Milele - Lisa Ahmada - E-Book

Milele E-Book

Lisa Ahmada

0,0
16,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Es war die klassische Liebe auf den ersten Blick, an die Yakoub und ich selbst nie geglaubt hatten. Doch gerade wir durften sie erleben, als ich für ein Praktikum nach Sansibar reiste. Schon bald wollten wir ein gemeinsames Leben aufbauen. Wie steinig der Weg zu diesem Ziel werden sollte, war uns damals noch nicht klar. Dies ist nicht nur eine romantische Geschichte, sondern auch ein gesellschaftskritisches Buch, das zum Nachdenken über die Haltung unserer Gesellschaft gegenüber Ausländern, über die Einwanderungsgesetze von Österreich und über das Zusammenleben zweier Menschen unterschiedlicher Kultur und Religion anregen soll.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 305

Veröffentlichungsjahr: 2023

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2023 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99131-748-7

ISBN e-book: 978-3-99131-749-4

Lektorat: Melanie Dutzler

Umschlagfoto:Евгений Полишко| Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

Innenabbildungen: Bilder 1, 3 und 7-10: Lisa Ahmada; Bilder 2 und 4-6: Fotograf Truth

www.novumverlag.com

Prolog

Lärm, Schmutz, Gestank, kaputte Straßen, halb zerfallene Häuser, Menschenmassen, Armut. Das ist Afrika.

Lebensfreude, Tanzen, lachende Kinder, Sonnenschein, Strand, Meer, Zusammenhalt, Energie. Das ist auch Afrika.

Ich war in Stone Town, der Hauptstadt der ostafrikanischen Insel Sansibar, und sog all diese Eindrücke in mich auf. Eindrücke, die mich schon immer fasziniert hatten, bereits als ich ein kleines Mädchen war. Eindrücke, die mich in ihren Bann zogen und mich vor einigen Jahren fast dazu gebracht hätten, mein Leben in Afrika zu verbringen.

Ich schlenderte den Strand entlang, genoss das Gefühl des Sandes unter meinen Füßen und der Sonne auf meiner Haut. Wie sehr ich dieses Gefühl liebte. Es machte mich lebendig, ließ mich meine Sorgen vergessen. Das Rauschen des Meeres war für mich eines der schönsten Geräusche, die es gab.

Am Abend ging ich in einen afrikanischen Club. Das Tanzen auf diesem Kontinent erfüllte mich mit einer derartigen Energie, dass ich gar nicht mehr damit aufhören wollte. Jedes Mal, wenn ich in Afrika tanzte, geriet ich in eine Art Rausch.

Ein gutaussehender weißer Mann beobachtete mich von der Bar aus. Ich wusste nicht, wie lange er das schon getan hatte, aber als er bemerkte, dass ich ihn entdeckt hatte, kam er auf mich zu. Er lächelte mich an – er hatte ein umwerfendes Lächeln – und begann, mit mir zu tanzen.

„Wie heißt du?“, fragte er irgendwann.

„Lisa“, antwortete ich. „Und du?“

„Ich bin Jacob.“

Jacob war Engländer, er war ebenfalls als Volunteer auf der Insel gelandet, wie ich. Wir verbrachten einen wundervollen Abend, verliebten uns ineinander und begannen eine Beziehung. Als unsere gemeinsame Zeit zu Ende war, standen wir vor der großen Entscheidung, was wir nun tun sollten. Fernbeziehung – ja oder nein? Wir entschieden uns für ja.

An diesem Punkt wachte ich auf. Es war ein schöner Traum, den ich noch einige Zeit nachwirken ließ. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich noch nicht wissen, wie nahe mein Traum an der Realität gewesen war.

Kapitel 1

„Das Leben besteht zum größten Teil aus Zufällen. Wenn wir ihnen begegnen, ist unsere Fähigkeit gefragt, in der entstandenen Situation bewusste Entscheidungen zu treffen.“

Henning Mankell – Treibsand

Es war der 5. April 2019, ein Tag, auf den ich mich lange gefreut hatte. Denn an diesem Tag betrat ich bereits zum dritten Mal ein Flugzeug, das mich in meine zweite Heimat – Tansania – bringen würde. Das erste Mal war ich 2013 dort gewesen. Ich hatte das Glück, ein ganzes Jahr in einem Waisenhaus arbeiten zu dürfen. Es war das bis dahin beste Jahr meines Lebens. Zwei Jahre später flog ich noch einmal in den Norden des Landes, um meine Freunde und mein Patenkind – einen kleinen Masai – zu besuchen.

Nun stürzte ich mich in ein neues Abenteuer. Ich war auf dem Weg nach Stone Town, der Hauptstadt von Sansibar, um im Mnazi Mmoja Referral Hospital mein Praktikum zu absolvieren. Es war das letzte Praktikum, das ich benötigte, um mein Studium der Physiotherapie abzuschließen. Zwei Monate durfte ich dafür auf dieser traumhaften Insel verbringen.

Ich kannte Tansania, ich kannte die Kultur und die hygienischen Zustände. Ich kannte das Gesundheitswesen und die Lebensbedingungen der Menschen. Ich wusste, worauf ich mich einließ. Deshalb wusste ich auch, wie schön die Arbeit mit diesen lebensfrohen Menschen sein konnte, und ich wusste, dass ich bei allen Höhen und Tiefen, die ich erleben würde, bei all dem Elend, dem ich begegnen würde, am Ende des Tages dort sehr viel Glück erfahren würde.

