Milos Träume - Jonas Akermann - E-Book

Milos Träume E-Book

Jonas Akermann

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Beschreibung

Als der Außenseiter Milos mit furchteinflößenden Träumen konfrontiert wird, denkt er nicht daran, dass diese eines Tages zur Realität werden und sein junges Leben komplett auf den Kopf stellen. Unterstützung bekommt er anfangs nur von seinem Klassenlehrer, der Milos' guten Charakter aber dahingehend missbraucht, um seinen eigenen Machenschaften nachzugehen. Milos' einziger Freund Eren, der ebenfalls diffuse Träume hat, muss in dieser Zeit vieles erdulden. Als dann auch noch Morde im Raum stehen und sich Freunde zu Feinden entwickeln, muss Milos alles neu überdenken.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 368

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Inhaltsverzeichnis

Impressum 2

Widmung 3

Kapitel I 4

Einsam

Kapitel II 16

Schule

Kapitel III 21

Piko

Kapitel IV 26

Fremd

Kapitel V 32

Eren

Kapitel VI 45

Zweikampf

Kapitel VII 60

Erklärung

Kapitel VIII 71

Schicksal

Kapitel IX 76

Veränderung

Kapitel X 84

Schatten

Kapitel XI 89

Entscheidung

Kapitel XII 96

Leon

Kapitel XIII 102

Geheimnis

Kapitel XIV 107

Mission

Kapitel XV 111

Schock

Kapitel XVI 119

Erkenntnisse

Kapitel XVII 132

Nuri

Kapitel XVIII 142

Aaron

Kapitel XIX 149

Lehrer

Kapitel XX 159

Azra

Kapitel XXI 167

Zusammen

Kapitel XXII 175

Weihnachten

Kapitel XXIII 183

Maleika

Kapitel XXIV 189

Suche

Kapitel XXV 198

1/2

Kapitel XXVI 207

Mittendrin

Kapitel XXVII 213

Feindbild

Kapitel XXVIII 219

2/2

Kapitel XXIX 226

Erbe

Kapitel XXX 233

Liebe

Kapitel XXXI 245

Vorbei

Kapitel XXXII 252

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Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2020 novum Verlag

ISBN Printausgabe: 978-3-99064-938-1

ISBN e-book: 978-3-99064-939-8

Lektorat: Anna Paul,

Marie Schulz-Jungkenn

Umschlagfoto: Atichat Ammatayakul | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Widmung

für Mike le chat

Kapitel I

Einsam

Von draußen höre ich den Regen. Es blitzt. Plötzlich ein Donner. Und wach bin ich. Der schwarze kleine Wecker auf meinem Nachttisch zeigt mir an, dass es mitten in der Nacht ist. Zwei Uhr. Ich blicke umher. Alles ist dunkel. Ich schaue zum Fenster. Es steht einen Spalt weit offen. Ich höre das leichte Rauschen des Windes, der durch eben diese Öffnung zischt. Ansonsten ist es leise. Ich höre meinen Atem und spüre mein Herz wie wild schlagen. Ich bin wach, aber noch nicht wirklich da. Ich liege im Bett, aber fühle mich an einem ganz anderen Ort.

Ist das tatsächlich wieder einer dieser Träume gewesen? Diese Träume, die mich bereits seit Monaten verfolgen und sich stets so echt anfühlen? So, als wäre ich ein Teil davon. Oder habe ich das gerade wirklich erlebt? War ich dieser Agent, der zusammen mit seinem Kollegen unterwegs gewesen ist und einen Polizisten entführte? War ich dieser Typ, der so extrem zielstrebig und verbissen agierte? Und alles nur, um an irgendwelche Informationen zu gelangen. Auskünfte, die genau dieser Mann an exakt diesem von uns ausgewählten Ort an uns übermitteln sollte.

Die Überzeugung war spürbar. Der Polizist, Mitte vierzig, blondes Haar, vernarbtes Gesicht, schmächtig und circa einen Kopf größer als ich. Und wir, jung, kaltschnäuzig und voller Tatendrang. Mit nur dem einen Ziel, ihn zu schnappen.

„Wer bist du?“, fragt er mich. „Wieso machst du das? Wieso gerade ich?“

Und dann, in dem Moment, als ich den Mund öffne, um ihm zu sagen, was meine Beweggründe sind, wache ich auf. Wieso jetzt? Wieso muss der Traum gerade jetzt zu Ende sein? Wieso immer dann, wenn ich erfahren will, wie es weitergeht?

Ich will wissen, wieso ich das mache und weshalb sich alles so echt anfühlt. Ich will wissen, was mit meinem anderen ‚Ich‘ in meiner Traumwelt passiert. Wissen, wieso es mir so vorkommt, als wäre das andere ‚Ich‘ wie ich. Ein ‚Ich‘ in einer Parallel-Welt, die sich wie die Wirklichkeit anfühlt. So als könnte ich den Zugang dahin mit einem Sprung über eine schmale Stufe erreichen. Es erscheint mir so nah, aber die Antworten auf meine Fragen sind meilenweit entfernt.

Pause, tief durchatmen, die Augen nochmals kurz schließen. Dann mein Blick durchs Zimmer kreisen lassen und entscheiden, was ich tun soll. Keine Antwort finden, oder doch, einfach nur liegen – nichts tun.

So liege ich nun da, benommen von dem Traum, der mir immer noch im Kopf brennt. Ich habe Mühe einzuordnen, was echt ist und was nicht. Im Magen habe ich ein komisches Gefühl. Im Dunkel meines Zimmers erscheint noch immer der Polizist vor mir, wie er verwirrt nach unseren Motiven fragt. Wie er mich anschaut und einfach nicht verstehen kann, wieso ich das mache. Wie er völlig perplex in mein Gesicht schaut, so als würde er gar nicht begreifen, dass das alles gerade wirklich passiert.

Alles steht still und ich bewege mich weder vor noch zurück. Dann starte ich einen Versuch. Ich drehe meine Beine in Richtung Boden, um Fuß zu fassen, lege mich dann aber sofort wieder hin. Ich schaue zur Decke und prüfe, ob ich etwas erkennen kann. Irgendein Zeichen? Nichts, keine Chance. Ich blicke zum Nachttisch und erkenne, dass gerade mal zehn Minuten vergangen sind. Was soll ich tun? Das Ziel ist, weiterschlafen, aber davon bin ich so weit entfernt wie nach den Antworten auf meine gerade erlebten Taten. Also entscheide ich mich, meine Kräfte zu bündeln. Ich löse mich von den imaginären Fesseln, die mich ans Bett klammern, und stehe auf.

