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Wie gestaltet sich die Partnersuche, wenn man die Hälfte des Lebens hinter sich gebracht hat? Scheidung auf deutsch oder wie teuer ist der Satz: "Ich liebe dich nicht". Liebe, Sex und Segelflug ... Geschichten aus dem Knast. Geld ist nicht alles, oder doch? Das und vieles andere mehr erwartet den Leser, wenn er dieses Buch aufschlägt.
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Seitenzahl: 529
Veröffentlichungsjahr: 2012
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Olaf Zeidler
Michaela
Olaf Zeidler, Jahrgang 1961, ist als Justizvollzugsbeamter tätig und betrachtet das Schreiben als ein schönes Hobby. Wenn das Thema stimmt und der Einstieg da ist — also ein wichtiges Ereignis —, ob privat oder gesellschaftlich, dann greift er zur Feder und schreibt das auf, was eine unsichtbare Stimme in seinem Inneren diktiert. Einfach so.
Inzwischen ist sein drittes dickeres Manuskript fertig geworden und wieder geht es ganz aktuell quer durch den Gemüsegarten des Lebens; diesmal in Form von Erzählungen und Gedichten. Während sich der erste Roman („Tagebuch für Friederike“) hauptsächlich mit der Wende aus der Sicht eines Ostdeutschen beschäftigte, ging es im zweiten größeren Schreibversuch („Abschied und was danach kommt ...“) um die Arbeit im Knast aus der Sicht derjenigen, die die Gitter auf und zu machen. Nun wartet “Michaela. Erzählungen & Gedichte” nach sieben Jahren Schreibzeit darauf, irgendwann als neues Buch vom Leser entdeckt zu werden.
ISBN 978-3-8442-2776-5
©2012OlafZeidler
Alle Rechte Vorbehalten
Gesetzt aus der Bembo
Published by: epubli GmbH, Berlin,www.epubli.de
Es passierte knapp vier Wochen vor Weihnachten an einem Mittwochmorgen kurz nach dem Aufstehen. Der Kaffee stand dampfend rechts neben mir auf dem Computertisch und vor meinen Augen hob gerade Lufthansaflug 333 von der Bahn 7 rechts des Airport Schönefeld ab. Rot leuchtete der kleine Überziehwarnbalken auf und signalisierte mir, dass die Landeklappen noch nicht eingefahren werden durften. Erst musste die Geschwindigkeit stimmen. Da hörte ich es zum ersten mal trotz der relativ lauten Triebwerksgeräusche, die der Lautsprecher gerade im Originalsound wiedergab. Es klang wie ein leises, von weiter Ferne herkommendes, ja fast klägliches Miau ... Ich drehte den Kopf in Richtung Fenster und ... Sie saß im klirrenden Frost auf dem Sims; schaute mich durch die Scheibe an und miaute wieder.
Zuerst zuckte ich kurz mit der Schulter, denn es kam schon ab und zu vor, dass eine draußen herumstreunende Katze bei mir Rast machte, meist nur wenige Minuten lang. Aber irgendetwas war diesmal anders. Sie hob ihre Pfote und es sah fast so aus, als wenn das Tier absichtlich an das Fensterglas „klopfte“. Dann saß sie wieder still und schaute mich weiter an. Nun — in dem Augenblick gab es viel zu tun: Das Flugzeug wurde eben an Center Berlin „weitergereicht“ — die entsprechende Meldung musste abgesetzt werden; der Autopilot stand noch im IAS-Modus und auch der Kurs stimmte aktuell nicht mit den Vorgaben überein. Als alles wie gefordert eingestellt war und ich mich zurücklehnen konnte, saß die Katze immer noch da und mauzte leise ... Da war mein Interesse geweckt. Warum rannte sie nicht los, so wie die anderen, die mich schon besucht hatten?
Irgendwann nach einer Stunde beschloss ich, das Fenster zu öffnen — sie war ja immer noch da. Entweder suchte sie jetzt das Weite, oder ... Vorsichtig drehte ich den Hebel auf und war gespannt darauf, wie sie reagiert. Der Spalt reichte nun um durch zukommen und sie stand zögernd auf. Ein schönes Tier. Mittelgroß mit einem schwarzweißbraungestreiftem Fell und die grüne Augen beobachteten mich aufmerksam ...
Sie war darauf gefasst, sofort mit einem Satz zu verschwinden, wenn ich eine hastige oder verdächtige Bewegung gemacht hätte. Taps taps — zuerst lugte sie vorsichtig herein und schnupperte neugierig. Ich setzte mich einfach wieder an den Computer und wartete ab, was nun geschehen würde. Mit dem Flugzeug war alles in Ordnung — es erreichte gleich Flight Level Drei Zwei Null und düste dann mit Nullkommaachtzwei Mach in Richtung Athen weiter. Schwups — die Katze war drin und begann sofort mit kleinen Schritten meine Einraumwohnung zu erkunden. Bitte schön — da war nichts, was zu Bruch gehen könnte und ich ließ sie einfach machen. Miau miau. Das Fenster stand offen — sie hätte also wieder gehen können ... Aber sie dachte nicht daran und mauzte weiter. Na klar — das Tier hatte bestimmt Hunger ... Mein Kühlschrank war aber leer. Wasser? Ich holte ein Schälchen und stellte es gefüllt auf den Wohnzimmerteppich.
Sie beäugte es zögernd, aber das war es wohl nicht, was die Katze im Moment wollte ... Miau ... Ihre Augen sahen mich an. Ja o. k. Dann musste ich eben ins „Kaufland“ fahren und etwas holen. Und der Flug? Kurz entschlossen beendete ich die Simulation.
Es würde noch so oft möglich sein, im Cockpit eines Airbus A319 einfach mal von Berlin nach Griechenland zu fliegen ... Jetzt gab es Wichtigeres zu tun. Also zog ich mich an und machte mich auf den Weg.
Das Fenster blieb offen — vielleicht war sie ja gar nicht mehr da, wenn ich zurückkam? Na und — die paar Cent für die Whiskasbüchse hatte ich schon noch zusätzlich im Portemonnaie ... Als ich die Wohnungstür ins Schloss zog, klopfte mein Herz doch schneller: wartet sie tatsächlich auf mich? Ist das vielleicht der Anfang einer schönen Freundschaft? Können Menschen und Tiere überhaupt miteinander befreundet sein?
Auf dem Weg zum Markt erinnerte ich mich plötzlich an eine Szene, die sich mal vor vielen Jahren abgespielt hatte. Ich weiß — beim Autofahren sollte man auf den Straßenverkehr achten, aber die Bilder waren einfach da vor meinen Augen — ein Film mit leise gedrehtem Ton. Im Polizeibericht hätte vielleicht das Wort Sekundenschlaf gestanden, aber es passierte zum Glück nichts.
Damals brachte mein Vater abends nach der Arbeit eine kleine, ganz scheue Katze mit, die auf den Fußboden sprang, als er seine Jacke geöffnet hatte. Wir drei Jungs im Alter von fünf bis acht Jahren standen dicht gedrängt im Korridor und beobachteten mit großen Kulleraugen, was da geschah. Das winzige Wollknäuel mauzte und tapste unbeholfen hin und her. Selbst die hingestellte Schale mit frischer Milch wurde zunächst einfach ignoriert. Miau, Miau hörten wir immer wieder. Geht in euer Zimmer, hieß es dann. Das Tier hatte natürlich Angst, wenn so viele Menschen in der Nähe waren. Die ungewohnte Umgebung. Laute Stimmen. Jedenfalls gehorchten wir und versuchten heimlich weiter zuzuschauen. Jeder war mal dran und durfte einen kurzen Blick in die Küche werfen ... Leider musste unser neues Familienmitglied schon wenige Tage später die Wohnung wieder verlassen. Warum das so war und wohin die kleine Mieze gebracht wurde, erfuhren wir nie ... Schade ...
Nach dem Einkauf beschloss ich kurz bei Ina vorbeizuschauen. Auf dem Beifahrersitz lag eine fertig ausgefüllte Rätselzeitung, die ich meiner Freundin zurückgeben wollte. Falls sie gerade nicht zu Hause gewesen wäre, hätten wir uns — wie ab-gesprochen — aufjeden Fall zum Mittagessen getroffen. Aber ihre Tochter Anna Lena antwortete an der Sprechanlage und ließ mich rein ...
„Ich habe vielleicht eine richtig schöne — ja, so kann man es eigentlich fast schon sagen — Weihnachtsüberraschung .“ Die Augen des Kindes leuchteten neugierig auf. Auch Ina lächelte ... „Aber im Moment kann ich noch nichts verraten .“ Klar — wenn die Katze doch das Weite gesucht hatte, wäre die Geschichte gleich wieder zu Ende gewesen und es gäbe nicht mehr viel zu erzählen ...
Also spannte ich beide Mädchen ein bisschen auf die Folter und verabschiedete mich nach wenigen Minuten ... Jetzt nahte der entscheidende Moment. War meine kleine „Besucherin“ noch da oder hatte ich das Whiskas doch umsonst gekauft? Ich sprang ins Auto und gab Gas. Nach wenigen Minuten stand der Wagen bei mir auf dem Parkplatz ...
