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Josephine Cunningham

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Beschreibung

Johanna Brunner lebt in einem schönen kleinen Städtchen zusammen mit ihrem Mann Christoph und ihrer Tochter Sofia. Kurz vor Ostern überrascht Johanna ihren Mann in einer eindeutigen Zweideutigkeit und nicht nur das. Von einem Tag auf den anderen gestaltet sich ihr Leben um. Wie soll es nach einem solchen Vertrauensmissbrauch weitergehen?

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20

 

 

Midlife

 

Josephine E. Cunningham

 

 

 

 

Buchbeschreibung:

Johanna Brunner lebt in einem schönen kleinen Städtchen zusammen mit ihrem Mann Christoph und ihrer Tochter Sofia. Kurz vor Ostern überrascht Johanna ihren Mann in einer eindeutigen Zweideutigkeit und nicht nur das.

Von einem Tag auf den anderen gestaltet sich ihr Leben um.

Wie soll es nach einem solchen Vertrauensmissbrauch weitergehen?

 

 

Über den Autor:

Josephine E. Cunningham lebt derzeit in Deutschland und liebt Dekorationen, Kochen, Lesen, Schreiben und Weihnachten.

Ein Weihnachtsroman ist in Arbeit.

 

Midlife

 

 

 

Josephine E. Cunningham

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1. Auflage, 2020

©Josephine E. Cunningham 2020 Alle Rechte vorbehalten.

Josephine E. Cunningham

C/O AutorenService.de

Birkenallee 24

36037 Fulda

 

 

 

 

Kapitel 1

Johanna besah sich den Bilderrahmen auf ihrem Schreibtisch. Da waren sie. Ihr Mann Christoph, ihre Tochter Sofia und sie bei ihren letzten gemeinsamen Ferien. Doch die Tage am maledivischen Sandstrand, mit Schnorchelausflügen und warmer Sonne hatten lange vorgehalten. Sie sehnte sich wieder nach ein paar Tagen ungestörter gemeinsamer Zeit. Christoph arbeitete so viel. Sie seufzte. Vor dem Fenster schien die Sonne und Ostern stand vor der Tür. So ein herrlicher Tag und sie starrte auf den Terminkalender und überflog die eingehenden Mails. Sie wollte weg, einfach fort, auf die Malediven oder ihretwegen auch zu ihren Eltern in die deutsche Kleinstadt, doch statt dessen hatten sie und Christoph die letzten Monate im Arbeitsrausch verbracht. Als Johanna und Christoph zusammen kamen, war das Geschäft, eine Fahrschule, noch klein. Ein Ein-Mann-Unternehmen, das gerade genug abwarf, um die laufenden Kosten zu decken. Nicht die Rede davon Urlaub machen zu können. Aber das hatte die beiden Frischverliebten nicht gestört und es wäre noch heute so. Nachdem Johanna aber das Büro übernommen hatte, schien es, als liefe es von selbst. Sie konnte sich auf die Aufträge und die Finanzen kümmern und Christoph war nur für die Fahrten und Schützlinge zuständig. Er brauchte sich nicht auch noch abends um die Abrechnung zu kümmern. Zusammen haben sie das Geschäft zum Laufen gebracht.

Erst an diesem Morgen hatte Christoph sie mit Küssen geweckt.

»Was würde ich ohne dich machen?«, brachte er zwischen zwei Küssen heraus.

»Einsam und verlassen eingehen«, gab Johanna kichernd zurück. Ein leidenschaftlich langer Kuss folgte.

»Hast du noch nicht genug? Es ist fünf Uhr morgens.«

»Von dir bekomme ich nie genug«, hauchte er auf ihr Schlüsselbein, was sofort eine Gänsehaut hervorrief.

Sie schmiegte sich enger an ihn. Nein, sie bekam auch nie genug von ihm. Vom ersten Tag an trug er sie auf Händen. Johanna fühlte sich immer wieder glücklich. Viele ihrer Freundinnen hatten bereits eine Scheidung hinter sich oder lebten in Trennung. Nach neunzehn Jahren hatte sie und Christoph es aber geschafft, die Flamme der Leidenschaft aufrecht zu erhalten. Wenn es der Terminplan hergab, kochten sie gemeinsam, hatten eine regelmäßige Datenight, zu der er sie regelmäßig ins Kino oder ins Restaurant ausführte.

Johannas Eltern konnten Christoph nicht leiden. Als Einzelkind hatten ihre Eltern andere Pläne mit ihr gehabt, als dass sie für einen simplen Fahrlehrer in einer Kleinstadt die Büroarbeit machte. Das Verhältnis war so angespannt, dass es nur maximal einmal im Jahr zu einem Besuch kam, wobei ihre Eltern es sich nehmen ließen nach der »Kugel« zu fragen, anspielend auf Christophs runden Kopf, wobei es eher ein leichter Eierkopf war, wie bei Hercule Poirot, dachte Johanna. Die Melchors mochten den Eierkopf nicht und nach einem großen Kracht als Sofia noch klein war, hatte sie das angespannte Verhältnis auf ein Mindesmaß abgekühlt. Sie hatten es Johanna nie verziehen wieder zurückgegangen zu sein.

Doch, vielleicht auch zum Trotz, schafften Christoph und Johanna den Spagat zwischen Ehe und gemeinsamer Firma hervorragend.

Jede freie Minute verbrachten sie zudem noch zusammen und mit ihrer Tochter. Immer wenn Freundinnen sich über ihren Mann beklagten, konnte Johanna nur staunen. Christoph half im Haushalt, zumindest bis die Aufträge zuviel wurden. Er half bei den Schularbeiten und immer wieder brachte er ihr einen Strauß Blumen. Einfach mal so, wie er sagte. Nie versäumte er es, ihr für die Arbeit zu danken, die sie leistete. Natürlich gab es auch angespannte Tage und auch Wochen in denen nicht immer alles eitel Sonnenschein war. Doch das waren Ausnahmen.

Die letzten Jahre waren anstrengender geworden und die Auftragslage war hervorragend.

Deswegen sahen sie sich weniger. Termine wurden bis in den Abend hinein vergeben. Nachtfahrten waren im Sommer natürlich recht spät, im Winter kam er daher früher heim und in diesem Jahr schienen Nachtfahrten sehr gefragt. Johanna wollte Christoph öfter wieder zuhause haben. Sie schaute in den Kalender. Heute würde er früher zuhause sein. Sie hatte gerade noch Zeit etwas Besonderes zu kochen. Sie suchte im Internet nach einem Rezept und beschloss, das Büro für heute zu schließen. Sie hing ein entsprechendes Schild an die Tür. Laufkundschaft war eher die Ausnahme und Termine im Büro waren wochenlang vorher geplant.

