Metall auf Toast - Maria Salteri - E-Book

Metall auf Toast E-Book

Maria Salteri

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Beschreibung

"Give sorrow words. The grief that does not speak whispers the o'er fraught heart and bids it break" Doch was, wenn du keine Worte findest? Wenn deine einzige Möglichkeit zu reagieren ist, dein Innenleben durch einen Strohhalm zu quetschen? Was bleibt ist die Dämmerung in der du stehst- schlecht ausgeleuchtet. Ignorierst du das leise Flüstern? Metall auf Toast ist die Geschichte zweier entfremdeter Schwestern: Der impulsiven Natalja und der stets gefassten Alissa. Auf den ersten Blick grundverschieden. Doch vielleicht muss man nur das Licht ausknipsen und die Grautöne verwischen um sie zu sehen. Das Wispern kann ein lauter Aufschrei sein. Knicke den Strohhalm und sieh was herauskommt ...

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Seitenzahl: 180

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Metall auf Toast

Buchklappentext:

„Give sorrow words.

The grief that does not speak

whispers the o` er fraught heart

and bids it break”

Doch was, wenn du keine Worte findest?

Wenn deine einzige Möglichkeit zu reagieren ist,

dein Innenleben durch einen

dünnen Strohhalm zu quetschen?

Was bleibt ist die Dämmerung

in der du stehst – schlecht ausgeleuchtet.

Ignorierst du das leise Flüstern?

Metall auf Toast ist die Geschichte

Zweier entfremdeter Schwestern:

Der impulsiven Natalja

und der stets gefassten Alissa.

Auf den ersten Blick grundverschieden.

Doch vielleicht muss man nur das Licht ausknipsen

und die Grautöne verwischen um sie zu sehen.

Das Wispern kann ein lauter Aufschrei sein.

Knicke den Strohhalm…

…und sehe was dabei herauskommt…

Ein Wort zuvor:

Seien wir ehrlich: Vorworte sind bedeutungslos.

Aber was ist schon von Bedeutung?

Ich könnte in Erinnerungen schwelgen – nah am ständigen Abgrund der Egomanie, an dessen die meisten Autoren tänzeln. Ich könnte schwadronieren über die Bedeutung des Schreibens oder dem Sinn und Zweck dieses Buches.

Doch im Endeffekt muss sich jeder selbst ein Bild machen. Was ist euch das Pfund Menschenfleisch wert, das ich euch vor die Füße werfe? Werde ich morgen mit einem roten Ypsilon auf meinem Brustkorb aufwachen, weil ihr versucht habt, mich zu sezieren?

Werdet ihr Mühe haben, die Wunde zu versorgen, die das Messer, das ich euch ins Herz gerammt habe hinterlassen hat oder kann ich euch nur ein gleichmütiges Kopfschütteln abringen? Ich weiß es nicht. Ihr auch nicht. Noch nicht.

Vielleicht wird euch die folgende Geschichte verschlingen. Vielleicht berührt sie euch nicht im Geringsten. Wer kann das schon vorhersehen? Ich jedenfalls nicht!

Ich will auch nicht mit der üblichen Danksagung aufwarten. Nur so viel:

Danke an alles und jeden, das und der mich inspiriert hat und weiterhin inspirieren wird (wie meine Muse – das Leben in der Gesamtheit der tiefen Abgründe und absoluten Höhen).

Bin gegen die Mauer gelaufen, die du deine Identität nennst

Hab mir die Nase gebrochen

Poetenblut läuft aus meiner Poetennase

Während kristallene Gedanken meinen Schädel

hinabrinnen

Die Nacht hat Anthropophobie

Schneide mich mit dem Damoklesschwert

Fessle mich mit dem gordischen Knoten, Sisyphos

Gedankenranken öffnen den Schlund des Lebens,

der wie ein Abgrund vor mir klafft

Blühende Tote

Elende Freude

Mond ist nur ein Name

Tag ist Illusion

Flucht in eine Seifenblase

Fragiles Metall

Seichte Realität

Heule die Sonne an

Ein Nadelregen prasselt herab

Breite meine Arme aus und tanze

Natalja Abramova, Klasse 8b)

Es kommt eine Zeit, in der ich mich nicht fühle, als müsse ich eine Geschichte aus der Sicht eines Türrahmens schreiben.