An der Wohnungstür war nichts zu hören und ich schloss leise auf. Zuerst sah es so aus, als wenn die Katze tatsächlich weg war. Aber es gab hier genügend Versteckmöglichkeiten und vielleicht tauchte sie ja auf, wenn ich das Futter neben den Wassernapf stellte ...
Als ich mich hinhockte und den Inhalt der Büchse mit einem Esslöffel auf dem kleinen Teller verteilte, mauzte es leise hinter mir. Sie war doch noch da.
Mich durchrieselte es warm. Schön ... „Miau“ (ich wusste ja noch nicht, wie sie heißen sollte; den Namen wollte ich später gemeinsam mit Anna Lena aussuchen) hatte ihre Entscheidung getroffen. Ich verriegelte das Wohnzimmerfenster und schaute zu, wie sie sich über die frischen Fleischstückchen hermachte. Von nun an würden wir beide — hoffentlich sehr lange; wer wusste das vorher schon so genau — miteinander zu tun haben und ich freute mich schon jetzt richtig darauf. Nach dem Mittagessen wollte Anna Lena gleich mitkommen. Na klar — die Katze ...
Deshalb verzichtete ich auf den Kaffee und wir fuhren so-fort los. Das Mädchen war hellauf begeistert und gleichzeitig ein bisschen skeptisch:
„Du, Gert — vielleicht ist sie ja irgendwo ausgebüchst und möchte bald wieder zu ihrer Familie zurück?“
„Ja ...“ antwortete ich nachdenklich, „... sie hat kein Halsband auf dem der Name steht und ...“ (mit ernster Miene) „... ich habe sie bereits gefragt. Das Tier hat immer nur Miau gesagt, doch im Telefonbuch gibt es keine Leute die Miau heißen ... Außerdem ist die Katze freiwillig zu mir gekommen und kann jederzeit wieder gehen, wenn sie das möchte .“ Anna Lena schmunzelte leise — offensichtlich gefiel ihr diese Regelung ganz gut ... Nun mussten wir nur noch einen Namen für das Tier finden und waren uns recht schnell einig. Warum? Keine Ahnung ... Lena passte einfach irgendwie. Ein kurzes weiches Wort. Wuschelfell wäre ja auch nicht schlecht gewesen, aber wer sagt — bitte schön — den ganzen Tag „Wuschelfell“ zu seiner Katze?
Das Kind erklärte mir dann, dass so schnell wie möglich ein Klo und die richtigen Futternäpfe besorgt werden müssten und nun war ich derjenige, der still vor sich hinlächelte und nickte. Selbstverständlich, kleine Dame ... dachte ich, ohne dies laut zu offenbaren. Kurz gesagt: ab diesen Moment gehörte Lena natürlich zu uns und ich malte mir schon aus, was mein Sohn Oliver dazu sagen wird, wenn er mich das nächste Mal übers Wochenende besucht ...
31. Dezember 2005. Vormittag. Es steht genügend Katzenfutter für Lena in der Küche; auch das Klo ist gereinigt und frisch aufgefüllt. Die süße Mieze sitzt gerade auf dem Fensterbrett und schaut nach draußen. Inzwischen hat sie auch ihre ersten „Entdeckungstouren“ absolviert und kehrte spätestens nach dreißig Minuten zurück. Jedes mal.
Deshalb gehe ich nun nach fast einem Monat davon aus, dass diese Geschichte zwar jetzt zu Ende geschrieben wird, aber eigentlich fängt sie gerade erst an ... Wenn Anna Lena und Oliver hier sind, faucht die Katze manchmal. Wahrscheinlich hat sie in ihrem früheren Leben schlechte Erfahrungen mit Kindern gemacht?
Das wird sich — im Laufe der Zeit — hoffentlich noch ändern ... Mit ein bisschen Zurückhaltung und liebevoller Zuwendung lässt sich da bestimmt eine Menge machen, oder?
Nun liegt die Süße — wie oft tagsüber — auf der kuscheligen Pferdebettdecke und schlummert friedlich vor sich hin ... Ich mache mir eine Tasse Kaffee und genieße den Anblick. In zwei Stunden gibt es Mittag bei Ina ... Das neue Jahr kann kommen — ich freue mich darauf ...
Eisenhüttenstadt, 31. 12. 2005. Für Anna Lena und Oliver.
Liebe?Was ist das eigentlich? Ganz am Anfang war es ein heißes Kribbeln im Bauch, wenn ich dich sah. Und auch
— manchmal — wie bei einer Fahrt mit der Achterbahn. Meist himmelhochjauchzend ... Dann wieder — viel seltener — zu Tode betrübt, wenn ich allein und einsam in meiner Räuberhöhle saß und mit zuviel Bier im Bauch eifrig auf der Suche nach etwas war, was es gar nicht gab ...
Das alles ist auf jeden Fall ein Teil dessen, was man Liebe nennt. Liebe ist auch das Eindringen in deinen Leib, das Spüren deiner zärtlichen Hände. Oh Gott — ja. Das laute Stöhnen, wenn es nicht mehr anders geht. Dieses Übergeben eines Teiles von mir in dir. Deine Enge, die mich sanft umhüllt und im Augenblick der Explosion behutsam beschützt. Meine Liebkosungen, die wir zusammen genießen. Genau das ist — glaube ich — auch ein Teil dessen, was man Liebe nennt ...
Liebe ist aber auch, wenn unsere Gedanken füreinander inniger werden. Wenn man immer mehr vom anderen weiß und es einem plötzlich warm durchflutet. Einfach so. Nur weil man gerade an den anderen denkt. Ich schließe meine Augen, sehe dich vor mir und lächle. Ja — auch das ist wohl ein Teil dessen, was man Liebe nennt ...
Aber Liebe ist ja noch viel mehr. Hilfe in der Not, die man gemeinsam und mit hochgerecktem Kopf übersteht. Ein leises Dankeschön an den anderen, das viel wertvoller ist als alles Geld der Welt ...
Dein Duft, die weiche Haut. Noch heute kann ich mich ganz genau erinnern: Wir beide kannten uns damals zwei Monate und saßen nackt auf der Couch in der Wohnung deiner Schwester. Rauchten eine Zigarette. Die Lichter der fremden Stadt funkelten in der Nacht zu uns hinauf und ich hatte plötzlich das Gefühl, mit dir vollkommen vertraut zu sein — so, als wenn wir schon ewig zusammen wären. Auch das muss tatsächlich ein Teil dessen sein, was man Liebe nennt ...
Dein Lächeln hoch über den Wolken auf dem Weg in den Urlaub. Unter uns ein mit Watte überzogenes Märchenland. Die braunen und weißen Bergspitzen der Alpen, die im Sonnenlicht funkelten und allmählich hinten am Horizont verschwanden. Weißer Strand. Salzwasser. Unsere Kinder, die herumtollten und lachten. Die dritte Nacht . Schöne gemeinsame Erinnerungen — auch ein Teil dessen, was man Liebe nennt? Ja — ich glaube schon ... Das gehört aufjeden Fall dazu ...
Liebe heißt auch, sich für den anderen verantwortlich zu fühlen und seine Sorgen zu teilen. Miteinander Hand in Hand durch die Stadt gehen. Alle sollen sehen, dass wir beide zusammengehören. Ein schönes Gefühl, das mich stolz macht — dieses Wissen, dass du an meiner Seite bist ... Ja, genau du. Dich meine ich. Nur dich ...
Sehnsucht nach dir zu haben, wenn du ein paar Tage verreist. In der stillen Wohnung liegen und an dich denken, nachdem du am Telefon gesagt hast, dass du gut angekommen bist ... Auch das ist sicherlich ein Teil dessen, das man Liebe nennt ... Weißt du was? Mach jetzt einfach mal die Augen zu und genieße den Duft der roten Rose, die ich dir mitgebracht habe. Schau dir in Ruhe an, wie sie blüht ...
Cottbus, 12. 02. 2006 Für I. F.
Da flattern die Schnipsel im stürmenden Wind. Nicht einer hält sie auf. Man reißt ganz eilig und geschwind die Maske lieber rauf. Und drückt sie rasend ins Gesicht, damit niemand erkennt, dass drunter ist ein kleiner Wicht, der nur für Wohlstand brennt ...
Genossen! Schließt eilig euer Haus! Lasst niemanden hinein und trauert weiter hier in Saus und Braus mit Schnaps bei Kerzenschein ... So wird dann euer Blick hingleiten zur Wand an der noch immer hängt — der „Honni“ wie in besten Zeiten ... Ob alles mal von vorn anfängt .?
Ich stehe auf nem’ morschen Rand, weiß leider weder aus noch ein. Halt fest mich an der Rettungswand und fluche leis im grauen Schein. Verronnen ist die Jugend; zerstört mein Ideal. Es bleibt ein Fünkchen Tugend und Angst dem Prinzipal ...
Nun frage ich: was soll geschehn? Wer hilft mir da heraus? Muss jetzt wohl neue Wege gehn. Das Allerbeste machen draus ...
Übrigens:Wenn es keine dummen Menschen geben würde, bräche mit einem Schlag die Welt zusammen. Woher wüssten dann die Klugen, dass sie klug sind?
