter. Die Sonne stand hoch am tiefblauen Himmel und ließ den Schnee funkeln und glitzern. Trotz der Kälte kurbelte ich die Scheibe nach unten und sog die klare Luft in meine Lungen.

Mein Arbeitsweg führte mich über eine kleine Landstraße, gerade breit genug, damit zwei Autos aneinander vorbeifahren konnten. Links und rechts standen immer wieder alte Fichten, die ihre mächtigen Kronen in den Himmel streckten. Am liebsten hätte ich wie ein Hund den Kopf aus dem Fenster gehalten und mir den Waldgeruch um die Nase wehen lassen. Auf halber Strecke, auf der Spitze einer kleinen Anhöhe, schaute ich wie immer nach rechts. Ich sah, bis auf den Waldweg, der sich dort ins Dickicht schlängelte, nicht viel. Er unterschied sich nicht großartig von all den anderen Wegen, die in unregelmäßigen Abständen in den Wald führten. Hinter diesem aber, da verbarg sich ein echter Schatz. Das alte, verlassene Dorf der Schieferarbeiter war nur einen kurzen Fußweg entfernt. Ich hatte bis jetzt nur Bilder davon gesehen, leerstehende Häuser, halb verfallene Stallungen und vergessene Gewächshäuser. Bäume und Sträucher sind in den letzten 40 Jahren emporgeschossen und haben wie bei Dornröschen alles in einen grünen Mantel gehüllt. Es sah gespenstisch aus. Und ich hätte meinen rechten Arm dafür gegeben, einmal die Häuser von innen zu sehen. Leider war das nicht so einfach. Nachdem Halbstarke den Platz für sich entdeckt hatten, wurden die Gebäude verbarrikadiert. Mit genügend krimineller Energie wäre es natürlich möglich, trotzdem Zutritt zu kriegen, aber ich war da eher ein Schisser vor dem Herrn. Der Gedanke, mit dem Nageleisen die Bretter wegzustemmen und in die Gebäude zu schleichen, war mir einfach nicht geheuer. Außerdem befürchtete ich, dass ein weiterer Besuch von mir auf dem Polizeirevier bei meinen Eltern eher kontraproduktiv auf unsere familiären Bande wirken würde. Ein bisschen musste ich bei dem Gedanken trotzdem grinsen.

Seufzend folgte ich dem Straßenverlauf und erreichte kurze Zeit später den Ortsrand von Ludwigsstadt.

Ein paar Minuten später parkte ich mein Vehikel auf dem Parkplatz vor unserem Schiefermuseum. Ich stieg aus, schloss den Kadett ab und schlappte zur Hintertür. Eine Zigarette noch, bevor ich mich ins Getümmel – oder Nichtgetümmel – stürzen würde. Als ich um die Ecke bog, sah ich Ben, meinen Kollegen, schon in der Kälte stehen. Die Hände in moosgrünen Handschuhen, die senfgelbe Cordhose fast in den Kniekehlen und die rotblonden Haare unter einer quietschorangenen Mütze versteckt, grinste er mich mitleidig an.

»Fritzi, du siehst heute ja supermotiviert aus. Da muss ich glatt aufpassen, dass du dich nicht total verausgabst.«

Ich warf ihm meinen miesesten »Nerv nicht«-Blick zu. »Sei bloß ruhig, Ben. Ich bin hier. Mehr muss man von mir nicht erwarten. Du weißt ganz genau, dass ich eigentlich Urlaub haben wollte. Und wenn Elke nicht irgendwelche völlig unbegründeten Aggressionen gegen mich hätte, hätte ich den auch genehmigt gekriegt. Es ist so ungerecht. Dafür hat der supertolle Gregor schon wieder frei. Die können froh sein, dass ich überhaupt noch auftauche.«

»Na ja, möglicherweise liegt es ja auch daran, dass du grundsätzlich diskutieren musst, wenn sie dir ne Anweisung gibt.«

