Merciful Silence - Du sollst nicht lügen - Kendra Elliot - E-Book

Merciful Silence - Du sollst nicht lügen E-Book

Кендра Эллиот

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Beschreibung

Im 4. romantische Thriller der Wall Street Journal-Bestsellerreihe muss FBI-Agentin und Überlebenskünstlerin Mercy Kilpatrick tief in ein ebenso grausames wie tödliches Geheimnis eintauchen, um ihren Verlobten zu retten. Seit ihrer Heimkehr ins ländliche Oregon wird FBI-Agentin Mercy Kilpatrick immer wieder mit den dunklen Schatten ihrer Vergangenheit bei einer Prepper-Familie konfrontiert. Doch diesmal blickt sie in die düstersten Abgründe ihrer Heimatstadt. Heftige Niederschläge haben die Überreste von fünf Menschen freigelegt. Alles an dem Massaker erinnert die Bewohner von Eagle's Nest an das Gemetzel, dem vor 20 Jahren zwei Familien zum Opfer fielen. Doch der verurteilte Mörder ist im Gefängnis. Handelt es sich um einen kranken Nachahmer? Oder sitzt der falsche Mann hinter Gittern? Nur eine Person kennt die Antwort: die einzige Überlebende des Massakers von damals. Die Frau behauptet jedoch, dass sie sich nicht an die Nacht erinnern kann, in der sie zum Sterben zurückgelassen wurde. Ist sie wirklich traumatisiert – oder verschweigt sie die Wahrheit aus gutem Grund? Bald steht für Mercy sehr viel mehr auf dem Spiel als die Aufklärung eines Verbrechens: Ihr Verlobter, Polizeichef Truman Daly, wird als vermisst gemeldet … Actionreicher Thriller mit einer mitreißenden Slow-burn-Liebesgeschichte Der Cop und die Überlebenskünstlerin: Der gesetzestreue Truman und die toughe, geheimnisvolle Mercy garantieren Spannung auf allen Ebenen! »Kendra Elliot wird in ihren Mercy-Kilpatrick-Geschichten immer stärker, und Merciful Silence ist eine fesselnde, verworrene und komplexe Geschichte, die die Fans begeistern wird ... Mit Sicherheit das gewagteste und erfolgreichste Buch dieser beeindruckenden Reihe.« RT Book Reviews Kendra Elliot hat bereits weltweit Millionen Bücher verkauft. Ihre Pageturner erscheinen auf Deutsch in folgender Reihenfolge: - Merciful Death – Erbarme dich ihrer - Merciful Truth – Erkennet die Wahrheit - Merciful Secret – Verzeihet meine Sünden - Merciful Silence – Du sollst nicht lügen

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Seitenzahl: 464

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Kendra Elliot

Merciful Silence

Du sollst nicht lügen

Thriller

Aus dem Englischen von Kerstin Fricke

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Reden ist Silber, aber Schweigen ist Gold, wenn dein Leben davon abhängt

 

FBI-Agentin Mercy Kilpatrick hatte damit gerechnet, dass sie mit ihrer Rückkehr ins ländliche Oregon mit ihrer Familie konfrontiert werden würde – doch nicht mit dem dunkelsten Kapitel in der Geschichte ihrer Heimatstadt. Als ein Regenschauer die Überreste von fünf Menschen freilegt, denken sofort alle Bewohner von Eagle’s Nest an das Massaker zweier Familien zwanzig Jahre zuvor. Der verurteilte Mörder sitzt jedoch im Gefängnis. Handelt es sich um einen Nachahmer, oder sitzt der falsche Mann hinter Gittern? Eine Person könnte die Antwort haben. Die einzige Überlebende des einstigen Massenmords ist zurück und behauptet weiterhin, sich an nichts mehr von der Nacht zu erinnern, in der sie zum Sterben zurückgelassen wurde. Bald wird Mercy allerdings klar, dass die traumatisierte Frau vieles verschweigt – und dass sie selbst für die Wahrheit einen hohen Preis zahlen muss …

 

 

Weitere Informationen finden Sie unter: www.droemer-knaur.de

Inhaltsübersicht

Widmung

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

Neun

Zehn

Elf

Zwölf

Dreizehn

Vierzehn

Fünfzehn

Sechzehn

Siebzehn

Achtzehn

Neunzehn

Zwanzig

Einundzwanzig

Zweiundzwanzig

Dreiundzwanzig

Vierundzwanzig

Fünfundzwanzig

Sechsundzwanzig

Siebenundzwanzig

Achtundzwanzig

Neunundzwanzig

Dreißig

Einunddreißig

Zweiunddreißig

Dreiunddreißig

Vierunddreißig

Fünfunddreißig

Sechsunddreißig

Siebenunddreißig

Achtunddreißig

Neununddreißig

Vierzig

Einundvierzig

Zweiundvierzig

Dreiundvierzig

Vierundvierzig

Fünfundvierzig

Sechsundvierzig

Siebenundvierzig

Dank

 

 

 

 

Für meine Mädels

Meine größten Fans

Eins

Da ist es.

Ben Cooley, Officer der Polizei von Eagle’s Nest, trat auf die Bremse und war dankbar dafür, dass er vorsichtig und langsam gefahren war. Er kniff die Augen zusammen und versuchte, durch die Schlieren, die seine Scheibenwischer auf der Windschutzscheibe hinterlassen hatten, etwas zu erkennen. Vor seinem Wagen fehlte ein Drittel der Straße; sie war den steilen Hang hinuntergespült worden. Es sah aus, als hätte ein Monster ein drei Meter breites Stück herausgebissen. In den letzten drei Tagen hatte es in Central Oregon sehr heftig geregnet, und Ben befürchtete schon, dass die Städte bald davonschwimmen würden. Derart anhaltende Regenfälle kamen im Willamette Valley auf der anderen Seite der Cascade-Bergkette regelmäßig vor, aber nicht in seiner geliebten, normalerweise trockenen Hochwüste.

Links der Straße befand sich ein schwindelerregender Abhang, der in einen Kiefernwald überging. Auf der rechten Seite stürzten mehrere spontan entstandene Wasserfälle den Hang herab und flossen über die Straße. Eigentlich sollte das Wasser in den Graben laufen und unter dem Asphalt hindurch auf die andere Seite fließen, doch die Wassermassen hatten den Kanal überfordert.

»Ich wüsste zu gern, wie die auf der anderen Seite des Staats den monatelangen Regen aushalten.« Niemand war in der Nähe, um Bens Gemurmel zu hören. Er bemühte sich stets, dies nicht in Hörweite der anderen Mitarbeiter des Departments zu tun. Der Chief musste nun wirklich nicht hören, dass sein über siebzigjähriger Officer nicht mehr alle Tassen im Schrank hatte.

Ben schaltete das Warnblinklicht ein, meldete der Zentrale seinen Standort und öffnete den Kofferraum.

Das Straßenbauamt versuchte, mit dem Wetter Schritt zu halten, und brachte zur Sicherung der Straßen Netze, Durchlässe und natürliche Abflüsse an, und dennoch passierte jedes Jahr irgendetwas mit dieser armen Straße. Und da das Verkehrsaufkommen recht gering war, stand sie ganz unten auf der Prioritätenliste des Bundesstaats.

Ben stellte Warnkegel und -leuchten auf und fragte sich dabei, ob überhaupt jemand die Straße benutzen würde, bevor die Leuchten ausgingen. Er kehrte zu seinem Wagen zurück und funkte Lucas an.

»Wir brauchen hier jemanden vom Straßenbauamt für eine Sicherheitseinschätzung«, teilte Ben dem Telefonisten und Büroleiter von Eagle’s Nest mit.

»Ist es so schlimm?«, fragte Lucas.

»Allerdings. Die Leitplanke entlang der Südseite ist nicht mehr da. Wenn hier jemand vorbeikommt und das Loch zu spät bemerkt, stürzt er mit dem Auto zwölf Meter den Abhang hinunter und bleibt in den Kiefern stecken. Die Straße sollte sofort gesperrt werden.«

»Ich werde es melden.«

»Schick Royce oder Samuel sofort mit einigen Straßensperren her. Das Straßenbauamt wird Stunden brauchen, bis es hier ist. Ich habe die Straße in einer Richtung mit meinem Wagen blockiert, aber das reicht noch lange nicht aus.«

»Wird erledigt.«

Ben ging vorsichtig bis an den Rand der breiten Lücke, da ihn der Straßenbau schon immer interessiert hatte. Von hier aus konnte er erkennen, dass das Erd- und Gesteinsfundament unter dem Asphalt einfach weggespült worden war und der unaufhörlichen Kraft des Wassers nicht hatte standhalten können. Der dicke Rand des schwarzen Asphalts sah aus wie eine abgebrochene Oreo-Kekswaffel.

Er wagte sich so nah wie möglich heran, wobei er sich deutlich bewusst war, dass der Asphalt unter seinen Füßen möglicherweise besser nicht zu schwer belastet werden sollte.

Als er in den riesigen ausgespülten Abschnitt spähte, entdeckte er etwa zwei Meter unter der Straße den Rand eines riesigen Betonrohrs, aus dem ein dünnes Rinnsal herausfloss, während außerhalb des Rohrs hundertmal mehr Wasser vorbeiströmte.

Der Kanal ist wahrscheinlich mit Steinen und Erde verstopft.

Er beugte sich vor, stützte die Hände auf die Oberschenkel und reckte den Hals, um ins Rohr hineinzusehen.

Sein Blick fiel auf einen runden, hellen Stein.