Da flattern die Schnipsel im stürmenden Wind. Nicht einer hält sie auf ... Man reißt ganz eilig und geschwind die Maske lieber rauf. Und drückt sie rasend ins Gesicht, damit niemand erkennt, dass drunter ist ein kleiner Wicht, der nur für Wohlstand brennt ...
Genossen! Schließt eilig euer Haus! Lasst niemanden hinein und trauert weiter hier in Saus und Braus mit Schnaps bei Kerzenschein. So wird dann euer Blick hingleiten zur Wand an der noch immer hängt — der „Willi“ wie in besten Zeiten ... Ob alles mal von vorn anfängt .?
Verronnen ist die Jugend; zerstört das Ideal. Es bleibt ein Fünkchen Tugend und Angst vorm Kapital ... Ich stehe nun am Wegesrand; schau in das Morgenrot. Nach links der Pfad ist „abgesperrt“ und rechts liegt „brauner Kot“ ...
Erschlichener Reichtum und sozialer Verrat; das bringt ihn zum Wanken — den Vater Staat. Die Arbeit und Wohlstand — sie fließen dahin und mit ihnen auch des Lebens Sinn .Wenn niemand mehr weiß, wofür und warum, dann wird es gefährlich, denn dann bleibt man dumm ...
Übrigens:Sollte es tatsächlich irgendwann keine klugen Menschen mehr geben, bräche die Welt vielleicht doch nicht gleich zusammen. Weil wir ohne sie wahrscheinlich ganz schnell aussterben würden ...
Rinteln, 15. 04. 2006
Wo ist Genosse Schimmelhecht
geblieben wohl mit meiner Frau?
Wer’s weiß, der gebe mir zu Recht
nun Antwort bitte ganz genau...
In einem großen Schulungshaus
verlief sich heiß die letzte Spur.
Dort brach man ständig mit Applaus
fast jeden alten Eheschwur.
Denn was des Bonzen Gier und Glück
im Wege stand, wurd’ „weggedacht “.
Man hat den Frauen Stück für Stück
angeblich Freiheit leicht gemacht.
Sie gaben hin sich — oh Moral,
mit ungeahnter Leidenschaft.
Im freien Sex, da hat fatal
gewirkt die „Überzeugungs“kraft...
Und nun ich grüße jene Frau,
an der mal hing mein ganzes Herz.
Die damals glaubte — sie sei schlau.
Vorbei ist fast in mir der Schmerz.
Es gibt kein Weg zu ihr zurück.
Die Dunkelheit verschluckt den Schrei.
Werd’ suchen jetzt das richt’ge Glück
und fühl’ mich heute endlichfrei...
Die Wende kam — verdammt — zu früh;
dem ach so herzensguten Mann,
um abzusahnen ohne Müh’
wie’s mancher Chef noch immer kann.
Sein Weib wollt’ nicht zufrieden sein
mit einem Kerl im „Heizer“stand,
denn Liebe hat den schönsten Schein
für sie nur im Schlaraffenland...
Der Ärmste sucht heut klagend Trost
an jenem Punkt, wo ich mal stand.
Wie trotzig klingt sein lautes „Prost!“-
schallt hin und her von Wand zu Wand.
Was früher er ganz leis belacht,
das holt ihn endlich rauschend ein.
Sich deutlich nun bemerkbar macht,
die Wirklichkeit getrennt vom Schein.
Noch einmal grüß’ ich jene Frau -
und das soll sein kein übler Scherz -
die immer glaubte, sie sei schlau.
Vorbei ist längst der tiefe Schmerz.
Ich geh’ nie mehr zu ihr zurück.
Das Morgenrot; da dämmert’s hin.
Wo ist sie nur — mein neues Glück?
Und nimmt mich mit, so wie ich bin ...
Frankfurt/Oder 31.05.2006
Ich saß am Computertisch und war gerade mit einer Tupolev 134 auf dem Weg von Nadi (Fidschi-Inseln) nach Sydney. In vier Stunden musste der Flug beendet sein, weil ich um dreizehn Uhr fünfzehn mit einer Kollegin verabredet war — wir wollten zusammen zum Spätdienst fahren.
Das GPS-Display zeigte knapp eintausenddreihundert Meilen an, die noch zu fliegen waren. Da blieb mir nach der Landung genug Zeit, um das Mittagessen warm zu machen und die Arbeitsbrötchen zu schmieren. Der Autopilot steuerte wie in der Wirklichkeit das Flugzeug und ich genoss den warmen Sommermorgen. Lena streunte irgendwo da draußen herum; deshalb stand das Fenster offen.
Ab und zu kam sie herein und fraß ein bisschen vom hingestellten Teller. Oder sie sagte einfach nur Miau, sah mich mit ihren grünen Augen an und verschwand dann wieder. Irgendwann würde sie müde sein und sich auf der Couch einrollen. So war das jeden Morgen wenn ich frei hatte oder nachmittags arbeiten ging.
Träge grübelte ich vor mich hin, hatte im Ohr das gleichmäßige, monotone Triebwerksgeräusch und plötzlich machte es Taps. Meine Lena sprang in die Wohnung und lief ziemlich schnell an mir vorbei. Ungewöhnlich schnell. Ich schaute in ihre Richtung und sah, dass sie irgendetwas im Maul hatte. Mein erster Gedanke war: sie schleppt mir eine tote Maus ins Zimmer. Eine Kollegin aus der JVA ... erzählte mal vor Monaten, dass Katzen so was machen und so ihre Dankbarkeit zeigen wollen. Für das Futter, das man ihnen täglich gibt ...
Wie elektrisiert stand ich auf und folgte dem Tier. Sie saß inzwischen in der Küche unter der Spüle und das, was sie eben noch zwischen den Zähnen hatte, lag vor ihr und rührte sich nicht. Es war aber keine Maus. Es war ein Vogel ...
Ein Spatz? Das konnte ich nicht erkennen — oder um ehrlich zu sein — ich wusste nicht, wie so ein Spatz aus der Nähe betrachtet aussah. Jedenfalls blieb es mucksmäuschenstill. Kein einziges TschiepTschiep drang aus dem winzigen Kehlchen. Entweder war der kleine Kerl bereits tot oder seine Muskeln waren wegen der panischen Angst wie gelähmt. Gleich würde der letzte Biss seinem Leben ein Ende bereiten. Aber Lena dachte nicht daran, den Vogel zu fressen. Ihr Magen war voll und sie wollte einfach nur ein bisschen spielen. In dem Augenblick ging mir durch den Kopf, wie sinnlos doch manchmal der Tod sein konnte. War auf einmal da — völlig unerwartet — und schlug erbarmungslos zu. Mit samtigen Tatzen und scharfen Krallen ...
Aufmerksam beobachtete die Katze ihre Beute und tippte sie ganz vorsichtig mit der Pfote an. Los — beweg dich! Flüchte vor mir, damit ich dich einfangen kann. Doch der Piepmatz rührte sich nicht. Ich wollte schon eine Kehrschaufel holen und ihn nach draußen bringen — da flatterte er auf einmal fast wie ein Blitz ganz dicht an mir vorbei hoch und stieß leicht mit dem Kopf an die Decke, weil er die eigene Steiggeschwindigkeit nicht rechtzeitig abbremsen konnte. Wir beide erschraken heftig. Lena versuchte noch, den kleinen Kerl mit der Pfote zu erwischen, doch er war einfach schneller. Flog mit wilden Flügelbewegungen ins Wohnzimmer bis zur Schrankwand und verschwand dahinter. Zwischen deren Rückwand und der Tapete waren höchstens zehn Zentimeter Platz und ich dachte: jetzt sitzt der arme Vogel in der Falle. Da konnte er nicht mehr entkommen ...
Lena schaffte es irgendwie, in den Spalt zu kriechen und nun hörte ich wieder das laute Flügelschlagen. Der Piepmatz tauchte tatsächlich oben auf (kaum zu glauben, aber ich sah es mit eigenen Augen. Wie er das gemacht hatte? Keine Ahnung .) und irrte anschließend im Raum hin und her. Das Fenster stand immer noch offen. Warum flog er nicht einfach hinaus ins Freie — in die rettende Freiheit?
Offensichtlich war das kleine Wesen wegen der davor hängenden Gardine irritiert und wusste deshalb nicht, wie es rauskommen sollte. Einige Sekunden später befand sich der Vogel wieder hinter der Schrankwand (für ihn war das wohl so, als säße er dort in einer sicheren „Baumhöhle“) und die Katze dachte erst, ihre Beute sei diesmal in die Küche geflohen.
Nun beschloss ich, in das Geschehen einzugreifen. Unser „Besucher“ konnte da nicht ewig bleiben, also schaute ich nach und in dem Moment flatterte der kleine Kerl noch einmal mit kurzen, ruckartigen Bewegungen hoch in Richtung Decke. Jetzt flog er aber zum Fenster und landete oben auf dem geöffneten Flügel. Lena sprang zwar noch hinterher, aber sie kam nicht an den Vogel ran. Das war ein Bild — der ängstliche Piepmatz auf dem weiß gestrichenen Holzrahmen und etwa ein Meter darunter wartete die lauernde Katze. Sie ließ ihn nicht aus den Augen ...
