Mikwe - Zyta Rudzka - E-Book

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Zyta Rudzka

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Beschreibung

Die Familie Haberstein wird bei dem Versuch, dem Holocaust zu entkommen, voneinander getrennt. Der Riss zerstört fortan nicht nur die Familie, sondern immer wieder auch die Beziehungen zu anderen. Über Generationen hinweg bleiben tiefe Wunden in den Seelen und Körpern aller Familienmitglieder, die erst Jahrzehnte später heilen, wenn sich für zwei der Nachkommen, Bella und Nathan, das Schicksal erfüllt. Zyta Rudzka rekonstruiert in ihrer glasklaren, lichten Prosa die Vergangenheit einer jüdischen Familie und beleuchtet schlaglichtartig die zerrissenen Identitäten der Familienmitglieder. Sie findet zu einer zwingenden, lyrisch verdichteten Form, die die Verletzungen, die der Holocaust dieser Familie zugefügt hat, spürbar werden lässt. Ein poetisches Meisterwerk über Liebe und Ablehnung, aber auch über die Macht des Schicksals!

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Seitenzahl: 196

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Mikwe

ZYTA RUDZKA

Mikwe

ZYTA RUDZKA

ROMAN

Aus dem Polnischen übersetzt von Sven Sellmer

Titel des polnischen Originals: Mykwa© 1999 ZYTA RUDZKA

Erste Auflage© 2014 by Secession Verlag für Literatur, ZürichAlle Rechte vorbehaltenÜbersetzung: Sven SellmerLektorat: Alexander WeidelKorrektorat: Patrick Schärwww.secession-verlag.com

Gestaltung, Typographie, Satz und Litho:KOCHAN & PARTNER, München

Inhalt

Inhalt

[Hanna Haberstein erblickte ihn nur ein einziges Mal.]

Er zeigte sich in der Abenddämmerung jenes Tages, als ihr der Fuß von einem feuchten Baumstumpf im Holzlager an der Stalowa-Straße abgerutscht war. Sehr schnell wurde der Knöchel steif, und innerhalb von zwei Stunden schwoll das Bein an bis zum Knie.

Wie jedes kranke Kind im Haus wurde Hanna im Gästezimmer auf das große Bett gelegt und von Kissen umgeben, die mit einer Mittelfalte versehen und mit Schwänen bestickt waren. Die weißen Vögel ähnelten sich alle mit ihren gebogenen Hälsen, den emporgestreckten Schwänzen und den kaum angedeuteten Schnäbeln.

Hanna hatte das Gästezimmer schon immer gefallen, es schien höher als die anderen Räume zu sein, weniger vom Tageslicht erhellt, denn die Fenster hier waren aus kleinen, rechteckigen, mit beinahe unsichtbaren Drähtchen versehenen Kobaltglasscheiben zusammengesetzt.

An den Wänden hingen Bilder in schweren Rahmen mit Ornamenten in Form von Lorbeerblättern, die mit Rotgold überzuckert waren. Da war eine Winterlandschaft und in ihr ein Herr im schweren, mit einem Lederriemen gegürteten Mantel, der ausgestreckte Arm übergehend in ein einfaches Jagdgewehr, das mit dem gleichen Braun gemalt war wie sein Überwurf. Und in der oberen Ecke ein Hase im Schnee, gezeichnet mit Purpur und Ocker. Ganz in der Nähe, an derselben Wand, hingen in einfachen Holzrahmen die Porträts bärtiger Herren. Einer von ihnen war – ihre Mutter hatte es ihr gesagt – ein Wasserträger aus Sandomierz, die anderen wohl irgendwelche Vorfahren ihres Vaters. Weiter weg gab es ein Ölbild in Milchkaffeetönen, auf dem sich im Hof einer Synagoge ein junges Paar vermählte, unter einem zweifachen Baldachin aus Stoff und Himmel.

Cela hatte eine klare Gemüsebrühe gekocht, die das Fieber senken und den Knöchel abschwellen lassen sollte. Langsam, damit das Geschirr auf dem Tablett sich nicht bewegte, kam sie nach oben und setzte sich still auf den Bettrand.