Mit Augenhöhlen. Und Zähnen.

Zwei

Vierundzwanzig Stunden später beobachtete FBI-Special Agent Mercy Kilpatrick, wie Knochen aus dem Kanal geborgen wurden. Die Polizei von Eagle’s Nest hatte die Staatspolizei um Unterstützung bei der Bergung und Untersuchung der Überreste gebeten. Nach erster Überprüfung des großen Rohrs hatte das Team der Staatspolizei sofort die Rechtsmedizin hinzugezogen, die wiederum eine forensische Anthropologin angefordert hatte, von der dann der Vorschlag gekommen war, das FBI einzuschalten.

Eine lange Kette von Hilfeersuchen hatte Mercy an diesen Ort geführt.

Neben ihr stand Truman Daly, der Polizeichef von Eagle’s Nest, mit verschränkten Armen und behielt die Bewegungen des Teams der forensischen Anthropologin genau im Auge. Was als sein Fall begonnen hatte, war schließlich zu Mercys geworden. Die Wahrscheinlichkeit dafür war gering gewesen, und Mercy fand es vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass sie seit etwa sechs Monaten zusammen waren, äußerst amüsant. Sie hatte von dem Fund erfahren, sobald Ben Cooley Truman den Schädel gemeldet hatte, und war seitdem über jeden Schritt der Ermittlungen im Bilde gewesen. Es hatte durchaus seine Vorteile, wenn man mit dem Polizeichef schlief.

»Das ist der fünfte Schädel«, flüsterte sie Truman zu, auch wenn sie genau wusste, dass er sehr wohl zählen konnte.

Er nickte angespannt.

Er sieht viel kleiner aus als die anderen. Bei diesem Gedanken lief es ihr eiskalt den Rücken herunter.

Die gesamte Gruppe der anwesenden Fachleute verhielt sich ruhig und respektvoll. Zwei Trooper der Staatspolizei waren vor Ort, um den Verkehr zu regeln – was bedeutete, dass sie vor allem viel herumstanden. Ein staatliches Forensik-Team barg unter den wachsamen Augen einer großen, eleganten schwarzhaarigen Frau, von der Mercy wusste, dass es sich um die forensische Anthropologin Dr. Victoria Peres handelte, vorsichtig die Überreste.

Die Anthropologin hatte vor Ort das Sagen, gab Anweisungen und schien an drei Orten gleichzeitig zu sein. Mercy beobachtete, wie sie den fünften Schädel behutsam entgegennahm und ihn zehn Sekunden länger als die anderen untersuchte. Dr. Peres presste die Kiefer aufeinander, dann reichte sie ihn an einen ihrer Assistenten weiter.

Es hatte im Laufe der Nacht aufgehört zu regnen, und das Wasser, das unter der Straße hindurchfloss, war zu einem Rinnsal geworden. Mercy wusste jedoch, dass diese Wetterpause nicht lange anhalten würde. Weitere Regenstürme drohten vom Pazifik und aus Kanada her und würden zu einer doppelten Wetterkatastrophe führen.

Immerhin war es besser als Eis.

Oder meterhoher Schnee.

Ihr Oberschenkel schmerzte und erinnerte sie daran, dass sie seit einer Stunde in derselben Position verharrte und dass sie vor weniger als zwei Monaten bei der Verfolgung eines Mörders einen Schuss in ebendieses Bein abbekommen hatte. Sie konnte sich noch immer nicht so frei bewegen wie früher und hatte auf die harte Tour lernen müssen, die Warnzeichen ihres Körpers nicht zu ignorieren. »Ich muss mich setzen«, flüsterte sie Truman zu und ärgerte sich ungemein über ihre Schwäche.

Truman zuckte zusammen, als hätte sie ihn erschreckt. »Dein Bein?« Seine braunen Augen waren voller Sorge.

Sie verzog das Gesicht und nickte, während sie sich nach einem Platz zum Hinsetzen umsah. Die Stoßstange des Wagens der Rechtsmedizin war am nächsten, daher setzte sie sich darauf. So verlor sie zwar ihre gute Position, doch sie wollte auch morgen noch laufen können. Wenn sie sich nicht bewegen konnte, wäre niemandem geholfen.

War das eben ein Kinderschädel?

»Sieh mal einer an, das FBI sitzt wieder rum bei der Arbeit.«

Mercy schloss die Augen. Sie musste nicht hinschauen, um Chuck Winslows Stimme zu erkennen. Der Internetreporter war ihr in den letzten zwei Monaten zu einem echten Dorn im Auge geworden. Truman behauptete, Winslow hätte es sich zur Gewohnheit gemacht, ständig über Mercy zu schreiben. Der Reporter hatte veröffentlicht, dass ihr ins Bein geschossen worden war, und zudem angedeutet, es wäre ihre eigene Schuld gewesen, weil sie mit dem Bruder des Schützen befreundet war. Er drehte die Fakten so, wie es am besten zu seiner Story passte, und hatte sogar angedeutet, dass Mercy den Täter nach den ersten beiden Morden nicht festgenommen habe, weil sie ihn kannte. Ihre Integrität hatte stark darunter gelitten, und Mercy wusste, dass es ein Fehler gewesen war, den Reporter am Telefon zu beschimpfen, als er ihr persönliche Fragen über Kaylie, ihre siebzehnjährige Nichte, gestellt hatte. Winslow hatte sich wochenlang über ihren Ausraster amüsiert.

Bei ihm hatte sie immer einen Jungen aus der Grundschule vor Augen, der ein Mädchen schlägt, weil er ihre Aufmerksamkeit erregen will.

In keinem seiner Artikel hatte sie bisher etwas über ihre Beziehung zu Truman gelesen. Jeder hätte problemlos herausfinden können, dass Truman einige Nächte die Woche in ihrer Wohnung verbrachte. Vielleicht war Chuck einfach nur zu faul dazu. Daher war es auch gut, dass sie Truman davon abgehalten hatte, den Reporter wegen seiner Berichterstattung über sie zur Rede zu stellen, allerdings wusste Mercy auch, dass er auf jeden Fall die Beherrschung verlieren würde, falls Chuck jemals ihre Beziehung zum Polizeichef oder persönliche Details über Kaylie in einem Artikel erwähnen sollte.

Sie schaute nicht in Winslows Richtung, sondern blickte weiterhin auf die Bergungsstelle. Truman drehte sich bereits zu Chuck um, aber Mercy zupfte ihn am Ärmel. »Gib ihm nicht die Genugtuung.« Sie wusste, dass der Reporter mindestens sechs Meter entfernt hinter dem gelben Absperrband stand und ihm der Blick durch strategisch platzierte Planen und Zelte versperrt war.

»Arschloch«, murmelte Truman. »Eines Tages …«

»Vorsicht!«, fuhr die forensische Anthropologin eine ihrer Assistentinnen an. Die Assistentin zuckte nicht einmal zusammen, anders als alle anderen in der Nähe. Die beiden Frauen waren aus dem Kanal auf die Straße geklettert und hielten Eimer mit Erde und Knochen in den Händen. Die staatlichen Baustatiker hatten eine Seite des ausgespülten Lochs abgestützt und erklärt, sie wäre sicher genug, um die Knochen zu bergen, doch einer der Ingenieure hielt sich weiterhin vor Ort auf, um das nachlassende Wasser und jede Verlagerung des Schlamms im Auge zu behalten.

Dr. Peres verfolgte, wie ihre Assistentin den Schädel zu der wachsenden Sammlung aus Knochen und Trümmerstücken legte. Die Beweise sollten in die Rechtsmedizin gebracht werden, wo die Knochen untersucht und den Ermittlern hoffentlich einige Spuren liefern würden. Mercy hatte bereits eine Liste vermisster Personen aus der näheren Umgebung zusammengestellt. Da sie weder Geschlecht noch Alter kannte, könnte es sich als Zeitverschwendung herausstellen, doch sie hatte das Bedürfnis gehabt, irgendetwas zu tun, um den Fall voranzubringen.

»Dr. Peres.« Mercy stand nach ihrer fünfzehnsekündigen Entspannungsphase auf. »Ich bin Special Agent Kilpatrick.« Sie reichte der großen Frau die Hand. Intelligente, ungeduldige braune Augen sahen sie an, und obwohl die Ärztin stundenlang im Schlamm gegraben hatte, war nicht ein Haar aus dem Dutt in ihrem Nacken gerutscht.

»Nein, ich weiß noch nicht, wer diese Menschen sind«, erklärte die Ärztin sofort. Ihre Stimme klang sehr beherrscht, als sie Mercys Hand schüttelte, in ihren Augen blitzte jedoch Gereiztheit auf. Dr. Peres schien einfach ihre Arbeit erledigen zu wollen, ohne von der Polizei gestört zu werden, bevor sie so weit war.

Mercy zog eine Augenbraue hoch. »Sie können also keine Wunder bewirken?«

»Heute nicht. Versuchen Sie es nächsten Dienstag noch mal.«

Mercy beugte sich näher zu ihr herüber. »Stammt der letzte Schädel von einem Kind?«, fragte sie möglichst leise.

Dr. Peres nickte kaum merklich.

»Wie viele sind noch da unten?«

Die Ärztin vergewisserte sich kurz, dass niemand lauschte. Truman war ein paar Schritte zurückgetreten. »Ich glaube, wir haben alle gefunden, aber ich kann diese Frage erst mit Gewissheit beantworten, wenn der Kanal vollkommen leer ist.«

»Nur dieses Ende war verstopft, nicht wahr?«

»So ist es. Drei Viertel davon schienen leer zu sein. Wir müssen auch das umliegende Gebiet überprüfen.« Sie seufzte. »Es ist nicht abzusehen, wie viele Überreste weggespült wurden.«

Wie soll die Ärztin dieses Puzzle zusammensetzen, wenn ihr möglicherweise mehrere Teile fehlen?

