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Uschi braucht dringend ein Hobby. Männerfrei und mit viel Spaß. Mal was ganz Neues ausprobieren. Sie kann weder singen noch ein Instrument spielen und gründet eine Frauen-Punkband. Ihr Freund Rio ist Profigitarrist und wartet auf den großen Durchbruch. Es entbrennt ein Wettstreit zwischen den beiden, wer es als erstes auf eine richtig große Bühne schafft.
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Seitenzahl: 251
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Wo soll das alles bloß enden? Dabei hat es noch nicht einmal begonnen.
Und überhaupt ist es irre, wie viele Fragen ich mir stelle, seit der Musiker mich zu seiner Freundin gemacht hat. „Gemacht“ ist hier die richtige Wortwahl. Ein Musiker kommt nicht einfach mal so zu einer Freundin. Das ist knallharte Arbeit – für die Freundin! In so einem Casting muss man sich schon bewähren und das bedeutet nicht, dass man ihm jedes Wochenende von Auftritt zu Auftritt hinterher reist, weil man es kaum erwarten kann ihn wiederzusehen. Man muss nicht weit vor Beginn der Veranstaltung da sein, sich die ganze Zeit vor dem Backstage-Bereich rumdrücken, um irgendwie an ihn ranzukommen. Erfahrungsgemäß ist es so, dass sich das Objekt der Begierde ohnehin als doch eher scheues Wesen hinter der Bühne verschanzt. Kurz vor einem Auftritt hat der Musiker ganz andere Dinge im Kopf als man selbst. Er wartet und wartet, aber leider eben nicht auf Dich. Kommt der Musiker dann endlich auf die Bühne, versuchst du ständig Blickkontakt herzustellen und zwinkerst ihm zu, sobald er auch nur grob in deine Richtung guckt. Er wird Dich in den meisten Fällen nicht einmal wahrnehmen und wenn es noch halbwegs gut läuft, höchstens denken, die hat ja aber auch jedes Wochenende was im Auge. Sowas frustriert auf Dauer und macht durstig. Und so endet es meist damit, dass man rotzebreit vor der Bühne steht und langsam anfängt, lautstark über die vermeintliche Konkurrenz herzuziehen. Ach ja, was waren das damals doch hormonell zerschossene und anstrengende Zeiten als Groupie.
Dann kam ich irgendwann zu der wirklich reifen Frage: was soll ich denn eigentlich auch mit einem Musiker als Freund? Am Wochenende fast nie da, wenn doch, herrscht schlechte Stimmung, weil kein Gig ansteht. Unter der Woche muss er abends proben, während andere Paare gemeinsam die Zeit auf Couch vor Glotze verbringen. Ist man selbst normale Angestellte, schläft er noch, wenn man aufstehen muss und weckt einen dann dafür auf, wenn er nach Hause kommt. Man selbst spielt nur ein Instrument und zwar die zweite Geige: Erst kommt die Musik, dann das Instrument, dann Üben, dann Band, dann kommt lange nichts und wenn man Glück hat, also wahnsinnig sexy aussieht, landet man als Freundin noch irgendwo innerhalb der ersten fünf Plätze. Da braucht man gerade im Sommer zur Hochsaison ein dickes Fell. Zusammenfassend also sowieso wohl eher lästig als lustig das Ganze.
Daher hatte ich schon vor sehr langer Zeit den potenziellen Musikerfreund endgültig an den Nagel gehängt und auch keinen Gedanken mehr daran verschwendet bis eines Tages meine Freundin Gertrud anrief: „Duhuuu, der Gero und ich, wir backen am Wochenende Waffeln. Willst du nicht auch kommen, weil es kommt noch ein Freund von Gero und dann wären wir zu viert! Und Uschi, du wirst es nicht glauben, aber der ist ja schon sooo lange Single.“ Ach, du grüne Neune, das riecht nicht nach Waffeln, das riecht mal wieder nach Verkupplung à la Gertrud. Das war schon immer genau ihr Ding. Und wieso „schon sooo lange Single“? Mit Sicherheit nicht ohne Grund, denke ich mir, sage aber doch zu, weil sie einfach nicht lockerlässt und meine letzte Waffel außerdem schon Jahre zurückliegt.
