Methusalem kauft Artischocken - Marco Presta - E-Book

Methusalem kauft Artischocken E-Book

Marco Presta

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Beschreibung

Der pensionierte Grundschullehrer Enrico hat zwei Rekorde pulverisiert: Mit seinen hundertdreiunddreißig Jahren ist er der älteste Mensch auf Erden und genau darum der meistgehasste. Jede Woche bestätigt ihm seine Ärztin Maria – oder seine Paläontologin, wie er sie nennt –, dass seine Gesundheitswerte einwandfrei sind. Doch für den Rest der Welt ist Enricos Langlebigkeit eine unfassbare Ungerechtigkeit und Anmaßung. Täglich finden Demonstrationen vor seinem Haus statt. Mal versammeln sich Südkoreaner zu einem stummen Protest, mal fährt ein Team von CNN vor, mal stürmt ein fanatischer Brüller bis ins Wohnzimmer. Und Enrico? Er ist längst zu alt, um sich Sorgen zu machen. Eunice, seine Haushälterin, kümmert sich um die Küche und alles andere, gelegentlich kommen der Urenkel Francesco oder der Hausbesitzer Pierangelini vorbei. Der freundliche Ispettore Gizzi sorgt für die Sicherheit, und wenn der neue Methusalem Lust auf Artischocken bekommt, wird er im gepanzerten Polizeiwagen zum Campo de' Fiori gefahren, um welche zu kaufen. Sonst sitzt er in seinem uralten Sessel, erinnert sich mit ihm zusammen an früher und lässt die Zeit vergehen, die ihm so unverdrossen Gesellschaft leistet.

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Seitenzahl: 260

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Enrico ist pensionierter Grundschullehrer und bei bester Gesundheit, was ihm Woche für Woche von seiner Ärztin Maria oder, wie er sie nennt, seiner Paläontologin bestätigt wird. Denn mit hundertdreiunddreißig Jahren ist Enrico der älteste Mensch der Welt, und das möchte er noch ein Weilchen bleiben. »Wenn wir trotz all des Unglücks, das das Leben mit sich bringt, immer noch Gefallen an ihm finden«, ist er überzeugt, »muss es wirklich schön sein.« Also sitzt der römische Methusalem in seinem Sessel und erzählt amüsante und anrührende Geschichten aus seinem langen Leben. Und wenn er Lust auf Artischocken bekommt, macht er sich auf den Weg zum Campo de’ Fiori. Allerdings braucht er dazu Polizeischutz, weil er nicht nur der älteste, sondern auch der meistgehasste Mensch auf Erden ist. Täglich finden weltweit Demonstrationen gegen Enricos Langlebigkeit statt, die für viele seiner Zeitgenoss:innen eine unfassbare Ungerechtigkeit und Anmaßung darstellt. Doch Enrico ist zu alt, um sich zu grämen. Erst als eine Granate in seinem Wohnzimmer einschlägt, räumt er das Feld. Zusammen mit seiner treuen Haushälterin Eunice und Ispettore Gizzi, seinem hingebungsvollen Leibwächter, wird er an einen geheimen Ort gebracht, aber der vermeintliche Frieden gerät schnell aus den Fugen.

Marco Presta

Methusalem kauft Artischocken

Roman

Aus dem Italienischen

von Karin Diemerling

Die Übersetzung wurde gefördert von Pro Helvetia, Schweizer Kulturstiftung

Questo libro è stato tradotto grazie a un contributo per la traduzione assegnato dal Ministero degli Affari Esteri e della Cooperazione Internazionale italiano.

Die Publikation der Übersetzung erfolgt mit der freundlichen Unterstützung des italienischen Außenministeriums.

Der Verlag bedankt sich bei Ursina Barandun und René Schell für die wertvolle Unterstützung.

Der Rotpunktverlag wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2021 bis 2025 unterstützt.

Die Originalausgabe ist 2024 unter dem Titel Verso l’abisso fischiettando bei Giulio Einaudi editore, Turin erschienen.

This edition published in agreement with the Proprietor through MalaTesta Literary Agency, Milan

© 2024 Giulio Einaudi editore s. p. a., Torino

© 2025 Edition Blau im Rotpunktverlag, Zürich (für die deutschsprachige Ausgabe)

www.rotpunktverlag.ch

Lektorat: Anina Barandun

Korrektorat: Lydia Zeller

eISBN 978-3-03973-075-9

1. Auflage 2025

INHALT

1

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Epilog

Autor

Übersetzerin

Für Marina, Caterina und Giacomo.

1

Mit sechs Jahren war ich ein Eigenbrötler von achtzehn Kilo, eine überdimensionale Katze, die in dem kleinen Flur zwischen Küche und Abstellkammer auf dem Boden spielte.

Mein Vater wollte nicht, dass ich das Haus verließ, vor allem in den Wintermonaten, weil ich ein kränkliches Kind war. Die schlimmsten Schäden fügen wir unseren Lieben zu, indem wir sie beschützen wollen.

Nachdem ich ein Jahrfünft fast ausschließlich im Schoße meiner Familie verbracht hatte, fand ich mich heimtückischerweise in der ersten Grundschuklasse wieder, ohne Gelegenheit gehabt zu haben, die nötigen Antikörper gegen die menschliche Spezies zu entwickeln.