Trotzig streckte ich meine Zunge raus. Elke Schmidt, ihres Zeichens dienstälteste Museumsmitarbeiterin, war ein ganz spezielles Kaliber. Elke war schlicht und ergreifend boshaft. Unzufrieden mit sich und der Welt drangsalierte sie alles und jeden. Sie schüchterte neue Kollegen ein, indem sie die armen Jungs und Mädels unvorbereitet in Gruppenführungen schickte. Natürlich nahm sie sich grundsätzlich jeden Brückentag frei und selbstredend immer an den Feiertagen. Sie schnorrte sich gnadenlos bei allen Leuten durch. Ob Zigaretten oder Süßigkeiten, was im Gemeinschaftsraum liegen blieb, war weg. Als sie mir vor ungefähr vier Monaten – wieder mal – die letzte Kippe geklaut und ich sie darauf angesprochen hatte, flippte Elke total aus. Wie ich es wagen könne, ausgerechnet sie zu bezichtigen und wie ich denn darauf käme, dass sie überhaupt etwas genommen hätte. Ja, da ist mir die Hutschnur geplatzt. Ich bin ein wirklich friedlicher Mensch, aber mich grundlos ankacken zu lassen, ist nicht meine Stärke. Im Nachhinein betrachtet, hätte ich wahrscheinlich ein klitzekleines bisschen sensibler sein sollen. Möglicherweise hätte ich mir auch den Ausdruck »dumme Nuss« sparen sollen. Oder die Bezeichnung »Diktator«. Oder eventuell auch die Bezeichnung »Nassauer«. Oder vielleicht auch alle. Aber ich bin halt auch nur ein Mensch.

Bis dahin hatte ich wirklich Spaß an meinem Job im Museum. Danach musste ich diese verbalen Ausrutscher büßen.

Elke war da sehr erfinderisch. Es war unglaublich, wie viele Ecken man auf drei Etagen fand, die geputzt werden mussten. Ich durfte die Führungen für die Schulklassen 8 bis 10 machen. Teenager auf dem absoluten Höhepunkt der Lustlosigkeit. Da konnten 90 Minuten unheimlich lang werden. Bääääh, wie ich es verabscheute. Und selbstverständlich Samstagsdienste. Der vorläufige Höhepunkt meiner Bestrafung war, dass mir der Urlaub gestrichen wurde.

»Fritzi, das klappt leider nicht mit deinem Urlaub. Gregor hat den schon vor dir eingetragen.« Ihr dämliches Grinsen ging dabei von einem Ohr zum anderen. Natürlich hatte ihr Lieblingsadjutant den Urlaub nicht vor mir eingetragen. Ich hatte extra geschaut, als ich meinen Zettel in ihr Fach gelegt hatte. Aber ich konnte es natürlich nicht beweisen und auf den Zoff wollte ich mich nun wirklich nicht einlassen. Ich brauchte diesen Job.

Genau deshalb stand ich jetzt hier vor dem Ludwigsstädter Schiefermuseum in der Kälte, am 30. Dezember, und saß nicht am Puderzuckerstrand von Samana, mit den Füßen im türkisblauen Meer der Karibischen See. Doofe Elke. Ich seufzte, drückte meine Zigarette aus und ging durch den Nebeneingang zu meinem Schreibtisch. Ben folgte mir. Ich hätte schwören können, dass sein Grinsen von einem Ohr bis zum anderen ging. Und kein bisschen mitleidig war.

Überraschenderweise wurde es doch ein ganz angenehmer Arbeitstag. Ben und ich hatten durchwegs nette Besucher, wir bekamen von einer lieben Omi Plätzchen geschenkt, die so richtig hervorragend schmeckten, Und am Nachmittag genehmigten wir uns zusammen eine Flasche Glühwein. Das konnte zwar die Karibik nicht ersetzen, stimmte mich aber schon ein bisschen milder, und ich stieg leicht angeschickert, mit einem wohligen Gefühl im Bauch und gut gelaunt ins Auto, um mich auf den Nachhauseweg zu machen. Ich hatte gerade den Schlüssel im Zündschloss gedreht und den Motor gestartet, als es an der Beifahrerscheibe klopfte. Mein Herz machte einen Salto, Und ich bin mir ziemlich sicher, dass es ganz kurz aussetzte. Ben stand schwer atmend neben meinem Auto, seine Wangen leuchteten rot unter den Bartstoppeln. Ich ließ die Scheibe herunter und schaute ihn fragend an. »Was ist denn los? Hab ich irgendwas vergessen?«

»Was machst du denn morgen Abend? Hast du schon irgendwas vor an Silvester?« Die orangefarbene Bommelmütze legte sich fragend zur Seite.