Das Wetter war zu verlockend. Vielleicht könnten sie heute zusammen auf der Terasse grillen und den Abend so romantisch ausklingen lassen, wie er um fünf Uhr früh begonnen hatte. Bei der Erinnerung überzog eine leichte Röte ihre Wangen und sie lächelte seelig in sich hinein.

Es war sonnig und warm an diesem Frühlingstag. Johanna Brunner kam eben aus der Bäckerei mit den vollbepackten Einkaufstaschen. Es sollten ein paar schöne gemeinsame Tage während der Osterferien werden.

Endlich einmal etwas mehr Zeit nach den trüben Wochen, mit immerwährenden Aufträgen und kaum Familienleben.

Langsam lief sie die ansteigende Straße hinauf zum Wohnhaus. Eigentlich hätte sie erst um siebzehn Uhr zuhause sein sollen. Aber bei diesem bezaubernden, sonnigen Tag, an dem die Vögel sangen, unbekümmerte Kinder mit ihren Eltern aufgeregt zum Eiswagen an der Ecke der Brauereistraße liefen, um eine Portion Vanille- oder Schokoeis zu schlecken – da musste sie einfach früher nach Hause. Auf dem Heimweg erledigte sie gleich den ersten Teil der Wochenendeinkäufe. Dann hätte sie mehr Zeit mit der Familie und um ihre beiden Liebsten zu verwöhnen.

Die Sonnenstrahlen verwöhnten ihre Haut. Sie genoss diese wohltuende Wärme.

Seit neunzehn Jahren waren sie und Christoph ein Paar, lebten und arbeiteten zusammen. Seit Sofias Geburt war Johanna in der Firma ihres Mannes als Bürokraft angestellt. Anfangs war es sehr schwer gewesen. Zu Beginn waren es wenige Aufträge, aber in den letzten Jahren war die Firma immer erfolgreicher geworden und die Stunden im Büro immer länger. Die Angebote und Rechnungen zu schreiben und zu prüfen und die Bestellungen, das Catering und die Kundenbetreuung verschlangen immer mehr Zeit. Dazu kam, dass Christoph immerfort unterwegs war und meist spät abends heimkam.

Er hatte ein Händchen mit den jungen Leuten, die in die Fahrschule kamen. Er gefiel und er kam durch seinen jugendlichen Charme und seine lockere Art gut bei ihnen an. Es sprach sich herum und nun sah seine Familie ihn eigentlich nicht mehr wirklich viel. Vor einem Jahr hatten sie einen weiteren Fahrlehrer angestellt, der Christoph unterstützen sollte. Falk Budniok war elf Jahre jünger als Christoph. Er wirkte erwachsener und stiller als ihr Mann. Falk war ein angenehmer und umgänglicher Bursche mit einer Engelsgeduld. Mit seinen dunkelblonden Haaren und grauen Augen, der randlosen Brille und seiner korrekten, legeren Kleidung wirkte er vertrauenswürdig, zuverlässig und seriös. Er kam aber eher bei den reiferen Damen an, da er durch seine ausgeglichene Art die Ängste der meisten Kundinnen abnahm. Falk war der nette Junge, den die Erwachsenen mochten, aber auch der in der Klasse, mit dem niemand was zu tun haben wollte.

Sie war schon fast am Wohnhaus angekommen. Ein moderner Neubau, weißgetüncht, mit einer ausladenden Dachterrasse. Jeder Mieter hatte einen Balkon. Durch die gute Auftragslage hatten sie sich die Dachwohnung leisten können. Im Sommer saßen Johanna und Christoph gern mit einem Glas Wein am Abend zusammen, wenn er mal rechtzeitig zuhause war, und lauschten dem letzten Vogelgezwitscher. Auch wenn das Haus an einer gut frequentierten Straße lag, konnte man abends und an den Feiertagen eine gewisse Ruhe genießen. Im Augenwinkel nahm sie einen Gegenstand wahr, konnte ihn aber in ihrem Gehirn nicht weiterverarbeiten, da soeben Frau Krüger aus der Wohnung unter ihnen aus der Haustür kam. Deren Dackel Poldi sprang Johanna mit freudigem Schwanzwedeln entgegen.

«Ach Johanna, warum schleppen Sie denn den Einkauf, wo Sie doch ein Auto haben?»

Poldi schnupperte gierig an den Taschen.

«Guten Tag Frau Krüger. Wissen Sie, es ist doch so ein schöner Tag und da habe ich gedacht, ich mache mal früher Feierabend und da kommt man eben bei den Geschäften vorbei und lässt sich leicht verführen.» Johanna lächelte Frau Krüger mit ihrer offenen, freundlichen Art an.

«Aber Sie sollten Ihren Mann mehr mit einbinden.» Verschwörerisch neigte Frau Krüger den Kopf nach vorn und fuhr halb flüsternd fort. «Männer darf man nicht zu sehr verwöhnen. Das danken sie einem nämlich nicht. Ihr Mann ruht sich ganz schön auf Ihre Kosten aus!» Ein verächtliches Schnauben war zu hören.

«Danke Frau Krüger, Sie sind immer so freundlich, auf mich aufzupassen. Aber Christoph arbeitet eben sehr viel und da kann ich ihm doch nicht noch den Einkauf aufbürden!» Sie versuchte an der kleinen, neugierigen Nachbarin vorbeizukommen.

«Na ja, in letzter Zeit ist er doch öfter mal zwischendurch zu Hause gewesen, da hätte er doch den Einkauf mitnehmen können!» Ihre Abneigung gegen den Mann der jungen Nachbarin konnte die gute Seele des Hauses nicht länger zurückhalten.

Poldi zerrte an der Leine und Frau Krüger konnte sich nicht weiter mit Johanna unterhalten.

«Ach, Poldi. Zerr doch nicht so, ich komme ja schon. Immer diese Männer. Männliche Hunde sind da keine Ausnahme! Johanna, Sie sind einfach ein guter Mensch. Kommen Sie doch wieder einmal zum Kaffee herüber.»

Johanna versprach, bald wieder einen Nachmittag mit Frau Krüger zu verbringen, und nahm den Hausschlüssel aus ihrer Jackentasche und öffnete den Briefkasten. Die Post gab nicht viel her, nur ein paar Rechnungen und ein Brief ihrer Mutter.