Es kommt eine Zeit, in der ich an einem offenen Fenster vorbeigehen kann, ohne Gefahr zu laufen mich hinunterzustürzen.

Es kommt eine Zeit, in der ich nicht grauenerfüllt aufwache, nach Luft ringend, vermeintlich erstickend.

Vielleicht sollte ich mir ein Ohr abschneiden und in eurythmischen Bewegungen meinen Gefühlen Ausdruck verleihen. Ich presse den Leib gegen kalte Fliesen, als wolle ich eins mit ihnen werden.

Flüssiges Blei rinnt durch meine steinernen Venen, als undefinierte Worte aus der Stereoanlage dringen und plötzlich fühle ich mich Mal wieder verdammt poetisch. Ich schließe die Augen und ich bin Shakespeare, ich bin Kurt Cobain, ich bin James Dean, ich bin Holden Caulfield. Ich bin der verdammte Steinboden. Klack…Klack…Klack… .

Ein Schatten legt sich über die dunklen Bodenplatten.

„Darf ich fragen welchem Zweck dieses Unterfangen dient?“

„Ich versuche mich zu entmaterialisieren“, antworte ich ohne die Augen zu öffnen. Alissa steigt über mich und schaltet die Anlage aus. Ich bin wieder in der Realität. Ein harter Aufprall. Öffne deine Augen.

Die Frau sieht mich wortwörtlich von oben herab an – durchdringend – und sagt bestimmt:

„Unterlasse es diese Art von trübseliger Musik zu hören!“

Nach einigen Momenten der Stille mit Nachdruck: „Ich beliebe in dieser Angelegenheit nicht zu scherzen!“

Als ich mich nicht rege rollt sie die Augen und verlässt das Zimmer. Ich schließe meine Tore zur Realität. Ich bin der Steinboden

* * *

Ein Klopfen. Licht dringt in die vollkommene Dunkelheit. Aus einem halbgeschlossenen Auge versuche ich die Person, die nicht mehr als ein als ein Schatten im Türrahmen meines Zimmers zu sein scheint auszumachen, verliere das Interesse, da sich gähnende Müdigkeit schwer in meinen Gliedern ausbreitet und verkrieche mich wieder unter meiner Bettdecke.„Natalja!“ Die Welt dringt zähflüssig unter meine Schutzhülle. Ich weiß wer es ist.

Natürlich weiß ich es.

„Natalja!“

Ich kann es nicht leiden, wenn Alissa Worte in diesen hohen schrillen Tönen ausstößt. Sie klingt dann immer wie unsere Mutter. Meine Decke wird zurückgeschlagen und ich fühle den Druck einer Hand auf meiner Schulter die prompt beginnt mich unsanft zu rütteln.

„Zeit aufzustehen!“

Sie zieht die Rollläden hoch und reißt die Fenster auf.

„Es grenzt an ein Wunder, dass du bei solch geringer Frischluftzufuhr nicht erstickt bist.“

Ein Stoß in meine Rippen.

„Beweg dich! Na los!“

Ich krieche aus meinem Bett, doch der Boden übt eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf mich aus. Mein Körper senkt sich auf die Fliesen um sich kurz danach wieder aufzurichten. Missmutig pule ich eine halbe Olive aus meinem Ohr. Ich kann mich zwar nicht daran erinnern mir ein Sandwich gemacht zu haben, doch auf irgendeine Weise scheint es seinen Weg neben meinen Nachttisch gefunden zu haben. Mühsam ziehe ich mich an der Bettkante hoch und klopfe diverse Krümel von meinem T-Shirt. Alissa verzieht angewidert das Gesicht.

„Du solltest das Zimmer gründlich reinigen“, weist sie mich an.

Sie murmelt noch etwas, das sich anhört wie „Duschen“, ich kann sie jedoch nicht richtig verstehen.

„Ja doch, Mutter“, erwidere ich. Füge aber nach kurzem Zögern hinzu: „Entschuldige. Ich wollte dich nicht beleidigen.“

„Derartige Bemerkungen sind nicht angebracht. Unterlasse dies in Zukunft!“, befiehlt meine Schwester das Zimmer verlassend – eher hinausstürmend. Alissa sieht bei allem was sie tut aus als wäre ihr ein Rudel Wölfe auf den Fersen.