»Können Sie das Alter und Geschlecht des letzten Schädels schon bestimmen?«

Die Ärztin kniff die großen braunen Augen und die Lippen zusammen.

Mercy ließ nicht locker. »Ich verlange keine exakten Antworten, aber ich weiß, dass Sie schon eine grobe Ahnung haben. Ich würde nur gern wissen, worauf ich meine Aufmerksamkeit richten kann, während ich auf Ihren Bericht warte, um vielleicht etwas Zeit zu sparen.«

Dr. Peres’ Gesichtszüge entspannten sich, und sie blickte zu dem Fahrzeug hinüber, in dem sich die Behälter mit den geborgenen Knochen befanden. »Der letzte Schädel stammt von einem Kind im Alter zwischen fünf und acht Jahren. Ich tendiere zu einem Mädchen, bin mir allerdings noch nicht ganz sicher.« Sie sah Mercy an. »In diesem Alter ist es sehr schwer, das Geschlecht nur anhand eines Schädels festzustellen. Kleidung und Haare sind normalerweise sehr hilfreich, aber wir haben nichts davon gefunden. Einer der anderen Schädel stammt übrigens auch von einer jungen Person, vermutlich im Teenageralter.«

»Fünf Schädel.«

»Bis jetzt.« Dr. Peres deutete auf den Abhang mit den hohen Kiefern. »Wer weiß, was wir dort unten noch finden werden.«

Plötzlich wurde Mercy das ganze Ausmaß der bevorstehenden Suche bewusst. Hektar um Hektar dichter, abschüssiger Wald und rauschendes Wasser. »Das könnte Tage dauern«, hauchte sie überwältigt.

Die Anthropologin nickte nur. Ihre Augen wirkten müde, doch Mercy ging fest davon aus, dass sie nicht aufgeben würde, bevor sie nicht völlig zufrieden war. Sie hatte schon Gerüchte über die »Knochenlady« des Staats gehört. Hart. Kompromisslos. Eiskalt. Verdammt gut in ihrem Job.

Mercy hätte nichts dagegen, wenn man dasselbe auch über sie sagen würde.

»Bringen Sie die Überreste nach Portland?« Mercy fragte sich, wie oft sie wohl künftig in Dr. Peres’ Büro im Rechtsmedizingebäude fahren müsste.

»Ich werde hier in der Leichenhalle des Bezirks arbeiten«, erklärte Dr. Peres. »Ich bleibe lieber in der Nähe eines solchen Tatorts. Besonders, wenn es eine Weile dauern könnte, bis wir alle fehlenden Teile beisammenhaben.«

»Das erleichtert auch mir die Arbeit.« Mercy zögerte kurz, konnte sich die Frage aber nicht verkneifen. »Haben Sie schon irgendetwas entdeckt, das uns helfen könnte, Dr. Peres?«

»Nennen Sie mich Victoria. Haben Sie sich die Schädel schon angesehen?«

»Nur aus der Ferne.« Mercy ekelte sich nicht vor Knochen. Tatsächlich fand sie sie sogar faszinierend und hätte sie gern so deuten können wie diese Ärztin.

»Es sieht so aus, als hätten sie alle einen heftigen Schlag gegen die Schläfe erlitten. Außerdem wurden die Zähne gewaltsam herausgebrochen. Jemand hat mehrmals mit einem Hammer oder Knüppel auf den Mund eingeschlagen.«

Sofort hatte Mercy Kiefer- und Zahnschmerzen. »Post mortem?«

»Ich vermute es, bin mir aber noch nicht sicher.«

»Wollte man ihre Identität verbergen?«

»Falls das das Ziel war, hat es nicht besonders gut funktioniert. Es sind noch genug Zähne übrig, und man kann eine Person sogar über die Zahnwurzeln identifizieren, sofern wir frühere Röntgenaufnahmen haben. Ich habe bereits eine forensische Odontologin gebeten, sich der Sache anzunehmen.«

»Welche Schädel?« Bei der Vorstellung, dass jemand einem Kind auf den Mund geschlagen hatte, wurde ihr übel.

»Alle.«

»Moment mal – was? Allen wurde das Gleiche angetan?« In ihrem Hinterkopf machte sich der Hauch einer Erinnerung bemerkbar.

Victoria nickte. »Alle.« Sie kniff die Augen zusammen und sah Mercy aufmerksam an. »Warum?«

Mercy starrte sie nur an, während ihr Verstand fieberhaft versuchte, die vage Erinnerung zu fassen zu bekommen. Herausgebrochene Zähne. Mehrfach auf den Mund geschlagen.

Mit einem Mal wusste sie es wieder.

So etwas war schon einmal passiert. Eine Familie, die in ihrem eigenen Haus ermordet worden war. Mercy war noch in der Grundschule gewesen, aber sie hatte mitbekommen, wie ihre Eltern darüber sprachen. Die Bilder hatten sie erschreckt und nie wieder losgelassen.

Dann war es zwei Monate später erneut passiert. Zwei Familien waren ermordet worden.

Bis zu diesem Moment hatte sie nie wieder von einer derartigen Tat gehört.

Drei

Grady Baldwin wurde vor mehr als zwei Jahrzehnten wegen der Morde an den Familien Verbeek und Deverell verhaftet«, teilte Mercy den anderen Agenten im Besprechungsraum des FBI-Büros in Bend mit. »Ich bin dem nachgegangen, und er sitzt immer noch im Staatsgefängnis von Oregon in Salem.«

»Was war sein Motiv?« Special Agent Eddie Peterson beugte sich vor, stützte die Ellbogen auf den Tisch und richtete den faszinierten Blick auf Mercys Gesicht, wobei er sich offensichtlich wünschte, er hätte ihren Fall übernehmen können.

»Baldwin behauptet, er habe kein Motiv gehabt und die Morde nicht begangen«, antwortete Mercy. »Die Staatsanwaltschaft argumentierte, dass er sich zu Maria Verbeek hingezogen fühlte, sie angebaggert habe und abgewiesen wurde. Er war so etwas wie ein Handwerker und hatte in den sechs Monaten vor den Morden sowohl am Haus der Verbeeks als auch an dem der Deverells gearbeitet. Ich versuche momentan, die Genehmigung für ein Treffen mit ihm zu erwirken.«

»All diese Kinder«, murmelte Datenanalystin Darby Cowan, während sie sich Notizen auf ihrem Laptop machte.

»Ja«, sagte Mercy. Es waren insgesamt vier Kinder zusammen mit ihren Eltern ermordet worden. Mercy ließ die Familienfotos auf dem großen Bildschirm an der Wand anzeigen. Auf dem Foto der Deverells stand die ganze Familie in roten Pyjamas vor einem Weihnachtsbaum. Alle wirkten glücklich und beschwingt, der Vater hielt einen Mistelzweig über den Kopf seiner Frau und küsste sie auf die Wange, während sie in die Kamera lachte. Die zehnjährige Michelle und der zwölfjährige Glenn hielten einen schwarzen Labrador mit Weihnachtsmütze in den Armen, und Mercy schoss durch den Kopf, ob wohl jemand den Hund bei sich aufgenommen hatte.

Seitdem waren über zwanzig Jahre vergangen, demzufolge musste der Hund inzwischen ebenfalls tot sein.

Das Familienfoto der Verbeeks wirkte weniger fröhlich und war draußen vor einem Fluss aufgenommen worden. Dennis und Maria Verbeek standen steif hinter ihren drei blonden Töchtern. Nur die Kinder lächelten, und Mercy konnte den Blick nicht von einer Tochter abwenden: Britta war in der fünften Klasse und somit eine Stufe über ihr gewesen. Sie erinnerte sich noch gut an den Schock und die Bestürzung der Schüler und Lehrer, nachdem die Familie ermordet worden war.

Die beiden anderen Töchter, die Zwillinge Astrid und Helena, waren damals Erstklässlerinnen an derselben Schule gewesen.

»Welches Mädchen hat den Angriff überlebt?«, fragte Eddie.

»Britta. Die Älteste«, antwortete Mercy. »Sie wurde mit der Waffe an der Schläfe getroffen, hat den Schlag jedoch überlebt. Er schlug ihr auch mehrere Vorderzähne aus, doch sie muss bereits bewusstlos gewesen sein und hat nicht reagiert. Vermutlich hat er sie für tot gehalten.«

»Großer Gott«, murmelte Darby. »In was für einer Welt leben wir eigentlich …?«

»Wo wohnt sie heute?«, wollte Jeff Garrison, Mercys Vorgesetzter, wissen.

Mercy holte tief Luft. »Ich habe ihre Adresse. Sie ist letzten Sommer an den Stadtrand von Eagle’s Nest gezogen. Davor lebte sie in Nevada, Colorado, Arizona und New Mexico.«

Alle am Tisch tauschten Blicke. »Jetzt lebt sie hier«, wiederholte Darby. »Nach wie vielen Jahren, in denen sie fort war?«

»Meines Wissens ist sie zuvor nie zurückgekehrt. Eine Tante in Nevada hat sie damals nach den Morden bei sich aufgenommen.«

Im Raum wurde es still. Mercy war ganz mulmig geworden, als sie erfahren hatte, dass Britta Verbeek nach Jahrzehnten wieder in der Gegend lebte, und sie vermutete, dass es den anderen Agenten genauso ging.

