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Miko ist mit der Technologie der alten Themianer im Gepäck zur Erde zurückgekehrt, damit der Planet vor seiner Zerstörung bewahrt werden kann. Sie und Feryn sollen unterdessen in dem festungsartigen Hochhaus ihres Vaters verweilen, denn Miko ist immer noch in Gefahr. Obwohl viele Lescaten bereits die Erde verlassen haben und zu den anderen Welten geflohen sind, trachtet ihr jemand weiterhin nach dem Leben und lässt sich von allen Sicherheitsmaßnahmen nicht aufhalten. Doch auch in ihrer Nähe spielt jemand ein doppeltes Spiel, aber ist es ein Freund oder Feind? Dabei ist ihr sehnlichster Wunsch, so bald wie möglich nach Themis zurückzukehren, um ihre Freunde zu retten. Eine nahende Katastrophe könnte auch dort jederzeit über den Planeten hereinbrechen, und die zuletzt empfangenen Nachrichten sind beunruhigend. Miko sorgt sich allerdings nicht nur um die themianischen Siedler, sondern auch um das mysteriöse Chironomia, an das sie unentwegt denken muss. Das kleine Wesen hütet offenbar ebenfalls ein Geheimnis in seinen Genen, ganz wie sie selbst.
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Seitenzahl: 824
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Miko ist mit der Technologie der alten Themianer im Gepäck zur Erde zurückgekehrt, damit der Planet vor seiner Zerstörung bewahrt werden kann. Sie und Feryn sollen unterdessen in dem festungsartigen Hochhaus ihres Vaters verweilen, denn Miko ist immer noch in Gefahr. Obwohl viele Lescaten bereits die Erde verlassen haben und zu den anderen Welten geflohen sind, trachtet ihr jemand weiterhin nach dem Leben und lässt sich von allen Sicherheitsmaßnahmen nicht aufhalten. Doch auch in ihrer Nähe spielt jemand ein doppeltes Spiel, aber ist es ein Freund oder Feind?
Dabei ist ihr sehnlichster Wunsch, so bald wie möglich nach Themis zurückzukehren, um ihre Freunde zu retten. Eine nahende Katastrophe könnte auch dort jederzeit über den Planeten hereinbrechen, und die zuletzt empfangenen Nachrichten sind beunruhigend. Miko sorgt sich allerdings nicht nur um die themianischen Siedler, sondern auch um das mysteriöse Chironomia, an das sie unentwegt denken muss. Das kleine Wesen hütet offenbar ebenfalls ein Geheimnis in seinen Genen, ganz wie sie selbst …
Für Daniel
Mit meinem Bruder kann ich über alles reden.
»Wissen Sterbliche jeden Tag ihres Lebens nicht umso mehr zu schätzen? Je mehr ich darüber nachdenke, desto schwerer fällt mir die Entscheidung.«
Aus den Memoiren des Lars Evendahl
Erde
Im Orbit
Pilar del Mundo
New Couver
Apartment
Der Ausbilder
Die Nachricht
Informationen
Der Auftrag
Die Rettung
Der Hohe Rat
Deus
Offenbarung
Nimbus
Vorbereitungen
Aufbruch
Themis
Ankunft
Siedlung
Verfolger
Neue Verbindung
Expedition
In die Dunkelheit
Wollzunge
Angriff
Begegnungen
Rätsel
Verfolgung
Spekulationen
Die Chironomia
Wort Siebenundsechzig
Gambit
Schlusswort
Als Miko erwachte, konnte sie nicht klar denken. Sie hatte das Gefühl auf dem Kopf zu stehen und war völlig orientierungslos. Doch das kam ihr bekannt vor. Auch der kurze Stich in den Hals, den sie gleich darauf verspürte, passte dazu. Einige Sekunden später war sie durch die Injektion auch schon wieder bei vollem Bewusstsein und schlug die Augen auf. Das Licht in der engen Schlafkammer war gedämpft, dennoch blendete es sie nach der weiten Reise von eintausend Lichtjahren. Sie blinzelte, um sich wieder daran zu gewöhnen. Langsam drehte sie ihren Kopf zur Seite und sah in das freundlich lächelnde Gesicht von Corim, der neben ihr in der Luft schwebte. Es wirkte ein bisschen, als würde er von oben auf sie herabblicken, und für einen kurzen, seltsamen Moment kam es ihr vor, als läge sie in einem Sarg.
»Guten Morgen«, begrüßte er sie. »Wie fühlst du dich?«
Miko wollte etwas sagen, doch das Sprechen fiel ihr noch schwer. Sie musste auch erst überlegen, was sie antworten sollte. Vorsichtig bewegte sie ihre Finger und ihre Zehen, und als sich alles ganz normal anfühlte, erwiderte sie langsam: »Guten Morgen. Danke, ganz gut, denke ich.«
»Das freut mich. Warte, ich helfe dir mit den Verschlüssen.« Mit diesen Worten öffnete Corim die beiden Gurte, die Miko in der Kammer fixierten. Sie blickte an sich hinab auf die losen Enden, die daraufhin in der Luft trieben, wie weiße Algen in stillem Wasser.
Danach stieß sie sich noch etwas kraftlos von der Innenseite der Kammer ab und schwebte langsam heraus. Schwerelosigkeit war für sie noch immer ungewohnt.
»Wo sind wir?«, wollte sie nur noch wissen. »Haben wir die Erde erreicht?«
»Komm«, sagte Corim und nahm ihre Hand. »Wir können hinaussehen.« Er zog sich an einem Haltegriff nach vorne und schwebte gemeinsam mir ihr in den Seitengang mit den Fenstern. »Dieses Mal wurdest du als Erste geweckt, zumindest gleich nach mir. Nicht, dass du dich wieder beschwerst.«
»Ich habe mich damals nicht beschwert«, entgegnete sie mürrisch und fügte dann hinzu: »Na ja, ein bisschen schon.«
Miko griff nach einer Halterung und drehte sich herum, sodass sie durch das runde Sichtfenster schauen konnte. Dann blieb sie mit offenem Mund in der Luft stehen, denn der Anblick war auch dieses Mal wieder überwältigend.
»Die Erde«, flüsterte sie und sah gedankenverloren auf den blauen Planeten, dessen Kontinente ihr so vertraut waren. Von hier oben aus, in der geosynchronen Umlaufbahn, erschien sie ihr nicht größer als ein Sportball.
»Sie hat sich nicht sehr verändert seit dem letzten Mal«, lachte Corim. Er schwebte neben sie an das Fenster.
»Ja, aber ich dachte, ich würde sie nie wiedersehen! Man hat uns gesagt, es wäre eine Reise ohne Wiederkehr, dass wir nie wieder ins All gelangen würden. Und jetzt sind wir hier.« Miko machte eine lange Pause. »Das ist so unglaublich«, sagte sie leise.
»Unglaublich ist es in der Tat«, pflichtet Corim ihr bei. »Das hätte niemand auch nur ahnen können.«
»Aber was ist, wenn wir uns geirrt haben?«, fragte Miko und sah ihren Vater entsetzt an. »Was ist, wenn wir die Erde nicht retten können? Wenn sie zerstört wird?«
»Wir schaffen es schon«, versuchte er sie zu beruhigen. »Dass wir hier sind beweist, dass die Technologie funktioniert. Ich werde sofort alles in die Wege leiten, sobald wir wieder festen Boden unter den Füßen haben. Und ich bin mir sicher, dass uns jeder Mensch dabei unterstützen wird.«
»Wird man uns denn überhaupt nach unten lassen? Ich meine, wir waren auf einem fremden Planeten! Wir haben außerirdische Keime und was weiß ich alles an uns kleben. Es ist doch strengstens verboten, etwas davon auf die Erde zu bringen.«
»In diesem Fall wird man eine Ausnahme machen müssen«, entgegnete Corim. »Ich bin immer noch Mitglied des hohen Rates, ich kenne mich mit dem neuen Antrieb aus und kann sofort dafür sorgen, dass mit der Produktion der Sonden begonnen wird. Sie können nicht auf uns verzichten, auch auf die Gefahr hin, dass wir schädliche Mikroorganismen einschleppen. Die Alternative ist weitaus schlimmer. Allerdings sind wir nicht vollständig mit dem irdischen Netzwerk verbunden, und ich kann momentan meine wahre Identität nicht bestätigen. Derzeit bin ich nur der Wissenschaftler Nicolas Alinson und nicht der Lescat Corim Senec.«
»Was willst du denn jetzt machen?«
»Ich werde mit den Leuten von der Station reden.« Er lächelte. »Das kann ich ganz gut.«
Miko starrte ihren Vater misstrauisch an, denn das überzeugte sie noch nicht so recht.
»Aber jetzt wecken wir erst einmal Feryn und Valerie«, sagte dieser rasch. »Danach sehen wir weiter.« Daraufhin drückte er sich von der Wand ab und schwebte zurück in den Bereich mit den Schlafkammern, wo die zwei Crewmitglieder gerade den nächsten Vorgang zum Aufwachen einleiteten.
Miko sah wieder hinaus auf die Erde. Die eine Hälfte lag derzeit im Schatten, und die Lichter der großen Städte waren dort zu erkennen. Auf der anderen Seite strahlten weiße Wolkenbänder über dem blauschillernden Ozean. Hätte man sie gefragt, welchen Planeten sie schöner fand, sie hätte es nicht sagen können. Sie drückte ihr Gesicht an die Scheibe und erkannte jetzt auch das dünne Band des Skylifts, das von der Erdoberfläche bis zu ihnen nach oben reichte und sogar noch einmal die gleiche Strecke darüber hinaus. Auch ein Teil der Orbitalstation war zu sehen; sie waren mit der Nova Caelis also schon an ihrer endgültigen Position angekommen. Eine ganze Weile blickte sie regungslos geradeaus und gab ihrem Verstand noch etwas Zeit, die Situation zu verarbeiten. Während sie noch in ihren Gedanken versunken war, stieß sie jemand von der Seite an.