Als mir klar wurde, dass meine Mutter mich auf feindlichem Gebiet zurückgelassen hatte, schrie ich eine halbe Stunde lang wie ein Besessener. Dann setzte ich mich völlig verängstigt auf meinen Platz, ein Kobold mit Ponyfrisur und Ohren wie die Griffe an einem Gartengerät.

Ich war auf mich allein gestellt, abgeschnitten vom Schutz der Erwachsenen. Da war nur eine Signora im schwarzen Kleid, die merkwürdige Zeichen an die Tafel schrieb und mir keinerlei Verschonung von der Welt zu garantieren schien. Die Institutionen gaben mir kein Gefühl der Sicherheit, und das ist, offen gesagt, mein ganzes Leben lang so geblieben.

Um mich herum lauter Kinder. Dabei hatte man mir doch versichert, dass ich das einzige sei, Herrgott.

All diese Geschöpfe machten den Eindruck, aufgeweckter zu sein als ich, und wilder. Was sie auch waren.

In der Pause hielt ich mich von den anderen fern, die herumsprangen, in der Nase bohrten, sich balgten, zu Banden zusammenschlossen. Hin und wieder musterte mich jemand, um herauszufinden, ob ich ein Anführer oder ein Mitläufer war. Einer kam herbei und versetzte mir einen Schubs, einfach so, um mir zu verstehen zu geben, dass ich gerade in das schönste Alter eingetreten war. Nachdem ich mir eine Weile in der Rolle des »Getretenen« gefallen hatte, läutete eine Glocke, und wir kehrten in die Klasse zurück.

Irgendwann begann die Lehrerin, eine Signora Spada, zwischen den Bänken herumzugehen und uns einfache Fragen über unser Leben und unsere Wünsche für die Zukunft zu stellen. Einige wollten Klempner werden, andere Polizist, wieder andere Zimmermann.

Dann war ich an Reihe. »Ich will nach Hause«, gestand ich ihr mit dem verzweifelten Befreiungsschlag eines Verbrechers, der sein Gewissen erleichtert – ich bin schuldig, hängt mich auf. Sie sah mich einen Moment lang nachdenklich an, bevor sie zu ihrem Pult zurückkehrte.

So hat es angefangen.

Seitdem sind hundertsiebenundzwanzig Jahre, drei Monate und vierzehn Tage vergangen.

2

Wenn man niedergeschlagen ist, zählt man das Gute im Leben auf: Familie, Liebesbeziehungen, Gesundheit, falls vorhanden, jener Nachmittag im Spätsommer auf der Seepromenade mit einem engen Freund, der nicht mehr ist. Und wenn es nur noch wenig Gutes zu geben scheint, sieht man das, was einem zugestanden wurde, als noch kostbarer an.

Von draußen kommt Geschrei, freitagnachmittags immer mehr als gewöhnlich. Das ist schon eine Art Tradition: donnerstags Gnocchi, freitags Wut. Deutlich höre ich die Worte »Monster« und »Schande«, der Rest ist nicht zu verstehen. Es überrascht mich keineswegs, dass Millionen Menschen sich gegen mich empören. Nicht mehr. Wahrscheinlich haben sie recht, vielleicht auch nicht, aber sie sind viele, und das ist seit Anbeginn der Welt gleichbedeutend mit Rechthaben.

Ich spähe durch die Jalousien, eine Fahne plustert sich über der Menge auf, aber ich erkenne nicht, zu welcher Nation sie gehört. Mich verabscheuen Leute aus Ländern, von denen ich nicht einmal eine Vorstellung habe.

Die Polizisten um meine Wohnung herum tun ihre Arbeit, behalten die Demonstrierenden den lieben langen Tag im Auge. Bald werden diese Leute gehen, und dann mache ich für mich und die Jungs in Uniform Tee. Sie sorgen dafür, dass mir der Tee ausgezeichnet gelingt, auch wenn meine einzige meisterliche Fähigkeit darin besteht, einen Beutel in heißes Wasser zu hängen.

Ein Stein fliegt durchs Fenster, zwei Meter von meinem Sessel entfernt. Ich höre die Polizisten laut rufen, vielleicht nehmen ein paar von ihnen die Verfolgung eines Protestlers auf. Es ist ein großer, schöner Stein, bläulich mit schwarzen und orangen Adern. Manchmal verteilt die Natur Schönheit, wo man es am wenigsten erwartet. Einmal habe ich eine alte Nonne gesehen, klein und untersetzt, aber mit wundervollen kobaltblauen Augen.

Die Glasscherben auf dem Boden sind ein umgekehrtes Puzzle, das, fertig gelegt, plötzlich in Stücke zerbricht. Angst habe ich nicht bekommen, aber das hat nichts mit Mut zu tun. Inzwischen ist es einfach zur Gewohnheit geworden, Resignation, die sich als Tugend ausgibt.

Ich hebe den Stein auf und gehe damit in die Küche, vergleiche ihn mit den anderen aus meiner Sammlung, die ich in einem Bottich aufbewahre. Ja, er ist eindeutig der schönste von allen, die sie gegen meine Wohnung geworfen haben.

Na also, noch etwas Gutes für meine Liste.