»Seltsam«, meinte Eddie schließlich.

»Das ist noch milde ausgedrückt«, sagte Darby.

»Ich versuche, sie zu erreichen«, warf Mercy ein.

»Und wir haben immer noch keine Spur in Bezug auf die Identität unserer aktuellen Opfer?«, fragte Darby. »Die Überreste bestanden nur aus Knochen, demzufolge sind sie schon eine Weile tot. Wieso wird denn eine ganze Familie nicht als vermisst gemeldet?«

»Gehen Sie nicht automatisch davon aus, dass es sich wieder um eine Familie handelt«, gab Jeff zu bedenken. »Es könnte auch eine Mischung aus verschiedenen Personen sein.«

Mercy nickte. Das war auch ihr erster Gedanke gewesen, und sie zog sogar in Betracht, dass der Fundort eine Art Ablageplatz eines Serienmörders sein könnte. Erst als ihr die früheren Familienmorde wieder eingefallen waren, hatte sie die Möglichkeit erwogen, dass es diesmal erneut eine Familie sein könnte. »Ich habe eine Liste mit Kindern zwischen fünf und zwölf Jahren zusammengestellt, die in unserem County vermisst werden. Dr. Peres, die forensische Anthropologin, hat mir einen engeren Altersrahmen genannt, aber ich habe ihn etwas ausgeweitet und bin dreißig Jahre zurückgegangen, um den Zeitraum der anderen Morde mit einzuschließen.«

Eddie seufzte. »Wie viele Namen stehen auf der Liste?«

»Fünf aus dem Deschutes County.«

»Nur fünf Kinder, die in dreißig Jahren vermisst wurden?«, fragte Jeff. »Das ist doch nicht so schlimm.«

»Ihre Eltern sehen das vermutlich anders«, entgegnete Darby.

»Touché«, gab Jeff zu. »Haben Sie Kontakt zum Nationalen Zentrum für vermisste und ausgebeutete Kinder aufgenommen?«

»Ja«, antwortete Mercy. »Ich warte auf einen Rückruf.«

»Ist dir eigentlich klar, wie schwierig es wird, eine dreißig Jahre alte Spur zu verfolgen?« In Eddies Augen spiegelten sich Hoffnung und Mitgefühl wider, während er langsam den Kopf schüttelte.

»Ja, das ist mir bewusst.« Es war eine Herausforderung. Eine, der sie sich stellen wollte.

»Ich werde Grady Baldwins Familie und Freunde überprüfen«, bot Darby an. »Und ich werde einen ausführlichen Backgroundcheck über Britta Verbeek erstellen.«

»Danke«, sagte Mercy. »Ich weiß, dass er einen Bruder hat, der noch in der Gegend lebt. Don Baldwin.«

»Wann wird die Straße wieder freigegeben?«, erkundigte sich Jeff.

»Sie können erst mit den Reparaturen anfangen, wenn die Rechtsmedizin den Tatort freigibt«, erklärte Mercy. »Und das wird erst geschehen, wenn wir sicher sind, dass wir jedes noch so kleine Beweisstück eingesammelt haben.« Abermals sah sie das raue Gefälle des Hügels vor ihrem inneren Auge. »Es wird schwierig, den Tatort vollständig zu untersuchen. Wie weit müssen wir uns nach unten vorarbeiten? Das Wasser könnte Spuren kilometerweit weggespült haben.«

»Wir müssen mit dem arbeiten, was wir haben«, erklärte Jeff. »Die bisher gefundenen Schädel werden uns schon weiterhelfen. Wann wird die forensische Anthropologin ihren ersten Bericht erstellt haben?«

»Morgen«, antwortete Mercy. »Aber ich fahre heute Abend noch dort vorbei, um mich mit der Odontologin zu treffen, und ich werde versuchen, weitere Informationen von Dr. Peres zu bekommen.«

Jeff warf einen Blick auf die Uhr, steckte seinen Stift in die Tasche und signalisierte damit, dass die Besprechung beendet war. Eddie und Darby verließen sofort den Raum; Darby tippte im Gehen einhändig weiter und balancierte den Laptop in der anderen Hand.

»Gibt es Fortschritte bei Ihrer Hütte?«, fragte Jeff Mercy beiläufig und schob seinen Stuhl zurück.

Mercy schluckte schwer. Ihr Chef hatte nichts von ihrer Hütte in den Ausläufern der Cascade Mountains gewusst, bis diese kürzlich abgebrannt war – zerstört vom Bruder eines ihrer Freunde, der nach einer Frau gesucht hatte, von der er glaubte, sie hätte sein Leben ruiniert. Die Frau hatte überlebt, Mercys Hütte nicht. Ein Jahrzehnt an Vorbereitungen und harter Arbeit war in Flammen aufgegangen. Die Hütte war ihre Zuflucht gewesen, ein Ort, an den sie sich zurückziehen konnte, wenn die Welt um sie herum zu zerbrechen drohte.

Eine Zuflucht. Ausgestattet mit Vorräten für Jahre, Brennstoff und einer soliden Verteidigung.

Mercy war mit der Angst vor dem Weltuntergang aufgewachsen. Ihre Eltern hatten ihr eingetrichtert, nichts als selbstverständlich hinzunehmen, und ihr beigebracht, wie sie sich im Notfall selbst versorgen und schützen konnte.

Jeff glaubte, sie hätte in den Bergen ein Wochenendhaus gehabt, um hin und wieder Ski fahren zu gehen. Er ahnte nicht, dass sie sich dort eine Festung mit Vorräten, mit denen sie mindestens fünf Jahre lang überleben konnte, errichtet hatte. Sie ließ ihn und alle anderen in diesem Glauben.

Ihr Geheimnis gehörte nur ihr allein. Sollte die Lebensmittelversorgung oder das Stromnetz der Vereinigten Staaten zusammenbrechen, konnte sie nun mal nicht alle retten. Um ihrer eigenen Sicherheit willen wussten nur Truman und ihre Familie davon.

»Der ganze Brandschutt ist weggeschafft«, erwiderte sie. »Das Gebiet wurde geräumt und für den Wiederaufbau vorbereitet, aber sie können erst in ein oder zwei Monaten loslegen.«

Entgegen ihrem Bauchgefühl hatte sie einen Bauunternehmer engagiert. Eigentlich hatte sie alles selbst machen wollen, um ihr Geheimnis weiterhin zu wahren, doch Truman hatte sich strikt dagegen ausgesprochen und logisch argumentiert, dass es allein ein Jahr dauern würde, auch nur das Grundgerüst aufzubauen. Schließlich hatte sie nachgegeben und diese Arbeiten den Profis übertragen, wollte die Anpassungen später jedoch selbst übernehmen.

Zusammen mit Truman.

Zum Glück war ihre Scheune mit den Vorräten unversehrt geblieben, doch ohne ihre Hütte fühlte sie sich trotzdem nackt und verletzlich. Sie hatte das Gebäude hastig mit einer provisorischen Schlafmöglichkeit ausgestattet, doch die Unterkunft war spartanisch, denn es gab kein fließendes Wasser, keine Heizung. Immerhin linderte es ihre Unruhe.

Ein wenig.

Sie würde sich erst wieder richtig entspannen können, wenn sie ihr Refugium zurückhatte.

Wem will ich denn hier was vormachen? Ich habe mich nie wirklich entspannt.

Es gab immer etwas zu verbessern oder vorzubereiten. Gemeinsam hatten sie und Truman die Baupläne durchgesehen. Das neue Gebäude würde größer werden als ihr altes Nurdachhaus, aber nicht zu groß, denn dann würden sie mehr Brennstoff zum Heizen benötigen. Diesmal würde es ein echtes Obergeschoss geben, nicht nur einen Dachboden. Truman hatte einen Panikraum vorgeschlagen, weil er glaubte, dass Mercy die Idee gefallen würde, doch sie hatte sofort protestiert, denn die Vorstellung, in einer Box gefangen zu sein, während ihr Haus um sie herum niederbrannte, war unerträglich. Sie einigten sich schließlich auf einen verborgenen Schrank, in dem sie sich bei akuter Gefahr verstecken konnten, so wie es ihre Nichte einst im Stall getan hatte, als der Mörder hinter ihr her gewesen war.

»Der Bauunternehmer hat versprochen, bis Ende des Sommers fertig zu sein«, fügte sie hinzu. »Dann mache ich den Innenausbau selbst.«

»Perfekt. Gerade rechtzeitig zum Skifahren. Wird Ihr Bein bis dahin wieder ganz genesen sein?«, fragte Jeff besorgt.

Der Mann, der ihre Hütte niedergebrannt hatte, war derselbe, der ihr in den rechten Oberschenkel geschossen hatte. Die schmerzhafte Verletzung ließ sie noch immer nachts aus dem Schlaf aufschrecken, genau wie die Albträume von dem Moment, in dem sie völlig wehrlos gewesen war, während er ihr die Waffe an den Kopf hielt. In ihren Träumen starb sie, in der Realität war er im letzten Augenblick von seinem Bruder erschossen worden.