»Hier steckst du also!«, sagte Feryn grinsend, der unvermittelt neben ihr aufgetaucht war.
»Schleich dich nicht so an mich ran!«, rief sie erschrocken. Doch dann musste sie lächeln. »Hallo Feryn, ich bin auch gerade erst geweckt worden.«
»Tut mir leid, in Schwerelosigkeit macht man nicht so viele Geräusche. Was gibt es denn da zu sehen?« Feryn zog sich nun ebenfalls an das Sichtfenster heran.
»Die Erde«, schwärmte Miko, und sie sahen gemeinsam hinaus. »Sie sieht toll aus, oder?«
Feryn schien zu überlegen, dann sagte er: »Also, Themis finde ich schöner.«
Miko stieß ihn tadelnd an. »Was hast du gegen die Erde?«
»Da sind mir zu viele Lichter, zu viele Menschen. Themis ist noch unberührt.«
»Aber die Erde ist unsere Heimat«, hielt sie dagegen.
»Ich fühle mich aber inzwischen mehr als Themianer«, gestand Feryn.
»Trotzdem«, sagte Miko nachdenklich. »Es ist der wertvollste Planet von allen, und wir müssen ihn retten.«
»Das müssen wir wohl. Auch wenn ich nicht glaube, dass wir zwei jetzt noch viel dazu beitragen können.«
»Wir haben ja auch schon mehr getan als jeder andere. Ohne uns wäre die Menschheit womöglich verloren. Auf allen Planeten.«
»Vermutlich hast du recht«, gab Feryn zurück und sein Blick fiel auf den Skylift. »Wann fahren wir denn nach unten? Lange halte ich es hier oben nicht aus. Ich bin kein Raumfahrer, und mir ist jetzt schon ganz komisch.«
»Ich weiß nicht. Noch hat vermutlich niemand davon erfahren, dass Menschen von einem anderen Planeten zurückgekommen sind und die Erde betreten wollen. Es ist ja auch eigentlich streng verboten.«
»Warum denn?«
»Na, wegen der Mikroorganismen.«
»Ach ja, richtig.«
Sie sahen noch eine einige Zeit hinaus, bis jemand weiteres zu ihnen geschwebt kam. Es war Valerie.
»Hallo ihr beiden!«, sagte sie vergnügt, während sie eine langsame Rolle vorwärts vollführte, an dessen Ende sie von der Wandverkleidung abfederte. »So wie es aussieht, sind wir alle heil angekommen.«
»Ja, aber noch sind wir nicht auf der Erde«, antwortete Miko und deutete nach draußen. »Doch den Skylift kann man schon sehen.«
Valerie blickte durch eines der anderen Fenster. »Wir können bestimmt bald hinüberwechseln. Corim klärt das gerade mit dem Kommandanten der Teijo Station.«
»Er klang, als wäre es nicht so einfach«, wandte Miko ein.
»Dann bleiben wir eben noch eine Weile hier oben«, sagte sie gut gelaunt und drehte sich langsam um ihre eigene Achse. »Ich meine, wenn wir schon mal im Weltraum sind.«
»Dir scheint das nichts auszumachen«, sagte Feryn naserümpfend.
»Ich bin Meeresbiologin, oft auf dem Wasser«, antwortete sie, während sie sich weiterdrehte. »Mit Seekrankheit habe ich keine Probleme.«
»Ich bin Ranger. Im Wald«, erinnerte sie Feryn. »Mir wird schon schlecht, wenn ich dir zusehe.«
»Na gut. Schauen wir nach Corim.« Dann stieß sie sich ab und schwebte davon. Miko und Feryn folgten ihr so gut es ging.
Nach einer Weile fanden sie Corim im Kommandoraum der Nova Caelis neben dem Kapitän. Dieser verhielt sich ruhig, während Corim ein ernstes Gespräch mit jemandem führte, dessen Stimme durch einen Kommunikator an der Wand ertönte.
»Hören Sie, ich mache keine Scherze«, sagte Corim bestimmt.
»Nein, hören Sie«, kam energisch zurück. »Nur, weil Sie und der Kapitän mir erzählen, Sie wären einer der unsterblichen Lescaten, kann ich nicht einfach alle Sicherheitsvorschriften ignorieren. Ich brauche etwas Handfestes.«
»Lassen Sie mich zumindest mit Direktor Fedorov, dem Leiter der Bodenstation in Pilar del Mundo sprechen. Wir hatten früher bereits Kontakt.«
»Fedorov ist schon lange nicht mehr Leiter der Bodenstation«, hörten sie die Stimme antworten. »Direktorin Nikula ist jetzt für die Einrichtung verantwortlich.«
»Von mir aus spreche ich auch mit Nikula«, erwiderte Corim. »Wir haben uns damals kurz in der Orbitalstation kennengelernt.«
»Ich habe sie bereits nebenbei kontaktiert«, sagte der Mann. »Sie erinnert sich und sagt, dass ein Nicolas Alinson vor über drei Jahren mit der Lux Caliginis nach Themis geflogen sei. Ein Wissenschaftler.«
»Korrekt. Und wir sind wieder zurückgekehrt.«
»Aber Sie befinden sich offenbar an Bord der Nova Caelis.«
»Ja, denn wir waren in der Zwischenzeit auf der Oberfläche des Planeten.«
»Wie sind Sie denn von der Oberfläche wieder in den Orbit gelangt, wenn ich fragen darf?«
Miko wunderte sich, dass der Mann sich offenbar nicht beirren ließ. Normalerweise hatten die Leute Respekt vor Corims Auftreten, aber vielleicht war er auch nur begriffsstutzig.
»Mittels einer neuen Technologie, wie ich bereits sagte. Und diese Technologie muss unbedingt dem Hohen Rat der Lescaten übergeben werden. So schnell wie möglich.«
»Wenn Sie wirklich einen anderen Planeten betreten hätten, dürften wir Sie gar nicht auf die Erde lassen. Das gesamte Schiff mit allen Personen müsste unter Quarantäne gestellt werden. Für immer.«
»Ich weiß«, stöhnte Corim entnervt und fuhr sich mit einer Hand durch die Haare. »Aber in diesem Fall wird man eine Ausnahme machen.«
»Warum sollte man das tun?«, hakte der Mann nach.
»Das kann ich Ihnen sagen. Weil Sie sonst alle sterben werden.«
»Ist das eine Drohung?« Der Mann blieb erstaunlich ruhig.
»Nein, eine Tatsache«, konterte Corim ebenso ruhig. »Wenn Sie darüber nicht informiert sind, ist Ihr Rang jedoch so niedrig, dass ich eigentlich gar nicht mit Ihnen reden dürfte. Aber Sie haben noch eine große Karriere vor sich, wenn Sie mein Anliegen unverzüglich an höhere Stellen weiterleiten.«
Miko bemerkte, dass ihr Vater versuchte, den Mann am anderen Ende der Leitung durch Stimmlage und Wortwahl zu beeinflussen. Sie erkannte diesen Tonfall inzwischen recht zuverlässig, doch über das Funkgerät schien es nicht zu wirken. Der Mann zeigte sich gänzlich unbeeindruckt.
»Wenn Sie so hohe Kontakte haben, warum schreiben Sie nicht selbst eine Nachricht?«, bohrte er weiter.
Corim knirschte mit den Zähnen, bevor er weitersprach. »Auch das sagte ich Ihnen bereits. Wir haben von hier aus keine vollständige Anbindung an das zentrale Netzwerk. Ich kann meine Identität so nicht reaktivieren, und als Nicolas Alinson habe ich offenbar keinen Zugriff mehr auf das System.«
»Abgereiste Siedler kommen für gewöhnlich nicht mehr zurück zur Erde«, äußerte der Mann belustigt. »Womöglich ist deshalb Ihr Zugang gelöscht worden.«
»Womöglich«, sagte Corim langsam und ohne die Zähne auseinander zu nehmen. »Womöglich wäre es auch am einfachsten, Sie würden jetzt, wie von mir anfangs angeordnet, das Protokoll L39-X8R ausführen und den Anweisungen folgen.«
»Ich nehme keine Befehle von Unbekannten entgegen«, schnaufte der Mann ins Mikrofon. »Aber ich habe es mir notiert.«
»Falls Sie sich weigern, wird man Sie in eine Recyclingfabrik in den verstrahlten Gebieten strafversetzen.«
»Ist das jetzt eine Drohung?«
»Mein lieber Kommandant Garang«, begann Corim nun wieder in besonnenem Ton, »Ihnen die Konsequenzen Ihres Handelns vor Augen zu führen ist keine Drohung, sondern ein freundliches Entgegenkommen. Ich habe es noch nie nötig gehabt, jemandem zu drohen, denn bisher war jeder klug genug, auf mich zu hören.«
Der Mann machte eine merkliche Pause, bevor er knapp antwortete: »Wir besprechen das hier.« Dann unterbrach er die Verbindung.
Corim sah zu Miko, Feryn und Valerie, die immer noch still an der Eingangsluke schwebten und sich nicht trauten, etwas zu sagen. Ratlos schüttelte er den Kopf.
»Dieser neue Kommandant ist ein harter Brocken«, musste er zugeben. »Ich hatte gehofft, es würde schneller gehen.«
»Kommen wir jetzt nicht auf die Orbitalstation?«, fragte Miko besorgt.
»Dann brauche ich aber Tabletten gegen Raumkrankheit«, warf Feryn ein, der inzwischen merklich blass geworden war. »So lange wollte ich nicht hier oben bleiben.«
»Ich kontaktiere ihn nachher noch einmal«, teilte Corim mit.
»Und wir gehen jetzt zur Crew«, sagte Valerie an Feryn gewandt. »Die haben bestimmt Medikamente für dich.« Als er nickte, stießen sich beide ab und flogen den schmalen Gang zurück. Miko blieb vor dem Kommandoraum.
