Mermaid's Kiss - Sarah Schwartz - E-Book
Beschreibung

Der Kuss einer Meerjungfrau ... Aufruhr im Meereskönigreich Makuun: Die unwissenden Menschen wollen ihnen ein künstliches Riff als Touristenattraktion vor die Haustür bauen. Das muss mit allen Mitteln verhindert werden. Prinzessin Aylin und ihr Kumpel, der Seevampir Klavius, werden an Land geschickt, um den Bau zu verhindern. Aylin kommt dies gelegen, denn Prinz Damaskus, der sie mit orientalischem Temperament umwirbt (er spekuliert auf den Job als künftiger König), fällt ihr zunehmend lästig. Aufgetaucht im schicken Urlaubsresort auf den Malediven, genießen die als Umweltaktivisten getarnten Aylin und Klavius erst einmal die Vorzüge der Menschenwelt in vollen Zügen: Sterne- statt Glibberküche, Pornokanal und Wasservergnügungspark. Doch Aylins eigentlicher Auftrag gestaltet sich schwieriger als gedacht, denn sie erkennt in Marc, dem attraktiven Leiter des Riff-Projekts, den Mann wieder, den sie einst vor dem Ertrinken gerettet hat und nie vergessen konnte ...

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Seitenzahl:360

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Sarah Schwartz

Mermaid’s Kiss

Erotischer Roman

© 2011 Plaisir d’Amour Verlag, Lautertal

Plaisir d’Amour Verlag

Postfach 11 68

D-64684 Lautertal

www.plaisirdamourbooks.com

info@plaisirdamourbooks.com

©Coverfotos: Shutterstock (Liliya Kulianionak, Lars Christensen, Antoine Thisdale)

Covergestaltung: Andrea Gunschera

ISBN eBook: 978-3-938281-94-9

Dieses eBook darf weder auszugsweise noch vollständig per E-Mail, Fotokopie, Fax oder jegliches anderes Kommunikationsmittel ohne die ausdrückliche Genehmigung des Verlages oder der Autorin weitergegeben werden. Für unaufgefordert auf dem Postweg eingesandte Manuskripte übernimmt der Verlag keine Haftung. Sämtliche Personen in diesem Roman sind frei erfunden.

Geheimnisse der Wellen

Verborgen unter Meeresschaum liegt Finsternis und Menschentraum Ein Reich der Rätsel und Legenden, voll Wunder, die dort niemals enden Gefüllt mit Wesen, fremd und fern von Mondenlicht und Sonn‘ und Stern In ihrer Welt am Grund der See fällt niemals Regen oder Schnee

Die Grenze, sie ist unsichtbar, kein Fremder kam ihr je zu nah Nur einer hat sie fast erreicht; ein Menschensohn, noch jung an Jahren Sein Herz, es war vor Unschuld leicht, er konnt‘ sich Märchenaugen wahren Er ging ins Wasser, sah den Schein, der andern Welt, so glitzernd fein Doch Böses griff ihn, drückt‘ ihn nieder, beschwerte seine zarten Glieder Er schrie, schon musst’ er Wasser trinken, und fühlte sich zum Grunde sinken

Unter den Wellen sah er sie: Ihr schillernd Leib durchbrach das Meer Ein solches Wesen sah er nie; eilte voll Anmut zu ihm her Lippen, wie Korallen Rot, erlösten ihn aus seiner Not Doch ehe noch mehr Zeit verrann, schwamm sie hinfort und brach den Bann

Er stand am Strand alleine da, hielt ihre Muschel in der Hand Fragte, ob sie ein Traum nur war, aus jenem Reich jenseits dem Land In ihre Welt hinter dem Riff, führte kein Sehnen und kein Schiff Würd‘ jemals er sie wiedersehen? Im Schuppenkleid, so nackt und schön? Sie war sein Segen, war sein Glück; in jedem Traum kehrt sie zurück

Kapitel 1

Der blaue Fisch

Marc! Marc, wach auf!“

Marc Tiemann schreckte aus dem Schlaf und öffnete die Augen. Über sich sah er eine dunkle Mahagonidecke, die sich wie ein Trichter schloss. Wo befand er sich? Das war nicht sein Zimmer in Frankfurt, an dessen Decke aufgemalte Wolken schwebten und Holzflugzeuge herabbaumelten. Er blickte zu dem weißen Vorhang an der Fensterfront und erinnerte sich. Sie machten Urlaub. Papa hatte Geschäfte zu erledigen und verband das Angenehme mit seinem Beruf, wie er nicht müde wurde zu betonen. Mama und Papa bevorzugten in Hinsicht auf diesen Spruch eine klare Aufteilung: Papa regelte die Arbeit, Mama das Vergnügen.