Sieh du dir die Schwäne an, ich werde dich füttern …

Sagte sie und flößte Hanna die dampfende Flüssigkeit ein, indem sie geduldig mit einem Silberlöffel von der Brühe schöpfte.

Jedes Mal, wenn Hanna den Mund öffnete, schloss sie zugleich die Augen, als ob ihr das hülfe, das heiße Getränk herunterzuschlucken. Dabei hörte sie der Haushälterin zu, wie sie in einem leisen, zärtlichen Singsang zu ihr sprach:

Braves Mädchen, braves Mädchen. Du musst gesund werden, morgen sollst du doch mit Mama und Mordka nach Otwock fahren, zur Erholung.

Wiederholte sie wie einen Refrain jedes Mal, wenn sie den randvollen Löffel hob. Und nur einmal fügte sie nach dem Wort »Erholung« seufzend hinzu:

Als ob ihr euch irgendwie überarbeitet hättet!

Sie stellte den leeren Teller auf den Nachttisch neben die Lampe, tunkte einen Lappen in Essigwasser, wechselte die Kompresse auf Hannas krankem Bein und klopfte mit einer geschickten, energischen Bewegung die Kissen hinter dem Kind fest.

Bevor sie wegging, sagte sie noch, bereits in der Tür stehend und mit einer Kopfbewegung auf den Nachttisch deutend:

Und da ist Lindenblütentee. Zum Schwitzen. Trink ihn nicht jetzt, sondern vor dem Einschlafen. Aber unbedingt in einem Zug!

[Vor dem Einsetzen der Dämmerung kamen Vater und Mutter, Mordka und Cela mehrfach ins Zimmer, um Hanna zu besuchen.]

Sie wechselten die Umschläge, strichen ihr den kleinen Pony aus der Stirn, rückten die Kissen zurecht. Der Vater sang ein Lied von einem armen Gefangenen, dessen Strophen jeweils mit den Worten »Unter der Zelle …« begannen. Mordka lachte laut und zeigte dabei ihre Zahnlücken, während die Mutter und Cela so taten, als ob sie vor lauter Bemühen um die Kranke nichts bemerkten.

Schließlich hörten alle vier auf, das Mädchen zu besuchen; das Abendessen hielt sie unten fest. Sicherlich waren sie von dem Unfall der vierjährigen Hanna sehr betroffen, denn diese hörte, still im Bett liegend, keinerlei Tischgespräche. Durch die halb geöffnete Tür des Speisezimmers drangen nur abgeschwächte Laute ins Gästezimmer, gleichsam in Nebel eingewickelt oder in einen milchweißen Kokon: Geräusche von Messern und Gabeln auf Porzellan, das anämische Klappern von Teelöffeln in Tassen oder das Schnaufen von Tee, der aus der Kanne fließt.

Hanna lag ruhig da, gar nicht wie ein Kind in ihrem Alter. Schon früher hatte es Momente gegeben, in denen sie erstarrt war, als würde sie auf halbem Wege ausruhen und Kraft schöpfen, oder als würde sie sich an der fetten, heißen Luft ergötzen wie die kleinen Eidechsen, die zwischen Steinen herumtollen.

Die Eltern waren deswegen besorgt. Zwar gehörte auch ihre ältere Tochter Mordka nicht zu den wilden Kindern, die dauernd durch die Gegend sprangen, doch ihr Temperament bedingte eine gemäßigte, gleichbleibende und leicht vorhersehbare Lebhaftigkeit, wie ihr Vater sich ausdrückte.

Anfangs nahm man an, dass Hanna trotz ihrer gesunden Rundungen und ihrer Rote-Rüben-Bäckchen von irgendeiner stillen Krankheit geplagt werde, die im Verborgenen ihr Vernichtungswerk vollbringe. So unternahm man denn entsprechende Analysen und Messungen, nur um sich über die guten Ergebnisse zu wundern. Das Einzige war, dass Hanna vielleicht etwas zu langsam wuchs. Aber alle Frauen in Zundels Familie glichen exotischen Perlhühnern: Sie waren klein, flink und gepunktet.