»Ich wollte eigentlich nach Kronach fahren, zur Festung, und dort schauen was los ist.« Eigentlich hatte ich gar nichts geplant. Die traurige Wahrheit war, dass mein soziales Leben am Existenzminimum vor sich hinvegetierte. Seit ich meinen Exmann mit dem Kopf zwischen den Beinen meiner besten Exfreundin erwischt hatte, in unserem Ehebett wohlgemerkt, hatte ich mich komplett zurückgezogen. Dabei hatte alles so romantisch angefangen. Wir hatten uns an der Uni kennengelernt, ich die mittelmäßige Studentin, er der Gastdozent, der Potenzial in mir sah. Meine Mutter hat getobt, als sie erfuhr, dass wir uns nach nur drei Monaten verlobt hatten. Die Hochzeit hat sie natürlich nicht besucht. Und ich war maßlos überfordert mit meinem neuen Leben. Den Haushalt für zwei Leute machen, die Uni, der Nebenjob und dann noch das brave Eheweibchen spielen, das allzeit bereit für ihn war. Das war so gar nicht das, was ich mir vorgestellt hatte für mein Leben. Er sich offensichtlich auch nicht für seines. Meine ehemals beste Freundin war dann helfend eingesprungen. Für alles. Das Ende war kurz und schmerzhaft. Für mich, denn die beiden waren immer noch glücklich. Und weil mein Exmann und meine Exfreundin meinen Exfreundeskreis gleich mit übernommen hatten, saß ich meist daheim vor der Glotze oder surfte durch die Untiefen des Internets, wenn ich nicht im Museum war. Aber das musste ich Ben ja nicht auf die Nase binden. Ich wollte lieber die coole, trendige 25-Jährige sein, die ironisch und lustig war und mit Sicherheit einen Riesenfreundeskreis hatte, als die pathetische 25-Jährige, die keine Freunde und kein Leben außerhalb der Arbeit hatte.

»Oh. Schade. Wenn du noch nichts vorgehabt hättest, hättest du mit uns Silvester feiern können. Ein paar Freunde und ich wollten ganz gepflegt mit Wintergrillen und Schneebar ins neue Jahr starten. An einer richtig geilen Location. Aber ich hab mir schon fast gedacht, dass du schon was vorhast.«

Ich setzte mein gelangweiltestes Gesicht auf. »Wo ist denn eure geile Location? Lass mich raten, es ist der Keller deiner Mama. Oder die Gartenlaube von einem deiner Kumpels.« Die Auswahl an Plätzen, die zum Feiern richtig gut geeignet waren, war vernichtend gering. Die nächste Disko – knapp 30 km entfernt. Der nächste Pub – 20 km. Und für die Jugendtreffs an der Bushaltestelle war ich einfach schon ein bisschen zu alt. Der Begriff »geile Location« war in unserer Ecke ungefähr so angebracht wie eine Jungfrau im Bordell. Bens Gesicht leuchtete auf, und ich sah ein triumphierendes Lächeln auf seinen Lippen.

»Hah! Das hab ich mir gedacht. Du denkst, wir sind alle die vollen Langweiler, oder? Dann hab ich echte Neuigkeiten für dich. Wir sind so was von unlangweilig, Du hast ja keine Ahnung. Letzte Chance. Komm mit und lass dich überraschen. Es wird ganz bestimmt ein super Abend. Die Festung steht noch länger. Und es sind auch ein paar Leute in deinem Alter dabei. Und ich verspreche dir, dass du diese Silvesternacht garantiert nicht vergisst. Was sagst du? Deal?«

Ich seufzte theatralisch. Der einzige Grund, warum ich nicht direkt zusagte, war, dass Ben sonst gemerkt hätte, dass ich eigentlich gar nichts vorhatte. Wie jämmerlich war das denn auch? 25 Jahre, geschieden und keine Einladung für Silvester. Schließlich nickte ich meinem Arbeitskollegen zu.