„Marc!“ Die leise Stimme erinnerte ihn wieder, warum er aufgewacht war. Jemand rief nach ihm. Er lauschte. Die Klimaanlage rauschte dumpf vor sich hin. Draußen konnte er den Wind in den Palmen hören und ganz, ganz leise das Rauschen der Wellen, die sich am Riff brachen und gegen den Strand liefen.

Vorsichtig stand er auf und sah sich im Zimmer um. Da war niemand. Die Stimme musste einem seiner Träume entsprungen sein, für die Mama und Papa ihn immer schalten. Auf Zehenspitzen ging er zur Verbindungstür zum Zimmer seiner Eltern. Obwohl er ganz flach atmete, nahm er die Gerüche im Raum wahr: das dunkle, schwer riechende Holz, der schwache Hauch von Insektenspray und das intensive Duften eines Apfels, der schon zu lange allein in der Holzschale lag.

Marc legte den Kopf an die Tür und lauschte. Aus dem Nebenraum drang das leise Schnarchen seines Vaters. Behutsam drückte er die Klinke hinab und schlich in den großen Raum mit dem Doppelbett, den schweren Möbeln und Spiegeln. Er trat an die Terrasse. Es erschien ihm, als spüre er eine Sehnsucht, die nach ihm rief, als wartete dort draußen jemand auf ihn. Unschlüssig streckte er den Arm aus. Die Tür stand einen Spaltbreit offen, weil seine Mutter keine Klimaanlagen mochte. Er schob das Fliegenschutzgitter, das neben den Moskitos auch die Ratten nachts abhalten sollte, so lautlos wie möglich zur Seite, öffnete die Tür und trat hinaus. Danach verschloss er das Fliegengitter sorgfältig. Blinzelnd stand er im anbrechenden Tag. Es war noch nicht vollständig hell. Die Welt lag in einem angenehmen Dämmerlicht. Barfuß ging er durch den Garten, hin zum Steinweg. Ein grünbrauner Gecko sprang erschrocken davon und ein Vogel begann zu singen. Er suchte in den Palmen nach dem Vogel, fand ihn aber nicht.

Die Luft roch schwer und feucht. Tief einatmend ging er zwischen zwei Holzvillen hindurch, die auf Stelzen im Sand thronten. Die holzverkleideten Seiten reichten bis zum Boden, schlossen aber nicht mit dem Grund ab, und er wusste, dass sich dort nachts Ratten herumtrieben. Seine Mutter hatte ihm deshalb verboten, nachts hinauszugehen, damit er nicht gebissen wurde.

Er durfte auch morgens nicht allein hinaus, erinnerte er sich. Zögernd blieb er stehen, blickte zurück und biss sich auf die Unterlippe. Sollte er umkehren? Nein. Dieses Mal nicht. Er würde zurück sein, bevor seine Eltern aufwachten. Sie schliefen mindestens noch eine Stunde, wenn nicht länger.

Entschlossen wandte er den Blick zum Meer und lief los. Der Strand lag menschenverlassen da, und vor ihm breitete sich eine türkisgraue Fläche in unterschiedlichen Farbabstufungen aus, die mit jedem Anstieg der Sonne heller strahlte. Das Wasser war so klar, dass er die kleinen Fische mit den langen Wimpelflossen und die Korallen darin erkannte. Er lachte leise, als er platschend in die warmen Wellen trat und eine rotbraune Koralle ganz in der Nähe des Strandes entdeckte. Sie wirkte wie eine Burg, in der sich die Bewohner verschanzt hatten. Als einer der Fische in sein Schienbein knappte, quiekte er.

„Entschuldigung, Eure Burgwächterlichkeit“, sagte er und trat einen Schritt zurück. „Ich wollte keinen Großangriff starten. Für Euch bin ich ja ein Riese.“

Neugierig bückte er sich, um die gelbschwarzen Fische näher zu betrachten, als er einen blauen Schimmer sah, der ihn ablenkte.