Viel mehr: Als wäre sie das Rudel Wölfe.

Noch immer schlaftrunken suche ich meine Jeans.

Vermutlich sollte ich wirklich aufräumen. Es ist immerhin nicht mein Zimmer. Seit einigen Wochen beehre ich nun meine Schwester mit meiner Anwesenheit. Ich glaube ich treibe sie langsam aber sicher in den Wahnsinn. Obwohl man das bei ihr nie genau wissen kann. Gegen Alissa wirkt ein Zen – Buddhist der in strenger Askese lebt regelrecht ungehalten – Rebellen in Kutten. Sicher – ein belehrender Ton hier und da, vielleicht ein strenger Blick, eine abfällige Geste, ein Vortrag über deine Verhaltensweise die eher wie ein analytischer Vortrag über biochemische Prozesse klingt als eine Standpauke aber ich habe sie noch nie erlebt, dass sie jemanden anschrie geschweige denn überschwänglich umarmte oder laut herauslachte.

Derartige Gebärden liegen wahrscheinlich unter ihrer Würde. Majestätisch blickt Alissa auf derartige Gefühlsregungen herab. Ich schlurfe leicht torkelnd in die Küche (habe im Übrigen meine Jeans gefunden) und betrachte einen Krapfen, der mir wie flüssiges Fett vorkommt kritisch. Stelle mir vor, wie es sich in meine Arterien absetzt und wie eine tickende Bombe über Jahre dort lagert, bis es detonieren kann. Blut das versucht in meine verstopften Venen zu dringen. Leben das versucht in meine verstopfte Existenz zu dringen.

„Kamen in unserer Familie eigentlich Schlaganfälle vor?“, frage ich.

Alissa zieht ihre linke Augenbraue hoch und sieht mich tatsächlich mit einem Hauch von Ironie an.

„Nein. Geisteskrankheiten allerdings schon“ „Wie machst du das eigentlich immer mit der Augenbraue?“

Ich ziehe meine linke Braue mit dem Finger nach oben, halte jedoch inne als Alissas Braue nun beinahe den Haaransatz zu erreichen scheint. Kein gutes Zeichen. Ich recke beschwichtigend beide Handflächen von mir.

„Schon gut schon gut! Hör auf mich so anzusehen!“ Ich entscheide mich, das Risiko eines Krapfens einzugehen, während Alissa weiter geschäftig durch die Wohnung jagt. Dann hält sie inne.

„Eine Frage hätte ich da an dich.“, eingängige Musterung meiner Kleidung. „Willst du diese nunja du solltest deine Garderobe in Anbetracht des Anlasses überdenken!“

Ich bin mir in diesem Moment nicht einmal mehr bewusst, dass Textilien meinen Körper bedecken. Sehe an mir herab. Löchrige Jeans, schwarz, ein paar Flecken und ein - zugegeben- zerknittertes, vermutlich nicht wohlriechendes T-Shirt in einem ausgeblichenen hellblau.

„Anlass? Welcher Anlass denn?“

„Ist dir das heutige Datum etwa entgangen?“

„Offensichtlich mehr als das“

„Großmutters Geburtstag“

Entsetzt springe ich auf und gehe ein paar Schritte auf Alissa zu.

„Nein!NEIN! Liss…“

Eine unausgesprochene Frage. Betretenes

Schweigen ihrerseits.

„Liss!Nein!“

Kaum hörbare Worte aus ihren Mund.

„Anja wird auch da sein, stimmt` s?“

„Nenne sie nicht beim Vornamen!“

„So heißt sie nun mal“

„Das ist nun wahrlich respektlos“

„Respektlos?“

Ich springe aufgebracht auf sie zu.

„Respektlos? Scheiße, Liss ist das dein Ernst? Das ist…“

Ich kann mich nicht mehr artikulieren. Gestikuliere sinnlos.

„Vergiss es!“, bringe ich schließlich hervor.

„Großmutter wäre sicher enttäuscht, wenn du nicht kämst“

Alissa weiß was sie sagen muss, wusste sie schon immer.

Immer findet sie die richtigen Worte um dich in ihrem Sinne zu manipulieren und selbst wenn dir das klar ist – es funktioniert. Selbst mit Ausdrücken wie „Großmutter“ und „wahrlich“. Sie artikuliert sich immer umständlich und auf gewisse Weise künstlich. Keine Ahnung wieso. Hat sie sich wohl angewöhnt. Irgendwann.