»Es tut mir sehr leid«, sagte der Kapitän der Nova Caelis mitfühlend. »Ich werde auch nochmal mit der Station reden. Niemand von uns will für immer in Quarantäne bleiben, denn wir alle hatten Kontakt mit ihnen. Das ganze Schiff ist im Grunde kontaminiert.«
»Ja«, sagte Corim und fasste sich angestrengt an die Stirn. »Ich bin mir ja auch der Gefahr für die Erde bewusst, aber ich sehe immer noch keinen anderen Weg.«
»Hätten wir denn überhaupt Treibstoff, um wieder nach Themis zu fliegen?«, wollte Miko wissen.
»Auf keinen Fall«, erklärte der Kapitän. »Die Menge ist genau abgemessen für den Hin- und Rückflug. Wir benötigen mehrere Tonnen für eine Strecke und haben im Grunde nichts mehr.«
»Was ist mit einer Rettungskapsel?«, fiel Miko noch ein. »So etwas gibt es doch bestimmt, oder?«
Der Kapitän öffnete auf einem Bildschirm eine schematische Darstellung des Schiffs und tippte einen Bereich an. Ein kleines Landemodul wurde farblich hervorgehoben. »Schau her, die gibt es zwar, aber aus zwei Gründen sollten wir sie in dieser Situation nicht benutzen. Zum einen ist sie wirklich klein und bietet nur Platz für genau drei Personen – die Crewmitglieder. Zum anderen besitzt die Orbitalstation ein lasergestütztes Abwehrsystem für Trümmer oder Asteroiden. Man könnte uns abschießen, sollten wir versuchen, eigenmächtig zu landen.«
Miko zog ein entsetztes Gesicht, als sie das hörte.
»Wir warten erst einmal ab«, sagte Corim. »Der Kommandant wird jetzt etwas tun müssen, und irgendetwas wird passieren. Dann sehen wir weiter.«
Unterdessen schwebte Kommandant Garang in der Orbitalstation Teijo zu seinem Quartier. Das Gespräch mit diesem Alinson eben war ihm nicht geheuer. Gleich würde er sich erneut mit der Leiterin der Bodenstation in Verbindung setzen und fragen, was sie dazu meinte. Letztendlich war sie ranghöher und konnte eher eine Entscheidung treffen. Falls es stimmte, was dieser Mann gesagt hatte, wollte er seine Station auf gar keinen Fall mit außerirdischer Biomasse verunreinigen. Doch zunächst war er neugierig, ob es tatsächlich ein Notfallprotokoll mit der angegebenen Bezeichnung gab. Er gelangte in seine Kabine und schloss die Luke hinter sich. Dann aktivierte er den persönlichen Computer des Stationskommandanten und identifizierte sich mit dem Ring an seiner rechten Hand am System. Seufzend suchte er im Menü nach den Anweisungen für den Notfall, fand aber keine mit der besagten Nummer. Er überlegte, ob er es dabei belassen sollte, doch dann gab er widerstrebend die Zeichenfolge L39-X8R in das Suchfeld ein. Seltsamerweise erschien jetzt doch ein Eintrag mit dieser Bezeichnung. Er wählte ihn an und tippte auf Protokoll ausführen. Sofort erlosch die Anzeige, und ein roter, pulsierender Kreis erschien auf dem Display.
»Identifizieren Sie sich«, erklang eine synthetische Stimme.
Verwundert und zögerlich hielt Kommandant Garang seinen Ring gegen den Schirm und wartete ab. Kurz darauf wurde ein Text sichtbar, dessen rote, massive Zeichen vor dem schwarzen Hintergrund geradezu bedrohlich wirkten. Es schien dieses Protokoll tatsächlich zu geben.
- Notfallprotokoll L39-X8R -
Kontaktieren Sie die folgende Adresse und nennen Sie Ihren Namen, Ihren Status und Ihr Anliegen. Sie können diesen Anruf nur ein Mal tätigen.
L57A90FRT:Q7C1X8R
Garang schluckte, nachdem er den Text gelesen hatte. Woher konnte jemand dieses versteckte Protokoll kennen? Auf jeden Fall schien es ihm ungefährlich, einen einfachen Anruf zu tätigen. Immerhin verlangte die Anweisung nicht, dass sich alle in die Rettungskapseln begaben und die Station evakuierten. Also tippte er auf die Adresse, die Nachricht verschwand, und ein Videoanruf wurde gestartet. Etwa zwanzig Sekunden musste er warten, dann wurde der Anruf entgegengenommen. Sein Bildschirm blieb jedoch dunkel.
»Ja?«, sagte eine energische, männliche Stimme.
»Hallo?«, antwortete Garang unsicher, da immer noch kein Bild erschienen war.
»Wer spricht dort?«, kam zurück, und es klang nicht gerade freundlich.
»Ja, also, hier spricht Shyam Garang, Kommandant der Orbitalstation Teijo. Sie wissen schon. Vom Skylift. Im Weltraum.« Garang kam sich lächerlich vor. Wenn der Angerufene schon nicht wusste, wer er war, würde er ihm kaum glauben, wo er sich gerade befand. Aber vielleicht konnte man sehen, dass er in diesem Moment schwebte.
Nach einer kurzen Pause antwortete die Stimme immer noch ernst: »Was wollen Sie?«
»Mit wem spreche ich denn, bitte?«, wollte Garang dann doch wissen. Was auf der Raumstation vor sich ging, war schließlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt.
Der Mann antwortete in einem Tonfall, der ihm eine Gänsehaut bescherte. »Nennen Sie mir Ihr Anliegen.«
Garang räusperte sich. So wichtig war sein Name nun auch wieder nicht. »Wissen Sie, das klingt jetzt vielleicht seltsam, aber hier ist jemand an Bord eines Raumschiffs, der mir gesagt hat, ich solle ein Protokoll ausführen, das mir diese Nummer angezeigt hat. Er heißt Nicolas Alinson, aber angeblich ist er ein Lescat und sein wahrer Name lautet Coram Sena, oder so ähnlich.« Der Kommandant schüttelte den Kopf bei seinen eigenen Worten. Es klang zu absurd.
»Sprechen Sie weiter«, forderte ihn die Stimme auf.
»Nun«, begann Garang und rang nach Worten, »er ist vor über drei Jahren mit der Lux Caliginis nach Themis geflogen, behauptet aber, er wäre mit drei weiteren Personen von der Oberfläche zur Nova Caelis gelangt und mit ihr zur Erde zurückgeflogen. Dazu hat er angeblich eine neue Technologie genutzt und verlangt jetzt, auf die Orbitalstation gebracht zu werden, damit er mit dem Skylift nach unten fahren kann, obwohl alle an Bord mit Alien-Keimen kontaminiert sind. Die ominöse Technologie soll uns angeblich retten, weil wir ansonsten alle sterben.« Garang holte Luft und konnte nicht fassen, was er da gerade einem Unbekannten erzählt hatte. Gleich würde dieser ihn für verrückt erklären.
Es dauerte eine Weile, doch dann meldete sich die Stimme erneut.
»Es gilt Notfallprotokoll L1. Sprechen Sie unter gar keinen Umständen mit irgendjemandem darüber. Sie erhalten in Kürze neue Befehle.« Dann wurde die Verbindung getrennt.
Garang starrte ungläubig auf den dunklen Bildschirm. Was war hier gerade passiert? Er wusste, dass Protokoll L1 Maßnahmen beschrieb, den Grund für kurzfristige Entscheidungen vor der restlichen Besatzung geheim zu halten. Sollte er es jetzt befolgen, nur, weil er erneut mit einer wildfremden Person gesprochen hatte? Die Frage erübrigte sich, als kurz darauf sein Armband vibrierte und den Eingang einer neuen Nachricht ankündigte. Er tippte auf das Display und las den Text, der mit dem Siegel der obersten Abteilung der Raumfahrtbehörde unterzeichnet war.
Notfallprotokoll L1. Evakuieren Sie sofort alle Sektionen zwischen den Andockschleusen und dem Kabinenbereich. Halten Sie die Gondel auf jeden Fall in Position. Sie erhalten weitere Anweisungen.
Der Kommandant las die Nachricht drei Mal, obwohl sie wirklich sehr einfach formuliert war.
»Ganz toll«, sagte er zu sich selbst und drückte zur Beruhigung die Handflächen gegen die Schläfen. Dann verließ er die Kabine und begann notgedrungen mit der Evakuierung der halben Station.
Auf der Nova Caelis vertrieben sich Miko und Feryn derweil die Zeit, indem sie sich zwischen den Tardus-Kabinen im Schlafbereich Feryns Rucksack zuwarfen. Das war nicht einfach, denn er war schwer, und jedes Mal, wen man ihn werfen wollte, driftete man zurück. Sie lernten dadurch jedoch allmählich immer besser, sich in Schwerelosigkeit zu bewegen. Viel mehr konnte man auf einem Siedlungsschiff ohnehin nicht tun, wie sie festgestellt hatten. Die beiden Crewmitglieder waren mit Wartungsarbeiten beschäftigt, und Corim befand sich zusammen mit Valerie beim Kapitän im Kommandoraum. Miko hoffte nur, dass er bald eine Lösung fand.
»Was machen wir, wenn sie uns nicht auf die Erde lassen?«, fragte Feryn, dessen Gesicht nach der Einnahme einer Tablette wieder eine gesündere Farbe angenommen hatte.
»Ich habe wirklich keine Ahnung«, antwortete sie und warf den Rucksack zurück.
»Wir könnten warten, bis das Schiff aufgetankt ist, noch sechs Passagiere an Bord nehmen, und wieder zurückfliegen.«
»Einige Lescaten würden bestimmt mitkommen«, war sich Miko sicher.
»Vielleicht«, sagte Feryn und griff nach dem Rucksack, der sich wie in Zeitlupe auf ihn zubewegte, »nehmen sie sich auch die neue Technologie, lassen uns abstürzen, und wir verglühen in der Atmosphäre.«
»Sag sowas nicht«, gab sie zurück.