Mit großen Augen erkannte er, was da schwamm: Ein Riesenfisch, der sich hinter dem Riff verirrt haben musste. Er war fast so groß wie sein Kopf und erinnerte ihn an einen Kaiserfisch. Der Körper leuchtete hellblau, wie der Aquamarin am Ring seiner Mutter. Goldene Fäden zogen sich geschlängelt über die Schuppen und bildeten geheimnisvolle Zeichen. Vielleicht eine Zauberformel. Wenn er sie lesen könnte, würde etwas Wunderbares geschehen.

Marc ging näher heran. Einen solchen Fisch hatte er noch nie gesehen. Dabei verbrachten sie schon das zweite Jahr hintereinander ihren Urlaub auf den Malediven und er war mit seinem Vater bereits um die Insel herumgeschnorchelt.

„Wer bist denn du?“, fragte er in das Rauschen der Wellen.

Der Fisch verharrte und drehte sich um, als musterte er Marc und erschrak vor ihm. Der Schwanz des Fisches zuckte, als er herumschnellte und in Richtung Meer floh.

„Warte!“ Marc lief hinter ihm her, bis er nicht mehr stehen konnte und schwamm auf die Steine zu, die aus dem Wasser stachen. Er wusste, es herrschte Flut, sonst hätten noch mehr Steine herausgeragt. Seine Füße fanden nach wenigen Metern wieder Halt auf dem Grund, und er nutzte seinen Stand, um sich nach dem Fisch umzusehen.

„Wo bist du?“

Da! Der blaue Fisch hatte mehrere Schwimmlängen Abstand gewonnen, aber da er im Licht der aufgehenden Sonne wie eine goldene Uhr blitzte, sah Marc ihn noch immer gut.

Als er zu der Stelle zwischen zwei Steinen kam, die ins offene Meer führte, zögerte er. Wenn Mama wüsste, wo er sich herumtrieb, würde sie ihm Zimmerarrest und Eisverbot geben.

Der Fisch schwamm rasch weiter und Marc drohte, ihn zu verlieren. Warum erkannte er den Fisch überhaupt noch so gut? War er größer geworden? Tatsächlich, das Tier schien zu wachsen.

Er vergaß alle Vorsicht und schwamm zwischen dem Wall aus braunen Steinen hindurch. Dafür musste er sich ganz flach machen und stieß sich das Knie, als er die enge Passage nutzte. Das Wasser wurde hinter dem Wall rasch tiefer.

Der Fisch hielt inne und drehte sich erneut zu ihm um. Marc hatte das Gefühl, er wolle ihn warnen. Ob es an dem unruhig zuckenden Schwanz lag, vermochte er nicht zu sagen, aber er spürte das Gefühl ganz deutlich in seiner Brust: Der Fisch wollte, dass er zurückschwamm und ihm nicht weiter folgte.

„Ich muss ihn anfassen“, flüsterte er. „Nur ein einziges Mal.“

Obwohl der Fisch inzwischen fast so groß wie ein Rochen aussah, hatte er keine Angst. Der Fisch wirkte nicht böse. Vielleicht stand er dem stolzen Herrscher einer Unterwasserwelt gegenüber oder einem verzauberten Prinzen, den eine böse Hexe in ein Tier verwandelt hatte, weil er sich weigerte, seine Hausaufgaben zu machen. Er kicherte.

Die Sonnenstrahlen tanzten auf seiner Haut. Um ihn herum lag ein glitzerndes Reich, das keine Gefahren bergen konnte. Im heller werdenden Licht entfaltete es seine ganze Farbenpracht nur für ihn, von der weißblauen Fläche am Strand bis zu dem intensiven Türkis, das ihn umgab.

„Gleich“, sagte er, als könnte der Fisch ihn verstehen. „Gleich kehre ich um. Ich verspreche es. Nur noch ein winziges Stück.“

Er würde aufpassen und nicht zu der Stelle schwimmen, wo das Riff steil nach unten abfiel und ewige Finsternis herrschte. Er würde immer da bleiben, wo er mit den Füßen Halt fand und das Wasser seinen Körper warm umfloss.

Mit einer kräftigen Bewegung stieß er sich vom Grund ab und schwamm dem Fisch nach, über Steine und bunte Korallen hinweg. Er wunderte sich, dass er an dieser Stelle keine anderen Fische sah. Eigentlich wimmelte das Wasser am Riff von ihnen, aber vielleicht schliefen sie an diesem Morgen noch.