[Nach vielen Arztbesuchen versuchte man, jene Momente der Erstarrung einer eigentümlichen kindlichen Melancholie oder, noch schlimmer, einem verborgenen psychischen Defekt zuzuschreiben, ja, in ihr gar erste Anzeichen eines rätselhaften Amoks, einer merkwürdigen Form von Wahnsinn zu sehen.]

Unser armes Hannele … Vielleicht kommt das alles daher, dass ich mich über den Fuhrmann erschrocken habe, der uns Glückwünsche zu Rosch ha-Schana bringen wollte und in der Tornische darauf wartete, dass du ihm ein paar Groschen gibst.

Suchte Hannas Mutter nach Gründen, als sie vor dem Zubettgehen ihre Haare kämmte.

Das muss damals fast im siebten Monat gewesen sein, denn ich hatte schon einen riesigen Bauch, und bis zum fünften Monat ist bei mir ja gar nichts zu sehen …

Hier stockte sie und wurde nachdenklich, die Hand mit dem Kamm erstarrte in der Luft.

Kinder sind manchmal merkwürdig, das weißt du doch. Mira Karmelin erzählt schließlich auch dauernd, dass ihr Mosze mit irgendwelchen komischen Geschichten alle Kinder erschreckt.

Murmelte Zundel, während er sein Hemd aufknöpfte.

Er dachte, es müsse wohl das Gerede seiner Frau sein, das ihn so aufrege, als er merkte, dass seine Hände wie gelähmt waren; nur mit Mühe gelang es ihm, die Manschettenknöpfe zu öffnen und aus den Ärmeln zu ziehen.

[Die durch das bleiverglaste Fenster im Gästezimmer sichtbare Terrasse war für Hanna ein Garten, ein Traum von einem Garten, mit hängenden, im Himmel schwebenden Rabatten, Blumenkästen und Beeten.]

Sie blickte auf die Holzkästen und auf die Tontöpfe mit getrimmten Büschen in Apfel- oder Birnengestalt. Wie Uhrenpendel wippten gestreifte Efeupflanzen von einer Seite zur anderen. Die Pflanzen keimten, wuchsen, trieben Knospen, blühten und starben ab. Aufgrund des kobaltblauen Schimmers der Fenster drangen die Farben der Blütenblätter kaum zu Hannas Augen durch, sie zerbröckelten langsam und ruhig, um schließlich fahl zu werden und zu verbleichen, im Einklang mit den Tagen und den Jahreszeiten.

Hanna stützte den Ellenbogen auf ein Kissen, damit sie die ganze Terrasse im Blick hatte, bis hin zu den Untersätzen der Philodendren, die jemand nach den Eisheiligen aus der Wohnung geschafft hatte. Nie war es Hanna gelungen, diesen Jemand zu sehen, und da plötzlich bemerkte sie in der Dämmerung auf der Terrasse Gott. Er war noch unschuldig, schüchtern wie die vom Wind unberührten Traubenkirschbäume, die das Holzlager ihres Vaters umgaben. Langsam ging er umher, jung, still wie die Kerzen auf dem Tisch am Freitagabend. In ein weißes Gewand gekleidet, sah er aus wie ein Bräutigam am Morgen, ohne Müdigkeit und Schweiß auf der Haut. Aus irgendeinem Grunde rief dieses ruhige und reine Bild, das aus einer von Celas Geschichten hätte stammen können, in Hanna den dringenden Wunsch hervor zu schreien, abgehackt und wild zu schreien, wie ein verzweifelter Vogel, verloren in der Nacht. Sie schrie mit geschlossenen Augen, ihre Hände um die Nähte des Kissens gekrallt.

Sie schrie weiter, obwohl der Vater sie an sich drückte und Mutter und Schwester auf dem Bettrand saßen und ihre Hände hielten.

Der Herrgott ist zu mir gekommen.

Und wer Hanna besucht hat, ist nicht der Schöpfer all dieser Menschen; doch sein Name lautet Herrgott, nicht lieber Gott wie bei Kindern.

