Mikroanarchismen & Einsamkeiten - Alexander Kollditz - E-Book

Mikroanarchismen & Einsamkeiten E-Book

Alexander Kollditz

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Beschreibung

Er trägt den Namen eines legendären Natur- und Völkerkundlers. Und er trägt schwer daran. Nach dem Tod seines Vaters gerät er in einen Strudel aus Schuld und Begehren, an dessen Ende er wie einst sein vermeintlicher Vorfahr in Gefangenschaft gelangt. (...) Kai, Spross einer Industriellendynastie, wird von Aktivisten verfolgt. Was hat die jugendliche Ausreißerin damit zu tun, der er näher gekommen war, als ihm lieb ist? (...) Die Tänzerin Dorina steht zwischen zwei Männern; Inka in den Trümmern ihrer Ehe. Ihr aller Leben ist an jenen Kippmoment geraten, der seine bisherige Ordnung in Chaos und Zerstörung zu stürzen droht; die persönliche Polschmelze. "Mikroanarchismen & Einsamkeiten" ist ein virtuos geschriebener Familienroman, zugleich aber auch Liebes-, Künstler- und Abenteuergeschichte - und dabei nichts weniger als deren Gegenentwurf.

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Seitenzahl: 454

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhaltsverzeichnis

ABSEITS IHRER TEXTBÜCHER HABEN SIE KAUM MEHR WORTE ALS DAS NAVI EINES AUTOS

WIE DAS WASSER, DAS ÜBER DEN SPIEGEL DER REGENTONNE RINNT & ZU DEREN FUßE AMEISENSTÄDTE FLUTET

TAUBENMILBEN, DRECK & FEDERN

BIZARRE THEORIEN, UM SIE ZU ERGRÜNDEN

FROSTIGE ANGELEGENHEITEN

ARMER. SCHÖNER. HOFFNUNGSLOSER. ABENTEURER.

AM TAG ÜBER ALLES ERHABEN ZU SEIN, IST DAS EINE

MUCKEFUCK

HEKTOR & ANDROMACHE

MIKRODEPENDENZEN & EITELKEITEN

KOPERNIKUSSTRAßE

MANGOLD-FETA-PÄCKCHEN

DER HÜTER VON MOTTEN

FREIER STADEN, ALLZUFREI

SECHZEHN

NICHT STRAFBARE SAUEREI

KIRCHE ODER PYRAMIDE?

TECHNIKFRAGEN

WAS JAGT MAN IM FRÜHJAHR? SCHWARZWILD?

BIS KNOCHEN KRACHEN & RIPPEN SICH WIE PFEILE DURCH LUNGE & HERZ BOHREN

MAN MUSS NICHT WARTEN, BIS GRAS ÜBER ETWAS GEWACHSEN IST

GLITZERBAUERN

DIE GUSSEISERNE DAME DER DEUTSCHEN RÜSTUNGSINDUSTRIE

JENSEITS DER TÜR

ALS STECKTEN STEINCHEN ZWISCHEN DEN BESCHLÄGEN

ENTFÜHRUNG

HUNDERT JAHRE EINSAMKEIT

WÄHREND DER TEUFEL SICH FETTFRAß AN IHREN ZWEIFELN

EINERSEITS, ANDERERSEITS

GEFANGENSCHAFT

UNVERHÄLTNISMÄßIG

IM SPIEGEL DER TYP, DER ENTKOMMEN WAR

FREIHEIT

EINE FRAU, EIN MANN, SPAZIERGÄNGER. EIN HUND FEHLT.

PREMIERE

ABSEITS IHRER TEXTBÜCHER HABEN SIE KAUM MEHR WORTE ALS DAS NAVI EINES AUTOS

Um Viertel nach zehn gingen die beiden Saaltüren auf und eine Masse aus einhundertvierundsechzig Menschen schob sich treppauf ins Foyer des kleinen Privattheaters. Nun ist Theaterpublikum traditionell betagt, vielerorts sogar hoffnungslos überaltert, die Besucher solcher bürgerlichen Schmonzetten, wie sie im Kattenburger Royal Theater aufgeführt wurden, befanden sich jedoch in einem besorgniserregend fortgeschrittenen Stadium der Vergreisung. Dementsprechend zäh leerte sich der Saal. Leute mit allerlei sichtbaren, aber auch Leute mit nicht näher bestimmbaren Gebrechen hemmten den Fluss, andere blockierten die Gänge, indem sie Leben in Glieder reckten, im Stehen Strickjacken und Jacketts überstreiften, alberne Stolas anlegten oder, geblendet vom plötzlichen Oberlicht, die von der Vorstellung müden Äuglein rieben.

Hans-Robert Staden hatte Mühe sich an jenem ungemütlichen Januarabend, wenige Monate vor dem großen, alles verzehrenden Brand, der bald das Theater erfassen sollte, durch die Zuschauermenge zu kämpfen. Die Hände entschuldigend erhoben, huschte er hindurch und betrat als einer der Ersten das Theaterrestaurant, in dessen Mittelgang heute ein aus belegten Brötchen und Käsespießen bestehendes Premierenbüffet aufgebaut war, flankiert von eifrigen Mitarbeiterinnen, die auf Tabletts Gläser mit Schaumwein und Orangensaft balancierten. Das Foyer war noch nicht halbvoll, da lehnte Staden mit einem Bier in der Hand am Tresen. Er sah gut aus, wie er dastand. Er war mit einer gefälligen Schlankheit und dichtem Haar gesegnet, welches er halblang trug. Seine achtundvierzig sah man ihm in dem salopp getragenen Anzug kaum an. Im Dämmerlicht des Tresens wirkte er, womöglich wegen des Kontrasts zu den übrigen Gästen, geradezu jugendlich.

Staden schaute sich um, in den größer werdenden Pulk im Restaurant eintreffender Leute, konnte sie aber nirgends entdecken.

Staden sollte sich später in den vielen schlaflosen Nächten seiner Gefangenschaft fragen, ob dieser Abend wohl jenen Moment markierte, in dem alles unwiederbringlich aus der Balance geraten war, jenen Kippmoment, der die bisherige Ordnung in Chaos und Verwüstung stürzte, seine persönliche Polschmelze.

Die Premierenabende im Royal Theater folgten einer starren Dramaturgie. War der Vorhang gefallen, tummelten sich die Leute um das Büffet, auf der Suche nach guten Plätzen, von denen aus sich ein Blick auf die Darsteller erhaschen ließe, die sich, in der Maske zu Normalsterblichen zurückverwandelt, bald im Theaterrestaurant einfinden würden. Hatten die Akteure dann vor Kopf des Büffets Aufstellung genommen, ergriff jener spitzbäuchige Belami das Wort, der sich als Letzter durch ein Spalier ihn ehrfurchtsvoll beraunender Gäste in den Mittelpunkt geschoben hatte. Dimitrios Ostendorf, Halbgrieche mit elegant getrimmtem Oberlippenbart, war der Geschäftsführer eines Theaterverbunds, dem auch das Royal Theater angegliedert war. Er brauchte sich nicht vorstellen. Den Umstehenden war er bekannt. Auch Staden kannte ihn. Mehrfach hatten sie in der Vergangenheit Höflichkeiten gewechselt; meistens bei Gelegenheiten wie diesen oder den jährlichen Pressekonferenzen, zu denen Staden geladen war. Ostendorf, ein früherer Schauspieler, der es in seiner aktiven Zeit auf eine Reihe kleiner und mittelgroßer Theaterbühnen, einmal sogar als kleinkrimineller Verdächtiger in einen Fernsehkrimi geschafft hatte, hat sein Geld mit Immobilien gemacht, viel Geld, wie es heißt. Inzwischen begnügt er sich damit, von Hannover aus den Theatermogul zu geben, zu den Premieren seiner Häuser aufzutauchen (selbst ins ungeliebte Kattenburg, dem am weitesten entfernten Ort seines Theaterverbunds) und die Abende zu moderieren. In die Feierlichkeit hinein lallte Ostendorf über den schwitzigen Käse der belegten Brötchen hinweg allen Mitwirkenden seinen Dank entgegen, dem Ensemble zuvorderst, dann dem Lampenmann, dem Gastroteam, sonstigen Mitarbeitern und zuletzt seiner jungen Theaterleiterin Julia Fröhnicke, die er in den Arm nehmend als hinreißend beschrieb, dass sie kicherte wie ein Schulmädchen.

Ostendorf hatte Fröhnicke erst im September zur Theaterleiterin gemacht. In jedem seiner Häuser kümmerten sich in kurzen Röcken gutaussehende Frauen um Schichtpläne, Vorverkauf und die Bestückung des Weindepots. Künstlerische Entscheidungsgewalt hatten sie nicht. Julia Fröhnicke überragte jeden Mann im Raum. Sie könnte eines Tages eine beeindruckende Erscheinung abgeben, war sich Staden sicher. Zurzeit drückte ihr noch die Unsicherheit junger Frauen auf den Schultern. Nachdem sie Ostendorf im Foyer erfolgreich die Namen der Mitwirkenden souffliert hatte, durfte Fröhnicke wie gewöhnlich in den versiegenden Applaus hinein das Büffet eröffnen, ehe Ostendorf das letzte Wort vorbehalten war: „Wenn es Ihnen gefallen hat, sagen Sie es weiter, wenn nicht, behalten Sie es für sich.“

Staden konnte das alles schon mitsprechen. Er stand am Tresen und versuchte bei all dem, sich so unbeteiligt wie möglich zu geben. Er schaute sich um, er konnte sie nirgends ausmachen.