Frau Krüger hatte die Tür offengelassen und Johanna löste den Haken, der die Tür offenhielt.

Krachend flog sie nach Johanna ins Schloss. Sie nahm den Fahrstuhl zur gemeinsamen Wohnung. Davor stellte sie die Einkaufstaschen ab und jonglierte mit dem Schlüssel, bis dieser die Tür öffnete. Seit zwei Jahren hatten sie die Wohnung in diesem Teil der Stadt, trotz der Nähe zum Stadtkern fühlte man sich fast aufs Dorf verschlagen. Die Wohnung war perfekt. Ihr schlauchartiger Grundriss hatte Johanna zu Beginn etwas abgeschreckt, aber mittlerweile konnte sie sich nicht vorstellen, woanders zuhause zu sein. Der Eingang war mittig dieses Schlauches angeordnet. Rechts davon ging es vorbei an der kleinen Abstellkammer, die hauptsächlich als Waschküche diente, zur offenen Küche und dem großzügigen Wohnbereich mit Kamin.

Links führte der Flur vorbei am Bad, dem Gäste- und Arbeitszimmer, Sofias Zimmer sowie zum Elternschlafzimmer mit eigenem Bad. Die komplette gegenüberliegende Seite hatte eine Fensterfront, die die Sicht zum See freigab. Vor der gläsernen Wand war die Terrasse fast über den ganzen Bereich verlaufend. Teilweise überdacht, hatte Johanna daraus eine grüne Oase gestalten können.

Johanna stellte die Einkäufe auf die Kücheninsel. Sie wollte nur schnell etwas Bequemeres anziehen.

Die Kirche in der Nähe schlug zur vollen Stunde.

Da öffnete sich die Schlafzimmertür und ein junges Mädchen betrat den Flur. Johanna kannte sie nicht und erschrak. Das junge Mädchen blieb ebenfalls wie angewurzelt stehen.

«Wer sind Sie und was machen Sie in meiner Wohnung?» Johanna hatte als Erste die Sprache wiedergefunden.

«Ach, Sie sind Johanna? Schön Sie kennenzulernen. Christoph hat schon so viel von Ihnen erzählt. Es tut mir leid, dass ihre Ehe kaputt ist.»

Johanna wusste im ersten Moment nicht, ob sie lachen sollte. Das musste ein Traum sein. Einatmen, ausatmen. Wovon sprach dieses Kind?

«Miriam, komm schon, ich hab nicht mehr so viel Zeit. Wir müssen gehen.» Christoph kam aus dem angrenzenden Bad. Er blieb stehen und starrte Johanna an.

«Hallo!»

«Ja, Hallo!» Johanna fühlte sich verwirrt.

«Ich musste nur schnell etwas holen und aufs WC und nun zischen wir wieder ab. Ruf dich nachher nochmal an. Hast du eher Feierabend gemacht?»

Offenkundig, oder?, dachte sich Johanna.

«Du gehst nirgendwo hin, ohne mir mal zu erklären, was das soll.»

«Das habe ich doch.» Christoph richtete sein Hemd und strich sich mit seinen Händen durch das lichter werdende Haar.

Früher war es einmal schön, stark und lockig gewesen, jetzt nahm es mit jedem Jahr ab und wurde grau.

«Was macht dieses Früchtchen in unserem Schlafzimmer?» Johannas Herz schlug wieder. Es hatte gefühlt eine Ewigkeit ausgesetzt.

«Wie? In unserem Schlafzimmer?» Christoph sah das junge Mädchen an, als wäre er schockiert. War er es vielleicht auch, oder spielte er eben Scharade?

«Ich habe nur schon einmal ein paar Sachen von Johanna gepackt. Wenn du ihr gesagt hast, was du sagen wolltest, kann sie gleich gehen.»

Du wirst gleich gehen, dachte Johanna.

«Was?» Die Frage ist doch unnütz, stellte Johanna fest, als sie diese in den Raum sprach.

«Na, Christoph liebt Sie nicht mehr und er will ja schon lange, dass Sie ausziehen. Nun habe ich schonmal angefangen. Wollen Sie mal sehen?»

Wie ein kleines Mädchen, das auf eine Belohnung hofft, stand dieses zarte, junge Wesen, Miriam, vor dem Schlafzimmer und tat einen Schritt zur Seite.

Es bot sich ein heilloses Durcheinander. Ein offener Koffer lag bereits auf dem Bett, gefüllt mit Sachen, denn gepackt konnte man das nicht nennen. Es war einfach alles aus dem Kleiderschrank gezogen worden und in den Koffer gestopft worden. Die Tür des Kleiderschranks stand noch weit offen.

Johanna traute ihren Augen nicht. Sie sah zu Christoph rüber, der noch immer vor der Badezimmertür stand. Entsetzen lag auf seinem Gesicht.

«Bitte was?»

«Christoph und ich sind doch jetzt schon eine Weile zusammen und ich finde, es ist an der Zeit zusammenzuziehen.» Miriam sah ebenfalls Christoph an, doch mit stolzer Haltung, wartend auf ein Lob.

«Verlassen Sie meine Wohnung!» Johanna brachte nur mit Mühe einen ruhigen Ton zustande, ihre Stimme zitterte.

«Nein, das haben Sie falsch verstanden, Sie müssen doch jetzt gehen!» Miriam sah sie irritiert an.

«Raus!» Johannas Gesicht hatte einen zartrosa Ton angenommen, nachdem zuvor alle Farbe entwichen war.

«Ich denk ja gar nicht daran. Christoph, nun sag doch auch mal was!» Empört schaute das junge Ding den in sich zusammengesackten Mann an.

Wie alt er aussah! Johanna sah eine kleine Tasche an der Türklinke hängen.

«Gehört die Ihnen?», wandte sie sich an Miriam.

«Oh ja, die ist neu. Hat Christoph mir geschenkt. Ist sie nicht toll?» Freudig und verliebt bedachte sie Christoph mit einem innigen Blick.

«Ja, deshalb sollten Sie die nicht auf dem Boden liegen lassen!» Johanna lief zur Wohnungstür und warf die Tasche im hohen Bogen aus der Tür, direkt vor Poldis Pfoten, der soeben mit Frau Krüger von seinem Spaziergang zurückkehrte. Für eine Millisekunde musste Johanna schmunzeln, da die Komik des Augenblicks nur in diesem Moment fassbar war. Der Hund, der sein Frauchen an der Leine führte und von der Tasche dieser kleinen dummen Miriam fast erschlagen wurde.