Der Krawall hat aufgehört, und Ispettore Gizzi erscheint in der Tür.

»Sie sind weg, Signor Enrico«, vermeldet er mit seinem schönen kantigen Gesicht.

»Die kommen schon wieder«, sage ich.

»Und wir sind hier.«

Der Wasserkocher macht sich mit einer Dringlichkeit bemerkbar, die lächerlich ist wie die meisten unserer Dringlichkeiten. Ich gieße den Tee in Tonbecher, die über ein halbes Jahrhundert alt sind, und bedeute den vier hereingekommenen Polizisten, sich zu bedienen.

»Früher oder später geben sie auf«, sagt Ispettore Gizzi.

»Ich glaube, sie rechnen eher damit, dass ich aufgebe«, erwidere ich.

Hätte mir jemand das alles vor, sagen wir, siebzig Jährchen erzählt, hätte ich es nicht geglaubt.

Als kleiner Junge kamen mir Vierzigjährige alt vor. Mit fünfundzwanzig dachte ich, dass das Leben mit sechzig mehr oder weniger vorbei ist. Jetzt würde ich sonst was dafür geben, einen Zweihundertjährigen mitleidig ansehen zu können.

»Tut mir leid wegen der Scheibe«, lässt sich Gizzi wieder vernehmen.

»Macht nichts, hier drin ist es sowieso immer zu stickig.«

Die Beamten stellen schweigend ihre rotbraunen Becher ab und gehen nacheinander hinaus. Ich bleibe allein zurück, wie es sich für einen Mann gehört, der Ehefrauen, Kinder und Freunde begraben hat.

Wenn wir trotz all des Unglücks, das das Leben mit sich bringt, immer noch Gefallen an ihm finden, muss es wirklich schön sein. Im Laufe der Zeit verlieren wir innig geliebte Menschen, stecken Niederlagen ein und erdulden Krankheiten, stoßen auf Hindernisse jeder Art und ltern, bis wir uns selbst nicht mehr erkennen. Dennoch klammern wir uns ans Leben wie Schiffbrüchige an eine Planke.

Mein Großvater hüpfte zu Hause oft auf einem Bein herum. Nicht, weil er ein Spaßvogel war, man hatte ihm ein Bein amputiert.

Das war viele Jahre zuvor passiert, wegen eines Wundbrands. Aus seinem Nachmittagsschläfchen wachte er oft auf, weil er auf Toilette musste, hatte aber keine Lust, die Prothese an seinen Beinstumpf zu schnallen. Also sah ich ihn in Unterhemd und gestreifter Pyjamahose herumhoppeln wie beim Sackhüpfen. Die orthopädische Prothese zog mich in ihren Bann: die Lederriemen, die Schnallen und das leichte Holz von Wade und Fuß strahlten eine Perfektion aus, wie sie die echte Extremität meines Großvaters nie besessen haben konnte. Ich war stolz darauf, einen einbeinigen Verwandten vorweisen zu können, eine Absonderlichkeit, die auf die ganze Familie eine düstere Faszination ausübte. Zwar kannte ich ein Kind, das einen einarmigen Onkel hatte, aber das war nicht dasselbe. In meiner strengen Hierarchie der Verstümmelungen waren die unteren Gliedmaßen den oberen deutlich überlegen.

Nonno war ein fliegender Händler gewesen, der auf einem Pferdekarren voller Wäsche, Tischtücher und Teppiche durch Lazio fuhr. Eines Tages hatte ihn ein Kunde betrogen und eine ganze Warenladung nicht bezahlt, sodass mein Nonno »eine Bauchlandung« machte, wie er sagte. Mir entging das Metaphorische des Ausdrucks, ich verstand nicht, wieso mein Großvater sich bäuchlings auf den Boden warf, wenn man ihn reinlegte. Wieder aufgerichtet hat ihn schließlich mein Vater, sein Sohn, der eine »Göttliche Komödie von Schuldscheinen« unterzeichnete (das mit den Metaphern war schon immer ein Familienlaster), um die Rückstände bei den Lieferanten zu begleichen. Mein Vater war damals vierundzwanzig, das erste Kind war unterwegs, mein Bruder. Obendrein zogen die Großeltern bei uns ein – nachdem das Geschäft für bankrott erklärt worden war –, was bedeutete, dass sie auf unsere Kosten lebten. So sahen sich meine Eltern ein paar Jahre später, in einem Alter, in dem man heutzutage noch die Universität besucht, damit konfrontiert, zwei Kinder sowie ein Elternpaar durchbringen zu müssen. Was sie auch taten, unter unvorstellbaren Opfern und mit der Zielstrebigkeit eines Ochsengespanns.

Die Jugend war für sie eine Legende, sie hatten davon gehört, ohne sich selbst von ihrer Existenz überzeugen zu können. Die Jugend war ihr Atlantis.

Trotzdem tanzten sie hin und wieder, tanzten auf Hausterrassen voller Sonne und Wäscheleinen, tanzten zu den herzzerreißenden Klängen eines Akkordeons, das zu flüstern schien: »Es wird anstrengend, Kinder.« Mein Vater bügelte seine Hosen, indem er sie zwischen den Lattenrost und die Matratze legte, meine Mutter hatte nicht einmal ein Paar Strümpfe, wenn sie mit ihm ausgehen wollte. Ob sie glücklich waren? Vielleicht. Ich glaube jedoch, dass sie mit einem Bügeleisen und Seidenstrümpfen glücklicher gewesen wären.