Aber warum hat er dich denn besucht? Um Hannele zu trösten wegen ihres kranken Beinchens, ja?

Fragte die Mutter, wobei sie Hanna die Haare aus der Stirn strich.

Und wieder hörten sie ihren Schrei, sie riss sich aus ihren Umarmungen los und trat mit den Beinen um sich.

Zundels Anweisung folgend, verließen sie raschen Schrittes das Zimmer, schlossen die Tür und gingen schweigend nach unten, um dort ganz langsam, ohne Appetit ihr Abendbrot zu beenden.

Hanna schrie noch sehr lange, schließlich wurde sie still, und als Mordka die Tür einen Spaltbreit öffnete und hineinschaute, sah sie, wie ihre Schwester schlief, den Kopf auf die rechte Schulter gelegt, den Mund geöffnet, und ihre Hände fuhren durch die Luft, als spielte sie Akkordeon oder Klavier, oder als drückte sie unsichtbare Knöpfe.

[Mordka Haberstein sprach nicht über ihr vorheriges Leben, über das Harz aus dem Białowieża-Wald, so dick wie Buchweizenhonig, über Hanna, wie sie hinter den Kobaltglasscheiben des Gästezimmers auf der Lauer lag, über die verschwitzten Hinterteile der Pferde, die mit Strohbündeln abgerieben wurden, über den ehemaligen Seifenladen von Maks Romańczuk, aus dem ein Kiosk mit Sodawasser und Kürbiskernen geworden war, wo sie Bonbons für den Vater und weiche Birnen kaufte, die klebten wie das Harz aus dem Białowieża-Wald.]

Mit keinem Wort erinnerte sie daran, wie Mosze Karmelin mit seiner Mutter zu Besuch gekommen war, um süßes Challa zu essen. Sein Vater führte Schlachtvieh aus Pommern ein.

Mosze, der von seinem Vater schon seit früher Kindheit an die Familiengeschäfte herangeführt worden war, hatte Mordka mit vollem Mund schreckliche Geschichten zugeflüstert, von Menschen, die jüdische Kinder entführten, um aus ihnen koschere Wurst zu machen. Tagsüber würden sie zur Tarnung in Schlachthöfen, Fleischständen, Kuttlereien, Darmhandlungen oder auf Fleischmärkten arbeiten. Und es komme vor, dass sie die Eltern der unschuldigen Kinder, die entführt werden sollten, auskundschafteten, indem sie sich als Züchter von Stopfgänsen aus Łomża, als Speckverkäufer für christliche Kunden aus dem Gouvernement Żytomierz oder als Lieferanten schwerer Ochsen aus Terespol ausgäben. Einigen von ihnen sei es sogar gelungen, in den Großfleischereien von Szmul Malowańczyk und Icek Wołowicz Anstellung zu finden. Aber die Leute, die das meiste Kinderfleisch verkauften, hatte Mosze geflüstert, stammten aus den Scharen der kleinen Zwischenhändler und Abdecker.

Mordka Haberstein hatte ihrem Freund, während er diese Dinge erzählte, entsetzt ins Gesicht geschaut, wobei sie geistesabwesend an der Spitze ihres Zeigefingers lutschte, der daraufhin wie von selbst die Krümel des süßen Challa aufsammelte.

Aber du musst keine Angst haben, dich holen sie bestimmt nicht! Hatte Mosze schließlich versichert.

Du bist zu sehnig. Du siehst noch übler aus als Vieh für den Abdecker!

Hatte er auf sie eingeredet und die Stirn des Mädchens betrachtet, die bedeckt war von einem Gewirr blauer Äderchen, wie die Marmorfläche des Schreibtischs im Büro ihres Vaters.

Das liegt bei uns in der Familie. Meine Mama hat auch solche, und Hanna, und Tante Golda.

Hatte Mordka schließlich entgegnet, wobei sie an ihrem süßen Finger schleckte.

Zyta Rudzka würden die gerne holen, oder Szlama Lesser!

Hatten sie lachend die Namen einiger Dickerchen aufgezählt.

