Mi Camino - Henry Fassmacher - E-Book

Mi Camino E-Book

Henry Fassmacher

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Beschreibung

Ein knappes Jahrzehnt pflegte Henry Fassbender, ein jetzt fast 60 jähriger selbstständiger Sicherheitsfachmann, aufopferungsvoll seine Ehefrau, die einen schrecklichen Schlaganfall erlitten hatte. Nach dem Tod seiner Ehefrau seiner großen Liebe fasste er den Entschluss, sich eine Auszeit zu nehmen, um nach Santiago de Compostela, einen Wallfahrtsort in Nordwest-Spanien zu wandern. Vom linken Niederrhein diagonal durch Frankreich nach Nordwest-Spanien, erlebte er einige Abenteuer und lernte die 39-jährige ehemalige Prostituierte und Erotikdarstellerin Susanne Sanft kennen und lieben. Durch widrige Umstände wurden sie des öfteren voneinander getrennt, doch immer wieder fanden sie zusammen. Auf dem mühseligen, langen Weg nach Santiago de Compostela halfen sie sich mehrmals gegenseitig in schwierigen Situationen und konnten so gefährliche Abenteuer überstehen.

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Seitenzahl: 295

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Inhaltsverzeichnis

Prolog

Der Jakobsweg

– eine Rückblende –

Teil

Teil

Teil

Teil

Teil

Teil

Teil

Teil

Teil

Teil

Teil

Prolog

Meine Grammatik ist nicht gerade vom Feinsten, meine Rhetorik jämmerlich, und wenn bei meinen Formulierungen dem Gesprächspartner sich gedanklich die Fußnägel aufrollen, was ich meistens sofort merke, breche ich mitten in der Unterhaltung ab oder halte mich doch sehr zurück.

Das kommt halt immer wieder vor. Egal!

Trotzdem oder gerade deshalb möchte ich, was ich erlebt und in meinen Tagebüchern aufgeschrieben habe, hier zusammenfassen. Vielleicht wird ja doch mal ein Buch daraus!

Vor mir auf meinem Schreibtisch: ein Berg von Landkarten, Notizblöcken, Tagebüchern und Internetausdrucken von interessanten Reiseberichten.

Der Jakobsweg

Was ist der Jakobsweg? Ein Pilgerweg, der genau genommen vor der eigenen Haustür anfängt und in Santiago de Compostela in Nordwest-Spanien endet.

Seit Jahrhunderten wandern oder pilgern Menschen aus aller Herren Länder und aller Religionen auf diesem beschwerlichen und strapaziösen Weg.

Wie kam ich auf die Idee, ausgerechnet nach Spanien zu pilgern?

Ich schaue noch einmal auf den Berg von Papieren vor mir, nehme einige Zettel in meine Hand und kann meine eigene Schrift kaum lesen. Meine Augen fallen auf ein Stück Papier mit groß geschriebenen Buchstaben.

Leise lese ich mir die sieben Worte vor:

„ISCH MÖÖT ZE FOOSS NOH KÖLLE JONN

(Ich möchte zu Fuß nach Köln gehen.)

– eine Rückblende –

Das war der springende Punkt, in Köln hatte damals alles angefangen.

In der Security-Branche hatte ich mich mit einem Freund selbständig gemacht, und wir waren seit einigen Jahren in diesem Berufszweig ziemlich erfolgreich tätig.

Ich stand kurz vor meinen sechzigsten Geburtstag.

In meinem Beruf musste ich auch häufig als Bodyguard einspringen und ich glaubte, aus meiner Erfahrung heraus, dass ich es noch mit einigen Dreißigjährigen aufnehmen konnte. Natürlich fielen mir die Lehrgänge, unter anderem in der Selbstverteidigung, nicht mehr ganz so leicht. Irgendwas ist ja immer.

Auf dem Weg nach Santiago, das sind rund 2.200 Kilometer, hätte ich zwar beinahe das Zeitliche gesegnet, konnte jedoch auch anderen Pilgern in Not und Schwierigkeiten helfen. Aber alles der Reihe nach.

1. Teil

Die Nacht ist kohlrabenschwarz, ein sanfter, kühler Wind streicht über mein erhitztes Gesicht. Einsam sitze ich hier auf einer Bank, im dunklen Anzug, mitten im Wald. Eine Krawatte schnürt mir fast die Kehle zu. Ich lockere etwas den Knoten.

Was war geschehen? Was war passiert, und vor allen Dingen, wie komme ich hier her, und wo bin ich?

Träume ich? Langsam werde ich wach.

Ich schaue auf meine Armbanduhr, die reflektierenden Ziffern stehen kurz vor 23 Uhr.

Ich versuche mich zu orientieren, schaue nach oben in einen sternenklaren Himmel ohne Mond.

„Hohe Tannen weisen die Sterne…“, ein altes Volkslied fällt mir ein.

In der Nähe leuchtet ein Licht, Kerzenlicht, da brennen Kerzen, überlege ich.

Unsicher und frierend gehe ich als wäre ich schon hundert Kilometer gelaufen, so schmerzen mir die Füße, zur Lichtquelle.

Den Reißverschluss meiner dreiviertellangen, schwarzen Lederjacke, die ich über dem dunklen Anzug trage, schließe ich langsam, gedankenverloren.

Nun weiß ich plötzlich, wo ich bin. Hier war ich schon oft.

Im Wassenberger Wald, am Birgelener Pützchen, einem katholischen Marienwallfahrtsort am linken Niederrhein. Sogar mit eigenem Quellwasser, dem man immer noch Heilkräfte nachsagt.

Durch den hohen Siliziumdioxid-Anteil soll das Wasser Heilkräfte haben, Votivtafeln in der kleinen Kapelle bezeugen das.