Ein Glas kalte Milch und ein Spaziergang rund ums Haus helfen mir, mich zu sammeln. Die frische Luft, die während des Laufens in mein Gesicht bläst, ist wie ein feuchter Lappen, der die Unreinheiten aus der Haut wäscht. Einfach befreiend und genau das, was ich in diesem Moment brauche. Die Dunkelheit macht mir nichts aus. Anfangs schon, aber irgendwie habe ich mich daran gewöhnt. Von Zeit zu Zeit, von Spaziergang zu Spaziergang, ist sie zu meinem Freund geworden. Düster und doch so ruhig und ohne bösen Willen. So als würde man all die Dinge, die nicht so laufen, wie sie sollten, mit einem großen Tuch überdecken und erst am nächsten Tag wieder zum Vorschein kommen lassen. Ein sehr schöner Gedanke, den ich versuche festzuhalten, während ich mich langsam wieder zum Eingang bewege. Im Haus ist es weiterhin ruhig und ich laufe ohne weitere Zwischenfälle zurück in mein Schlafzimmer.

Nun ist mein Kopf wieder frei und mein Körper ist müde. Ich lege mich hin und nicke innert Sekunden ein. Dieses Mal schlafe ich tief, ohne Ausflüge in meine Traumwelt. Dieses Mal reduziert sich mein Leben nur auf mich. Kein Polizist, kein Komplize und auch keine weiteren Fragen. Es gibt nur mich, Milos, den Jungen im Bett. Ich erhole mich vom Erlebten. Geht doch.

Die Sonne scheint in mein Zimmer. Ich wache auf und fühle mich leicht benommen, jedoch um Längen besser als bei meinem ersten Erwachen. Ich versuche, meine Gedanken zu ordnen, und fokussiere mich auf den Tag und auf das, was mich erwartet. Ich befreie mich davon, auf alles eine Antwort haben zu müssen, und merke, dass es mir besser geht. Also konzentriere ich mich weiter gezielt auf ein paar wenige Anhaltspunkte.

Den Fokus zu finden, habe ich zu meiner täglichen Aufgabe gemacht. Immer, wenn ich eine Nacht wie heute erlebt habe, präge ich mir morgens meine nächsten Schritte tief ein. Ich stelle mir diese bildlich vor und lasse einen Film vor meinen Augen ablaufen. Wenn auch dies nicht genügt, spreche ich die Gedanken laut aus. Fast schon so, als wäre ich davon besessen. Es ist mein Ritual, mein Plan und meine eigene Strategie, die mir hilft, mit der ganzen Situation klarzukommen.

Aus der Küche nehme ich den Geruch von Toast und heißer Schokolade wahr. Fokus gefunden. Ich rieche kurz am T-Shirt vom Vortag und entscheide, dass ich damit auch noch heute durch den Tag gehen kann. Die wenigen Schweißspuren bemerkt sowieso niemand. Bei den Hosen hat sich die Frage erübrigt. Durch meinen Spaziergang rund ums Haus sehen diese entsprechend aus, also völlig verdreckt. Ich krame mein zweites Paar Hosen aus dem in die Jahre gekommenen Holzschrank und bewege mich in Richtung Küche.

Dort erwartet mich das gewohnte Bild. Alles ist an seinem Platz. Mein Vater sitzt wie immer völlig korrekt und aufrecht auf seinem Stuhl. Er wirkt, eingeschnürt in Anzug und Krawatte, als würde er bereits im Büro sitzen und das erste Meeting vorbereiten. Auf dem großen, massiven Esstisch liegt die Tageszeitung. Diese hält meinen Vater davon ab, sich mit mir zu unterhalten. Er bringt nicht mehr als ein kurzes „Hallo“ über seine Lippen und blickt dann wieder direkt in die wohl sehr ergreifenden und spannenden Berichte aus der Umgebung. Ich nicke ihm, oder besser gesagt, dem Mann im Zeitungsartikel, zu und setze mich hin.

Meine Mutter ist ebenfalls bereits pikfein hergerichtet. Sie könnte direkt zu den Oscarverleihungen gehen und würde selbst dort noch auffallen. Da sie weder Schauspielerin ist noch im letzten Jahr einen Blockbuster produziert hat, schließe ich das aus. Sie hat wohl einfach mal wieder einen wichtigen Termin in der Kanzlei. Meine Mutter arbeitet viel, eigentlich immer. Heute nimmt sie mich mehr oder weniger wahr. Sie scheint bereits in ihrem Film gefangen zu sein. Ohne irgendein Wort zu sagen, stellt sie die noch halb volle Tasse auf den Tisch und verlässt den Raum. „Dir auch einen schönen Tag“, sage ich leise vor mich hin, als ich bereits den Autoschlüssel klimpern höre.

Eigentlich alles wie immer, denke ich mir. Nur, dass ich aktuell Mühe habe zu unterscheiden, ob das nun real ist oder nicht. Bin ich wirklich hier oder stecke ich in einem dieser Abenteuer, welche ich jeweils im Schlaf erlebe? Ich erinnere mich an meinen Plan und versuche, mich auf den Raum zu konzentrieren. Mit dem ersten Blick treffe ich eine Schlagzeile in der Zeitung meines Vaters. Ich lese den in Großbuchstaben geschriebenen und somit nicht übersehbaren Titel: Die Stadt brennt.

Ich erfahre von brutalen Überfällen. Diese wurden letzte Nacht in Ame, der Stadt im Norden, auf verarmte Wohnungseigentümer ausgeübt. Die Opfer haben sich gewehrt, aber ohne Erfolg. Sie wollten auf die gemachten Kaufangebote nicht eingehen und ihre Häuser nicht verkaufen – trotz fehlender eigener Mittel. Darauf brach dann wohl die Gewalt aus. Es kam zum Gefecht. Die Täter waren in der Überzahl und es endete blutig. Das ist das gewohnte Bild. Die Kriminalität in den Städten steigt. Wenn es auf dem diplomatischen Weg nicht vorwärtsgeht, lassen sie die Fäuste sprechen. Ein sehr wirkungsvolles Mittel. Leider.

„Über solche Dinge spricht man nicht“, bemerkt mein Vater abwertend, als ich ihn nach seiner Meinung frage. Ich merke sofort, dass dies das Ende der Konversation ist. „Keine Antwort, mal wieder“, denke ich mir und schweife mit meinen Gedanken ab. Fokus verändern. Wohin? Ah ja – Frühstück. Himbeer-Marmelade, Butter, Brot – eigentlich führe ich doch ein ganz normales Leben, eines ganz normalen Jungen in einer völlig intakten Umgebung. Oder doch nicht?