Hans-Robert Staden, der sich allerorts als Haro vorstellte, von den meisten aber Robert, Robertchen, seltener auch Robby genannt wurde, entstammte einer ostdeutschen Musiker- und Abenteurerfamilie. Dieses Bild über sich zwang Haro mal mehr, mal weniger offensiv anderen auf. Und tatsächlich hatte sein Großvater Hans-Friedrich Staden im Trotha der Nachkriegszeit verschiedene Orchester geleitet, die mehr als drei Jahrzehnte die Säle der jungen DDR bespielten. Nachdem er beim Melodica Rundfunkorchester ausgeschmiert hatte, gründete er sein eigenes Ensemble. Zunächst tingelte die Combo über die Dörfer des Saalekreises, später soll sich der Radius der Konzertreisen erheblich vergrößert und die Musiker selbst in die entlegensten Winkel der Republik geführt haben. In der Familie erzählt man sich, das Orchester habe sogar Schlagerstar Fred Frohberg auf mindestens einer Gastspielreise begleitet und währenddessen auch in Polen und der Tschechoslowakei gastiert. Andere Stimmen, von denen Haros Vater Hans-Joachim stets eine der lautesten war, sagten, das Orchester sei nie mehr gewesen als eine durch und durch ordinäre Tanzkapelle, wie es sie seinerzeit häufig gegeben habe. Die Begegnung mit Fred Frohberg war allenfalls eine zufällige, behauptete Hans-Joachim Staden. Das Hans-Friedrich Staden-Tanzorchester, kurz Hafstata, habe sich allenfalls mal mit dem DDR-Publikumsliebling die Bühne geteilt, einmal vor ihm, Frohberg, zufällig auf derselben Bühne gespielt, keineswegs aber sei das Orchester mit Frohberg gemeinsam auf der Bühne gewesen, schon gar nicht mit ihm unterwegs auf Konzertreise.

Größeren Wert legte die Familie auf ihre Nachkommenschaft aus dem Schoße des Weltreisenden Hans Staden, jenes gerissenen Demutspinsels, der vor bald fünfhundert Jahren erst auf ein spanisches Schiff, darauf über den Atlantik in die Neue Welt und zuletzt in den Trog von wilden Menschenfressern gelangt war. Nackt und schon in Öl und zerstoßenem Chili gewendet, las er dem Häuptling der Tupinambá aus einer Gewitterwolke und entkam spektakulär dem Opfertod, ehe er Jahre später als Völkerkundler weltweite Berühmtheit erlangen sollte. Bis heute tragen Schulen, Straßen, Plätze und Dorfgemeinschaftshäuser seinen Namen; auch alle seine mutmaßlichen Nachkommen. Die Stadens trugen schwer daran, Einer wie der Andere. Dem Vernehmen nach war der Abenteurer Haros Urahnenurgroßvater (wenngleich bislang niemand die Agnatenfolge lückenlos bis ins ausgehende sechzehnte Jahrhundert zurückverfolgt hatte).

Das größte Abenteuer, auf das er sich je eingelassen habe, sagte Haro oft im Scherz, sei der Eintritt in den Förderverein der Grundschule seiner Tochter gewesen. Zu anderen Anlässen ersetzte er den Förderverein durch die Erwähnung seiner Ehe oder anderer Lappalien. Er erzählte dies stets augenzwinkernd und mit dem beschwichtigenden Charme eines geläuterten Raufbolds. Im Grunde kamen diese Aussagen seiner Wirklichkeit verflucht nahe. Und Staden wusste das.

Keine halbe Stunde nach Eröffnung des Büffets hatten die meisten Gäste das Theater verlassen und warteten im Licht der Straßenlaternen und der Leuchtreklame angrenzender Kneipen auf ihr Taxi. Nur noch das Ensemble, Ostendorf, die Mitarbeiter des Royal Theaters und eine Handvoll ewig gleicher Freunde des Hauses, darunter auch Staden, verblieben. Gewöhnlich würden sie sich bald am Tresen zusammenrotten, später, sobald der besoffene Ostendorf ins Hotel abtrans-portiert worden wäre, auf der Bühne, dem einzigen Ort des Hauses, wo geraucht werden durfte. Am Tresen stehend, wartete Staden auf diesen Moment.

„Wie hat es dir gefallen?“, fragte Fröhnicke, die sich zu ihm gesellte.

„Gut“, log er.

„Ach, komm.“ Fröhnicke knuffte ihn lachend in die Seite.

„Ist wirklich eine schöne Produktion. Euer Stammpublikum wird das Stück lieben.“

Staden genoss es, einen Gesprächspartner zu haben. Das gab ihm ein Gefühl der Relevanz. Sie redeten noch über dies und das. Währenddessen suchte er mit seinen Blicken das Foyer ab. Einmal, ganz kurz nur, hatte er sie gesehen, glaubte er, wie sie an der Tür zum Theatersaal vorbeihuschte.

Nach einer Weile tauchte auch Ostendorf wieder im Restaurant auf. Nach seiner Rede war er in den Katakomben verschwunden. Er hatte bereits seinen Mantel angezogen und kam mit Schlagseite auf den Tresen zu. Ohne ein Wort an Staden zu richten, umarmte er Julia Fröhnicke und verschmolz mit ihrer Silhouette. Ostendorf reichte ihr gerade bis knapp übers Kinn. Staden sah, wie Ostendorf sich an seiner Theaterleitung emporschob, ihr ins Ohr flüsterte und die sich immer wieder vor Lachen biegende Frau mit festem Griff einfing und an sich drückte. Für ein weiteres Glas Wein lockerte er die Umarmung, ohne sie aufzulösen. Ostendorf trank das Glas in einem Zug leer, dann gab er Fröhnicke ein Zeichen und die beiden setzten sich in Bewegung. Im Gehen rief er Staden mit gespielt drohendem Zeigefinger zu: „Und sei gnädig zu uns!“

In Kattenburg existierten neben dem staatlichen Dreispartenhaus am Friedrichsplatz noch einige privat betriebene Theater, allein drei entlang der Ebertstraße, wovon das Royal Theater das traditionsreichste und unbestritten populärste war. 1949 gegründet, sorgte das Theater für Leichtigkeit und Ablenkung in den Nachkriegsjahren Westdeutschlands. Anfangs waren Bühne und Restaurant noch zwei voneinander getrennte Lokalitäten. Zum Theater, dessen Aufführungssaal sich nach wie vor im Keller des Eckhauses befand, führte eine unscheinbare Tür von der Seitenstraße. Das Restaurant ging nach vorne raus und lag direkt an der Kneipenmeile, im Herzen des nach dem Krieg rasch wieder aufgebauten Vergnügungsviertels. Vor allem amerikanische Soldaten, die in der grenznahen Stadt stationiert waren, verkehrten in der von saisonal wechselnden Betreibern geführten Bar, die mal mehr Jazzbar, mal mehr Stripclub gewesen sein soll. Einheimische hatten die Bar seinerzeit strikt gemieden, erzählt man sich. Nach traurigen Zeiten, Leerstand und Verfall hatte Dimitrios Ostendorf das heruntergewirtschaftete Haus vor zwölf Jahren wiederbelebt, das Theater und kurz darauf auch das Restaurant erworben und umfangreich saniert. Er verlegte den Eingang des Royal Theater an die Hauptstraße und schuf in den Räumen der einstigen Bar einen einladenden Eingangs- und Gastronomiebereich. Auf der Bühne wurden seither ausschließlich Komödien, Revuen und Musicals aufgeführt. Die Zahlen gaben Ostendorf recht, die Auslastung des kleinen Theaters an der Ebertstraße und auch die seiner übrigen Theaterhäuser war mehr als passabel.

Staden konnte sich kaum an die Hälfte der Stücke erinnern, die er hier gesehen hat. An die zwanzig Premieren wird er wohl bislang für die Kattenburger Allgemeine rezensiert haben. Statt mit Verrissen quälte er sich ein ums andere Mal gemäß dem Duktus eines lokalpatriotischen Regionalblattes mit wohlwollenden Lobhudeleien. Die Stücke waren allesamt in ihrer Banalität kaum steigerbar. Weniger Inhalt haben nur schwarze Löcher, meinte Staden einmal anderntags in der Redaktion. Dazu waren sie dramaturgisch dermaßen stümperhaft zusammengekleistert, dass er sich ernsthaft wunderte, dass sich immer wieder Schauspieler dafür hergaben, diesen klischeehaften Unfug mit ergebener Miene aufzuführen. Wegen Shakespeare, Beckett und Bernhard hatte es sie einst an die Schauspielschulen gezogen. Jetzt rissen sie für ein erbärmliches Honorar vor Busladungen von Senioren dümmliche Zoten, ritten mit Pathos durch hölzerne Dialoge, brüllten Schlager in den Saal und hatten sich billiger Lacher wegen auf der Bühne nicht selten zu entwürdigen. Kein Stück, in dem sich nicht mindestens die Hälfte des Ensembles seiner Kleidung entledigte, mitunter komplett blankzog, nur bedeckt mit Accessoires wie Hüten, Blumenvasen oder Kollegenhänden. Bei den Premierenfeiern ließ es das Ensemble, das für jeweils eine Produktion aus freischaffenden Schauspielern zusammengestellt wurde, dementsprechend krachen. Sie genossen die ihnen entgegen gebrachte Aufmerksamkeit, lachten und soffen, was das Zeug hält, kurz gesagt: Sie trösteten sich mit Gesellschaft, Schnaps und billigem Wein über die eigene Hurenhaftigkeit hinweg. Staden waren diese Darsteller, mit denen er an solchen Abenden oft bis spät in die Nacht zusammengesessen hatte, stets um ein Vielfaches lieber gewesen als die Schauspieler der Staatlichen Häuser. Ernüchtert und bar jeder unverschämter Träume, hatten sie Demut und eine kritische Distanz zu ihrem Beruf entwickelt, die den eitlen Gecken der Staatstheater üblicherweise abging. Was Schauspielern, egal welcher Stellung oder Anstellung jedoch einte, war, wie Staden festgestellt hatte, deren begrenztes Vokabular. Abseits ihrer Textbücher haben sie kaum mehr Worte als das Navi eines Autos.