Die Gegend um Wassenberg, einem kleinen Städtchen an der Rur, im äußersten Westen der Bundesrepublik (bald wieder Luftkurort), mit Wäldern, sanften Hügeln, Seen, Teichen und großen Heidegebieten, ist wunderschön.

Ein Geheimtipp für Urlauber, die so etwas mögen.

„Der Wald steht schwarz und schweiget…“

Was mache ich hier, und wie komme ich hier her?

In der vom Ruß der Kerzen geschwärzten kleinen Kapelle mache ich eine Kerze an und werfe einige Münzen in den Opferstock.

Grübelnd stehe ich eine Weile da.

„Etwas ist geschehen mit mir...“

Langsam wird mir einiges klar.

Meine geliebte Frau ist tot!

Neben mir im Fernsehsessel war sie wie so oft eingeschlafen, dieses Mal für immer.

Es ist so unfassbar und schrecklich, einen geliebten Menschen zu verlieren.

Heute war die Beerdigung!

Alles war perfekt und gut von einem befreundeten Bestattungsunternehmer organisiert worden. Das Begräbnis und das ganze Drumherum gingen reibungslos über die Bühne.

Woran kann ich mich denn noch erinnern?

Ach ja, das schlicht hellbraune Holzkreuz mit dem Namen „Corinna Fassmacher“ und dann das Poltern der Erde auf dem Sarg!

Dann kam der Blackout.

Jetzt wird mir langsam bewusst, was alles in den letzten Tagen geschehen war und welch einen großen Verlust ich erlitten hatte.

Fast vierzig Jahre waren wir miteinander verheiratet, sind durch dick und dünn gegangen und haben so manche Krise überstanden, auch ihren schweren Schlaganfall.

Das war am Anfang eine schlimme und deprimierende Zeit. Nur mit Hilfe unserer tollen Familie haben wir den Schicksalsschlag gemeistert.

Gute Freunde kamen anfangs auch. Die Besuche wurden dann leider immer seltener.

War es anfangs nur die Neugier, die sie kommen ließ?

Oder kamen sie mit der Krankheit meiner Frau doch nicht zurecht?

Die Kommunikation mit meiner Frau war ja auch am Anfang sehr schwer, sie konnte kaum sprechen. Da sie halbseitig gelähmt war, brauchte sie jede Unterstützung. Doch sie war stark, sie wollte wieder am Leben teilhaben. Auch ich habe dazu beigetragen, dass sie wieder, mit Einschränkungen natürlich, überall dabei sein konnte.

So fuhren wir zweimal im Jahr, in der Vor- und Nachsaison, mit dem Wohnwagen nach Spanien, in die Nähe von Valencia in ein kleines Fischerdorf mit knapp dreitausend Einwohnern. Der Campingplatz war klein und sauber und für Behinderte gut ausgestattet.

Einige deutsche Camper hatten ihre schwarz-rotgelben Fähnchen am Vorzelt angebracht und die Ziehharmonika spielte „Warum ist es am Rhein so schön?“

Dabei fiel mir immer auf, die deutschen Farben waren doch schwarz-rot-GOLD und nicht Gelb. Komisch, dass fast 99% aller Flaggen in Deutschland Gelb statt Gold zeigen.

Warum? Wieso? Welche Gedanken drehen sich wie Würmer in meinem Kopf?

Die Zeiten in Spanien haben wir beide so richtig genossen und haben es uns sehr gut gehen lassen.

„Maat euch Freud, so lang et jeet, denn et duuert keen Ewichkeet“ (Macht euch Freude, so lange es geht, denn es dauert keine Ewigkeit). Alte Kölner Weisheit.

„Niemals geht man so ganz…“

Ich bin allein!

„Dann ruf ich wieder deinen Namen…“

Irgendjemand will mir das Herz herausreißen.

„Aber dich, gibt es nur einmal für mich…“

Alles alte Schlager, die mir gerade einfallen.

Auch Lieblingslieder meiner Frau. Unsere Lieder.

Wie soll es nur weitergehen?

Aber ich habe ja noch Tochter, Sohn, Schwiegersohn und Schwiegertochter und drei Enkel, die mir Halt geben und weiterhelfen! Wo ist die Leiter, mit der ich aus dem Loch klettern kann, in dem ich mich gerade befinde? Ich fühle mich psychisch und physisch am Ende. Ist das das Burn-Out -Syndrom? Ich weiß es nicht.

Ratlos verlasse ich die kleine achteckige Kapelle mit dem neugotischen Schnitz-Altar und gehe an dem niedrigen Jägerzaun aus morschem Holz vorbei, zurück zur Bank, die aus recyceltem Kunststoff hergestellt ist und schräg gegenüber der kleinen Kapelle steht.

Mit einem tiefen Seufzer lasse ich mich auf sie fallen, und dann schaue ich mich um.

Hinter mir steht eine Kreuzwegstation. Links neben mir ein Lärchenbaum und noch eine Bank. Daneben einige hohe, schlanke Birken und mir genau gegenüber, eine alte knorrige Eiche. Wenn die reden könnte, wäre es bestimmt interessant, ihr zuzuhören. Rechts neben mir eine alte, von Wind und Wetter zerzauste Tanne und die dritte Bank. Wieder ziehen die letzten ereignisreichen Tage in Gedanken noch einmal an mir vorbei. Es fällt mir schwer, die Situation, so wie sie gerade ist, zu akzeptieren.

Wie geht es weiter, frage ich mich zum wiederholten Male.