«Hey, was fällt Ihnen ein?» Miriam lief der Tasche nach und die Tür wurde nach ihr ins Schloss geworfen.

«So, und nun zu dir!» Johanna trat vor ihren Mann, der nur eben die Einssiebzig erreichte.

«Was soll der Quatsch von wegen ausziehen?»

«Ach, das hat das Kind völlig falsch verstanden. Du weißt doch, wie diese Teenager sind. Nichts verstehen sie. Ich hab mich doch vor einem Monat so geärgert, als wir Krach hatten, und hatte mich in der Stunde aufgeregt. Das muss sie missverstanden haben.» Er hatte sich wieder unter Kontrolle. Christoph trug sein charmantestes Lächeln auf den Lippen.

«Ach so, deswegen soll ich gleich ausziehen und ihr seid jetzt zusammen!» Eigentlich war Johanna nicht der sarkastische Typ, aber wie fast alle Frauen sprach sie es fließend.

«Hör jetzt auf, ich hab dir gesagt, dass die Miriam das nicht richtig mitbekommen hat. Teenager, die glauben doch sofort an die große Liebe, sowas hatten wir doch schon öfter. Erinnere dich. Wie oft klingelten Mädchen wie Miriam schon an unserer Tür?»

«Aber die waren nie in unserer Wohnung. Das ist unsere Privatsphäre. Was soll der Mist?»

«Ich sagte dir doch schon, ich musste was holen und aufs Klo. Ich kann doch nicht wissen, dass die so einen Scheiß macht.» Christoph wurde laut. Wie immer, wenn er im Unrecht war. Beim Streit wurde er immer laut. Johanna wusste das und ihr Bauchgefühl gefiel ihr nicht.

«Wie viele von denen waren denn auch schon in unserem Schlafzimmer?» Johannas eisige Stimme ließ Christoph aufhorchen.

«Keine, hör doch auf mit dem Kinderkram. Miriam hat noch eine Stunde zu bekommen. Ich bin im Verzug und hab keine Zeit für deine Vorwürfe. Ich muss arbeiten. Im Gegensatz zu dir muss ich ja was tun für mein Geld!»

Der Schlag in die Magengrube saß. Johanna versuchte Luft zu schnappen und Christoph drängte sich an ihr vorbei und öffnete grob die Tür, wobei er diese mit starker Wucht gegen Johanna schlug, die ihm gefolgt war.

Frau Krüger stand noch immer vor ihrer Tür und nestelte an ihrem Schlüsselbund. Miriam saß auf der Treppe wie ein braves Haustier und wartete. Er schnappte ihren Arm und beide gingen die Treppe hinunter. Jeder Versuch von Miriam, das Gespräch zu eröffnen, wurde jäh durch Christoph unterbrochen.

Johanna stand noch in der Tür und sah durch das Fenster eine halbe Treppe tiefer, wie beide den Weg zum Parkplatz einschlugen. Jetzt erst wurde es Johanna bewusst, dass sie den Wagen ihres Mannes im Augenwinkel wahrgenommen hatte, als sie mit den Einkaufstaschen den Weg entlang gegangen war.

«Ist alles in Ordnung, meine Liebe?» Frau Krügers Stimme brachte Johanna wieder dazu, in das Jetzt zurückzukehren.

«Ja, natürlich. Alles gut. Christoph hatte nur etwas vergessen!» Johanna lächelte ihre Nachbarin an. Doch nicht einmal sie selbst konnte sich überzeugen, dass es echt war.

Sie ging zurück in ihre Wohnung und verstaute die Einkäufe in der Küche. Nachdem sie alles verräumt hatte, ging sie ins Schlafzimmer und räumte ihre Kleider wieder in den Schrank.

Dann zog sie das Bettzeug ab. Sie konnte noch die Wärme fühlen. Nein, diesmal war kein Zweifel möglich. Christoph hatte etwas mit diesem Kind angefangen. Sie stopfte gerade alles in den Wäschekorb, als Sofia, ihre gemeinsame Tochter, nach Hause kam.

«Hey Mama, du bist schon da?»

«Ja, der Tag war so schön, da wollte ich auch mal den Nachmittag genießen.»

«Und deshalb wäschst du jetzt Bettzeug?»

«Na ja, du warst ja noch nicht da. Was meinst du, hast du Zeit für einen Mädelsabend?» Johanna nahm ihre Tochter in die Arme und sog den Duft ihrer Haare fest ein. Ihr Herz raste und sie begann leicht zu zittern.

«Ist was mit dir?» Sofia spürte, dass etwas nicht stimmte.

«Ach, ich hab dich nur so lieb. So unendlich lieb!» Johanna hoffte, dass ihre Tochter es ihr abnehmen würde, da sie öfter solche Anwandlungen hatte. Diesmal schien sie aber zu spüren, dass es anders war. Sie drückte ihre Mutter fester an sich und so standen beide eine Weile. Johanna versuchte, sich ihrer Tränen zu erwehren.

«Lass uns zu Enrique gehen. Ich hab Lust auf Pasta. Wieso kommt ein Kubaner auf die Idee ein italienisches Restaurant aufzumachen?»

Beide lösten sich und schauten einander an. Jede versuchte im Gesicht der anderen zu lesen.

«Warten wir auf Papa?»

Johanna schaute mit einem Mal ihre Tochter anders an. Sie war fast so alt wie das Mädchen, das Johanna vor nicht mal einer Stunde aus der Wohnung geworfen hatte.

«Nein, ich denke, er kommt heute spät. Endlich haben wir mal wieder Zeit nur für uns!»

Johanna nahm ihre Tasche und eine leichte Jacke und wartete, bis Sofia ihre Sachen in ihrem Zimmer verstaut hatte. Dann gingen beide zu ihrem Lieblingsitaliener.

 

 

 

 

 

Kapitel 2

Es sollte wohl einfach nicht sein mit ihren Eltern. Sofia sah ihrer Mutter an, dass etwas vorgefallen war und da sie nicht so naiv war, wie man bei einer Siebzehnjährigen annehmen konnte, ahnte sie, worum es sich handelte.

Nach dem Abendessen und nachdem sie zuhause angekommen waren, war ihre Mutter sehr still gewesen, aber dennoch versucht, einen netten Abend zusammen zu verbringen. Sie hatten über dieses und jenes aus dem Alltag gesprochen. Sie war auch nicht überrascht von Miriam zu hören. Ihre Mutter hatte versucht, den Vorfall abzumildern. Sofia hatte aber gelernt, zwischen den Zeilen zu lesen.