Und dann segelte er mutig über Lena hinweg nach draußen und mir fiel ein Stein vom Herzen. Die Katze schaute regungslos hinterher und schien sich zunächst nicht damit abfinden zu wollen, dass das „Spiel“ nun zu Ende war. Langsam lief sie über den Teppich, sah dann in der Küche und hinter der Schrankwand nach. Aber der Vogel war weg und ich freute mich im Stillen für ihn. So ein tapferes, kleines Wesen ... Das nächste Mal würde es bestimmt besser aufpassen und rechtzeitig verschwinden, wenn Lena oder einer ihrer Artgenossen in seine Nähe kam ...
Übrigens: Heute endete der Flug pünktlich und planmäßig aufder Bahn 34 links des Kingford-Smith Airport von Sydney ...
Eisenhüttenstadt, 22. 06. 2006
15. Juli 2006, zehn Uhr zwanzig. Wir hatten gerade die Stadt verlassen und würden in fünf Minuten den Flugplatz erreichen. Ich war ein bisschen skeptisch: Vor sechs Tagen scheiterte hier schon einmal der Versuch, mit den Kindern einen Gastflug zu machen und es gab eigentlich keinen Grund anzunehmen, dass wir heute mehr Glück haben würden.
Am vergangenen Sonntag saßen Anna Lena, Oliver und ich fast drei Stunden vor dem Tower auf der kleinen Veranda und sahen in der Zeit gerade mal zwei Starts. Eine „Morane“ flog ab in Richtung Osten und etwas später verabschiedete sich eine blauweiß bemalte „Cessna“ mit lauten Motorgeräuschen und verschwand bald im Dunst der Wolken, die sich mehr und mehr ringsum über den Bergen aufbauten.
Ich war ein bisschen sauer, denn wir hatten uns vorher beim Flugleiter gemeldet. Er wollte seine Piloten fragen, ob von ihnen jemand Lust darauf hatte, mit uns eine Runde über Rinteln zu drehen. Aber offensichtlich war keiner mehr da. Der Mann hätte wenigstens Bescheid sagen können. Als ich noch einmal die Treppe hinaufstieg, um nachzufragen, war die mit einem Knauf versehene Eingangstür zu und ließ sich von außen nicht öffnen. Kurz entschlossen drehte ich mich um und forderte die Kinder auf, mir zum Auto zu folgen. Der Flug hätte dreiundneunzig Euro gekostet und es gab natürlich tausend andere Möglichkeiten, das Geld im Urlaub auszugeben ...
Da tauchte endlich die Abfahrt zum Flugplatz auf. Ich bog
von der Hauptstraße ab und fuhr zügig auf dem schmalen bi-tumierten Weg entlang. Diesmal würden wir nicht so lange warten. Heute Nachmittag lagen vierhundert Autobahnkilometer vor uns und ich wollte die verbleibende Zeit bis zur Heimfahrt keinesfalls sinnlos vergeuden.
Das Wetter war ja wirklich fantastisch. Ein paar Wolken hingen seidig glänzend am strahlend blauen Himmel und die Sicht schien sehr gut zu sein — nirgendwo gab es Dunstschleier. Ich parkte meinen Renault Twingo im Schatten des Hangars und betrat mit den Kindern das Fluggelände. Zwei Männer saßen auf der Veranda und unterhielten sich angeregt. Rechts auf der Wiese standen mehrere Motorflugzeuge — eine gelb weiß lackierte Maschine mit dem Kennzeichen D-EEIM, die irgendwann einmal in Frankreich gebaut worden war (ich hatte keine Ahnung, wie die Typenbezeichnung hieß) und dahinter blinkte im Sonnenlicht die bereits oben beschriebene „Cessna“ ...
Bei dem Anblick lachte das Fliegerherz in mir. Ob es heute funktioniert? Anna Lena war zwar schon in Verkehrsflugzeugen mitgeflogen, aber das hier würde für sie eine ganz neue Erfahrung sein. Mit Oliver hatte ich schon zwei Flüge in der Eisenhüttenstädter „Morane“ absolviert — er wusste deshalb, was gleich auf uns zukommen würde.
„Entschuldigen Sie bitte — wir möchten einen Gastflug machen.“
Der ältere Herr unterbrach das Gespräch, sah mich an und antwortete dann freundlich:
„Sie wissen, was das kostet?“
„Klar — ich habe hundert Euro im Portemonnaie .“
„Gut — willst du?“ Sein Gegenüber zögerte kurz:
„Na klar — von mir aus“ und stand auf. Ich übergab beide Geldscheine. Jetzt war die Sache perfekt. Es konnte losgehen. Vor der französischen „Motormühle“ blieben wir stehen und der Pilot meinte, dass wir mit diesem Flugzeug fliegen würden, weil es bereits ordnungsgemäß gecheckt war.
Ich half den Kindern beim Einsteigen und ermahnte sie, nicht auf die Landeklappe zu treten. Dann setzte ich mich auf den rechten vorderen Platz, schnallte Anna Lena, Oliver und mich selbst an und überprüfte gleich, ob die Gurte fest genug angezogen waren. Auch der Pilot stieg nun ein und startete mit einem Schlüssel die Zündung des Motors. Der sprang sofort an. Wir waren bereit und meldeten uns über Funk:
„Delta Mike rollt mit drei Fluggästen zur Startbahn elf.“ Vom Tower kam prompt die Bestätigung. Ein letzter Kon-trollblick — der Mann neben mir gab Gas und wir setzten uns in Bewegung. Die Kinder wirkten ein wenig angespannt. Angst? Und wenn schon — gleich würden wir in der Luft sein und alle irdischen Sorgen hinter uns lassen. In wenigen Minuten tauchen wir in das azurfarbene Blau der Atmosphäre und sind eins mit der Maschine, die uns hoch über die Berge zu den Wolken trägt ...
Wie oft hatte ich das schon im Segelflugzeug erlebt und es war jedes mal dasselbe: Sobald die „Kiste“ abhob, fühlte ich mich seltsam frei und unbeschwert glücklich wie ein Kind, dass gerade zum ersten Mal das vorher heiß begehrte Spielzeug in den Händen hielt.
Inzwischen erreichten wir die Startbahn und bewegten uns zum Endpunkt. Aus Sicherheitsgründen war vorgeschrieben, dass man die ganze Piste für den Abflug nutzte. Wenn der Motor versagte, musste genügend Rollfläche bleiben, um rechtzeitig zum Stehen zu kommen ...
„Oliver — schau mal. Die Funkfrequenz von Rinteln Info ist eingestellt. 122.92.“
Er nickte und sah weiter nach draußen. Wir drehten uns am Ende der Bahn in Startrichtung und der Pilot wandte sich nach hinten zu den Kindern.
„Was ist? Woll’n wir .?“
Beide nickten. Der Tower bestätigte die Erlaubnis zum Abheben. Volllast. Unser Motor brüllte auf und Anna Lena krümmte sich ein wenig zusammen. Nun fürchtete sie sich doch ... Eine Minute später flog die Maschine, das Kind beru-higte sich und wirkte dann noch etwas entspannter, als wir in einer Höhe von achthundert Fuß die erste Linkskurve einleiteten.
Jetzt nahm der Pilot die Leistung auf Dreiviertel zurück und wir sackten ein paar Meter ab. Es kribbelte zwei, drei Sekunden im Bauch und dann ging der Flug ganz normal weiter. Was für ein Panorama lag plötzlich vor uns: Die Weser schlängelte sich wie ein silbriges Band durch die Landschaft; dahinter standen dichtgedrängt viele Häuser und auf den beiden Brücken rollten Spielzeugautos hin und her. Wir flogen in Richtung Klippenturm, der einhundertachtzig Meter über der Stadt auf einem Berg thronte. Von dort hatte man den besten Ausblick über das ganze Tal, wenn die Wetterbedingungen so waren wie heute.
Der Pilot sprach mich an:
„Geh mal in die Seitenruderpedalen und halte das Flugzeug im Geradeausflug“.
Klar — warum nicht. Die „Kiste“ reagierte aufjede Bewegung, die ich nun mit dem Steuerknüppel machte. War das ein irres Gefühl. Der Mann neben mir hatte seine Hände auf die Schenkel gelegt und ließ mich einfach machen. Natürlich würde er sofort eingreifen, wenn es gefährlich wird.
Der Motor arbeitete mit gleichbleibender Leistung und schon nach wenigen Minuten wusste unser Pilot, dass dies nicht mein erster Flug war. Die Kinder beobachteten aufmerksam das Gelände.
„Papa — hinter dem Berg ist die A2“, riefOliver und ich nickte.
„Wir müssen jetzt links abkurven, sonst wird die Sicherheitshöhe unterschritten.“
Fast unter uns befand sich nun der von mir angesteuerte Turm und ich betätigte gleichzeitig den Knüppel und die Pedalen. Oh — was war das? Die Maschine hatte plötzlich zu viel Schräglage und „rutschte“ über den hängenden Flügel einige Meter in die Tiefe. Ich versuchte mit dem Querruder gegenzuhalten und atmete erleichtert auf, als sie sich „gehorsam“ in die Normalfluglage zurückdrehte. Der Pilot riet mir mit einem Lächeln auf den Lippen, bei der nächsten Kurve das Sei-tenruder nur kurz anzutippen. Das hier war eben doch kein Segelflugzeug ...