[Mordka Haberstein wusste nicht, was aus Mosze geworden war.]

Sie erinnerte sich, dass er merkwürdige Augen gehabt hatte, sepiabraun, wie weißlicher Senf. Solch eine Iris hatte sie seitdem nie wieder gesehen, obwohl Emigranten aus der ganzen Welt in ihre Gerberei kamen.

Jedes Mal wunderte sie sich, dass sie sich nur Moszes Augen gemerkt hatte, nichts anderes, keine Einzelheit seines Gesichts oder seiner Gestalt.

Das Nachdenken über Polen färbte sich häufig mit Kinderängsten ein, und Mordka stellte sich vor, dass sie ihn erwischt und verwurstet hatten, denn seit die Habersteins von der Wołowa-Straße auf das linke Weichselufer gezogen waren, hatten Tante Mira und Mosze sie nicht mehr zum Kuchenessen besucht. Im Übrigen aß man auf dieser Weichselseite nachmittags nicht mehr zu Hause. Man ging in die berühmten Cafés von Muranów. Und wenn es warm wurde, fuhr Mordka mit Mutter und Schwester in die Pension von Fryda Micberg an der Strecke nach Otwock, wo sich eines Sommers unerwartet herausgestellt hatte, dass sie schon einen ganzen Kopf größer als die Mutter war.

Sie waren gerade dabei gewesen, sich im Salon Rücken an Rücken zu messen, als der Vater eingetroffen war. Im Gegensatz zu den anderen Pensionsgästen hatten sie nicht einmal bemerkt, dass er merkwürdig aussah in seinem cremefarbenen Sommeranzug, mit dem Strohhut des modischen Warschauers auf dem Kopf und an den Händen Pelzhandschuhe für den Winter, die deren Zittern verbergen sollten.

Sie hatten nichts bemerkt, denn Zundel Habersteins Worte waren allen Beobachtungen zuvorgekommen, die sie hätten machen können.

Sie hatten erfahren, dass sie nach Palästina fahren würden. Zuerst Mama und Mordka, gleich nach dem übernächsten Sabbat, anschließend er und Hanna, sobald Hannas Bein gesund wäre.

[Fleisch von meinem Fleisch.]

Franciszka und Ziutek können keine Kinder haben. Sie versuchen es jede Nacht, immer wieder ohne Erfolg, ohne Freude. Sie reden kaum noch miteinander, sind erschöpft.

Als Ziutek das Mädchen aus dem Cellofutteral nimmt, ändert sich nichts. Sie macht keine Probleme. Ist still, beinahe stumm, denn wenn sie nicht gefragt wird, spricht sie nie von sich aus. Sie bemerken, dass das Mädchen gerne auf einem hohen Küchenhocker sitzt und mit den Beinen hin- und herschlenkert. Anscheinend wirkt das auf sie beruhigend. Und wenn sie einmal durch die Wohnung geht, dann rasch, mit schnellen Schritten, wie eine Nähnadel, eilig, fehlerlos. Das ist merkwürdig, denn am rechten Bein sieht man sogar durch die Strumpfhose eine lange, geschwollene Narbe vom Knöchel bis zum Knie.

Sie kann stundenlang mit der Zeichnung einer zarten Pflanze oder mit dem Unterteil einer silbernen Zuckerdose spielen – Dinge, die ihr Vater ihr zusammen mit Papiergeld in das Futteral gesteckt hat. Wenn Franciszka und Ziutek sie an sich gewöhnen, sie zum Sprechen bringen wollen, nehmen sie diese Gegenstände in die Hand, hocken sich vor ihr hin, denn sie sitzt ja auf dem Hocker, und fragen in freundlichem Ton:

Ist das von Mama?

Zur Antwort nickt sie bestätigend.

Ist das von Papa?

Fragen sie noch einmal, in der Hoffnung, dass sie ins Reden kommt.

Sie nickt erneut.