»Du würdest bestimmt eine hübsche Sternschnuppe abgeben.« Feryn grinste, doch Miko legte den Kopf schräg.
»Was soll denn das heißen?« Sie wollte sich aus Verlegenheit ihre grüne Strähne hinter das Ohr legen, doch auf ihrem Kopf herrschte wegen der Schwerelosigkeit das reinste Chaos, also ließ sie es bleiben.
»Na ja, ich meine …«, begann er, doch in diesem Moment kam Valerie hereingeschwebt.
»Corim hat es geschafft!«, rief sie freudig. »Wir werden mit einer Transportkapsel abgeholt und fliegen zur Orbitalstation!«
»Wirklich? Das ist ja phantastisch!«, jubelte Miko. Auch Feryn sah erleichtert aus, obwohl er nichts dagegen gehabt hätte, wieder nach Themis zu fliegen.
Valerie vollführte gut gelaunt eine Rolle rückwärts. »Packt schon mal eure Sachen zusammen.«
Es dauerte noch zwei Stunden, bis sich alle mit ihrem Gepäck vor der Schleuse versammelten, wo die Transportkapsel jeden Moment andocken würde. Feryn hatte seinen Rucksack aufgesetzt, und Miko trug ihre Umhängetasche über der Schulter. Diese trieb jedoch immer von ihr fort, und sie musste sich eingestehen, dass ein Rucksack in einem Raumschiff das geeignetere Gepäck war.
»Wir bekommen gleich leichte Schutzanzüge gebracht, die wir überziehen müssen«, erklärte Corim ihnen das weitere Vorgehen. »Wir sollten möglichst wenig anfassen und uns in der Station ohne Umwege zur Gondel des Skylifts begeben. Nur wir vier werden jetzt einsteigen. Die Crew bleibt noch einige Tage hier oben, aber sie sind es schließlich gewohnt.« Er sah zum Kapitän und den beiden Besatzungsmitgliedern, die zustimmend nickten. »Unten angekommen wird man uns ärztlich untersuchen und unser Gepäck sterilisieren. Bitte befolgt alles, was man euch sagt, denn es sind sinnvolle Maßnahmen. Das Szenario haben wir schon früher mehrmals durchgespielt, aber jetzt findet es das erste Mal Anwendung.«
»Kann man denn alle Keime von uns und den Sachen abwaschen?«, wollte Miko wissen.
Corim schüttelte den Kopf. »Vom Gepäck und der Kleidung ja, aber die Keime am und im Körper wird man nicht vollständig entfernen können. Das Gröbste werden wir jedoch los.«
»Verstehe«, sagte Miko und drehte ihren Kopf zur Seite, als ein lauter Rumms zu vernehmen war.
»Die Kapsel hat angedockt«, sagte der Kapitän und wies seine Crew an, die Schleuse zu öffnen.
Kurz darauf kam jemand durch die Öffnung geschwebt. Miko nahm an, dass es sich um eine junge Frau handelte, aber die Person war vollständig in einen grünen Overall gehüllt und trug einen Mundschutz. Nur ihre Augen waren zu sehen. Sie zog außerdem ein Netz, gefüllt mit weißen Paketen, hinter sich her.
»Willkommen auf der Nova Caelis«, begrüßte sie der Kapitän.
Die Frau sah sich verunsichert um.
»Hallo, ich bin die Stationsärztin der Teijo«, antwortete sie. »Ich soll vier von ihnen auf die Orbitalstation bringen.« Daraufhin sah sie jedem der Anwesenden eindringlich in die Augen. »Die Crew soll hierbleiben.«
»Die Stationsärztin?«, fragte der Kapitän verwundert. »Können Sie überhaupt ein Shuttlemodul steuern?«
»Nicht so richtig«, gab sie zögerlich als Antwort. »Ich habe es früher im Simulator geübt, aber das Modul wird ohnehin ferngesteuert.«
»Warum schickt man uns keinen Shuttlepiloten?«, wollte er wissen.
»Weil«, meldete sich Corim zu Wort, »die Ärztin nach Anzeichen von Krankheiten suchen soll. Ich nehme an, hätte einer von uns rote Punkte im Gesicht, würde man es sich noch einmal überlegen. Habe ich recht?«
»Genau«, sagte sie verlegen. »Fühlen Sie sich alle wohl? Hat jemand Fieber oder offene Wunden?«
»Uns geht es gut«, sagte Corim, »glauben Sie mir.«
Die Ärztin kramte einen medizinischen Scanner heraus. »Ich muss sie trotzdem kurz aus der Ferne untersuchen. Es dauert nicht lange.« Daraufhin erstellte sie von jedem mehrere Fotos im normalen, UV-, Infrarotund Wärmespektrum. Sie sah sich die Bilder an und bestätigte anschließend: »In Ordnung, so auf die Schnelle ist nichts zu erkennen. Ihre Körpertemperaturen sind normal, keine Hautanomalien.« Sie streckte das Gerät wieder ein, dann drückte sie das Netz mit den weißen Bündeln noch vorne. »Bitte nehmen Sie sich jeder ein Paket und ziehen den Overall über. Sie müssen auch die Handschuhe und den Mundschutz anlegen. Vergessen Sie die Überzieher für Ihre Füße nicht. Das Gepäck stecken Sie bitte in die Beutel und versiegeln diese. Erst das Bodenpersonal darf später den Verschluss öffnen.« Sie blickte in die Runde. »Ich befolge auch nur meine Anweisungen«, entschuldigte sie sich.
Eine Viertelstunde später hatten sich Miko, Feryn, Corim und Valerie wie vorgeschrieben in die dünnen, weißen Anzüge gehüllt und stiegen in die Transportkapsel. Der Overall in der Einheitsgröße war für Miko viel zu lang, und sie kam sich lächerlich in dem Aufzug vor. Auch Feryn, dem die Sachen ebenfalls nicht passten, wirkte ulkig. Miko musste jedes Mal unter ihrer Maske grinsen, wenn sie ihn ansah. Sie winkten der Crew zum Abschied zu, dann wurden die Luken geschlossen und die Transportkapsel löste sich von der Nova Caelis. Tatsächlich musste die Ärztin nicht viel mehr tun, als mit der Station über Funk zu sprechen. Der gesamte Flug wurde ferngesteuert.
Miko spähte durch eines der Fenster. »Die Station ist total beeindruckend, findest du nicht?«, sagte sie zu Feryn.
»Keine Ahnung, ich war noch nie dort.«
»Nein?«, fragte sie verwundert. »Seid ihr damals nicht mit dem Skylift nach oben gefahren?«
»Den Skylift habe ich noch nicht einmal von weitem gesehen. Wir sind ganz altmodisch mit einer Rakete nach oben geflogen.«
»Mit einer Rakete?« Miko hob verblüfft die Augenbrauen, dann sagte sie nachdenklich: »Das muss auch spannend sein. Ich bin noch nie mit einer Rakete geflogen.«
»Du hast nicht viel verpasst«, erwiderte er und zog unter seinem Mundschutz eine Grimasse. Er musste daran denken, wie schlecht ihm damals geworden war.
Nach einem kurzen Flug dockte die Transportkapsel an die Orbitalstation an. Die Ärztin öffnete die Luke, und auch auf der Innenseite der Station wurde eine Schleuse geöffnet.
»Folgen Sie mir bitte«, sagte sie und schwebte hinaus.
In der Station wurden die vier Passagiere nur von einer einzigen Person begrüßt, die ebenfalls einen grünen Overall mit Mundschutz und Handschuhen trug.
»Willkommen auf der Orbitalstation Teijo. Ich bin Kommandant Shyam Garang«, sagte er aus sicherer Entfernung. »Gerne würde ich Ihnen die Hände schütteln, den ersten Menschen, die jemals von einem der anderen Planeten wieder zurückgekehrt sind. Aber Sie verstehen sicherlich, dass ich Ihnen derzeit lieber nicht zu nahekomme.« Miko bemerkte, dass der Mann die meiste Zeit Corim mit den Augen fixierte. Als versuchte er zu erkennen, ob es sich bei ihm wirklich um einen Lescaten handelte.
»Kommandant Garang«, antwortete Corim fröhlich. »Ich grüße Sie. Endlich lernen wir uns persönlich kennen.«
Garang zog ein säuerliches Gesicht, was man unter seiner Maske jedoch nicht erkennen konnte.
»Ja, endlich. Ich muss Sie bitten, mir jetzt unverzüglich zu folgen. Wir begeben uns auf direktem Wege zur Gondel, die bereits hier oben wartet. Bitte fassen Sie so wenig wie möglich an, auch wenn es sich natürlich nicht ganz vermeiden lässt.«
»Natürlich«, sagte Corim munter. »Haben Sie eigentlich das von mir genannte Protokoll ausgeführt?«
»Habe ich«, antwortete Garang knapp. »Bitte hier entlang.« Dann zog er sich an der Wand voran in die nächste Sektion. Miko und die anderen folgten ihm, die Ärztin hinter ihnen in sicherem Abstand.
»Warum ist die Station eigentlich leer?«, wunderte sich Miko nach einiger Zeit. »Wo sind die ganzen Leute?«
»Alle Bereiche, durch die wir gelangen, sind evakuiert worden«, rief der Kommandant von vorne. »Niemand darf Sie sehen oder gar mit Ihnen in Berührung kommen.«
»Ach, wirklich?«, rief Miko zurück. Dann drehte sie sich zu Feryn. »Also letztes Mal waren hier viele Wissenschaftler, die gearbeitet haben. Es war wahnsinnig interessant.«
»Ich gebe zu, es ist beeindruckend«, sagte er. »Aber hier oben arbeiten? Das könnte ich nicht. Mir ist das alles zu eng und bedrückend, außerdem riecht es komisch.«
Miko sog die Luft ein. »Stimmt, das war schon beim letzten Mal so. Gehört wohl dazu, und man gewöhnt sich bestimmt daran.«
»Ich habe lieber frische Waldluft«, entgegnete Feryn, und Miko merkte, dass sie ihn nicht für die Raumfahrt begeistern konnte.
