Merry X-Match - Eva Herzsprung - E-Book
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Eva Herzsprung

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Beschreibung

Matchmaking-Queen trifft auf ihren größten Alptraum – ausgerechnet an Weihnachten! Es gibt nur eine Sache, die Felicitas mehr liebt als Weihnachten, nämlich ihre Mitmenschen miteinander zu verkuppeln. So hat sie als größte Matchmakerin von Vermoos schon einigen Einwohnern zu ihrem Glück verholfen. Nur für Felicitas selbst existiert die Liebe nicht. Als ihr diesjähriger Weihnachtswichtel Luis betrunken auf ihrer Adventsfeier erscheint, reißt er damit nicht nur alte Wunden in ihr auf, sondern stellt sie auch vor ihren Freunden bloß. Daraufhin beschließt Felicitas, erstmals ein Perfect Bad Match zu arrangieren und ihn mit ihrer Erzfeindin zusammenzuführen. Aber dann bemerkt sie, dass Luis gar nicht so unangenehm ist, wie zuerst angenommen. Da scheint das Liebeschaos jedoch bereits perfekt zu sein … Eine herzerwärmende Weihnachtsromance über unerwartete Gefühle, perfekt unperfekte Matches und die Erkenntnis, dass Liebe manchmal genau dort wartet, wo wir am wenigsten damit rechnen.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Merry X-Match

LIEBE IN VERMOOS

BUCH EINS

EVA HERZSPRUNG

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Leseprobe

Happy Valentime

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Über die Autorin

"Were I to fall in love, indeed, it would be a different thing; but I have never been in love; it is not my way, or my nature; and I do not think I ever shall. - Jane Austen, Emma

Kapitel 1

„Maxi!“ Mein Ruf tönte gellend durch den Gang. „Komm sofort zurück!“ Du Rotzbengel, ergänzte ich in Gedanken. Ich hatte ihm ausdrücklich verboten abzuhauen.

Zufrieden stellte ich fest, dass er postwendend umkehrte und mit gesenktem Kopf auf mich zuschlurfte.

Ich streckte meinen Rücken durch und setzte eine ernste Miene auf. Im Grunde war ich eine Schauspielerin. Zu tun als ob, gehörte zum Lehrerdasein dazu. Der Junge hatte nun mal gegen die Regeln verstoßen. Es war klar, dass ich ihm sein Verhalten nicht durchgehen lassen durfte. „Wir müssen noch über den Streit in der Pause sprechen.“

Sein Gesicht wurde rot vor Zorn. „Ich weiß, dass ich recht habe!“

„Das mag sein, aber deshalb kannst du dich nicht einfach prügeln. Morgen hast du Pausenverbot. Außerdem ist eine Entschuldigung fällig.“

Der Junge stöhnte auf. So sehr er sich auch ärgerte, da musste er durch.

„Und jetzt ab nach Hause mit dir.“

Er machte kehrt und rannte los.

Ich schnappte mir meine Aktentasche, mit dem kleinen Finger ergriff ich meine Kaffeetasse und sperrte mit der freien Hand das Klassenzimmer zu. Der Schultag hatte sich schier endlos in die Länge gezogen und es stimmte mich froh, dass er vorüber war. Ich lief die steinernen Treppen hinunter in den ersten Stock ins Lehrerzimmer.

Beladen, wie ich war, öffnete ich umständlich die Zimmertür. Augenblicklich stieg mir der typische Geruch von Kaffee und Moder in die Nase.

Da kam mir auch schon Amanda entgegen. Sie stolzierte gerade aus dem Kopiereck, in der Hand ihre unmögliche Kaffeetasse, auf die Namaste, Bitches! gedruckt war.

Würg!

Ihr kastanienbraunes, schulterlanges Haar hatte sie zu einem Zopf geflochten. Wahrscheinlich wollte sie brav und unschuldig wirken. Dabei war sie so weit von der Unschuld entfernt wie Heidi Klum vom Übergewicht.

Sie blickte mich an, im nächsten Moment verzogen sich ihre Lippen zu einer Grimasse. Sollte das ein Lächeln sein? „Hallo, Fee“, säuselte sie. Ich murmelte eine Begrüßung in meinen Schal und ging an ihr vorbei zum Geschirrspüler. Oberflächlich spülte ich meine Tasse ab und stellte sie in die Maschine.

Ich konnte Amanda nicht leiden. Obwohl sie zu meiner Clique gehörte, hatte ich mich nie so recht mit ihr anfreunden können. Ich war nur deshalb freundlich zu ihr, weil sie mit Oliver anbandelte. Und weil wir Kolleginnen waren.

Ich schlenderte zu meinem Fach und gab vor, meine Mitteilungen und Notizen zu ordnen. Das war nicht schwer, denn meine Ablage glich der Vorstufe zum Nirwana ebenso wie unser Lehrerzimmer, das mit Abstand der unordentlichste Raum war, den ich kannte. Mein Blick fiel auf die ausgetrocknete Pflanze, die ihr ausgedörrtes Köpfchen hängen ließ. Ich war wahrscheinlich die Einzige, die sie goss, dennoch hatte das Gewächs beschlossen, sich im Kampf gegen Lieblosigkeit zu ergeben.

Da stand Amanda plötzlich vor mir. „Ich muss mit dir sprechen.“

Echt? Ich wusste nicht, was ich mit Amanda zu besprechen hätte.

Hoffentlich wollte sie nicht irgendetwas über Oliver wissen.

„Worüber denn?“

„Es geht um das Let’s-talk-about-Projekt.“

Erleichterung überkam mich.

Wahrscheinlich würde sie ihre Hilfe anbieten, was ich irgendwie nett von ihr fand. Genug Erfahrung hatte sie schließlich.