Seufzend setze ich mich auf einen der Küchenstühle.

Starre eine Weile aus dem Fenster.

„Also gut“, gebe ich schließlich nach.

*

Unbehaglich zupfe ich an meiner Kleidung.

Natürlich hat Alissa mich auf ihre unterschwellige Art dazu überredet etwas anderes anzuziehen. Als ich in weinrotem Hemd, Krawatte und Stoffhose – alles etwa zwei Nummern zu groß – aus dem Bad komme, will ihre Stirn nicht mehr aufhören sich in Falten zu legen. Doch sie sagt nichts. Ich sehe nicht nett aus. Das nette Mädchen. Ich bin nicht Alissa, deren schlanke Gestalt in ein blassrosa Kleid gehüllt ist, das zu ihren weißen Stiefeln passt und deren Aschblondes Haar ihr nun in großen Locken über die Schultern fällt. Die Prinzessin und das düstere Raubtier. Der lauernde Gepard.

Während der Autofahrt schweigen wir.

Verschiedene Szenerien ziehen an uns vorüber und ich drifte ab. Tauche in ein klares grünblaues Meer.

Um mich nichts als Stille und die vollkommene Farbenpracht eines anderen Universums. Ich bin in meiner Welt. Schwerelos durch sie hindurchschwebend. Observierend, nicht wirklich existierend, mich treiben lassend in einem angenehm kühlen Strom. Vollkommene Entspannung. Absolute Perfektion…aus der ich gerissen werde als Alissa unwirsch bremst. Verwirrt versuche ich mich ins Hier und Jetzt zu finden. Meine Schwester, die mich hinter sich zur Eingangstür zerrt. Rosa Kleid, blonde Locken, dreckiger Teerboden, ein Nachbar, der mir einen kritischen Blick zuwirft. Der Blick prallt ab, fällt zu Boden, auf den Kaugummi an dessen Oberfläche man das Profil eines Schuhs deutlich ausmachen kann. In manchen Momenten ist man eine Koralle. Ich bin eine Koralle. Bin eine Koralle. Eine Koralle.

„Liss?“

„Bitte?“

„Mir ist schlecht“

Sie hebt zweifelnd die Braue.

„Ich bin krank. Lass uns zurückfahren“

„Dein Verhalten gleicht dem eines Kleinkindes“

Ich mache Anstalten, zum Wagen zurück zu gehen, doch Alissa greift meinen Arm und blickt mich streng an.

„Natalja!“, die mahnende, lang gezogene Stimme.

Die Mutter und ihr nörgelndes Kind. Ich bin kurz davor mich zu übergeben, was mich jedoch nicht abhalten kann einen Kommentar abzugeben.

„Weißt du, wenn du mich so ansiehst, siehst du aus wie Frau Schneider…du weißt schon…die du in Englisch hattest.“

„Na…“

„Ist ja gut. Okay, okay!“, schneide ich ihr das Wort ab. Ich ertrage diesen Tonfall einfach nicht. Alissa drückt den runden kleinen Knopf der Türklingel. Betrachtet sich im Glas der Tür.

„Bist du tatsächlich der Meinung ich…“

„Nein!“, entgegne ich bestimmt und sie lächelt erleichtert. Oder dankbar?

*

Kennst du das Gefühl

aus einander

zu

brechen?

In kleine Stücke zu zerfallen? Das Gefühl, solltest du dich zu schnell bewegen, dich in Luft aufzulösen?

Vorsichtig setze ich einen Fuß vor den anderen, folge den Gestalten vor mir. Mit einem Mal kommt mir das alles surreal vor. Bin das wirklich ich? Diese Arme. Diese Beine. Dieser Körper, der sich schleichend vorwärts bewegt. Es ist, als wäre mein Gehirn, mein Geist, meine Seele von meinem Leib getrennt. Ich hebe die Hand vors Gesicht und betrachte sie eingängig. Das bin ich? Sehe vermutlich aus als hätte ich mir was eingeworfen. Schlinge meine Arme etwas zu fest um meinen Körper. Eine leichte Woge von Panik. Scheiße! Nicht hier! Nicht jetzt! Nicht vor Alissa und meiner Oma! Ich laufe etwas schneller. Panik. Folge ihnen in die Küche. Lasse mich auf einen Stuhl fallen. Kralle meine Fingernägel in meinen Unterarm.