Nachdem sie den Mittelteil der Station erreicht hatten, durch den das tausende kilometerlange Band des Skylifts verlief, führte der Kommandant sie zur Fahrstuhlgondel. Eine der Eingangsluken stand bereits offen.
»Da wären wir«, sagte er zu den Passagieren und deutete auf den ovalen Durchlass. »Sie werden alle in einem der vier Segmente sitzen, damit die Kontamination auf einen Bereich beschränkt bleibt. Wir haben Getränke und etwas Verpflegung an der Sitzreihe befestigt, denn die Fahrt dauert rund elf Stunden. Bitte tragen Sie Ihren Mundschutz nach Möglichkeit die ganze Zeit. Nehmen Sie ihn nur ab, wenn Sie etwas essen oder trinken.«
»Alles klar«, sagte Miko und zog sich hinein. »Ich kenne mich aus.« Feryn und Valerie folgten ihr.
»Vielen Dank, Herr Kommandant«, sagte Corim an Garang gerichtet. »Sie werden es nicht bereuen.«
»Ich habe nicht viel getan«, antwortete dieser eingeschnappt. »Die Befehle kamen von ganz oben.«
»Sie haben meine Anweisungen befolgt, das ist viel wert.« Mit diesen Worten schwebte er in die Gondel. Als er die Luke schließen wollte, hielt Garang sie fest:
»Eine Frage noch.«
»Ja?«, sagte Corim und sah ihn an.
»Mit wem habe ich eigentlich telefoniert?«
Corims Gesicht unter dem Mundschutz schien unergründlich.
»Das weiß ich nicht«, erwiderte er wahrheitsgemäß. »Aber es war vermutlich die höchste Instanz, mit der Sie jemals Kontakt hatten – und haben werden.« Ohne ein weiteres Wort schloss er die Gondel vor den Augen des Kommandanten.
Garang sah ihm einen Augenblick lang nachdenklich hinterher, dann schwebte er zur Ärztin, und beide verließen die Sektion. Gleich würde sich der Bereich um den Fahrstuhl dem Vakuum des Weltraums öffnen.
Mit einem leichten Ruck löste sich die Gondel aus der Verankerung und begann ihren fünfunddreißigtausend Kilometer langen Abstieg zur Erde. Miko saß zwischen Feryn und Corim, der, wie sie bemerkte, Valeries Hand hielt. Sie lehnte sich in seine Richtung.
»Wird der Kommandant jetzt nicht in die verstrahlten Gebiete strafversetzt?«, fragte sie sorgenvoll.
Corim sah sie an und gab ein hüstelndes Lachen von sich.
»Nein. Er hat sich ja an die Anweisungen gehalten, auch wenn es etwas länger gedauert hat.«
»Ja«, antwortete Miko fröhlich. »Du hast bestimmt nur Spaß gemacht.«
»Das habe ich nicht gesagt«, gab er zurück.
Miko versuchte in seinen Augen zu erkennen, ob er es ernst meinte, doch er drehte den Kopf zu Valerie. Grübelnd drückte sie sich gegen ihre Rückenlehne.
»Feryn?«, sagte sie nach einer Weile.
»Ja?«, antwortete er.
»Weißt du, dass wir momentan eigentlich auf dem Kopf stehen?«
Es war heller Nachmittag, als die Gondel in die Atmosphäre eintauchte. Miko konnte durch eines der runden Fenster sehen, wie das Schwarz des Weltalls allmählich dem gewohnten Himmelsblau wich. Feryn wirkte dabei zusehends erleichtert, auch, weil die Schwerkraft ihn seit einiger Zeit wieder in den Sitz drückte, was sein Unwohlsein schwinden ließ. Als sie alle nach dem stundenlangen Abstieg endlich die Aufbauten der Bodenstation vor sich emporragen sahen, und die Gondel sanft abgebremst zum Stillstand kam, machte sich Erleichterung breit.
»Endlich wieder festen Boden unter den Füßen«, äußerte Feryn und öffnete seinen Gurt.
»Bleibt bitte sitzen«, bat Corim, aber Feryn war schon aufgestanden. Er fiel jedoch sofort auf die Knie.
»Dass die Schwerkraft auf der Erde so viel höher ist, hätte ich nicht gedacht«, ächzte er, während er sich an seinem Sitz nach oben zog. Miko wollte ihm helfen, aber auch sie fühlte sich kraftlos.
»Die Schwerkraft ist nicht viel höher als auf Themis«, erklärte Corim, »aber nach einem Aufenthalt im Weltall braucht der Körper eine Weile, um sich wieder daran zu gewöhnen.«
Schnaufend kletterte Feryn in den Sitz zurück. Sein Kreislauf musste erst wieder in Schwung kommen.
»Was passiert denn jetzt?«, wollte Miko wissen. »Dürfen wir gleich aussteigen?«
Corim deutete zum Fenster. »Man wird uns abholen und in den Dekontaminierungsbereich bringen. Da draußen kommt schon der Ausleger mit der Transportplattform. Es wird nicht mehr lange dauern.«
Einige Minuten später bewegte sich etwas vor der Gondel. Sie hörten ein dumpfes Poltern und Klopfen von außen, dann öffnete sich langsam die Eingangsluke. Jeder blickte gebannt zur Tür, als kurz darauf eine Person in einem roten Schutzanzug hereinkam. Der Anzug war aufgeblasen wie ein Ballon in Menschengestalt und offenbar hermetisch versiegelt. Nur ein transparentes Visier ließ erkennen, dass jemand mit einem Atemgerät darin steckte. Gelegentlich gab die Luftversorgung ein leises Zischen von sich.
»Folgen Sie mir bitte nach draußen«, gab eine durch den Anzug gedämpft klingende Frauenstimme Anweisung. »Können Sie alleine gehen, oder brauchen Sie Hilfe?«
Alle vier drückten sich aus ihrem Sitz und taten die ersten, unsicheren Gehversuche.
»Sie müssen nicht weit laufen«, fuhr die Frau fort. »Auf der Plattform können Sie sich wieder hinsetzen.«
Corim blickte sich um. »Ich denke, wir schaffen es«, antwortete er, als er sah, dass sich jeder auf den Beinen halten konnte.
»Gut, bitte hier entlang«, sagte die Frau und wies auf die Tür.
Valerie hielt sich an Corim fest, während Miko und Feryn sich gegenseitig stützten, jeder mit seinem Gepäckstück in der Hand. Dann traten sie langsam aus der Gondel heraus. Ein weißer Kunststofftunnel war um die Luke herum befestigt und führte sie nach einigen Metern zu einem geschlossenen Container. Drei weitere Personen in den gleichen roten Schutzanzügen wiesen sie dort an, sich auf die Bänke am Rand zu setzen. Miko fand es beunruhigend, so behandelt zu werden. So, als wären sie alle mit einer tödlichen Seuche infiziert. Aber womöglich waren sie das tatsächlich. Sie selbst hatte schließlich den winzigen Stich eines themianischen Insekts nur knapp überlebt. Andererseits waren die übrigen Dorfbewohner in der einzigen Siedlung durchgehend gesund geblieben, was die ganze Sache wiederum ungefährlich erscheinen ließ. Als sie alle saßen, wurde der Verbindungstunnel vom Skylift abgekoppelt und herangezogen. Dann setzte sich die Plattform mit dem Container in Bewegung und schwenkte, getragen von einem gewaltigen Kranausleger, zum Eingang der Bodenstation.
Niemand sprach während der kurzen Fahrt ein Wort. Miko hatte sich bei Feryn angelehnt, aber er schien es nicht zu bemerken. Die vier Stationsmitarbeiter in ihren raschelnden Anzügen behielten allerdings jeden von ihnen im Auge. Bald darauf hielt die Plattform an, und das Personal machte sich daran, den dünnen Kunststofftunnel wieder auszufahren und an einer weiteren Tür zu befestigen.
»Sie dürfen jetzt hinausgehen«, sagte einer von ihnen. »Wir bringen Sie jeweils in einen Raum zur Voruntersuchung, wo insbesondere Ihr Gepäck unter die Lupe genommen wird. Bitte folgen Sie allen Anweisungen.«
Corim stand sofort auf und deutete an, dass die anderen ihm folgen sollten. Angestrengt erhoben sie sich von den Bänken.
»Keine Sorge«, beruhigte er sie. »Wir haben nichts zu befürchten.«
»Wenn ihr mich fragt, ist das völlig übertrieben«, beschwerte sich Feryn. »Auf Themis gibt es weniger Krankheiten als auf der Erde.«
»Da magst du sogar recht haben«, sagte Corim, während er voranging. »In der Tat mache ich mir sogar mehr Sorgen um dich und Valerie. Gerade du bist dein halbes Leben nur mit den Keimen der neuen Siedler in Berührung gekommen, und die waren alle gesund. Auf der Erde wirst du auf einmal mit zahllosen Erregern konfrontiert, die dein Immunsystem noch nicht kennt.«
Feryn stöhnte. »Und was soll ich jetzt machen? Den Mundschutz die ganze Zeit aufbehalten?«
»Fürs Erste wäre das gar nicht so verkehrt.«
Wieder stöhnte Feryn missmutig.
»So schlimm ist es gar nicht«, sagte Miko und stieß ihn an, dann traten sie in die Eingangshalle des Quarantänebereichs.