Nachdem Ostendorf ins Taxi gesetzt wurde, begann der legere Teil des Abends. Die Angestellten des Royal Theater lockerten ihre Garderobe, legten Musik auf und genehmigten sich Bier und süße Drinks. Ostendorfs Abgang war wie ein verabredetes Signal, das lediglich noch das stille Einverständnis Fröhnickes erforderte. Fröhnicke selbst hatte ihre hochhackigen Schuhe ausgezogen und ihr Abendkleid gegen einen plüschigen Einteiler eingetauscht. Sie gesellte sich abwechselnd zu vereinzelten Grüppchen von Gästen, die noch geblieben waren und sah das erste Mal an diesem Abend gelöst aus. Sie lachte viel und ließ sich allenthalben für ihre barfuß demonstrierte Unkonventionalität loben. Die Schauspieler hatten sich derweil separiert und sich an einen eigenen Tisch am Rand des Theaterrestaurants gepflanzt. Sie hatten offensichtlich wenig Interesse daran, die hiesigen Traditionen solcher Abende zu pflegen und blieben unter sich. Man hörte ihr aufgedrehtes Stimmengewirr und Gelächter, und hin und wieder kam einer von ihnen zur Bar und orderte eine neue Runde Alkoholika. Alles in allem verlief der Abend enttäuschend. Staden lehnte wie eine in Stein geschlagene Heiligenfigur am Tresen und verschob minütlich seinen Aufbruch.

Es ging auf ein Uhr zu. Die Gäste waren ausnahmslos gegangen, die Mitarbeiter tanzten hinterm Tresen und sangen ausgelassen. Aus dem Augenwinkel beobachtete Staden jene junge Frau, die er den ganzen Abend gesucht und nur dann und wann flüchtig erspäht hatte und die nun unbeteiligt von all dem Übermut inmitten ihrer Kollegen Gläser polierte. Beim Aufschauen trafen sich ihrer beider Blicke, kaum sichtbar zwinkerte sie ihm zu und ließ ein Lächeln aufblitzen.

„Trinkst du einen mit mir?“, fragte er.

WIE DAS WASSER, DAS ÜBER DEN SPIEGEL DER REGENTONNE RINNT & ZU DEREN FUßE AMEISENSTÄDTE FLUTET

Am darauffolgenden Morgen war Staden verkatert aufgewacht. Während Inka, seine Frau, auf der Schwelle zum Schlafzimmer mit der neunjährigen Tochter Garderobenfragen diskutierte, drehte sich Haro noch einmal im Bett um. Er ahnte, dass Inka es nicht gerne sah, wenn er liegen blieb und sie allein Mathilda für die Schule fertig machte. Doch es war ihm egal. Ihre Ehe war bereits so weit fortgeschritten, dass die Befindlichkeiten des Partners nicht mehr allzu sehr bekümmerten. Er lag im Bett, die Decke übers Gesicht gezogen, und dachte an vergangene Nacht, die ihm wie ein ferner Traum erschien.

Gegen drei Uhr hatte Haro das Royal Theater verlassen und war müde und aufgekratzt zugleich nach Hause gefahren. Dorina und er waren als letzte im Theater verblieben. Stundenlang hatten sie in der sperrhölzernen Dekoration eines Bauernhofes auf der Bühne gesessen, geredet und getrunken. Seine Versuche, ihr noch beim Aufräumen zu helfen, wehrte sie freundlich aber entschieden ab. Sie verabschiedete ihn mit einer Umarmung am Hinterausgang. „Schreib mir, wenn du zu Hause bist“, hatte sie ihn gebeten.

Dorina Alisan war seit zwölf Jahren am Kattenburger Royal Theater beschäftigt. Sie kam, als Ostendorf das Theater übernommen hatte und absolvierte dort als junges Mädchen mit rot gefärbtem Wuschelkopf einen einjährigen Freiwilligendienst. Sie blieb und finanzierte sich wochenends in der Gastronomie des Theaters ihre Tanzausbildung an einer längst wieder in der Versenkung verschwundenen privaten Tanzakademie. Und sie blieb auch danach. Heute war sie die gute Fee des Hauses. Sie half an Showtagen in der Gastronomie und unter der Woche im hauseigenen Ticketshop, sie nähte an den Kostümen und schraubte am Bühnenbild, sie sprang in der Technik ein, kutschierte Ostendorf ins Hotel, und war wieder einmal eine Havarie in einem der Lagerräume ausgebrochen, dass das Wasser in Fontänen herabstürzte, leerte sie in der Nacht die Eimer. Zuletzt kümmerte sie sich vermehrt um Pressearbeit, schrieb Ankündigungen zu den Stücken, verschickte Einladungen zur Pressekonferenz und zu den Premieren, terminierte Interviewanfragen. Darüber hatte Staden die verschlossene Frau kennengelernt. Sie waren sich von Anfang an sympathisch und plauderten über Literatur und Tanz. Staden hatte keine Mühe gewitzt zu erscheinen. Seit der letzten Premiere kurz vor Weihnachten schrieben sie sich Nachrichten aufs Handy; nachdem Staden Frequenz und Intensität des Schriftwechsels forciert hatte, inzwischen sogar beinahe täglich. Seit vier Wochen ging das so. Gegen ein Abenteuer hatte ein Staden schließlich nichts einzuwenden. Das Mobiltelefon umklammert, las Haro den jüngsten Verlauf ihres gemeinsamen Chats, den die beiden noch in der Nacht befüllt hatten. Es erregte ihn.

Er: Vielleicht kann ich dir morgen ein wenig Zeit rauben?

Sie: Wird aber spät.

Er: Ich warte gerne. Auf dich.

Sie: Aber nur, wenn du wirklich Lust & Zeit hast, ja?

Er: Ja. Und ja. Ich habe vorher noch einen Abendtermin, dauert nicht lange. Hole dich danach ab. btw: Ich muss gerade ganz schön viel an dich denken, Dorina.

Sie: Bis morgen, schlaf schön.

Als er seinen letzten Satz las, wurde ihm flau im Magen. Zwar hatte sie seine Offensive nicht mit der erhofften Rührseligkeit erwidert, Staden las daraus dennoch eine wundervolle Verheißung. Es fühlte sich aufregend an. Am Abend würde er sich mit ihr treffen, ganz verbindlich, zum allerersten Mal, zu einem Spaziergang oder zu irgendetwas anderem. Der Gedanke daran war das Wasser, das über den Spiegel der Regentonne rinnt und zu deren Fuße Ameisenstädte flutet.

Als Staden darüber einzuschlafen drohte, ging die Schlafzimmertür auf. Seine Tochter kam herein und setzte sich zu ihm auf den Bettrand. „Gute Nacht, Papi Langschläfer“, sagte Mathilda und kicherte.

„Schlaf du auch schön.“

„In der Schule?“

Er rappelte sich hoch und gab seiner Tochter einen Kuss auf die Stirn. „Bis nachher, Süße. Hab einen schönen Tag.“

Einmal in der Senkrechten, stand Staden auf, schob die Verdunklungsvorhänge beiseite und zog sich an. Dann bügelte er ein Hemd, das braune mit dem Dolchkragen. Er fand, darin sah er aus wie einer dieser traurigen Countrysänger oder wie ein Outlaw amerikanischer Siebzigerjahre-Streifen. Er mochte dieses Bild von sich. Vor dem Fenster stehend streifte er das Hemd über, ohne die Knöpfe zu schließen. Das Fenster ging nach hinten raus, in den Innenhof. Der Januarhimmel über den Dächern der schmucken Altbauten war mit Wolken verschmiert. An Schnee und winterliche Kälte war ebenso wenig zu denken, wie an baldigen Frühling.

Ohne Inka in der Wohnung zu begegnen, huschte er ins Bad. Vor dem Spiegel überlegte Staden, ob er sich rasieren sollte. Er entschied sich dagegen, um Dorina am Abend nicht allzu präpariert gegenüberzutreten.