Bei einigen Anekdoten aus dem Schulalltag hatte Johanna sehr gelacht und es schien, als habe sie für einen kleinen Augenblick den Krach mit Christoph vergessen. Sofia machte sich aber nichts vor. Sie wusste schon seit circa einem Jahr, dass ihr Vater nicht treu war.

Damals hatte ihre Klassenkameradin Susann Fahrstunden bei ihrem Vater genommen. Sie wiederholte die Klasse und war daher schon etwas älter, aber nicht klüger. Sie war die Klassenprimadonna. Bildhübsch und hatte üppig verdienende Eltern, doch einfältig und ihr Horizont endete mit Casting Shows im Fernsehen. Alle anderen Aktivitäten überforderten sie. Theater, Kunstausstellungen oder einfach nur Unterricht waren ihr ein Graus. Susann war beliebt, zumindest bei denen, die beachtet werden wollen und gern jemanden anhimmeln, um sich wichtig zu fühlen. Denjenigen, die Bewunderung für Oberflächlichkeit, Aufgeblasenheit und finanziellen Hintergrund empfinden.

Sofia hatte soweit nichts dagegen einzuwenden. Doch in einer Freistunde, die sie mit anderen in der Stadt verbracht hatte, hatte sie ihren Vater mit ebendieser Susann angetroffen. Soweit nichts Ungewöhnliches. Oft änderte er kurzfristig Termine, wenn es die Zeit erlaubte, auch deswegen war er massiv beliebt bei den Schülern. Jeder wusste, wenn eine Stunde frei wurde, konnte man Herrn Brunner anrufen und wenn es möglich war, zog er die Unterrichtseinheit vor, selbst wenn er auf seine eigene Mittagspause verzichten musste.

Ja, diese spontane und oberflächlich selbstlose Art machte ihn beliebt bei den Jugendlichen der Stadt. Daher hatte sie sich auch nicht allzu sehr gewundert, Susann mit ihrem Vater anzutreffen. Auch nicht, als sie sah, dass beide in einem Eiskaffee Platz nahmen, auch das kam schon vor, dass Christoph Brunner bei warmem Wetter seine Schützlinge zu einem Eis einlud.

Doch als er über Susanns Gesicht streichelte, sie seine Hände fest umschlungen hielt, nachdem die Kellnerin die Bestellung aufgenommen hatte, fand Sofia es nicht mehr normal.

Ihr Vater hatte sie nicht bemerkt und so konnte sie ihn weiter beobachten. Sie aßen ihr Eis, himmelten sich an, wobei ihr Vater eher belustigt aussah. Es schien ihn zu schmeicheln und zu amüsieren, dass so ein junges Mädchen ihn attraktiv fand. Vielleicht machte er auch nur gute Miene zu ihren blödsinnigen, oberflächlichen Äußerungen, überlegte Sofia.

Nachdem er bezahlt hatte, waren sie aufgestanden und zum Auto gegangen, das um die Ecke parkte. Sofia folgte beiden. Da das Fahrschulauto in einer Seitenstraße stand, konnte sie nicht so nah aufschließen. Sie befürchtete, entdeckt zu werden und hielt sich in einem Abstand zu beiden. Doch konnte sie sehen, wie sich beiden eng umschlungen an den Wagen lehnten und sich widerlich heftig die Zungen in den Mund des anderen stießen und sich küssten, falls man dieses Mandelabschlecken als Küssen bezeichnen konnte. Sofia starrte wie benommen zu den beiden hinüber und wäre beinahe mit einer Radfahrerin zusammengestoßen, da sie auf dem Radfahrstreifen stehen geblieben war. Nur ein Schritt weiter und dann nach rechts und schon konnte sie sich hinter dem Schaufenster von Albertis verstecken. Die Schaufensterpuppen boten eine gute Tarnung und doch konnte sie alles weiterhin beobachten, da das Schaufenster um die Ecke lief, wie es früher öfter üblich war. Ihr Vater hatte Susann noch immer im Arm und presste sie gegen den Wagen und sie genoss es, das konnte Sofia sehen.

Die Hände ihres Vaters schienen überall zu sein, wie ein Krake, er berührte ihre Klassenkameradin und sie ihn, wie man es nur in Filmen sah.

Sofias ganzes Weltbild schien in sich aufzulösen. Nach einer gefühlten Ewigkeit ließ ihr Vater von Susann ab und sie kicherte niveaulos und setzte einen schmachtenden, enttäuscht sexy Blick auf, wie bei den Lehrern an der Schule, wenn sie trotz nicht erbrachter Leistung versuchte eine bessere Note zu bekommen. Ausgerechnet die, dachte sich Sofia. Gerade diese dumme Kuh. Mehl hat einen höheren IQ als die, und mit sowas sabbert er rum.

Angewidert drehte sie sich weg und betrat den Laden, damit ihr Vater sie nicht doch noch sah, wenn er mit dem Wagen um die Ecke bog.

Seit diesem Tag betrachtete Sofia sich selbst, ihren Vater, ihre Mutter und ihr Familienleben mit ganz anderen Augen. Am Abend hatte sie sich im Spiegel betrachtet und überlegt, was ihr Vater an Mädchen in ihrem Alter fand. Sie war fast so alt wie Susann. War das ein Ausrutscher? Vielleicht hatte Susann ihn verführt? Er konnte doch nicht auf sowas anspringen! Sie hatte ihre Eltern beim Abendessen beobachtet. Hatte gesehen, wie ihr Vater ihre Mum ansah, wie immer. Er hatte ihre Mutter angesehen, als gäbe es keine andere Frau auf der Welt. Er hatte diese Liebe in den Augen. Nein, daran hatte sich nichts geändert. Zumindest bemerkte Sofia nichts, und wenn es ihr nicht auffiel, dann würde ihre Mutter komplett im Dunkeln tappen. Das Bild der sich küssenden Susann und ihres Vaters kam immer wieder hoch und sie suchte nach etwas, was ihn verraten musste. Nichts. Es war nichts erkennbar. Mama und Papa sahen sich noch immer am Tisch innig an, lachten und teilten ihre Witze, die Sofia manchmal nicht nachvollziehen konnte, aber die so eigen für ihre Eltern waren. Sie sahen sich manchmal nur an und wussten, was der andere dachte, und lachten los.