Es musste sich um den saubersten Ort auf der Erde handeln. Kein Staubkrümelchen schien die weißglänzenden Oberflächen zu verunreinigen, mit denen Fußboden, Wände und Decke nahtlos versiegelt waren. Hohe Glasscheiben trennten verschiedene Bereiche voneinander ab, die man nur durch türgroße Körperscanner und Luftschleusen betreten konnte. Nacheinander wurden sie hindurchgeführt und gelangten in einen langen Gang, der ebenso hygienisch rein aussah wie alles andere. Mehrere Türen in demselben glänzenden Weiß befanden sich zu beiden Seiten, und jeder wurde einzeln von einem Schutzanzugträger zu einer davon geführt. Miko warf noch schnell Feryn einen Blick zu, dann fand sie sich in einem hell erleuchteten Raum wieder. Hinter ihr fiel die schwere Tür mit einem satten Geräusch ins Schloss, doch als sie sich umdrehte, sah sie keinen Türgriff. Wenige Meter vor ihr standen jedoch zwei weitere Mitarbeiter, dieses Mal in grüne Schutzanzüge gehüllt, und warteten hinter einem glänzenden Metalltisch. Es gab offenbar zwei weitere Türen an der Rückseite des Raumes, sowie einen großen Spiegel zu ihrer Linken. Blauweißes Licht strahlte von der Decke und blendete sie unangenehm.
»Komm näher«, forderte sie einer der Mitarbeiter mit einer Handbewegung auf.
Seufzend schlurfte Miko in dem viel zu großen Overall mit ihrem Paket unter dem Arm an den Tisch.
»Hallo«, sagte sie nur und versuchte, den beiden Männern hinter ihrem Atemschutz in die Augen zu sehen. Neben ihnen bemerkte sie einen metallenen Rollcontainer, der mit einer Vielzahl an technischen Geräten und Werkzeug vollgestellt war.
Einer der Männer hielt ihr einen Tablet-Computer entgegen. »Identifiziere dich bitte zuerst.«
»Ich kann’s ja versuchen«, entgegnete Miko mit einem Schulterzucken. Sie ließ ihre Hand mit dem Ring über dem Tablet schweben, das allerdings sogleich einen Fehlerton von sich gab.
Der Mann zog den Computer zurück und blickte auf den kleinen Bildschirm. »Keine aktuelle Identität im System«, stellte er fest. »Wie lautet dein Name?«
»Miko«, antwortete sie trocken.
Der Mann tippte den Namen in das Gerät. »Und weiter?«
»Nichts weiter. Einfach nur Miko.«
»Du hast bestimmt noch einen Nachnamen«, entgegnete der Mann bissig. Dabei senkte er den Kopf in einer Drohgebärde.
»Wissen Sie«, gab Miko zurück, »meinen echten Namen kenne ich nicht, meine letzte Identität wurde gelöscht und meine aktuelle finden Sie offenbar nicht. Welchen Nachnamen soll ich denn nehmen?«
Der Mann tippte etwas ein, dann sagte er: »Wie alt bist du?«
»Ungefähr zwölf«, gab sie zurück.
»Ungefähr?«, wiederholte er und senkte wieder seinen Kopf. »Wann bist du denn geboren?«
»Vierzehnter Januar dreihundertsechsundfünfzig«, antwortete sie sofort. Das wusste sie zumindest.
Der Mann tippe das Datum ein. »Demnach wärst du vierzehn Jahre und sechs Monate alt.«
»Zählt denn die Zeit während des Fluges im Parallelraum mit?«, fragte Miko verblüfft. »Ich dachte, man schläft nur einige Stunden.«
Sie bemerkte, dass der Mann mit einer Antwort haderte. Nach kurzem Zögern gab er das Tablet dem zweiten Mitarbeiter. Dieser befestigte es mit einer Halterung an seinem linken Arm. »Lassen wir das, es spielt keine Rolle. Die Anweisungen kommen von ganz oben, die werden schon wissen, was sie tun.« Er sah kurz bestätigend zu seinem Kollegen, dann wieder zu Miko. »Du warst also auf einem der anderen Planeten?«
»Ja.«
»Auf welchem?«
»Themis.«
»Wie lange?«
Miko überlegte. »Schwer zu sagen. Ein Tag dauert dort über fünfundzwanzig Stunden, ein Jahr ist auch länger als auf der Erde, und wir hatten keine Wochentage oder Monate.«
»So ungefähr«, sagte der Mann gereizt.
»Hundert Tage?«, antwortete Miko unsicher. »Themianische Tage.«
Der zweite Mann tippte etwas auf dem Tablet ein, dann zeigte er es dem Ersten.
»Also etwa vier Monate«, sagte dieser.
»Kommt hin.«
»Hast du Gepäck mitgebracht? Etwas, das von der Oberfläche des Planeten stammt?«, wollte er als Nächstes wissen.
»Ja«, antwortete Miko kurz und hielt ihr Paket hoch. »Eine Umhängetasche.«
»Leg sie bitte auf den Tisch«, forderte er sie auf.
Miko ließ das Paket vor sich auf die Metallplatte fallen. »Genaugenommen stammt die Tasche von der Erde, aber der Inhalt nicht unbedingt. Auf Themis werden glaube ich noch keine Taschen hergestellt.«
Der Mann vor ihr schien die Bemerkungen zu ignorieren, ließ sich von dem Zweiten eine Schere reichen und schnitt die Folie an einer Seite auf. Die Schere gab er wieder zurück, dann zog er die Tasche behutsam aus der Hülle, so als wäre ihr Inhalt hochexplosiv. Miko sah dem Mann stumm und fasziniert dabei zu, der sich verhielt wie ein Chirurg bei einer heiklen Operation. Die Folie wurde von dem zweiten Mann sorgsam zusammengefaltet und in eine weitere Tüte gesteckt. Der Erste begutachtete Mikos Tasche sorgfältig von allen Seiten, bevor der Zweite ein weißes Abdecktuch auf dem Tisch ausbreitete, auf das ihre Tasche gestellt wurde. Dann trat der Mann zurück, woraufhin der andere sie mit einem Scanner absuchte. Rotes, blaues und dann weißes Licht strahlte aus dem Gerät. Nach einer Weile sagte der Mann:
»In Ordnung«, dann trat er zurück.
Miko schüttelte irritiert den Kopf. »Was tun Sie denn da?«
»Wir untersuchen die Tasche zunächst von außen auf mehrzellige, außerirdische Organismen«, sagte der Mann vor ihr, ohne sie anzusehen.
»Ach so«, antwortete Miko. »Wissen Sie, darauf habe ich jetzt gar nicht geachtet.«
Jetzt sah der Mann sie doch an. Sie merkte, dass er etwas sagen wollte, es sich aber letzten Endes verkniff. Dann wandte er sich wieder der Tasche zu. Langsam und vorsichtig hob er die Klappe an, schlug sie hinten über und spähte hinein. Er schien jederzeit damit zu rechnen, dass ihm aus dem Inneren ein grauenhaftes Geschöpf ins Gesicht springen könnte. Mit ausgestreckten Armen zog er die Ränder auseinander und ließ den zweiten Mann die Tasche von oben erneut scannen.
»In Ordnung«, sagte dieser wie zuvor und trat zurück.
Mit einer kleinen Taschenlampe leuchtete der Mitarbeiter hinein. Dann streckte er, ohne aufzusehen, seinem Kollegen die rechte Hand entgegen. Dieser reichte ihm eine große Greifzange, mit der er anschließend ein braunes Holzstück aus der Tasche zog. Er betrachtete es von allen Seiten im hellen Licht.
»Was ist das?«, fragte er verwundert.
»Eine geschnitzte Melevo-Figur«, antwortete Miko.
»Eine was?«
»Melevos sind themianische Flugmarder«, gab Miko ihr Wissen zum Besten. »Der taxonomische Name lautet Meles Volatis. Sie leben in kleinen Kolonien auf den Bäumen und …«
Der Mann unterbrach sie mit einer Handbewegung.
»Ist das außerirdisches Holz?«, wollte er nur wissen.
»Ja.«
»Dann müssen wir es einbehalten«, sagte er entschlossen.
»Das geht nicht«, antwortete Miko ebenfalls entschlossen.
»Warum nicht?«
»Es ist ein Geschenk von einer sehr guten Freundin. Sie hat es extra für mich angefertigt.«
Die beiden Männer sahen sich an.
»Wir müssen zumindest eine Probe davon nehmen.«
»Wenn es sein muss«, willigte sie ein.
»Und es muss sterilisiert werden«, erklärte der Mann weiter.
»Von mir aus«, stöhnte Miko.
Sofort steckte er die Figur in einen transparenten Beutel, verschloss ihn und legte ihn beiseite. Dann sah er wieder in die Tasche. Diesmal griff er mit seinem Handschuh hinein und zog ein Bündel weißer Unterbekleidung heraus.
»Und was ist das?«, fragte er anschließend.
Miko sah ihn grimmig an. »Wonach sieht es denn aus?«
Der Mann zögerte, bevor er antwortete. »Stammt das von der Erde?«
»Ja.«
»Brauchst du es noch?«
Sie hob die Schultern. »Ich schätze, ich kann mir neue Sachen kaufen.«
»Dann werden wir es untersuchen«, sagte der Mann und steckte die Kleidung in einen weiteren Beutel. Miko rollte mit den Augen. Jetzt nahm er wieder die Zange zu Hilfe und beförderte eine Muschelschale hervor.
»Ist das eine Muschel?«, fragte er.
Miko kam die Frage sinnlos vor. »Sieht man doch. Es ist eine themianische Muschel.« Dann fiel ihr noch ein: »Ach ja, und sie leuchtet im Dunkeln.«
Entsetzt legte der Mann die Schale ab, trat einen Schritt zurück und winkte seinen Kollegen herbei. Dieser ergriff hastig einen Scanner und hielt das tickende Gerät über die Muschel. Dann betrachtete die Anzeigen. Nach einer Weile schüttelte er den Kopf.
»Keine Strahlung messbar«, gab er Entwarnung.
Der erste Mann im Schutzanzug trat wieder vor. »Wir müssen sie genauer untersuchen.«
»Die habe ich auch geschenkt bekommen«, machte Miko deutlich.