Plötzlich springt aus der alten Eiche ein Eichhörnchen vor meine Füße, setzt sich auf die Hinterpfoten und schaut mich neugierig an. Nach einer Weile hüpft es mit großen Sprüngen zu dem nahen Eichenbaum zurück, kommt wieder, bleibt ungefähr einen Meter vor mir sitzen und springt wieder zurück zum Baum, kommt wieder und schaut mich keck an.

Was will das Vieh?

Jetzt springt es wieder fort, zu einem nahen Nussbaum und verschwindet dort im Geäst.

Auch ich springe auf.

„Auf, auf zum fröhlichen Jagen…“, wieder ein Volkslied.

„Auf du junger (oder alter) Wandersmann…“, fällt mir noch ein.

Wer hinfällt, muss auch wieder aufstehen! Lass dich nicht hängen, du bist doch immer ein Kämpfer gewesen! Junge, also schau nach vorne, es kommen bestimmt auch wieder bessere Zeiten, sagt eine Stimme in mir.

Alles Blablabla, …, oder doch nicht?

*

Der Wald war nicht still, aus der Ferne rief ein Kuckuck, andere Tierlaute drangen an mein Ohr, ein Käuzchen schrie, natürlich, gerade jetzt.

Es dämmerte der Morgen als ich nach Hause kam.

Tochter und Sohn warteten schon ungeduldig und voller Sorge auf mich, weil ich so plötzlich bei der Beerdigung verschwunden war. Übers Handy konnten sie mich auch nicht erreichen, weil ich es abgeschaltet hatte.

Und ich hatte nicht daran gedacht, mich zu melden. Meine Tochter fiel mir um den Hals und schluchzte: „Dad, wir dachten schon, dass du von einer Brücke gesprungen bist oder dir sonst was angetan hast.“

Mein Sohn nickte zustimmend und schlug mir wortlos und erleichtert auf die Schulter.

Ich entschuldigte mich natürlich sofort bei ihnen, denn sie hatten Recht. Ich hätte mich melden sollen, aber ich hatte nicht daran gedacht, weil ich dazu einfach nicht in der Lage war.

Danach begleitete ich sie noch bis zur Eingangstür und verabschiedete mich von den beiden.

Die Jacke aus und auch die Schuhe. Angezogen wie ich war, warf ich mich auf unser Ehebett. Erschöpft fiel ich sogleich in einen tiefen, festen Schlaf.

Am späten Nachmittag erwachte ich wie gerädert und verspürte einen großen Appetit.

Ein gutes Zeichen, dachte ich, und nach dem Duschen machte ich mir etwas zu essen.

Nun überlegte ich, was in den nächsten Tagen alles gemacht werden musste.

Darum nahm ich einige Tage Urlaub und ordnete die Hinterlassenschaft meiner Frau.

Doch mit ein paar Tagen kam ich nicht aus, zu viel musste erledigt werden, man brauchte Wochen, wenn alles richtig und ordentlich getan werden sollte.

Unter anderem wurde die Kleidung meiner Frau in mehrere Plastiktüten gepackt und in die dafür an der Straße aufgestellten Kleidercontainer gebracht. Aktenordner von der Logopädie, Ergotherapie, Krankenkassenberichte und noch mehr Papierkram wurde mit dem Reißwolf vernichtet. Das war wie eine zweite Beerdigung.

Warum wollte ich so schnell alle Erinnerungen loswerden?

Tat ich das, um den Frust abzubauen? Ich wusste es nicht. Irgendwie musste das alles so sein.

Die Super-8 Filme von unseren Urlaubsreisen nach Spanien, davon konnte ich mich nicht trennen. Ich musste sie immer wieder anschauen. Diese Tage vergingen schnell, und ich war danach sehr traurig und deprimiert. Muss das alles wirklich so sein, fragte ich mich immer wieder. Warum tue ich mir das an?

Also entschloss ich mich, die Filme gut wegzupacken, wie auch einige andere Sachen, von denen ich mich nicht trennen wollte oder konnte.

Beim Auf- bzw. Wegräumen fielen mir einige Bücher in die Hände, die ich bisher weder vermisst noch je gelesen hatte. Jetzt lagen sie alle vor mir. Neugierig schaute ich sie mir an und blätterte darin herum.

SANTIAGO DE COMPOSTELA, diese zwanzig Buchstaben sprangen mir förmlich ins Auge.

Da war doch mal was?

2. Teil

Aus beruflichen Gründen war ich in Köln. Ein Kunde wollte unbedingt mit mir persönlich sprechen. Also vereinbarte ich mit ihm einen Termin und fuhr nach Köln am Rhein, um vor Ort mit ihm persönlich zu verhandeln, damit ich den Großauftrag ganz sicher bekommen würde.

Es war ein sehr schwieriges Projekt, das es zu bewerkstelligen galt.

Nach zähen Verhandlungen waren wir uns einig und ich bekam den lukrativen Auftrag.

Da ich noch Zeit hatte, es war ein schöner, warmer Spät-Frühlingsabend, schlenderte ich gutgelaunt durch einen der pittoresken, alten Stadtteile. Mein Weg führte mich in eine urige Kneipe, „Zur blinden Justitia“, in der Nähe eines Justizgebäudes. In dem leeren, schummrigen Gastraum nahm ich an einem Tisch mit einer rot-karierten Decke und alten Holzstühlen Platz.

Ich schaute mich um und bemerkte, dass ich nicht alleine war. Am Fenster saß eine Person, die ich vorerst aber nicht beachtete. Mein Blick schweifte weiter und blieb an einer weiteren Person hinter der Theke hängen, die gedankenverloren Gläser polierte, wahrscheinlich ein Kellner oder der Wirt.