Die Schule hatte in Kooperation mit der Dorfgemeinde ein Projekt zur Betreuung junger Mädchen auf die Beine gestellt. Es ging hauptsächlich um die erste Liebe und Gefühle, aber auch um Sex. Es sollte so eine Art Jugendtreff an einem Nachmittag in der Schule sein. Im kommenden Halbjahr würde es an den Start gehen. Es war auch von Anfang an klar, wer es leiten würde. Wer hatte schon mehr Erfahrung im Bereich Liebe als ich vorzuweisen?

Schnell nickte ich und spitzte die Ohren.

„Lass es mich kurz und schmerzlos machen. Ich weiß, du hast dir in den Kopf gesetzt, dass du die Richtige für diesen Job wärst.“ Ihr Blick huschte an mir vorbei zu dem Stapel aus dreckigem Geschirr. „Leider muss ich dich enttäuschen, denn ich werde den Let’s-talk-about-Treff übernehmen.“

Ich schnappte nach Luft. „Was?“

„Es ist bereits alles mit der Leitung geregelt. Es war sowieso von Anfang an klar, dass die Wahl auf mich fallen würde.“

„Aber es war doch ausgemacht, dass ich …“ Die Worte blieben mir im Hals stecken.

„Nichts war ausgemacht“, sagte sie entschieden. „Abgesehen davon bin ich die Richtige für diese Angelegenheit. Schließlich soll das keine Heiratsvermittlung werden, sondern eine Anlaufstelle für verzweifelte Mädchen.“

Das war ja wohl die Höhe! „Meine Damen waren einst auch verzweifelt und dank mir sind sie heute überglücklich.“

Amanda schnaubte. „Wenn du unbedingt willst, kannst du mir helfen.“ Ein böses Grinsen huschte über ihr Antlitz. „Du könntest den Schreibkram für die Gemeinde erledigen. Das würde mich sehr freuen.“

Ich würde mich ebenso über einige Dinge sehr freuen. Zum Beispiel, wenn du Syphilis hättest. Würde auch thematisch zum Projekt passen. Argh! Ich ballte die Hände zu Fäusten. Fee, bewahre Haltung, mahnte ich mich in Gedanken.Bedacht holte ich tief Luft und reckte das Kinn in die Höhe. „Ich befürchte, dafür hab ich keine Zeit.“ Dann wandte ich mich um und verließ erhobenen Hauptes das Zimmer. Kaum war ich um die Ecke gebogen, sackte ich in mich zusammen.

Diese hinterlistige Kuh! Wie konnte sie nur so fies sein? Ich hatte Amanda noch nie besonders gemocht, aber mit dieser Aktion hatte sie sich auf Lebenszeit ins Freundschaftsabseits katapultiert.

Ich nahm mir vor, gleich am nächsten Tag mit meiner Direktorin darüber zu sprechen, ob die Projektvergabe endgültig war.

Mit hängenden Schultern schlurfte ich aus dem Schulgebäude. Meine Stimmung war auf dem totalen Tiefpunkt und zu Hause würde ich nur Trübsal blasen. Mir blieb noch genug Zeit bis zu dem Treffen bei Tina. Da meine Freundin tagsüber wegen ihres Studiums meist in der Nachbarstadt war, fanden unsere Treffen stets erst nachmittags statt. So beschloss ich, durch die Fußgängerzone zu schlendern und die wärmenden Sonnenstrahlen zu nutzen, in der Hoffnung, dass sie meine Stimmung aufhellten. Gedankenverloren lief ich die Hauptstraße entlang.

Für Ende November war es viel zu warm, aber der Wind setzte mir zu und so schlug ich meinen Mantelkragen hoch, um mein Gesicht vor den Böen zu schützen.

Vermoos wurde, wie ich fand, ziemlich treffend auch Zuckerstadt genannt. Alles war lieblich und schien eine Miniaturausgabe der echten Welt zu ein. Die bunten Häuserfassaden erstreckten sich wie kleine Zuckerhäuschen am Rand der Straße, welche letztes Jahr in eine Fußgängerzone umgewandelt worden war. Die Gemeinde hatte in den vergangenen Jahren ein Vermögen dafür ausgegeben, die alten Häuser um den Marktplatz herum aufwendig zu renovieren, und nun erstrahlten sie abermals in ihren ursprünglichen pastellenen Farben, die an eine bunte Bonbonmischung erinnerten.

In diesem Teil des 5000-Einwohner-Dorfs war kein Haus höher als zwei Stockwerke und die Eingänge zierten Geschäftstafeln aus dem 19. Jahrhundert. Es gab nur eine Einkaufsstraße und einen Marktplatz, auf dem sich das barocke Rathaus, die mittelalterliche Kirche und die Läden befanden. Wir hatten ein Restaurant, ein kleines Café, einen Bäcker, einen Supermarkt und ein Kaufhaus. Weiterhin gab es eine Grundschule und einen Arzt. Ach, und ein ziemlich altes Kino. Mehr hatte Vermoos nicht zu bieten.

Von der Einkaufsstraße aus erstreckten sich einzelne Gassen zu den Einfamilienhäusern. Hinter der Stadt verliefen die Weinberge der Region bis zu dem dahinter liegenden großen See.

Links vom Rathaus bog ich in die Seitengasse und schlenderte in Richtung unseres kleinen Hauses. Ich liebte Vermoos und genoss meinen täglichen Heimweg von der Schule. Es war meine Heimat, mein Leben.

Doch so war es nicht immer gewesen. Eine schmerzhafte Erinnerung durchfuhr mich, als ich an die Vergangenheit dachte.

Denk nicht darüber nach, dieses Stückchen Paradies ist dein Zuhause, Fee.

Im nächsten Augenblick knallte ich so heftig gegen etwas, dass meine Tasche zu Boden fiel.

Weil der Verschluss seit Ewigkeiten kaputt war, glitten sogleich meine Unterlagen heraus. Ein Windstoß ließ sie davonflattern.

„O nein!“ Schnell bückte ich mich, um die fliehenden Blätter einzusammeln.

„Es tut mir leid! Warten Sie, ich helfe Ihnen“, sprach eine männliche Stimme.