Die Erinnerung an meine Eltern ist inzwischen so fern, dass sie mir manchmal wie Figuren aus einem Film erscheinen, den ich vor langer Zeit gesehen habe.

Ich sage Ispettore Gizzi, dass ich Artischocken kaufen will. Er antwortet, dass er einen seiner Männer schicken kann, wenn ich möchte.

Möchte ich nicht.

Also ruft er den Panzerwagen, und als der kommt, haken mich zwei Polizisten unter und helfen mir beim Einsteigen.

Durch das vergitterte Fenster sehe ich ein Dutzend Leute die chilenische Flagge schwenken und ein Transparent hochhalten, auf dem steht: una vida igual para todos.

Dem kann ich nur zustimmen, auch wenn sie mich wohl nicht auf ihrer Seite der Barrikade haben wollen.

Wir treffen beim Gemüsehändler ein, einem jungen Asiaten, der wie angewurzelt zwischen Endivien und Zucchini steht, während meine Eskorte ihn umringt.

Ich wähle ein paar Artischocken aus, gebe ihm einige Münzen und lasse mich zum Wagen zurückführen. Auf der Rückfahrt kreuzen wir den Weg eines älteren Paars, das meine Gegenwart erahnt und wild gegen den Panzerwagen zu gestikulieren beginnt.

»Sehen Sie nicht hinaus«, rät Gizzi. Ich könnte mich fragen, wo das alles enden soll, hätte ich nicht den Eindruck, dass wir schon am Ende sind. Ein paar Rowdys kommen auf unseren langsam fahrenden Wagen zu und schlagen gegen die Seiten, brüllen einen Slogan, den ich nicht verstehe.

Eigentlich bin ich nur aus dem Haus gegangen, um Artischocken zu kaufen. Aber wie mein Großvater schon sagte: »Pass auf, mit wem du dich umgibst. Manchmal ist es die Beilage, die alles verdirbt.«

Jetzt bin ich wieder zu Hause, und die Seele entspannt sich. Ich bin Odysseus, der Ithaka wiedersieht, nur dass das Glück seiner einmaligen Heimkehr bei mir in tausendfache Wiederholungen zersplittert, so erfreuliche wie unbedeutende.

»Es tut mir leid, dass ich Ihnen all diese Unannehmlichkeiten bereite, Ispettore.«

»Nicht der Rede wert.«

Ich weiß, dass er nicht nur seine Pflicht tut. Dieser junge Mann hat mich ins Herz geschlossen. Mich zu beschützen, sieht er nicht bloß als seinen Beruf an, sondern auch als eine Stellungnahme, eine Entscheidung für die Zivilisation. Er ist aufrichtig und ehrlich. Er wird keine Karriere machen.

Heute hat Eunice, meine Haushälterin, ihren freien Tag. Ich gehe in die Küche, um mein Abendessen zu machen.

»Soll ich helfen?«, fragt Gizzi.

»Nein, danke, ich habe so meine kleinen Geheimnisse bei der Salatzubereitung.«

Er geht hinaus zu den anderen. Ein durchs offene Fenster hereinkommender Windstoß flüstert mir zu: »Hey, du bist noch am Leben!« Es riecht schon nach Frühling, vielleicht erlebe ich tatsächlich noch einen weiteren.

Mein Vater war Kellner und arbeitete im Sor Pancrazio, einer Trattoria hinter dem Campo de’ Fiori. Die Kundschaft bestand aus Arbeitern, Handwerkern, Fuhrleuten und dem einen oder anderen sonnenverbrannten Touristen. Leute, die mit über den Teller gebeugtem Kopf Coratelle, Animelle und Trippa con la Mentuccia aßen, Gekröse, Geschlinge, Kutteln mit Minze. Die Kunst, aus Abfällen, aus Innereien, den Teilen der Tiere, die von den Reichen verschmäht werden, Köstlichkeiten zuzubereiten, das ist die römische Küche. Manchmal begleitete ich meinen Vater zur Arbeit, ich sah ihn gern mit seiner weißen Jacke und der Fliege, ein Graf, der auf Trinkgeld hoffte und schweigend abräumte. Die Schnelligkeit, mit der er das Tagesmenü herunterratterte, hypnotisierte mich, ein Singsang, der allein schon satt zu machen schien.

Heute hat mich Pacetti besucht.

Er saß neben Faranfa, wenn ich mich recht erinnere. Das war 1951.

»Guten Tag, Maestro.«

»Guten Tag, Pacetti. Es freut mich, dich zu sehen. Tut mir leid, dass du so lange warten musstest.«

»Etwa einen Monat, nicht länger. Aber ich verstehe das, es geht schließlich um Ihre Sicherheit. Sie sehen gut aus, Maestro, jünger als ich.«

Um mich zu sehen, würde es sich kaum lohnen, zehn Minuten zu warten. Pacetti musste sich jedoch dreißig Tage gedulden, einen formalen Antrag stellen, Ausweise und Beglaubigungen einreichen, den Grund seines Besuchs angeben und eine Durchsuchung über sich ergehen lassen.