Bevor er sich losmachte, suchte er nach Inka. Da er sie nicht in der Küche und nirgendwo sonst in der Wohnung antraf, würde sie wohl auf dem Dachboden die Wäsche von den Leinen nehmen. Staden schloss die Wohnungstür hinter sich und ging die Stufen hinauf zum Dachboden. Sie wohnten im vierten Stock. Kaum ein Mieter nutzte außer ihnen den Dachboden. Im Winter war es schrecklich kalt dort oben, der Wind pfiff durch Ritzen. Es dauerte eine Ewigkeit, bis die Wäsche ihren Zustand von nass in nur noch klamm geändert hatte. In einem Verschlag neben der Treppe hatte jemand alte Möbel, Bretter und Säcke mit vergilbten und mottenzerfressenen Gardinen abgestellt. Niemand wusste, wem das Gerümpel gehörte, und so blieb es seit Jahren unberührt. Den Kopf durch die Tür zum Dachboden steckend, verabschiedete sich Staden von seiner Frau. „Bei mir wird’s spät“, rief er. „Abendtermin. Muss ich auch heute noch schreiben. Aber vielleicht komme ich vorher noch mal rein.“ Er sah nur Inkas Beine in der taubengrauen Frotteehose zwischen der an den Leinen hängenden Wäsche, aber er wusste, welch Gesicht seine Frau machen würde, wie sie es immer machte, wenn er sich, wie sie behauptete, aus Familienleben und Verantwortung stahl.

Die Geschichte des modernen Mannes beginnt mit der Entfaltung seiner Spezialbegabung, um sich einerseits bestmöglich in die Gemeinschaft einzubringen, andererseits um seinen Status zu sichern. Er erlernt sein Handwerk von seinem Vater, der es wiederum von seinem Vater gelernt hat. Trotz all des Väterwissens war Haro, Sohn eines Ingenieurs und Hobbybastlers, in vielen Belangen ungeschickt und bezogen auf alles Technische zudem vollkommen desinteressiert. Sein Vater hatte ihm stets vorgehalten, zu Arbeit schlicht unfähig zu sein. Aber was weiß der schon. Haros Handwerk war das Schreiben, mit dem er mal besser, mal weniger gut seinen Lebensunterhalt betritt. (Nicht selten wachte Haro des Nachts über seiner Furcht, sein Vater läge vielleicht gar nicht so falsch mit dem, was er sagte.)

Welches Handwerk der legendäre Hans Staden aus dem hessischen Homberg, der Urvater der Sippe, wie Haros Vater Hans-Joachim Staden immer betont hatte, einst erlernt haben mochte, ist nicht überliefert. Sein Väterwissen hatte er aber nicht von seinem leiblichen, sondern vielmehr von seinem gestrengen Landesvater bekommen. Wie alle jungen Hessen seinerzeit wurde Hans Staden zu unbedingtem Gehorsam erzogen, an Handbüchsen und Kanonen ausgebildet und daraufhin nicht selten aufs Geratewohl an beliebige Kriegsherren verschachert. So diente er im Schmalkaldischen Krieg. Was ihn bewogen haben mag, noch bevor sich der Pulverrauch gelegt hatte, die Heimat zu verlassen, ist unklar, nichts als Mutmaßungen. War es die Aussicht auf Abenteuer, wie es jede Rückschau verklärt? War es die günstige Gelegenheit zu Flucht und Neuanfang, weg von Familie und Freunden, Frauen und anderen Gläubigern? Oder war es eine Schnapsidee, die sich, von den Stromschnellen der Umstände erfasst, nicht mehr aufhalten ließ? Hans Staden gelangte nach Holland und schloss sich Männern seines Schlages an. Büchsenschützen waren begehrt und verdienten gut. Im Hafen von Lissabon wollte Staden Überlieferungen zufolge auf ein Handelsschiff nach Indien. Doch er kam zu spät, das Schiff war bereits ausgelaufen; schließlich heuerte er als Bombardeiro auf einer Caravelle an, die nach Brasilien auslief.

Hans-Robert Staden arbeitete als Freier Mitarbeiter bei der Kattenburger Allgemeine. Vierzehn Jahre nach Beendigung seines Volontariats wartete er noch immer auf eine Festanstellung. Wobei vielmehr Inka darauf wartete. Staden selbst hatte mit der Situation längst seinen Frieden gemacht. Nach drei Einjahresverträgen war er längere Zeit als Pauschalist tätig, als scheinselbständiger Redakteur mit pauschalem Tageshonorar. Da sich der Verlag solcher arbeitsrechtlicher Sauereien nach einem an die Öffentlichkeit geratenen Fall inklusive nachträglich zu zahlenden Sozialbeiträgen heute nicht mehr schuldig machen möchte, wurde Staden (wie im Übrigen alle anderen Freien Mitarbeiter auch) pauschal abgefunden und inzwischen einzig für erschienene Artikel bezahlt. Die Auftragslage war nicht berauschend, abgesehen von einigen Durststrecken im Sommer aber passabel. Staden galt vielen Redakteuren und mehr noch den Damen im Erfassungspool, die gegen Schäkereien Aufträge für tagesaktuelle Termine vergaben, als beliebt und zuverlässig. Vor allem zu Monatsbeginn nahm er jeden erdenkbaren Termin an, mitunter vier oder fünf Termine am Tag. Ob Premieren, Ehrungen, Jubiläen, Einweihungen, Geschäftseröffnungen, Portraits oder lokalpolitische Gremien – Staden machte im Prinzip alles. Er fuhr raus zu den Presseterminen, sprach mit den zwei, drei wichtigen Leuten, machte Fotos und verfasste anschließend seine Texte. Schreiben war ihm nie schwergefallen. Auch nicht unter Zeitdruck. Staden war erfahren genug, aus dem Stehgreif über jede stadtpolitische Nichtigkeit profund klingende Artikel zu verfassen, ganz gleich, wie dürftig die Faktenlage auch aussah. Oft hatte er schon bei der Hinfahrt zum Termin Texteinstieg und Dramaturgie im Kopf. Am liebsten waren ihm Abendtermine, die großzügiger honoriert wurden. Aus Ortsbeiratssitzungen ließen sich zudem nicht selten mehrere Texte stricken. Anfangs erhob er seinen Job bei diesem Lokalblatt Freunden gegenüber als eine für eine Gesellschaft notwendige Aufklärung und Einschätzung von Geschehnissen vor der eigenen Haustür, heute waren ihm die diskutierten Inhalte egal. Gleichzeitig schämte er sich selten dafür. Es war eine nüchterne Aufwand-Nutzen-Gleichung, an der er, wie er, Staden, wusste, doch immer wieder scheitern würde.

Es war kurz nach zehn, als der Postbote das Haus an der Hansastraße 11 betrat. Hans-Robert Staden hatte seit einer halben Stunde im Auto auf diesen Moment gewartet. Dann stieg er aus und schlich an der Hauswand entlang. Als der Briefträger das Haus verließ, stand Haro bereits an der Tür, den Schlüssel in der Hand. Er fischte drei Briefe aus dem Postfach, einen von der GEZ, ein anwaltliches Schreiben mit gelbem Kuvert und einen Brief der Krankenkasse an Inka. Letzteren legte er zurück. Mit schnellen Schritten lief er zu seinem Ascona, stieg ein und machte sich auf den Weg.

Sein erster Termin stand für elf Uhr an. Die Enthüllung einer Gedenktafel für einen gewissen Bernhard Lehner. Staden hatte den Auftrag für ein Foto und vierzig Zeilen Text. Achtunddreißig Euro würde ihm das einbringen. Lehner war Künstler und seit mehr als zwanzig Jahren tot. In Kattenburg geboren und aufgewachsen, erlebt er dort die Kriegsjahre. Mit vierzehn klettert er auf den Turm der Martinskirche und schießt mit der Kamera seines Vaters, der seinerzeit ein Fotolabor in der Wildemannsgasse betrieb, Fotos der vom Krieg zerstörten Stadt. Wüste Landschaften, aus denen gelegentliche Mauerreste ragen; Zeugnisse einer fernen, unbestimmbaren Zeit in Schwarzweiß, einer untergegangenen Zivilisation. Lehners Aufnahmen werden in etlichen Bildbänden und Zeitungen abgedruckt, sogar in internationalen Magazinen, und prägen lange das öffentliche Bild der Stadt. Vergangen der Glanz der einstigen kurfürstlichen Residenz, alles dahin, vergessen, erloschen im Feuersturm. Inzwischen war die Stadt Auswärtigen lediglich noch bekannt von der ZDF-Wetterkarte und dem Jahrzehnte alten Bonmot, wegen allzu simpler Wiederaufbau-Architektur die westlichste Stadt der DDR zu sein. Auf die Zerstörung der Stadt trifft man in Kattenburg bis heute unentwegt. Sie ist Trauma und Apologie. Alles hat hier seinen Anfang in Zerstörung und Tod, alles. Lehner kehrt Kattenburg nach dem Krieg den Rücken und macht schließlich als Bildhauer Karriere.

Das einstige Wohnhaus der Lehners in der Wildemannsgasse, wo die Gedenktafel enthüllt werden sollte, brauchte Haro nicht suchen. Er stieg aus seinem Ascona und ging geradewegs auf die Menschentraube zu, die sich vor der Filiale eines Billigfriseurs bildete. Der Kulturdezernent Hanno Adam und sein Gefolge städtischer Bediensteter posierten bereitwillig vor der Kamera des Extra-Tip-Kollegen. Das verwunderte Haro stets aufs Neue: Kaum zückt ein Journalist seine Kamera, wird es vor der Linse augenblicklich schwarz von Leuten. Weitere Pressevertreter waren der Praktikant eines Stadtmagazins und Ulli Krebes vom epd, dem Evangelischen Pressedienst. Krebes, einem hageren Mann in grauer Windjacke, begegnete Haro seit Jahren bei Terminen wie diesen. Die berichterstattende Zunft in Kattenburg war übersichtlich. Im Grunde kam bei den meisten Terminen mehr oder weniger dasselbe Personal zusammen – sowohl diesseits als auch jenseits der Schreibblöcke. Händeschütteln, ein wenig Smalltalk, dann setzte Adam zur Rede an, die wenig festlich geriet. Angehörige Lehners waren, wie Staden feststellte, nicht vor Ort.