Ein kurzer Blick in den Spiegel, kaltes Wasser ins Gesicht und los geht’s. Mit vollem Bauch mache ich mich auf den Weg. Ich muss zur Schule, also an den Ort, der mir nie zum Freund geworden ist. Nun ja, ich habe dort auch keine Freunde. Hatte ich noch nie und werde ich wohl auch nie haben. „Die Hoffnung stirbt zuletzt“, flüstert mir meine Stimme im Kopf zu. „Lass mich in Ruhe“, gebe ich zurück und beende das Selbstgespräch.

Seit wir vor etwas mehr als einem Jahr den Wohnort gewechselt haben, klappt es einfach nicht mehr. Ich kann keine Beziehungen zu anderen Menschen mehr knüpfen. Egal wie sehr ich mich auch anstrenge, niemand will mit mir ein Gespräch führen. Ein kurzer Blickkontakt ist das Höchste der Gefühle und dieser ergibt sich meist auch eher zufällig. „Vorher war alles anders“, meldet sich meine Stimme im Kopf zurück. Ich beachte sie nicht, bin mir aber bewusst, dass es in diesem Fall zutrifft.

Am früheren Wohnort, westlich von hier, mitten in der großen Stadt Oro, hatte ich ein tolles Leben. In unserem Quartier lebten viele Kinder. An Sommertagen spielten wir Fußball, draußen auf der Straße. Mit großen Steinen markierten wir die Torpfosten und irgendjemand hatte immer einen Ball dabei. Meist war es Paco, der aus Spanien eingewanderte Junge mit seinen unglaublich flinken Beinen. Ich mochte alle und alle mochten mich. Vielleicht war es zu schön, um wahr zu sein, zu schön, um lange zu dauern. Denn so ziemlich von einem Tag auf den anderen war alles vorbei.

„Milos, wir müssen los.“

„Wohin?“, war mein erster Gedanke. Aber als ich mich zu Hause umsah, waren die Koffer bereits gepackt und die Autoschlüssel auf dem Küchentisch platziert. Ohne „Auf Wiedersehen“ zu sagen, verließ ich meine Freunde und auf ein Wiedersehen warte ich bis heute. Anfangs versuchte ich, Kontakt aufzunehmen, aber dies funktionierte nicht. Meine Briefe an Paco und all die anderen Jungs aus dem Viertel kamen entweder nie an oder wurden allesamt nie beantwortet. Letzteres kann ich mir nur schlecht vorstellen. Es gibt dafür keinen Grund. Wieso sollten meine Freunde mir nicht antworten wollen? Ich habe ihnen doch nichts getan? Wir waren eine verschworene Gemeinschaft und hatten trotz unseres jungen Alters bereits viel zusammen erlebt. Jahr für Jahr wuchsen wir enger zusammen. Jeder fühlte sich eng mit den anderen verbunden. Gab es Ärger, waren immer alle schuldig, und wurde jemand für etwas belohnt, wurde geteilt. So gab es keinen Streit und niemand fühlte sich benachteiligt.

Nun ja, auf jeden Fall bin ich nun hier. Ich wohne im Dorf Kono, irgendwo im Nirgendwo, mitten auf dem Land, in einem großen Haus, umringt von Wald, so weit das Auge reicht. Sonst gibt es nichts. Nein, so schlimm ist es nicht, aber als wäre Kono nicht schon genügend klein, müssen wir auch hier noch im vom Dorfkern am weitesten entfernten Haus wohnen.

Kono ist ein klassisches Dorf für Leute, die gekommen sind, um zu bleiben. So leben hier vor allem alte Leute und Familien. Die Anbindung an die umliegenden Dörfer ist in Ordnung, aber nur für Besitzer eines Autos. Der Bus fährt sehr unregelmäßig und nimmt einen nur mit, wenn man das nötige Kleingeld besitzt. Da ich weder flexibel bin noch über eigene Mittel verfüge, gibt es für mich keine Möglichkeiten, von hier wegzukommen. Ich werde nicht gefangen gehalten, aber es fühlt sich so an.

In Kono gibt es einen Dorfkern. Dieser sollte für die Bewohner ein Treffpunkt sein, ist er aber nicht. So bleibt der kleine Park vor der Kirche stets leer, außer, wenn die Dorfältesten aus der täglich stattfindenden Abendmesse kommen. Die Familien und die Kinder ziehen sich am liebsten in ihre Wohnquartiere zurück. Dort treffen sie sich untereinander. Die Geschäfte im Ort decken die wichtigsten Bedürfnisse ab. Das Angebot ist gerade so groß, dass man den Ort nicht unbedingt verlassen muss. Neben einem Dorfladen findet man einen Bäcker, einen Metzger und ein paar weitere Läden. In der Nähe der Schule steht ein alter Bauernhof. Weiter gibt es ein stattliches Gemeindehaus, einen Polizeiposten und diverse Handwerkerbetriebe.

Das Dorf Kono bildet zusammen mit den vier Dörfern Suna, Kiri, Kumo und Iwa einen Verbund. Die fünf Dörfer sind in etwa gleich groß und haben ähnlich viele Einwohner. Umringt werden sie von vier Städten. Eine davon ist Ora, meine Heimatstadt.

Kono ist ein Traum für ein pensioniertes Ehepaar, aber nicht für einen sechzehnjährigen Jungen. Ich fühle mich in der Blüte meines Lebens, aber blühe nicht. Voller Tatendrang habe ich Lust, die Welt zu entdecken. Ich will mit meinen Freunden Abenteuer erleben. Aber hier erlebe ich nichts. Kein kaputtes Fenster durch einen zu hoch angesetzten Ball von Paco, kein Davonrennen und auch kein Aufatmen, wenn man nicht erwischt wurde, nein, hier gibt es nichts davon. Nur mich, mitten im Leben, aber ohne Zutrittsberechtigung. Allein, so als wäre ich eine eigene Spezies, bestehend aus nur einer Person.

Im Vergleich zu meinem Leben in der Stadt spielt sich im Hier und Jetzt eine völlig andere Geschichte ab. So als hätte jemand meine Welt auf eine Schallplatte gelegt und um hundertachtzig Grad gedreht. Hier besuche ich die Klasse 3c, welche im nächsten Sommer ihren Schulabschluss feiert. Hier spielen die Kinder auch Fußball, aber befreit von Spaß und Emotionen. Die Exoten und deren sorglose Art, gegen den Ball zu kicken, fehlen komplett. Es gibt keine leuchtenden Augen, keine Harmonie, keine Bewunderung und schon gar kein Lachen. Das Ganze wirkt so, als würde man den Jungs sagen, sie müssen Fußball spielen, als Hausaufgabe, mit zusätzlicher Bestrafung bei Nichterfüllung.