Da durchfuhr mich ein gellender Schmerz. „Aua!“

Er war auf meinen Fuß getreten!

„Entschuldigen Sie!“, murmelte er.

Abermals machte ich mich daran, die Zettel einzusammeln.

Geschafft! Ich hatte alle erwischt. Noch immer in der Hocke blickte ich langsam zu dem Tölpel. Oh, ein attraktiver Tölpel.

Er reichte mir drei Blätter und ich sah in smaragdgrüne Augen.

Ich erhob mich.

Er tat es mir gleich und wir knallten mit den Köpfen zusammen. „Verdammt!“, fluchte er.

„Au! Können Sie nicht aufpassen?“

Grüne Augen hin oder her. Dieser Typ war so tollpatschig, dass es ärger nicht ging.

„Ich? Vielleicht sollten Sie mal Ihre Augen benutzen“, konterte er.

Und unverschämt obendrein! „Was fällt Ihnen ein?“ Ich funkelte ihn böse an. Er war zwei Köpfe größer als ich, aber schon allein durch meinen Beruf hatte ich ein gewisses autoritäres Auftreten, was ich auf Knopfdruck aus dem Hut zaubern konnte. „Zuerst rennen Sie mich über den Haufen und dann sind Sie auch noch so dreist und beschuldigen mich?! Haben Sie überhaupt keine Manieren?“

Sein Kiefer malmte und seine grünen Augen verfinsterten sich. Er beugte sich zu mir herab und tippte mit seinem Zeigefinger auf meinen Mantel. „Auf jeden Fall bessere als Sie.“ Okay, der hatte den autoritären Blick auch ziemlich gut drauf.

„Lassen Sie das!“, fuhr ich ihn an und blickte auf seinen tadelnden Finger.

Augenblicklich zog er seine Hand zurück. „Nur zu Ihrer Info, Sie haben mich umgerannt, weil Sie verträumt durch die Gegend gelaufen sind.“

Ich stemmte die Hände in die Hüften. „Unsinn! Sie sind in mich reingelaufen und mir auf den Fuß getreten!“

„Vergessen Sie’s!“ Er machte einen Schritt zurück, drehte sich um und ging einfach weiter. Mistkerl!

Erbost blickte ich seinem Rücken hinterher, bis er um die Ecke gebogen war.

Was für ein Tag!

Mit einer Bombenwut im Bauch setzte ich den Weg zu meiner Freundin Tina fort.

Kapitel 2

Tina lebte im oberen Geschoss eines zweistöckigen Altbauhauses. Es war die Wohnung ihrer Eltern gewesen, die leider früh verstorben waren. Sie war geräumig, mit hohen Decken, Flügeltüren und einem Boden, der mit edlem Fischgrätenmuster ausgelegt war.

Beim Eintreten stieg mir augenblicklich der Duft von Plätzchen in die Nase und das Knistern des Kaminfeuers klang wohlig in meinen Ohren. Doch nicht einmal diese perfekten Sinneseindrücke konnten meine Stimmung aufhellen. Lustlos ließ ich mich auf den Stuhl plumpsen und blickte verzagt in die Gesichter meiner zwei Freundinnen. „Ich verstehe das nicht. Wie konnte mir Amanda das Projekt wegschnappen?“

Tina sah zu Ellie, die zuckte mit den Achseln. „Erfahrung in Sachen Liebe hat sie zur Genüge“, murmelte Ellie.

„Natürlich, sie ist ja auch zweimal geschieden“, bemerkte ich.

„Da ist ja jemand fies“, konterte Tina.

„Nimmst du sie etwa in Schutz? Du kannst sie doch auch nicht leiden.“

Tina zupfte an dem Saum ihres T-Shirts. „Ich bemühe mich, schließlich mag Oliver sie. Irgendwie.“

„Wenn ihm sein Bettchen zu kalt ist“, pflichtete Ellie ihr bei und grinste schmutzig.

Ich stöhnte. „Wie dem auch sei“, sagte ich streng. „Diese AG ist mein Herzensprojekt.“

Ellies Gesichtsausdruck wurde sanfter. „Fee, jetzt mal ehrlich. Willst du wirklich mit jungen Mädchen über die erste Liebe sprechen?“

Ich nickte hastig.

Ellie strich sich ihr kurzes, schwarzes Haar hinters Ohr. „Und auch über Sex?“

Mein Kopf fühlte sich plötzlich warm an, dennoch bestätigte ich ihre Frage abermals mit einem Nicken.

„Wenn ich mir deine Gesichtsfarbe ansehe, tippe ich eher auf nein.“

„Natürlich würde ich das!“, beeilte ich mich zu sagen. Es gab sicherlich fundierte Literatur zu dem Thema, die ich weiterempfehlen könnte. Außerdem hatte ich Erfahrung in dem Bereich. Genauer gesagt, eine. Die Schwierigkeit war, dass ich mich an diese nicht erinnern konnte. Ich war damals so betrunken gewesen, dass ich am nächsten Tag alles vergessen hatte.

Tina legte ihre Hand auf meine. „Du musst doch selbst zugeben, dass du nicht über besonders umfangreiches Wissen in Liebesdingen verfügst.“

Das war das Problem? Nur weil ich mich nicht in jeden dahergelaufenen Gigolo verknallte, war ich nicht dazu befähigt, über Gefühle zu sprechen? „Aber es weiß doch wirklich jeder, dass ich die Liebesfee von Vermoos bin.“ In meiner Stimme hatte ein gewisses Maß an Stolz mitgeschwungen.

Tina neigte den Kopf. „Lass es mich anders fragen. Warst du jemals verliebt?“

Ähm … also einmal war ich nah dran. Ich streckte den Rücken durch. „Aber ein Zahnarzt muss doch auch nicht Zahnschmerzen haben, um eine Wurzelbehandlung durchzuführen.“

Tina vergrub ihren Kopf in den Händen. Rötliche Locken zwirbelten sich um ihre Finger. Da hob sie das Haupt und sah mich mit ihrem Psychologinnen-Blick an. „Vielleicht ist dieser Rückschlag ein Wink des Schicksals, deine eigene Einstellung zu Beziehungen zu überdenken.“

Was meinte sie? Ich verstand kein Wort.