Am Sonntagnachmittag sitze ich dann bei Gertrud und Gero auf dem Sofa, wir trinken schon mal einen Kaffee. Auf die Waffeln muss ich warten, weil sich Geros Freund leicht verspätet. Na toll. Endlich klingelt es – Gero öffnet. Wenig später stehen beide im Wohnzimmer und Geros Freund setzt sich neben mich. Geht auch gar nicht anders, weil Gertrud die Plätze voll durchgeplant hat. „Sorry, dass ich mich verspätet habe – ich musste noch üben. Hallo, ich bin der Rio“, sagt er und winkt mir zu. Der Rio, großartig, solche Leute liebe ich, die unbedingt immer noch einen Artikel vor den eigenen Namen stellen müssen. Wozu ist das gut? Bei den meisten erkennt man doch auf den ersten Blick ob Männ- oder Weiblein. Und was musste er am Sonntagnachmittag bitteschön noch üben? Die Uhr lesen, kann’s nicht gewesen sein. Egal, denke ich mir, strecke ihm meine Hand entgegen „Hallo, ich bin die Uschi“. „Nee“, sagt er und guckt mich abweisend an, „Ich schüttle keine Hände – das überträgt doch Keime!“ Ach so, ja natürlich! Ich ahne sofort: das wird ein bunter Nachmittag werden. Und mit dem soll ich verkuppelt werden? Wenn schon Händeschütteln unmöglich ist, wie soll es dann mit Küssen und Fummeln gehen? Macht er sowas überhaupt? Und wenn ja, müsste ich dazu vorher ein Bad in Desinfektionsmitteln nehmen, damit er Hand anlegen mag? „Ja, das habe ich auch schon mal gehört“, sage ich und wir sitzen beide still nebeneinander und gucken erwartungsvoll in Richtung Gertrud und Gero. Er scheint genauso begeistert von der Situation zu sein wie ich – immerhin da sind wir uns wohl einig.
„Ihr könnt ja schon mal die Teller aus dem Schrank holen und Gertrud und ich schmeißen derweil das Waffeleisen an“, meint Gero. Ich stehe auf, um die Teller aus dem Schrank zu holen. Dabei frage ich mich, ob ich den Teller für Rio überhaupt anfassen darf. Bleiben Keime eigentlich auch an Porzellan kleben und wenn ja wie lange überleben sie? Ich weiß es nicht. Vielleicht hat er ja aber auch eigenes Geschirr und Besteck in seinem großen Rucksack. Sein Rucksack ist im Gegensatz zu ihm wirklich riesig. Was hat er da wohl alles drin? „Soll ich das machen?“ Huch, dafür dass er Angst vor Keimen hat, steht er doch ziemlich dicht hinter mir. „Prima Idee“, sage ich und trete einen Schritt zur Seite. Er schnappt sich einen Stapel Teller, verteilt sie auf dem Tisch und setzt sich wieder hin. „Rutschst du durch?“, frage ich, weil er nun den Durchgang blockiert. „Nee, ich sitze nicht gerne in Ecken. Da kommt man so schlecht wieder raus“, weiß er zu berichten. „Natürlich“, sage ich leise zu mir, „Wenn man sich so anstellt wie du, hat man auch damit ein Problem.“ Was ist das denn bitte für ein Typ, den Gertrud mir hier ganz heiß anpreisen will? Der passt so überhaupt gar nicht zu mir – auch schon rein äußerlich. Gertrud weiß ganz genau, dass ich auf große Kerle stehe mit blauen Augen und dunklem Haar – das war schon immer mein Beuteschema. Rio ist nicht groß und hat braune Augen. Haare hat er gar nicht. Und er kann nichts davon mit einer netten oder lustigen Art kompensieren.
Mir reicht’s. Ich gehe in die Küche und sage Gero einfach, dass Rio die Desinfektionstücher ausgegangen sind und fragen lässt, ob er noch welche hat. Gero geht rüber, ich schnapp mir Gertrud und zieh sie zur Seite: „Sag mal, spinnst du eigentlich mir so einen andrehen zu wollen? Der ist winzig, hat keine Haare und besonders witzig ist er auch nicht!“ „Aber“, sagt sie, „er ist doch Musiker! Du wolltest doch immer einen haben.“ Da guckt Gero auch schon wieder zur Küche rein. „Da hast du wohl was falsch verstanden, Uschi. Der Rio hat doch noch genügend Desi-Tücher.“ Desi-Tücher? Nehme mal an, diese lustige Abkürzung kommt nicht von Gero. Und sowieso: Musiker? Was denn für einer? Im Leben ist das kein Musiker. Musiker sind laut, gesellig, haben einen derben Humor und sind immer irgendwie cool. Aber cool fühlt sich der Rio wahrscheinlich nur, wenn er eine Erkältung bekommt, weil er irgendwem aus Versehen doch mal abenteuerlustig die Hand geschüttelt hat. Gott sei Dank sind die Waffeln fertig und ich schiebe mir eine nach der anderen rein, denn wer den Mund voll hat, muss nichts sagen. Nach sechs Stück ist Feierabend, weil mein Magen rebelliert und ich mach mich auf die Socken.