Ganzheitlich beurteilen kann ich das nicht, da ich nicht mitspielen darf. Doch mein Eindruck bestätigt sich Tag für Tag. An meinem ersten Schultag sprang ich in der Pause noch völlig euphorisch auf den Platz. Danach fragte ich noch ab und zu, dann noch etwa einmal im Monat und irgendwann nur noch dann, wenn meine Füße so bestimmend nach dem Spielen mit dem Ball verlangten, dass sie mich direkt auf den Platz trugen. Und jetzt? Jetzt sitze ich auf der kühlen, im Schatten liegenden Steintreppe und verfolge das Geschehen. Dabei könnte ich die anderen Schüler beraten und ihnen wertvolle Tipps geben, damit sie besser werden. Ich könnte ihnen zeigen, dass ein Tritt gegen den Ball ein Gefühl der Freude auslösen kann. Ich könnte so vieles tun, doch ich sitze nur da und schaue mir Pause für Pause das an, was sie hier Fußball nennen.

Wieso ich das mache? Ich weiß es nicht genau. Diese Frage stelle ich mir aber jedes Mal aufs Neue. Dann bleibe ich trotzdem sitzen und versuche zu vergessen, was ich mich gerade gefragt habe. Hauptsächlich liegt es wohl an den fehlenden Alternativen. Immerhin muss ich mich ja täglich für zwei mal zwanzig Minuten beschäftigen. Und ja, zugegeben, vielleicht ist es auch der noch so kleine Hoffnungsschimmer, der mich glauben lässt, dass ich eines Tages doch noch gefragt werde, ob ich mitspielen will.

Genauso unaufgeregt wie das Treten gegen den Ball beobachte ich die Paare, die sich seit Wochen bilden und die dann wohl zusammen zum Abschlussball gehen werden. Es dauert zwar noch eine ganze Weile bis dahin, doch es scheint so wichtig zu sein, dass dies bereits jetzt erledigt sein muss. „Willst du mit mir zum Fest gehen?“, höre ich die sonst ach so harten Jungs die Mädchen fragen. Diese laufen dann für gewöhnlich rot an und drücken, völlig nervös und lächelnd, ein „Ja“ über ihre Lippen. So, als würden die Jungs nicht merken, dass sie nur darauf gewartet haben. Da ich nicht der einzige Junge sein will, der ein „Nein“ als Antwort erhält, werde ich nicht feiern. Denn wer soll mich schon fragen? Mich, Milos?

Teilweise frage ich mich, ob ich wirklich so heiße, denn die Gunst scheint nicht wirklich mein Begleiter zu sein. Ich fühle mich nicht so, als wäre die Gunst der Stunde auf meiner Seite, ich der X-Faktor oder als würde etwas bewusst für mich laufen. Nein, ich sehe mich eher als Zuschauer des Geschehens, eben als den Jungen auf der kalten Steintreppe.

Gäbe es einen Namen, der für „der Ungünstige“ steht, würde dieser wohl besser zu mir passen. Denn ungünstig entwickelt sich nicht nur mein Leben mit meinem Umfeld, sondern auch immer mehr mein Äußeres. Oder anders gesagt, vieles entwickelt sich nicht. So bin ich klein, sagen wir, eher klein – für mein Alter − habe keine besonders auffallenden äußeren Merkmale, bin schmächtig, habe viele Haare, aber keine Frisur, und laufe nicht in den angesagten Klamotten herum. Nein, vielmehr laufe ich dem Trend hinterher.

Zusammengefasst, bin ich eher der Frosch als der Prinz, und auch nicht der Frosch, den man küsst, damit er zum Prinzen wird. Ich bin Milos und auch wenn vieles an dieser Schule gegen mich läuft, denke ich immer daran, dass ich so, wie ich bin, mal ein Mitglied einer Clique war, die mich gern hatte und mich als festen Bestandteil einer Gruppe ansah. Dieser Gedanke gibt mir Kraft und ich weiß, dass ich ihn nie vergessen darf.

Es erübrigt sich wohl, zu sagen, dass ich aus den genannten Gründen bei den weiblichen Mitschülerinnen nicht besonders gut ankomme. Eigentlich müsste ich ihnen ja nahe sein, denn an dieser Schule dürfen auch die Mädchen nicht Fußball spielen. Aber diese Gemeinsamkeit habe wohl bisher nur ich entdeckt. Und da die Mädchen die kalte Steintreppe nicht so anziehend finden wie ich, ergibt sich auch kein Grund, diese Gemeinsamkeit zu vertiefen.

Das Alleine-Sein hat nicht nur dunkle Seiten, sondern bringt auch Vorteile mit sich. Da ich oft – o. k., sagen wir immer – alleine bin, habe ich Zeit, um unzähligen Dingen nachzugehen. Ich lese alles, was ich in die Hände kriege, und verschlinge die ergatterten Werke in Windeseile. In den Büchern bin ich der Herr der Lage und mir gefällt es, dass die Wörter nicht vor mir fliehen, sondern sich von mir lesen lassen. Am liebsten lese ich Romane, aber auch viel über Technik, Geschichte, Kultur. Ja, eigentlich alles, was ich finde. Zu Hause haben wir nur wenige Bücher, da meine Eltern nichts außer der Zeitung lesen. Diese Bücher habe ich bereits alle gelesen, manche mehrmals.

In der Schule gibt es eine Bibliothek. Diese erlaubt nur Mitgliedern eines bestimmten Klubs Zutritt. Nur sie sind berechtigt, regelmäßig Bücher auszuleihen. Ich verstehe das nicht und es erscheint mir unüblich. Ich kenne aber einen Weg, wie ich mich reinschleichen kann, und beschäftigte mich deshalb nicht weiter mit diesen Gedanken. Es gelingt mir immer mal wieder, ein Buch zu entführen. Die Auswahl hier ist so groß, dass ich es in Kauf nehme, erwischt zu werden. Bisher hatte ich Glück und sowieso bringe ich die Bücher ja stets wieder zurück.

Vieles, was ich lese, probiere ich aus. Ich will stets wissen, ob ich die Theorie auch umsetzen kann. So habe ich Fähigkeiten in allen Bereichen entwickelt – von der Kleinkunst über Geschicklichkeit bis hin zu Zaubertricks. Ich kann vieles, und da ich so viel Zeit habe, werde ich auch immer besser darin. Ich kann Karten verschwinden lassen, Münzen herbeizaubern und übe mich manchmal auch im Schlösserknacken – natürlich nur an alten Gartenzäunen, die sowieso niemand mehr beachtet. Ich liebe das Gefühl, wenn etwas funktioniert. Dies gibt mir jeweils eine Bestätigung. „Gut gemacht, Milos“, sage ich zu mir selber und verspüre für fünf Minuten eine Art heroischen Gefühls in mir. Dieses hilft mir dann irgendwie, die restlichen dreiundzwanzig Stunden und fünfundfünfzig Minuten zu überstehen.