„Vielleicht solltest du in deinem Leben mehr romantische Gefühle zulassen“, schlug sie vor.

Ein Schnauben entfuhr mir. Ich liebte Tina, aber dieses Psychologengeschwätz konnte ich im Augenblick überhaupt nicht gebrauchen. „Ich lasse sehr viele Gefühle zu!“ Im Moment zwar nur schlechte, aber ansonsten sprühte ich geradezu vor Gefühlen.

„Was Tina sagen will, ist, dass du dir einen Typen angeln sollst. Sie ist nur zu taktvoll, es geradeheraus auszusprechen“, erklärte Ellie trocken.

Ich blickte Tina auffordernd an.

Sie verdrehte indessen die Augen.

„Und sie hat recht. Ich kann dir übrigens einen Mann für vergnügliche Stunden organisieren. Er ist diskret und stellt keine lästigen Fragen.“

Ich glaubte sofort, dass Ellie das könnte. „Danke, ich verzichte.“

Tina räusperte sich lautstark. „Ich weiß, du hattest es nicht leicht mit deinen Eltern als Vorbild, aber nicht jede Beziehung ist toxisch. Du bist eine wundervolle Frau, die so viel zu geben hat. Sei ein klein wenig mutig und überwinde deine Zweifel. Triff dich mit jemandem. Gib dir selbst die Aufmerksamkeit, die du deinen Liebespaaren schenkst.“

Und wir waren wieder beim leidigen Thema. Ich würde mich sicherlich nicht den Launen eines Mannes ausliefern. Zu gut erinnerte ich mich daran, was die Liebe zu meinem Vater aus meiner Mutter gemacht hatte. Ein Opfer, mehr nicht.

„Ich schätze deinen Rat sehr, aber glaube mir, meine ganze Freude besteht darin, anderen Menschen zu ihrem Liebesglück zu verhelfen.“

Tinas Gesichtsausdruck war undeutbar. Das war der Nachteil, wenn die beste Freundin Psychologie studierte. Ich wusste nie so recht, was sie über jemanden dachte.

Ellies Gedanken waren da schon einfacher zu erraten, meistens dachte sie an Spaß. Und Sex. Oft an beides.

„Wo ist eigentlich Oliver?“, fragte ich so unschuldig wie möglich.

„Du willst das Thema wechseln? Gut“, murmelte Tina und verzog das Gesicht. „Er arbeitet.“

„Und wie läuft es so?“, hakte ich nach. Alles war mir willkommener, als über mein Liebesleben zu sprechen.

„Hervorragend.“ Sie lächelte breit. „Wenn man mit seinem besten Freund zusammenzieht, gibt es keine bösen Überraschungen.“

„Und wie lange wird er in deiner Wohnung bleiben?“, bohrte Ellie nach.

„Ein paar Wochen, bis sein Haus fertig ist.“

Aus ihrem Mund klang alles wunderbar und problemlos, aber so ganz traute ich diesem Glück nicht. „Und was genau läuft mit Amanda?“

Tina zuckte mit den Achseln. „Ich hab sie noch nie hier gesehen, meistens sind sie bei ihr.“

„Warum zieht er eigentlich nicht zu ihr?“, fragte Ellie berechtigterweise.

„Oliver zu Amanda? Ehrlich gesagt“, Tina hielt kurz inne und lehnte sich zu uns vor, „bin ich mir sicher, dass die Sache nichts weiter als eine Affäre ist. Ich glaube sogar, er bereut dieses Techtelmechtel bereits.“

Genugtuung erfasste mich.

Die dumme Amanda war viel zu bösartig für Oliver. Was auch immer da lief, ging hoffentlich so schnell vorbei, wie es angefangen hatte, was, wenn man Tinas Worten glauben konnte, ja bald der Fall sein würde.

Tina reichte mir eine gefüllte Tasse mit ihrem alkoholfreien Himbeeren-Orangen-Punsch.

Ich nippte an dem Getränk und fing sogleich ihren ängstlichen Blick auf.

„Ich weiß, es ist nicht dein Punsch, aber ich finde ihn durchaus gelungen“, sagte sie eilig.

„Er ist ausgezeichnet!“, eiferte sich Ellie.

Ich nickte schnell. Schließlich wollte ich nicht, dass Tina sich unwohl fühlte. Sie hatte sich spontan dazu bereit erklärt, die Wichtelziehung bei sich zu veranstalten. Normalerweise fand diese stets bei uns statt, aber Opa kränkelte etwas. Ich wollte ihm ein wenig Ruhe gönnen und hatte deshalb Tinas Angebot, die Ziehung bei ihr durchzuführen, sofort angenommen.

Dieses Jahr war es uns leider nicht möglich gewesen, einen Termin zu finden, an dem alle Beteiligten Zeit hatten, und so hatten wir schließlich beschlossen, dass wir drei die Zeremonie unter uns abhalten und die anderen im Anschluss informieren würden.

Da fiel mir wieder ein, dass Amanda Oliver überredet hatte, an unserem Event teilnehmen zu dürfen. Hoffentlich würde sie nicht mein Wichtel sein!

„Ich habe übrigens noch zwei eingeladen, damit wir vollzählig sind.“ Tina strahlte über das ganze Gesicht.

Nun war ich aber neugierig.

„Ich habe Sara gebeten mitzumachen.“

„Oh, wie schön!“, rief ich. „Das hilft deiner Cousine sicherlich, so kurz nach ihrem Umzug neue Freundschaften zu schließen.“

„Genau das habe ich mir auch gedacht“, pflichtete mir Tina bei. „Außerdem wird Luis kommen.“ Aus ihrem Munde klang es, als wäre er irgendein Filmstar, bei dessen Namen man in sofortige Begeisterungsstürme ausbrechen müsste.