»OK. Ich denke, ich kann meine Verabredung noch absagen. Oder ich fahr einfach später nach Kronach.« Und ich wurde nicht ein bisschen rot. War ich gut. »Wo muss ich denn hin? Gib mir mal die Adresse fürs Navi. Um wie viel Uhr soll ich da sein?«

»Keine Chance, Fritzi. Ich hol dich ab, dann kann ich sicher sein, dass du nicht in letzter Minute absagst. Du wirst es nicht bereuen. Ich bin um 19 Uhr bei dir. Na los, her mit deiner Adresse.«

Nachdem ich meine Anschrift auf einen Schnipsel Papier aus meiner Handtasche gekritzelt hatte, machte ich mich auf den Heimweg.

Ich merkte die zwei Tassen Glühwein gewaltig, deshalb fuhr ich die paar Kilometer auch im Schneckentempo. Es war dunkel und dichter Nebel waberte vor meinen Scheinwerfern. Wo war der denn bitte hergekommen? Es war doch den ganzen Tag supersonnig gewesen. Verdammter Winter. Auf nichts konnte man sich in dieser Jahreszeit verlassen. Ich kniff die Augen zusammen in der Hoffnung, dass es das Drehen in meinem Kopf etwas lindern würde. Ich versuchte das Fernlicht. Damit sah der Nebel aus wie eine Wand. Also kein Fernlicht. »Don’t drink and drive«, der Spruch machte also Sinn. Ich griff in meine Mittelkonsole, holte mir eine Zigarette aus meinem Päckchen und drückte den Anzünder. Nikotin hatte mir noch immer geholfen. Wenn schon nicht beim Nüchternwerden, dann doch zumindest beim Konzentrieren. Ich nahm den glühenden Knopf und hielt ihn vor mein Gesicht, um meine Kippe anzuzünden. Für vielleicht fünf Sekunden hatte ich die Straße nicht im Blick und als ich wieder aufschaute, war es zu spät. Ich hörte einen dumpfen Schlag und sah, wie meine Windschutzscheibe sich in ein Spinnennetz aus Glas verwandelte. Ich versuchte die Bremse zu treten, aber in meiner Panik verwechselte ich die Pedale und der Motor meines Opel Kadetts heulte auf, als der Drehzahlmesser nach oben schnellte. Meine Finger krampften sich um das Lenkrad und ich schrie auf. Alles in allem dauerte es vielleicht zehn Sekunden, bis ich den Wagen zum Stehen gebracht hatte, aber mir kam es endlos lang vor. Als ich endlich die Bremse gefunden und das Auto angehalten hatte, zitterte ich so sehr, dass meine Zähne aufeinanderschlugen und dabei klangen wie ein Säckchen Glasmurmeln, das man schüttelte. Meine Hände umklammerten immer noch krampfhaft das Steuer, und ich ließ langsam meinen Kopf nach vorne sinken, bis ich das kalte Kunstleder des Lenkrads an meiner Stirn spürte. Ich fühlte mich auf einen Schlag nüchtern. Und absolut panisch. Mein Auto stand mitten auf der Straße, die Scheibe war eingedrückt, und ich traute mich nicht genau hinzusehen, aber es schien so, als klebten Blut und Haare an ihr. Ich stieg mit puddingweichen Knien aus und stützte mich gegen die Fahrertür. Tief einatmen. Luft in den Lungen behalten. Ausatmen. Und von vorne. Ich verwendete die Atemtechnik, die mir mein Psychologe beigebracht hatte, als ich nach der Trennung in seine Praxis geschneit war und meine Nerven permanent kurz vor Anschlag gestanden hatten. »Atmen«, hatte er gesagt. »Richtiges Atmen. Das wird Ihnen helfen. Sie werden sehen.« Und er hatte recht. Genau das machte ich jetzt. Richtig atmen. Und tatsächlich funktionierte es auch dieses Mal. Ich wurde ruhiger. Meine Knie fühlten sich immer noch weich an, aber ich schaffte es, mich von der Tür wegzudrücken und in die Richtung zu laufen, in der ich irgendetwas überfahren hatte. Ich schmeckte Säure und spürte, wie mein Magen sich verkrampfte. Oh Gott. Ich hatte etwas oder jemanden überfahren. Mein Mund wurde trocken, und ich stakste an den Straßenrand. Ich klappte nach vorne und würgte, bis mein kompletter Mageninhalt im Straßengraben dampfte. Der Geschmack von Glühwein und halbverdauten Plätzchen lag auf meiner Zunge, und ich spuckte angewidert aus. Ich setzte meinen Weg ins Dunkel fort und lief die Straße ab, bis ich ungefähr drei oder vier Meter vor mir etwas auf der Straße liegen sah. Mein Gang stockte, aber ich zwang mich tapfer vorwärts. Schritt für Schritt näherte ich mich dem dunklen Bündel, das sich nicht bewegte. Die Hoffnung, dass es ein Reh gewesen sein könnte, schwand. Ich konnte Beine erkennen, einen Rücken, einen Hinterkopf.

