Mietgeschichten - Barbara Pausch - E-Book

Mietgeschichten E-Book

Barbara Pausch

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Beschreibung

Barabara Pausch hat sich viele Erlebnisse, die sie in 25 Jahren als Vermieterin gehabt hat, von der Seele geschrieben, 25 Jahre Vermietung mit allen Facetten. Von Freude bis schierer Verzweiflung. Trotzdem humorvoll geschrieben.

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Seitenzahl: 85

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Die Autorin

Barbara Pausch, geboren 1958 in Leipzig, hat ihre Heimatstadt im Herbst 1989, kurz vor dem Fall der Mauer, mit ihrem damals 8- jährigen Sohn in Richtung Westen verlassen.

Mehrere berufliche Stationen brachten sie schließlich in die Versicherungs- und vor allem Immobilienbranche.

Eigenen Erfahrungen und die guter Freunde veranlassten Sie, dieses Buch zu schreiben.

Eigentlich war alles topgeplant. Wir wollten rüber. Wir hatten Verwandte, die durch unsere Mutter, die ja seit einigen Jahren Rentnerin war und fahren durfte, mit uns durch Erzählungen bekannt waren.

Ab und an besuchten Sie uns auch, meistens zur Leipziger Messe.

Die Entscheidung fiel erstaunlich schnell und urplötzlich.

Eben noch hatte ich einen früheren Schulkollegen getroffen.

Erst jahrelang nicht, dann jeden Dienstag. Da war alles klar.

Ich arbeitete damals genau gegenüber der Stadtverwaltung.

Dienstags war Sprechtag und Jürgen kam anschließend immer rüber essen.

Ich war zu dieser Zeit seit einigen Jahren in der Gastronomie tätig.

Manche Leute sah man immer nur dienstags, so auch Jürgen.

Ich sprach ihn direkt an und fragte, ob er auch weg wolle, rüber in den Westen.

Jürgen wurde rot.

Alles klar.

Er wollte weg.

Er ging wohl nicht so offen damit um, wie mittlerweile viele andere.

„Mensch, Jürgen. Überleg dir das. Hier weißte, was du hast“.

„Merkst du nicht, was los ist? Hier klappt doch gar nichts mehr, es macht einfach keinen Spaß mehr.

Ich verdien ´ne Menge Geld, aber was kann ich damit anstellen?

Auto kaufen?- Entweder 'ne Schrottkarre zu erhöhtem Preis oder 15 Jahre warten. Verreisen?- Selbst, wenn du nach Russland willst, wird dir noch vorgeschrieben, wo du lang darfst!

Zu den Tschechen? Klar, das ist okay, aber da kenn ich mittlerweile jede Ecke.

Den ganzen Ostblock habe ich zur Genüge gesehen.

Einfach mal nach Italien oder Spanien oder…. Mir fallen ´ne Menge Ziele ein, die ich mir mal ansehen würde…“

Auf einmal kam Jürgen nicht mehr.

Er war wohl weg.

Ob direkt, also mit Genehmigung, oder über Prag oder eine andere Botschaft- keine Ahnung.

Ich hörte erst viele Jahre später von seinem Bruder, dass er in Ungarn war, als der Schlagbaum zu Österreich fiel.

Es tat sich Vieles in dieser Zeit.

Zum einen wurde die politische Lage immer gravierender.

Zum Beispiel gab es Berichte von den Studentenaufständen in China.

Sie begehrten auf, wollten Änderungen und wurden einfach zusammengeprügelt.

Die DDR- Regierung befürwortete das Verhalten der chinesischen Regierung.

Es war einfach unglaublich….

Das wurde zwar nicht in den DDR-Medien publiziert, aber wir empfingen ja das Westprogramm. Die Tagesschau und andere Reportagen zum Thema Wandel in der DDR wurden immer mehr zum Muss.

Die sich unter anderem daraus ergebenden Proteste der DDR- Bürger wurden immer mehr sichtbar.

Auf einmal wurde durch die einfachen Leute nicht mehr hinter vorgehaltener Hand die Situation besprochen.

Denn wenn eine „falsche“ Person Kritik zu hören bekam, stand man schnell am Pranger der Stasi. Nein. Immer mehr Leute wurden immer mutiger und sagten offen ihre Meinung.

Zum anderen vollzog sich in mir ein Wandel.

Schlüsselerlebnis waren tatsächlich die Ereignisse in China und das Verhalten der DDR-Regierung dazu.