Dementsprechend groß war meine Euphorie, als ich endlich auf Sansibar landete. Der Moment, als ich aus dem Flugzeug stieg und mir die tropische Hitze einen Schlag verpasste, war einfach wundervoll. Es war das Gefühl, zu Hause zu sein. Wie immer, wenn ich tansanischen Boden betrat. Typisch afrikanisch war leider auch die Tatsache, dass mein Gepäck nicht angekommen war. Dass es so kommen musste, war mir schon klar gewesen, als die Fluglinie meinen Flug gestrichen und mich auf einen früheren Flug umgebucht hatte – mit nur 1,5 Stunden Transferzeit in Istanbul. Natürlich war mein erster Flug auch noch mit Verspätung gelandet und so war ich in Istanbul quer durch den riesigen Flughafen gelaufen, immer mit dem Gedanken:„Das schaffen meine Koffer nie!“

Leider hatte ich Recht behalten.

Ich war nicht die Einzige, der es so ging. Dementsprechend lange war die Warteschlange vor der kleinen Kammer, in der zwei Mitarbeiter in afrikanischer Gemütlichkeit die Daten der Passagiere aufnahmen, die ihre Koffer nicht erhalten hatten.

Nach etwa einer Stunde war ich endlich an der Reihe. Ich musste angeben, was sich in meinen Koffern befand. Als ich erwähnte, dass auch Medikamente darin waren, sah der Mitarbeiter mich voller Mitleid an: „Oh, aber Sie sehen so gesund aus.“

Schmunzelnd erklärte ich ihm, dass ich immer mit einer kleinen Hausapotheke verreiste. Es entwickelte sich ein Gespräch mit dem freundlichen Mann, der mir zum Abschluss erklärte: „Sie werden hier einen geeigneten Ehemann finden. Glauben Sie mir, Sie werden einen Sansibari heiraten.“

Ich lachte, bedankte mich für seine Hilfe und verließ mit typisch afrikanischer Verspätung den Flughafen – ohne Koffer, dafür mit einer Telefonnummer für Rückfragen und einem Formular.

So kam es also, dass der Chauffeur eine weiße Blondine in Winterjogginghose abholte und mich zu meinem Hostel brachte. Vor dem Haus wartete bereits ein schlanker Afrikaner mit gekräuselten Locken und dem breitesten Grinsen, das ich jemals gesehen hatte.

„Hallo Lisa, ich bin Abdi“, stellte er sich vor. „Freut mich, dich kennen zu lernen.“

„Hallo Abdi, es freut mich auch“, entgegnete ich.

„Willkommen auf Sansibar! Wo sind deine Koffer?“, fragte er mit suchendem Blick.

Ich erklärte ihm mein Dilemma, woraufhin er sofort sein Handy aus der Tasche zog und geschäftig zu telefonieren begann. Natürlich änderte das nichts an meiner Situation, doch ich freute mich über seine Hilfsbereitschaft.

Abdi führte mich ins Haus, zeigte mir mein Zimmer, überreichte mir eine lokale SIM-Karte für mein Handy und stellte mich zwei Mädels vor, die gerade im Gemeinschaftsraum meiner neuen WG saßen.

Beide waren Deutsche, wobei die Jüngere, Blonde namens Moana in Deutschland lebte, während die ältere, dunkelhaarige Natalie in der Schweiz lebte. Beide hatten eine liebenswerte Ausstrahlung und waren mir sofort sympathisch. Wie ich das von meinen früheren Afrikareisen bereits kannte, entstand auch mit Natalie und Moana sehr schnell eine vertraute Freundschaft. Moana war 18 und Natalie 31, wodurch es sich bald anfühlte, als würde ich mit meinen damals 27 Jahren mit einer kleinen und einer großen Schwester zusammenleben.

Mein Aufenthalt auf Sansibar begann mit einer Reihe intensiver Eindrücke. Natalie und Moana führten mich durch die Stadt, die Katakomben von Afrika, wie wir sie nannten. Denn wer schon einmal durch Stone Town spaziert ist, kann verstehen, wie leicht man sich dort verläuft. Die Stadt besteht aus zahlreichen lauten, schmutzigen Gassen mit vielen Winkeln und Ecken, vielen Abzweigungen und Möglichkeiten, seine Orientierung zu verlieren.

„Das ist die Hauptstraße. Am besten bleibst du am Anfang immer hier, da musst du einfach nur geradeaus gehen, damit du zu den wichtigsten Essensständen kommst und wieder zu unserem Haus zurückfindest“, erklärte Natalie. Das war eine wichtige Information für eine Frau wie mich, eine Frau ohne Orientierungssinn.

Die Mädels zeigten mir, wo man Wasser und das beste Essen kaufen konnte, wo man Guthaben für seine SIM-Karte bekommen konnte und wie man zum Strand kam. Auch wenn mir die Orientierung in den Katakomben von Afrika sichtlich schwer fiel, stand eins schnell fest: Hier fühlte ich mich wohl.

Wie sehr hatte ich die Freundlichkeit, die Gastfreundschaft, die Hilfsbereitschaft und die Offenheit der Afrikaner vermisst. Im kalten Österreich sehnte ich mich oft nach dieser Wärme. Ich spreche nicht vom Winter – dem kalten Wetter – sondern von den kalten, distanzierten zwischenmenschlichen Umgangsformen, die leider oft in Österreich herrschten. Die Afrikaner grüßten jeden, sie sahen alle Menschen als ihre Familie und das merkte man in ihrem Umgang miteinander.