Wenn es sich einrichten ließ, verbrachte Staden die Zeit zwischen den Terminen im Stadtcafé oder in einem Lokal, das auf dem Weg lag. Er konnte es meistens einrichten. Bei einem doppelten Espresso dechiffrierte er seine Mitschriften, kritzelte Texteinstiege in sein Notizbuch und prüfte die Fotos auf der Kamera. Auch etliche Romanprojekte, an denen er bisweilen arbeitete, fanden dort ihren Anfang. Und ihr Ende.

Die Heldengeschichte des Hans Staden spielte in Haros Familie naturgemäß eine beachtliche Rolle. Die Familie kam oft auf das Buch, das Staden nach seiner Rückkehr aus Brasilien mit Hilfe eines Verlegers geschrieben hatte, auf Begebenheiten daraus oder auf den vermeintlichen Vorfahren der Sippschaft selbst zu sprechen, bei Feierlichkeiten mit Bekannten dauerte es selten länger als bis zum Kaffee, ehe Haros Vater Hans-Joachim mit tragender Miene zum Bücherregal schritt und sein Exemplar von „Die Wahrhaftige Historia der wilden, nackten, grimmigen Menschenfresser-Leute“ herauszog. Das Buch war ein Faksimile der ursprünglichen Ausgabe, es war in Leder gebunden und beinhaltete zahlreiche farbige Abbildungen der originalen Holzschnitte, deren detaillierte Brutalität auf Haro in Kindertagen stets großen Eindruck gemacht hatte. Haro hatte keine Ahnung, wo sein Vater diese sicher mehr als einhundert Jahre alte Ausgabe herhatte. Es war das einzige Buch im Regal, das nicht mit dem Buchrücken nach vorne zeigte, sondern mit dem Umschlag. Haros Vater war nicht sonderlich belesen. Seine literarische Bildung erschöpfte sich in der Schulliteratur, die er sich nur widerwillig angetan hatte, mit Zeitgenössischem hatte er schon gar nichts anfangen können. Doch auf dem Feld der Abenteuerliteratur konnte er (und mehr noch sein Bruder Hans-Werner) mit einer erstaunlichen Expertise aufwarten. Von Kindestagen an verschlangen die beiden Brüder alles Heldenhafte, das in fernen Ländern spielte und was der DDR-Buchhandel hergab: Sie hatten sich durch eine Reihe an Robinsonaden gelesen, sie liebten Schnabels Insel Felsenburg und Coopers Lederstrumpf und vertieften sich in die Bücher von Friedrich Gerstäcker und Max Junge, Eduard Klein, Ernst Rudolf Greulich und vor allem Götz R. Richter, mit Karl May hingegen konnten beide nie viel anfangen. Doch die Krönung all dessen, weil wahrhaftig und wahrhaft erlebt, war ihnen Stadens Historia. Dieser Stolz, den die mutmaßlichen Agnaten auf dieses Werk und auf dessen Urheber empfanden, war Haro unbegreiflich. Er sprach in diesem Zusammenhang gern von der Blasiertheit der Stagnaten.

Seinen Wagen ließ er in der Wildemannsgasse stehen, der Weg zum Stadtcafé war nicht weit. Ihm waren schon dieser Tage die Säufer, Junkies, Punks und anderen armen Schlucker aufgefallen, die Kattenburgs Mitte erobert hatten. Der milde Winter hatte sie nicht wie die anderen Jahre in die Notunterkünfte außerhalb der Stadt vertrieben. Stattdessen lungerten täglich mehr von ihnen auf den Plätzen, in den Straßenbahnhaltestellen und vor den Geschäften herum. Eine Traube von Tauben stob auseinander, als Staden über den Königsplatz lief. Es war ein trüber, irgendwie lichtloser Tag. Bedenkliche Warteschlangen vor Western Union und der Postbank. Irgendetwas war im Gange, das war offensichtlich. Staden nahm die Symptome wahr, Schlüsse zog er nicht.

Im Café widmete sich Staden endlich dem Text für die gestrige Premiere. Das Stück war eine klassische Verwechslungs- und Erbauungskomödie mit grobschlächtig skizziertem Personal, das auf einem maroden Bauernhof zu Musik und Glückseligkeit findet. Eine ganze Weile kam ihm nichts Geistreiches in den Sinn (und geistreich sollte seine Rezension bei aller Schlichtheit, die das Stück offenbarte, schon sein; schließlich würde Dorina den Artikel lesen, sehr genau lesen sogar, und Staden war gefallsüchtig genug, sich diesbezüglich Effekte auf Dorinas Wahrnehmung auszurechnen.) Er dachte lange darüber nach, was er schreiben und wie kritisch er sich geben dürfe, er verzweifelte daran. An eine für die Gesellschaft notwendige Einschätzung von Geschehnissen, nämlich der sachkundigen Einordnung, ob sich der Besuch dieses Theaterstücks lohnt oder nicht, verschwendete Staden keinen Gedanken. Er dachte weder an die Befriedigung seiner Eitelkeit noch an eine ominöse Leserzielgruppe (wer auch immer sich dahinter verbergen mochte). Alles in allem kann man sagen, dass Staden diesen Text allein für Dorina Alisan verfasste. Dorinas mögliche Wertung schwebte wie das Schwert des Dionysios über seinem verwirrten Haupt. Staden stand auf und ging durch den Gastraum, er kehrte zum Tisch zurück mit ein paar Magazinen, die er in der Auslage gefunden hatte. Er blätterte zunächst unmotiviert darin herum und gelegentlich blieb sein Blick an einem Foto oder einem Artikel hängen. Aus einem Text über zeitgenössischen Tanz und aus einem Artikel über einen bolivianischen Arzt, entlehnte er schließlich Formulierungen, die ihm gefallen hatten. Man muss zugeben, es lag ihm, die Schreib- und Denk- und Handlungsweisen Anderer zu imitieren, Fremdtexte zu modifizieren, Worte zu streichen und durch andere zu ersetzen, Versatzstücke so lange hin- und herzuschieben, den ursprünglichen Sinn ganzer Passagen auszuhöhlen, bis nichts mehr davon übrigbliebe als die reine Form, die er schließlich neu verfüllte. Staden entschied, szenisch in seinen Artikel einzusteigen; beginnend mit der Schlussaufstellung der Darsteller vor der Scheune, dem Postulat bäuerlicher Genügsamkeit, der Apotheose des Misthaufens (mit besten Grüßen an Arno Schmidt). Neu beflügelt, schrieb er seinen Artikel.

Es war früher Nachmittag, mit Ferngruß Richtung Empfangstresen, hinter dem ein dunkelblau uniformierter Pförtner seine Zeit absaß, betrat Staden das Verlagsgebäude. Vier Jahre ist es her, dass die Freien Mitarbeiter der Kattenburger Allgemeine aus Versicherungsgründen aus den Redaktionsräumen des Verlags verbannt wurden. Seither war ihnen nur noch gestattet, sich im Raum E7 direkt neben der Eingangshalle aufzuhalten und dort an zwei Rechnern Fotos und Texte ins Redaktionssystem einzuspielen. Als freie Zone bezeichneten Redakteure die frühere Abstellkammer. Die Chefredaktion sah stets milde darüber hinweg, dass Staden sich über die Jahre dort eingerichtet hatte. Es wurde inoffiziell sein Büro. Staden betrachtete diese gefällige Sehschwäche der Oberen als Kompensation für seine Verlagstreue trotz monatlich wiederkehrender monetärer Opfer.

Als erstes warf er einen Blick in sein Postfach (jedem Freien wurde in einer Sortierstation auf dem Schrank neben der Tür eine Ablage für Mitteilungen zugeordnet). Staden zog einen Stoß an Pressemitteilungen für anstehende Termine hervor, überflog kurz die Papiere mit Texten und Anmerkungen, legte sie wieder zurück und machte sich an die Arbeit. Er haderte noch immer mit dem Premierentext, gab ihn schließlich aber für Burgel, dem Producer, der das Seitenlayout erstellte, frei. Auch die Arbeit am Lehner-Text stockte, weil Staden jeden zweiten Gedanken unterbrach, um auf sein Mobiltelefon zu schauen. Dorina hatte sich den ganzen Tag nicht gemeldet. Er wartete auf ein Zeichen und hatte gleichsam Angst davor, weil er befürchtete, sie könnte für heute Abend noch absagen.