Der Mann gab sich geschlagen. »Ich verstehe, aber wir nehmen zumindest eine Probe.«
»Bitte«, sagte Miko mit einer beiläufigen Handbewegung.
Die Muschel wurde ebenfalls in einen Beutel gesteckt und zu den anderen Sachen gelegt. Der Mann griff nun wieder mit seiner Hand in die Tasche und zog vorsichtig etwas heraus, das in ein helles T-Shirt gewickelt war. Etwas Schweres.
»Was haben wir denn hier?«, fragte er interessiert.
»Ein T-Shirt?«, gab Miko zurück.
Der Mann zog den Stoff mit einer Sorgfalt auseinander, als würde er eine große Blüte entfalten. Bald hatte er den Gegenstand im Inneren freigelegt und wog ihn ehrfürchtig in den Händen. Er winkte seinen Kollegen herbei, und beide betrachteten eindringlich die schwarze Figur.
»Das ist eine Chironomia-Statue«, erläuterte Miko nach einer Weile. »Und sie gehört mir«, fügte sie vorsichtshalber hinzu.
»Wir haben Anweisung, diesen Gegenstand sicherzustellen«, machte der Mann deutlich.
»Ich würde sie aber wirklich gerne wieder mitnehmen«, entgegnete Miko mit Nachdruck.
»Die Statue wird einbehalten. Sie muss der Wissenschaftskommission übergeben werden.«
Miko verschränkte energisch die Arme vor der Brust. »Mein Vater ist der Vorsitzende der Wissenschaftskommission«, hielt sie dagegen.
»Dann«, sagte der Mann und wickelte die Statue in ein Tuch, »wirst du sie bestimmt zurückbekommen.« Er steckte sie, wie alles andere, in eine Tüte und gab sie seinem Kollegen, der sofort damit durch eine der hinteren Türen verschwand. Miko sah ihm argwöhnisch hinterher.
»Was ist so besonderes an der Figur?«, fragte der Mann wie beiläufig, während er abermals in die Tasche leuchtete.
Miko holte tief Luft und wollte gerade zu einer eindringlichen Rede ansetzen, doch dann atmete sie aus und sagte nur: »Das würden Sie sowieso nicht glauben.«
Er ging nicht weiter darauf ein. Stattdessen holte er mit seiner Hand ein schwarzweißes Modellraumschiff hervor und hielt es vor sich.
»Das ist die Malproksime«, sagte Miko, immer noch wütend.
»Das sehe ich«, bestätigte der Mann.
»Hab ich selbst gemacht. In der Schule. Auf der Erde.«
Er inspizierte das Modell von allen Seiten. »Es ist gut geworden.«
»Danke«, erwiderte Miko. »Es gab über hundert Punkte dafür.«
Der Mann nickte anerkennend. »Das sieht man. Mein Sohn geht auch noch zur Schule und begeistert sich sehr für alte Raumschiffe.«
Miko blieb misstrauisch. »Wirklich?«
»Ja. Ich sehe ihn nur alle zwei Wochen, weil ich hier in der Bodenstation arbeite. Doch wenn ich bei ihm bin, dann erzählt er mir immer, dass er eines Tages mit dem Skylift nach oben fahren will, um die Raumschiffe mit eigenen Augen zu sehen.«
»Das ging mir genauso«, sagte Miko und atmete auf, »Und ich habe es sogar geschafft.« Nach einigem Zögern sprach sie weiter. »Wissen Sie, geben Sie das Raumschiff doch Ihrem Sohn. Es ist zweitausend Lichtjahre weit gereist und auf einem der anderen Planeten gewesen. So etwas hat sonst niemand.«
Der Mann sah Miko in die Augen und schien zu überlegen, doch dann schüttelte er den Kopf. »Das ist sehr nett von dir«, sagte er und lächelte unter seinem Atemgerät. »Aber, wenn herauskommt, dass ich so einen Gegenstand mit nach Hause genommen habe, bin ich meinen Job los. Alles hier unterliegt strengster Geheimhaltung.«
»Ach so. Schade.«
Er steckte das Modellraumschiff vorsichtig in einen Beutel und legte es an den Rand des Tisches. »Du bekommst es zurück, nachdem es sterilisiert wurde.«
»Okay. Hoffentlich schmilzt es nicht dabei.«
Dem Mitarbeiter entfuhr ein hustendes Lachen. »Keine Sorge.«
In diesem Augenblick öffnete sich eine der Türen und sein Kollege kam im Schutzanzug hereingeraschelt. Er deutete mit einer Handbewegung an, dass alles erledigt war und stellte sich wieder an den Tisch.
Mit der Zange holte der Mann jetzt eine in Folie eingeschweißte Zahnbürste aus Mikos Tasche. »Ich schätze mal, darüber müssen wir nicht reden«, sagte er zu ihr.
»Genau«, antwortete Miko. »Sie ist unbenutzt, aber sie können sie gerne untersuchen.«
Die Zahnbürste wurde zu den anderen Sachen gelegt, dann leuchtete der Mitarbeiter erneut in die Tasche, die nach Mikos Ansicht inzwischen eigentlich leer sein müsste. Er ließ sich jedoch einen dünnen, langen Greifer reichen und angelte etwas heraus, das aussah, wie ein kleines, verschrumpeltes, braunes Ei. Interessiert hielt er es ins Licht und betrachtete es eindringlich. Dann sah er zu Miko.
»Hast du eine Idee, was das ist?«
Sie beugte sich vor und sah es sich genauer an. Dann ging ihr ein Licht auf.
»Aaah«, sagte sie grinsend. »Das ist eine Stachelnuss! Ich muss sie damals übersehen haben, als wir durch den Wald marschiert sind.«
Der Mann war skeptisch. »Eine Stachelnuss? Ich sehe aber keine Stacheln.«
»Sie ist natürlich geschält«, erklärte Miko.
»Natürlich«, sagte der Mann und ließ sie in einen kleinen Beutel fallen.
»Die brauche ich nicht mehr. Eigentlich ist sie essbar, aber diese hier sieht nicht mehr so gut aus.«
»Wir haben nicht vor, außerirdische Nüsse zu essen«, entgegnete der Mann und legte sie beiseite. »Aber die Wissenschaftler im Labor werden sich trotzdem freuen.«
»Jetzt ist die Tasche aber leer«, war sich Miko sicher.
Der Mann leuchtete hinein. »Nicht ganz.«
»Ach nein?«
Er gab ein Handzeichen. »Neues Tuch, bitte.« Sein Kollege wickelte das Tuch auf dem Tisch ein und breitete sogleich ein neues darauf aus. Dann wurde Mikos Tasche umgedreht und kräftig ausgeschüttelt, bis sich dunkler Schmutz auf dem weißen Tuch abzeichnete. Sand, Haare, Staub, verwelkte Blätter und andere kleine Pflanzenteile rieselten heraus. Mit einem digitalen Vergrößerungsgerät betrachtete er anschließend die Partikel. »Phantastisch«, sagte er.
Verwundert sah Miko nach unten. »Das ist doch nur Dreck«, bemerkte sie.
»Ja, faszinierend«, entgegnete der Mann. »Wir müssen ihn untersuchen.«
»Den können sie behalten.«
»Sehr gerne«, sagte er und ließ den anderen Mitarbeiter das Tuch sorgsam zusammenfalten und in eine Tüte stecken.
Hätte Miko gewusst, wie wertvoll Dreck sein kann, hätte sie mehr davon mitgebracht.
»Was ist mit der Tasche?«, fragte der Mann.
»Was soll damit sein?«
»Brauchst du sie noch?«
»Es ist meine Lieblingstasche!«, erwiderte Miko bestimmt.
»Verstehe«, sagte er und nickte. »Du bekommst sie nachher zurück, aber sie muss zuvor sterilisiert werden.«
Miko hob hilflos die Arme. »Ja, bitte.« Die ganze Prozedur kam ihr übertrieben vor.
»Als Nächstes«, erklärte der Mann weiter, »musst du dich in den Waschbereich begeben. Brauchst du deine Kleidung noch?«
»Selbstverständlich!«
»Ich frage nur«, sagte er beschwichtigend, »weil wir sie sonst im Anschluss einbehalten und untersuchen würden.«
»Ich brauche sie noch«, teilte sie entschlossen mit. »Zumindest die Jacke und die Hose. Die sind von Avantgarde Outfits.«
»Was auch immer. Durch diese Tür dort gelangst du zu den Duschen, wo du dich sehr gründlich waschen musst. Lege die Sachen, die du behalten willst, in den roten Container im vorderen Bereich, sie werden sterilisiert werden. Das gilt für Kleidung, Gear und Schmuck. Es gibt dort drei Abschnitte. Im Ersten benutzt du die bereitgestellten Reinigungsmittel für Körper und Haare. Danach gehst du zur zweiten Dusche, die dich mit einem Desinfektionsmittel abspült. Versuche, es nicht in die Augen zu bekommen, denn es brennt sehr. Gehe nicht zurück, sondern weiter zum Trockenbereich. Dahinter findest du dann verschlossene Beutel mit neuer Kleidung in verschiedenen Größen; suche dir die passende heraus. Wenn du fertig bist, kannst du durch die hintere Tür wieder hinausgehen. Eine Ärztin wird dich anschließend untersuchen.«
»Sonst noch was?«
»Das wäre soweit alles«, entgegnete er. Sein Kollege raschelte zu der zweiten Tür an der hinteren Wand und forderte Miko auf, hindurchzugehen. Wohl oder übel machte sie sich auf den Weg.
Eine halbe Stunde später verließ Miko in neuer, weißer Kleidung den Waschraum durch einen mehrteiligen Schleusenbereich. Sie roch nach Desinfektionsmittel, fühlte sich aber so sauber wie seit langem nicht mehr. Als sie das angrenzende Labor betrat, sah sie eine ältere Frau in einem weißen Overall – diesmal ohne Mundschutz – vor einem Computer sitzen. Sofort stand diese auf und begrüßte Miko freudig.