Am nächsten Tag holte Abdi mich wie versprochen ab. Er führte mich zum Krankenhaus, um mir den Weg zu zeigen. Mir war sofort klar, dass ich den Rückweg nicht finden würde, da mir alles wieder einmal viel zu verwinkelt vorkam. Das Krankenhaus selbst überraschte mich eher wenig. Die Zustände waren in etwa so, wie man es von Fernsehbildern aus der Dritten Welt kannte. Die sogenannten Stationen waren vielmehr große Hallen, in denen die Patienten Bett an Bett lagen. Die Luft war schlecht, viel zu heiß und ein übler Gestank durchzog das gesamte Gebäude. Auf den offenen Wunden der Patienten sammelten sich die Fliegen, fast jeder dort hatte eine Infektion.

Die Ambulanz für Physiotherapie war in einem kleinen Nebengebäude direkt am Meer untergebracht. Wir genossen den Luxus von immer frischer Luft. Ich war nicht die einzige Studentin, sondern ein ganzer Jahrgang an einheimischen Studenten war ebenfalls für ein Praktikum vor Ort. Dies bot mir eine gute Gelegenheit, mein Swahili zu verbessern, und ihnen wiederum bot es die Chance, Englisch zu üben.

Zwar hatte ich vorab nachgefragt, ob die Patienten Englisch sprechen würden, was mir deutlich versichert wurde, jedoch stellte sich diese Information schnell als falsch heraus. So kam es, dass ich die ersten Nachmittage mit dem Lernen der medizinischen Vokabel verbrachte. Zum Glück hatte ich mir zu Hause schon eine entsprechende Liste vorbereitet.

Obwohl ich für das Praktikum nach Sansibar gekommen war, stellte es definitiv nicht den Mittelpunkt meines Aufenthalts dar. Vielmehr genoss ich Afrika, sog jeden Moment auf, so gut ich nur konnte, und genoss das Leben in dieser Welt, die ich so sehr liebte.

Eine Leidenschaft, die Natalie, Moana und ich teilten, war das Tanzen. Beim Tanzen fühlte ich mich immer, als würde ich in eine andere Welt eintauchen. Das Tanzen in Afrika verstärkte dieses Gefühl noch einmal um ein Vielfaches. Die Rhythmen, die perfekte Art, in der sich die Einheimischen bewegten und ihre Selbstverständlichkeit, dies zu tun, zogen mich jedes Mal aufs Neue in ihren Bann.

Die Kehrseite – derer ich mir deutlich bewusst war – war die oft grenzüberschreitende Art der Afrikaner, eine weiße Frau aufgabeln zu wollen. Zu Beginn war es für mich oft schwierig gewesen, die Grenzen richtig abzustecken. Mittlerweile fiel es mir leichter und zu dritt konnten wir uns ohnehin leichter aus der Patsche helfen. Geriet eine von uns in Bedrängung, wurde sie von den anderen geschnappt und so lange herumgewirbelt, bis sie wieder in Sicherheit war.

Als ich das erste Mal mit Natalie und Moana in ihre – und bald auch meine – Lieblingsbar namens Tatu ging, kam ich mir vor, als wäre ich mit zwei Einheimischen unterwegs. Die beiden kannten beinahe jeden. Obwohl sie selbst erst drei Monate hier waren, wussten sie genau, zu wem man sich gesellen konnte und von wem man sich besser fernhalten sollte.

Beinahe jeden Abend gingen wir zum Tanzen ins Tatu und das obwohl ich an fünf Tagen pro Woche bei meiner Arbeit im Krankenhaus vollen Einsatz zeigen musste. Party und Arbeit also, Tag für Tag. Ein Zustand, den ich zu Hause unmöglich hätte durchhalten können. Doch hier genügte es, am Nachmittag noch ein paar Stunden an Strand zu entspannen, um am Abend wieder fit zu sein.

Am Strand konnte man sich am besten entspannen, wenn man nicht alleine war. Die berühmt-berüchtigten Beach Boys lauerten an jeder Ecke und nutzten jede Chance, eine einsame Weiße zu umgarnen. Hin und wieder hatten sie Erfolg, das Ergebnis war skurril. Ich sah zahlreiche schwarz-weiße Pärchen, mehr als ich gedacht hätte. Die meisten von ihnen sahen nicht wie frisch verliebte junge Leute oder frisch Verliebte im gleichen Alter aus. Die weißen Frauen waren meistens deutlich über 50, mitunter noch älter und interessanterweise alle übergewichtig. Nicht, dass mich das bei einem Menschen stören würden, aber in diesem Zusammenhang fiel es auf. Die Männer an ihrer Seite waren meisten halb so alt, oft noch jünger und durchtrainiert. Viele der jungen Männer erhofften sich, durch eine weiße Frau den Weg raus aus der Armut zu finden. Das war allgemein bekannt. Mir war bisher aber nicht bewusst gewesen, dass umgekehrt auch viele weiße Frauen durch einen jungen Afrikaner den Weg aus der Einsamkeit suchten.

„Pah, das ist so eklig. Man sieht richtig, was bei denen abgeht“, sagte Natalie angewidert, als eines dieser Paare an uns vorbeischlenderte. Die Frau hatte einen überglücklichen Gesichtsausdruck, sie sah richtig verliebt aus. Der Junge, dessen Hand sie hielt – ja, ich würde ihn definitiv eher als Jungen denn als Mann bezeichnen – unterhielt sich zwar mit ihr, seine Aufmerksamkeit galt jedoch anderen Dingen. Während er mit der Frau sprach, die ihn regelrecht anhimmelte, erkundeten seine Augen die Umgebung und erfassten dabei alles außer der Frau an seiner Seite. Sie schien das entweder nicht bemerkt oder sich damit abgefunden zu haben.

Später begegneten wir einem weiteren schwarz-weißen Paar, das jedoch einen anderen Eindruck auf mich machte. Sie waren etwa im gleichen Alter und interessierten sich offensichtlich füreinander. Es schien eine Beziehung auf einer Ebene zu sein. Die beiden sah man gerne an.