Als er am Abend auf die Schule zulief, in der der Ortsbeirat tagte, war die Sonne bereits vollständig untergegangen. Im Erdgeschoss des Gymnasiums brannte Licht. Seit wann finden Ortbeiratssitzungen eigentlich Freitagabend statt, fragte sich Staden, den Klassenraum betretend. Acht Kommunalpolitiker, darunter drei Schnauzbärte, zwei Randlosbrillen und vier Karohemden, saßen an zu einem Hufeisen zusammengestellten Tischen. Staden war der einzige Pressevertreter, für den sie in den kommenden Stunden das Stück vom engagierten Ehrenamt aufführen würden. Lokalpolitiker sind die mit Abstand stolzesten, das bewahrheitete sich in jeder ihrer Äußerungen. Sie stritten wegen drei Dutzend Platanen, die aufgrund von Straßenarbeiten unweit des Bahnhofes gestutzt werden mussten, wegen des Bebauungsplans einer Brache, wegen der Beantragung von Fördergeld für zwei Grundschulen und wegen vier weiterer Tagesordnungspunkte. Staden nickte tapfer, er schrieb schon lange nicht mehr mit und fragte sich stattdessen, wie weit er nachher mit Dorina würde gehen dürfen.

Mit Inka hatte er seit Monaten nicht geschlafen. Sie war schön, zweifellos. Aber begehrte er sie noch? Seine plumpen Versuche sich ihr zu nähern zerschellten allesamt am Berg ihrer jahrelangen Abweisung. Inka war ruhelos und in Haros Gegenwart immerzu beschäftigt: mit Hausarbeit und mit der Erziehung Mathildas, und manchmal schien sie auch einfach nur stöhnend durch die Wohnung zu hetzen, um zu demonstrieren, wie schwer sie es hatte. Sie war immer in Bewegung und Haro nicht in der Lage, sie für eine Zärtlichkeit einzufangen. Ihr Leben war Arbeit. Und am Abend, wenn die Hausarbeit getan, das Kind im Bett und der folgende Tag geplant war, folgte die Körperarbeit. Inka setzte sich dann nicht einfach vor den Fernseher; nein, sie machte Fußbäder, feilte und lackierte die Nägel, zupfte die Brauen. Anschließend navigierte sie sich mit Eifer durch ihr Mobiltelefon, machte Bestellungen, telefonierte mit ihrer Mutter und moderierte in diversen Mama-Chats die Gehässigkeiten über die Entwicklungsstörungen bei Kindern anderer. Es gab unheimlich viel zu tun im Leben einer Ehefrau. Und sobald Inka nichts mehr tat, sie ihr Handy zur Seite legte, den ruhelosen Kopf aufs Kissen bettete, dann war sie augenblicklich mit verrutschter Brille auf der Nase eingeschlafen.

Liebte er sie? Wann immer sich Staden diese Frage stellte, antwortete er darauf mit einer Gegenfrage: Ja, liebt sie mich denn noch? (Ehe, der unlösbare Doppelknoten verdreckter Laufschuhe; der Bund von zweien, die das Bett teilen, und die Sorgen: deine Sorgen, meine Sorgen -.)

Es war nach zehn, die Liste der Tagesordnungspunkte beinahe abgehakt. Sein Handy brummte in der Hosentasche. Er zog es heraus, Dorina hatte geschrieben.

Bin gleich fertig hier, ich schmeiß die Mischpoke nur noch rasch raus. Wie lange brauchst du noch?

TAUBENMILBEN, DRECK & FEDERN

Es hat seinen Grund, weshalb er seit mehr als zwanzig Jahren lediglich zu Trauerfeiern und unvermeidlichen Eheschließungen von Bekannten oder Verwandten eine Kirche betreten hatte. Pfarrer Henning, den er noch vom Konfirmations-Unterricht her kannte, grüßte er, wenn er ihn auf der Straße vor dem Haus seiner Eltern traf. Manchmal tat er aber auch beschäftigt und sah an ihm vorbei. Ein Kollektiv wie das der Lutheraner Rechthaber war ihm schon früher suspekt gewesen; inzwischen war es ihm in höchstem Maße zuwider. Er brauchte niemanden, der ihm erklärt, Äpfel welchen Öko-Zertifikats zu essen moralisch unbedenklich sei und der Support welcher Fußballclubs. Dass sich der Konsum von Fair-Trade-Kaffee aus dem Zweiten Korintherbrief ergäbe, ebenso wie Solidarität mit Geflüchteten und die Verwendung von Lupinen als Fleischersatz – er fand das alles nicht einmal mehr witzig. Er hatte diesen ganzen wichtigtuerischen reformatorischen Haufen gründlich satt.

Wesentlich lieber (wenngleich ebenso wenig als brauchbare Alternative) war ihm der Katholizismus mit seinen Geheimniskrämern und Wahrheitsdeutern, die in klösterlichen Hinterzimmern absurde weltfremde Themen diskutierten und sich dabei hinter hunderten und aberhunderten Fußnoten, Vorbehalten, Ausnahmen, Einschränkungen und anderen Freizeichnungsklauseln verschanzten.

Vor ihm lag ausgebreitet die aktuelle Ausgabe der FAZ, die er jeden Morgen durcharbeitete. Sport, dann Politik und Wirtschaft (in der Reihenfolge mit nachlassendem Interesse), den Rest überflog er gewöhnlich noch rascher. Die Bundesregierung solle künftig den Export von Rüstungsgütern drastisch zurückfahren, hieß es in einem Agenturtext auf der heutigen Titelseite, den er vollständig gelesen hatte. Was überraschte, die Forderung kam nicht vom linken Flügel der Opposition, sondern aus Teilen der Regierung selbst, die die Ausfuhr in Höhe von etwas mehr als acht Milliarden Euro erst genehmigt hatte. Die SPD, altersschwacher Juniorpartner der Großen Koalition, wandelt auf dem Pfad der Profilschärfung; und die Brandmarkung der seit zwei Jahren auf ein Rekordhoch gestiegenen Ausfuhr von Kriegswaffen und militärischer Ausrüstung wurde offenbar als geeignetes Mittel auserkoren, der schwindenden Wählerbasis eilends auf die moralisch gefälligere Seite zu folgen. Wem zum Henker soll das von Nutzen sein?

Wie schlicht und ehrlich war dagegen die Kommunikation von Vögeln. Den Rufen und Antworten der Ringeltauben, die aus der Ulme zu seinem Fenster drangen, konnte er stundenlang zuhören. Manchmal tat er das auch. Huh-huuhu-huh, huh-huh.

Es waren vier Ringeltauben, die den Vorplatz des Firmengeländes von Menzer Mobile Classic Cars zu ihrem Revier gemacht hatten. Oft hockten sie auf dem Kamm des Satteldachs des DEKRA-Gebäudes gegenüber, um anschließend mit großem Radau in die Ulme zu jagen, dass es raschelte und knisterte. Kai Menzer beobachtete das sich täglich wiederkehrende Spiel von seinem Bürofenster aus.

„Chefchen, ich muss nochmal stören“, platzte Kristina Carciola unvermittelt in Menzers Gedanken.

„Sie klopfen schon wieder nicht an.“

„Aber sicher habe ich das.“

„Aber nicht abgewartet, bis ich Sie hereinbitte. Das kann so schwer doch nicht sein. Mag sein, dass mein Vater das anders handhabt. Für die Tage, die Sie bei mir arbeiten, werden Sie sich umstellen müssen. Hier steht man nicht einfach in der Tür und verfügt ungefragt über meine Aufmerksamkeit.“

Kristina Carciola ertrug den Anschiss mit einem aufreizend hochmütigen Lächeln. Sie war kaum jünger als Menzer. Als Auszubildende in einem Autohaus seines Vaters bandelte sie mit einem der Verkäufer an. Inzwischen trug sie dessen italienischen Namen und das adrette Kostüm einer Chefsekretärin. Beides stand ihr sehr gut. Für einige Wochen hatte Menzer Senior seinem Sohn die kecke Frau mit dem auffälligen Wangenrouge zur Seite gestellt, weil dem wieder einmal eine Vorzimmerdame abhandengekommen war (die letzte angeblich, weil sie ständig fror und weil sie ihr Vorgekochtes tagtäglich aus Plastikdosen heraus auf sämtliche Tische und Ablagen gekleckert haben soll, so Menzer, ohne die Spuren anschließend zu beseitigen, was ihn immer fürchterlich aufgeregt habe. Außerdem habe sie sich als intrigant und einfältig herausgestellt.). Carciola solle ihm nun ein wenig zu Hilfe gehen, hatte sein Vater gesagt, und eine noch einzustellende Nachfolgerin einarbeiten. Kai Menzer aber beschlich das ungute Gefühl, Carciola solle für den Senior vor allem ein wenig herumschnüffeln.

„Also darf ich?“

„Ja, was denn?“

„Na kurz stören?“

„Das tun Sie doch eh schon. Also? Was gibt's?“

„Es geht noch einmal um den Monatsabschluss. Wir haben das bei uns eigentlich immer anders gemacht...“

Während Carciola weiterredete, schaltete Menzer ab. Wir und uns waren in Kombination mit ihrer zur Schau gestellten Selbstsicherheit jene Schlüsselwörter, vor denen ihm am meisten schauderte, besagen sie doch, dass wir es besser können und unsere Methode unmissverständlich die richtige ist. Da er aber keine Lust zum Diskutieren hatte, beließ er es dabei. „Von mir aus“, sagte er betont gelangweilt, die Zeitung zusammenfaltend. „Machen Sie es so, wie Sie es für richtig halten.“

„Soll ich dann die früheren Monatsabschlüsse der Form halber auch anpassen?“

„Das wird nicht nötig sein. Sonst noch was? Ich habe gleich ein wichtiges Telefonat und möchte nicht gestört werden. Und zwar so lange nicht, bis ich mich wieder bei Ihnen melde.“ Während Carciola, ohne eine Antwort zu geben die Tür hinter sich schloss, drehte sich Menzer in seinem Stuhl wieder zum Fenster. Huh-huuhu-huh, huh-huh.