„Papa — guck mal nach rechts — da fliegt noch jemand herum.“
Stimmt, der Junge hatte recht. Etwa fünfhundert Meter von uns entfernt kurvte ein weiß lackierter Segler und versuchte, thermische Aufwinde auszunutzen. Was für ein schöner Anblick . Man konnte sehen, wie er immer weiter nach oben stieg. Herrlich — wir waren nicht allein unter den Wolken und mussten darauf achten, dass der Mindestabstand zwischen den Flugzeugen eingehalten wird.
„Kinder — wo ist der Flugplatz?“ fragte ich und beide zeigten in die richtige Richtung. Gut. Ein Pilot darf nie die Orientierung verlieren ...
Der Mann neben mir hatte inzwischen die Hände im Nacken verschränkt und sagte:
„Flieg wohin du willst.“
Unter uns lag die Stadt und wir flogen auf den Doktorsee zu. Jede Menge Boote schaukelten an den Anlegestellen.
„Da kann man auch Wasserski fahren“, meinte der Pilot und verfolgte mit aufmerksamen Blicken, wie ich die Maschine steuerte.
Ich wollte noch einmal das unterhalb des Klippenturmes liegende Bremer Landschulheim überfliegen und leitete deshalb eine Rechtskurve ein. Diesmal klappte es schon besser und die Maschine glitt butterweich durch die Luft. Wieder lag der Ort mit den vielen roten Dächern vor uns. Wenige Minuten später erreichten wir den ineinander verschachtelten Häuserkomplex und der Pilot schaute interessiert nach unten.
Bis heute wusste er gar nicht, dass es in Rinteln eine solche Einrichtung gab. Ob Ina in dem Augenblick wegen des Motorgeräusches nach oben sah und ahnte, dass wir in diesem Flugzeug saßen? Sie war bestimmt gerade dabei, Wäsche aufzuhängen. Ihre Schwester und deren Lebensgefährte arbeiteten dort seit mehreren Jahren als Herbergseltern und wir halfen den beiden jedes mal, wenn wir sie besuchten.
Sechsundneunzig Betten standen in den Gebäuden und da hatte man tatsächlich stets irgendetwas zu tun: Sauber machen, Essen kochen und Schäden reparieren. Es ging immer das eine oder andere Teil kaputt, wenn sich so viele Kinder im Haus aufhielten.
Die vereinbarte Viertelstunde lief gleich ab. Ich flog rechts an der Landebahn vorbei und ordnete mich dann in die Platzrunde ein. Der Pilot drosselte die Antriebsleistung und wir sanken mit einem Meter pro Sekunde nach unten. Am Ausgangspunkt (gedachte Linie vom Ende der Piste zum sogenannten „Gegenanflug“) meldete er uns zur Landung an und schaute skeptisch nach hinten, weil Anna Lena ein bisschen blass aussah.
„Hoffentlich hält sie durch?“
Ich beruhigte ihn. Das Mädchen verfügte genauso wie ihre Mutter über jede Menge Selbstbeherrschung. Sie würde sich zusammenreißen und erst am Boden fragen, wo es zu den Toiletten geht ...
Die letzten beiden Kurven durfte ich noch fliegen, dann übernahm der Mann neben mir das Steuer. Er fuhr die Klappen aus und setzte das Flugzeug sicher auf die Bahn. Die Erde hatte uns wieder und noch während des Ausrollens sah man den Kindern an, dass sie beide erleichtert waren. Das Abenteuer Flug war überstanden.
Vielleicht gelingt es mir irgendwann doch, Oliver so richtig für die Fliegerei zu begeistern? Jedenfalls konnten die Beiden ihren Freundinnen und Kumpels nun stolz erzählen, dass sie in einer echten „Motormühle“ mitfliegen durften ...
Auf der Rückfahrt in die Stadt fragte mein Sohn: „Du sag mal Papa — der Pilot hatte die ganze Zeit seine Hände im Nacken. Wer steuerte da eigentlich die Maschine?“ Ich zuckte leicht mit der Schulter und antwortete schmunzelnd: „Na ich ...“.
Eisenhüttenstadt, 22. 07. 2006
Als ich am 7. August 2006 früh nach der Nachtschicht zu Hause ankam, erwartete mich eine — ja, recht schöne — Überraschung. Lena mauzte wie immer, wenn wir uns begrüßten und wartete darauf, dass ihr Fressteller aufgefüllt wurde. Gleich würde sie sich über die frischen Fleischstücken hermachen, denn die letzte Mahlzeit gab es vor dreizehn Stunden ...
Aus diesem Grund öffnete ich sofort eine Tüte und verteilte die Leckerlies mit einem kleinen Löffel. Die Katze stand bereits neben mir und schaute zu ... Und dann passierte etwas, was doch sehr ungewöhnlich war. Sie schnupperte kurz, wandte sich dann aber vom Teller ab und verschwand hinter der Couch.
Nanu? Das Fischfleischmenu stand sonst ganz oben auf ihrem Speisezettel ... Plötzlich stieg so etwas wie eine Ahnung in mir hoch. Lena hat doch nicht etwa .? Ich zog die Jacke aus, holte die Tasse mit dem heißen Tee aus der Küche und setzte mich an den Wohnzimmertisch.
Zum ersten Mal fiel es mir auf, als wir Mitte Juli aus dem Urlaub zurückgekehrt waren. Eine Bekannte hatte während der sieben Tage ab und zu nach Lena geschaut, das Katzenklo gesäubert und dafür gesorgt, dass die Süße nicht am Hungertuch nagen musste. Das war einfach die beste Lösung: die Katze blieb in ihrem gewohnten Revier und hatte denselben Tagesablauf wie immer. Streunen, fressen und schlafen ...
Während des Osterfestes war sie zehn Tage bei einem Neffen von Ina und es gab jede Menge Probleme. Sie raste wie eine Irre in seinem Haus umher und versteckte sich. Fraß nur sehr wenig und war ständig gestresst, weil ihr die vertraute Umgebung fehlte.
Am Tag unserer Rückkehr saß ich in der Badewanne und genoss die Ruhe nach der langen Autofahrt. Lena lag bei mir auf dem gekachelten Rand und schnurrte leise, wenn ich sie streichelte.
„Mein Fräulein, du hast aber ganz schön zugelegt“, sagte ich zu ihr und war mir nicht sicher, ob ihr Miau „Na und ...“ heißen sollte . Tatsächlich: ihr Bauch war irgendwie dicker geworden, seitdem wir uns das letzte Mal gesehen hatten und ich dachte in dem Moment überhaupt nicht daran, dass es dafür vielleicht eine andere Ursache geben könnte, als das gute und besonders reichlich genossene Futter ...
Als Ina eine Woche später bei mir war und Lena sah, sagte sie sofort:
„Die Katze ist eindeutig schwanger .“
„Ach nee — ehrlich?“ Meine Freundin nickte ...
Und nun? Ich nippte am Tee und hörte ein leises Piepsen. Es klang so, als wenn jemand eine Gummiente zusammendrückte. Das Geräusch kam aus der Ecke hinter der Couch und stammte eindeutig nicht von Lena. Nach einigen Minuten tauchte die Katze wieder auf und lief zum Teller. Als sie die ersten Happen schluckte, beschloss ich einfach mal nachzuschauen.
Da lag ganz hinten tatsächlich irgendwas auf dem Teppichboden, aber ich konnte nicht erkennen, was es war. Langsam wurde mir klar, dass Lena ihren Nachwuchs bekommen hatte und in mir stieg ein leises Glücksgefühl auf. In dem Augenblick war mir völlig egal, welche Folgen das hatte und ich freute mich einfach. Die Babys mussten ja so lange bei der Mama bleiben, bis sie selber fressen konnten. Mit einem Lächeln dachte ich daran, was wohl Anna Lena und Oliver dazu sagen werden, wenn sie es erfahren ...
Ich hatte mir als Kind immer eine Katze als Spielkamerad gewünscht, doch dieser Traum ging leider erst voriges Jahr in Erfüllung, als Lena an meine Fensterscheibe „klopfte“ ...
Vor dem Einschlafen fiel mir ein, dass ich Ina fragen wollte, ob sie mir eine Taschenlampe borgen kann. Dann würde ich besser erkennen können, wie die Kleinen aussahen und vor allem, wie viele es waren. Wir sehen uns am Abend und meine Freundin würde bestimmt nicht nein sagen, wenn sie erfuhr, weshalb ich das Teil brauchte ...
Einige Tage nach der Geburt der Katzenbabys sagte ich zu Anna Lena, dass bei mir zu Hause eine Überraschung auf sie wartete. Das Mädchen begann zu raten, was es sein könnte, aber ein neuer Katzenbaum (wir hatten angedeutet, dass die Buchstaben K und B eine gewisse Rolle spielten) stand natürlich nicht in meiner Wohnung ...
Am Freitag war es dann so weit. Ich fuhr mit der Tochter meiner Freundin nach Polen, füllte dort den Tank voll und kaufte eine Stange Zigaretten. Auf dem Rückweg wollten wir bei mir vorbeischauen und das „Geheimnis“ lüften.