„Ich kann mir nicht vorstellen, wie das funktionieren soll“, sagte ich zu Natalie und Moana. „Wie kann man sich das nur freiwillig antun und eine derartige Fernbeziehung führen? Das ist ja innerhalb von Europa schon schwierig genug.“

„Zwei der Jungs unserer Organisation haben auch eine Freundin in Europa“, erklärte Natalie. „Die telefonieren jeden Abend und es scheint zu funktionieren. Aber ich stelle mir das auch sehr mühsam vor.“

„Das kann ich mir einfach nicht vorstellen“, erwiderte ich. „So etwas würde ich mir niemals antun.“

Tja, sag niemals nie.

In meiner zweiten Woche in Stone Town gingen wir wieder einmal ins Tatu. Es schien ein Abend wie jeder andere zu werden. „Tatu“ heißt „drei“ auf Swahili. Das Lokal hatte seinen Namen deshalb, weil es aus drei Stockwerken bestand. Im ersten Stock war eine gemütliche Bar mit Billardtisch. Der Großteil der Tische befand sich auf einem dunklen Holzbalkon. Der zweite Stock war räumlich gleich aufgeteilt, nur dass sich dort anstelle der Bar ein kleines Restaurant befand. Der dritte Stock war eine Disco. Der Raum war überdacht, an zwei Seiten jedoch offen, sodass man – speziell, wenn der Vollmond schien – einen wundervollen Ausblick auf das Meer hatte. Dieser touristisch angehauchte Ausblick stellte für mich einen eigenartigen Kontrast zu der typisch einheimischen Disco dar, in der wir uns befanden.

An eben jenem Abend war viel los. Zahlreiche Einheimische, vor allem Männer in den Zwanzigern, waren gekommen, um sich die Seele aus dem Leib zu tanzen. Wir hielten Ausschau nach jemandem, in dessen Nähe wir uns sicher fühlten. An einem der wenigen Tische – in der Ecke der beiden offenen Seiten der Disco – erblicken wir Rama. Er sprach kaum Englisch, doch er hatte eine derart ruhige, respektvolle Art und ein so strahlendes Lächeln, dass man sich in seiner Nähe einfach wohlfühlen musste. Ich hatte ihn schon des Öfteren gesehen, meistens allein. Natalie kannte ihn schon länger. So beschlossen wir, uns zu ihm zu gesellen. Als wir an seinem Tisch ankamen, sah ich, dass er dieses Mal nicht allein war. Ihm gegenüber saß ein dünner, kurzhaariger Afrikaner in einem bunten Hemd. Obwohl er auf einem Barhocker saß, bewegte er sich voller Freude und sang zu jedem einzelnen Song inbrünstig mit. Etwa so, wie ich das tat, wenn ich allein im Auto saß. Seine Lebensfreude war so ansteckend, seine Art, wie er da sitzend tanzte, so süß, dass ich ihn einfach anschauen und anlächeln musste. Ich konnte meinen Blick gar nicht mehr von ihm abwenden.

Irgendwann – als er mein Lächeln schon längst singend erwidert hatte – hielt er doch kurz stillt und sagte: „Hi!“

Ich streckte ihm meine Hand entgegen: „Hi, wie heißt du?“

„Jacob“, schrie er über die Musik hinweg. „und du?“

„Lisa“, antwortete ich mit einem Kribbeln im Bauch, wie ich es seit Monaten, vielleicht seit Jahren, nicht mehr empfunden hatte.

Und das war er. Der Moment, an dem Yakoub Suleiman Ahmada in mein Leben trat und es vollkommen auf den Kopf stellte.

Kapitel 2

„Liebe und Respekt. Das ist alles, was man braucht, um einander kennenlernen und verstehen zu können.“

Waris Dirie – Schwarze Frau, weißes Land

Dieser Abend war einer der schönsten meines Lebens. Yakoub und ich unterhielten uns über Gott und die Welt. Von Anfang an herrschte eine Vertrautheit zwischen uns, als ob wir uns schon ewig gekannt hätten. Beim Tanzen war ich noch vorsichtig, obwohl mir bald klar war, dass ich dazu gar keinen Grund hatte. Wir genossen zwar das gemeinsame Tanzen, die Nähe, die knisternde Atmosphäre zwischen uns, doch Yakoub akzeptierte auch die Grenzen. Dies war für mich eine neue, positive Erfahrung, durch die er natürlich noch mehr Pluspunkte bei mir sammelte. Zwischendurch unterhielten wir uns immer wieder. Jedoch muss ich gestehen, dass ich mich nicht mehr an den genauen Inhalt unserer Gespräche erinnere, sondern lediglich an die Faszination, die er auf mich ausübte.

Am nächsten Morgen war ich vollkommen durch den Wind. Den ganzen Tag konnte ich nur an Yakoub denken. Damals nannte ich ihn noch Jacob – das war sein Spitzname, mit dem er sich bei allen Weißen und folglich auch bei mir vorstellte. Später beschloss ich, ihn bei seinem echten Namen „Yakoub“ zu nennen, da allein der Klang dieses Namens etwas in mir auslöste.

Natalie und Moana waren ebenso begeistert von ihm wie ich und stiegen in meine Schwärmerei mit ein. Mit meinen damals 27 Jahren fühlte ich mich wie ein Teenager mit den klassischen Schmetterlingen im Bauch. Mein nächstes Ziel war, herauszufinden, wie alt er war. Er war so dünn, dass er einen äußerst jungen Eindruck machte. Gleichzeitig hatte er eine Art zu sprechen, die ihn weise und relativ alt erscheinen ließ. Ich hoffte, dass er nicht jünger als 22 Jahre war. Warum auch immer, dieses Alter schien mir die Grenze für einen Partner zu sein. Einen noch jüngeren Mann konnte ich mir an meiner Seite nicht vorstellen.