Meine Stimmung war immer noch gut, und so rief ich ihm zu:

„Hallo, Guten Tag, Herr Ober, ich hätte gerne ein Pils“, wohl wissend, dass es hier kein Pils, sondern nur Kölsch gab, aber ich wollte mir mit dem Herrn einen kleinen Spaß machen.

Der, ein älterer Herr mit stämmiger Figur und glatt nach hinten gekämmten, grauen Haaren und grauem Schnauzer, schaute durch seine schwarze Brille mit kleinen, runden Gläsern unfreundlich zu mir herüber und reagierte sofort. Schnaufend kam er an meinen Tisch und polterte gleich los:

„ Leeve Jong, hasste Pils jesaach? Och, is dat lustisch, dat han isch jo noch nie jehurt.“ Dabei grinste er spitzbübisch und seine hellen Augen musterten mich neugierig.

Ich schaute ihn von unten an und glaubte ihm kein Wort.

„He bisse in Kölle“, fuhr er fort, „un he jibbet nur Kölsch, un wenn de Köbes rufs, komm isch ooch“, drehte sich auf dem Absatz um und schlurfte zur Theke.

Ich zog meine abgewetzte schwarze Cordjacke aus und warf sie auf den freien Stuhl neben mir.

Nun kam auch schon mein „Köbes“ und brachte mir ein Glas Kölsch, woran ein Zettel klebte. Darauf stand in großen Buchstaben „PILS“.

Schmunzelnd nahm ich einen Schluck. Das Bier war kalt und sehr lecker, genau richtig.

Ich bestellte mir eine Kleinigkeit zu essen.

Während ich mein Essen genoss, hatte der Wirt das Licht eingeschaltet, deshalb konnte ich mich in der nun hell erleuchteten Kneipe umschauen. Dabei bemerkte ich eine weitere Person die zwei Tische weiter am Fenster saß.

Eine junge Frau, ich schätzte sie so um die dreißig, schaute aus dem Fenster und kaute gedankenverloren an dem Strohhalm, der aus ihrem Glas ragte, herum.

Ihre kurzen blonden Haare und ihre hohe Stirn wurden von einem schwarzen Stirnband mit giftgrünen Punkten umschlossen.

Plötzlich wendete sie ihren Kopf und schaute mich direkt an. Ich konnte Tränen in ihren dunklen, schon fast schwarzen Augen funkeln sehen.

Das Lied von den „Spanish Eyes“ fiel mir ein. Freundlich lächelnd nickte ich ihr zu. Irritiert den Kopf schüttelnd, schaute sie wieder aus dem Fenster, als ob da etwas Besonderes passieren würde. Dabei rutschte die Sonnenbrille, die sie hoch auf den Kopf geschoben hatte, herunter und bedeckte ihre schönen Augen.

Plötzlich erhob sie sich, nahm den Strohhalm aus dem Glas und trank es schnell leer. Dann schnappte sie sich ihren Motorradhelm und ihre neongrüne Lederjacke, die auf der Bank neben ihr gelegen hatten, warf einige Münzen auf den alten Holztisch und verließ grußlos das kleine Lokal. Sie beachtete mich auch nicht, als sie fluchtartig nach draußen stürmte.

Ich konnte nur noch ihre Figur von hinten bewundern, und was ich da sah, gefiel.

Eine attraktive Frau, dachte ich noch, aber warum ist sie traurig?

Eigentlich konnte es mir egal sein. Ich schaute auf meine Armbanduhr und beschloss, auch zu bezahlen.

„He Köbes, ich möchte gerne zahlen“, rief ich und der reagierte sofort und kam zu mir an den Tisch. Während er das Wechselgeld herauskramte fragte ich ihn:

„Woher kommt eigentlich der Name „Köbes“?

„Wie viel Zick(Zeit) häste?“

„Nicht mehr viel.“

„Dann also die Kurzfassung.“

„Aber bitte auf Hochdeutsch“, versuchte ich ihn zu triezen.

„Ja klar“, grinste er mich an. „Also, vor zisch Johre sind he viele Pilger vorbeij jetrocke. Mejstens waren et Pilger die nach Santiago de Camillo oder so ähnlich, auf dem Jakobsweg wanderten. Darum Jakobspilger, und meistens waren se blank. Hier haben einije jekellnert und Arbeit gefunden und sich für den weiten Weg etwas dazu verdient. Und der Kölner hat aus den langen Namen, Jakobspilger, Jakob gleich Köbes jemaat. So nun bisse hoffentlich schlauer und ich kann zu den andern Jäste jonn.“

Es waren zwar keine anderen Gäste mehr da, aber ich war zufrieden. Darum legte ich noch ein gutes Trinkgeld auf den Tisch, nahm meine Jacke und mit einem lauten „Tschüss“ verließ ich das Lokal. Insgeheim fragte ich mich, was wohl an der Geschichte wahr sein könnte. Egal, sie war trotzdem gut.

Jetzt wollte ich noch schnell in einem kleinen Zeitungs- und Buchladen, der direkt neben der Kneipe lag, einige Zeitschriften holen.

Ich blieb an einem Regal mit Reiseführern hängen und bemerkte plötzlich, dass ich in einigen Schriften mit dem Titel „Auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela“ herumblätterte.

Hatten mich die Worte des Kellners neugierig gemacht?

Sicher, aber da sind in letzter Zeit auch einige Dokus über dieses Thema im Fernsehen gewesen, erinnerte ich mich. Da wanderten etliche aus den Medien bekannte Personen über diesen Weg und die Fernsehkamera war immer dabei.