Monate später, zu meinem Geburtstag, hatte ich auch Gertrud und Gero eingeladen. Ich war nicht mehr sauer auf Gertrud, obwohl ich als unheimlich nachtragend gelte. Mein Geburtstag stimmt mich doch immer wieder milde. Es klingelt, ich gehe die Treppe runter, öffne gutgelaunt die Tür und da stehen Gertrud und Gero mit einem schick verpackten großen Geschenk. „Wir haben noch jemanden mitgebracht“, höre ich Gertrud sagen. „Toll“, rufe ich, will witzig sein und deute auf das Geschenk, „Und so schön verpackt habt ihr ihn auch noch!“ Die beiden treten zur Seite und ich sehe – Rio! Gibt’s doch nicht, hat der immer noch keine antibakterielle Frau gefunden? Rio macht für seine Verhältnisse einen fast beherzten Schritt nach vorne und hält mir eine Packung Fairtrade-Kaffee vor die Nase. Dazu zaubert er hinter seinem Rücken einen Zaunpfahl aus dem Baumarkt hervor, schwingt ihn kurz hin und her, bevor er ihn mir zusammen mit dem Kaffee überreicht. Ich stehe da und bin sprachlos – das kommt doch eher selten vor.
Um’s kurz zu machen: Ich habe den Wink mit dem Zaunpfahl verstanden und mich beim Abschied doch tatsächlich auf einen fairen Kaffee mit Rio verabredet. Die Dinge nahmen ihren Lauf und so bin ich schließlich doch noch zu meinem Musiker gekommen.
“Hörst du das denn nicht?”. Ich schrecke auf und guck ihn an. In solchen Momenten, die ich an seiner Tonlage festmache, bemühe ich mich grundsätzlich um einen verständnisvollen Gesichtsausdruck. Wir sind mittlerweile seit über fünf Jahren zusammen und dieser Kerl erstaunt mich immer wieder.
Ungeahnte Talente schlummern in ihm: Er kann hören, was kein anderer hört. „Ja klar, ein bisschen schon“, flunkere ich. „Jetzt kannst du aber gar nichts hören“, klärt er mich auf „jetzt es ist gerade weg.“ „Auch gut“, denke ich und dreh mich wieder um, damit ich noch eine kleine Mütze Schlaf bekomme. Ich habe mich im Laufe der Jahre daran gewöhnt mitten in der Nacht geweckt zu werden. Ich kann sogar mittlerweile anhand seiner verschiedenen Weck-Techniken noch im Halbschlaf er-kennen, ob es sich wirklich für mich lohnt, ganz aufzuwachen, weil es einen triftigen Grund gibt. Meistens aber verbleibe ich verständnisvoll nickend im Dämmerzustand und die Geräusche erledigen sich zeitnah von selbst. Ein Musiker mit gutem Gehör ist aber auch von Natur aus gestraft. Die Welt da draußen ist wirklich sehr laut geworden. Die Welt hier drinnen ist nur dann laut, wenn er seine Verstärker fast voll aufreißt. Das muss man, so habe ich gelernt, weil sich sonst der Ton nicht voll entfalten kann. Dann stört ihn die Lautstärke komischerweise wenig bis gar nicht. Der Unwissende denkt vielleicht, laut stört einen Rockmusiker sowieso nicht, aber weit gefehlt. Ja, er ist ROCKmusiker. Konnte ich auch erst nicht glauben, aber so ist es. Und das schon seit vielen Jahren, der jüngste ist er schließlich auch nicht mehr. Stille Wasser sind tief und am Rande schlammig, hat mein Opa immer gesagt. Das scheint gerade auch auf Gitarristen wie meinen bestens zu passen. Diverse Rockcoverbands hat er durch. Schlagerpartyband hat er auch versucht, aber dafür war er wohl in seinem Wesen noch etwas zu unflexibel. Er sollte für die Show einen Gummianzug tragen mit einem Hut, der aussah als wäre es die Spitze eines Präservativs und in einem Käfig stehen. Ich fand’s ganz lustig, er weniger. Wen wundert’s, mich jedenfalls nicht. Da der große Durchbruch noch auf sich warten lässt, verdient er sein tägliches Brot als Gitarrenlehrer, freiberuflich, also auf Honorarbasis.