In der Wohnung war es still als wir ankamen und ich öffnete eine Futtertüte. Meine Vermutung war richtig — Lena kam aus ihrem Versteck heraus und wartete ein bisschen ungeduldig, bis die saftigen Fleischstücke auf dem Teller verteilt waren. Als sie fraß, sagte ich zu Anna Lena:
„Nimm mal die Taschenlampe und schau hinter der Couch nach — dort liegen ... sie“
„Wer?“
Das Kind kniete sich hin und als es sah, was da im Lichtkegel zu erkennen war, juchzte es laut auf. Die vier Babys hatten sich ineinander verknäult und lagen wie ein kleiner Wolleball ganz hinten in der Ecke. Hier und da lugte ein Katzenöhrchen hervor. Keines der Tiere reagierte auf die Helligkeit, denn sie waren ja noch blind und würden erst in einigen Tagen ihre Äugleinöffnen ...
„Solange sie gestillt werden, dürfen wir sie nicht anfassen, sonst kann es passieren, dass Lena den Nachwuchs verstößt ... und dann verhungern die Kleinen.“
Anna Lena nickte und fragte, ob sie das Telefon benutzen durfte. Na klar. Ich konnte mir denken, was sie wollte und schmunzelte, als die Nummer ihrer Mama im Display aufleuchtete. Zuerst sprach sie ganz begeistert in die Muschel und wurde dann leiser.
Zum Schluss nickte das Mädchen und schien sich damit abzufinden, dass Ina nicht streng aber doch bestimmt „Nein“ sagte und auch dabei blieb. Die beiden wohnten im sechsten Stock und so ein kleines Kätzchen würde dort wegen dem fehlenden Auslauf nur Unheil anrichten — Tapeten zerkratzen, Blumenvasen umwerfen und den teuren Teppich verschmutzen. Nein, das ging nicht und ich hatte im Moment auch keine Ahnung, wie es weitergehen sollte.
Irgendwann musste ich mir etwas einfallen lassen, denn fünf Katzen konnten — selbst wenn sie sich den ganzen Tag draußen aufhielten — keinesfalls in der Einraumwohnung bleiben. Sie würden sehr viel Fressen und das eine Katzenklo wäre jeden Tag mehr als vollge. Außerdem musste ich ja arbeiten gehen und hätte nur wenig Zeit, mich um die kleinen Racker zu kümmern ...
Schade, das Leuchten in Anna Lenas Augen hielt nur kurz an, weil sie keine andere Wahl hatte, als das „Nein“ zu akzeptieren. Aber vielleicht finde ich schon recht bald eine annehmbare Lösung?
Es gab da noch ein Problem. Lena war bisher daran gewöhnt, viele Stunden in der Natur zu verbringen. Manchmal, wenn ich zum Frühdienst musste, blieb sie einfach draußen bis ich wieder heimkehrte. Die Wohnung lag ebenerdig und es könnte jemand unbemerkt einsteigen, wenn ich das Fenster offen lasse ...
Während der ersten Tage blieb die Katze rund um die Uhr bei ihren „Kindern“ und verschwand höchstens mal für eine Minute nach draußen. Aber schon wenig später unternahm sie wieder längere Streifzüge und wollte sich dann sofort um ihre Babys kümmern ...
Ich hatte also irgendwie zu gewährleisten, dass sie in der Wohnung war, wenn ich längere Zeit weg musste. Mein Dienstherr würde sich bestimmt nicht damit abfinden, wenn ich nun öfters zu spät zur Arbeit kam und das damit begründete, dass die kleinen Kätzchen keinesfalls so lange allein bleiben durften ...
Da fiel mir ein Trick ein, der auch prompt funktionierte. Zehn Minuten bevor ich losfuhr, schloss ich das Fenster und Lena tauchte fast sofort von irgendwoher auf. Sie trommelte dann mit den Pfoten gegen die Scheibe und mauzte laut: „Lass mich rein — ich muss zu meine Kinder!“ Offensichtlich blieb sie immer in der Nähe, seitdem die Babys da waren ...
An dem Tag als Anna Lena zum ersten Mal die Katzenkinder sah, passierte noch etwas, dass mich zuerst ziemlich erschreckte. Abends schaute ich vor dem Schlafengehen mit der Taschenlampe nach, ob es den vier „Rackern“ gut ging und hätte beinahe das Gerät fallen gelassen.
Der Platz hinten in der Ecke zwischen Couch und Wand war leer ... Lena hatte ihre Kinder irgendwo anders hingeschafft. Nur wo? Und warum? Das Fenster war zu gewesen, als ich bei meinen beiden Mädchen zu Abend aß und wir — so wie immer — noch knapp zwei Stunden gemütlich beisammen saßen ...
Als ich mich an den Wohnzimmertisch setzte und fieberhaft nachdachte, piepste es und das Geräusch kam aus der Richtung, wo vorher die Katzenbabys lagen. Nanu? Hatte ich etwa Halluzinationen? Ich leuchtete die Ecke noch einmal aus, aber da war nichts. Jetzt quietschte es wieder und die Laute hörten sich so an, als wenn sie direkt in der Couch erzeugt wurden. An einer Stelle war am Rand der Begrenzungsstoff eingerissen und ich hielt die Funzel in den dadurch entstandenen Spalt.
Da waren sie. Lena muss durch diese Öffnung gekrochen sein und hat ihre Kleinen wie in einer sicheren Höhle im In-neren des Möbelstückes abgelegt. Alle vier. Und die Mama saß dahinter und blinzelte mit den grünen Augen, weil sie der Lichtstrahl blendete ...
Sie mauzte laut und das hörte sich so an wie: „Bitte lass uns jetzt in Ruhe, wir wollen hier wirklich ungestört sein .“ Augenblicklich machte ich das Licht aus und zog mich diskret zurück. Offensichtlich gab es nur eine Erklärung für dieses Verhalten: die Katze brachte ihren Nachwuchs in ein besseres Versteck, weil Anna Lena da gewesen war. Das Mädchen hielt sich nicht so oft in meiner Wohnung auf...
Zwar ließ sich Lena inzwischen von ihr streicheln und fauchte auch nicht mehr wie am Anfang, aber nur mir vertraute sie wohl hundertprozentig. Was eigentlich kein Wunder war, denn wir beide verbrachten bisher die meiste Zeit miteinander und ich kümmerte mich immer darum, dass die Katze nicht mit einem knurrenden Magen herumlief ...
Auch wenn ich später mit der Lampe in die „Höhle“ leuchtete, mauzte Lena protestierend, oder sie sprang auf mich zu und versuchte mit dem Kopf den Lichtstrahl wegzudrücken. Das sah mitunter richtig putzig aus und ich fragte mich, warum sie nicht ihre Pfoten benutzte — wie auch immer; die Katze wollte wohl, dass ihr Nachwuchs im Dunkeln verborgen blieb und ich nahm mir vor, höchstens noch ein oder maximal zwei Mal am Tag nachzuschauen, ob es den Babys gut ging. Am besten eignete sich dafür die Zeit, wenn Lena draußen war und in den Sträuchern umherschlich ...
24. August. Vormittag. Ich bin gerade um 20.53 Ortszeit mit einer Iljuschin 62 auf der Bahn 7 rechts des Flughafens Berlin-Schönefeld gelandet. Dies war nicht meine beste Landung, aber man brauchte auch viel Übung, um so eine große Maschine mitten in der Nacht ganz sauber und „von Hand“ runterzubringen ... Früh kurz vor sechs Uhr fand der Start in Rio de Jainero statt und die Reise dauerte fast elf Stunden. Bloß gut, dass der Simulator auch im Zeitraffer betrieben werden konnte, sonst hätte ich tatsächlich so lange vor dem Com-puter gesessen. Aber das ging ja nicht, weil ich heute noch am Nachmittag arbeiten musste ...
Gestern nachtsaß ich mit einer Flasche Bier am Wohnzimmertisch und genoss die Stille um mich herum. Die Stubenbeleuchtung war aus und nur zwei Straßenlaternen spendeten etwas Licht, so dass ich die Möbel und den Fernseher vor mir erkennen konnte. So verbrachte ich oft die letzte Stunde bis es Zeit wurde, Schlafen zu gehen. Vor meinen Augen lief dann meist der vergangene Tag noch einmal ab ...
Der Spätdienst war ohne Besonderheiten zu Ende gegangen und ich dachte mit einem Lächeln auf den Lippen daran, dass wir am Sonnabend alle wieder zusammensein würden. Ina, Anna Lena, Oliver und ich ...
Hinter der Couch raschelte es und ich nahm undeutlich wahr, dass Lena ihre Höhle verließ. Neuerdings legte sie sich immer vor den Eingang und es sah tatsächlich so aus, als wenn die Katze Wache hielt. Niemand durfte ihren Babys zu Nahe kommen. Das Tier miaute leise und schnurrte, deshalb griff ich nach der Taschenlampe und richtete den Strahl dahin, wo die Geräusche herkamen. Schnell wurde mir klar, warum Lena laufend mauzte.