Am Abend, kurz vor Sonnenuntergang, trafen Moana, Natalie und ich uns mit ein paar Einheimischen zum Acroyoga. Wir hatten diese Sportart mittlerweile des Öfteren ausgeübt. Eine kleine Wiese direkt am Meer bot die perfekte Kulisse dafür.

Unser Partner hieß Edi. Er war ein sympathischer, durchtrainierter Afrikaner, der uns die kleinen Kunststücke geduldig beibrachte. Meistens kam er in Begleitung einiger Freunde, mit deren Hilfe er uns neue Figuren zeigte oder er uns eine kleine Showeinlage lieferte.

Zweifellos genoss er die Aufmerksamkeit und die Bewunderung von drei weißen Frauen, doch auch wir genossen das neu entdeckte Hobby.

Edi und einer seiner Freunde lieferten wieder einmal eine kleine Show ab, als Moana zu mir sagte: „Achtung, Lisa, Traummann von rechts.“

Sofort schoss mein Blick nach rechts, mein Herz begann wie wild zu flattern und meine Augen huschten hin und her, bis ich ihn endlich sah. Yakoub und sein Bruder Rama kamen direkt auf uns zu. Natürlich wussten sie, dass wir hier waren. Jeder wusste, dass Edi kurz vor Sonnenuntergang den weißen Mädels auf dieser Wiese Acroyoga beibrachte.

Ich konnte es kaum erwarten, dass Yakoub mit wenigen Schritten bei mir war und sich zu mir setzte. Er strahlte mich mit seinem verführerischen Lächeln an und – wum – wieder war ich in einer anderen Welt. Wieder zog er mich in seinen Bann, sodass ich unfähig war, irgendetwas anderes als ihn wahrzunehmen. Und doch kann ich mich wieder nicht an den Inhalt unseres Gesprächs erinnern, sondern lediglich an dieses Gefühl, diese unbändige Anziehung zwischen uns, diese Vollkommenheit des Augenblicks auf der kleinen Wiese am Meer und diese einzigartige Kombination aus Nervosität und innerer Ausgeglichenheit, die ich verspürte, nur weil er bei mir war.

„Lisa, du bist dran“, waren die Worte, mit denen Natalie mich in die Realität zurückholte. Offenbar hatten sie und Moana schon wieder mit Edi geübt, während Yakoub und ich im Gespräch versunken waren.

Ich hatte keine Ahnung, wie ich unter diesem Stromgefühl Acroyoga machen sollte und tatsächlich war es dieses Mal eine äußerst wackelige Angelegenheit. Nach wenigen Minuten tippte Yakoub mich an, während ich auf Edis Beinen hing und sagte: „Wir sehen uns später!“

Eigentlich wollte ich ihm zurufen: „Nein, geh nicht, bleib hier!“

Doch ich entschied mich für die lässigere Variante und sagte: „Bis später.“

Am Weg nach Hause fragten die Mädels, ob Yakoub und ich etwas vereinbart hatten.

„Ja, wir wollen uns später im Tatu treffen.“

„Juhu, wieder mal ein Tanzabend“, freute sich Moana.

„Und, hast du ihn gefragt, wie alt er ist?“, wollte Natalie wissen.

„Ja“, erklärte ich mit einem breiten Grinsen. „Er ist 22.“

Als ich mich für den Tanzabend fertig machte, fühlte ich mich mindestens zehn Jahre jünger. Ich war so nervös, dass meine Hand beim Schminken zitterte. Mittlerweile benutzte ich kaum noch Make-Up, aber ich wollte trotzdem so schön wie möglich aussehen. Außerdem fiel es mir schwer, mich für ein Outfit zu entscheiden. Zu Hause war mir das leichter gefallen, zumindest in den letzten Monaten. Nach zahlreichen Enttäuschungen hatte ich vor fast einem Jahr beschlossen, mich von Männern fernzuhalten. Ich wollte nichts mehr mit ihnen zu tun haben, mich mit keinem mehr treffen, mich für keinen mehr schön machen und letztendlich von keinem mehr verletzt werden. Das machte die Wahl des Outfits beim Ausgehen auch leichter, weil es mir schlichtweg egal war, was die anderen Barbesucher von mir dachten. Doch es war mir nicht egal, wie ich für Yakoub aussah. Für ihn wollte ich wunderschön sein.

Mir kam mein Traum in den Sinn, den ich kurz vor meinem Abflug gehabt hatte. Zwar hatte ich geträumt, dass ich einen Engländer namens Jacob kennen lernen würde, doch die Tatsache, wie nah meine aktuelle Situation an meinem Traum war, fand ich trotzdem beinahe gruselig. Sollte dieser Traum wirklich wahr werden? Oder hatte er mich etwa so beeinflusst, dass ich nur wegen meines Traums glaubte, in Yakoub einen tollen Mann gefunden zu haben? Ich war wirklich verwirrt und drohte schon wieder, alles zu sehr zu „zerdenken“.

Was mir außerdem Sorgen bereitete, war die Geschichte mit den Beach Boys. In der Vergangenheit hatte ich mit Männern wenig Glück gehabt und ich machte mir Sorgen, durch Yakoub direkt in die nächste Falle zu tappen. Dieses Thema diskutierte ich ausführlich mit Moana und Natalie, die glücklicherweise Psychologin war. Sie gab mir das Gefühl, einen professionellen Blick von außen auf unsere Situation zu werfen. Durch sie fühlte ich mich gut beraten. Die Mädels versicherten mir, dass Yakoub und ich mit den Beach Boys und deren Frauen nicht das Geringste zu tun hatten und dass man schon von Weitem sah, dass wir anders miteinander umgingen. Ebenso wie ich waren auch die beiden der Meinung, in seinem Blick ehrliche Vernarrtheit in mich zu sehen.