Anfangs berichtete ich zu Hause noch von meinen Lernfortschritten. Da dies dann aber eher als lästig empfunden wurde, entschied ich mich dafür, meine Mutter und meinen Vater damit nicht mehr zu nerven. Besser so. Denn meistens rieten sie mir sogar davon ab und wollten nicht, dass ich solch seltsame Dinge mache. Ich sollte die wertvolle Zeit besser in meine Hausaufgaben investieren. Eine klassische Antwort von Eltern, die nichts über ihr Kind wissen und keine Ahnung davon haben, dass die Hausaufgaben etwa so viel von meinem Hirnschmalz in Anspruch nehmen, wie ich für das Streichen von Butter auf Brot benötige.

„Mama, ich muss keine Hausaufgaben machen“, würde ich ihr an gewissen Tagen gerne ins Gesicht schreien. Ich entscheide mich dann aber jeweils dafür, das nicht zu tun, und nicke zustimmend zum gemachten Lösungsvorschlag.

Kapitel II

Schule

Herr Braun, unser Klassenlehrer, lässt mich größtenteils in Ruhe. Er hat schnell bemerkt, dass ich eher unter- als überfordert bin, und stellt mir deshalb nur selten eine Frage. Tut er es trotzdem, bereut er es direkt wieder. Denn auf eine Frage an mich folgt eine Gegenfrage. Diese formuliere ich bewusst als Herausforderung und bringe damit Herrn Braun in eine unangenehme Situation. Er sucht dann jeweils nach Argumenten und mischt meist ein paar Halbwahrheiten bei. Da dies nicht unbemerkt bleibt, erlebe ich doch noch ab und zu einen goldenen Moment. Denn für einen Bruchteil einer Sekunde bin ich der, der die Mitschüler zum Lachen bringt. Da diese aber eher den Lehrer auslachen als mir zulachen, bleibt meine Beliebtheit verschwindend klein, und auch für den Rest des Tages werden Fragen über mich weiterhin mit „Wen meinst du genau?“ beantwortet.

Nun ja, was soll ich sagen, die Schule ist während des Unterrichts ganz in Ordnung. Ich lerne zwar nicht allzu viel oder nicht das, was mich eigentlich interessiert, aber ich kann es irgendwie als eine Art von Unterhaltung ansehen. Ich kann den Lehrpersonen zuhören und mich so ablenken lassen. Weniger spaßig sind, wie bereits erwähnt, die Pausen. Da diese nur zwanzig Minuten dauern, stellen sie keine große Herausforderung dar. Ich sitze auf der Treppe und schaue „Roboter-Fußball“ mit Menschen. Die Mittagspause, welche wir immer zu Wochenbeginn in der Schule verbringen müssen, bereitet mir erheblich größere Probleme. Anfangs versuchte ich noch, mit anderen in Kontakt zu treten, aber mittlerweile bleibt es bei einem Kopfnicken, welches nicht erwidert wird.

Ich denke immer wieder darüber nach, wieso das alles so ist. Am intensivsten dann, wenn ich alleine auf der Holzbank nahe beim Schulbiotop sitze und dort mein Mittagessen zu mir nehme. Da das Biotop wohl zu uncool für die anderen Jugendlichen ist, kann ich hier problemlos die Bücher, die ich von der Schulbibliothek „ausgeliehen“ habe, lesen. Aktuell lese ich die Heldentaten von Odysseus. Toll, wie er sich durch all diese Widrigkeiten kämpft und stets daran glaubt, sein großes Ziel zu erreichen. Sein Wille gibt auch mir Kraft. Ich fühle mich Zeile für Zeile stärker und gewinne den Glauben an meine eigene Odyssee zurück: Die Abenteuer des kleinen Milos, alleine auf weiter Fahrt, vom glücklichen Kind zum Jugendlichen im Tal der Tränen, hin zum ganz großen Happy End. Schön, dass ich daran glauben kann.

Zum Glück ist heute Mittwoch und ich muss die Mittagspause nicht in der Schule verbringen. Ich verlasse meine Gedankenspiele und widme mich wieder dem Unterricht. Dort zeichne ich die Bäume vom Pausenhof in mein Notizheft und lasse mich von mathematischen Formeln berieseln. Da mich die Begeisterung für Zahlen beim Rest der Klasse noch unerwünschter machen würde, halte ich mich zurück. Stattdessen blicke ich durch das Fenster auf den Schulhof und beobachte gelangweilt das Treiben des Windes in den Blättern der beiden großen Ahornbäume.

Vierzig Minuten später mache ich mich auf den Weg nach Hause. Ich hoffe zutiefst, dass meine Mutter etwas gekocht hat, was mich davon abhält, den Nachmittag zu schwänzen. Ich brauche Motivation, und zwar dringend. Dabei ist es mir egal, ob mein Antrieb durch die feinen, italienischen Teigwaren zurückkehrt oder ob mir die Tomatensauce wieder neuen Anschub gibt. So tief sind meine Ansprüche.

Meine Fertigkeiten im Fälschen von Unterschriften sind bereits weit fortgeschritten. Dadurch kann ich von der Schule fernbleiben, wann immer ich es will. Und ja, ich mache Gebrauch davon, immer öfter. Da die immer weniger werdenden Schultage, an denen ich komplett anwesend bin, nicht mit meinen Leistungen korrelieren, fallen meine Abwesenheiten zu Hause nicht auf. Die Noten bleiben gut bis sehr gut und somit haben meine Eltern keinen Grund, daran etwas anzuzweifeln. Manchmal frage ich mich aber schon, ob ihnen überhaupt etwas auffällt. Wissen sie überhaupt, dass sie einen Sohn haben? An manchen Tagen bezweifle ich es.

Den Weg von der Schule nach Hause lege ich jeweils zu Fuß zurück. Immer, auch bei Regen. Nun ja, du kannst dir ja vorstellen, wieso. Ja genau, weil ich meinen Eltern nicht so wichtig bin, dass sie mir ein Fahrrad finanzieren würden, und weil mich von meinen Mitschülern, die allesamt von ihren Müttern oder den Haushälterinnen der Eltern abgeholt werden, keiner fragt, ob ich mitfahren will. Passt zum Gesamtbild und wirft bei mir immer wieder dieselben Fragen auf. Irgendetwas muss die anderen dazu bewegen, mich in Ruhe zu lassen und nichts von mir wissen zu wollen. Aber was?

Irgendwie verstärkt sich das Gefühl in mir, dass nicht ich der Auslöser für das abstoßende Verhalten bin, sondern etwas anderes. Etwas, was ich nicht beeinflussen kann. Denn komischerweise war dies in der letzten Schule noch vollkommen anders. Dort hatte ich, genauso wie auf dem Hof vor unserem Haus, Freunde, mit denen ich auf dem Pausenplatz spielte. Ich hatte Spaß an der Schule und lernte auch außerhalb der Schule immer wieder neue Leute kennen. Dabei stand ich nicht im Mittelpunkt, aber ich war einer, mit dem man gerne zusammen war.