Was will ich denn da? Fragte ich mich verwirrt. Was soll ich dort? Ich werde nie nach Santiago de Compostela wandern. Herausforderung und Abenteuer, davon habe ich im Alltag schon genug Vor einigen Jahren hatte meine Frau Corinna einen alles verändernden Schlaganfall erlitten. Mit der Pflege meiner Frau hatte ich genug Herausforderung und in meinem Beruf hatte ich Abenteuer satt. Das reichte mir eigentlich vollkommen.

Da mir aber die Gegend in Nord-West-Spanien sehr gut gefiel, im Urlaub fuhren wir immer an die Ostküste Spaniens, schaute ich mir die einschlägige Literatur nun etwas genauer an. Ich nahm also mehrere Reiseberichte aus dem Regal und ließ dabei einige ungeschickt auf den Boden fallen. Wie ein bunter Teppich breiteten sie sich vor mir aus.

Hastig bückte ich mich danach und im selben Augenblick wurde ich von jemandem überrannt. Die Person stolperte über mich und ich konnte sie gerade noch auffangen, sonst wäre sie der Länge nach gestürzt und mit dem Kopf gegen ein hölzernes Regal geschlagen.

Dafür knallten mir ihre Bücher an den Kopf. Ich konnte noch einen Blick auf die Kladden werfen und las:

JAKOBSWEG, PILGERN, WANDERN, SANTIAGO DE COMPOSTELA.

Seltsam.

Doch irgendwie musste ich die Person, es war eine Frau, wohl falsch erwischt haben, denn ich hatte reflexartig zugefasst und hielt sie immer noch eisern fest. Sie machte sich heftig los, sammelte ihre Bücher ein und fauchte mich dabei richtig wütend an.

„Typisch Männer, wenn ihr irgendwie die Gelegenheit habt, wo hinzufassen, müsst ihr Scheißkerle das sofort ausnutzen.“

Entsetzt und sprachlos schaute ich sie an und dachte, so konnte nur eine Frau sprechen, die von den Männern die Nase voll hatte und sehr enttäuscht worden war. Zugleich erkannte ich sie. Es war die Blonde aus der Kneipe von nebenan.

„Hallo Mädel, nur mit der Ruhe und entschuldigen Sie, dass Sie über mich gestolpert sind.

Hätten sie ihre wunderschönen Augen richtig aufgemacht, wären sie auch nicht in meine starken Arme gefallen.“

Sie hatte wirklich sehr schöne Augen, die mich jetzt frech von oben bis unten anfunkelten. Dabei zischte sie mich wütend an: „Wollen Sie mich anmachen?“

„Um Gotteswillen, nein, ich bin glücklich verheiratet und für sie auch viel zu alt. Ja, wenn ich solo wäre und dreißig Jahren jünger, dann...“, ich ließ den Satz einfach so stehen und lächelte sie weiter an.

Mit einem tiefen Seufzer und mir einen ratlos wütenden Blick zuwerfend, schüttelte sie ihren hübschen Kopf, nahm ihre Literatur und ging in Richtung der Ladenkasse.

Sie hatte wirklich eine gute Figur und sie war etwas kleiner als ich mit meinen 170 Zentimetern.

Auch ich nahm meine Sachen und folgte ihr. Während sie bezahlte, stellte ich mich direkt neben sie und sagte leise und so beiläufig wie es gerade ging:

„Mädel, du hast wirklich schöne Augen, aber das haben dir bestimmt schon Dutzende anderer Männer gesagt.“

Sie schaute mich wieder von oben bis unten abschätzend an. Ich glaubte ein kleines Lächeln auf ihren Lippen zu erkennen, das aber sofort wieder gefror, dann zuckte sie noch kurz mit ihren schmalen Schultern und verließ schnell den Laden, nur der süße Frühlingsduft ihres Parfüms blieb zurück.

Auch ich bezahlte meine Zeitschriften und Bücher, die zum größten Teil von Santiago de Compostela handelten, und schleppte sie zu meinem Auto in der Tiefgarage. Meine Gedanken waren bei der Blonden mit den dunklen Augen und zum ersten Male fragte ich mich, ob ich sie kannte.

Um die Gedanken los zu werden, schüttelte ich den Kopf. Es wurde höchste Zeit nach Hause zu fahren. Schnell kam ich auf den Zubringer zur Autobahn. Dort fädelte ich mich in den fließenden Verkehr ein und kurze Zeit später konnte ich richtig Gas geben.

Plötzlich ein Stau!

Geistesgegenwärtig trat ich auf die Bremse und kam zum Glück kurz vor meinem Vordermann zum Stehen.

Da habe ich aber noch mal Schwein gehabt, ging es mir durch den Kopf, als es hinten an meinem Auto leicht rumste. Nicht sehr fest, aber immerhin.

Ich stieg aus, um mir den Schaden an meinem Wagen anzusehen.

Ein Motorradfahrer stieg von seinem Gefährt und deutete kopfschüttelnd auf meine Auto-Stoßstange.

Ich schaute auch dorthin und zu meiner Erleichterung war nur eine kleine Delle zu erkennen.

Aufatmend schaute ich zu dem Motorradfahrer, in schwarzer Lederhose und giftgrüner Jacke, der sich gerade den Helm abzog.

Das kann doch wohl nicht wahr sein, es war meine blonde, neue „Bekannte“.

Auch sie erkannte mich sofort, sah mich wütend an und bevor ich etwas sagen konnte, schimpfte sie auch schon los:

„Sie schon wieder? Verfolgen sie mich etwa? Was wollen sie denn von mir?“

„Aber…“, ich hatte keine Chance, schon polterte sie wieder los.