In meine Festung einzudringen, ist äußerst schwierig, vor allem für willkommene Gesichter.

»Gestern war der Kardiologe da«, habe ich Pacetti erzählt. »Er hat mir versichert, dass mein Herz in Ordnung ist. Ich kann an dem ganzen Rest sterben.«

Wir haben gelacht. Eins von meinen Kindern saß mir gegenüber: Glatze, Gleitsichtbrille und nach seinem Gang zu schließen vermutlich eine Hüftprothese.

Eins von meinen Kindern.

»Wie geht es dir, mein Junge?«

»Gut, alles in allem. Die Rente ist ganz in Ordnung, die Gesundheit weniger.«

Auf die Schnelle habe ich versucht, mir sein Leben vorzustellen. Pacetti war ein schmächtiger, zarter Junge gewesen. Ich habe ihn damals neben Faranfa gesetzt, weil ich wusste, dass wenigstens er sich nicht über ihn lustig machen würde. Ein schweigsamer Typ, der nicht mit den anderen klüngelte.

»Ich wollte Ihnen sagen, dass ich oft an Sie denke … und Ihnen danken für das, was Sie für mich getan haben.«

»Ich habe nichts getan.«

»Das stimmt nicht, das wissen Sie. Und ich finde es schrecklich, was Sie durchmachen müssen. Ich halte zu Ihnen, ich bin auf Ihrer Seite. Falls die Zuneigung und die Solidarität eines alten homosexuellen Architekten Ihnen etwas bedeuten.«

»Alter, Architektur und Homosexualität, drei Dinge, die mich schon immer fasziniert haben.«

Wir haben wieder gelacht, das verhaltene Lachen der Alten, das nie alle Zähne zeigt.

Dann haben wir darüber geplaudert, wie köstlich Frittiertes ist, auch wenn es einem nicht bekommt, über ein Buch, das er gelesen hat und in dem es um eine Erlösung durch die Liebe geht, dann über Leichtathletik und Erinnerungen.

Im Nu waren zwei Stunden vergangen.

»Jetzt werde ich aber gehen, ich habe Sie schon zu sehr ermüdet.«

»Man ermüdet als junger Mensch. Mit hundertdreiunddreißig verschleißt man.«

»Es war schön, Sie wiederzusehen, Maestro.«

»Es war schön, ja.«

»Erinnern Sie sich, was Sie am letzten Tag in der Grundschule zu uns gesagt haben?«

»Kein bisschen.«

»Sie sagten: ›Versucht, nicht unglücklich zu sein‹. Daran habe ich im Laufe der Jahre oft gedacht. Ich glaube, es ist mir im Großen und Ganzen gelungen. Nicht immer, aber oft.«

»Gut, Pacetti. Sehr gut. Sei vorsichtig, wenn du gehst, und halte dich dicht an die Polizisten, bis sie dich ein paar Häuserblocks weit begleitet haben.«

Er ist aufgestanden und hat seinen Mantel genommen, den er über einen Stuhl gelegt hatte. Dann ist er noch einmal zu mir gekommen, hat seine Hand meinem Gesicht genähert und es zart gestreichelt. Kaum merklich, ein Streicheln, das von keinem Radar erfasst worden wäre. Dann hat er sich umgedreht und ist gegangen.

Ich habe noch eine ganze Weile dagesessen und in die Dunkelheit hinter dem Fenster gestarrt.

Eines Abends wurde mein Vater von einem Gast schlecht behandelt.

Es war Ende April, die Luft war lau und erfüllt vom Duft jener städtischen Gärten, die schon seit Jahrhunderten von der Piazza verschwunden sind. Ein Geisterduft, den man zuweilen noch auf dem Campo de’ Fiori wahrnehmen kann. Sor Pancrazio hatte gewollt, dass die Tische draußen aufgestellt wurden, und Papa bewegte sich zwischen ihnen hindurch wie ein Slalomfahrer zwischen den Stangen.

Ein Mann aß mit den Fingern einen Teller kurz angebratenes Lammfleisch. Dazu hatte er einen halben Liter Rotwein bestellt, den Papa ihm noch nicht gebracht hatte, beschäftigt wie er war, zwischen den Gästen herumzuwirbeln.

Der Lammfresser wurde laut, fuhr ihn mit seiner Reibeisenstimme an, dass er schon seit zwei Stunden auf seine Karaffe warte, und wenn mein Vater nicht einmal zum Kellner tauge, solle er doch gehen und Obstkisten abladen.

Mir verschlug es den Atem, wie vom Donner gerührt verfolgte ich diese Szene, die erste realistische Darstellung der Welt, mit der ich es zu tun bekam.

Mein Vater hörte sich diese respektlose Rede mit strammer Haltung an, entschuldigte sich für die Verzögerung und lief los, um den halben Liter Roten zu holen.

Nachdem er den Gast zufriedengestellt hatte, sah er zu mir hin. Es lag keine Demütigung in seinem Blick, keine Scham. Er lächelte und zwinkerte mir zu. Damit erteilte er mir eine wichtige, grundlegende Lektion, lehrte mich, was für einen Mann unserer Herkunft das Wichtigste ist: Geld nach Hause zu bringen, um die Familie zu ernähren.