Wäre so gar nichts für mich. Da bin ich lieber im Großraumbüro beschäftigt und zwar als Festangestellte. Wenn ich mal krank bin, gehe ich zum Arzt und lass mich krankschreiben, bis ich wieder fit bin. Wenn er sich krank fühlt, geht die Welt schon unter. Wenn er richtig krank ist, also mit Fieber, dann ist das der Vorhof zur Hölle. „Ich muss dahin, sonst kriege ich kein Geld“, und damit hat er recht. Also schleppt er sich, wenn es irgendwie machbar ist in die Musikschule. Jeder Arzt sagt, dass man zuhause im Bett bleiben soll, wenn man Fieber hat. Will er aber nicht wirklich einsehen, weil erstens ich kein Arzt bin und zweitens mir das Geld ja auch nicht fehlen würde. Stimmt beides, nervt mich aber trotzdem. Geld ist Geld und Gesundheit ist Gesundheit. Da habe ich lieber mehr Gesundheit und weniger Geld als andersherum. Aber das sind ja nur die zu leicht gewählten Worte einer Angestellten mit monatlich festem Einkommen. Sogar wenn ich Urlaub habe, bekomme ich Geld. Das findet er zum Beispiel ‚total ungerecht’. Ich hingegen finde es ungerecht, dass er sich nicht wenigstens für mich freut, dass ich durchgängig Geld bekomme. Vom zusätzlichen Weihnachts- und Urlaubsgeld habe ich ihm nie was erzählt.
Manchmal bekomme ich abends Schulgeschichten aus allererster Hand zu hören: Von Schülern oder ihren Eltern, was wieder passiert oder nicht passiert ist, dass sie mal wieder nicht geübt haben, dass Eltern im Unterricht dabei waren und er nun versteht, warum der Schüler so ist wie er ist, usw. usw. Neben der Meckerei sind an sich zum Teil Geschichten dabei, die mich ernsthaft nachdenklich stimmen, was die Zukunft von uns allen angeht.
Kommt ein Schüler mit seiner Mutti rein. Sie kriegt kaum die Tür auf, ist über und über mit Plastiktüten behängt, offenbar mit Einkäufen für die ganze Woche. Die eine Hand die noch einkaufsfrei ist, trägt seine Gitarre. Tür aufmachen ging gerade noch, zumachen ist dann schon nicht mehr so einfach. Also bleibt sie offen, die Mutti scheint da flexibel zu sein. Ihr Sohn steht übrigens die ganze Zeit mit offenem Mund und zwei freien Händen daneben. Sie schnauft, legt alles ab und zieht ihrem Sohn die Jacke aus, während ihre andere Hand bereits an der Gitarrentasche nestelt, um das gute Stück ans Licht zu bringen. „So, mein Schatz“, sagt sie als sie fertig ist, „dann hole ich dich später wieder ab“, schultert die Einkäufe und geht Richtung Tür. „Du hast vergessen die Fußbank aufzustellen“, ruft ihr der Kleine hinterher ohne aufzusehen.
Find ich wirklich richtig geil, wenn Eltern ihre Kinder zur Selbstständigkeit erziehen. So wird man als Kind doch richtig auf das Leben vorbereitet. Da steht der Chef bestimmt auch jeden Morgen an der Tür, begleitet einen die Treppe hoch, nimmt noch schnell die Jacke ab, bevor er einem den PC hochfährt und schon mal den Becher mit Kaffee und einem Schuss Milch füllt, ganz genauso, wie man es gerne hat. Ich habe zwar keine Kinder, wage aber dennoch zu behaupten, dass man im Alter von acht Jahren durchaus in der Lage ist, die Sachen für den Unterricht selbst zu packen, selbst zu tragen und ja sogar sich selbst die Jacke an- und wieder auszuziehen. Na dann läuft ja alles. Zwar rückwärts und bergab, aber es läuft.
Apropos ‚laufen’: Ein Musiker muss fit sein, wenn er sich spielend dauerhaft die Nächte um die Ohren schlagen will. Meiner macht Sport und geht dazu in die Muckibude. Er stemmt Gewichte, macht Spinning und was weiß ich noch alles. Er braucht das, um möglichst ausgeglichen zu sein. Alles was er da rauspowert, haut er anderen nicht mehr um die Ohren. Es ist besser so und zwar für alle. Ich hatte noch nie das Gefühl, dass Sport auch ein Lebensinhalt sein kann. Ich mache es, weil auch ich weiß, im Alter wird es mit dem Gerippe und den Muskeln nicht besser, aber ich mache es weil ich denke, muss ja und auch nur unregelmäßig. Dabei ziehe grundsätzlich eine Fresse. Ich kann wirklich nichts dafür. Da scheint es einen Automatismus zu geben, den ich nicht steuern kann.