Vielleicht liegt es daran, dass ich damals in einer Stadt wohnte und jetzt auf dem Land? Vielleicht daran, dass in der Stadt alle sehr offen waren und hier die Leute nur auf sich schauen? Ich weiß es nicht. Es gibt so vieles, was es sein kann. Doch trotzdem kann ich nicht aufhören, darüber nachzudenken.

Zu Hause angekommen, dringt kein Geruch von italienischer Pasta in meine Nase, dafür erfassen meine Augen einen Notizzettel auf dem Esstisch. „Kümmere dich selber ums Essen. Mama ist in der Kanzlei und ich bin bereits wieder im Büro. Papa.“

„Alles klar“, denke ich und esse nochmals Frühstück, aber diesmal anstelle von Mittagessen.

Der restliche Tag verläuft ganz normal. Wie so oft entscheiden meine Mitschüler, dass ich zu keiner Gruppe gehöre, und ich erledige die aufgetragene Gruppenarbeit im Team Milos, bestehend aus mir und meinem Selbstzweifel. Ich beginne mit dem Auftrag und bereue dabei, dass ich meine Fertigkeiten des Unterschriften-Fälschens heute nicht angewendet habe. Zu meiner Überraschung geht die Zeit aber ziemlich schnell voran und die Schule irgendwie vorbei. Somit war der heutige Tag wieder einer wie jeder andere. Trotz eines sehr aufreibenden Traumes, der mir irgendwie nicht aus dem Kopf geht, war alles wie immer. Eher langweiliger Schulunterricht, keine Annäherungen von irgendjemandem und auch keine neuen Erkenntnisse, wieso das so ist. Oder doch?

Kann es sein, dass meine Träume irgendeine Wirkung auf die anderen Schüler haben? Merken diese, dass ich in der Nacht etwas gemacht habe, was nicht so ganz korrekt war? Sehen sie in mir den Jugendlichen, der den Polizisten bedroht hat? Haben sie Angst vor mir, da ich in meiner Rolle im Traum so selbstbewusst und sicher wirke?

Nein, das klingt schon ziemlich abgedreht. Wie sollen die anderen Kinder wissen, was ich träume? Ich rede mit keinem darüber und in der Nähe unseres Hauses steht weit und breit kein anderes Haus. So gibt es auch niemanden, der meine nächtlichen Spaziergänge beobachten könnte. Und wenn schon, es ist ausgeschlossen, dass man einen Jungen, der nachts ums Haus spaziert, mit Träumen, die dem Jungen sein zweites ‚Ich‘ in einem anderen Leben aufzeigen, verbindet.

Ich verdränge diese Gedanken und setze den Heimweg fort. Ich genieße den Wind im Gesicht und fühle mich selber wie Luft, als ich an einer Gruppe Mitschüler vorbeilaufe. Keiner beachtet mich und ich laufe einfach weiter, gerade den Weg entlang, an der Gruppe vorbei. Für solche Situationen habe ich ein einfaches Rezept entwickelt. Ich suche mir jeweils ein Ziel in der Ferne aus und laufe dann, ohne das Ziel aus den Augen zu verlieren, strikt und bestimmend darauf zu. So blende ich aus, was um mich herum passiert, und kann derartige Herausforderungen leichter bewältigen. Zudem fühle ich mich dadurch etwas wohler in meiner Haut, zumindest so wohl, wie man sich in einer solchen Situation fühlen kann.

Wie für diese Momente habe ich für viele Situationen Lösungen entwickelt. Ich kann mich sehr schnell an plötzlich eintreffende Geschehnisse anpassen und dann wie aus einer Werkzeugkiste meine erfolgreichsten Strategien auspacken und anwenden. Falls eine Vorgehensweise funktioniert, wende ich sie weiterhin an. Falls nicht, probiere ich die nächste aus. Ich bin extrem lernwillig und beweise mir dies immer wieder aufs Neue. Im Vergleich zu so vielem anderen bleibt immerhin hier meine Entwicklung nicht stehen.

Zu Hause erzähle ich meinen Eltern von der Begegnung mit der Gruppe von Mitschülern. Diese befinden sich aber beide gedanklich immer noch bei ihrer Arbeit und lassen die Worte ihrer Zuneigung einstudiert und wenig erfrischend wirken. Ich versuche nicht weiter, ein Gespräch in Gang zu bringen, und gehe die Treppe rauf in mein Zimmer. Dort bleibe ich, ausgenommen von einem kurzen Abendessen, für den Rest des Tages.

Kapitel III

Piko

In den letzten Tagen passierte nichts, worüber es etwas zu erzählen gibt. Heute ist Samstag und alle freuen sich aufs Wochenende. Alle? Nein, nur ich nicht. Zwar muss auch ich dann nicht zur Schule, aber das ist auch schon alles. Ich bin sowohl am Samstag und ebenfalls am Sonntag alleine zu Hause und versuche, mich so gut wie möglich mit mir selbst zu beschäftigen.

Da meine Eltern mir nicht das gewünschte Interesse zeigen, habe ich angefangen, mit meinem Kater zu sprechen. Klingt irgendwie seltsam, hat aber viele Vorteile. Mein Kater ist immer da, wenn ich von der Schule nach Hause komme, er erwidert meine Geschichten mit minutenlangem Schnurren und stellt das, was ich sage, nicht infrage. Piko ist sein Name. Diesen habe ich ihm gegeben, als er mir, ziemlich genau ein halbes Jahr, nachdem wir überfallartig von der Stadt hierhin gezogen sind, zugelaufen ist. Auf einmal war er da. Er stand am Straßenrand, als hätte er auf mich gewartet, und lief mir etwas mehr als einen Kilometer lang hinterher. Ich weiß es noch, als wäre es gestern gewesen. Immer wenn ich mich umdrehte und in seine Richtung schaute, drehte auch er sich zur Seite. Dann, wenn ich weiterlief, mal schneller, mal langsamer, passte auch er sein Tempo an. Dies fand ich genauso bewundernswert wie merkwürdig. Aber es war auch viel zu spannend und aufregend, um es nicht weiter zu beobachten. Also ging ich weiter und immer weiter – bis ich bemerkte, dass die Lichter unseres Hauses bereits in Sichtweite vor mir in Erscheinung traten.

Als ich dann schließlich durch die Türe den Weg ins Haus fand, war Piko immer noch da, genauso wie am nächsten und auch am übernächsten Tag. Jeweils am Morgen saß er aufrecht, so als wäre er auf Wache, auf meinem Fenstersims und beobachtete mich. Ob er dies auch in der Nacht tat, weiß ich nicht, denn damals hatte ich noch einen ruhigeren Schlaf.