Zu seiner Freude blieb der Fisch im Wasser stehen. Gleich hatte er ihn erreicht und würde mit den Fingern die prachtvollen Schuppen berühren. Nur noch wenige Meter trennten ihn, als er spürte, wie anstrengend das Schwimmen im Meer war. Er hielt inne und stellte den Fuß auf einem Stein neben einer Koralle ab. Erneut wollte er sich abstoßen, doch er musste sich zwischen den Steinen verhakt haben, denn sein Fuß steckte fest. Er schlug mit den Armen auf die Wasseroberfläche, um fortzukommen. Verwundert versuchte er, das Bein anzuziehen, aber er kam nicht frei. Es schien, als ob jemand seinen Knöchel festhielte.

„Hey! Was soll das?“ Er blickte zu dem Fisch, der nun wieder durch das Wasser schwamm und sich rasch entfernte.

Angst stieg in ihm auf und griff mit kalten Fingern nach seiner Seele. Er tauchte hinunter, um sich genauer anzusehen, wie sich sein Fuß zwischen den Steinen verklemmt hatte, und ihn herauszuziehen. Mit beiden Händen packte er das Bein über dem Kniegelenk und zog daran, hart und ruckartig. Es bewegte sich kein winziges Stück. Entmutigt wollte er auftauchen, um nach Luft zu schnappen, als eine große Kraft ihn nach unten riss. Er schrie gurgelnd auf und sah hinab. Unter ihm waberte ein dunkler Schatten. Vor Schreck verstummte er. Was sich auch immer unter seinen Füßen verbarg, es ließ ihn zittern und innerlich erstarren. Das Riff verschwand. Unter ihm öffnete sich ein Abgrund in eine unschätzbare Tiefe, als wäre er ins offene Meer geschwommen und hätte die Riffkante weit hinter sich gelassen. Aber das war nicht möglich. Erstaunt und verwirrt sah er sich um. Zu seiner Angst kam Neugierde. Was er sah, wirkte erschreckend und wundervoll zugleich. Ganz hinten, verschwommen im Wasser liegend, erblickte er die dunkle Silhouette einer Stadt mit gewundenen Türmen. Die Türme blinkten, als wären sie aus dunklem Gold. Er hatte das Reich des Fischherrschers gefunden und blinzelte mit offenem Mund. Wenn er doch nur atmen könnte, dann wäre seine Entdeckung noch viel fantastischer.

Die Atemnot zwang ihn, den Blick abzuwenden und nach oben zu starren. Er schlug mit den Armen um sich, um an die Oberfläche zu gelangen, aber sein Fuß wurde von einer unsichtbaren Kraft gehalten. Seine Lungen begannen zu brennen. Ein Dämon entzündete in ihnen ein Feuer, das sich rasch ausbreitete. Die Angst kam zurück wie ein Bumerang und umklammerte seinen Brustkorb. Er schrie erneut und versuchte hinaufzugelangen. Vor seinen Augen begannen dunkle Punkte im Wasser zu tanzen, wie die Flocken niederregnender Asche.

„Hilfe!“, rief er gurgelnd. Die Worte klangen verzerrt in seinen Ohren.

Mama wird mich umbringen, ging es ihm durch den Kopf. Dann begriff er, dass er sterben würde, so oder so. Er war neun Jahre alt, und er würde sterben, so wie Großpapa, nur dass es in seinem Fall nicht im Bett sein würde, sondern im Meer, gefangen von einer Macht, die er nicht begriff.

Er spürte, wie seine Kraft ihn verließ. Seine Arme erlahmten. Der Schmerz in seinen Lungen brachte ihn zum Weinen. Verzweifelt suchte er das Wasser unter sich mit seinen Blicken ab, aber was immer ihn gepackt hatte, blieb unsichtbar. Nebelschleier schienen ihn einzuhüllen und machten das Feuer in ihm erträglicher. Seine Seele schwebte davon, als könnte sie die Angst nicht länger ertragen.

Als er wieder aufblickte, sah er den blauen Fisch auf sich zukommen. Obwohl seine Konturen verschwammen, wusste er sofort, dass es sich um denselben Fisch handelte, dem er hinter das Riff gefolgt war. Das Gold auf seinen Schuppen glänzte im einfallenden Licht und in den hervorquellenden Augen sah er Sorge.