Mercy hatte nicht die Absicht, Ski zu fahren. »Keine Ahnung. Es heilt langsamer, als der Arzt erwartet hat.«

»Es sind noch nicht einmal zwei Monate vergangen. Sie hatten ein riesiges Loch im Bein. Haben Sie ein wenig Geduld.«

»Ich bemühe mich.« Mercy lächelte und fühlte sich dabei wie eine Lügnerin. Sie konnte weder rennen noch lange gehen, und selbst die Treppe zu ihrer Wohnung war ein Kampf. In der ersten Woche hatte sie ihr Bein überlastet und ihre Lektion teuer bezahlt. Der Arzt und Truman hatten ihr eine gehörige Standpauke gehalten, zu der noch Nächte voller Schmerz gekommen waren. Sie hatte daraus gelernt und hörte nun auf die Warnsignale ihres Körpers, anstatt so zu tun, als könne eine Kugel sie nicht aufhalten.

»Sie müssen eine Einweihungsparty feiern, wenn die Hütte fertig ist.«

»Mal sehen. Die Einrichtung wird ziemlich spartanisch. Nur das Nötigste, wenn Sie verstehen«, sagte sie ausweichend. Allein bei der Vorstellung, dass sich Menschen in ihrer Zuflucht versammeln könnten, spürte sie ein seltsames Kribbeln im Kopf.

Regel Nummer eins für einen geheimen Rückzugsort: Halte den Standort geheim.

»Aber ich werde mir etwas einfallen lassen«, fügte sie unverbindlich hinzu.

»Großartig. Teilen Sie mir mit, was Ihnen die Odontologin über die Schädel erzählt.«

»Wird gemacht.« Sie atmete erleichtert aus, als ihr Chef den Raum verließ.

Ich hasse es, Menschen zu belügen, denen ich vertraue.

Vier

Der El Camino raste an Polizeichef Truman Daly vorbei, und das Dröhnen des leistungsstarken Motors hing noch eine ganze Weile in der Luft.

Truman schossen sofort zwei Gedanken durch den Kopf.

Ich habe seit einer Ewigkeit keinen El Camino mehr gesehen.

Was war das für ein Nummernschild?

Er legte seinen Scone in den Getränkehalter seines Tahoe, schaltete Blaulicht und Sirene ein und fuhr auf den zweispurigen Highway. Der Raser fuhr deutlich zu schnell, und Truman hatte seine Geschwindigkeit zwar nicht gemessen, doch sein Bauchgefühl sagte ihm, dass allein das Nummernschild ausreichen würde, um den El Camino anzuhalten.

Während er aufs Gaspedal trat, informierte er Lucas über Funk, dass er die Verfolgung aufnahm.

»Beeilen Sie sich besser«, sagte sein Büroleiter. »Meine Mom hat Pulled Pork auf dem Revier vorbeigebracht. Das ist bestimmt bald alle.«

»Mit der Dr-Pepper-Sauce?«

»Ja. Royce und Samuel haben sich schon draufgestürzt.«

»Heben Sie mir was auf«, befahl Truman. »Ich hab so das Gefühl, dass das eine Weile dauern könnte.«

»Soll ich das County hinzuziehen?«, fragte Lucas schärfer. Der Zwanzigjährige hätte einen guten Polizisten abgegeben, war jedoch am glücklichsten, wenn er die winzige Polizei von Eagle’s Nest organisieren und allen sagen konnte, was sie zu tun hatten.

»Das ist eine gute Idee. Oder die State Trooper. Wer näher dran ist. Das Kennzeichen sah selbst gemacht aus.«

»Verstanden«, bestätigte Lucas. »Ich kümmere mich darum.«

Truman beschleunigte und holte den weißen El Camino rasch ein. Der Fahrer schien die sanften Kurven der Straße zu genießen und schnitt sie immer wieder, um eine möglichst gerade Strecke fahren zu können. Dieser besondere Highway schlängelte sich zwischen flachen Weideflächen mit Salbeisträuchern und Lavagestein dahin. Außer ihnen war weit und breit kein Fahrzeug zu sehen, und das war völlig normal für diese abgelegene Gegend.

Alles rund um die kleine Stadt Eagle’s Nest war abgelegen. Die Stadt in Central Oregon lag dreißig Minuten von Bend und mehrere Stunden von Portland, der größten Stadt des Bundesstaats, entfernt. Doch die Distanz war nicht das Einzige, was Eagle’s Nest von Portland trennte. Dazwischen erhob sich die Cascade Range mit Gipfeln von rund dreitausend Metern Höhe. Die Metropole lag am nördlichen Ende des fruchtbaren Willamette Valleys, während sich Trumans Kleinstadt in der Hochwüste befand. Politisch war das Tal größtenteils blau gehalten, Eagle’s Nest dagegen tiefrot. Und das mittlere Haushaltseinkommen in Portland war doppelt so hoch wie in Eagle’s Nest. Im Grunde genommen waren es zwei völlig verschiedene Welten.

Truman würde seine Stadt gegen nichts auf der Welt eintauschen wollen. Für ihn war es Gottes Land: Sonne, Flüsse, Berge, Seen. Wälder im Westen, Felder im Osten. Und er lachte nur über den Berufsverkehr, über den die Einheimischen stöhnten, denn er hatte früher in San José gelebt, da störte es ihn wenig, dass er in Eagle’s Nest um 17 Uhr zwei Minuten warten musste, um auf die Landstraße zu kommen.

Der El Camino wurde langsamer. Truman hielt den Atem an, als er näher kam und das Nummernschild in Augenschein nahm.

Dieses Kennzeichen wurde auf keinen Fall von irgendeiner Behörde genehmigt.

Es war weiß mit blauer Schrift und einer Flagge auf einer Seite. Der Wagen fuhr rechts ran, und Truman hielt hinter ihm. Die kleinen Zahlen am unteren Rand des Kennzeichens brauchte er gar nicht erst in seinen Computer einzugeben, denn das wäre sinnlos gewesen. Über den Zahlen stand in großen Buchstaben US CONSTITUTIONAL LICENSE PLATE.

Er seufzte. Über Funk meldete Lucas, dass ein Deputy des Deschutes County in wenigen Minuten eintreffen würde.

Dann bringe ich es besser mal hinter mich.

Truman setzte sich seinen Cowboyhut auf, stieg aus seinem Pick-up-Truck und sog die feuchte Luft ein, die ihm verriet, dass der nächste Regen nicht lange auf sich warten lassen würde. Langsam näherte er sich dem El Camino. Für ein Fahrzeug, das mindestens dreißig Jahre alt sein musste, war es in keinem schlechten Zustand. Der Lack glänzte mehr als der seines staubigen SUVs, und er entdeckte nur eine einzige Beule auf der Fahrerseite. Es schien nur eine Person im Fahrzeug zu sitzen, und die Ladefläche war mit Plastikwannen und frisch gesägtem Holz beladen. Der Fahrer blickte in den Rückspiegel und begegnete Trumans Blick; er war jung, vielleicht in den Zwanzigern oder Dreißigern.

Truman blieb ein paar Meter hinter der Fahrertür stehen und hatte so durch das Heckfenster einen guten Blick auf die Vordersitze. Keine sichtbaren Waffen. Noch nicht.

Eine Verkehrskontrolle in Arkansas vor fast einem Jahrzehnt blitzte in Trumans Gedächtnis auf. Es war nicht sein Einsatz gewesen, aber kein einziger Polizist in den Vereinigten Staaten würde ihn jemals vergessen. Die Nachrichten hatten monatelang darüber berichtet.

Das selbst gemachte Kennzeichen hatte ihn sofort wieder daran erinnert.

Vielleicht sollte ich auf den Deputy warten.

Seine Hand schwebte über dem Griff seiner Waffe.

»Habe ich eine Straftat begangen, Sir?« Die Stimme aus dem Wagen klang ruhig und höflich.

Truman verspannte sich, da der Mann das Wort Straftat so seltsam betonte. »Führerschein und Fahrzeugpapiere, bitte.« Er trat einen Schritt näher. Jetzt konnte er den Schoß und beide Hände des Mannes sehen. Keine Waffe.

»Habe ich eine Straftat begangen, Sir?«, wiederholte der Mann. »Sie dürfen mich nicht anhalten, wenn Sie mich keiner Straftat verdächtigen.«

Truman trat näher und schätzte den Fahrer auf Mitte zwanzig. »Wie heißen Sie?«

»Ich muss mich nicht ausweisen«, erklärte der Mann und fixierte Truman mit durchdringenden blauen Augen. »Das ist mein Recht. Ich kenne meine Rechte.«

»Sie haben ein illegales Kennzeichen an Ihrem Wagen, und Sie haben die Geschwindigkeitsbegrenzung überschritten.«

»Mir ist egal, was Ihr Straßenverkehrsgesetz besagt. Ich habe alle Verträge unter diesem Gesetz gekündigt, daher können Sie es auf mich nicht anwenden.«

Für so was fehlt mir heute die Energie. »Lassen Sie mich raten. Sie sind ein free man und haben das gottgegebene Recht, sich frei zu bewegen.«

»So ist es, Sir.«

Die Bestätigung sagte Truman alles: Der Mann hatte dieselben Ansichten wie jene beiden Männer, die in Arkansas aus ihrem Wagen gesprungen waren und Polizisten ermordet hatten.

Ein Staatsverweigerer. Jemand, der glaubt, über allen Gesetzen zu stehen.

Truman ließ die Hände des Mannes keine Sekunde aus den Augen. »Nun, Sie haben durch Ihre Geschwindigkeitsüberschreitung unschuldige Menschen gefährdet, und Ihr Kennzeichen verrät mir, dass Sie die Steuern für die Nutzung unserer schönen Straßen nicht bezahlt haben.«

»Ich kenne meine Rechte. Sie setzen hier Firmenrichtlinien durch, Sir, und solange Sie mich keiner Straftat verdächtigen, haben Sie kein Recht, mich festzuhalten.«

Ein Wagen des Deschutes County hielt hinter Trumans Fahrzeug. »Wie wäre es, wenn Sie mir einfach Ihren Namen nennen?«, bat Truman höflich. »Dann können wir vernünftig miteinander reden.«

»Ich handle nicht in dieser Funktion.«

In der Funktion, ein vernünftiger Mensch zu sein?