Auch wenn es nur der Blick war, den mir Piko jeweils morgens durchs Fenster zuwarf, genügte mir das, um ihn in mein Herz zu schließen. Er war so ziemlich der Einzige, der Kontakt mit mir wollte. Ein Gefühl, das ich an diesem Tage schon gar nicht mehr so richtig kannte. So stark hat das letzte halbe Jahr auf mich gewirkt, mich verändert und innerlich kalt gemacht.

Nach kurzer Zeit gewährte ich Piko Zugang zu meinem Zimmer. Kurz bevor ich das Licht im Zimmer löschte und es mir unter der Bettdecke gemütlich machte, öffnete ich das eine Fenster einen Spalt weit. Gerade genügend weit, dass Piko problemlos und ohne Gefahr durchgehen konnte. Als ich dann am nächsten Morgen aufwachte und zum Fenstersims sah, war Piko nicht mehr da. Erst enttäuscht, dann jedoch umso fröhlicher, blickte ich ans Ende meines Bettes. Dort lag Piko, friedlich schnurrend, in sein schwarzes Kleid gehüllt. Sichtlich genoss er die kleine Mulde, die sich zwischen meinen beiden Füßen ergab. Und ich – ich lachte. Erschrocken über mich selber, doch meine Mundwinkel zogen sich tatsächlich nach oben. Ein Gefühl, nach welchem ich lange suchte, dann vergaß und nun als Teil meiner Gefühlswelt wiedererkannte. Piko hat die Einladung angenommen und sich mir angenähert.

Da ich mit großer Sicherheit ausschließen konnte, dass ihnen so etwas auffallen würde, ließ ich meine Eltern im Ungewissen. Wieso sollte ich etwas erzählen, das meine Eltern sowieso nicht interessiert und nur negative Auswirkungen für mich haben könnte? Ich entführte jeweils etwas Milch nach oben in mein Zimmer und achtete bei den warmen Speisen darauf, dass ich immer etwas übrig ließ. Piko dankte es mir und meine Eltern bemerkten gar nichts – auch nicht, dass sich mein Appetit vom einen auf den anderen Tag veränderte.

Zu meinem Nachteil ist aber nicht die gesamte Familie so uninteressiert, was meine Person angeht. So bemerkte die ältere Schwester meiner Mutter Piko, als diese circa einen Monat nach meiner ersten Begegnung mit Piko zusammen mit ihrem zwölfjährigen Sohn übers Wochenende zu Besuch kam. Genauer gesagt, war ihr Sohn, John, der Entdecker. Da unser Haus nicht allzu groß ist und über kein Gästezimmer verfügt, musste John bei mir im Zimmer schlafen. Eigentlich wollte ich Piko ja nicht zu mir nehmen, dieser fand aber in den Morgenstunden trotzdem einen Weg ins Haus und John bemerkte ihn sofort. Meine erst lieb gemeinten und später mit ernstem Blick formulierten Aufforderungen, bitte nichts zu sagen, wurden allesamt missachtet, und John genoss die Aufmerksamkeit, die während des Frühstücks auf ihn gerichtet war. Er verhielt sich wie ein Held und ist mir seit diesem Tag noch unsympathischer, als er mir davor bereits war.

Es war ein riesen Ding. So, als hätte ich ein Monster in meinem Zimmer beherbergt. Als wäre Piko ein Godzilla ähnliches Geschöpf, welches, bei falscher Pflege, das ganze Dorf zerstören würde. Nun ja, ich musste handeln und schickte Piko fort. Mir blieb nichts anderes übrig. Ich wusste ja nicht, was meine Eltern sonst mit ihm angerichtet hätten. So fremd erschienen sie mir in diesem Moment. So wenig Verständnis hatten sie für ihren eigenen Sohn. Als würden sie nicht bemerkt haben, dass Piko der einzige echte Freund war, den ich zu diesem Zeitpunkt hatte.

Na ja, mein Vertrauter war nun auch wieder weg und ich fühlte mich leer. Morgens schaute ich als Erstes immer direkt zu meinen Füßen, aber dort war nichts. Ich fühlte mich in der Schule noch einsamer, da ich nun auch nichts mehr hatte, worauf ich mich auf dem Weg nach Hause freuen konnte. Klar, es war vor dem ersten Treffen mit Piko auch so, aber jetzt fühlte es sich noch schlimmer an. Dieser Rückfall war für mich schwierig zu meistern. Ich begann die Tage zu zählen, die ich ohne Piko verbrachte. Und genau zu diesem Zeitpunkt, als ich vor dem Schlafengehen den dreißigsten Strich in mein Notizheft machte, stand er da.

Piko war zurück. Mein bester Freund war wieder bei mir. Plötzlich und ohne Vorankündigung. So als hätte er etwas zu erledigen gehabt und sich nun entschieden, wieder zurückzukommen. In der ganzen Freude und der Euphorie war ich dennoch erstaunt, dass er seltsamerweise nicht irgendein Zeichen von Enttäuschung zeigte. Er war da und gab mir sofort ein gutes Gefühl. Als würde er wissen, dass ich ihn aus meinem Zimmer verbannen musste. Als kenne er meine Gedanken und merkt, dass auch ich ihn extrem vermisste und Tag für Tag auf ihn wartete. Piko wirkte so menschlich und war mir seit diesem Tag noch näher.

Seit seiner Rückkehr sehen wir uns mehr als vorher. Die Intensität unserer Freundschaft hat zu dieser Zeit ein nächstes Level erreicht und ist dann mit dem Beginn meiner sich so echt anfühlenden Träume nochmals eine Stufe nach oben gesprungen. Piko kommt weiterhin jede Nacht in mein Zimmer. Zudem sehen wir uns nun aber an manchen Tagen auch bereits auf dem Schulweg. Plötzlich erblicke ich ihn und er begleitet mich auf dem Weg nach Hause. Besonders an den für mich schwierigen Tagen erscheint er als mein Weggefährte. Da Piko geräuschlos davonschleichen und sich bei Gefahr beinahe unsichtbar machen kann, ist es ausgeschlossen, dass jemand von unserer Freundschaft erfährt. Zumindest glaube ich ganz fest an diesen Gedanken und hoffe, dass ich mir das nicht nur einbilde.

Da wir seit dem Besuch meiner Tante und ihrem Sohn John keinen Besuch mehr hatten und wohl ihn nächster Zeit auch niemand zu uns nach Hause kommt, ist es für mich keine große Herausforderung, Piko bei mir wohnen zu lassen.