Kai Menzer war der jüngste Spross einer Kattenburger Unternehmerfamilie. Sein Vater, Harald Menzer, stand einem sich über das gesamte Bundesgebiet erstreckenden Firmengeflecht aus etwa zwei Dutzend Autohäusern vor. Parallel zum Studium hatte sich Kai mit Menzer Mobile Classic Cars sein eigenes Standbein aufgebaut. Das Autohaus im Kattenburger Osten konzentrierte sich speziell auf Ankauf, Aufbereitung und Verkauf von Oldtimern. Dora Menzer, Kai Menzers Mutter, war eine geborene Karl. Und ein ganz anderes Kaliber.

Er nahm das Telefon zur Hand, wählte keine Nummer. Als er den Hörer zurücklegte, sprang unvermittelt der Bildschirmschoner an und warf wohltuende Schwärze auf den Schreibtisch, wie eine Wolke auf die sonnige Terrasse. Menzer ließ sich in seinen Stuhl sinken und erschrak vor dem Gesicht, das ihn aus dem Bildschirm anschaute. Er konnte den Anblick nicht ertragen und bewegte die Mouse, bis sich die Angebotsliste eines Gebrauchtwagenportals auf sein Spiegelbild legte. Anderthalb Stunden noch schlug er die Zeit tot, dann stand er auf. Arbeiten würde er heute doch nicht mehr.

Im Vorzimmer sah ihn Kristina Carciola entsetzt an. „Heute kommen die Amerikaner, Sie gehen doch jetzt nicht“, fragte sie.

Es klang nicht wie eine Frage. Vergangene Woche hatte Menzer zwei amerikanische Oldtimer erstanden, einen Chevrolet Two Ten und einen Ford Falcon. Die Überführung war das teuerste an diesem Kauf. In Deutschland gibt es eine seit Jahren stabile Nachfrage an Fünfzigerjahre-Kisten. Die Autos würden in der autohauseigenen Werkstatt generalüberholt, dann könnte sie Menzer mit einigem Gewinn an Männer abgeben, die sich mit Lustkäufen dieser Art über den Verlust ihrer Jugend hinwegtrösten.

„Machen Sie das bitte“, sagte Menzer im Gehen. „Ich bin mir sicher, Sie wissen, worauf zu achten ist.“ Einen folgenden Einwand entkräftend, fügte er an: „Musti wird Ihnen helfen, ich bespreche das mit ihm.“

Dann marschierte Menzer aus dem Büro. Er lief durch die zwei Lagerhallen, in denen sich hunderte Oldtimer aller möglicher Epochen und Hersteller befanden, zum Teil verborgen unter schweren Abdeckungen. Menzer war kein Experte, was alte Wagen betrifft. Das waren seine Kunden aber auch nicht. Der Kauf eines Oldtimers unterliegt anderen Gesichtspunkten, ausschließlich emotionalen. Das Geschäft lief gut, doch es langweilte Menzer zuletzt immer mehr.

Radiomusik drang durch die kleine Halle nahe der Werkstatt, in der Autos abgestellt waren, die ihre Reparaturen noch vor sich hatten. In der Werkstatt lag Mustafa Dogala gerade unter einem Iso Grifo, der dieser Tage aus der Schweiz eingetroffen war. Die rote Karosserie war arg ramponiert, Rost an den Nieten, zurzeit nicht fahrtüchtig. Aber Musti bekommt das schon hin, dachte Menzer, als er den Wagen für lumpige dreißigtausend Euro erworben hatte. Nach der Reparatur dürfte der Wagen gut das Dreifache einbringen. Schließlich gibt es genügend Fans von Italo-Flitzern, die sich Ferrari und Lamborghini nicht leisten können. Bei Oldtimern müssen drei Voraussetzungen erfüllt sein, damit sie gekauft werden. Der Wagen muss selten sein, über eine lückenlose Geschichte verfügen und möglichst lange in erster Hand gewesen sein. Und wenn er noch mit einer prominenten Person verbunden werden kann, ist das ein Glückstreffer. All das trifft auf den Grifo zu. Gerade mal zwei Dutzend Exemplare sind in den ersten Jahren produziert worden. Darüber hinaus hat mit Giotto Bizzarrini ein legendärer Autodesigner, dessen Name selbst in den Ohren von Laien unwiderstehlich nachklingt, den Wagen maßgeblich mit entwickelt.

Menzer stieß mit dem Bein gegen Mustis Fuß. „Ey Meister.“

„Moin Chef“, kam es unter dem Wagen hervor. Dann folgte Dogala, rollend auf seiner Montageliege.

„Wird der wieder was?“

Musti verzog das Gesicht. Unter Seufzen ließ er sich zumindest noch ein „sollte klappen“ entlocken.

„Du, ich bin heute Nachmittag nicht mehr im Haus. Wir warten aber noch auf zwei Amerikaner. Spring doch bitte der Carciola zur Seite, wenn die kommen.“ Menzer wartete keine Antwort ab, bedankte sich im Gehen und war schon wieder aus der Tür, als der Werkstattleiter unfreiwillig zustimmte.

Menzer fuhr über die Bundesstraße in südlicher Richtung. Der Speckgürtel Kattenburgs gab sich eher als schlankes Riemchen. Urbanisierung und Gentrifizierung hatten noch nicht ihre letzte Phase der Landflucht erreicht. Rasch wurde die Besiedlung dünner. Es ging durch schmucke Dörfer, vorbei an Feldern und Pferdekoppeln, an Höfen mit Anti Monsanto-Transparenten, an Plakatwerbung und fröstelnden Kids, die an rostzerfressenden Bushaltestellen auf einen Transfer aus ihren Fachwerkkulissen warteten. Der Freitagnachmittagverkehr, der gewöhnlich die Leute zäh ins Wochenende schob, hatte noch nicht eingesetzt. Menzer kam gut voran. An einer Tankstelle trank er einen Milchkaffee, der dort Caffé olé hieß. Der Tag war nicht zu retten.

Er hatte nicht bemerkt, ab welchem Zeitpunkt der Winter eingesetzt hatte. Die Felder und Wiesen links und rechts der Straße waren nun weiß überzogen. Mit jedem Kilometer kam Menzer dem Winter näher. Hinter Aschenbach verließ er die Bundesstraße und steuerte seinen Grand Cherokee auf eine kurvige Landstraße, die in ein Waldgebiet mit üppigem Buchen- und Fichtenbestand mündete. Oberhalb davon ragte der sechshundert Meter hohe Bärenberg bis zu seiner abgerundeten, nach einem verheerenden Orkan vor einigen Jahren baumlosen Gipfelkuppe steil auf. Zwölf Zentimeter Neuschnee wurden dort in den vergangenen Tagen registriert. Durch den Wald führte ein befestigter Weg, der nur für den Forstverkehr freigegeben war. Menzer jagte beinahe lautlos darüber hinweg, feiner Schnee erhob sich unter den Rädern seines Wagens und hing hinter ihm wie ein Schweif. Es war bereits nach zwei als er das Jagdhaus erreichte. Der simple, unter einer hohen Buche stehende Bau befand sich am Waldrand. Ein Zaun aus schmalen Baumstämmen sicherte das Gelände von der Vorder- und Rückseite. Wo es keinen Zaun gab, bildeten Brombeersträucher ein kräftig wucherndes Dickicht. Menzer stellte seinen Wagen auf dem Vorplatz ab und verschwand mit einer Sporttasche im Jagdhaus, zehn Minuten später kam er ohne Tasche zum Auto zurück. Als er davonfuhr, stieg Rauch aus dem Schornstein hinter ihm auf.

Riebelingen war etwas mehr als eine halbe Stunde vom Jagdhaus entfernt. Kai Menzer passierte den installierten Blitzer am Ortseingang kurz vor drei. Der Ort glich einer Geisterstadt. Von den vierhundertachtundsiebzig registrierten Einwohnern hatte Menzer an diesem Nachmittag vier angetroffen. Ein Blaumann huschte mit einem Sack Brennholz über die Straße auf einen Hof zu und war hinter dem Tor verschwunden, noch ehe man Tristesse hätte sagen können. Zwei Frauen vor einer Hofeinfahrt. Den Aufenthaltsort eines vierten Riebelingers konnte Menzer schon aus der Ferne ausmachen, auch ohne ihn selbst sehen zu müssen. Er brauchte nur den großen Schleifen zu folgen, die dahinjagende Tauben wie Webmuster auf den Himmel prägten. Irgendwo darunter befand sich das Grundstück von Arno Menzer. Hinter Hecken und Zäunen hatte sein Onkel, der ältere Bruder von Kais Vater, auf der Brache eines leerstehenden Bauernhofs sein Eldorado geschaffen. Dort widmete sich der Rentner seiner Leidenschaft, dem Taubensport. Anstelle früherer Scheunen und Ställe, die Arno weitestgehend hatte abreißen lassen, errichtete er einen imposanten Schlag bestehend aus fünf Abteilen für Witwervögel und drei Abteilen für Reiseweibchen, dazu verfügte das Areal über einen vierzehn Meter langen Jungtierschlag und einen Zuchtschlag, in dem zurzeit einige edle Vögel einer belgischen Linie von Renntauben untergebracht waren.