»Hallo? Können Sie mich hören?« Meine Stimme war piepsig und zitterte. Keine Antwort. Ich ging auf die Knie und sah, dass es ein Mann war, den ich überfahren hatte. Ich lauschte angestrengt, um zu hören, ob er atmete. Nichts. Verdammt, verdammt, verdammt. Mir wurde eiskalt. Ich hatte jemanden umgebracht. Unter Alkoholeinfluss. Ich würde in den Knast kommen. Keine Ahnung wie lange. Mein Leben war vorbei. Mein ganzer Körper sackte in sich zusammen, und ich merkte, wie heiße Tränen über meine Wangen liefen. Was hatte ich da nur angestellt? Ich strich mit meinen Fingern über die Wange des Mannes. Eiskalt. Ich saß da und weinte. Schluchzte und betrauerte das Leben, das ich genommen hatte, und mich, weil ich auf gewisse Art und Weise meines auch genommen hatte. Ich war so in meinem Schmerz gefangen, dass mir sein leises Stöhnen nicht bewusst wurde. Erst als eine kalte Hand, leicht wie ein Schmetterlingsflügel, über meine Finger strich, hielt ich inne.

»Hilf mir«, flüsterte er kaum lauter als ein Windhauch. Seine Lippen, die seltsam grau schimmerten, bewegten sich kaum, wenn er sprach: »Du musst mir helfen. Ich kann nicht fort. Es tut so weh.«

Ich schniefte und zog den Rotz hoch. »Ich rufe sofort den Notarzt. Bitte bewegen Sie sich nicht. Er ist gleich da.« Ich durchwühlte meine Taschen, fand mein Handy nicht und geriet wieder in Panik. »Hören Sie, bitte, bleiben Sie ganz ruhig liegen. Ich muss ans Auto, da ist mein Telefon. Ich bin sofort wieder da. Wie heißen Sie?«

»Helfen Sie mir. Bitte.« Wieder dieses raue Flüstern. »Ich kann mich nicht bewegen. Ich kann nicht weg.«

»Hören Sie, bleiben Sie bitte ganz ruhig. Es dauert nur eine Minute. Ich rufe jetzt den Notarzt.« Ich sprang auf und sprintete los. Hoffentlich hatte ich hier Empfang. »Oh bitte, bitte lieber Gott, lass mich hier Empfang haben.« Ich fand mein Handy nach unendlichen Sekunden unter dem Beifahrersitz. Das Display zeigte drei Balken und ich wählte erleichtert den Notruf und schilderte die Situation. Die Dame am anderen Ende der Leitung beruhigte mich und versprach, dass der Notarzt schnellstmöglich kommen würde. Die Polizei sei ebenfalls informiert und auf dem Weg. Als ich aufgelegt hatte, zündete ich mir eine Zigarette an und inhalierte tief. Ich machte mich auf den Weg zurück zu dem Mann, um dort auf die Hilfe zu warten. Es würde alles gut werden. Er war nicht tot. Ich hatte niemanden umgebracht. Der Rest war egal. Mit allem anderen konnte ich klarkommen, solange ich niemanden umgebracht hatte.