»Ich bin der Mensch, dem die juristische Person gehört. Sie wissen doch, dass eine juristische Person keine menschliche Entität ist, oder?«

»Wie wäre es, wenn Sie mir den Namen Ihrer juristischen Person nennen?« Truman machte sich nicht die Mühe, die Logik des Mannes zu verstehen. Im Umgang mit Staatsverweigerern hatte Logik keinen Platz. Sie glaubten jedes einzelne Wort, das sie von sich gaben, und waren durch das Internet und Gleichgesinnte indoktriniert worden. Die meisten verhielten sich bis zu einem gewissen Punkt höflich, verfügten jedoch über ein Arsenal an Wortmagie und pseudojuristischen Phrasen, die jedem den Kopf verdrehen konnten.

Der Mann dachte über Trumans Frage nach und reichte ihm dann eine Plastikkarte aus seiner Brieftasche. »Sind Sie der Sheriff des Deschutes County?«, fragte der Fahrer und reckte den Hals, um Trumans Uniform zu mustern.

Im Augenblick wünschte ich es mir fast. Staatsverweigerer erkannten nur Sheriffs als legitime Strafverfolgungsbeamte an, da diese vom Volk gewählt wurden.

Truman nahm die Karte entgegen, ohne etwas zu erwidern, und starrte darauf. »Was ist das?«, entfuhr es ihm, da ihn diese Art der Identifikation verwirrte.

»Das ist mein diplomatischer Ausweis.«

Truman war sich ziemlich sicher, dass der junge Mann in den schmutzigen Jeans und dem vergilbten weißen T-Shirt kein Diplomat war. Aber die Karte, auf der der Name Joshua Forbes, sein Foto, das Wort Botschafter und das Siegel des Außenministeriums zu sehen waren, wies ihn als solchen aus.

Völliger Blödsinn.

Truman hatte schon von solchen Karten gehört, aber noch nie zuvor eine gesehen. Doch nun war er zum ersten Mal einem Staatsverweigerer begegnet, der sich damit auswies.

»Einen Führerschein aus Oregon haben Sie vermutlich nicht?«, fragte Truman.

»Ich brauche keinen. Diese Karte beweist, dass der Staat meinen Anspruch als souveräner Bürger anerkannt hat. Ich bin kein Bürger der Vereinigten Staaten. Ich genieße diplomatische Immunität und bin der Vertreter von Joshua Forbes. Diese Karte ersetzt alle anderen Identifikationsmöglichkeiten.«

Warum sagen Sie nicht einfach, dass Sie Joshua Forbes sind?

Der Mann beugte sich aus dem Fenster, um Trumans Uniform genauer zu betrachten. »Tut mir leid, Mr Daly, aber Sie haben mir nichts zu sagen. Ich habe nur aus Höflichkeit angehalten.«

Zwar verhielt sich Joshua weiterhin freundlich, allerdings bezweifelte Truman, dass das noch lange so bleiben würde.

»Wie viel haben Sie für diese Karte bezahlt, Joshua?«

Joshua runzelte die Stirn. »Was spielt das für eine Rolle?«

»Weil das eine Geldabzocke ist. Diese Karte hat keinerlei Rechtsgültigkeit. Wer hat sie Ihnen verkauft?«

»Ich erwarte nicht, dass Sie das verstehen.« Joshua kniff die blauen Augen zusammen. »Das steht über Ihrem Gesetz.«

»Nein, tut es nicht. Nichts und niemand steht über dem Gesetz. Jemand hat Sie ausgenutzt. Was hat sie gekostet? Dreitausend Dollar?«

Der junge Mann schwieg.

»Sie haben nur jemandem die Taschen gefüllt. Er verkauft Hoffnungen und Träume, keine legalen Ausweise. Diese Karte besagt nicht, dass Sie von US-Steuern und -Gesetzen befreit sind, sondern bezeugt nur, dass jemand einen Betrug begeht.«

»Ich musste eine Apostille besorgen …«

»Eine Apostille bestätigt lediglich, dass die notarielle Beglaubigung echt war, aber nicht das Dokument selbst. Gehe ich recht in der Annahme, dass er Ihnen auch eine lebenslange Kfz-Versicherung verkauft hat?«

»Das ist gut für …«

»Das ist einen feuchten Dreck wert.« Truman verspürte einen winzigen Anflug von Mitgefühl für den jungen Mann. Das Geld war hier draußen bei vielen knapp. Dieser Kerl hatte wahrscheinlich seine Ersparnisse der letzten Jahre für diesen gedruckten Müll ausgegeben. »Hier ist eine Lektion fürs Leben: Wenn etwas zu gut klingt, um wahr zu sein, ist es das wahrscheinlich auch nicht. Sie wissen, dass Ihr Kennzeichen ebenfalls illegal ist, oder?« Truman war erleichtert, als ein zweiter Streifenwagen des Countys hinter dem ersten anhielt. Im Augenblick befanden sie sich außerhalb der Stadtgrenzen von Eagle’s Nest, aber als er den Raser zum ersten Mal entdeckt hatte, waren sie noch in Trumans Zuständigkeitsbereich. Doch er überließ dem County nur zu gern Joshua Forbes und diese ganze Angelegenheit.

»Ich habe das uneingeschränkte, go-gottgegebene Recht, mich frei zu be-bewegen, so wie … wie ich es will«, stotterte Joshua. »Sie verletzen meine Rechte.«

Zwei County Deputys näherten sich, als die ersten Regentropfen vom Himmel fielen. »Das Kennzeichen gefällt mir, Truman«, sagte der Größere. Sein lockerer Tonfall stand im Widerspruch zu seinem scharfen, verständnisvollen Blick. Der Deputy hatte die Situation sofort erfasst. Beide Männer hielten die Hände in der Nähe ihrer Waffen und standen angespannt da. Ihre Haltung verriet, dass sie genau wussten, wie schnell Staatsverweigerer bei Kontakt mit der Polizei gewalttätig werden konnten.

»Wenn Sie mich fragen, war Josh nicht bewusst, dass er das Gesetz gebrochen hat.« Truman reichte dem großen Deputy die Diplomatenkarte, dessen Augen aufleuchteten, während sich ein Grinsen auf seinem Gesicht ausbreitete, als er sie dem zweiten Deputy zeigte, der auf Truman so wirkte, als käme er frisch von der Highschool.

»Unser Vorgesetzter würde diese Karte gern sehen«, sagte der große Deputy. »Er ist fasziniert von diesen Leuten.«

»Ich kenne meine Rechte«, sagte Joshua deutlich schriller. »Sie verletzen meine Rechte.«

»Warum steigen Sie nicht aus dem Wagen?«, schlug der große Deputy vor.

»Ich bin damit nicht einverstanden!« Joshua umklammerte das Lenkrad fester, während sich Angst in seinem Gesicht widerspiegelte.

»Wir wollen nur mit Ihnen darüber sprechen, woher Sie Ihr Nummernschild und Ihre … Diplomatenkarte haben«, erklärte Truman ruhig, während sich sein Herzschlag beschleunigte. Joshua forderte sein Glück heraus. »Es ist illegal, solche Karten herzustellen und zu verkaufen.«

»Ich bin damit nicht einverstanden!«

»Sie können freiwillig aussteigen, oder ich helfe Ihnen dabei«, sagte der große Deputy.

»Sie haben keine Autorität über mich!«

Der jüngere Deputy riss die Fahrertür auf, und der andere wiederholte die Aufforderung, aus dem Auto auszusteigen. Joshua fasste nach dem Türgriff und versuchte, die Tür zuzuziehen. »Ich bin nicht einverstanden! Sie verletzen meine Rechte! Ich werde Sie wegen der Verletzung der Rechte eines freien Mannes verklagen!«

Der große Deputy beeindruckte Truman mit einer schnellen Bewegung, mit der er Joshua am Arm vom Sitz zog und ihn im Handumdrehen mit der Brust auf den feuchten Kies beförderte. Gemeinsam legten sie dem sich wehrenden Mann Handschellen an, der weiter etwas über seine nicht gegebene Einwilligung und verletzte Rechte kreischte.

Truman trat zurück, klopfte sich den Schmutz von den Knien und schüttelte den Kopf. Die Kontrolle war nicht so verlaufen, wie er es sich erhofft hatte, aber zumindest war niemand verletzt worden. Warum ist er nicht einfach aus dem Wagen ausgestiegen?

»Diese Leute sind mir ein Rätsel«, gab Truman zu und sah den beiden Deputys in die Augen. »Übernehmen Sie ihn?«

»Ja. Es sei denn, Sie wollen den Fall selbst übernehmen«, sagte der Ältere mit einem Augenzwinkern.

Auf keinen Fall.

Der Himmel brach nun vollends auf, und der Regen verwandelte sich in einen Wolkenbruch. Truman hockte sich neben Joshua, der mit dem Gesicht nach unten im Kies lag, und sprach mit leiser Stimme, während ihm Regentropfen von der Hutkrempe rannen. »Sie scheinen ein anständiger Kerl zu sein. Ich gehe mal davon aus, dass Sie in etwas hineingezogen wurden, das ziemlich großartig klang. Nehmen Sie sich ein wenig Zeit, und bilden Sie sich weiter, okay? Und damit meine ich echte Bildung und keine Extremisten im Internet.«

»Verpiss dich!« Joshua warf ihm einen wütenden Blick zu, der sich in Trumans Gehirn einbrannte. »Du wirst es noch bereuen, meine Rechte verletzt zu haben.«

Autsch.