Sie war nicht allein. Eines ihrer Kinder tapste unbeholfen aufdem Teppich herum und schien nicht zu wissen, wo es hinlaufen sollte. Die Kleine hatte beide Augen offen und sah schon wie eine richtige Katze aus. So winzig und doch fast perfekt. Mit Schwänzchen und vier Pfoten, die anscheinend noch Mühe hatten, das eigene Gewicht zu tragen. Lena achtete darauf, dass das Baby in ihrer unmittelbaren Nähe blieb und packte es nach einer Minute vorsichtig — ja fast zärtlich — mit den Zähnen am Nacken. Dann trug sie das Kleine zurück in den „Bau“ und setzte sich anschließend wieder auf ihren Platz. Während dieser Szene hatte ich plötzlich eine Idee und mich durchrieselte es warm. Ja — so könnte es tatsächlich funktionieren. Nichts ist schöner als leuchtende Kinderaugen ...
26. August. Am Nachmittag. Seit gestern nacht sind alle vier Katzenbabys draußen und erobern mit schwankenden Schritten Stück für Stück das Wohnzimmer. Meine beiden Kinder spielen im Moment auf der Wiese vor dem Haus. Nun ist es entschieden. Sie haben vorhin jeder für sich eines der niedlichen Kleinen ausgesucht und augenblicklich in ihr Herz geschlossen. Jonny gehört ab sofort Oliver und Tabby wird später mal — wenn Anna Lena eine eigene Bleibe hat — zu ihr ziehen. In neun oder zehn Jahren ...
Und wo bleibt der Rest des „Rackerclans“? Entweder finden sich Interessenten im Bekanntenkreis oder ich bringe irgendwann die zwei Kätzchen ins Tierheim.
Außerdem muss Lena in einigen Wochen sterilisiert werden — spätestens dann, wenn sie den Nachwuchs nicht mehr stillt ... Warum? Sie soll weiterhin die Freiheit genießen und draußen herumstreunen können. Und ihre Babys erkunden bald mit der Mama die schöne große Welt ...
Eigentlich besteht das ganze Leben aus Kompromissen. Der geplante Eingriff ist zwar keinesfalls natürlich, aber das Füttern gehört ja auch nicht zu den normalen Abläufen in der freien Wildbahn, oder? Lena wird ihren Preis dafür zahlen müssen, wenn sie bei mir bleiben will und dasselbe gilt dann auch für Jonny und Tabby.
Eisenhüttenstadt, 26. 08. 2006
Schade, einen Monat nach der Geburt starben alle vier Katzenbabys in nur zwei Tagen. Offensichtlich hatte Lena von draußen Würmer eingeschleppt, die einem erwachsenen Tier nicht gefährlich werden konnten. Anna Lena und Oliver halfen mir bei der Beerdigung der Kleinen ...
Am 26. April 2007 war es wieder so weit. Als ich mittags nach Hause kam, piepste es hinter der Couch und ich wusste sofort, dass Lena erneut Nachwuchs bekommen hatte. Die kleinen Aprilkätzchen waren da.
27. Mai 2007. 15.00 Uhr. Ich muss in zwei Stunden zur nächsten langen Nachtschicht fahren. Die neue Katzenfamilie streift ungeniert durch meine Wohnung. Drei süße Babys erkunden neugierig und mit noch immer unbeholfenen Schrittchen auf ihren vier Pfoten alles, was beschnuppert und angeschaut werden kann. Manchmal kitzeln sie mich an den Füßen, wenn ich am Tisch sitze und esse oder mir eine Sendung im Fernseher anschaue. Oliver hat sich noch nicht entschieden ...
28. Juni 2007. 11.30 Uhr. Vor einigen Wochen lag eines der Babys tot in der Küche, als ich früh nach der Nachtschicht zu Hause ankam ... Schade. Das Kleine hatte sich vorher schon abgesondert und schien gesundheitliche Probleme zu haben. Die anderen Beiden haben sich inzwischen prächtig entwickelt, fressen Trockenfutter und toben in der Wohnung herum.
„Graunäschen“ fiel heute vom Fensterbrett nach draußen und versuchte dann vergeblich, zurückzukommen. Es mauzte kläglich und sprang immer wieder hoch, doch die Abdeckung war zu glatt, so dass das Tier abrutschte und im Gras landete. Lena rannte unruhig hin und her. Offensichtlich konnte sie ihrem Kind nicht helfen. Ich ging dann vor die Haustür und trug den kleinen Racker in die Wohnung. Dessen Herz puckerte wie wild. Kurze Zeit später jammerte „Weißnäschen“ und musste auch gerettet werden ... In vier Monaten wissen wir, welches Geschlecht sie haben. Man kann schließlich einen Kater nicht „Molly“ nennen, oder?
05. Juli 2007. Gestern nacht war die Katzenfamilie draußen unterwegs. Als ich heute früh aufstand, saß Lena auf dem Fensterbrett und miaute:
„Lass uns wieder rein, Alter.“
Auch die „Purzelchen“ haben nun keine Probleme mehr, selbstständig in die Wohnung zu kommen. Sie springen aus dem Stand ein Meter hoch. In der Nachbarschaft ist man inzwischen auch aufmerksam geworden und vor allem Kinder bleiben öfter stehen, um die Babykatzen zu sehen ...
24. Juli 2007. Die kleinen Kater (Vater sah das Bild und wusste sofort, dass es zwei Männchen waren) haben inzwischen einen Namen. Oliver möchte, dass alle drei zusammenbleiben: Lena; Rocky und der putzige Weißnasensherry ...
Lena wird im August sterilisiert und darf dann weiter mit ihren Jungen (die nun nicht mehr gestillt werden und ganz normales Futter bekommen) draußen herumstromern ...
5. August 2007. Seit einer Woche sind meine Katerchen verschwunden. Warum? Schon mehrere Tage vorher fauchte Lena, wenn einer ihrer „Söhne“ auftauchte und in die Wohnung springen wollte. Offensichtlich hatten sich — von der Natur so vorprogrammiert — die „Familienbande“ inzwischen ganz aufgelöst und der Nachwuchs musste nun allein klarkommen. Doch da mache ich mir keine Sorgen. Die vielen Kinder in der näheren Umgebung haben beide Jungtiere längst in ihr Herz geschlossen. Irgendwo sitzen sie satt und zufrieden im Trockenen und lassen sich von einem neuen „Frauchen“ oder „Herrchen“ verwöhnen. Wenn es nicht so wäre, hätten sie schon nach kurzer Zeit mit knurrenden Mägen an mein Fenster geklopft ...
21. August 2007. Lena darf nicht mehr in die Wohnung, denn sie hat mir Flöhe eingeschleppt. Erst nach intensiven Sprühmaßnahmen bekam ich den Ungezieferbefall in den Griff und habe nun keine Lust mehr darauf, irgendwann erneut so einen Aufwand betreiben zu müssen. Außerdem scheint die Katze schon wieder trächtig zu sein. Sie erhält das Fressen auf dem Fensterbrett und muss ihre Jungen ab jetzt irgendwo da draußen zur Welt bringen ...
Als ich Anfang Juli 2008 aus der Wohnung zog, saß Lena auf dem Fensterbrett und mauzte kläglich. Leider konnte ich sie nicht mitnehmen. Sie war ihr Revier gewohnt und in dem Haus, das für kurze Zeit meine neue Bleibe werden sollte, lebten bereits zwei kastrierte Rassekater. Das wäre aufjeden Fall nicht gut gegangen ...
Im Oktober tauchte die Katze einige Tage vor der Schlüsselabgabe draußen auf, schaute mich an und verschwand dann wieder im Gestrüpp. Das war unsere letzte Begegnung ...
25. 10. 2006. 0.18 Uhr. Ina und Anna Lena sind in ihrem Schlafwagenabteil und ich sitze zwei Waggons weiter vorn auf einem normalen Platz zweiter Klasse. Es kann losgehen. Wir stehen im Bahnhof Frankfurt/Oder und warten auf das Abfahrsignal. Im Moment läuft wohl noch die Grenzkontrolle, da der „Euro Night“ — aus Warschau kommend — hier ganz in der Nähe das deutsche Hoheitsgebiet erreicht hat.
0.28 Uhr. Der Zug rollt endlich los in die Nacht. Richtung Berlin. Mit zehn Minuten Verspätung, die der Lokführer wahrscheinlich schnell wieder herausholt, bevor er irgendwann heute Nachmittag oder abends in Basel angekommen sein wird. Ich schließe die Augen und muss an meinen Artikel denken, der am 22. April diesen Jahres imOderlandspiegelerschienen ist:
Sich in der Öffentlichkeit outen
Hallo, liebe Landsleute, ich wende mich heute an Euch, weil mir doch ein paar Sachen ganz schön zu schaffen machen. Als Beamter — wartet bitte mal ein paar Sekunden mit den Buh Rufen — im Justizvollzug gehöre ich wohl doch zur bürgerlichen Schicht.
Alle, die jetzt mit Neidgefühlen zu kämpfen haben, lade ich herzlichst ein, doch einfach eine Woche mit mir zu tauschen. Zu bieten habe ich jeden Tag acht Stunden Dienst, einhundertdreißig Kilometer Fahrt zur Arbeit und zurück; äußerst aggressive Gefangene; Insassen, die von der Straße weg geholt worden sind und völlig verdreckt im Delirium in ihren Zellen liegen und lebensmüde HIV-Infizierte...