Als Kai den Wagen durch das Tor steuerte, stand Arno in einem der Schläge und rasselte mit den Futterdosen, um pfeifend die einkehrenden Vögel zu begrüßen. Es war ein Schauspiel, das Kai augenblicklich in unbeschwerte Kindertage zurückversetzte, als er in den Ferien oder an gelegentlichen Wochenenden Arno hier besucht hatte. Tagsüber half er ihm mit den Vögeln, abends lauschte er dem Gurren der Tauben und dem Geräusch von Krallen auf hartem Käfigboden. Der Soundtrack einer glückseligen Zeit. Damals waren die Tauben noch unmittelbar am Wohnhaus untergebracht. Weil Erika, Arnos Frau, nach Jahren der Zucht keine Taubenmilben, Dreck und Federn am Haus mehr duldete, hatte Arno mit Beginn seines Ruhestandes seine Tauben vom Wohnhaus weg zum dreihundert Meter entfernten Hof am Ortsrand verlegt.

Kai stieg aus und ging auf Arno zu, der immer noch in einem der Käfige stand.

„Zufrieden mit dem Training?“

Arno lächelte sein Großvaterlächeln, umflattert von Vögeln, nickte er Kai zu, entgegnete aber nichts.

„Wie weit lässt du sie schon raus?“

„Zurzeit nur über dem Grundstück. Die brauchen erst mal wieder Sicherheit.“

„Nach dem Winter?“

„Wir hatten hier einen Raubvogelangriff. Nichts Dramatisches, das hat die Tiere trotzdem ganz schön aufgeschreckt.“ Während Arno erzählte, ließ er die Vögel Nüsse aus seiner Hand picken.

Arno hatte ein ausgezeichnetes Händchen für die Zucht. Er kümmerte sich um alles, was die Tiere benötigen. Seit der Dachdeckermeister in Rente ist, koordinierte er minutiös das Flugtraining. Kaum ein Tag verging, an dem er nicht die Fahnen in den Einflugschneisen seiner Schläge hisste, um die Tiere zum Fliegen zu bewegen. Kai und Arno betrieben zusammen eine erfolgreiche Schlaggemeinschaft. Zumindest formal. Es war ein Zeugnis seiner Fürsorge, und wer weiß, welche weiteren Beweggründe für Arno eine Rolle spielten, diese Gemeinschaft zu betonen. Tatsächlich brauchte er seinen Neffen hierbei nicht, Arno war die treibende Kraft hinter allem, er steuerte Fütterung, Training, Ankauf und Zucht, und das, abgesehen von seltenen Telefonaten, quasi im Alleingang. Kais Zutun an dieser Unternehmung konnte kaum bemessen werden. Zu selten war er hier draußen. Zwei-, vielleicht dreimal pro Reisesaison übernahm er den Transport der Tiere zum Auflassort, viel mehr war eigentlich nicht drin.

„Wie läuft’s zu Hause?“

„Du hast davon gehört?“

Arno nickte. „Ich habe mit deinem Vater gesprochen. Er hatte mir davon erzählt, von den ganzen Schmierereien. Ehrlich gesagt, verstehe ich davon nicht viel.“

„Schmierereien trifft es nicht ganz.“

„Das waren die Worte deines Vaters“, verteidigte sich Arno: „Schmierereien linker Spinner, hatte er gesagt.“

„Die haben Steckbriefe von jedem einzelnen aus der Familie angefertigt, zum Teil Fotos veröffentlicht und ein symbolisches Kopfgeld ausgelobt für jeden, der Hinweise gibt, um uns anzuschwärzen.“

„Aaah, die Al-Capone-Nummer.“

„Das ist ein Aufruf zum Denunzieren.“

„Aber wer bekommt denn von der Aktion mit?“, beschwichtigte Arno. „Wenn mir dein Vater davon nicht erzählt hätte, hätte ich es nicht erfahren.“

„Das sind leider nicht die kleinen Spinner, als die sie mein Vater ansieht, sondern sehr gut vernetzt. So, wie die das aufziehen, wird das schnell die Runde machen, gerade, wenn die Presse davon spitzkriegt. Versteht ja keiner, dass wir mit Bürgerkriegen in Arabien oder sonst wo nichts zu tun haben.“

Arno rieb die Hände an seiner Hose, um sich der Krümel und Nüsse zu entledigen. „Ihr habt ja nicht nichts damit zu tun“, sagte er. Dann verließ er den Schlag, verschloss ihn und blickte Kai direkt ins Gesicht. „Ihr lebt alle doch sehr gut davon.“

„Du weißt, was ich von den Geschäften meiner Mutter halte. Und trotzdem werde ich nicht zulassen, dass diese Spinner die Familie zerstören.“

Arno wandte sich ab und bedeutete Kai, ihm zu folgen, über das bruchsteinige Pflaster zum Haus hin. Mit der altmodischen Schiebermütze und der zerschlissenen Wattejacke, aus der an manchen Stellen das Futter herausblitzte, sah Arno tatsächlich schon ganz wie ein Bauer aus. „Am Ende kommt man eben doch immer wieder zur Familie zurück, was?“

Kai Menzer lächelte bitter, während sie über den Hof schritten. Gardinenfetzen wehten aus den gekippten Fenstern im Obergeschoss. Auf den Bottichen, die entlang der Ställe unter den Regenrinnen standen, lag Eis.

„Sieh mal“, sagte Arno. „Das ist wie mit unseren Täubchen. Du kannst sie hunderte Kilometer weit entfernt aussetzen, sie aus ihren Boxen befreien. Sie könnten überall hin. Die große Freiheit. Und doch kehren sie immer wieder zurück zu ihrem Partner, ihrem Gelege. Zu ihrer Familie.“

„Nicht alle.“

„Du hast Recht, mein Junge“, sagte Arno Menzer: „Manche finden nicht zurück. Mit diesen Täubchen nimmt es aber selten ein gutes Ende.“ Arno hatte wieder dieses Großvaterlächeln im Gesicht. Er schob die Tür auf und legte die Jacke ab. Die Stiefel behielt er an.

BIZARRE THEORIEN, UM SIE ZU ERGRÜNDEN

Am späten Abend legte Kai Menzer noch einmal Holz nach. Das Feuer knisterte im Kamin und ließ die Schatten von allerlei Jagdtrophäen an der Wand gegenüber erzittern. Bis hoch in die Galerie zierten Geweihe, zumeist Vier- und Fünfender, aber auch ein prächtiger Neunender, die Wand. Neben dem Kamin hingen mehrere Gemälde mit Jagdszenen, eigens angefertigt vom wie es in Familienkreisen hieß, besten deutschen Maler jener Gattung, dessen Signatur Menzer jedoch nicht entziffern konnte (Richartz?). Höhepunkte der Schau im Gastraum des Jagdhauses waren ohne Frage ein gigantisches Elchgeweih und das Fell eines Bären, die Menzers Großvater Manfred Karl auf seinen Reisen nach Alaska und Kanada erlegt und von dort ins familieneigene Jagdhaus überführt hatte. All den Plunder, dazu die antiken Ofenplatten, die Waffen, die Türbeschläge, die mit ihren schweren Messingdrückern im Dekor verschiedener Wildtiere versehen waren, hatte Menzer nie als jenen harmlosen romantischen Kitsch wahrgenommen, der er ist. Er verachtete das alles aus tiefstem Herzen, heute noch mehr als zu Kindertagen, wo er widerwillig den gelegentlichen Jagdgesellschaften der Familie beiwohnte. Nur das Schießen hatte ihm Freude bereitet. Georg, ein Jäger aus dem Dorf, der mit seinem Großvater bekannt war und ihn hier bei unzähligen Gesellschaften besucht hatte, nahm sich damals dem Jungen an und führte ihn hinter das Jagdhaus. Dann ballerten sie zunächst mit einem Luftgewehr auf in Baumstämme geritzte Zielscheiben, auf Blechdosen und ferne Äste. Später schoss sich Kai Menzer durch die gesamte Waffentruhe. Am Schießen faszinierte ihn die Anspannung, die er immer als eine beinahe heilige empfand, wenn er sein Ziel fixierte und die sich letztlich mit dem Knall und der Wucht des Rückstoßes in ein Hochgefühl atemlosen Glücks auflöste. Die Jagd hatte Menzer hingegen nie interessiert. Auch sein Vater konnte nie viel damit anfangen, bis heute nicht, wie überhaupt keiner der heute noch lebenden Menzers. Dennoch wurde nach dem Tod des Großvaters, dem letzten großen Jäger der Karls, die Jagdpacht in diesem Teil des Habichtswaldes um weitere zwei Jahrzehnte verlängert. Einige Jäger aus dem Dorf, darunter auch Georg, machten davon Gebrauch. Kai Menzer nutzte das Jagdhaus als gelegentliches Wochenendexil; dort hatte er Ruhe und er genoss den Duft des Waldes.

Peter Rösel, mit dem er für heute Abend verabredet war, würde nicht mehr kommen. Er hatte kurzfristig abgesagt. Menzer glaubte, Rösel war die Angelegenheit, die sie hier in aller Abgeschiedenheit diskutieren wollten, ebenso unheimlich, wie ihm, Menzer, selbst. In der Küche neben dem Gastraum machte er sich Linsensuppe aus der Dose warm.