Truman stand seufzend auf. Er schüttelte den Deputys die Hand und machte sich wieder auf den Weg, wobei er dankbar dafür war, dass sich das Deschutes County um den Staatsverweigerer kümmern würde.

Ich bin gespannt, ob noch Pulled Pork übrig ist.

Fünf

Es war fast 20 Uhr, als Mercy das kleine Gebäude erreichte, in dem die örtliche Rechtsmedizin untergebracht war. Normalerweise wurden Leichen zur Autopsie in das Hauptgebäude der Rechtsmedizin östlich von Portland gebracht, aber Dr. Natasha Lockhart hatte für sich und eine Assistentin ein kleines Büro in Bend eingerichtet. Auf dem Parkplatz standen zwei Fahrzeuge, und Mercy hoffte, dass eines davon Dr. Peres gehörte. Das andere würde dann wohl der Wagen der Odontologin oder von Dr. Lockhart sein.

Im Inneren folgte Mercy den Geräuschen einer Unterhaltung und traf Dr. Peres in einem großen Raum mit drei Edelstahltischen an. An einer Wand waren Kisten vom Fundort aufgestapelt, und Dr. Peres hatte vier verschmutzte Schädel auf einem der Tische vor sich liegen. Sie war in eine angeregte Diskussion mit einer zierlichen blonden Frau vertieft und betrachtete einen fünften Schädel in den Händen der kleinen Frau, weshalb sie Mercys Eintreten nicht bemerkte.

»Dr. Peres?«, fragte Mercy leise, da sie verhindern wollte, dass die Frau den Schädel vor Schreck fallen ließ.

Beide Frauen drehten sich um. Victoria Peres machte ein mürrisches Gesicht, während die blonde Frau Mercy mit breitem Lächeln begrüßte. Mercy konnte nicht anders, als das Lächeln zu erwidern. Die Frau war winzig, hatte lockiges Haar und warme braune Augen. Mercy kam sich neben ihr sofort wie eine Riesin vor, und die große Dr. Peres musste sich neben ihr genauso fühlen.

»Sie müssen Agent Kilpatrick sein.« Die Blondine reichte ihr die Hand und balancierte den Schädel in der anderen. »Ich bin Lacey Ca… Harper.«

Mercy schüttelte ihr die Hand. »Caharper?«

»Harper«, erklärte Lacey bestimmt. »Ich habe kürzlich geheiratet. Victoria war eine meiner Brautjungfern«, fügte sie mit einem kurzen Blick auf die forensische Anthropologin hinzu.

Zum ersten Mal sah Mercy ein Lächeln auf Victorias Gesicht. »Dr. Harper ist die forensische Odontologin, von der ich Ihnen erzählt habe.«

»Ich habe mich immer noch nicht daran gewöhnt, ›Dr. Harper‹ genannt zu werden«, gab Lacey zu. »Mein Mann Jack liebt den Klang dieses Namens, aber ich wurde zu viele Jahre Dr. Campbell genannt. Mein Vater war ebenfalls Dr. Campbell.«

»Der ehemalige staatliche Rechtsmediziner?«, fragte Mercy. Sie hatte den Mann vor seiner Pensionierung einige Male in Portland getroffen.

»Genau der.«

»Wollten Sie nicht in seine Fußstapfen treten?«

»Zähne reichen mir völlig, danke.« Sie verdrehte leicht die Augen.

Mercy deutete auf den Schädel in Laceys Hand. »Was sagen Ihnen diese Zähne?«

Laceys Augen leuchteten auf. »Alles Mögliche. Aber ich lasse Victoria anfangen, denn sie hat sie sich bereits genauer angesehen.« Lacey legte den Schädel zu den anderen in die Reihe. Neben dreien davon lagen die Unterkiefer. Victoria hatte in Bezug auf den Schaden nicht übertrieben, denn er war erheblich. Gebrochene und fehlende Zähne ließen die Schädel wirken, als stammten sie aus einem Halloweenladen. Erneut fiel Mercys Blick auf den kleinsten Schädel. Viele der winzigen Zähne waren brutal zertrümmert worden. Zudem war auf jedem Schädel ein Spinnennetz feiner Bruchlinien in der Nähe einer Schläfe zu erkennen, und einige wiesen dort auch ein oder zwei Löcher auf.

War das die Todesursache?

»Ich hatte noch keine Zeit, jeden Schädel genau zu untersuchen«, sagte Victoria zurückhaltend. »Ich muss sie erst gründlicher reinigen.«

»Aber Sie konnten sich doch bestimmt schon einen ersten Eindruck verschaffen«, drängte Mercy. »Mir ist durchaus bewusst, dass Sie mir so früh nur unter Vorbehalt etwas mitteilen können und dass Ihre Erkenntnisse später anders ausfallen könnten.«

»So arbeite ich nicht.« Victoria runzelte die Stirn.

»Völlig verständlich. Aber ich muss dieses Risiko eingehen, damit wir so schnell wie möglich vorankommen.«

Victoria holte tief Luft und tauschte einen Blick mit Lacey, die eine Schulter hochzog. »Ein paar Dinge wissen wir mit Sicherheit«, bemerkte Lacey.

»Stimmt.« Victoria deutete auf die fünf Schädel. »Kennen Sie das Spiel ›Finde den Unterschied‹?« Ihre Stimme nahm einen belehrenden Tonfall an.

»Das aus der Sesamstraße?« Mercy war amüsiert. Einer der Schädel war eindeutig viel kleiner.

»Genau. Und ich meine nicht die Größe des Kinderschädels. Ich spreche von der Abstammung.«

»Oh.« Mercy schaute noch einmal hin. Für sie sahen alle Schädel ähnlich aus. Schmutzig elfenbeinfarben, mit Augenhöhlen, einer Öffnung, wo einst die Nase gewesen war, und Nahtstellen über den glatten Flächen. Sie konnte sie nicht als Menschen sehen. Außer den kleinen. Jedes Mal, wenn sie ihn anschaute, stellte sie sich ohne erkennbaren Grund ein junges Mädchen mit blonden Locken vor. »Ich weiß nicht, worauf ich achten soll.«

»Eben. Aber bevor ich auf die Abstammung eingehe, sollten Sie Folgendes wissen: Wir haben hier neben dem Kinderschädel noch einen Schädel einer erwachsenen Frau, den eines Mädchens im Teenageralter und zwei Schädel erwachsener Männer.« Sie fuhr mit einem Finger über die Augenhöhlen des ersten großen Schädels. »Sehen Sie, wie der Knochen über die Augenhöhlen hinausragt? Und wie die Stirn nach hinten abfällt? Dieser Schädel stammt von einem Mann. Vergleichen Sie ihn jetzt mit dem daneben. Die Brauenwülste sind glatter, die Stirn ist vertikaler. Ganz zu schweigen davon, dass der Schädel kleiner ist und die Knochen zarter sind. Er ist auch viel leichter als der andere.«

Mercy betrachtete die nächsten beiden Schädel in der Reihe. »Der dritte ist von einem Mann und der vierte von einer Frau«, dämmerte ihr.

»Korrekt.« Die forensische Anthropologin war mit ihrer neuen Studentin zufrieden.

»Und das Kind?«

Dr. Peres hob den kleinen Schädel vorsichtig hoch und blickte nachdenklich in die tiefen Höhlen, wo sich einst die Augen befunden hatten. »Lacey und ich sind uns einig, dass das Kind zwischen fünf und acht Jahre alt war. Ich finde, dass die Struktur eher weibliche Merkmale aufweist, aber wie ich bereits am Tatort sagte, ist das in diesem Alter schwer zu beurteilen.«

»Sie wurde am Mund und an der Kopfseite geschlagen.« Mercy blinzelte mehrfach schnell und betrachtete die Verletzung an der Schläfe. Der Mörder hatte das Kind auf die gleiche Weise misshandelt wie die Erwachsenen.

»Der Schlag gegen den Kopf war perimortal, geschah also direkt vor dem Tod oder unmittelbar danach. Das lässt sich an der Beschaffenheit des Bruchrands erkennen.«

»Diese Mistkerle«, flüsterte Mercy.

»In der Tat«, stimmte Lacey ihr zu.

Die drei Frauen schwiegen einen Moment, in dem Victoria den kleinen Schädel vorsichtig wieder hinlegte.

»Was wollten Sie mir über die Abstammung erzählen?«, fragte Mercy, um die Stille zu brechen.

»Drei der Erwachsenen sind kaukasischer Abstammung, einer asiatischer.«

»Interessant. Ich würde gern raten.« Mercy beugte sich über die Schädel, musste jedoch bald aufgeben. »Ich habe wieder einmal keine Ahnung, wonach ich suchen soll. Für mich sehen sie alle gleich aus.«

»Fangen Sie mit der Form der Augenhöhlen an«, schlug Lacey vor.

Mercy zeigte auf den ersten Schädel. »Bei diesem sind die Augenhöhlen sehr rund. Die anderen vier sind eher schräg.« Nun fiel ihr der Unterschied deutlich auf.

Lacey nahm den ersten männlichen Schädel und drehte ihn um, sodass Mercy die Zähne im Oberkiefer sehen konnte. »Die oberen Schneidezähne sind ebenfalls ein guter Anhaltspunkt … auch wenn drei abgebrochen sind, hat der vierte eine schaufelförmige Form und ausgeprägte Rillen auf der Zungeninnenseite.«

»Zungeninnenseite?«, fragte Mercy verwirrt.