Unnötig zu erwähnen, dass dann gemeinsamer Sport nicht unbedingt zu einer harmonischen Beziehung beiträgt. Wir haben es tatsächlich mal versucht zusammen ganz locker loszujoggen. Nur so zum Spaß ohne große Ansprüche an das Tempo oder die Streckenlänge. Schon nach 500 Metern hatte ich keinen Bock mehr. Ich voll konzentriert auf gleichmäßige Schritte bei ebensolcher Atmung damit ich keine Seitenstiche bekomme. Er die ganze Zeit am Plappern, was er musikalisch in seinem Leben noch vor hat, tänzelt dabei auch noch frohlockend um mich rum. Ich könnte kotzen, will aber nicht anhalten, wohl aus Angst ich komme dann gar nicht mehr in Schwung. „Was ziehst du denn für ein Gesicht?“, fragt er. Sei mal froh, dass ich dir keine ziehe, denke ich, rolle mit den Augen und schnaufe weiter.
„Also, so macht Sport auch keinen Spaß! Lach doch mal!“ Ich versuche es. Ganz ehrlich. Aber das reicht ihm wohl nicht: „Lachen, keine Fratze ziehen“, will er mich aufmuntern und läuft und läuft. Das war’s. Ich drehe einfach um, sonst knallt das noch. Man muss auch mal loslassen können, hat mein Opa immer gesagt. Und auch damit hatte er recht. Als er zuhause ankommt, stehe ich schon unter der heißen Dusche und verteile gerade das Shampoo im Haar. Die Badezimmertür fliegt auf. „Bist du da?“. Ich: „Nee“. Er: „Aha, daher kann dich auch nicht sehen. Musst du das Wasser denn immer so heiß machen?“ Ich schweige. Die Tür geht wieder zu. Kaum zu, geht sie wieder auf. „Brauchst du noch lange?“ Ich sage nichts, mache einfach weiter und ignoriere die Geräusche. Da geht mit Ruck die Duschkabine auf und er kommt dazu. Super, wir haben ja auch so eine riesige Dusche. „Was soll das? Ich bin noch nicht fertig.“ „Natürlich nicht. Du bist doch auch gar nicht da!“, sagt er, „Wenn du da wärst, würde ich dich fragen, ob du mir den Rücken schrubbst“. In solchen Momenten kann ich dann auch nicht mehr böse sein, so sehr ich das möchte. Aber komisch im Sinne von eigenartig ist er wirklich öfter als andere Männer, die ich so kennengelernt habe.
„Mit 50 habe ich eh ausgesorgt“, ist seine Antwort auf meine, wie ich finde, relativ klare Frage, ob wir das Haushaltsgeld zu Weihnachten aufstocken wollen. Ist das jetzt ein Ja oder doch ein Nein? Manchmal kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass wir einfach keine gemeinsame Sprache sprechen. „Was heißt das jetzt?“, frage ich und will auf den eigentlichen Punkt zurückkommen. „Ich war mal bei einer Wahrsagerin. Die hat das gesagt.“ Als ob damit alles klar wäre. Er merkt wohl, dass ich stocke und legt nach: „Der Erfolg kommt im Ausland.“ „Okay“, sage ich, „aber das ist ja noch ein bisschen hin“, in der Hoffnung er würde jetzt selbst bemerken, dass ich gedanklich immer noch beim Haushaltsgeld-Etat für das nahende Weihnachtsfest bin. „Aber nicht mehr lange – viel Zeit bleibt mir wirklich nicht mehr.“ Oha, er hat wieder innerlichen Künstler-Stress. Offenbar zieht es den Musiker an sich grundsätzlich auf eine richtig große Bühne, mit jubelnden Massen davor und eine Gage, die endlich das honoriert wofür man das ganze Leben geübt und geschuftet hat. Ist auch wieder was, was ich gar nicht verstehe: schon allein bei dem Gedanken, dass ich auf einer großen Bühne stehe und tausende Augenpaare darauf warten, dass ich ihr Leben für einen kurzen Moment verschönere, stockt mir der Atem. Da könnte ich direkt kotzen vor Aufregung.