»Danke lieber Schutzengel. Danke für die Unterstützung. Ich werde nie wieder etwas trinken, wenn ich Auto fahre. Ich bin mir nicht sicher, ob ich überhaupt jemals wieder einen Tropfen anrühre. Jetzt lass ihn noch wieder gesund werden, dann ist alles OK.« Mit der Silberfoliendecke vom Verbandskasten in der Hand spurtete ich zurück zu dem Mann, den ich fast umgebracht hatte. Aber irgendwie sah das Häufchen auf der Straße ganz anders aus als beim ersten Mal. Ich wurde langsamer. Hatte er sich gedreht? Ich konnte seine Füße nicht mehr sehen. Verdammt. Er sollte doch ruhig liegen bleiben. Hatte er nicht vorhin gesagt, dass er sich nicht bewegen konnte? Je näher ich kam, umso seltsamer kam mir das vor. Der Umriss auf der Straße sah gar nicht mehr aus wie ein Mensch. Was war das? Ich fummelte meinen Museumsschlüssel mit der kleinen Taschenlampe aus meiner Hose und leuchtete in Richtung des Körpers und ließ sie fallen. Da lag kein Mensch. Da lag ein Reh auf der Straße. Der Kopf in einem unnatürlichen Winkel vom Körper weggedreht, der Vorderlauf ein blutiger Klumpen, bei dem das Weiße des Knochens aufleuchtete. Was zur Hölle war hier los? Wie konnte der Mann denn auf einmal aufstehen und weggehen? Hatte er vielleicht nur einen Schock und war gar nicht so schwer verletzt? Ich hatte darüber schon gelesen. Unfallopfer, die einfach aus dem Auto stiegen und nach Hause gingen, sich ins Bett legten und sich verhielten, als sei nichts gewesen. War er vielleicht in den Wald gelaufen? Oder einfach ein Stück weiter die Straße entlang? Und wo zur Hölle kam das Reh her? Vor zehn Minuten hatte definitiv kein Tier auf der Straße gelegen. Okay, ich war total panisch gewesen, aber ich hätte auf keinen Fall einen Kadaver übersehen. So klein war der nicht. Mir wurde eiskalt. Vielleicht hatte ich das Reh ja doch übersehen und der Mann lag ein Stückchen weiter die Straße hinab. Ich ging weiter, viel weiter als beim ersten Mal, aber ich fand nichts. Ich schaute in den Straßengraben, vielleicht hatte er sich bis dorthin geschleppt. Nichts. Ich würde auf keinen Fall alleine im Wald nach ihm suchen. Ich ging zurück zu meinem Auto und wartete auf den Notarzt und die Polizei.

Als sie eintrafen, ging alles ziemlich schnell. Nachdem ich versucht hatte zu erklären, dass ich einen Menschen angefahren hatte und die Polizei zweifelsfrei feststellen konnte, dass die Haare in den Resten meiner Windschutzscheibe vom Reh stammten, wurde ich vom Notarzt ziemlich unfreundlich angeblafft und auf die Wache zur Blutabnahme gebracht. Die Beamten waren kaum freundlicher als der Notarzt und erklärten mir sehr, sehr ernst, dass bewusstseinsverändernde Drogen generell nicht gut waren, am Steuer aber ein absolutes No-Go. Keiner glaubte mir, dass ich nur zwei Tassen Glühwein getrunken hatte.

Ich bestand darauf, dass ein Mann dort gewesen war, dass ich mit ihm gesprochen hatte, ich beschrieb sein Aussehen, aber keiner der Polizisten glaubte mir. Der Fall war klar. Die Haare an der Windschutzscheibe, das tote Reh auf der Straße und kein Verletzter weit und breit. Damit war die Diskussion beendet und ich wurde nach Hause gebracht, während mein Auto in die Werkstatt geschleppt wurde.