»Wenn man die Zähne von der Zunge aus betrachtet«, erklärte Lacey und zeigte Mercy zur Veranschaulichung den glatten Rücken eines Schneidezahns an einem anderen Schädel.

»Wenn sie nebeneinanderliegen, kann ich die Unterschiede erkennen. Hätte ich nur einen einzelnen Schädel, wäre ich komplett aufgeschmissen«, gab Mercy zu.

»Deshalb bezahlt man mir ja auch so viel Geld«, meinte Victoria, und Lacey lachte schnaubend. »Nun ja, relativ viel Geld.«

»Der asiatische Schädel ist dunkler«, stellte Mercy fest. »Hat das eine Bedeutung?«

Sowohl Victoria als auch Lacey runzelten die Stirn. »Darüber haben wir gerade gesprochen«, sagte Victoria. »Das könnte mehrere Gründe haben. Möglicherweise war er länger als die anderen vergraben, oder der Boden hat an dieser Stelle eine andere Zusammensetzung und ihn deshalb stärker verfärbt.«

»Länger vergraben?« Mercy merkte auf. »Wir gehen bisher davon aus, dass es sich um eine Familie handeln könnte. Aber wenn einer länger vergraben war und dazu asiatisch ist, passt er vielleicht nicht dazu.« Sie musste unwillkürlich lächeln, als sie an Victorias frühere Bemerkung über das Sesamstraße-Spiel dachte.

»Vielleicht hat er in die Familie eingeheiratet«, mutmaßte Lacey. »Ihre Theorie bleibt trotzdem plausibel.«

»Das stimmt.« Mercy nickte. »Keiner der anderen weist auch nur entfernte asiatische Merkmale auf?«

»Nicht wirklich«, antwortete Victoria. »Ich muss später Dutzende Messungen durchführen, um sie in die Abstammungskategorien einzuordnen, aber die deutlichsten Merkmale – die Augenhöhlen und die Schneidezähne – zeigen sich nur bei dem einen Schädel.«

»Darf ich ein paar Fotos machen?«, bat Mercy.

»Nur zu«, erwiderte Victoria.

Während Mercy mit ihrem Diensthandy fotografierte, fragte Lacey: »Wie ich hörte, könnte dieser Fall Ähnlichkeiten mit älteren Mordfällen aufweisen?«

Mercy wandte den Blick nicht von ihrer Arbeit ab. »Ja. Vor etwas mehr als zwanzig Jahren. Die Hauptparallelen sind die zertrümmerten Zähne und die Möglichkeit, dass es sich um eine Familie handelt. Aber damals wurde der Täter gefasst. Er sitzt im Gefängnis.«

»Aha. Manchmal hat das leider nichts zu bedeuten«, warf Lacey ein.

Mercy hob den Kopf. »Wie meinen Sie das?«

Die Frau zuckte mit den Achseln und fuhr sich leicht über die schwach erkennbare Linie an ihrem Hals, ohne Mercy dabei anzusehen. »Manchmal lässt sich jemand anderes inspirieren und setzt das tödliche Werk fort.«

Ein seltsames Kribbeln breitete sich auf Mercys Kopfhaut aus. Was hat sie erlebt?

»Lacey.« Victoria legte der Frau eine Hand auf den Arm und musterte sie besorgt. »Alles in Ordnung?«

Lacey blickte auf und zwang sich zu einem Lächeln. »Ja. Das ist schon Jahre her.« Endlich sah sie Mercy in die Augen. »Ich erzähle es Ihnen irgendwann einmal bei einem Bier.«

Mercy nickte. Nachdem ich Sie gegoogelt habe.

Sechs

Es war fast zehn, als Mercy in ihr Büro zurückkehrte. Nach dem Anblick der Schädel wollte sie mehr über die alten Familienmorde erfahren. Ihre Gedanken stoben in ein Dutzend Richtungen gleichzeitig, und sie hatte Millionen von Fragen. Schlafen wäre jetzt ein Ding der Unmöglichkeit. Truman hatte angerufen, als sie gerade aus der Rechtsmedizin gekommen war, und sie hatte ihm mitgeteilt, dass sie noch einmal ins Büro fahren würde. Das überraschte ihn nicht; stattdessen bot er sofort an, sich mit ihr zu treffen und etwas zu essen mitzubringen.

Da merkte Mercy erst, dass sie seit dem Frühstück nichts mehr gegessen hatte und ihr Magen vor Hunger bereits protestierte. Dankbar für seine Aufmerksamkeit bat sie ihn, einfach etwas zu besorgen, worauf er Lust hatte. Und zwar schnell.

Eine halbe Stunde später aß sie Massaman-Curry mit Schweinefleisch direkt aus der Schale und bediente sich gelegentlich an Trumans Pad Thai, während sie gemeinsam die alten Mordfälle durchgingen. Kartons über Kartons mit Akten waren aus dem Büro des Sheriffs von Deschutes County eingetroffen. Vor ihrem Treffen mit Jeff, Eddie und Darby hatte sie einige Zusammenfassungen überflogen, aber jetzt, da sie die physischen Beweise und schriftlichen Berichte vor sich hatte, wollte sie sich Zeit nehmen.

»Solltest du dich nicht lieber darauf konzentrieren, die Identität der aktuellen Opfer herauszufinden, statt alte gelöste Fälle zu durchforsten?«, fragte Truman.

»Ich mache beides.« Seine Frage störte sie nicht, denn sie war berechtigt. »Ich habe die Vermisstenanzeigen durchgesehen, und wir haben eine kurze Erklärung für die lokalen Nachrichten vorbereitet. Sie sollte heute Abend um elf ausgestrahlt werden.«

»Danach werdet ihr garantiert mit Hinweisen überhäuft.«

»Wir werden sie sortieren. Wir haben die Möglichkeit, dass es sich um eine vermisste Familie handeln könnte, bisher nicht erwähnt, aber angegeben, dass sich ein kleines Kind unter den Toten befindet. Solange ich keinen Bericht von Dr. Peres habe, kenne ich von den erwachsenen Schädeln nur das Geschlecht und weiß, dass einer der weiblichen wahrscheinlich von einem Teenager stammt. Viel mehr kann ich mit diesen Informationen und den Vermisstenmeldungen nicht anfangen. Und wer weiß, vielleicht finden sie noch weitere Überreste ein Stück den Hang hinunter.«

»Suchen sie immer noch?«

»Wir werden noch mindestens ein paar Tage lang ein Team vor Ort haben. Letzten Endes hängt es vom Wetter, der Sicherheit und dem ab, was sie finden. Solange ich keine neuen Beweise im aktuellen Fall habe, ist das hier ein guter Anfang.«

Truman warf einen vielsagenden Blick auf die Kartons. »Es könnte eine Woche dauern, bis wir uns da durchgearbeitet haben.«

Mercy schob einige Kartons beiseite, hob den Deckel eines bestimmten ab und holte einen dicken Ordner heraus. »Ich möchte mit der Familie Verbeek anfangen und habe vor, Britta Verbeek morgen zu besuchen.«

»Das Mädchen, das überlebt hat.«

»Gerade so. Sie lag wochenlang im Krankenhaus. Damals ging man davon aus, dass sie durch den Schlag auf den Kopf bleibende Hirnschäden davongetragen hätte, aber nach allem, was ich online über sie gefunden habe, scheint sie sich gut erholt zu haben.«

»Was hast du herausgefunden?«

»Sie arbeitet für eine Firma, die Websites erstellt … In ihrem Portfolio finden sich viele Restaurants und kleine Unternehmen. Sie hat ihren Nachnamen vor langer Zeit in Vale geändert, aber ich konnte keine Heiratsurkunde finden, daher vermute ich, dass es eine persönliche Entscheidung war.«

»Kann ich gut nachvollziehen«, sagte Truman. »Bestimmt haben sich seltsame Menschen bei ihr gemeldet und indiskrete Fragen zu ihrer Geschichte gestellt. Vermutlich auch Reporter.«

Mercy klappte den Ordner auf, stellte ihr Essen beiseite und suchte nach den Berichten über die Gespräche mit Britta Verbeek.

»Wie wurde die Familie Verbeek gefunden?«, fragte Truman.

»Ein Nachbar kam am diesem Vormittag vorbei. Zu Brittas Glück. Es war ein Sommerwochenende, daher mussten die Kinder nicht zur Schule und der Vater nicht zur Arbeit. Schlimmstenfalls hätte tagelang niemand bemerkt, dass etwas passiert war, denn die Verbeeks lebten auf einem zwölf Hektar großen Grundstück mitten im Nirgendwo. Laut dem Nachbarn stand die Haustür offen. Als niemand antwortete, ging er hinein.«

Truman stocherte mit der Gabel in seinem Pad Thai herum. »Unglaublich.«

Mercy überflog das Verhör des Nachbarn. »Der Vater wurde im Wohnzimmer gefunden, die Mutter im Flur und die drei Kinder in ihren Betten.«

»Tatwaffe?«

»Ein Hammer.«

Truman blickte auf, und seine Gabel erstarrte. »Im Ernst?«

»Es war ein großer Hammer.« Mercy stellte sich einen Verrückten vor, der den Hammer schwingt. »Der Vater hatte Knochenbrüche in den Händen und Abschürfungen an den Armen. Die Mutter ebenfalls. Sie lag im Flur vor dem Zimmer der Mädchen.«