Nun wurde mir angst und bange, dass, da ja unsere Bürger auch immer häufiger auf die Straße gingen, ähnlich wie 1954 Panzer auflaufen würden oder wie 1968 in der damaligen ČSSR der gesamte Warschauer Pakt alles zusammenschlägt.

Das hatte ich, da ich mich damals dort aufhielt, persönlich erlebt.

So kam es, dass ich keine drei Monate, nachdem ich Jürgen bezüglich seines Vorhabens meine Skepsis oder gar Unverständnis bekundet hatte, dasaß und meinen Ausreiseantrag schrieb.

Das tat ich sehr entschlossen.

Im Grunde hatte ich das gleiche Problem wie Jürgen.

Ich verdiente gut, mein Konto wurde immer praller und gesehen hatte ich auch schon viel, aber meine Abenteuerlust und Sehnsucht waren riesengroß.

Am 09. Mai 1989 gab ich den Ausreiseantrag ab.

Eigentlich stellte ich gar keinen Ausreiseantrag sondern einen Antrag auf Ablegung der Staatsbürgerschaft der DDR.

Es hatte sich etwas verzögert, da ich mir erst mal einige Unterlagen besorgen wollte, denn der Antrag sollte fundiert sein.

Ich wurde gebrieft von anderen, die die ganze Prozedur bereits hinter sich hatten:

nur Tatsachen schreiben, keine Behauptungen aufstellen, die nicht bewiesen werden konnten, alles belegen.

Ich erhielt von genau diesen Leuten die Schlussakte von Helsinki und, was noch wichtiger und für mich und sehr interessant war, da ich das bis dahin gar nicht kannte: das Staatsbürgerschaftsgesetz der DDR.

Da stand doch tatsächlich drin geschrieben- der Paragraf ist mir nicht mehr geläufig- dass jeder DDR- Bürger seinen Wohnort frei wählen kann.

Und das war nicht auf das Territorium der DDR begrenzt. Es war weltweit gemeint.

Auch stand darin, dass jeder, wenn er das will, die Staatsbürgerschaft ablegen kann.

Meine Vermutung war, dass man damit der westlichen Welt zeigen wollte, dass diese Möglichkeit bestanden, aber ja gar nicht von den Bürgern genutzt, weil nicht gewollt, wurde.

Diese Überlegung zeigte mir mal wieder, wie weit weg die Betonköpfe von der Realität waren.

Der Sommer verging mit nur zwei damit im Zusammenhang stehenden Ereignissen (mehr habe ich jedenfalls nicht bemerkt):

Mein Telefon wurde abgehört und das ziemlich dilettantisch.

Bei jedem Anruf hörte man, bevor ein Teilnehmer sich meldete, ein Klicken.

Erst dachte ich, dass es an der Technik lag, aber ich hatte einen Bekannten bei der DDR-Telekom (ich weiß gar nicht mehr, wie die Telefonfirma dort richtig hieß), der mich aufklärte:

überleg dir ab sofort, was du sagst. Keine Behauptungen, die du nicht beweisen kannst,….

Jedenfalls schützte ich auch die Telefonteilnehmer indem ich jedes Mal diese, ehe sie etwas sagen konnten, darüber informierte, dass die Stasi mithörte.

Das hatte keinerlei Folgen für mich, denn dann hätten diese Herrschaften ja eingestanden, dass sie tatsächlich mithörten.

Das zweite Ereignis:

Ich wurde einmal beobachtet.

Es war ein heißer Tag. Wir kamen vom Baden nach Hause.

Als wir ins Haus gingen, stieg ein Herr aus seinem Wartburg, der wohl schon einige Zeit dort stand, und fragte eine ältere Dame aus unserem Haus, die aus dem Fenster schaute, ob ich die Person war, nach der er sich bereits erkundigt hatte.

Sie bejahte, er stieg ins Auto fuhr weg.

Ich klingelte bei der Nachbarin.

Sie erzählte, dass der Herr sich über mich erkundigt hatte, sie aber nur gesagt habe, dass ich völlig unauffällig lebe, meiner Arbeit nachgehe und ein liebevolles Verhältnis zu meinem Sohn habe.

Mehr passierte vorerst nicht.

Ich benahm mich tatsächlich sehr unauffällig, da ich, obwohl gar nicht ängstlich, doch Bedenken hatte, da ich nicht nur für mich, sondern als alleinerziehende Mutter ja auch für meinen damals 8-jährigen Sohn verantwortlich war.

Immer öfter hörte ich von Vorkommen, dass auf einmal Familienmitglieder verschwanden und die Betroffenen nichts von deren Verbleib erfuhren.