3

Meine Schuld ist es, am Leben zu sein. Gewiss nicht die einzige und auch nicht die größte, aber die eine, die mir die Mehrheit der Menschen anscheinend nicht verzeihen kann.

Obendrein geht es mir immer noch ziemlich gut, ich laufe herum, esse, scheide aus, alles schamloser und ungezwungener, als es einer Mumie zustehen würde.

Gekommen ist das alles so: Ich habe mein Leben gelebt, ein Leben wie viele andere, kam als Kind einfacher Leute im letzten Jahrzehnt des neunzehnten Jahrhunderts auf die Welt, habe über vierzig Jahre lang als Grundschullehrer gearbeitet, zweimal geheiratet, zwei Kinder großgezogen und bin alt geworden, so wie es allen geht.

Dann bin ich uralt geworden, zum wohlwollenden Erstaunen der Menschen, die mich kannten und die zum größten Teil nicht mehr leben.

Damals wussten wir noch nicht, niemand von uns, dass wir dabei waren, den längsten Lebensabend aller Zeiten zu bewundern. Doch auch der prächtigste Sonnenuntergang mit beeindruckendem Farbenspiel und frischer Meeresbrise macht am Ende überdrüssig.

Ich war zum ältesten Menschen der Welt geworden.

Niemand auf dem ganzen Planeten hatte mehr Weihnachten erlebt als ich, hieß es in einem mir gewidmeten Artikel einer großen Tageszeitung. Die menschliche Gemeinschaft betrachtete mich mit Rührung. »Seht ihn euch an, den zähen Opa, der immer noch lächelnd durch die Gegend trippelt. Vielleicht leben wir ja auch länger, als wir denken …«

Ich wurde zu Talkshows eingeladen, ein Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln wollte mich als Testimonial, ebenso ein Pharmaunternehmen, das eine Pille vertrieb, die fabelhafte Erektionen versprach. Kurzum, Applaus, ein bisschen Geld und tiefgründige Betrachtungen über unsere Existenz zwischen einem Werbespot und dem nächsten.

Zu diesem Zeitpunkt erwarteten alle, dass ich bald sterben würde. Ich hatte einen Rekord aufgestellt, jetzt konnte ich abtreten. Das war schließlich auch eine Frage des guten Geschmacks.

Doch ich habe weitergelebt. Bin abends zu Bett gegangen und morgens wieder aufgewacht, fertig.

Allmählich veränderte sich die Haltung der Welt mir gegenüber. Die Leute fragten sich: »Wieso lebt der denn immer noch? Wir anderen halten viel weniger lange durch, Millionen Menschen auf allen fünf Kontinenten beißen ständig ins Gras, oft schon in jungen Jahren, nur er nicht! Seine Langlebigkeit ist eine Ungerechtigkeit, eine Begünstigung des Schöpfers, ein Übergriff, eine unerträgliche Anmaßung, eine Grenzüberschreitung.«

So ging die Menschheit nach und nach dazu über, mich zu verabscheuen.

Mit der Zeit tauchten einige interessante Theorien über mein extremes Alter auf, und ich gebe zu, dass ich versucht bin, selbst an die eine oder andere zu glauben.

Zuerst war die Rede davon, dass ich möglicherweise das Ergebnis eines russischen oder auch chinesischen Experiments sei – denn heutzutage kann Methusalem nur aus einem Labor kommen und keiner göttlichen Laune entspringen.

Dann hat eine australische Zeitschrift gemutmaßt, ich sei ein künstliches Wesen, ein Android, der den Weg für eine Invasion bereite, mit dem Ziel, die menschliche Spezies zu verdrängen.

Schließlich behauptete der religiöse Führer einer Freikirche in Wyoming, mit absoluter Sicherheit beweisen zu können, dass ich der Sohn des Teufels sei, unsterblich gemacht durch die Fürsprache meines einflussreichen Erzeugers.

Wie man es auch dreht und wendet, ich bin ein Ungeheuer.

Vor drei Jahren fingen vor dem Eingang meines Wohnhauses die ersten zaghaften Demonstrationen an, kleine Kundgebungen, die eine oder andere Mahnwache mit Gebeten. Bald darauf aber schossen die Protestaktionen mit der erschreckenden Geschwindigkeit von Bambussprossen aus dem Boden. Die Menschen dachten offenbar nicht daran, über die unerträgliche Provokation meines Alters kommentarlos hinwegzugehen.

Nachdem eine extremistische türkische Gruppierung, bekannt unter dem Namen »Gotteslästerliches Greisentum«, mich vor unserem Haus in Brand stecken wollte, entschied die Obrigkeit, mir Polizeischutz zu gewähren und meine Wohnung rund um die Uhr bewachen zu lassen.

Ich habe versucht, mich zu erklären, indem ich einem bekannten Fernsehjournalisten ein Interview gab. Darin habe ich mich entschuldigt und versichert, dass es nicht meine Absicht sei, irgendjemanden vor den Kopf zu stoßen. Ich hätte selbst nicht erwartet, so lange zu leben, und auch nie etwas zu diesem Zweck unternommen. Eine Laune der Natur sei ich, eine Anomalie, aber kein Privilegierter.

Es hat nicht viel genützt.