„Warum haben sie denn so plötzlich gebremst? Wieso haben sie…“, sie brach ab, als sie merkte wie dumm und sinnlos ihr Gerede war. Nun wies sie mit ihrer kleinen, behandschuhten Hand auf die Delle und fragte überflüssigerweise mit einem Augenaufschlag, bei dem es mir heiß und kalt den Rücken runterlief: „War ich das?“

Biest, dachte ich und sagte laut: „Na ja, kommen sie erst mal runter und beruhigen sie sich, es ist ja nichts passiert, die kleine Delle da ist doch nicht der Rede wert.“

Sie schaute mich fragend an und sagte: „Sie meinen, dass der Schaden da nicht so schlimm ist? Wir brauchen keine Polizei?

Ich kann also weiterfahren?“

„Natürlich“, sagte ich „fahren sie weiter und machen sie nicht immer so ein böses Gesicht. Ich kann mir gut vorstellen, dass Sie, wenn sie lächeln, viel hübscher aussehen, und bevor Sie etwas sagen wegen Anmache und so, vergessen Sie es. Ich finde Sie einfach nett, das ist alles. Zufrieden?“

Mir fiel gerade nichts Besseres ein als der alte Spruch, aber sie lächelte jetzt doch ein wenig und sagte dann spöttisch: „Bla-bla und hoffentlich auf nimmer Wiedersehen“, stülpte den Motorhelm auf, sprang auf ihr Motorrad und brauste, verkehrswidrig, zwischen beiden Autoschlangen hindurch, mit der linken Hand winkend, der untergehenden Abendsonne entgegen.

Ein toller Abgang.

Kopfschüttelnd schauten mich die anderen Autofahrer, die unfreiwillig Zeuge des Gespräches geworden waren, an. Einige mussten einen dummen Spruch loswerden, aber ich reagierte nicht darauf. Ich schaute der Motorradfahrerin hinterher, bis sie nicht mehr zu sehen war. „Schön ist die Jugendzeit….“

Dann drehte ich mich um, reckte mich, atmete tief durch und stieg wieder in meinen alten, eher gemütlichen Wagen ein. Langsam ging es auf der Autobahn ein Stück weiter. Ungeduldig wartete ich auf die nächste Raststätte, die nun bald kommen musste.

Es wurde langsam dunkel, ich rief meine Tochter an, sie möge doch das Abendessen für ihre Mutter machen, da ich noch in einem Stau steckte. Endlich war die Raststätte erreicht, und ich konnte zur Beruhigung eine Tasse mit gutem, heißem Kaffee genießen.

Endlich löste sich der Stau langsam auf, und nun machte mich auf den Weg zu meinem Auto. Nachdem ich mir den Sicherheitsgurt angelegt hatte, schob ich eine CD mit deutschen Schlagern in den CD-Player, denn die höre ich immer wieder gerne. Leise mitsummend fuhr ich los.

Auf der Autobahn lief wieder alles reibungslos. Entspannt lehnte ich mich zurück, als im Rückspiegel plötzlich ein Motorrad auftauchte und wild mit der Lichthupe blinkte.

Dann ein Arm in giftgrünem Leder, der mir beim Vorbeifahren zuwinkte.

Nicht schon wieder die, dachte ich. Und dann kam der Crash.

Vor mir musste eine große, schwarze Limousine stark abbremsen und das Motorrad fuhr ungebremst mit voller Wucht auf.

Ich sah, wie der Fahrer des Motorrades in hohem Bogen durch die Luft flog und dann aus meinem Blickfeld verschwand. Das Zweirad rutschte krachend und scheppernd weiter unter einen Lastwagen, der neben dem schwarzen Wagen schlingernd zum Stehen kam.

Vollbremsung, rausspringen und den auf meinem Handy eingespeicherten Notruf drücken. Das geschah alles auf einmal, während ich zur Unglückstelle rannte. Quer über die Autobahn an den stehenden Autos vorbei, hastete ich zum Unfallort.

Kann ich noch helfen?

Die Unfall-Notrufzentrale meldete sich sofort und versprach, so schnell wie möglich einen Arzt zu der von mir angegebenen Unfallstelle zu schicken.

Ich sprang in den mit Wasser gefüllten Graben. Wenn sie den Unfall überlebt hat, dann muss sie ertrinken, durchzuckte es mich.

Vorsichtig hob ich den zierlichen, leblosen Körper aus dem Wasser und bettete ihn behutsam ins trockene Gras. So vorsichtig wie möglich öffnete ich ihren Motorradhelm und legte ihren Kopf ganz sanft auf meine Jacke.

Inzwischen war es dämmrig geworden, und das Martinshorn kam überraschend schnell näher. Später erfuhr ich, dass der Rettungswagen von einem Einsatz zurückkam und auf der Rückfahrt meinen Notruf erhalten hatte. Das war natürlich unheimliches Glück für das Unfallopfer. Sanft strich ich ihr über die Wange und sie öffnete die Augen mit den langen, schwarzen Wimpern. Verwirrt schaute sie mich an und flüsterte: „Du schon wieder? Was willst du von mir? Wer hat dich geschickt, und warum bist du hinter mir her?“

Ihre Stimme klang sehr schwach und ängstlich. Deshalb antwortete ich: „Mach dir keine Sorgen, ich bin nicht hinter dir her, es ist purer Zufall, dass wir uns heute immer wieder treffen.“ Sie versuchte zu lächeln, was ihr aber misslang. „Es tut so weh “, hörte ich sie röcheln und dann schloss sie die Augen wieder.

„He, nicht schlafen, bitte bleib wach, die Retter sind gleich da!“, versuchte ich eindringlich, sie wach zu halten. Sie lebt, schoss es mir durch den Kopf und ich lächelte sie an, während mir die Tränen über das Gesicht liefen und auf ihres tropften. Eindringlich redete ich weiter auf sie ein, um sie am Einschlafen zu hindern, und sie schaute mich dabei mit ihren dunklen Augen ängstlich an.