„Ähm … und wer ist das?“, fragte Ellie und nahm mir damit die Worte aus dem Mund.

„Luis ist Saras Bruder.“

„Dein Cousin also“, bemerkte Ellie.

Tina nickte.

Da fiel mir ein, dass Sara das einmal erwähnt hatte. Aber so lange kannte ich sie auch noch nicht, dass ich ihren Stammbaum im Gedächtnis hatte.

„Mit dem hab ich schon im Sandkasten gespielt. Er ist süß, ihr werdet ihn lieben.“ Sie blickte schnell zu Ellie. „Ich meine nicht so, er ist wirklich ein ganz Netter.“

„Und wieso kenne ich den nicht?“, fragte Ellie.

Gute Frage, weshalb war Ellie Luis noch nie begegnet? Dass ich ihn nicht kannte, war klar, schließlich zog ich erst mit siebzehn hierher. Ellie war hingegen wie Tina auch in dieser Gegend aufgewachsen.

„Wahrscheinlich deshalb, weil er ein Internat besucht und nach dem Schulabschluss gleich das Weite gesucht hat.“ Sie strich sich eine Locke aus dem Gesicht. „Dieses Jahr will er jedenfalls Weihnachten mit seiner Schwester verbringen. Und als ich das gehört habe, habe ich Sara sofort dazu verdonnert, ihn einzuladen.

„Das ist großartig!“, rief ich. Denn damit war unsere Runde nicht nur größer, nein, ich würde auch endlich mehr über Tinas Cousine erfahren. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich sie erst zweimal getroffen, jedoch konnte ich bereits behaupten, dass ich sie sehr gut leiden konnte.

Die männliche Version von Sara konnte nur blond, zurückhaltend und kultiviert sein. Genau der richtige Mann für … Ja, für wen eigentlich? Leider fiel mir gerade keine passende Frau ein. Aber vielleicht sollte ich ihn ohnehin erst mal kennenlernen.

„Wie ist er denn so?“, fragte ich neugierig.

„Das absolute Gegenteil von Sara“, murmelte Tina.

Ich krauste die Stirn. „Er ist also nicht zurückhaltend und nobel?“

„Nein. Und auch nicht klein, dünn und blond. Eben genau das Gegenteil.“

„Das bedeutet, er ist ein dicker, hässlicher und unsympathischer Geselle?“ Wunderbar. Ein echter Traummann.

Tina machte eine abwertende Handbewegung. „Nicht doch, du kannst ihn dir ja vorher mal ansehen.“

Ich zog eine Augenbraue hoch.

Sie lächelte verschmitzt. „Du brauchst nur auf YouTube zu gehen und Mister Wood einzugeben.“

Interessant. Saras Bruder war also Holzfäller.

„Er ist Möbelschreiner. Ich glaube, er hat im letzten Jahr die International Wood Trophy geholt“, sagte Tina und klang, als würde sie ihren Sohn anpreisen.

„Ach, ihr werdet ihn lieben! Er ist richtig knuffig und süß!“

Wenn sie sagte, er sei knuffig und süß, bedeutete das im Grunde gar nichts, denn bei ihr war sogar Bernd das Brot knuffig und süß.

„Und woher weißt du das, obwohl du ihn doch seit Jahren nicht gesehen hast? Vielleicht hat er auf dem Weg durchs Leben noch ein paar Traumata aufgegabelt und ist nun ein unausstehlicher Kotzbrocken“, wagte Ellie einzuwerfen.

Tina bedachte sie mit ihrem giftigsten Blick.

Ellie räusperte sich. „Ich meine, womöglich hat er sich verändert, der gute Luis.“

„Vielleicht hat er das. Aber wir wollen doch vom Besten ausgehen, nicht wahr?“

„Genau, also ich finde es toll, dass wir ihn kennenlernen!“, rief ich. Wer weiß, vielleicht würde ich ihn sogar ziehen!

Bloß was schenkte man einem Tischler? Einen Hammer eher nicht.

Ellie schwenkte ihre Punschtasse hin und her. „Und wann kommt er nach Vermoos?“

„Oh, er ist bereits hier. Er wohnt bei Sara.“ Tina nippte an ihrem Getränk.

Da überfiel mich ein Gedanke. Vielleicht war Luis genau der Richtige für Elli. Langsam gingen mir die Kandidaten aus.

„Wie alt ist er denn?“, fragte ich Tina beiläufig.

„Zweiunddreiß… Fee! Du hast wieder diesen Blick. Ich sage dir gleich, Luis braucht keine Partnerin.“

„Oh, das meinte ich gar nicht“, log ich schnell.

„Komm ja nicht auf die Idee, ihn mit irgendwem zu verkuppeln“, schimpfte Tina. „Der kann sich selbst eine Frau suchen.“

Er war also alleinstehend. „Aber so ein bisschen Hilfe hat noch nie …“

„Felicitas!“ Tina verdrehte die Augen gen Decke.

„Okay, ich hör schon auf.“ Vorerst. „Ehrlich gesagt dachte ich auch eher an dich, Ellie.“

Sie blickte mich ein wenig entsetzt an.

„Du bist doch für alles Neue zu haben, er wäre vielleicht genau der Richtige für dich“, erklärte ich hastig.

Ihre Augen verengten sich zu kleinen Schlitzen. „Wenn ich dich nicht so gernhaben würde, wärst du mir echt unsympathisch.“

„Ich meine … du bist doch offen für neue Bekanntschaften.“

Ellie verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich such mir lieber selbst meinen Traummann.“

Es war besser, ich hielt von nun an den Mund. Schnell wandte ich den Blick ab und sah in die Tiefen meiner Tasse.

Tina räusperte sich. „Ich vergaß, eine Sache zu erwähnen. Ellie und ich blickten sie mit großen Augen an.