Die Proteste gingen weiter, wurden immer lauter und aggressiver. Es kamen Delegationen aus Dutzenden von Ländern, um ihre Missbilligung vor meinem Haus herauszuschreien, wobei einige dieser Kundgebungen sogar von den Behörden genehmigt worden waren, die nicht allzu repressiv erscheinen wollten.

Wäre ich ein Mörder, hätten sie mich wahrscheinlich schon längst in Ruhe gelassen.

Anfangs war ich wütend, verstand das alles nicht. Dann ist mir klar geworden, dass das, was mir widerfährt, Millionen von Menschen ständig widerfährt. Von jeher wird denen, die anders sind, der Anspruch, auf dieser Welt zu sein, streitig gemacht. Die sogenannten Minderheiten sind ein Störfaktor, weil sie sich nicht in die Masse einfügen und trotzdem darauf beharren, leben zu wollen. Das Recht auf Existenz ist es, was ihnen von Anbeginn der Welt abgesprochen wird.

Und wenn jemand eine Minderheit darstellt, dann ich. Als sie den Mistrà-Schnaps verteilten, war das ein schlechtes Zeichen.

Es bedeutete, dass sie uns mit blanker Waffe losschickten.

Im Schützengraben sprach von da an niemand mehr. Zigaretten wurden angezündet, manche weinten, andere beteten. Dann befahl der Leutnant, dass wir uns bereit machen und das Bajonett aufstecken sollten, wie man es uns beigebracht hatte.

Wir dachten an nichts mehr in diesen Momenten. Froststarre Finger, Eisfäden am Gewehrkolben, weiche Knie, pochende Schläfen, um uns herum der Lärm der Detonationen und der Gestank von Durchfall.

Dann das Brüllen und das Losstürmen, jeder rechnete damit, genauso getroffen zu werden wie die anderen.

An jenem Junimorgen sah ich mich unversehens einem jungen Österreicher gegenüber, noch jünger als ich, völlig benommen, ohne Helm und Waffe. Eine Granate musste der Grund für seinen Zustand sein. Als er mich sah, begann er mit den Armen zu fuchteln und mich in seiner Muttersprache anzuflehen, die selbst als Bitte bedrohlich klingt.

Im ersten Moment hatte ich das heftige Verlangen, ihm die Klinge in die Brust zu rammen. Wenn er starb, würde an diesem Tag niemand mehr sterben. Ich würde nicht sterben.

Stattdessen nahm ich ihn mit, brachte ihn hinter die Frontlinie und übergab ihn den Carabinieri. Vom Toten zum Kriegsgefangenen ist eigentlich eine prima Karriere.

Am Tag darauf sah ich ihn wieder, er wurde gerade zusammen mit anderen Gefangenen für den Abtransport in Reih und Glied aufgestellt. Er kam auf mich zu und dankte mir dafür, dass ich nicht getan hatte, was er wohl an meiner Stelle getan hätte. Er heiße Jonas, sagte er, und dann noch etwas anderes, das ich nicht verstand. Schließlich nahm er eine Kette mit einem Heiligenmedaillon vom Hals und gab sie mir.

Ich lebe noch immer, Jonas, du musst es mit deinen Segenswünschen übertrieben haben.

Heute macht Eunice Gemüseeintopf, niemandem misslingt er so wie ihr. Dunstschwaden hängen in der Küche, während sie murmelnd herumhantiert, ihre ewigen Selbstgespräche führt, ein waberndes »Sein oder Nichtsein« sie den lieben langen Tag begleitet. Vor mir hat sie eine Signora gepflegt, die sie schlecht behandelte und sie mehrmals am Tag kreischend aus dem Haus jagte, was in ihr die Überzeugung reifen ließ, dass alte Leute bösartig sind.

Ich aber bin nicht alt, ich bin antik.

Sie ist unbestimmbaren Alters, meine Eunice, irgendetwas zwischen vierzig und sechzig, denn auf ihrem asiatischen Gesicht hinterlässt die Zeit nicht die gleichen Spuren wie auf unseren westlichen.

Oft erzählt sie mir von ihrem Geburtsort, an den sie eines Tages zurückkehren will. Er heißt Baclayon, es gibt dort eine hübsche Kirche und ordentliche kleine Häuser, die Leute leben bescheiden von dem, was sie auf den Feldern anbauen.

Ihre Erinnerungen an ihre Heimat enden stets mit dem Ausspruch: »Es gibt dort Mangan!« Darauf ist sie sehr stolz, warum auch immer. Um ihr eine Freude zu machen, habe ich mich über dieses Mineral informiert und antworte, dass es für einen so großen Staat ein echtes Glück ist, Mangan im Boden zu haben.

Vor unserem Haus tummeln sich heute südkoreanische Demonstranten. Ich mag sie sehr, sie sind ruhig und höflich. Wären sie eine meiner Schulklassen gewesen, hätte ich sie für ihr Benehmen gelobt. Die Wut über meine Langlebigkeit, die so viele andere Protestierende an den Tag legen, äußert sich bei ihnen als Bestürzung, wird zu einer stillen Anprangerung des Großen Unrechts, das ich verkörpere.

Sie singen ein melancholisches, leises Lied, ihre Gesten sind beherrscht, ihre Fahnen flattern zaghaft.