Sie sah so klein und hilflos aus und wieder fragte ich mich, woher ich sie kannte.

Sanft nahm der Notarzt, der inzwischen eingetroffen war, die Verletzte aus meiner Obhut, um sie zu versorgen. Dann ging alles sehr schnell. Nach der Erstversorgung wurde die Motorradfahrerin in den Krankenwagen gehievt und dann war der auch schon auf dem Weg ins Krankenhaus. Vorher bekam ich noch eine leichte Beruhigungsspritze, denn ich zitterte am ganzen Körper und an eine Weiterfahrt war überhaupt nicht zu denken.

Nachdem ich meine Aussage bei der Polizei gemacht hatte, konnte ich endlich zu meinem Auto zurück. Die Spritze tat ihre Wirkung und so fuhr ich wieder weiter in Richtung meines Heimatortes, denn der Stau löste sich nun auch langsam auf. Vielleicht hätte ich eine längere Pause einlegen sollen, aber ich wollte nun so schnell wie möglich nach Hause.

Immer noch musste ich an die schwerverletzte Frau denken. Hoffentlich sind die Verletzungen nicht so schlimm und sie kommt bald wieder auf die Beine.

So ein verrückter Tag. Gleich am nächsten Tag wollte ich mich erkundigen, wie es meiner neuen „Bekanntschaft“ ginge, das ließ mir sonst keine Ruhe.

Corinna, meine Frau war froh, dass ich wieder zu Hause war. Ich auch, musste ich mir ehrlich eingestehen, und dann erzählte ich, was ich an diesem Tag alles erlebt hatte. Zum Schluss zeigte ich ihr noch die Bücher, die ich in Köln erworben hatte.

„Da hast du heute aber einen anstrengenden Tag gehabt“, sagte sie und blätterte dabei in der Literatur. „Schöne Bilder aus Spanien, wir müssen uns auch noch mal die Fotos und Filme von unseren Urlauben in Spanien anschauen. Jetzt bin ich aber sehr müde, kannst du mich bitte nach oben ins Schlafzimmer bringen?“ Das tat ich dann auch, nach dem Kurzbesuch im Bad. Nachdem ich sie zu Bett gebracht hatte, trank ich ein Glas spanischen Rotwein, den ich noch vom letzten Urlaub im Keller hatte, und ließ den Tag Revue passieren. Ich schaute mir auch die neu erworbenen Bücher genauer an. Dort waren wirklich schöne und herrliche Bilder zu sehen, besonders die vom Jakobsweg sprachen mich sehr stark an.

Langsam merkte ich, dass der Wein seine Wirkung tat. Da der Tag wirklich sehr anstrengend gewesen war, stellte ich die Bücher in mein Bücherregal, wo ich sie dann bald vergessen sollte und verschwand ebenfalls ins Schlafzimmer.

Am anderen Morgen, nach einem tiefen und traumlosen Schlaf, suchte ich beim Frühstück in der Tageszeitung nach einem Unfallbericht mit einem Motorradfahrer.

Ich hatte Conny, wie ich sie auch nannte, den Lokalteil gegeben. Jetzt teilte sie mir ganz stolz die neuesten Nachrichten mit. Denn nach dem Schlaganfall, konnte sie zuerst weder reden, noch lesen oder schreiben. Ihre rechte Körperseite war total gelähmt.

Jetzt aber schrieb sie mit links besser als damals mit rechts. War das nicht toll?

Dann fand ich in der Zeitung doch einen kleinen Bericht:

„MOTORRADFAHRERIN AUF DER A 46 SCHWER VERLETZT“, lautete die Überschrift, dann folgte ein kurzer Bericht. Ich versuchte noch etwas Genaueres über den Unfall zu erfahren und rief in einigen Krankenhäusern an, die dafür vorgesehen sein könnten. Man konnte oder wollte mir jedoch keine Auskunft geben. Damit gab ich mich schließlich zufrieden.

Ich hätte intensiver nachforschen sollen, vielleicht hätte ich mehr erfahren. Durch meinen Beruf hatte ich eigentlich die Möglichkeiten… Warum ich das nicht tat, steht in den Sternen.

*

Wie viele Wochen oder Monate sind seitdem vergangen?

Ich weiß es nicht mehr genau. Wenn ich scharf nachdenke, ist es mindestens schon ein Jahr her. Was mag wohl aus der Blonden geworden sein nach ihrem schweren Unfall?

Lebt sie überhaupt noch? Ist sie schon in Santiago de Compostela gewesen? Fragen über Fragen.

Zu dem Zeitpunkt, als ich sie traf, war überhaupt gar nicht daran zu denken, dorthin zu gelangen. Mit der Pflege meiner Frau, dem ganzen Haushalt und meinem Job hatte ich genug zu tun. (Am meisten hasste ich ja das Putzen und das Fensterreinigen. Aber zum Glück fanden wir nach langem Suchen eine gute und zuverlässige Putzfrau.) Aber wo wir gerade dabei sind, das Bettenmachen war auch ein großes Problem. Wie ein Billardtisch, so glatt und gerade hatte meine Frau früher die Betten gemacht. Und ich? Eine Katastrophe kann ich Ihnen sagen. Und dann das Wäscheaufhängen, das war auch immer ein Desaster. Warum müssen die Frauen immer ihre Wäsche nach einer bestimmten Ordnung und einem Plan aufhängen? Ich hab mich in meinem Bekanntenkreis umgehört, alle Frauen haben da ein besonderes System. Ich habe die Wäsche einfach so aufgehängt, wie ich es wollte und sie mir gerade in die Finger fiel, Hauptsache war, dass sie gut trocknen konnte. Aber da bekam ich doch immer Ärger mit Corinna, meiner Frau. Da war sie immer sehr genau. Ich musste immer wieder die Wäsche korrigieren. Darum habe ich meistens nachts die Wäsche im Keller aufgehängt, wenn meine Frau schon fest schlief, oder ich habe alles in den Trockner geworfen.