Mein Vater ist ein Einzelkind und seine Eltern sind bereits gestorben, als ich noch sehr jung war. Die Familie meiner Mutter besteht aus ihrer Schwester und deren Sohn. Der Kontakt zu ihren Eltern reduziert sich auf unregelmäßig geführte Telefonate – mehr nicht. Ich kenne also die einen Großeltern gar nicht und die anderen nur von den Gesprächen zwischen ihnen und meiner Mutter, welchen ich gelegentlich lausche. Freunde sind Fehlanzeige, jedenfalls nicht solche Freunde, die zu uns nach Hause kommen. Was meine Eltern sonst so machen, weiß ich nicht. Sie erzählen wenig und wenn wir zusammen etwas unternehmen, sind wir stets nur zu dritt.

Diese Umstände überzeugen mich davon, dass mir die Freundschaft mit Piko niemand mehr nehmen kann. Piko gibt mir die Kraft und die Nähe, die ich sonst von keinem kriege. Ja, ich weiß, er ist ein Kater, aber mit Abstand das Lebewesen, das ich am meisten vermissen würde, wenn ich nicht mehr hier wäre. Wären Tiere gute Tanzpartner, würde ich wohl mit Piko zum Abschlussball gehen – eine witzige Vorstellung, denke ich mir und merke, wie sich meine Augen schließen. Unbemerkt ist dieser Tag an mir vorbeigestrichen. Ich lege mich aufs Bett und versinke immer tiefer in meine Träume.

Kapitel IV

Fremd

„Wieso machst du das? Was habe ich dir angetan? Wieso genau ich? Ich bin doch ein einfacher Mann, führe ein einfaches Leben, tue keiner Fliege etwas zuleide und achte gut auf Frau und Kind? Wieso hast du es auf mich abgesehen? Ich verspreche dir, ich weiß von nichts und kann dir weder schaden noch habe ich etwas gegen dich in der Hand. Bitte, ich flehe dich an, lass mich laufen. Lass mich zurück ins Revier gehen und so tun, als wäre das alles nicht passiert.“

Ich sehe ihn vor mir. Meine Hände zotteln an seiner Jacke. Wieder ist er es, das Narbengesicht mit blondem Haar. Er wirkt völlig unschuldig, aber trotzdem glaube ich ihm nicht. Ich höre seine Worte, aber verspüre einen Drang, ihn weiterzuquälen. Ich schaue meinen Kollegen an, sehe aber nur zwei funkelnde Augen in einem vermummten Umriss – die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Er wird mir nicht helfen können. Ich muss es alleine entscheiden. Aber was kann er mir sagen? Hat er die Informationen, die ich brauche, oder sind wir auf der falschen Fährte. Egal, ich ziehe es durch. Wie von einer unsichtbaren Hand getrieben, schlage ich ihm zuerst wuchtig in den Magen und danach noch zweimal in die linke Seite. Er liegt am Boden, außer Atem. Er weiß nicht, wie er sich noch retten soll, und fleht mich weiter an.

„Ich kann dir keine Informationen liefern, denn ich weiß nichts. Ich weiß nicht, wer ihr seid und wieso ihr das macht, aber ihr habt den Falschen. Ich bin nicht der, den ihr sucht. Du kannst mich so oft schlagen, wie du willst. Ich kann dir nichts sagen, weil ich nichts weiß. Bitte, lass mich laufen. Niemand wird von dieser Geschichte erfahren. Ich verspreche es dir.“

Als hätte ich bemerkt, dass der in die Jahre gekommene Mann recht hat, stagnieren meine Bemühungen. Meine Hand schlägt erneut zweimal zu, dieses Mal direkt in sein Gesicht. Ich sehe, wie das Blut aus seinen Wunden spritzt, und bemerke zugleich, dass auch ich an Energie verliere. Ich werde müde und verliere die Überzeugung, dass wir an die Informationen kommen, die wir suchen. Ich merke, wie die Kraft aus meinen Gliedern schwindet, und begreife, dass wir einen Unschuldigen geschnappt haben. Dann erinnere ich mich an den Kodex, der uns in der Ausbildung eingefleischt wurde. Ihr dürft keine Spuren hinterlassen. So als hätte ich keine andere Wahl, greife ich mir die Pistole, welche ich in meinem Gurt befestigt habe, und richte sie direkt auf den Polizisten.

„Was machst du da? Er hat Familie und Kinder. Er ist unschuldig und du weißt das. Wir haben uns geirrt. Lass ihn. Er sagt nichts. Er hat viel zu viel Angst vor uns und vor dem, was passiert, wenn er etwas über diese Begegnung erzählt. Schlag ihm nochmals ins Gesicht und lass ihn schlafen. Aber bitte so, dass er morgen in der Früh wieder aufwacht. Du willst ihn doch nicht töten. Stell dir vor, was das für dich bedeutet. Willst du wirklich ein Mörder sein? Willst du etwas machen, was dich unweigerlich verändern wird und dich niemals mehr vergessen lässt? Willst du diesen einen Schritt machen, den es nicht mehr rückgängig zu machen gibt?“

Die Pistole immer noch auf das mittlerweile mit Blut befleckte Gesicht gerichtet, fühle ich mich wie in einem Tunnel. Die Worte meines Kollegen erscheinen mir nur noch wie ein dumpfes Getuschel. Ich nehme sie nicht mehr wahr. Sehe nur noch das Weichei vor mir knien und blicke auf die Pistole, die das Einzige ist, was zwischen mir und ihm steht. Das Bild wird immer größer und mein Finger am Abdruck beginnt zu zittern. Auf einmal verschwindet auch der Polizist vor meinen Augen und ich sehe nur noch den zitternden Finger. Alles ist schwarz um mich herum. Ich weiß nicht mehr, wo ich bin und wieso ich das überhaupt mache. Ich versuche, mich zu fokussieren, aber es gelingt mir nicht. Ich beginne zu schweben und verliere den Halt unter meinen Füßen.

„Hör endlich auf mit diesem Unsinn. Lass uns verschwinden. Jetzt. Scheiße noch mal, was ist nur mit dir los?“

Plötzlich, wie von Geisterhand geführt, gewinne ich den Fokus zurück. Ich sehe mich wieder in der Situation und weiß genau, was ich tun muss. Ich schaue noch kurz auf die eine Narbe, die im Mondschein besonders zur Geltung kommt, und drücke ab.

„Nein, verdammt, was hast du getan?!“, höre ich meinen Kollegen schreien. Und ich, völlig ruhig und klar, schaue ihn an und weise ihn darauf hin, dass der Polizist mein Gesicht gesehen hat und ich dieses Risiko nicht eingehen konnte. Die gesamte Mission würde dadurch in Gefahr geraten und wenn ich es nicht gemacht hätte, würde es ein anderer tun.