Seit fünfzehn Jahren gilt auch für uns Ostdeutsche das so genannte Grundgesetz und da heißt es, dass alle Leute gleichbehandelt werden sollen. Auch die Kinder. Und hier bekomme ich die ersten Bauchschmerzen ...
Warum? Eine gute Bekannte erhält als alleinerziehende Mutter Hartz IV und muss sich das Kindergeld als Einkommen anrechnen lassen. In ihrem Fall geht man sogar so weit, dass die minderjährige schulpflichtige Tochter rein theoretisch Unterhalt an die liebe Mama abzuführen hat, weil sie zu viel Knete vom leiblichen Vater erhält (der den gesetzlich vorgeschriebenen Betrag zahlt). Wahnsinn. Der Mutter werden acht Euro vom zustehenden Mindestbetrag abgezogen und da fragt man sich schon, ob das tatsächlich vom Gesetzgeber so gewollt ist. Die Kollegen Beamten berufen sich auf die Vorschriften und zucken lächelnd mit den Schultern. Da können wir eben nichts machen, sagen sie. Außerdem kann meine Bekannte ja Widerspruch einlegen. Na klar, das hat sie bereits vor einem Jahr getan und Insider wissen, dass der Hartz IV-Antrag alle sechs Monate neu gestellt werden muss ...
Nun fragt sich vielleicht jeder, warum mich so was bedrückt. Stimmt. Aber es gibt tatsächlich einen Zusammenhang: Als halbglücklich geschiedener Mann (der inzwischen eine neue Partnerin hat und jeden Monat fast fünfhundert Euro für den Sohn und die Ex aufbringen muss) wundert es mich schon, warum bei der Ehegattenunterhaltsberechnung das Kindergeld überhaupt nicht berücksichtigt wurde. Zumindest die Hälfte des Betrages hätte der Ex als Einkommen zugerechnet werden müssen. So viel zum Thema Gleichbehandlung.
Zum Schluss möchte ich noch einen Vorschlag machen: Man könnte doch jeden Hartz IV-Empfänger dazu verpflichten, sich in der Öffentlichkeit als Bedürftiger zu outen. Wie wäre es zum Beispiel damit: Diese Menschen tragen ab sofort einen rosafarbenen Stern auf der linken Brust? Einen Stern? Die Älteren von uns können sich bestimmt noch erinnern. So was gab es schon mal in Deutschland. Das hätte mehrere Vorteile. Man würde sofort die „Schmarotzer im Nadelstreifenanzug“ erkennen und jeder berufstätige Alleinstehende, der auf Partnersuche ist, wüsste gleich Bescheid.
Drei Tage nach der Veröffentlichung stellte mir ein Vertreter meines Dienstherren zwei Fragen, die ich so schnell wie möglich schriftlich beantworten sollte:
1. Wie kommen Sie dazu bzw. aus welchen Beweggründen stellen Sie die Situation im Strafvollzug so negativ dar.
Meine Antwort darauf lautete:
Allgemein ist bekannt, dass das Berufsbeamtentum in Deutschland derzeitig nicht das Ansehen genießt, dass es eigentlich haben sollte. Dazu trägt selbstverständlich bei, dass Presse und Rundfunk jede Gelegenheit nutzen, den Beamten als dumm und faul darzustellen. Möglicherweise liegt das auch daran, dass es im Lande immer noch wirtschaftlich bergab geht. So kommt bei denen, die schon lange arbeitslos sind oder ihr weniges Geld schwer verdienen müssen auch Neid auf: „Die liegen den ganzen Tag auf der faulen Haut und kriegen am Monatsanfang jede Menge Kohle für’s Nichtstun ...“
Doch nicht jeder Beamte verdient sein Geld tatsächlich im Schlaf. Deshalb machte ich in dem Artikel den Vorschlag, doch einfach mal eine Woche mit mir zu tauschen, Natürlich sind nicht alle Gefangenen äußerst aggressiv oder kommen völlig verdreckt im Gefängnis an und liegen dann im Delirium in ihren Zellen. Aber so was passiert. Ab und zu haben wir Gefangene, die randalieren oder so eingeliefert werden, wie es im Artikel beschrieben worden ist. Und wer mit mir tauscht, muss damit rechnen, dass er auch mit solchen Insassen zu tun haben könnte. Deshalb erfolgte die Aufzählung und es ist für mich nicht erkennbar, inwiefern der Vollzug als Behörde allein durch diese kurze Darstellung herabgewürdigt worden sein könnte. Außerdem geht es in dem Schreiben nicht um die Zustände im Gefängnis, sondern darum, wie Hartz IV-Empfänger behandelt werden.
Und:
2. Wie ist der von Ihnen gemachte Vorschlag zur Kennzeichnung von Hartz IV Empfängern zu verstehen?
Es gibt in Deutschland inzwischen wieder eine Bevölkerungsschicht, die mehr und mehr gesellschaftlich völlig ausgegrenzt wird. Hierbei handelt es sich um tatsächlich bedürftige Hartz IV Empfänger, die auf dem Arbeitsmarkt aufgrund ihres Alters einfach chancenlos sind. Die-
senMenschen wird — und das ist in dem Brief beschrieben — das Einkommen gekürzt, wo es (entsprechend den geltenden Gesetzen) nur geht, während andere Leute Unterstützung erhalten, obwohl sie gar nicht bedürftig sind. Wie sonst kann man sich erklären, dass Hartz IV dem Staat viel mehr kostet, als vorher errechnet worden ist. Der Vorschlag, diese Leute zu kennzeichnen, ist natürlich nicht ernst gemeint. Mirgeht es darum, die Öffentlichkeit wachzurütteln. Deshalb habe ich den satirisch gemeinten Vergleich gewählt. Ein rosafarbener Stern ist nicht gelb und die „Kennzeichnungspflicht“ würde mit einem Schlag auch diejenigen entlarven, die trotz fehlender Bedürftigkeit Stütze kassieren. Inwiefern ich als Angehöriger des öffentlichen Dienstes mich aus dem politischen Geschehen herauszuhalten habe, ist mir nicht bekannt. Mich beschäftigt nur die Frage, ob wirklich der Ruf des Vollzugsbeamten beschädigt wird, wenn man sich für Leute einsetzt, die nicht zu den Gewinnern der Gesellschaft gehören.
Am 09. Juni 2006 erhielt meine gute Bekannte einen sogenannten Abhilfebescheid. In diesem teilte man ihr mit, dass das Kind natürlich keinen Unterhalt entrichten muss. Das deshalb zu wenig gezahlte Geld überwies man rückwirkend für fünfzehn Monate. Sieben Tage später informierte mich ein Vertreter meines Dienstherren darüber, dass das (wegen dem Artikel) gegen mich eingeleitete Vorermittlungsverfahren eingestellt worden sei ...
01.20 Uhr. Berlin Ostbahnhof. Es ist faszinierend, wenn man mit ausgeschalteter Innenbeleuchtung durch die Nacht rast. Ab und zu blitzt es blau von der Fahrleitung herunter und so taucht die schnell vorbeihuschende Landschaft wie bei Fotoaufnahmen für Sekundenbruchteile vor den Augen auf und verschwindet auch sofort wieder im tiefdunklen Brei der pechschwarzen Nacht. Totale Finsternis um einem herum. Nur ein paar rote Pünktchen leuchten mehrere Sitzreihen vor mir und signalisieren, dass irgendwelche Geräte arbeiten oder betriebsbereit sind.
Das leise Sirren der Räder. Ab und zu ächzt der Waggon und wird mit kurzen, ruckartigen Bewegungen auf den stählernen Schienenstrang zurückgezwungen. Da muss man entweder tief schlafen oder gelassen nach draußen schauen, um keine Panik zu bekommen ... Rings um mich herum schnarchen die Leute (mit polnischem Akzent), doch mir macht es nichts aus, um diese Zeit wach zu sein. Als Schichtarbeiter bin ich Nachtdienste gewohnt ...
Gerade eben „fliegt“ der Bahnhof „Potsdam-Babelsberg“ am Fenster vorbei und sofort ist die Erinnerung da — an meine Zeit als Angehöriger des Grenzregiment 44 von 1979 bis 82: „Kompanie stillgestanden! Achtung, präsentiert das Gewehr! Ich befehle den Einsatz der zweiten Grenzkompanie zur Sicherung der Staatsgrenze der Deutschen Demokratischen Republik zu Westberlin am 28. April von sechs Uhr bis zur Ablösung mit folgender Aufgabe: Grenzdurchbrüche in beiden Richtungen nicht zuzulassen; Grenzverletzer festzunehmen oder notwendigen Falls zu vernichten; die Ausdehnungen von Provokationen auf das Hoheitsgebiet der DDR zu verhindern sowie die Ordnung und Sicherheit im Grenzgebiet unter allen Lagebedingungen zu gewährleisten. Rührt euch! Militärkraftfahrer/Nutzer vortreten zur Belehrung!“ Gott sei Dank — unser Abschnitt Kleinmachnow-Zehlendorf; Dreilinden und Babelsberger Park am Ufer des Grieb-nitzsee