Nach einem Monat sagen sie, während sie vor dem Einschlafen im Bett liegen, leise zueinander, die Kleine sei unverständig, geisteskrank. Das macht Franciszka traurig. Zwar hatte sie ein Kind gewollt, aber ein fröhliches, gesundes, selbst wenn es sie geärgert hätte. Aber jetzt, jetzt war es so schwer, sich zu sagen, es sei Blut von ihrem Blut, Fleisch von ihrem Fleisch.

Umso besser!

Tröstet sie Ziutek.

Sie wird weder uns noch sich selbst verraten. Nur die Haare und die Augenbrauen muss man ihr täglich mit Kamille spülen, um sie aufzuhellen.

Da hilft nicht mal ein ganzes Kamillenfeld.

Seufzt Franciszka. Aber muss gleich darauf lachen. Dieses Lachen hilft ihr einzuschlafen.

[Franciszkas und Ziuteks Gott wird erwachsen.]

Er ist kein Kind mehr, kein Zögling eines Zimmermanns, liegt nicht mehr bei den Hirten in der Krippe. Er beschenkt die Menschen mit Wundern, erweckt Tote zum Leben, geht über Wasser, heilt Sterbende. Ist erwachsen, wird verraten, vom liebenden Vater verlassen. Stirbt, den Geschmack des Essigschwammes im Mund, steht von den Toten auf, alles im Verlauf dreier Tage.

Sie unterrichten sie. Lehren das Abendgebet, die Namen von Vater und Mutter. Lassen wiederholen, fragen ab. Alles im Takt der schlenkernden Kinderbeine.

Sie sind gut zu ihr. Kaufen eine Puppe mit hervorquellenden Augen. Aus Porzellan, hart, ungeeignet zum Kuscheln.

Die ist was Besonderes, kein billiger Kram.

Sagen sie ihr.

Wenn das Mädchen den Rumpf der Puppe neigt, schließt sie ihre beweglichen Augenlider. Nach einigen Tagen fällt ein Lid herunter, und die Puppe zwinkert nur noch mit dem linken Auge.

[In die Steckrüben.]

Der Sand knirscht unter Wyszkowo. Eine strenge Nacht, ein reiner, klarer Geruch, mit nichts Bekanntem vergleichbar. Als sie endlich in den Rübenhaufen schlüpfen, wo sie mit dem ersten Atemzug den süßen, mehligen Geruch von Kartoffeln und Steckrüben einatmen, ist es gleich gut. Gut, trotz der Kälte und des mit dem sauren Atem fremder Leute erfüllten Dunkels.

Die Tage müssen vergehen, denn von Zeit zu Zeit stellt jemand seine Uhr. Sie hören das Reiben der Daumeninnenseite an der Metallschraube. Doch nicht das Ticken, keinen anderen Beweis für die Existenz der Zeit, der Zukunft. Das ist wohl nur dem gegeben, der den Uhrmechanismus in Gang setzt, ihn ans Ohr hält, um das unwahrscheinliche, für alle anderen im Rübenhaufen unzugängliche Vergehen der Zeit zu hören, das geduldige, mutige.

Dass die Tage vergehen, bemerkt Franciszka an den Körpern der neben ihr sitzenden Menschen. Mit der Zeit hören das Magenknurren, das Hüsteln, die Gebete, das leise Singen, die Gesprächsfetzen, die Wiegenlieder, das Brabbeln der alten Frau auf. Die Körper schweigen, sind konzentriert, wie vertieft ins Gebet für den Verstand, das Herz, den Mund, für alles, was nicht mehr an Gott denkt, an die nächste Stunde, den nächsten Frühling.

Sie essen die Steckrüben wie Äpfel, mit Appetit, mit Speichel in den Mundwinkeln, indem sie sich mühsam durch die runzlige, kalte Haut beißen.

Sie strecken ihre Hände aus, in das feuchte Dunkel, die düsteren Fluten. Es gibt reichlich Steckrüben, sie vermehren sich auf wundersame Weise wie Brot.

Manchmal stößt man sogar auf eine feuchte, stinkende Zwiebel oder auf eine Kartoffel mit süßen Trieben. Wer so eine erfühlt hat, ist ein Glückspilz. Er saugt lange an ihr, die Augen stets geschlossen, trotz der Dunkelheit ringsum.