Aber was seins ist, muss ja auch nicht meins sein. Hauptsache die Aufteilung stimmt. Das kenne ich schon aus alltäglichen Lebenslagen. Er liebt es zu kochen, ich nicht. Das Sportthema hatten wir ja schon. Er hat Hausstauballergie, ich nicht. Wer bei uns putzt, ist damit auch geklärt. „Und Weihnachten?“, versuche ich, nochmal aufs Thema zurückzukommen. „Das machen wir dann natürlich im ganz großen Stil: Wir beide auf dem Bärenfell vor dem knisternden Kamin mit einer Pulle Schampus, während draußen bei tosendem Sturm die peitschende See an unseren hauseigenen Privat-Strand knallt.“ Ja nee, ist klar. Der Herr dreht wieder seinen eigenen Film. „Ich meinte nicht Weihnachten in acht Jahren, sondern jetzt“, versuche ich ruhig zu bleiben. „Jetzt ist erst November, oder? Bis Dezember ist doch noch ewig hin! Ich geh‘ mal üben.“ Und schon isser weg. Ich stehe derweil noch im Flur und wundere mich mal wieder über seine Rechenkünste: Bis er 50 wird, sind es also noch rund acht Jahre, und er hat nicht mehr viel Zeit, aber ein Monat ist noch ewig hin? Komme ich nicht ganz mit, aber wenn es gefühlte Temperaturen gibt dann gibt es bestimmt auch sowas wie gefühlte Zeit.
Im Laufe der Jahre gewöhnt man sich aber an so schräge Kommunikation, wobei es auch Dinge gibt, an die ich mich gar nicht gewöhnen möchte. Ich habe schon häufiger von Musiker-Frauen gehört, dass sie ständig Angst haben, weil ihre Männer fremdgehen könnten. „Du, da musst du aber IMMER aufpassen. Musiker bekommen ständig Angebote, denen sie nicht widerstehen können“, hat mir mal eine im Vertrauen gesagt, als ich sie fragte, ob sie meinen Gitarren-Mann gesehen hat. Es war eine Zeltfete auf dem Land und Rio ist als Aushilfe eingesprungen. Ich kannte dort keinen; auch diese leicht angespannte Dame nicht. Wir hatten also gerade mal unsere Namen ausgetauscht, als sie mich schon in die Grund-lagen der Musiker-Frauen-Welt einwies. Sie wusste natürlich nicht wo Rio war, musste sie doch stets ihren eigenen Gemahl im Blick haben. Muss ja ein Wahnsinnstyp sein, dachte ich neugierig und hielt Ausschau. „Welcher ist denn deiner?“, fragte ich, weil so auf die Schnelle nirgends was Passendes zu sehen war. „Na, DER da!“, meinte sie, schmiss sich stolz in Pose und deutete auf einen Typen, der sich gegenüber am Thekenrand abstütze. Er sollte wohl lässig wirken, sah aber für mich ganz anders aus. Noch zwei Millimeter lässiger und er schmiert ab, ging sofort mein Kopfkino los und ich fing laut zu lachen an.
Mal abgesehen von der Haltung, sah er auch noch aus wie ein Eimer. Mit sexy war da nicht viel los. Weißes schwammiges Fleisch in zu enge Jeans gepresst kann einfach nicht gut aussehen. Da haute sein doch recht cooles Wacken-Shirt auch nix mehr raus. Der geht auf keinen Fall zum Sport, damit er die Nächte gut durchhalten kann. Wobei, als Schlagzeuger darf man ja auch sitzen. Das kann man natürlich auch zuhause trainieren. Allerdings scheint er grundsätzlich darauf zu achten, dass er bei den Auftritten auch genug trinkt. Hicks. Und da fiel es mir auf einem Mal wie Schuppen aus seinen Haaren: Wahrscheinlich hat seine Frau ein großes Interesse daran, ihn so hässlich wie möglich zu halten, damit sie nicht allzu viel Angst haben muss, dass ihr dieses Prachtstück jemand abspenstig machen will. Meine Reaktion hat sie wohl etwas irritiert. „Ach“, rief ich ihr zu, „ich freu mich nur. Hab‘ meinen gerade entdeckt. Dann mach’s mal gut und Danke für die Tipps. Ich geh meinem gleich morgen eine Leine besorgen.“
Aus solchen Situationen fliehe ich gerne, denn wenn ich jedes Mal das sagen würde, was mir im Kopf rumgeistert, hätte ich schneller Stress als ein Satanist auf dem Kirchentag. „Erst mal weg hier“, dachte ich, strömte Richtung Ausgang auf der Suche nach dem Klo-Wagen. Und da zog es mich schon an meinem linken Ärmel hinter einen Pfeiler. „Ich hab‘ dich schon gesucht. Wo warst du denn?“, wollte Rio wissen. „Ach, gibt’s ja nicht. Ich dich auch. Und da hab‘ ich mir gleich mal deine Konkurrenz angesehen, falls du später fremd gehen willst. Sieht ganz gut aus für dich.“ Und dann kam auch schon der Einspieler zum Einläuten des nächsten Sets. Rio ging auf die Bühne und ich in die andere Richtung, möglichst weit weg von des Schlagzeugers Weib. Auf der Rückfahrt so gegen vier Uhr morgens freuten wir uns beide, dass wir da raus sind. Top40 Coverbands sind nichts für Rio. Das macht er wirklich nur fürs Geld. Da ist er Musiker-Nutte, wie er selbst sagt.