Schmerz. Weit entfernt. Das bin ich. Das bin ich! Doch die Panik ebbt nicht ab, nimmt überhand. Ein flüchtiger Blick Alissas in meine Richtung als die alte Frau Kaffee aufsetzt. Ich entschuldige mich.

Gehe ins Bad. Laufe von Wand zu Wand.

Scheiße!Scheiße!!Scheiße!!! Diese Panik. Ich entdecke Streichhölzer neben der Toilette. Wäre da nicht dieses Gefühl der Agonie, das sich in meinem ganzen Körper ausbreitet, würde ich vermutlich schmunzeln. Ich zittere. Scheiße! Schnappe mir die Schachtel, zünde ein Streichholz an, puste es aus, drücke den noch glühenden Kopf in meinen Unterarm. Wiederhole die Prozedur ein paar Mal, bis es mir besser geht. Bis ich wieder ich bin. Mein Fleisch, meine Haut spüre. Mein Geist in meinem Körper ist. Erlösung im Schmerz. Erlösung im Feuer. Ich schmeiße die gebrauchten Streichhölzer in die Toilette. Spüle sie hinab. Wasche meine Hände und kremple meinen Hemdärmel herunter.

Als ich die Küche betrete schneidet Oma gerade ihren selbstgebackenen Rhabarberkuchen in gleichgroße Stücke und platziert drei davon auf ihren kleinen weißen Porzellantellern mit dem roten Rosenmuster. Stellt sie neben die bereits gefüllten Kaffeetassen mit dem gleichen Muster. Der zigfach betrachtete Raum verschlingt mich wie üblich. Von Mal zu Mal wirkt er bedrohlicher. Die dicht aneinander gedrängten Möbel aus dunklem Holz, die ihren charakteristischen Geruch verströmen. Die überfüllten Regale, die bereit sind jederzeit auf dich herabzustürzen. Die mystischen undefinierbaren Figuren…hängend, stehend, dich aus großen exotischen Augen anstarrend, hypnotisierend, heimlich Flüche heraufbeschwörend, deine Fantasie mit dir durchgehen lassend. Furchteinflößender als diese Puppen, die aus leblosen Augen ins leere blicken und zu guter letzt diese Plastikblumen.

Überall tote Pflanzen. Kein Leben. Tod. Tod! Schwärze, die dich in ihre unendliche Tiefe saugt. Nicht hinsehen! Nicht wahrnehmen! Fokus:

Großmutter. Wie sie sich neben mich setzt mit diesem unbeschreiblich herzlichen Lachen. Eine Umarmung. Wenn du die Jüngste in der Familie bist wirst du ständig gedrückt, umarmt…geherzt. Dir wird sanft über dein Haar gestrichen. Tausend unerwiderte Berührungen. Tausend Dolchstöße.

Tausend Mal du in den Splittern deiner selbst.

„Und? Erzählt, wie ist es euch so ergangen?“

Eine zarte seidige Stimme.

„Weißt du – Alissa ist Stoiker und ich versuche gerade Buddhistin zu werden.“

Eine stählerne Klinge. Alissas Blick. Die Augenbraue. Oma hat ohnehin keine Ahnung wovon ich spreche und der Grund dafür ist nicht einmal ihr schlechtes Gehör. Sie streicht über mein Haar.

Vorhersehbar. Berühre mich und ich werde zu Stein.

Meine Schwester dreht den Kopf in Omas Richtung, sodass ihr Mund gut sichtbar ist. Unsere Großmutter (verdammt jetzt sage ich es auch schon), weigert sich vehement ein Hörgerät anfertigen zu lassen. Ihre Ohren funktionierten einwandfrei, pflegt sie stets zu behaupten. Doch wir wissen, dass sie Lippen liest. Ist kaum zu übersehen. Keine Ahnung was das Theater soll. Im Ernst. Vielleicht will sie nicht daran erinnert werden wie alt sie in Wirklichkeit ist. Will nicht wahrhaben diese siebzigjährige Frau mit dem schlohweißen Haar und den tiefen Furchen im Gesicht zu sein. Macht sich etwas vor. Wer eigentlich nicht?