„Er ist kein Freund von Weihnachten. Hat irgendwas mit einer Frau zu tun. Das hat Sara zumindest bei unserem letzten Telefonat erwähnt.“

„Schade“, sagte ich.

Wie konnte man das schönste Fest des Jahres nicht mögen? Vielleicht hatte er schlechte Erfahrungen gemacht. Nun, dann könnte ich ihm sicherlich helfen, indem ich ihm den Zauber von Weihnachten näherbrachte.

„Klingt nach einem Fall für unsere Weihnachtsfee.“ Ellie zwinkerte mir zu.

Ich könnte ihm den Vermooser Adventsmarkt zeigen. Oder ihn zur Christkindlaufführung in unsere Schule einladen. Im Geiste sah ich mich schon haufenweise Kekse für ihn backen.

„Können wir jetzt endlich ziehen?“ Ellie wippte mit ihrem Fuß auf und ab.

Das war Tinas Einsatz. Schnell legte sie acht Zettelchen auf den Tisch vor uns. Auf jedem stand ein Name. „Lasst uns beginnen.“ Sie klatschte eifrig in die Hände.

Ellie und ich standen um den Beistelltisch. Wir starrten gebannt auf die Dose, in der sich die anderen Zettelchen befanden, die es nun zuzuordnen galt.

Als Weihnachtsschirmherrin wäre das eigentlich meine Angelegenheit gewesen, aber nach einem kleinen Zwischenfall im vergangenen Jahr hatten die beiden beschlossen, dass ich von dieser ehrenwerten Aufgabe entbunden werden sollte. Dabei hatte ich bloß dem Schicksal ein wenig auf die Sprünge geholfen. Ich hatte mit den kleinen manipulierten Zettelchen nur dafür gesorgt, dass die Richtigen sich gegenseitig beschenkten. Tina war völlig ausgeflippt, als sie dahintergekommen war.

Somit wurde in diesem Jahr die Ziehung von uns dreien durchgeführt. Tina schüttelte die Dose, entfernte den Deckel, entnahm einen Zettel und reichte sie weiter.

Wir zogen reihum, ohne die Zettelchen zu öffnen, und legten sie zu einem Namen, bis alle acht ein Blatt unter sich liegen hatten.

Ellie nahm ihr Zettelchen und faltete es auseinander, doch ihrem Pokerface war keinerlei Info zu entnehmen.

Tina beachtete ihres erst gar nicht. „Das sehe ich mir später an, wenn ich allein bin.“

Nun war ich dran. Ich ergriff das Papier. Bitte lass es Luis sein! Mein Herz klopfte vor Aufregung. Langsam faltete ich es auseinander und las: Luis.

Kapitel 3

Ich liebte mein Heim in der Gartenstraße. Besonders zur Weihnachtszeit. Es war ein kleines Häuschen mit einer hellblauen Fassade, dunkelblauen Fensterläden und einem alten Spitzbogendach. An diesem schlängelten sich farbenfrohe Eiszapfen. An den Fenstern hingen Lichterketten, den kleinen Vorgarten zierten ein strahlendes Rehkitz und ein ebenso leuchtender Schlitten. Über dem Eingang prangte eine rote Neonschrift: Ho, ho, ho!

MeineVorbereitungen für das große Fest starteten bereits Ende September, nachdem sich der erste Schulstress gelegt hatte. Ich sammelte neue Backrezepte und suchte die Deko aus dem Keller zusammen. Im Oktober hängte ich die ersten Lichterketten und Girlanden ans Haus. An Heiligabend schmückte ich den Baum. Die vergangenen Jahre hatte ich es mir nicht nehmen lassen, ihm jedes Jahr ein neues Gewand zu verpassen. So hatte ich bereits verschiedene Farbkombinationen ausprobiert, von kühlem Blau-Weiß, über traditionelles Rot-Grün-Gold bis hin zu zarten Pastelltönen. Im letzten Winter war der Schmuck türkis-silber gewesen, was gar nicht gut ausgesehen hatte. In diesem Jahr würde ich den Baum komplett in Orange-Gold halten.

Nur beim Schmücken des Hauses mochte ich es klassisch und hielt mich jedes Jahr an die gleichen dekorativen Elemente. Bereits zwei Straßen entfernt konnte man unser Häuschen aufleuchten sehen und so manchem Fremden hatte es schon als Leuchtpfad gedient.

Jedes Mal, wenn ich abends heimkam, erstrahlte mein Herz wie mein kleines Häuschen. Opas Häuschen. Ich lebte seit meinem siebzehnten Lebensjahr bei meinem verwitweten Großvater in Vermoos. Als ich damals nach einem Streit mit Mutter nach Bali hatte flüchten wollen, hatte mir Opa angeboten, zu ihm in das kleine Städtchen zu ziehen. Es sei viel besser als Bali. Was ich eigentlich dort machen wolle, hatte er mich gefragt, da feiere man nicht mal Weihnachten. Da hatte ich ihm recht geben müssen, also hatte ich meinen Rucksack gepackt und mein altes Leben zurückgelassen.

Ich hatte die Schule im Nachbarort beendet, die Uni in Wien besucht und war vier Jahre später als Grundschullehrerin zurückgekehrt. Seitdem waren der Ort und Opas Häuschen in der Gartenstraße mein Zuhause.

Ich spazierte die Auffahrt zu unserem Haus hinauf, vorbei an der kahlen Stelle, an der vor ein paar Monaten noch mein wunderschöner Baum gestanden hatte. Leider hatten wir unsere zwei Meter hohe Blautanne dieses Frühjahr aufgrund einer Krankheit fällen müssen. Mit Wehmut dachte ich daran, dass sie um diese Jahreszeit üblicherweise in den buntesten Farben geschillert hatte.