[Sie verlassen den Rübenhaufen nur bei Nacht, einzeln und für wenige Minuten.]

Bäume wie schöne Männer, hoch, dem Himmel gleich, abwesend, ungehorsam, taub.

Eines Nachts flieht das Mädchen. Sie läuft aus dem Hügel, läuft vor sich hin, in die Unsichtbarkeit. Sie suchen sie schweigend, schließlich tasten sie sie aus der Nacht, aus der Dunkelheit heraus. Sie liegt mit dem Gesicht in der aufgewühlten Erde, und als man sie auf den Rücken dreht, verbirgt sie Mund und Augen unter feuchtem Lehm. Kein Weinen, keine Bewegung. Ziutek nimmt sie der Erde weg, trägt sie in den Haufen, und sein Herz schlägt schnell dabei.

Der Herzschlag des Mädchens ist ruhig, als ob sie auf der Schulter des Mannes eingeschlafen wäre. Als sie auf ihren Platz kommt, auf die Steckrüben, riecht es im ganzen Haufen nach Klette, bitterer Minze, Löwenzahn, Eschenblättern und der warmen Haut der Stalltiere.

Die Leute rücken herbei, um ihr näher zu sein, sie besser riechen zu können. Sie beschnüffeln sie wie einen fremden Welpen.

Manchmal schmeckt das Wasser, das der Bauer ihnen bringt, wie Säure, wie Essig. Dann bekommt man Blähungen, und auf der Zunge bildet sich fettiger Filz. Franciszka sind diese unangenehmen Empfindungen ganz recht, denn wenn der Körper schmerzt, kommt man weniger zum Grübeln.

Alles macht Ziutek Angst. Er fühlt sich schwächer als Franciszka, schwächer sogar als das Mädchen, das ihn an der Seite drückt. Alles nimmt riesige Formen an, drängt auf ihn ein, will ihn aus dem Haufen treiben. Er beginnt, sich vor Franciszkas Gebeten zu fürchten, vor dem Knirschen der Schuhe des Bauern auf dem Schnee und vor Erinnerungsbildern: weiße Hemden, für den Sonntag gebügelt, von Vögeln ausgepickte Zedernzapfen, auf den glänzenden Möbeln des Gästezimmers ausgelegt, Küsse von Frauen, nach langem Zögern gegeben, biegsame Obstbäume, von den Eisheiligen mit Frost überzogen, die Motten des vergangenen Jahres in den Lampen, die beim Spielen mit dem Vater aus den Kissen stiebenden Entendaunen, die er auf den Lippen, auf der Zunge spürte … Alles das ist jetzt zäher Schlamm …

Murmelt er.

Er hat Angst, sich zu erinnern. Verliert das Gedächtnis. Ist sicher, das kommt von der Dunkelheit im Haufen. Die Bilder sind immer weniger deutlich, verlieren an Schärfe, an Kontur. Daher benennt er die erinnerten Fetzen seines ehemaligen Lebens, zählt sie laut auf: Zapfen, Hemden, Daunen, Motten, Frauen …

Damit hört er nicht auf, obwohl mit der Zeit von den Sätzen nicht mehr als einzelne Wörter übrig bleiben, dann nur noch Silben, fremdartige Laute, Geräusche.

Er hat Fieber.

Sagt Franciszka zu den Leuten neben sich.

Es kommt ihr vor, als ob ihre Augen endlich die Dunkelheit enträtselt hätten, sodass sie die Umrisse der vorgestreckten mageren Gesichter wahrzunehmen vermag.

[Franciszka ist eine Witwe mit Kind.]

Das Kind, das Mädchen, hat immer ein Tuch auf dem Kopf. Sie sind sich bereits ähnlich. Mager, ohne Gesichtszüge, halb lächelnd, halb schmerzverzerrt.