„Alexander wird in Kürze zu und stoßen. Er bringt dein Präsent.“

Alissa spricht langsam und übertrieben deutlich während die alte Frau sich auf ihre Lippen konzentriert.“

Hat sie verstanden? Das Ganze wäre vermutlich einfacher, wenn wir alle Gebärdensprache lernten.

„Es hatte den Anschein du wärest der Annahme wir dächten nicht daran. Dies entspricht nicht der

Wahrheit. Ich wollte den Sachverhalt lediglich klarstellen.“

Sachverhalt. Alissa…Sachverhalt?

„Das macht nix. Ihr seid da. Und wie hübsch ihr geworden seid“

Nein bitte nicht. Nicht diese Klischees. Diese

Standardsprüche. Ich beuge mich zu ihr herüber:

„Ja wir sind nicht nur verdammt schön, sondern auch scheiß intelligent“, zische ich, was Alissa dazu veranlasst, mich mit einem mahnenden Blick zu bedenken.

„Fluche nicht ständig auf solch vulgäre Art und

Weise“, seufzt sie.

„Fluchen ist die moderne Kunst des Alltags!“

„Nonsens!“

„Natürlich – Kunst ist doch eine spezielle Art etwas tiefer Liegendes auszudrücken oder nicht? Im Laufe der Zeit hat sich das Fluchen in unseren Alltag eingeschlichen. Warum? Es ist die unterschwellige Aggression in uns allen. Die von der Gesellschaft geschürt wurde. In den Fünfzigern hat man sich als Frau die schön ihre Fresse zu halten hat halt eine Valium eingeschmissen und brav das Haus geputzt und heutzutage, naja da Äußert sich diese stetige Unterdrückung durch das System gegen das man machtlos ist eben in Fluchen: Und das ist es: Fluchen ist Ausdruck der Wut die uns nicht zugestanden wird.“

Die Augenbraue.

„Okay, okay, das war wirklich Schwachsinn aber bei der Vorlage die du mir geliefert hast konnte ich nicht widerstehen. Das haben wir doch in der Schule gelernt. Stundenlang sinnloses Zeug zu reden, das man sich aus der Nase zieht und dafür auch noch Lob zu kassieren.“

Alissa deutet ein Grinsen an. Ich bin überwältigt. Ist da tatsächlich etwas, das man eine menschliche

Regung nennen könnte in ihrem Gesicht?

„Du kannst im Übrigen unser Auto benutzen. Ich

begleite Alexander in seine Wohnung.“

„Wieso? Könnt ihr nicht bei dir ficken?“

„Natalja!“ Pures Entsetzen macht sich auf Alissas Zügen breit.

„Was? Liegt nun mal in der Natur des Menschen.

Chris habe ich auch immer gehört mit seiner

Freundin.“

„Natalja!“

Ein durch die Zähne gepresster Name. Die Anzahl der Vokale scheint rückläufig zu sein.

„Reg dich nicht auf! Oma hört sowieso nichts. Und wenn schon? Was solls?“

„Du meine Güte.“

Alissa kommt über mein unflätiges Verhalten nur schwer hinweg. Verschiedene Themen werden angeschnitten. Konversation mit meiner Schwester: beinahe unmöglich. Der Tiefpunkt des Abends ist wohl erreicht als mir zur Diskussion über Lottogewinner nur einfällt, dass ich – wenn ich gewänne – ständig Angst hätte vom Blitz getroffen zu werden, da die statistische Wahrscheinlichkeit höher ist. Alissa rollt die Augen. Oma nickt, da sie kein Wort verstanden hat.

„Wann kommt eigentlich deine Tochter?“, frage ich sie selbst für mich unvermittelt. Manchmal sagst du Dinge einfach so. Die Buchstaben fallen aus deinem Mund. Rutschen dir über die Zunge in den Abgrund der Freiheit als haben sie nur auf diesen unachtsamen Moment gewartet um sich voran zu kämpfen. Gewonnen!

„Natalja!“

Dieser Ton. Immer dieser kreischende hohe Ton.