Ich stieg die Treppen zur Tür hinauf, in der Hand die schwere Einkaufstüte, in der sich Orangen, Nelken und Beeren für den Punsch befanden. Den benötigten Wein hatte ich mir vor zwei Wochen liefern lassen. Das Treffen der Wichtel würde zwar erst am Samstag stattfinden, aber so hatte ich bereits alle Zutaten beisammen. Mit der anderen Hand nahm ich routiniert die Post aus dem Briefkasten und legte sie in die Tasche.

„Schönen Nachmittag, Fee!“, rief die Nachbarin zwei Häuser weiter.

Ich drehte mich um. „Hallo, Rosie.“

Sie lächelte und winkte mir über die Straße hinweg zu. „Schönen Gruß an deinen Opa.“

„Richte ich aus.“

Hinter ihr trottete Gustav durch die Straßen. Er blieb an jeder Ecke stehen und versenkte die Nase in ausgetrockneten Grasbüscheln. Gustav war ein dunkelhaariger Glatthaardackel, irgendwie ein Straßenhund und doch wieder nicht. Er lief stets allein durch Vermoos, ohne Leine und Halsband. Ich wusste von seinen neuen Besitzern, dass er jedoch immer heimfand. Weil ihn alle im Dorf kannten, liebten und natürlich fütterten, hatte er sich mittlerweile eine ziemliche Kugel angefressen.

Manchmal fühlte ich mich wie Gustav, der lange nicht gewusst hatte, wo er hingehörte und nun sein Zuhause gefunden hatte. Auch ich hatte mich lange Zeit in meinem Leben verloren gefühlt und nun meine Heimat gefunden.

Ich sperrte die Tür auf, da kam mir auch schon Toffee entgegen und strich um meine Beine. Mein schokoladenfarbener Kater war ein absolutes Schmusekätzchen.

Ganz im Gegenteil zu Dexter, der einer Diva glich. Wahrscheinlich hatte dieser sich auf die Küchenbank verdrückt, auf die um diese Tageszeit die Sonne schien. Er genoss es, sich dort zu rekeln, am liebsten wurde er dabei von mir oder Opa gekrault.

Ich stellte meine Einkaufstüte ab und bückte mich, um Toffee ein paar Streicheleinheiten zu schenken.

Als er genug hatte, ging ich weiter in die Küche. Ich sog die wunderbare Duftmischung aus Lebkuchen, Nelken und Zimt ein und trug die Tüte zur Küchenanrichte.

Wie erwartet lag Dexter auf der Sitzbank. Er hob kurz sein rostfarbenes Köpfchen, guckte mich an und döste anschließend weiter.

„Opa, ich bin wieder da!“, rief ich.

„Ich bin unten, Kind.“ Wahrscheinlich ging er seiner Leidenschaft, dem Tischlern, nach.

„Ich setze schon mal Teewasser auf.“

„Mach das, Kind“, kam es von unten.

Während das Wasser aufkochte, schlenderte ich in die Diele, um die Briefe durchzusehen. Mein Blick fiel automatisch auf meine Pärchentafel und wie jedes Mal erwärmte sich mein Herz.

Dem verschnörkelten barocken Bilderrahmen hatte ich einen weißen Anstrich verpasst und ihn direkt über die Anrichte gehängt. Darin befanden sich Fotos meiner Schützlinge. Die zehn Aufnahmen hatten verschiedene Formate. Manche waren schwarz-weiß, andere farbig. Ein wohliges Seufzen entfuhr mir. Ach!

So unterschiedlich die Bilder auch waren, sie hatten etwas gemein: Alle zeigten glückliche Paare. Meine Paare, denn ihnen allen hatte ich zu ihrem Liebesglück verholfen. Dem einen mehr, dem anderen weniger. Nur einmal hatte ich falschgelegen. Aber in jedem anderen Fall konnte ich behaupten, dass die Auserwählten nur schwer zueinandergefunden hätten, wenn überhaupt, wäre ich nicht gewesen. Ich fungierte sozusagen als deren Liebesfee. Und weil ich stolz auf mich war, hatte ich den Rahmen direkt in den Flur gehängt, sodass alle Personen, die durch unser Haus spazierten, unweigerlich an ihm vorbeikamen. Dann hielten sie für gewöhnlich inne und staunten, so, wie ich es jedes Mal tat.

Genugtuung durchströmte mich. Es war fast wie der Biss in ein Zuckertörtchen am Sonntagnachmittag.

Doch abermals mischte sich wie bereits die letzten Male, als ich die Tafel betrachtet hatte, eine andere Empfindung in dieses Glücksgefühl. Als würde ich auf eine harte Zuckerkugel beißen, was gar nicht lecker war. Ich wusste auch, wo das Problem lag: nämlich, dass Sara noch allein war.

Tinas Cousine war hübsch, gebildet und introvertiert. Darüber hinaus verfügte sie über alles Erstrebenswerte. Bis auf eines — einen Mann. Es gab nicht mal einen Verehrer, zumindest keinen, von dem ich wusste. Dabei wünschte sie sich so sehr einen Partner. Erst letztens hatte sie mir ihre Sehnsucht verraten.

Ich vermutete, dass sich trotz ihres guten Aussehens keiner traute, nur in ihre Richtung zu schielen. Vielleicht lag es an ihrer schüchternen Art, die ihr manch einer als Arroganz ausgelegen konnte. Doch sogar die nervige Amanda mit ihrem vorlauten Mundwerk hatte Verehrer zuhauf. Dass Sara allein war, passte mir ganz und gar nicht und stellte mein Weltbild völlig auf den Kopf. Amanda sollte ignoriert werden und Sara sollten die Männerherzen zu Füßen liegen. Ich befürchtete, wenn ich nicht bald eingriff, würde sich an dieser Ungerechtigkeit auch nichts ändern und sie würde als vertrocknete alte Schachtel enden, was ich unmöglich zulassen konnte. Ich musste ihr helfen. Wer sonst würde für ihr Glück sorgen? Sie war einfach nicht der Typ Frau, der mit einem Mann in Kontakt trat.