Der Fisch klackte in einer schnellen Abfolge. Es klang, als würde er etwas in einer fremden Sprache rufen.

Marc betrachtete ihn benommen. Ihm schwindelte und sein Sichtfeld verschob sich, als er sie sah. Da tauchte ein Mädchen im Wasser. Ihre Haut schimmerte ebenso hellblau wie die des Fisches. Sprenkel, wie Sommersprossen aus Gold, glänzten darauf und bildeten an manchen Stellen wilde Muster. Statt Beinen hatte sie einen langen, schuppigen Fischschwanz, der wie Türkise schimmerte. Eine mächtige, gegabelte Flosse bildete den Abschluss des Unterleibs. Lapislazuliblaues Haar trieb als Wolke hinter ihr. Sie wirkte kleiner als er. Ihr Gesicht schien nicht älter als das seiner Klassenkameradinnen, aber es war dennoch ganz und gar anders. Die Züge, in die er starrte, wirkten so fremd und schön, dass er seine Angst vergaß. Am meisten faszinierten ihn die Ohren, denn sie gabelten sich wie der Fischschwanz und er streckte unwillkürlich die Hand aus, um diese Ohren anzufassen.

Das Mädchen schwamm auf ihn zu, ergriff seine ausgestreckten Arme, legte ihre Lippen auf seinen Mund, und plötzlich konnte er wieder atmen. Er sog tief und gierig die Luft ein, die aus ihrem Körper strömte. Ihm schien, als würde er mit ihrem Atem ein Geschenk erhalten, auch wenn er das Gefühl gedanklich nicht klar greifen konnte. In ihren violettblauen Augen lag eine Vertrautheit, als wären sie einander seit Jahren bekannt.

„Marc“, flüsterte eine Stimme in seinem Kopf.

Sie lächelte, schwamm ein Stück zurück und tauchte hinab. Er sah, dass sie nach einem dunklen Fangarm griff, der sich um seinen Knöchel gewunden hatte und hinab in eine schwarze Tiefe führte. Als ihre Finger den Fangarm berührten, löste sich der Zug um sein Bein. Er trieb augenblicklich wie ein Stück Holz nach oben, durchstieß die Oberfläche und saugte gierig Luft ein.

Das Mädchen tauchte neben ihm auf. Ihre türkisblaue Haut schillerte, wie es Seifenblasen taten. Mit einem festen Griff packte sie seine Hand und zog ihn zum Übergang zwischen den Steinen, fort von den bösartigen Fangarmen. Sie sah ihn an. „Das war knapp. Der Grenzwächter nimmt es zurzeit ein wenig zu genau. Er ist alt und verbittert.“

Marc beschäftigte sich in erster Linie mit dem Atmen, trotzdem hörte er ihre Worte mit wachsender Verwunderung. „Der Grenzwächter?“, wiederholte er.

„Von Makuun. Unserem Reich. Ihr Schuppenlosen habt da nichts zu suchen. Du hättest nicht dort sein dürfen.“

Er legte den Kopf schief und sah fasziniert in ihr blau schimmerndes Gesicht mit den goldenen Sprenkeln. „Warum hast du mir dann geholfen?“

Sie hob die Schultern. „Ich wusste, dass du da warst. Ich spüre dich schon seit einigen Wellenschlägen. Außerdem hat mir Klavian der Fünfte von dir erzählt. Er hatte ein schlechtes Gewissen, weil er dich genau zum Übergang gelockt hat, anstatt erst einen Umweg zu nehmen. Aber du hast ihn erschreckt.“

„Klavian der Fünfte?“ Er überlegte, ob sie den blaugoldenen Fisch meinte.

Das Mädchen sah nervös zum Strand hin. „Ich muss los, bevor mich jemand sieht.“ Sie wandte sich ab und wollte untertauchen. „Leb wohl.“

„Warte!“ Er streckte die Hand nach ihr aus. „Wie heißt du?“

Sie hielt in der Bewegung inne und drehte sich zu ihm um. „Aylin. Prinzessin Aylin. Und nun geh, Schuppenloser.“ Sie zögerte und griff an ihren Hals. Der Blick ihrer Augen durchdrang ihn, als wollte sie ihn prüfen. Eine unhörbare Melodie schien in seinem Herzen zu erklingen, wie von fernen Flöten.