„Was denn?“

„Das weißt du genau.“

„Okay. Wie soll ich sie nennen? Wie ist es dir Recht? Was passt besser? Cruella, die Bestie, Stromboli, Eva Braun, Pandora…“

„Zügle dich gefälligst!“

„Gut. Also wann kommt Anja?“

Alissa blickt in Richtung Tür. Schlechte Szene aus einem miesen Film. Mein Magen ist mit Zement ausgegossen. Ich habe den Schlüssel im Türschloss nicht gehört. Eine Stimme sagt: „Hallo Mutter!“. Was ab diesem Zeitpunkt passiert zieht an mir vorüber.

Irgendwann befinde ich mich wieder im Badezimmer. Panik! Panik!! Panik!!! Irrationale Angst. Niemand würde es verstehen, wenn du sagtest, du hast das Gefühl dein Kopf sei von deinem Körper getrennt. Du hast diese unbestimmte Angst, dass du sterben wirst, wenn du dich nicht gut genug konzentrierst. Aus ihr scheint Gewissheit zu werden. Von Minute zu Minute. Nicht die Augen schließen! Nicht daran denken! Du wirst ins Gras beißen – ganz eindeutig. Angst. Irrationale Panik. Du schwitzt. Eiskalte Tropfen rinnen deinen erhitzten Körper hinunter. Nicht die Augen schließen. Bloß nicht die Augen schließen oder du hörst auf zu atmen. Alzheimer liegt in der Familie.

Alzheimer, Krebs und Herzleiden. Du kramst nach einer Zigarette, findest keine. Gut, denn du hast bereits zwei von sechs Risikofaktoren, die zu einem Schlaganfall führen. Du wirst sterben. Panik. Vielleicht schon heute. Panik. Und dann noch dieses Gefühl. Dein Kopf von deinem Körper getrennt. Etwas bewegt sich…deine Hand, ist es wirklich deine? Du ringst nach Luft. Am Ende stirbst du an deiner Panik, an Stress, oder du wirst verrückt und warum verdammt hängt dein Kopf an der Decke – bewegt sich dein Körper als gehöre er dir nicht? Bist du diese Gedanken? Dieses Fleisch, das an Sehnen und Knochen hängt? Diese Stimme? Der Schädel, der an Fäden in der Luft schwebt? Ich schlage meinen Kopf gegen die Wand. „Ich bin ich bin ich bin ich bin ich…“.

Scheiße! Selbst wenn es abgedroschen klingt: Vielleicht sind wir nur die Gedanken eines anderen. Skurrile Figuren einer Scheinwelt, die nach Belieben eines Irren handeln.

„Ich bin ich bin ich bin ich bin ich…“ Da helfen keine Streichhölzer. Keine Klingen. Ich muss mich übergeben. Mir fallen die Worte eines Dokumentarfilms ein, den ich spät nachts gesehen habe als die Welt abgedriftet und kaum fassbar war.

Since then he felt like living in a dream.

Surreal. Scheiße. Aber ich habe nie einen Joint, der in Balsamierungsflüssigkeit eingelegt war geraucht.

Wer kann mir eigentlich betätigen, dass das hier echt ist? Was ist echt? Was bedeutet echt? Woher soll ich wissen was real ist, wenn ich das Leben nur aus einer Perspektive sehen kann – meiner Perspektive? Diese Hand. Meine Hand. Ich würge trocken.

Bezweifle, dass mein Magen noch etwas für die Abwasserkanäle hergeben kann. Schweiß. Kalter Schweiß. Du bist hier. Finger nehmen eine Streichholzschachtel.

Das bin ich.

Noch immer benommen trete ich in die unwirkliche Küche. Ruhe! Nur die Ruhe!

Später: Alissas Wohnung. Nehme meine Umgebung nur noch bruchstückhaft wahr. Beine, die wohl mir gehören stolpern ins Gästezimmer.

Ich rolle mich zusammen. Fötusstellung. Die Arme an meinem Körper umschlingen meinen Bauch. Ich bin leer. Wie immer. Doch heute ist es, als hätte sich ein undefinierbarer Virus in meine Eingeweide gefressen. Selbst Alissa könnte mich nicht zum aufstehen bewegen, doch sie versucht es nicht einmal. Ich liege da und starre ins Nichts…

*

Da bin ich nun. Paradebeispiel des pawlowschen Paradoxes. Fluchtreflex und Aggression resultierend aus Angst und Verwirrung. Sitzend in einem abgedunkelten Zimmer. Die Welt an die Türe klopfen lassend. Ihr keinen Einlass gewährend.