Sofia hatte nach diesem Abend, nachdem sie vor dem Spiegel stand, sich versucht vorzustellen, wie sie mit einem Mann im Alter ihres Vaters zusammenkam. Igitt, nein, das wollte sie sich nicht vorstellen. Sie suchte im Bekanntenkreis ihrer Eltern nach jemanden, der, wenn überhaupt, in Frage käme. Falk, ja, der war nett, klug und sehr vertrauenswürdig. Nicht gutaussehend mit seinem leichten Schielen, aber er hatte was. Nicht so, dass Sofia Falk tatsächlich in Betracht gezogen hätte, aber bei dem hätte sie es irgendwie verstehen können. Aber sie, Sofia, wollte keinen alten Mann. Sie freute sich auf das Studium. Sobald die Matura fertig war, wollte sie weg, in eine große Stadt. Weg von dem eingeengten Kleinstadtleben mit seinen vorgefertigten Meinungen, weg von dieser bürgerlichen Spießigkeit. Sie wollte endlich leben. Noch wartete sie darauf, endlich mal allein am Abend in der Stadt unterwegs sein zu können. Ihre Eltern waren zu überfürsorglich. Immerwährend machte ihre Mutter sich Sorgen, aber immer wieder ermutigte sie Sofia auch, dass sie ihr Leben leben sollte. Beides schien unvereinbar, aber so war ihre Mutter eben. Hinausgehen und die Stadt und die Menschen entdecken, so wie sie selbst es getan hatte, bevor sie ihren Mann kennengelernt und sich das Leben einer arbeitenden Mutter übergestreift hatte.

Sofia hatte zwar einen ausgeprägten Verstand, aber körperlich wirkte sie jünger, zarter, zerbrechlicher. Kein Wunder, dass ihre Mutter ständig zwischen Angst und Motivation gefangen war. Bald würde sie allein wohnen können, dann müsste sie sich nicht rechtfertigen, wenn sie mal eine Stunde länger ausblieb. Und vielleicht würde sie endlich den einen, den richtigen Menschen finden, der an ihre Seite gehörte. Was auch immer da vor ihr lag, es gehörte ihr und sie würde ihr Leben erobern und es richtig leben.

Ja, Mama und Papa liebten sich, aber nach dem Tag, als sie ihren Vater mit Susann erwischte, war das alles nicht mehr so richtig echt.

Sollte sie es ihrer Mutter erzählen? Hätte sie das Recht ihre Mutter unglücklich zu machen?

Papa war immer der Strengere, der Kontrollierende, und nun war er auch noch der Betrügende.

Sie erinnerte sich noch gut, als Papa alle ihre Spielsachen auf dem Boden in eine Mülltüte gesteckt hatte, sie hatte geweint und geschrien. Er hatte die Mülltüten aus dem Zimmer genommen und weggebracht. Alle Spielsachen, alle Bücher, einfach alles.

Als Mama nachhause kam und sie so verängstigt und verzweifelt gefunden hatte, gab es einen Riesenkrach. Sie hatten sich ewig gestritten. Türen flogen, Mama packte Sachen ein und wollte gehen.

Papa sagte immer, dass er auch das Recht habe seine Tochter zu erziehen, denn offensichtlich wäre Mama ja nicht in der Lage dazu, daraufhin knallte wieder eine Tür.

Nach einer gefühlten Ewigkeit kam Papa mit der ersten Mülltüte wieder. Er setzte sich auf den Kinderstuhl vor Sofia und sagte, dass er jetzt mit ihr alles wieder aufräumen würde. Immer wieder musste sie ein Spielzeug herausnehmen und es einsortieren. Die Puppen und Bücher ins Regal, die Bausteine in die gelbe Kiste, die Stifte und die Malblöcke in die blaue Kiste. Sofia erinnerte sich, dass sie immerzu geschluchzt hatte. Sie konnte sich nicht auf die Aufgabe konzentrieren. Die Mischung aus Freude über ihre Spielsachen und den Hass, den sie ihrem Vater entgegenbrachte, ließ sie immer wieder neu weinen. Mama kam irgendwann zur Tür herein und nahm sie mit. Sie hielt sie ganz lange fest. Dann fuhren sie lange durch die Nacht, bis Sofia eingeschlafen war. Als sie erwachte, waren sie bei Oma und Opa. Papa war nicht dabei.

Ja, mittlerweile wusste sie, dass es eine Erziehungsmaßnahme war, aber für sie sollte es immer der Tag sein, als Papa ihr Zimmer entweihte und es zu seinem Zimmer machte. Er hatte die Kontrolle übernommen. Sie hatte nie mehr was herumliegen gelassen, aber sie hatte sich auch nie wieder so gefühlt wie vorher. Vorher war es ihr Zimmer gewesen.

Papa hatte noch manches Mal von diesem Erziehungserfolg gesprochen. Sofia hatte es ihm immer übelgenommen. Mama war auch streng, aber eben anders. Sie hatten es zusammen aufgeräumt und nicht wie er zugeschaut, wie Sofia jedes Teil an seinem Ort verstaut hatte. Erst danach gab es Abendessen und Kuschelzeit. Ihr Vater war schon immer der Macher. Zumindest theoretisch. Theoretisch wusste er immer, wie es zu sein hatte. Praktisch überließ er es meistens Mama, die Sachen umzusetzen. Und sie tat es. Mama war immer da. Immer bemüht zu erklären, zu reden und sich verständlich zu machen. Das nervte auch, vor allem wenn man seine Ruhe wollte, aber im Großen und Ganzen war es okay.

Wenn sie jetzt auch mit so einem alten Mann ankäme, was würden die beiden machen?

Papa würde rasen und schreien und ihr verbieten, dass sie sich weiterhin mit dem Mann traf. Mama würde geschockt sein und dann würde sie sich hinsetzen und mit ihr reden. Sie würde wissen wollen, ob sie sich wohl damit fühle oder ob er sie bedrängt hätte. Wahrscheinlich würde sie denken, der Typ wäre ein Pädophiler.

Also Papa konnte kein Pädo sein, dazu war er zu ... korrekt ist falsch, aber auch richtig irgendwie ... Papa halt. Er würde doch keine Kinder verführen. Oh je, jetzt sah sie sich selber schon als Kind. Nein, das war auch nicht richtig.

Ach, Mist. Warum Susann? Warum nicht irgendeine andere Frau?

Susann war keine Frau, die war weicher als eine matschige Birne ... igitt ... Papa und Susann.

Nach dem Erlebnis war Sofia aufmerksamer. Irgendetwas stimmte in der Beziehung ihrer Eltern nicht. Etwas war anders. Was konnte es nur sein?