»Willkommen zurück auf der Erde!«, sagte sie und breitete die Arme aus.
»Hallo«, antwortete Miko nur. Sie versuchte zu lächeln.
»Ich bin Ärztin und soll dich untersuchen«, sprach die Frau weiter, dabei zog sie einen kleinen medizinischen Computer aus der Brusttasche. »Setz dich doch bitte«, sagte sie und deutete auf eine Patientenliege vor sich. Miko nahm Platz und sah die Frau an. »Wie geht es dir? Fühlst du dich gesund?«, wollte sie wissen. Jetzt leuchtete sie mit dem Gerät in Mikos Gesicht, die irritiert blinzelte.
»Ich fühle mich sehr gesund, danke«, antwortete sie.
Die Ärztin senkte den Arm und studierte kurz das Display in ihrer Hand. »Ich habe Anweisung, dich nicht unter den Bio-Scanner zu legen und dir keine Blutprobe abzunehmen.« Jetzt sah sie Miko tief in die Augen. »Ich halte das zwar für unverantwortlich, aber offenbar gibt es einen Grund dafür.«
»Offenbar«, gab sie zurück.
»Du hast ungewöhnliche Iriden«, stellte die Ärztin fest, denn diese schillerten in einem leuchtenden Grün. »Aber dann machen wir es eben auf die altmodische Art. Ich möchte nur verhindern, dass außerirdische Krankheiten auf die Erde eingeschleppt werden.«
Miko ließ die Schultern hängen. »Fangen Sie einfach an.«
Die Untersuchungen dauerten eine weitere Dreiviertelstunde. Erst dann durfte Miko endlich aus dem Labor nach nebenan in einen Wartebereich gehen. Der Raum war nicht sonderlich groß und enthielt nichts weiter außer mehreren, gepolsterten Sitzreihen. Zu ihrer Erleichterung sah sie jedoch Corim auf einem der Plätze. Er trug die gleiche weiße Kleidung wie sie selbst.
»Miko!«, rief er. »Hast du es auch endlich geschafft?«
Sie ging zu ihm, ließ sich in einen Sitz fallen und streckte die Beine aus. »So langsam habe ich keine Lust mehr«, antwortete sie resigniert. »Was müssen wir denn noch alles tun?«
»Wir warten nur noch auf Valerie und Feryn«, erklärte Corim. »Ihre Untersuchungen dauern vermutlich etwas länger. Danach dürfen wir den Bereich verlassen.«
»Und wohin gehen wir dann?«, wollte Miko wissen.
»Nach Hause natürlich. Ich muss allerdings zuerst meine alte Identität reaktivieren. Dafür brauche ich ein neues Armband und ein geeignetes Computerterminal.«
»Wann bekommen wir unsere Sachen zurück?«, fragte sie besorgt, denn sie befürchtete, man könnte am Ende doch alles für weitere Untersuchungen beschlagnahmen.
»Sie werden uns bestimmt gleich gebracht«, beruhigte Corim sie.
»Die haben sogar den Dreck aus meiner Tasche eingesammelt! Was wollen die damit?«
»Substanzen von anderen Himmelskörpern sind für die Wissenschaftler ein wertvoller Forschungsgegenstand«, erklärte er. »Die Materialzusammensetzung und, wie in diesem Fall, fremde Biomasse bringen immer neue Erkenntnisse.«
Miko warf ihren Kopf zurück und sah an die Decke. »Dann hätten wir mehr Dreck mitbringen sollen.«
»Du wirst lachen«, sagte Corim, »aber ich habe extra einen Beutel davon mitgenommen.«
Sie sah ihn aus den Augenwinkeln an. »Das ist total schräg.« Dann fiel ihr etwas ein, und sie beugte sich vor. »Ach ja! Man hat meine Chironomia-Statue einbehalten!«
»Ich weiß«, musste Corim zugeben. »Ihr Sockel enthält derzeit eines von nur zwei funktionierenden Modulen des neuen Antriebs. Zusammen mit der Information aus den Datensteinen, die ich mitgenommen habe, wird sie den Wissenschaftlern und Ingenieuren helfen, die ersten Prototypen zu entwickeln. Die Produktion muss in wenigen Tagen anlaufen, wenn wir den Asteroiden Ker noch rechtzeitig ablenken wollen.«
»Aber es ist meine«, sagte sie geknickt. »Ich habe sie gefunden.«
»Du bekommst sie zurück, versprochen.«
Einige Minuten später kam Valerie in den Raum. Sie war ebenfalls weiß eingekleidet und wirkte genervt. Corim winkte ihr zu.
»Ich kann euch sagen«, ließ sie sich aus, während sie sich neben die beiden setzte, »auf der Erde ankommen ist umständlicher als abreisen. Wegen der zwei Schneckengehäuse in meiner Tasche haben die vielleicht einen Aufstand gemacht. Dabei habe ich sie mitgenommen, um den Wissenschaftlern einen Gefallen zu tun.« Sie rieb sich die Arme. »Und dieses Desinfektionsmittel juckt auf der Haut wie verrückt. Die sollen nur froh sein, dass ich keine giftigen Quallen mitgebracht habe.«
Nachdem sie sich wieder entspannt hatte, fragte Corim: »Geht es dir ansonsten gut?«
Sie lächelte. »Ja, danke«, sagte sie und drückte seine Hand.
»Du hättest ihr Gesicht sehen sollen«, erzählte Miko vergnügt, »nachdem ich erwähnt habe, dass die Muschelschale von dir im Dunkeln leuchtet.«
»Bitte, sie sind nur vorsichtig«, nahm Corim die Mitarbeiter in Schutz.
»Dann fehlt jetzt nur noch Feryn«, sagte Miko und sah sich um.
Nach weiteren zehn Minuten wurde die Tür des Warteraums aufgestoßen und jemand kam hereingepoltert. Es war Feryn.
»Besten Dank auch!«, rief er nach hinten, bevor er die Tür mit aller Kraft zuschlug. Wütend stampfte er zu den anderen und warf sich neben Miko in den Sitz.
»Feryn!«, begrüßte sie ihn. »Alles in Ordnung?«
»Pah!«, machte er. »Die stellen sich hier so an! Der Arzt hat jeden Kratzer auf meiner Haut mit der Lupe untersucht und mir drei Mal Blut abgenommen. Drei verschiedene Labore mussten erst melden, dass sie nichts gefunden haben, bevor ich hinausgehen durfte.«
Miko wollte ihn nicht weiter verärgern, also behielt sie es für sich, dass sie selbst keine Blutprobe abgeben musste.
»Und sie haben meinen Rucksack zerschnitten!«, fuhr er aufgebracht fort.
»Wieso das denn?«, wunderte sie sich.
»Als sie angefangen haben, ihn auszuräumen, ist so ein kleiner, roter Käfer herausgekommen und über den Tisch gekrabbelt. Sie waren in Panik, konnten ihn aber gleich einfangen und ein Glas drüber stülpen. Danach meinten sie, der Rucksack hätte zu viele Taschen und sie müssten ihn einbehalten. Und dann haben sie ihn aufgeschnitten.«
»Mir haben sie meine Chironomia-Statue weggenommen«, sagte Miko mitfühlend, aber gleichzeitig unterdrückte sie ein Lachen. Sie musste in diesem Moment auch daran denken, was wohl geschehen wäre, wenn sie ihr echtes Chironomia tatsächlich mitgebracht hätte. Im Vergleich zu Feryns winzigem Käfer würde das Alien vermutlich einen planetaren Großalarm auslösen.
»Siehst du? Mir wollten sie mein Messer wegnehmen.«
»Du hast dein Messer mitgenommen?«
»Klar, mein großes Waldmesser. Als Ranger habe ich das immer dabei. Im Urwald ist es überlebenswichtig.«
»Auf der Erde gibt es keinen Urwald mehr«, versuchte Miko ihm begreiflich zu machen.
»Ich habe mich jedenfalls beschwert, und jetzt bekomme ich es hoffentlich wieder.«
»Haben sich jetzt alle wieder beruhigt?«, fragte Corim in die Runde. »Sehr schön. Miko habe ich es schon erzählt. Wir fahren nachher mit dem Zug nach Moyano und steigen dort in einen Langstreckenflieger nach New Couver. Voraussichtlich morgen Abend werden wir dort ankommen. Genaueres kann ich erst sagen, wenn ich wieder mit dem Netzwerk verbunden bin.«
Kurze Zeit später öffnete sich die Tür zum Wartebereich und eine blonde Frau in einer dunkelblauen Uniform kam herein. Sie musterte die Anwesenden zunächst durch ihre Datenbrille, bevor sie etwas sagte.
»Willkommen auf der Erde«, begann sie. »Ich bin Direktorin Nikula, die Stationsleiterin von Pilar del Mundo. Ich soll Sie persönlich abholen.«
Corim erhob sich aus seinem Sitz. »Schön, Sie wiederzusehen. Wir sind uns zuletzt in der Orbitalstation begegnet. Vor zweieinhalb Jahren.«
Nikula beäugte ihn skeptisch. »Ich erinnere mich – vage. Damals hießen Sie Nicolas Alinson, wie ich aus den Aufzeichnungen sehen konnte. Angeblich sind Sie aber jemand anderes, und Sie sind wieder hier, was ich immer noch nicht ganz verstehen kann. Gerade Themis kann nicht über die Ressourcen für eine so große Rakete verfügen.«
»Sehen Sie«, fuhr Corim fort, »das ist alles sehr kompliziert. Ich kann Ihnen nur so viel sagen, dass wir wenig Zeit haben. Was wissen Sie über Ker?«
Nach einer kurzen Pause gab sie zurück: »Ich vermute, alles.«
»Und wir sind hier, um das zu verhindern.«