Kapitel Drei: 31. Dezember

Das penetrante Klingeln meines Festnetztelefons weckte mich am nächsten Morgen unsanft. Im Watschelgang folgte ich dem Bimmeln und fand das Telefon schließlich in der Küche. Verdammtes schnurloses Teil. Immer lag es woanders und jedes Mal suchte ich mir einen Wolf. Ich schaffte es beim letzten Läuten, gerade noch so, um das Klicken am anderen Ende der Leitung zu hören. Aufgelegt. Klasse. Auf dem Display leuchtete die Nummer meiner Mutter. Oh. Fünf verpasste Anrufe. Seufzend legte ich den Hörer zur Seite und schaltete meine Kaffeemaschine an. Erst Kaffee. Dann Mama. Leider war ich mit dem Plan alleine. Fünf Minuten später läutete es an der Haustür und meine Mutter stand davor. Genau das, was ich vor dem Frühstück brauche konnte. Unser Verhältnis war an guten Tagen kompliziert, an den weniger guten war es praktisch nicht vorhanden. Und das lag nicht an mir. Na ja, vielleicht doch irgendwie ein bisschen. Aber es war auch nicht einfach mit ihr. Meine Mutter war für andere Leute Dr. Greta Hellmann, die Ärztin, der die Frauen vertrauen. Sie war die leitende Chefärztin der Gynäkologie und genoss einen ausgezeichneten Ruf. Meine Mutter galt als einfühlsam und sensibel.In jedem dämlichen Verein war sie aktiv und gern gesehen. Die Landfrauen, der Obst- und Gartenbauverein, die Freiwillige Feuerwehr, sie alle lagen ihr zu Füßen. Mein Vater und sie brachten ein bisschen Glamour auf jede Feier. Kurzum, sie war für alle so etwas wie ein Engel. Wenn es um mich ging, dann passte der Begriff Engel heute auch. Engel der Apokalypse. Ich schloss kurz die Augen, bevor ich sie anschaute. Sie hatte ihre Arme vor dem Körper verschränkt, die perfekt geschminkten Lippen zu einem dünnen Strich zusammengepresst und drückte sich mit aller Vehemenz an mir vorbei. Das Stakkato ihrer Absätze hämmerte auf den Fliesen und ich trottete ihr in meine Küche hinterher. Mir schwante Übles.

»Friederike Maria Hellmann.« Oh, oh, das bedeutete richtig Ärger. »Was denkst du dir eigentlich? Warte. Antworte nicht darauf. Du denkst natürlich überhaupt nichts. Warum rufst du mich denn eigentlich nicht sofort an, wenn du einen Unfall hast? Warum müssen dein Vater und ich solche Sachen von fremden Menschen erfahren? Seit wann nimmst du bitteschön Drogen? Ich frage mich wirklich, was wir falsch gemacht haben.« Woher zum Teufel wusste sie das schon wieder? Es war noch keine 15 Stunden her. Als hätte sie meine Gedanken gehört, fuhr sie mit ihrer Tirade fort: »Dr. Müller hat mich informiert. Ich hoffe, du kannst dich erinnern. Er hat gestern die Blutabnahme durchgeführt. Wie konntest du nur mit Alkohol und Drogen Auto fahren. So haben wir dich nicht erzogen. Und wenn ich an die Schande denke. Natürlich wird das im Krankenhaus die Runde machen. Die Tochter der Chefärztin. Besoffen und zugedröhnt. Ganz toll, Friederike. Weißt du, als du das Germanistikstudium abgebrochen hast, haben wir das akzeptiert. Und auch als du das Studium für Geschichte abgebrochen hast. Und als du dann diesen lächerlichen Möchtegern-Musiker nach drei Monaten geheiratet hast, da haben wir das akzeptiert. Obwohl unsere Freunde im Golfclub alle den Kopf geschüttelt haben. Ich kann dir versichern, dass wir uns sehr oft erklären mussten. Andere Eltern hätten das nicht so hingenommen. Und jetzt das. Meine Güte. Du willst doch immer, dass die Menschen dich anerkennen. So schaffst du das mit Sicherheit nicht. Reiß dich zusammen, Menschenskind!« Autsch, das saß. Selbst für meine Mutter war diese Ansprache hart. Ich quetschte mich an ihr vorbei und verkroch mich in den hintersten Winkel meiner Küchensitzecke. Ihr Blick traf mich wie ein Laserstrahl.

»Hältst es nicht für nötig, mir zu antworten?«

»Tschuldigung. Du hast bis jetzt ja keinen Punkt und kein Komma gemacht«, nuschelte ich in meinen nicht vorhandenen Bart.