Jedenfalls hatte sie danach öfter die Gelegenheit genutzt, ihrem Vater hinterherzuspionieren. Und sie tat es. Und es war kein einmaliger Ausrutscher gewesen. Immer wieder hatte sie sein Auto zuhause gesehen, wenn er doch eigentlich arbeiten sollte. Oder wenn er arbeiten war, traf er sich heimlich mit anderen Fahrschülerinnen.

Nach der vierten Frau hatte sie schließlich akzeptiert, dass ihr Vater ein mieser Lügner, Verräter und Schürzenjäger war.

Er kam nach Hause, scherzte mit Mama, als sei alles in Ordnung, kuschelte mit ihr auf dem Sofa und dann küsste er doch wahllos in der Gegend herum. Es passt nicht zusammen. Nichts passte zusammen. Merkte Mama denn nichts?

Nein, sie bemerkte nichts. Sie ging in die Firma, koordinierte seine Termine, kontrollierte die Bücher, zahlte Rechnungen, machte Werbung, bearbeitete die Webseite, kam nachhause und machte den Haushalt, kochte, wusch die Wäsche, räumte alles auf. Sie war manchmal so müde, dass sie zwar zustimmende Geräusche von sich gab, aber eigentlich nicht zuhörte. Sofia war manchmal traurig darüber, manchmal wütend, manchmal resigniert. Aber grundsätzlich wollte sie ihrer Mutter helfen, so viel wie möglich. Daher hatte sie den Hausputz übernommen, so oft es ihre Zeit zuließ.

Mama hatte ja gar keine Zeit sich darüber im Klaren zu werden, was da gerade vor ihrer Nase passierte. Gewissensbisse quälten Sofia. Sollte sie es ihrer Mutter sagen?

Und nun just heute an diesem Abend hatte Sofia plötzlich das Gefühl, dass die Katze aus dem Sack war und ihre Mutter davon wusste.

Immerzu fragte sich Sofia, wie ihre Mutter es aufnehmen würde. Nun wusste sie es. Ihre Mutter wollte niemanden einweihen und wissen lassen.

Sofia ging in ihrem Zimmer auf und ab. Setzte sich an ihren Schreibtisch, zog die Schublade auf und nahm ihr Tagebuch zur Hand. Mit geschmeidigen Bewegungen schrieb sie Wort für Wort nieder, von all dem, was sie bewegte. Seit einem Jahr tat sie das schon, seit dem Tag, als sie ihren Vater mit Susann erwischte. Gott sei Dank hatte Susann nichts in der Schule herumerzählt. Das wäre noch furchtbarer gewesen als es eh schon war. Wieder liefen vor Sofia die Bilder des Kusses zwischen Susann und ihrem Vater ab. Wie konnte er sowas tun? Mama war nun auch schon vierzig, aber sie sah noch verdammt gut aus. Männer sahen ihr schon noch nach, wenn sie mit Sofia einen Einkaufsbummel machte, oder wenn sie am Badesee waren.

Mama mit ihren schönen, langen braunen Haaren, den haselnussbraunen Augen und einer Figur, wie Sofia sie sich heimlich wünschte.

Mama lachte viel und man konnte grundsätzlich viel Spaß haben, egal ob man einfach nur quatschen wollte oder ob man sich albern benehmen wollte. Manchmal machten sie eine Pyjamaparty, wenn Papa mal unterwegs war. Dann wurden Masken aufgelegt oder sie massierten sich gegenseitig, während sie zusammen Filme anschauten. Manchmal gingen sie zu Konzerten und mitunter drehten sie die Musik laut auf und sprangen im Wohnzimmer herum. Wie konnte Papa das aufs Spiel setzen?

Papa sah ja auch nicht schlecht aus. In letzter Zeit ist er etwas pummeliger geworden, aber sonst war er ja noch ganz okay. Er sah auch nicht wie zweiundfünfzig aus. Er wirkte sehr locker und ihre Mitschüler mochten ihn. Bei den Schulfeiern, bei denen er dabei war, fanden die Jungs ihn cool und die Mädels himmelten ihn schon irgendwie an. Bis zu dem Tag mit Susann hatte Sofia immer nur den Kopf schütteln können. Die Vorstellung war einfach absurd.

Kapitel 3

Es war spät, fast Mitternacht, als Johanna die Schlüssel klappern hörte. Sie hatte nicht schlafen können. Immer wieder waren ihre Gedanken durch die Jahre gerast.

Sie war während des letztes Sommers ihres Studiums Kellnerin in einem der verschiedenen Restaurants am Hafen gewesen. Jedes Jahr war sie wiedergekommen. Sie hatte gut verdient, das Trinkgeld wurde meist nicht knapp bemessen damals. Sie hatte ihn gesehen. In dem Sommer hatte sie den Jackpot, eine Anstellung in der Pizzeria mit angeschlossener Bar. Sie hatte an einem Abend so viel Trinkgeld erhalten, wie in einer ganzen Woche während des Winters in ihrer Heimat- und Studienstadt. Hier hatte sie die Sonne, den See und zahlungskräftige Kunden. Manchmal waren diese auch anzüglich, aber meist konnte sie die zudringlichen Typen gut abwehren.

Als er ihr zuerst auffiel, bestellte er eine Pizza und war mit einer Frau ungefähr in Johannas Alter da. Er trug keinen Ehering. Sein Hemd war weit aufgeknöpft und seine Brustbehaarung war zu sehen und damals fand Johanna das unglaublich sexy. Er hatte sie angelächelt und ein außergewöhnlich hohes Trinkgeld gegeben. Seine dunklen Haare waren kurz geschnitten und lockig. Seine blauen Augen hatten die Farbe des Himmels an einem Sommermorgen über dem See. Sie war hingerissen. Johanna schätzte ihn auf dreißig. Aber er war ein Gast und wurde von ihr nicht anders behandelt als alle anderen. Nur wenn sie an der Essensausgabe stand, um die Bestellungen entgegenzunehmen, versuchte sie einen Blick auf ihn zu erhaschen. Er saß und unterhielt sich blendend mit der Blonden, die an seinen Lippen hing.

Johanna erinnerte sich daran, dass sie gern gewusst hätte, was er der Frau sagte, dass diese ihm so verfallen war. Sie war damals einundzwanzig. Und es hatte sie voll erwischt. Das merkte sie, denn sie konnte sich an dem Tag nicht wirklich auf die Arbeit konzentrieren. Enrique, der Chef der Pizzeria, nahm sie zur Seite und sagte ihr, sie solle sich den Typen mal schnell wieder abgewöhnen. Er wäre nichts für sie. Insgeheim hatte sie das noch mehr auf ihn abfahren lassen. Er war eben nicht einer dieser typischen Y-Chromosom-Träger, die ihr nachstellten.