„Oooh“, sagte ich ganz verliebt.

Natalie und Moana lachten, weil ich mich wie eine Vierzehnjährige benahm – und so fühlte ich mich ja auch.

Der Abend war einfach schön. Yakoub und ich tanzten viel, wir unterhielten uns lange, ich verlor jedes Zeitgefühl. Irgendwann verließen wir gemeinsam das Tatu. Hand in Hand gingen wir zu ihm nach Hause. Dort verbrachten wir unsere erste gemeinsame Nacht.

Kapitel 3

„Das war Liebe: eine Verkettung von Zufällen, die Bedeutung gewannen und zu Wundern wurden.“

Chimamanda Ngozi Adichie – Die Hälfte der Sonne

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, war ich überglücklich. Interessanterweise beschäftigte ich mich nicht mit Gedanken über die Zukunft, was ich normalerweise viel zu intensiv tat. Stattdessen genoss ich einfach den Augenblick. Es war Wochenende und somit musste ich nicht arbeiten. Yakoub und ich konnten den ganzen Tag gemeinsam verbringen, die Zweisamkeit genießen, uns noch besser kennenlernen. Durch ihn tauchte ich ein in eine Welt der Armut, in die Dritte Welt, die für ihn Alltag war. Genau diesen Alltag zeigte er mir an jenem Tag.

Normalerweise teilte er sich ein Zimmer mit seinem Bruder Rama, der in meinem Alter war. Aus Respekt schlief der aber diese Nacht woanders. Irgendwo kamen die Afrikaner immer unter, das hatte ich mittlerweile gelernt. Das Zimmer der beiden war minimalistisch ausgestattet. Ein richtiges Bett hatten sie gar nicht. Vielmehr handelte es sich um eine dicke Matratze aus Schaumstoff, die am Boden lag. Daneben stand ein Kleiderschrank und es gab noch einen kleinen Schreibtisch mit einem Spiegel darüber.

Yakoub war Schneider und Designer. Er zeigte mir alle selbst genähten Hemden, die in seinem Kleiderschrank hingen.

„Ich trage meistens meine selbst genähten Hemden, das ist gut fürs Geschäft“, erklärte er mir. „Einmal war ich im Tatu und ein Engländer fragte mich, wo ich das Hemd gekauft habe. Ich sagte, dass ich es selbst gemacht habe. Er war so begeistert, dass er mir mitten im Tatu das Hemd abkaufte. Wir tauschten und ich ging mit seinem T-Shirt und einer vollen Geldbörse nach Hause.“ Yakoub lachte bei der Erinnerung an diese skurrile Geschichte.

Als nächstes zeigte er mir den Rest des Hauses, von dem ich letzte Nacht ohne Licht sehr wenig gesehen hatte. Neben seinem Zimmer befand sich noch ein zweites, darin schlief ein Mitarbeiter seines Onkels Isa. Ihm gehörte das gesamte Haus. Er hatte eine Art afrikanischer Imbissstand. Es war einer dieser kleinen Stände, die überall an der Straße das klassische afrikanische Essen verkauften. Im oberen Stockwerk befand sich vor den beiden Zimmern noch ein minimalistischer Gemeinschaftsbereich mit gefliestem Boden und einer halb maroden Holzbank. Der untere Stock bestand fast zur Gänze aus der Küche, in der seit früh am Morgen gekocht wurde, um das Straßenessen vorzubereiten. Das war eine aufwändige Prozedur, wie ich erkannte. Neben der Küche befand sich nur noch das Bad, das auch sehr simpel war. Es hatte diese typische afrikanische Toilette, ein Loch im Boden. Daneben befanden sich ein Wasserhahn und ein Eimer. Die Leute in diesem Haus duschten sich, indem sie das Wasser in den Eimer umfüllten und dann über ihren Körper gossen. Dabei standen sie immer über der Toilette, damit das Wasser abfließen konnte.

In meiner Zeit im Waisenhaus in Tansania hatte ich den Luxus einer eigenen europäischen Toilette mit europäischer Dusche genossen. Auch in der WG in Stone Town wohnten wir in einem gut ausgestatteten Haus. Dieses echte afrikanische Leben war für mich eine neue Erfahrung. Es führte mir vor Augen, aus welcher Welt Yakoub stammte und wie er seinen Alltag verbrachte.

Um weiter in sein Leben einzutauchen, begrüßten wir seinen Onkel Isa am Imbissstand. Zu meiner Überraschung stand Rama ebenfalls dort, um Grillspieße für die klassische sansibarische Suppe Urojo zuzubereiten. Die Touristen nennen diese Suppe „Sansibar Mix“. Ich liebte diese einzigartige gelbe Brühe mit diversen Einlagen wie hart gekochten Eiern, Teigbällchen und Kassavastücken. Deshalb freute ich mich natürlich, dass Yakoub sofort eine für mich bestellte. Noch mehr freute ich mich aber über die Tatsache, dass alle Männer, die an diesem Imbissstand arbeiteten – inklusive Isa, der offenbar gerne Witze über mich machte – mich wie ein Familienmitglied aufnahmen. Es war fast so, als ob ich schon immer da gewesen wäre.

So geschah es also, dass ich Teil einer Familie in Afrika wurde, dort in einem Krankenhaus arbeitete und plötzlich in einem vollkommen neuen Leben steckte.