Das Klientel von Zeltfeten ist nichts für mich. Ich komme mit den Leuten einfach nicht klar, bzw. trinke ich nicht genug, um eine gemeinsame Kommunikations-Ebene zu finden. Mir fehlt es definitiv am Lall-Faktor. Mal sehen, ob ich mich da vielleicht irgendwann mal über einen VHS-Kurs weiterbilden lassen kann. Rio bei solchen Veranstaltungen ständig zu begleiten, kann unter den momentanen Umständen nur die Ausnahme bleiben. Das schaffe ich nicht. Wird Zeit, dass der Mann richtig berühmt wird und andere Bühnen bespielt.
Und so entschied ich, das nächste Event dieser Art auszulassen und es mir stattdessen mit Gesichtsmaske und einem Pott Eis bei einem Frauenfilm auf dem Sofa gemütlich zu machen. Ein Weiberabend ganz mit mir alleine, mit einem Schmusefilm meiner Wahl und mit so vielen Pinkelpausen, wie ich sie brauche, ohne diskutieren zu müssen. Tolle Aussichten! Maske ist drauf, der Film eingelegt und ich öffne gerade die Eisverpackung. Da klingelt mein Handy: Rio is calling. Es ist jetzt kurz vor 19 Uhr und bei ihm geht es erst um 20.30 Uhr los. Der Soundcheck scheint also gemacht und er langweilt sich. „Das Warten kotzt mich am meisten an“, sind dann auch seine zärtlichen Worte zur Begrüßung. „Also alles wie immer“, sage ich und drücke den Deckel wieder auf die Eisverpackung, denn das kann länger dauern. „Isst du etwa Eis?“ Donner-wetter, was der alles aus Geräuschen erkennen kann! Sozusagen der Mister Marple des Telefon-Hör-Krimis. „Ja“, antworte ich und wundere mich eigentlich, dass er nicht auch noch die Sorte nachschiebt. „Ohne mich?“ „Stimmt“, sage ich, „du bist ja auch nicht da.“ Das sollte gar nicht vorwurfsvoll klingen, sondern nur eine Feststellung sein. „Ich rackere mich hier ab, damit wir mit 50 ausgesorgt haben und du hängst auf dem Sofa und frisst Eis ohne mich?“ Bei Essen, von dem er nichts abkriegt, hört sein Spaß auf. Find ich eigentlich frech, denn warum soll ich mir nichts gönnen, nur weil er nicht da ist? Mir fallen tausend Sachen ein, die ich ihm an den Kopf knallen könnte, aber ich atme tief durch und versuche es mit Humor: „Wenn wir mit 50 ausgesorgt haben, dann bin ich übrigens erst 40 und wenn die Gesichtsmaske, die ich gerade im Gesicht habe, so gut ist wie es draufsteht, dann sehe ich dann womöglich sogar nur aus wie 30. Und wenn du so weiter meckerst, dann stelle ich das Eis sofort wieder ins Eisfach und suche mir noch heute Abend einen jüngeren und größeren mit Haaren.“ „Ich mein‘ ja nur“, sagt er und lenkt ab „kann man optisch mit so einer Maske wirklich 10 Jahre rausholen? Dann will ich sowas auch.“
Natürlich will er das dann auch. Das Alter ist etwas, von dem er nicht so gerne spricht, sich aber doch ständig damit auseinandersetzt. Nicht, dass er es grundsätzlich schlimm findet alt zu werden. Die Voraussetzung bleibt ja auch bestehen älter werden zu müssen, wenn man die 50 anpeilt, um endlich ausgesorgt zu haben. Und klar ist es ärgerlich, wenn man an manchen Castings nicht teilnehmen kann, weil dort gerne so bekloppte Altersgrenzen eingebaut werden, aber ‚so what’ würde der Ami sagen. Und mal ehrlich, wenn da eh nur junges grünes Musik-Gemüse gewollt ist, was man noch schön hübsch fürs Business zurechtbiegen kann, dann ist Rio bei denen ohnehin falsch. Da hat keiner Lust auf Diskussionen mit einer ausgewachsenen Rockbanane, die zudem noch ihren eigenen Kopf hat und sich im Laufe der Jahre bereits selbst zurechtgebogen hat. Alte Bäume verpflanzt man nicht und alte Bananen bekommt man nicht mehr grün. Es gibt Dinge, die kann man nicht ändern. Die muss man so nehmen wie sie sind. Außerdem wird er sowieso grundsätzlich für jünger gehalten, also verstehe ich den Aufriss sowieso nicht so ganz.