Jetzt, fast zwanzig Jahre später, lag sie wach.

Sie hatte geweint, als Sofia in ihr Zimmer gegangen war und sie das Bett neu bezogen hatte. Sie wollte es nicht glauben. Sie wollte, dass ihre Welt wieder in Ordnung war.

Sie hörte ihn in der Küche, er öffnete und schloss den Kühlschrank, dann den Ofen, er klapperte mit dem Besteckkasten.

Alles wirkte so laut. Wieso war alles so laut?

Er zog die Rotze hoch. Oh, wie sie es hasste! Sie hasste dieses Schniefen so sehr. Sie wusste, es störte sie heute noch um einiges mehr als an den anderen Tagen. Das Geschirr landete in der Spüle. Dann hörte sie seine Schritte auf dem Gang und im Schlafzimmer.

«Brauchst gar nicht so tun, als würdest du schlafen!» Seine Stimme war kratzig, er roch nach Zigarettenrauch und Whiskey. War er wirklich betrunken Auto gefahren?

Sie bewegte sich nicht. Sie tat weiter so, als würde sie schlafen.

Johanna spürte, wie er sich neben sie ins Bett legte. Sie wusste, was jetzt kam. Es war immer das Gleiche, doch diesmal war es anders, sie hatte kein Verlangen nach ihm.

Er begann seine Hand unter der Decke auf Entdeckungstour zu schicken. Er strich ihr über die Oberschenkel, schob das Nachthemd nach oben und begann die Hand unter ihre Unterhose zu schieben. Auch wenn sie keinerlei Verlangen hatte, ihr Körper war nach neunzehn Jahren programmiert. Sie spürte, wie die Hitze in ihrem Schoss stieg. Sie versuchte, sich wegzudrehen, so als hätte sie einen schlechten Traum. Sein stinkender Atem schob sich von hinten an sie heran. Christoph begann ihren Hals zu küssen und seine Finger wollten sich vorarbeiten, doch er ließ von ihr ab. Er zog seine Jeans und seine Shorts umständlich aus. Sie fühlte seine Erregung an ihrem Po. Er schob sich immer näher an sie heran.

Neunzehn Jahre. Immer hatten sie sich so versöhnt. Johanna wurde es übel. Er widerte sie an. Er hatte an diesem Tag mit dem halben Kind in diesem Bett gelegen und es mit ihr getrieben. Versuchte er Schönwetter zu machen?

Sie schob ihn zur Seite und nach kurzem Grunzen schlief er ein. Sie schlief unruhig und träumte schlecht.

Auch am nächsten Morgen fühlte sie sich nicht besser. Sie hatte sich entschieden, dass es so nicht weitergehen konnte. Offiziell meldete sich Johanna krank. Sie brauchte eine Auszeit. Sie brauchte einen freien Kopf.

Nachdem Sofia zur Schule gegangen war und Christoph seine Termine wahrnahm, meldete sich Johanna bei Falk und gab ihm Bescheid. Sie bat ihn, dass Telefon auf sich umzustellen und die Abwesenheitsnotiz im Outlook zu aktivieren. Falk versprach ihr, sich darum zu kümmern. Sie wusste, auf ihn konnte sie sich verlassen. Im Gegensatz zu Christoph, ging es ihr durch den Kopf.

Christoph war aufgestanden, hatte sich geduscht und es war ihm nicht anzumerken, ob ihn die Situation vom Vortag noch in irgendeiner Weise beschäftigte. Er trank seinen Espresso, aß sein Croissant und verließ das Haus. Er trug ein farbenfrohes Hawaiihemd und seine dreiviertel langen Jeans.

Auch an diesem Tag sollte es heiß werden. Johanna lief in der Wohnung herum und fühlte sich wie Falschgeld. Was sollte sie machen? Christoph war ihre große Liebe. Er war der Mann, mit dem sie alt werden wollte. Nun hatte dieses Bild einen Riss. Wollte sie dieses Bild der Familie behalten und kitten, oder sollte sie sich nach neunzehn Jahren endgültig trennen?

Neunzehn Jahre waren eine lange Zeit. Sie liebte ihn. Sie begehrte ihn. Selbst nach all den Jahren liebte sie es, wenn sie sich liebten. Natürlich hatte sie eine Befürchtung, dass es andere Frauen geben konnte. Natürlich hatte sie die Blicke gesehen, mit denen junge Frauen oft ihren Mann anhimmelten. Natürlich hatte sie gespürt, dass er sich geschmeichelt fühlte. Welcher Mann wäre nicht geschmeichelt gewesen, wenn eine junge Frau einem schöne Augen machte? Meist waren es zudem hübsche junge Frauen. Sie flirteten ganz offen und ohne scheu. Anfangs kamen sie noch in Jeans und T-Shirt, doch bald wandelte sich das Outfit derjenigen, die sich für Christoph erwärmten zu einem aufreizenden Look. Kurze Hosen oder Röcke und tief ausgeschnittene Tops und entsprechendes Make-up.

Oh, den Mädels konnte und wollte Johanna keinen Vorwurf machen. Das waren schließlich noch halbe Kinder und dabei sich zu finden. Sie wussten es ja nicht besser. Sie waren jung und fühlten sich wahrscheinlich geschmeichelt, von einem älteren Mann als Frau wahrgenommen zu werden. Die meisten dachten sich nichts dabei. Da war sie sich sicher. Es gab allerdings auch Ausnahmen. Frauen, die bewusst und vorsätzlich ihre Reize einsetzten, um an das gewünschte Ziel zu kommen.

Er hätte es wissen müssen und er hätte sich auch entsprechend verhalten sollen. Doch ihm war nicht danach. Er genoss die großen Augen und die tiefen Einblicke in die Tops. Christoph hätte das unterbinden müssen.

Sofia behandelte ihn seit einiger Zeit etwas distanziert. Das war Johanna aufgefallen, konnte es aber nicht an einer bestimmten Begebenheit festmachen. Nun aber überlegte sie, ob Sofia etwas mitbekommen hatte.

Sie begann das Bad zu putzen und ging in den Hauswirtschaftsraum, um die Wäsche zu waschen. Sie nahm das Bettzeug aus dem Wäschekorb. Noch immer roch es nach Sex und Betrug, nach gebrochenen Versprechen und Lust.

---ENDE DER LESEPROBE---