Völlig in Gedanken ergriff ich die Post und sichtete die Rechnungen des Tages. Ein Brief blitzte hervor.

Er lag unter all den Umschlägen vergraben, doch mit seiner roten Farbe stach er unmittelbar heraus.

Ich zog ihn hervor. Die Schrift darauf erkannte ich sofort. Der Schweiß brach mir aus und mein Herz raste. Zum Glück hatte ich den Brief vor Opa entdeckt! Schnell überlegte ich, was ich tun sollte, aber im tiefsten Inneren brauchte ich nicht lange nachzudenken. Ich würde ihn vernichten. Doch zuerst wollte ich ihn lesen. In diesem Moment war keine Zeit dafür, schließlich konnte Opa jederzeit aus dem Keller kommen. Schnell verstaute ich ihn also in der obersten Schublade unserer Kommode, denn da würde er sicher nicht nachsehen. Es war aber auch jedes Jahr dasselbe!

Ich holte tief Luft und ging in die Küche. Dort ergriff ich die Beerenmischung, die wir so liebten, und holte zwei Tassen aus dem Schrank. Ich entnahm einen Löffel Teeblätter und gab sie in Opas Tasse. Anschließend wiederholte ich den Vorgang bei meinem Becher. Da fiel mein Blick auf die Teedose. Ich hatte doch tatsächlich den falschen Behälter genommen, nämlich den mit der Lindenblütenmischung, die Opa verabscheute. Fee, konzentriere dich gefälligst! Ich kippte den Inhalt aus Opas Tasse weg und wiederholte den Vorgang mit dem richtigen Tee.

So sehr ich mich auch bemühte, ich schaffte es nicht, den Brief und die Gefühle, die damit verbunden waren, auszublenden. Die Erinnerung klebte an mir wie ein viel zu enger Neoprenanzug. Immer wieder schoben sich Bilder von damals vor mein inneres Auge. Die leeren Flaschen, die auf dem Boden lagen. Mutter, die mir entgegentorkelte. Ich, wie ich die Spuren der Verwüstung beseitigte.

„Liebling?“, fragte Opa hinter mir.

Vor Schreck zuckte ich zusammen und wirbelte herum. „Bist du fertig?“

Sein Blick war skeptisch. „Ja, für heute habe ich genug gehobelt. Man sollte meinen, dass ich nach all den Jahren in meinem Beruf genug davon habe, Holzstücke zu bearbeiten, aber dem ist keineswegs so.“

Ich warf ihm ein Lächeln zu.

Er setzte sich auf die Bank an den kleinen runden Tisch in unserer Küche. „Lass uns Tee trinken.“ Mit einer Hand kraulte er Dexter, der genüsslich schnurrte.

Mein Blick ruhte auf meinem Großvater.

Er war bereits etwas gebrechlich, sein Haar ergraut und sein Gesicht von Falten zerfurcht. Meist trug er alte Wollwesten, die Oma ihm einst gestrickt hatte. So wie auch in diesem Moment. Opa hatte seine Frau innig geliebt und ihr Tod hatte ihn völlig aus der Bahn geworfen.

Zu unser beider Glück war ich kurz nach ihrem Ableben zu ihm gezogen und so hatte es für ihn, wie er damals gesagt hatte, wieder einen Grund gegeben weiterzuleben.

Allein der Gedanke an solch eine Verbundenheit, die noch über den Tod hinausging, ließ mein Herz schwer werden. Ich hatte Oma auch sehr geliebt.

Doch sie war seit fünf Jahren tot und es war an der Zeit, dass Opa sich wieder ein wenig für neue Bekanntschaften öffnete. Er war noch immer ein stolzer Mann von stattlicher Größe und mehr als einmal hatte ich die Nachbarinnen über ihn tuscheln hören. Besonders Rosie fand ich entzückend. Sie wohnte nur zwei Häuser weiter und hatte vor drei Jahren ihren Mann verloren. Die Erinnerung an unseren kurzen Wortwechsel am Morgen kam mir in den Sinn.

„Schöne Grüße von Rosie.“

Er blickte verwundert von seiner Tasse hoch. „Hast du sie gesehen?“

„Draußen vor der Tür.“

„Mhm.“ Das war alles?

Okay, ich musste härtere Geschütze auffahren. „Ich dachte mir, wir könnten sie zum Tee zu uns einladen.“ Nur dass ich dann zufällig nicht da wäre, weil ich leider Vertretungsstunden übernehmen würde.

„Weshalb?“, fragte Opa schroff.

„Weshalb nicht?“

Sein Blick verfinsterte sich. „Ich bemerke, was du ausheckst.“

„Hä? Ich weiß gar nicht, wovon du sprichst.“ Ich tat so unschuldig wie möglich, spürte jedoch, dass mir das Blut in die Wangen stieg.

Er hob tadelnd den Zeigefinger. „Du spielst gern die Kuppeltante und das …“

„Das tue ich überhaupt nicht“, nuschelte ich.

„Lass mich ausreden.“

Ich schwieg betreten und musterte mein Spiegelbild.

„Diese Liebesstifterei ist deine Angelegenheit. Wahrscheinlich ist es ein netter Zeitvertreib für dich. Aber lass mich aus der Sache raus.“

„Gib ihr doch zumindest eine Chance. Sie mag dich und du magst sie.“

„Ich bin viel zu alt für solchen Firlefanz“, sagte er mürrisch.

Doch so leicht gab ich nicht auf. „Du meinst, für einen Neuanfang?“

„In meinem Alter geht es nicht mehr darum, Dinge anzufangen, sondern darum, vorhandene richtig zu Ende zu führen.“

Ich verdrehte die Augen. „Man ist nie zu alt für die Liebe.“

„Dann bin ich eben zu feige dafür.“

„Du bist der Allerletzte, den ich …“

„Kind, ich sage dir, lass das.“

---ENDE DER LESEPROBE---