„Aylin“, flüsterte er. „Geh nicht weg. Ich will für immer bei dir sein.“ Es war, als spräche ein anderer durch ihn, der tausend Jahre alt schien. In diesem Moment spürte er ganz sicher, für Aylin bestimmt zu sein. Der Eindruck verwirrte und überforderte ihn, denn er fühlte sich um vieles älter an als er. Ganz so, als hätte er bereits gelebt.

Sie lächelte. „Nimm mein Geschenk. Wenn es sein soll, treffen wir uns wieder.“

Er sah mit großen Augen zu, wie sie eine goldene Kette abnahm, an der eine Muschel hing. Die gewundene Muschel glitzerte hellblau und golden wie Aylin und der Fisch. Sie pulsierte in ihrer Farbkarte, wurde heller und dunkler, als hätte sie ein Eigenleben. Er spürte die Magie, die von der Muschel ausstrahlte.

„Glaube an das Wunder“, flüsterte sie und hielt ihm die Muschel hin.

Staunend griff er nach der Muschel und musste sich beeilen, sie zu fangen, denn Aylin ließ die Kette los und tauchte so schnell hinab, dass seine Dankesworte zu spät kamen. Eilig lief er die Steine hinauf, um sich einen besseren Überblick zu verschaffen, und starrte in das kristallklare Wasser. Wo war sie? Er entdeckte sie nirgendwo, obwohl das Wasser eine weite Sicht erlaubte. War sie direkt in ihr Reich hineingetaucht? Am Grenzwächter vorbei und hin zu den goldenen Türmen?

„Aylin!“ Er lauschte auf eine Antwort, aber er hörte nichts als das ewige Meer.

Sein Blick fiel auf die Muschel, die zu pulsieren aufgehört hatte. Kühl und schwer lag sie in seiner Hand, als einziges Überbleibsel des Zusammentreffens mit dem Meermädchen.

„Marc!“ Die Stimme kam vom Land her. Er drehte sich um und sah seine Mutter am Ufer stehen. Sie hatte die Arme erhoben und winkte aufgeregt. „Oh, mein Gott! Marc, Junge, komm sofort hierher!“

„Ich komme, Mama.“ Hastig kletterte er von den Steinen hinunter und schwamm zum Strand zurück. Die Muschel hielt er fest in der Hand.

Glaube an das Wunder, wiederholte er in Gedanken ihre Worte. Er wusste, er würde ihr Gesicht niemals vergessen.

Kapitel 2

Das Projekt

Marc starrte sehnsüchtig zu seinem Computerarbeitsplatz an der Glasfront des Büros. Er wünschte sich, Berechnungen anstellen zu können, irgendetwas an dieser Maschine zu arbeiten, aber zur Hölle nicht Christin Tiemann ausgesetzt zu sein, die ihn mit anklagenden Blicken zu durchstechen drohte.

„Was soll das heißen, du weißt nicht, ob du fliegst? Natürlich musst du vor Ort reisen, Sohn“, sagte seine Mutter eben und sah auf ihn herab. Auf ihrer Stirn bildete sich eine steile Falte, die er nur zu gut kannte. „Steh gefälligst auf, wenn ich mit dir rede. Was sitzt du da noch herum und starrst aus dem Fenster? Habe ich dir nicht beigebracht, wie man sich benimmt, oder hast du es vergessen?“

Marc stand langsam aus seinem ergonomisch angepassten Stuhl auf und musterte die kleine Frau, die er seit seinem siebzehnten Lebensjahr um anderthalb Köpfe überragte. Sie war von den hohen Schuhen bis zum blauen Seidentuch perfekt angezogen und gestylt. Ihr gestrafftes, dezent geschminktes Gesicht betonte die tiefblauen Augen. Er ärgerte sich über die Schuldgefühle, die sie ihm auch jetzt noch, mit Anfang dreißig, mit nur einem Blick mitten in die Brust pflanzte.

Seine Mutter fuhr in ihrer „Motivationsansprache“ fort, wie sie ihre kleinen Reden zu nennen pflegte, die sie ihm überfallartig hielt. „Das Firmenimperium steht und fällt mit dir. Du musst diesen Auftrag an Land ziehen. Wenn du uns enttäuschst, brauchst du dich nicht mehr bei uns blicken zu lassen, hast du das verstanden?“

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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