Neulich war er wieder beim jährlichen Fitness-Check im Sportstudio. Dafür muss man sein Alter angeben. „Diesmal“, berichtet er stolz im Anschluss „habe ich ehrlich gesagt, wie alt ich bin!“ „Und?“, frage ich „hat’s doll weh getan?“ „Die wollten das aber nicht glauben“, ignoriert er meinen ketzerischen Einwand und grinst mich an, die linke Augenbraue leicht hochgezogen. Ich nenne sie heimlich die ‚Provokations-Braue’. Wenn die kommt, so weiß ich mittlerweile, muss man aufpassen. „Ach, das ist ja ein Ding“, versuche ich daher möglichst neutral zu bleiben. „Ich bin topfit für einen 32-jährigen!“, sagt er, freut sich wie Bolle und schwingt seinen eigentlich zehn Jahre älteren Body unter die Dusche. Die einzige Frage, die für mich somit noch weiterhin offen bleibt ist die, ob die Wahrsagerin damals nun die echte 50 oder doch die gefühlte 50 (also bei ihm die 60) vorausgesagt hat. Bitte lass es die echte 50 sein, sonst brauche ich noch einen längeren Atem. Wie auch immer: Ich werde es mitkriegen, soviel steht fest.
„Mach doch eine Weiberband auf“, schlägt Rio vor. Er nun wieder. Was für bescheuerte Ideen der Mann manchmal hat: ich kann weder singen noch ein Instrument spielen. Außerdem weiß er doch, dass ich in der fünften Klasse beim Vorsingen direkt wieder aus dem Chor geflogen bin. Für ihn scheint das allerdings kein Hinderungsgrund zu sein. „Wieso rollst du mit den Augen? Denk‘ doch mal kreativ: Schon mal was von Punk gehört?“ Wird ja immer besser die ganze Nummer. Ich soll also mal kreativ denken, als ob mir das sonst völlig abgeht. Könnte ich es, würde ich jetzt an dieser Stelle die Provokations-Braue rausholen. „Super Idee“, rufe ich, „dann können wir ja demnächst gemeinsam auf Tour gehen!“
Zu meinem nächsten Geburtstag habe ich dann prompt einen E-Bass samt Verstärker bekommen. Mit Ironie hat er’s ja so gar nicht. Sieht aber sehr cool aus, das Teil und steht seitdem in der Ecke. „Und wie läuft’s?“, fragt er so etwa zwei Wochen später beim Sonntags-Frühstück. Ich lasse die Zeitung sinken und gucke ihn an. „Womit?“, mir ist nicht klar worauf er hinaus will. „Na, mit Bass und Band natürlich.“ „Ich frühstücke gerade und lese Zeitung“, mache ich klar, um meine Ruhe zu haben. Ich hasse es, wenn er mich noch vor Ende des ersten Kaffees ausfragt. „Das sehe ich, aber das war nicht meine Frage“, lässt er nicht locker. „Läuft prima“, versuche ich die Sache für den Moment einfach mal abzukürzen. „Ach ja? Das ist ja toll. Wo probt ihr denn?“ „Was?“, ich war schon wieder im Artikel versunken. Ist aber auch wirklich spannend zu lesen, warum und wie sich Leute Fett aus dem Hintern ins Gesicht spritzen lassen, um die Falten wieder rauszudrücken. Sachen gibt’s. „Wo ihr probt?“, hakt er nach. „Wieso wir?“, eine Frage jagt heute Morgen die nächste, “Ich und mein Bass, oder wie?“ Ich verstehe nur noch Bahnhof. Was will der von mir? „Du und deine Band, hör mir doch mal zu!“, seine Stimme wird schärfer und die Braue zuckt auch schon wieder sehr verdächtig. Ich lege die Zeitung weg. „Ich hab‘ noch keine Band“, sage ich betont ruhig und schaue ihn an. „Ich denke es läuft prima?“, wundert er sich. „Tut’s ja auch“, versuche ich mich rauszureden, „Ich bin aber noch in der mentalen Vorbereitungsphase.“ Dabei bemühe ich mich um einen richtig ernsthaften Künstler-Gesichtsausdruck, der wohl auch Wirkung zeigt. „Ja Mensch Uschi, dann sag das doch gleich und lass dir nicht alles aus der Nase ziehen.“ Ich will überhaupt nicht, dass mir irgendjemand irgendwas aus der Nase zieht. Ist ja ekelig. Weitere Fragen hat er nicht. Zumindest jetzt nicht.