Aber im Sommer und dann draußen? Wehe, die Sachen hingen falsch auf der Leine, dann schaute sie immer recht böse. Grinsend hing ich dann die ganzen Sachen so auf, wie sie es haben wollte. Die Spülmaschine ein- oder ausräumen, da ließ sie keinen ran. Die Küche war wieder ihr Reich geworden, wo sie schalten und walten konnte. Wenn ich mal in der Küche mit dem Geschirr klapperte, kam sie nachschauen, was ich wohl dort gerade Mache.

Lächelnd musste ich gerade an all die Gegebenheiten denken, daran, welche Energie sie immer gehabt hatte, trotz ihrer schweren Behinderung.

Wir waren schon ein tolles Team.

Meinen Job machte ich damals nur noch halbtags. Ich hatte gute Leute, auf die ich mich immer verlassen konnte. In der Security-Branche konnte man sich die Arbeit auch gut einteilen. Und sich mit den Kollegen abzusprechen, war auch kein Problem. Wir waren wie eine kleine Familie. Das klingt zwar ein bisschen übertrieben, aber ich muss sagen, wir zogen alle gemeinsam an einem Strang. Und es klappte alles hervorragend. Trotzdem bin ich meinem Freund und Mitinhaber der Firma, Siegfried Köhler, sehr dankbar, dass er mir in dieser schweren Zeit geholfen hat. So konnte ich mich besonders gut um meine Frau kümmern.

So war unser Leben.

Nun aber verschlang ich förmlich die Bücher und Reiseberichte über den Jakobsweg. Immer stärker wurde in mir die Idee und der Wunsch nach Santiago zu pilgern.

Und direkt von meiner Wohnung aus wollte ich los.

Jetzt brauchte ich nur noch auf mich Rücksicht nehmen und eine Auszeit konnte ich wirklich gut gebrauchen. Wenn nicht jetzt, du Blödmann, wann denn dann.

Auf geht es nach „Santiago de Compostela.“

„It‘s my way.”Es ist mein Weg.

„Nun ade, du mein lieb Heimatland.”

Ist das wirklich mein Weg?

Knapp 2.200 - in Worten: zweitausendzweihundert - Kilometer gehen, wandern, laufen oder pilgern?

Trotzdem konnte ich mich mit der Idee langsam anfreunden und begann ernsthaft über diese Herausforderung nachzudenken.

Was muss ich beachten, woran muss ich alles denken?

Natürlich musste ich erst einige „Runden drehen“, um mich „einzulaufen“.

Zuerst suchte ich meinen Hausarzt auf. Er stellte mich auf den Kopf und untersuchte mich sehr gewissenhaft. Nach gründlichen Untersuchungen bekam ich, obwohl er den Kopf über mein Vorhaben schüttelte, grünes Licht für die lange Tour. Zuerst musste ich allerdings in eine Reha. Ich war erschöpft, mein Akku war leer und die drei Wochen taten mir sicherlich gut.

Auch konnte ich dort nachmittags, nach meinen Anwendungen, erste „Aufwärm-Etappen“ absolvieren. Da ging es einige Stunden quer durch Felder, Wiesen und Wälder.

Da hätte ich schon zur Probe besser einen Rucksack mitnehmen sollen. Ich hatte einfach nicht daran gedacht.

Mit der Zeit bekam ich langsam Abstand zum Tod meiner Frau und lernte, mit den Problemen, die ich hatte, etwas besser fertig zu werden.

Nach der Reha kramte ich zu Hause noch einmal die Reiseberichte heraus. Auch im Internet suchte ich nach Berichten von Pilgern, die ich alle mit heißem Kopf las.

Dort war die Rede von Unfällen, Krankheiten und Todesfällen, von Aufgabe, von Schmerz, von Hitze und Kälte, von Nässe und Trockenheit, Gelenkschmerzen und von vielen Blasen an den Füßen. Auch Abzocke, Lug und Trug kamen vor. Aber auch von schönen Stunden und Erlebnissen war die Rede, von Freundschaft und Kameradschaft, Hilfe und Fürsorge.

Immer wieder wurde davor gewarnt, einfach los zu gehen. Alle rieten mir, vorher unbedingt einige Kilometer mit gefülltem Rucksack zu laufen und zu trainieren.

Das tat ich dann auch, aber erst einmal mit halbvollem Rucksack.

In ihn packte ich etwas Obst, ein paar Kekse und etwas zum Trinken. Das musste fürs Erste reichen, so war mein Plan.

Nun überredete ich meine beiden besten Freunde, Peter und Karl-Herbert, mit denen ich schon eine kleine Ewigkeit befreundet war, an einem Samstagmorgen mit mir einige Kilometer durch die Gegend zu laufen.

„Am besten erst einmal bis nach Kevelaer, dem nächsten katholischen Wallfahrtsort. Das sind genau fünfundsiebzig Kilometer, wenn du nicht nur die Hauptstraßen benutzt, und das wäre ein guter Test“, meinte Karl-Herbert.

„Später“, wiegelte ich ab.

Er war mehr der Radfahrertyp, hatte also auch heute sein Rad dabei, wanderte aber den ganzen Morgen tapfer mit und schob sein Rad. Nach dem gemeinsamen Mittagessen hat er sich dann von uns mit den Worten verabschiedet: „Mach et joot, Henry und melde dich mal“, und ist von dannen geradelt.