Franciszka beugt sich vor, um unter dem Kinn der Kleinen das Kopftuch fester zu ziehen. Denn das Tuch soll die Schläfen des Mädchens bedecken, damit man nicht das Netz blauer Adern sieht. Gleich danach legt sie einige in Glitzerpapier eingewickelte amerikanische Bonbons auf ein Tablett und schickt die Kleine unter die Leute.

Das Tablett ist ein breites Brett mit zwei Öffnungen, durch die Franciszka eine haarige Schnur gezogen hat. Die Schnur, die sie irgendwo gefunden hat, ist rau, sie tut am Hals weh, macht, dass die Haut rot wird und juckt.

Die Kleine geht in der Menge verloren. Das tut sie absichtlich, mehrmals am Tag. Normalerweise versteckt sie sich hinter einer stinkenden Fischbude, um dort im Geheimen einen Bonbon auszuwickeln und an ihm zu lecken; er ist klebrig, mit bräunlichem Pulver bestreut, schmeckt nach Kakao. Doch der Kleinen ist das nicht genug. Sie möchte einmal auch die Krokantcremefüllung kennenlernen, denn Franciszka lässt sie rufen: Bonbons aus Flugzeugabwürfen! Schokokrokantcremebonbons aus Flugzeugabwürfen!

Diese Füllung, denkt sie sich, kann nur süß und lecker sein, sie lässt sich ja kaum aussprechen.

Da überrascht sie der Heringsverkäufer. Aber statt wie Franciszka sie anzuschreien, nimmt er, ohne sie aus den Augen zu lassen, geschickt tastend einen Hering aus seinem Fass, steckt ihn sich bis zum Schwanz in den Mund, schmatzt, prustet, schnalzt mit der Zunge und zieht gleich darauf das nackte Fischskelett heraus, um es mit kühnem Schwung hinter sich zu werfen, wobei er der begeisterten Bonbonverkäuferin zuzwinkert.

[In dieser Nacht träumt sie vom Fischverkäufer, von seinem mit roten Zotteln bewachsenen Handrücken, von seinem bis zum Ellbogen hochgekrempelten, feuchten Ärmel.]

Er führt seinen Heringstrick vor.

Da, schaut, der Holzkönig aus der Stalowa-Straße!

Sagen bewundernd die Zuschauer, indem sie etwas zur Seite blicken.

Daraufhin reißt die Kleine ihren Blick vom Magier los und sieht zum König, der sich als Mann in einem schweren, teuren Mantel mit Pelzkragen erweist.

Er sieht ihr in die Augen, grüßt sie mit einer Kopfbewegung und bewegt die Lippen, als wolle er etwas sagen.

Sie erblickt das Innere seines Mundes, das violett ist, beinahe schwarz, wie wenn man Blaubeeren gegessen hat oder wilde, warzige Brombeeren. Oder auch wie der Gaumen eines Welpen, den man am Nacken aus dem Sack holt und dem man das Maul gewaltsam öffnet, um dem zweifelnden Käufer zu versichern, wer innen pechfarben sei, werde verdammtnochmal bissig und laut sein.

Hannele … du bist so anders … so mager … nicht unser … kleines … Perlhuhn …

Wiederholt der Mann leise, indem er das Kind mit seinen Bonbons genau ansieht; das aber schämt sich zwar, spürt eine unbezwingbare Scham in sich aufsteigen und schreit dennoch, schreit mit aller Kraft, solange der Atem reicht.

[Franciszka weckt das Mädchen, indem sie ihm mehrfach auf die Wangen schlägt.]

Die Bewegungen der verschlafenen Franciszka sind präzise, jedes Mal trifft ihre Hand eine der weichen Wölbungen im Gesicht der Kleinen. Sie hört erst auf, als diese die Augen öffnet und langsam den abwesenden Blick einer Porzellanpuppe zeigt.

Du musst still sein, verstehst du?!

Erklärt sie ihr.

Du weckst noch alle auf, und dann müssen wir ausziehen.

Gewöhnlich stimmt das Mädchen ihr hier mit mehrfachem Kopfnicken zu. Diesmal aber sagt sie leise:

Ich hab von Papa geträumt.

Ein Albtraum?

Fragt Franciszka.

Ja.