Genau da war ich angreifbar. Mein Sohn war von Anbeginn der Sinn meines Lebens.

Ihm durfte niemand etwas antun.

Ich wurde ca. drei Wochen nach Abgabe meines Antrags vorgeladen, zu einer Zweigstelle des Innenministeriums.

Eine junge Dame führte mit mir ein Gespräch.

Etwas abseits saß eine andere, die so tat, als ginge sie das alles nichts an.

Wenn ich zu ihr schaute, blickte sie gelangweilt aus dem Fenster. Aus dem Augenwinkel sah ich aber, dass sie fleißig mitschrieb.

Ich machte meiner Gesprächspartnerin klar, dass ich an dem Antrag festhalte wollte, obwohl sie mir sagte, dass sich doch die DDR im Umbruch befände (das sagte sie übrigens im Mai!) und Leute wie ich es bin, hier gebraucht würden.

Ich versuchte ihr zu erklären, dass bitte schön die Leute, die die Karre in den Dreck geschoben haben, diese gefälligst auch heraus holen sollen, sie mir sagte, dass mein Antrag eh abgelehnt würde, ich ihr darauf entgegnete, dass die Behörden dann gegen ihre eigene Gesetze verstoßen würden (.. jeder Bürger kann seinen Wohnort frei wählen..)

- es gab einen regelrechten Schlagabtausch.

Sie entließ mich aus dem Gespräch und alles war offen.

Das nächste Mal klingelte im September die Dame, die bei dem Gespräch am Fenster saß, bei mir und drückte mir eine Karte in die Hand, auf der geschrieben stand, dass ich am Soundsovielten auf ihrer Behörde zwecks

„Klärung eines Sachverhaltes“ zu erscheinen habe.

Da war klar, jetzt tut sich was.

Ich durfte sogar frei wählen, wann ich das Land verlassen wollte.

Wir machten einen richtigen Umzug, da meine Verwandten alles einlagern konnten.

So fiel mir der Anfang finanziell nicht ganz so schwer.

Am 01.11.1989 stieg ich vormittags mit meinem Sohn in den Zug und gegen späten Nachmittag in Gießen aus.

Das Aufnahmelager hatte uns am nächsten Vormittag schon nicht mehr.

Es ging auf nach Koblenz.

Dort erwartete uns mein Bruder, der Ende Mai abgehauen war.

So weit, so gut.

Der Mann meiner Cousine hatte ein Häuschen, welches wir mieten konnten, denn die derzeitigen Bewohner hatten erhebliche Mietschulden und die Zwangsräumung stand an.

Es schien alles geradlinig zu laufen- aber es schien nur so.

Am Abend vor der Zwangsräumung rief mein Verwandter an und teilte mit, dass die Mieterin ihm angeboten hatte, alle Mietrückstände zu zahlen, zuzüglich eine hohen Kaution sowie die Kosten, die er bereits hatte, wenn er auf die Zwangsräumung verzichte und sie in dem Haus bleiben dürfte.

Ich sollte nun entscheiden, was er machen sollte, das Angebot annehmen oder an uns vermieten.

Meine Antwort war sofort: „Nimm das Angebot an.“

Er war wohl ziemlich erleichtert, denn ich schätze ihn so ein, dass er zu seinem Versprechen, an uns zu vermieten, gestanden hätte, zumal wir auch schon einen schriftlichen Mietvertrag hatten.

Jetzt hatten wir ein Problem- keinen Wohnraum.

Wir wohnten mal bei der einer Cousine, mal bei einem Cousin. Dann, da ja mein Junge in die Schule musste, in einer provisorischen Unterkunft, was aber keine Dauerlösung war.

Doch ich gab nicht auf.

Mittlerweile waren die Grenzen offen, der Zustrom groß und Wohnraum so etwas wie ein Lottogewinn.

Mittwochs und samstags durchstöberte ich die

Annoncen in der Rheinzeitung, dienstags und freitags die „Such und Find“.

Nach Wochen wurde ich tatsächlich fündig.

Richtig teuer mit einer überhöhten Abstandszahlung für Dringelassenes, aber wir hatten eine Wohnung und mein Sohn konnte in der Schule bleiben, die er bereits besuchte.

Das Glück währte nicht lange, denn mein Vermieter-Ex-Ehepaar war sich nicht mehr einig und verkaufte die Wohnung.

Natürlich wurde diese auch mir angeboten, allerdings zu einem Preis den ich nicht bereit und in der Lage war, zu zahlen.

Wieder begann eine Odyssee.

Der Zustrom aus dem Ostblock vergrößerte sich weiter.