Ich gehe zu ihnen hinaus, mein Ischiasnerv meldet sich, ich muss langsamer machen. Schweigend durchquere ich meinen kleinen, mit Steinfliesen ausgelegten Vorgarten, der mich von der Straße trennt, trete durch das alte, rostverkrustete Tor und sehe mich einem Mann in einer Allerweltsjacke gegenüber. Seine Haare sind störrisch schwarz, obwohl er auf die siebzig zugehen muss.

Ich lege ihm eine Hand auf die Schulter und lächle ihn an.

Erst da merken die Polizisten, was vor sich geht. Ganz damit beschäftigt aufzupassen, dass niemand bei mir eindringt, ist ihnen entgangen, dass jemand herausgekommen ist. Schnell schieben sie sich zwischen mich und den Koreaner und stoßen ihn weg, sodass er strauchelt und hinfällt.

Der Gesang hört auf.

Ich reiche dem auf dem Pflaster liegenden Mann die Hand. Die Polizisten wollen schon eingreifen, aber Gizzi hält sie mit einer Handbewegung zurück.

Die Wirklichkeit setzt für ein paar Sekunden aus, wie wenn man das Staubsaugerkabel zu stark spannt und dabei den Stecker aus der Steckdose zieht. Dann nimmt der Mann meine Hand und lässt sich von mir auf die Beine helfen. Ich klopfe seine Jacke ab, und er dankt mir mit einer angedeuteten Verbeugung.

Sie eskortieren mich wieder hinein, ich drehe mich noch einmal zu ihm um, und er hebt langsam die rechte Hand. Er grüßt mich.

4

Heute Morgen hatte ich ordentlich zu tun. Ich habe mich gekämmt, rasiert und ein Hemd in einem lebhaften Senfgelb angezogen. Als ich mich im Spiegel betrachte, wirke ich mindestens zwei Wochen jünger.

Ich freue mich, denn heute kommt sie.

In meinem Sessel wartend, lasse ich die Zeit vergehen. Die Zeit ist meine Freundin, sie leistet mir weiter Gesellschaft, scheint meiner noch nicht überdrüssig zu sein. Wir setzen uns ständig unter Druck, sie zu füllen, die Zeit, als wäre sie ein Koffer, den wir für eine lange Reise packen müssen. Doch von Ringo, einem Hund, den ich Ende der Siebziger auf der Straße aufgelesen hatte, habe ich gelernt, das müßige Verstreichen der Minuten zu genießen.

Wo auch immer ich gerade haltmachte, streckte Ringo sich neben mir aus. Lag einfach da, die Schnauze auf den Vorderpfoten, während der Wind ihm durchs Fell strich. Ich hörte ihn atmen, tief und entspannt, gleichgültig gegenüber allem, was in den kommenden Jahrhunderten geschehen würde. Ein ganzes Katzenkommando konnte vorbeikommen, Miss World Foxterrier, ein Metzger mit einem Ochsenviertel auf der Schulter – nichts, er dachte nicht daran, sich zu rühren. Er wollte bloß daliegen und meine Hand auf seinem Kopf spüren. Möglich, dass es irgendwo etwas zu tun gab, aber er würde es nicht sein, der es erledigte.

Während ich an Ringo denke, kommt sie.

Ihr Gruß hallt durch den Flur, sie klingt, als sei ihr die Vorstellung fremd, dass etwas nicht in Ordnung sein könnte.

»Auch dir einen schönen guten Tag, Maria.«

Sie hält sich für meine Geriaterin, ist aber meine Paläontologin. Einmal pro Woche kommt sie zu einer kurzen Kontrolle vorbei, horcht mich ab, klopft mich ab, dreht mich in den Händen herum wie eine Muranovase. Dann sagt sie irgendetwas Beruhigendes, obwohl ich sie nie darum bitte.

Ihre Augen bezaubern mich, kompromisslos schwarz, ohne Schattierungen, ohne blau oder grün sein zu müssen, um einen zu blenden. Wieder winkt der alte Spruch: »Ach, wäre ich doch noch mal achtzig Jahre jünger!«

»Dein Blutdruck ist wie immer hundertzwanzig zu achtzig«, sagt sie.

»Du kannst ruhig ›unglaublich‹ hinzufügen, ich bin nicht beleidigt.«

»Das müsste ich bei dir zu oft sagen.«

Sie ist achtundvierzig und mit einem Galeristen ersten Ranges verheiratet, wie es so schön heißt. Einmal hat sie mir ein von ihrem Mann empfohlenes Bild geschenkt, ein Stillleben. Das scheine mir doch das passende Genre für mich zu sein, habe ich bemerkt.

Hin und wieder erzählt sie mir von ihrem Privatleben. Kinder hat sie keine, bedauert das aber nicht, wie sie sagt.

»Man sollte dich verhaften, weißt du. Du bist intelligent, du hast ein Gewissen – aber willst keine Kinder. Setzt keine Geschöpfe in die Welt, die nach dir geraten und später etwas Gutes bewirken können. Du bist mit schuld daran, dass es in unserem Land von den Sprösslingen dummer, oberflächlicher Leute wimmelt, die – achte mal darauf – immer besonders fruchtbar sind. Ja, ich finde wirklich, man sollte dich verhaften.«