Ich genoss dieses Leben. Yakoub und ich trafen uns täglich nach der Arbeit, meistens am Strand oder wir spazierten durch den öffentlichen Garten. Manchmal hatte ich dabei das Gefühl, dass wir wie ein altes englisches Paar waren, das sich ganz gesittet zum Spazieren traf. Wir spielten oft ein Kartenspiel oder ein klassisch afrikanisches Brettspiel namens Keram, das man hier an jeder Straßenecke spielen konnte. Zu Beginn verlor ich jedes Spiel chancenlos, nach und nach wurde ich etwas besser darin. Wir gingen oft tanzen oder unterhielten uns stundenlang. Wir beobachteten jeden Abend den Sonnenuntergang auf der kleinen Wiese, auf der die anderen weiterhin Acroyoga machten. Ich hingegen war nur noch mit Yakoub beschäftigt. Nach Sonnenuntergang schlenderten wir meistens durch den Forodhani-Markt, auf dem es zahlreiche Essensstände gab, und tranken frischen Zuckerrohrsaft. Ich genoss das Leben in vollen Zügen, ich war glücklich. So glücklich, wie schon lange nicht mehr.

Als sich damals mein erstes Jahr in Tansania dem Ende zugeneigt hatte, war ich vor einer großen Entscheidung gestanden: Sollte ich wirklich zurück nach Österreich gehen oder sollte ich mein Leben in Tansania aufbauen? Letzten Endes hatte ich mich aus zwei großen Gründen dazu entschlossen, nach Österreich zurückzukehren. Der erste Grund war mein Beruf. Ich war damals Kindergartenpädagogin. Zwar hatte ich gerne mit Kindern gearbeitet, doch mir war auch schon lange klar gewesen, dass ich nicht den Rest meines Lebens in diesem Beruf arbeiten wollte. Ich wusste, dass da noch mehr kommen sollte, auch wenn mir die Richtung zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar war. Mittlerweile wusste ich es. Ich hatte mit dem Studium der Physiotherapie begonnen und stand kurz vor dem Abschluss zu meinem Traumberuf.

Der zweite Grund waren ganz klar die Männer. Ich wollte immer eine Familie haben. Ich wollte das Leben genießen, mit einem Mann an meiner Seite, der mich wirklich liebte und den auch ich wirklich liebte. Doch in Afrika hatte ich damals ausschließlich Enttäuschungen in dieser Hinsicht erlebt. Ja, in Österreich war es auch nicht viel besser gelaufen, aber so grundsätzliche Dinge, wie dass ich in Österreich jederzeit auf meinen eigenen Füßen stehen konnte oder dass ich zumindest geglaubt hatte, meinem Partner vertrauen zu können, hatten mich glauben lassen, dass ich in Afrika keinen geeigneten Mann finden konnte.

So kam es also, dass ich damals aus diesen beiden Gründen nach Österreich zurückgekehrt war und jetzt den Mann, den ich für den richtigen hielt, erst recht in Afrika gefunden hatte.

„Liebes Schicksal, willst du mich eigentlich komplett auf den Arm nehmen?“,dachte ich eines Abends.

Yakoub war anders als die meisten afrikanischen Männer. Natürlich sagte das jede verliebte Frau, was mir durchaus bewusst war. Deshalb ließ ich mir meine Meinung immer wieder von Natalie und Moana bestätigen. Es gab zahlreiche Situationen, die ich in der Form nie mit anderen Afrikanern erlebt hatte.

Eines Tages, als Yakoub und ich spazieren gingen, klingelte sein Handy. Er hob ab und führte stocksauer eine kurze Unterhaltung. Kopfschüttelnd legte er wieder auf.

„Was war denn das jetzt?“, wollte ich wissen.

„Ich habe heute Morgen einen Kunden erwartet, der ein maßgeschneidertes Hemd von mir kaufen wollte. Wir waren um 10 Uhr verabredet. Er ist nicht gekommen und er war auch nicht erreichbar. Jetzt ruft er mich an und sagt, dass er vor meinem Laden ist. Aber es ist später Nachmittag, nicht 10 Uhr! Ich habe ihm gesagt, dass er an einem anderen Tag wieder kommen soll, dann aber pünktlich.“

„Du regst dich darüber auf, dass er unpünktlich ist?“, fragte ich erstaunt.

„Ja, warum nicht? Ich mache nicht gerne Geschäfte mit Leuten, die unpünktlich sind.“

Ich sah ihn mit großen Augen an: „Aber du bist Afrikaner. Ihr seid doch alle unpünktlich.“

Yakoub lachte. „Weißt du, in meinem Inneren bin ich in manchen Dingen Europäer.“

In der Tat gab es viele Situationen, in denen ich diese „europäische“ Seite an ihm erkennen konnte. Bald sagten wir über uns als Paar, dass wir so gut zusammenpassten, weil er in seiner Denkweise Europäer und ich im Herzen Afrikanerin war.

Der Kontinent Afrika hatte auf mich schon immer eine besondere Anziehung, schon als Kind wollte ich selbst lieber schwarz als weiß sein. Ich hatte keine weiße Lieblingspuppe wie alle Mädchen in meinem Alter, sondern eine schwarze, die ich mir explizit vom Christkind gewünscht hatte.

An meine erste Begegnung mit einem schwarzen Menschen konnte ich mich noch vage erinnern. Meine Mutter hatte mir die Geschichte so oft erzählt, dass sich die Bilder der Geschichte mit meinen Erinnerungen vermischten.

Es war eine lustige Geschichte, die ich Yakoub erzählte: „Mein Bruder, meine Mutter und ich waren bei einer Stuntshow. Das war im Rahmen eines Ausflugs, bei dem uns gezeigt wurde, wie Filme gedreht werden. Ich war noch ein kleines Mädchen, vielleicht fünf oder sechs Jahre alt. Bei der Stuntshow brannte ein Haus, vor dem ein Gerüst aufgebaut war. Ein Mann rannte aus dem Haus, er brannte am ganzen Körper, lief über das Gerüst und stürzte sich brennend in die Tiefe. Nach der Stuntshow gingen wir auf der Straße, wo uns ein schwarzer Mann entgegenkam. Voller Angst ergriff ich die Hand meiner Mutter und sagte:‚Mama, da ist der Mann, der verbrannt ist.‘“

Yakoub lachte lautstark los und ich musste bei der Erinnerung an dieses Erlebnis ebenfalls lachen.

„Das ist die Logik eines Kindes“, sagte er. „Aber es ist eine wirklich lustige Geschichte.“

Yakoub hatte nie so ein Erlebnis mit weißen Menschen, er war von klein auf an Touristen gewöhnt. Doch ein anderer Einheimischer erzählte mir, dass er seine erste weiße Frau im Alter von fünf oder sechs Jahren am Strand sah, wo er eigentlich nur spazieren ging. Plötzlich zog sie sich aus, stand nur noch im Bikini vor ihm und ihre Haut strahlte so sehr, dass sie ihn fast blendete. Er erstarrte kurz, fing dann an zu schreien und lief zu seiner Mutter, der er gar nicht genau erklären konnte, was er eigentlich gesehen hatte.

Ich fand es lustig, diese Erinnerungen auszutauschen. Yakoub und ich sprachen noch eine Weile über die Unterschiede zwischen weißen und schwarzen Männern, vor allem im Zusammenhang mit Beziehungen.

„Bei uns Moslems ist es üblich, dass ein Mann mehrere Frauen heiraten darf“, erklärte Yakoub. „Aber viele junge Männer nehmen die Sache mit der Treue schon vor der Ehe nicht so genau. Du siehst sie jeden Abend im Tatu. Manche dieser Männer haben eine einheimische Freundin, aber sie suchen sich trotzdem gerne eine andere, um mit ihr Spaß zu haben. Vor allem, wenn es sich um Touristinnen handelt – also um Weiße –, vergessen sie gerne, dass sie eigentlich vergeben sind.“

„Das passiert bei uns auch öfter“, sagte ich. „Aber es ist nur legal, eine einzige Frau zu heiraten.“

Es entstand ein kurzer Moment der Stille, ehe ich vorsichtig die Frage stellte, die mir auf der Zunge lag und auf der Seele brannte: „Würdest du mehrere Frauen heiraten?“

„Oh, nein“, lachte Yakoub. „Nein, nein, nein! Das könnte ich niemals. Wenn ich eine Frau wirklich liebe, dann will ich nur sie.“

Vermutlich konnte er hören, wie mir ein riesengroßer Stein vom Herzen fiel. Um seine Ansicht zu untermauern, erzählte er mir von seiner Ex-Freundin, mit der er drei Jahre lang zusammen gewesen war. Immer wieder hatten seine Freunde ihm berichtet, mit welchen anderen Männern sie sie gesehen hatten, und auf ihrem Handy hatte Yakoub oft die Anrufe fremder Männer gesehen. Letzten Endes hatte sie ihn so oft betrogen, dass er es nicht mehr ausgehalten und die Beziehung beendet hatte.

„Das tut mir sehr leid“, versicherte ich ihm und erzählte ebenfalls von den Männern, die mich betrogen hatten.

Einmal musste ich noch auf das Thema Ehefrauen zurückkommen: „Steht denn im Koran, dass Ihr mehrere Frauen haben dürft?“

„Ja, das steht da. Ich nehme den Koran sehr ernst. Jeden Ramadan lese ich den Koran, aber ich denke immer darüber nach, welche Dinge wann und warum geschrieben wurden. Dann überlege ich, ob sie heute noch sinnvoll sind, und danach entscheide ich, an welche Regeln ich mich halte. Deshalb weiß ich, dass ich nur eine Frau brauche. Im Koran steht geschrieben, dass es mehr Frauen als Männer auf der Welt gibt. Es steht dort, dass ein Mann mehrere Frauen heiraten soll, um ihr Überleben zu sichern. Das wurde in einer Zeit geschrieben, als die Frauen noch von ihren Männern abhängig waren. Heutzutage stehen die meisten Frauen auf eigenen Beinen. Sie brauchen keinen Mann mehr, der sie ernährt. Deshalb finde ich es nicht mehr sinnvoll, mehrere Frauen zu heiraten. Ich glaube aber, dass viele Männer diese Lücke im Koran ausnutzen, um das Leben mit mehreren Frauen zu genießen.“

Ich fand Yakoubs Ansichten sehr interessant. Wir unterhielten uns stundenlang über Gott und die Welt. Ich hätte ihm ewig zuhören können. Doch irgendwann nahm der Abend natürlich auch ein Ende und ich freute mich schon auf den nächsten Tag, den ich wieder mit ihm verbringen durfte.

Nun, da Yakoub und ich schon einige Wochen zusammen waren, war es an der Zeit, seine Familie kennenzulernen. Ich war so nervös, wie seit ewigen Zeiten nicht mehr. Als ob es nicht schon schlimm genug wäre, die Eltern des neuen Freundes kennen zu lernen, hatte er mir auch noch im Vorfeld mitgeteilt, dass die beiden kein Wort Englisch sprachen. Ich konnte zwar ein bisschen Swahili und im Krankenhaus konnte ich die Patienten auch behandeln, weil ich zuvor das entsprechende Vokabular gelernt hatte, doch die Situation mit seinen Eltern war eine ganz andere.