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Minnas Buch, Wilhelmines Geschichte, spielt in der Zeit zwischen 1920 und 1925 in einem kleinen Dorf in Ostpreußen. Wilhelmine wächst als behütete Tochter auf einem Gutshof in Ostpreußen auf und soll endlich heiraten, damit sie den Hof übernehmen kann. Stattdessen wird sie schwanger und das natürlich völlig unpassend. Wilhelmine sieht keinen Ausweg aus ihrer Situation. Der Besuch bei einem Arzt in Neidenburg endet in einem Desaster. Bis zur Geburt ihres Kindes soll Wilhelmine schließlich in Elbing in einem Kinderheim arbeiten. Doch sie hat riesiges Heimweh. Die Familie findet schließlich einen Ehemann für Wilhelmine, der das Gut verwalten kann. Brautwerbung und Hochzeit finden nach alten ostpreußischen Traditionen statt. Doch die Ehe hält nur bis zum Beginn des Dritten Reichs, Hitlers Machtübernahme. Als Wilhelmine vierzig Jahre alt ist, hat der Krieg bereits begonnen. Mit Hilfe ihrer polnischen Landarbeiter und dem treuen Kriegsgefangenen Leszek, der ihr zugewiesen ist, verwaltet sie das Gut alleine. Doch dann kommen die Einschläge der Kriegshandlungen näher. Die ersten Fluchtvorbereitungen finden statt. Wilhelmines Cousine nimmt Erika und Christel mit in den Westen. Wilhelmine erlebt das Ende des Krieges nicht. Minna ist die Schildkröte in Wilhelmines Leben und ihre engste Vertraute. Sie ist weise, wie Schildkröten nun einmal sind und weiß mehr als die Menschen ahnen. Sie sieht die Dinge aus ihrer ganz anderen Perspektive und ist manchmal wunderbar pragmatisch. 2016 sitzen Josefine und Tom am Küchentisch und machen sich Gedanken über die aktuelle politische Lage. Und auch bei Josefine und Tom gibt es eine Minna. Sie lebt, anders als ihre Namensschwester vor fast 100 Jahren in einem Terrarium.
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Seitenzahl: 474
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Titelseite
Copyright
Widmung
Vorwort
Die Personen
CHAPTER EINS 1920
CHAPTER ZWEI 2016
CHAPTER DREI 1922
Auf den Wiesen
CHAPTER VIER 2016
CHAPTER FÜNF 1922
Alte Jungfer
Kleine Mädchen tragen Prinzessinnenkleider
Wie im Modemagazin
Das Fest
CHAPTER SECHS 2016
CHAPTER SIEBEN 1922
Es ist nichts
Von Juri
Ich geh.
Sterben
Ehrlich
Plan B
Ausweg
Nicht interessiert
Nicht überzeugend
Befördert
Wie geht es dir?
Du packst?
Juri und Magda
Ich hab dich vermisst
November
Ankunft in Elbing
Die Wasserträgerin
Heimweh
Weihnachten
CHAPTER ACHT 1923
Helene
CHAPTER NEUN 1925
1925
CHAPTER ZEHN 1928
CHAPTER ELF 2016
CHAPTER ZWÖLF 1933
CHAPTER DREIZEHN 2016
CHAPTER VIERZEHN 1933
CHAPTER FÜNFZEHN 2016
CHAPTER SECHZEHN 1934
CHAPTER SIEBZEHN 1936
CHAPTER ACHTZEHN 1936
Weise
Abschied
CHAPTER NEUNZEHN 2016
CHAPTER ZWANZIG 1939
Sind da etwa Juden?
In die Skottau gefallen
CHAPTER EINUNDZWANZIG 2017
CHAPTER ZWEIUNDZWANZIG 1940
Erntefest
Wozu sind Kriege da?
CHAPTER DREIUNDZWANZIG 2016
CHAPTER VIERUNDZWANZIG 1944
Abreise
CHAPTER FÜNFUNDZWANZIG 1945
Die Russen kommen
Im Osten geht die Sonne auf
Danksagung
Mein Elternhaus stand in einem kleinen Dorf in Schleswig-Holstein, etwa zehn Kilometer von der Ostsee entfernt. Zwei Kilometer waren es bis zum Selenter See.
Der Ort “Sophienhof” bestand aus einem alten Gutshof in der Mitte und ein wenig abseits den drei Siedlungshäusern, die den Flüchtlingen nach dem Zweiten Weltkrieg angeboten worden waren. Hier gab es jeweils drei kleine Zimmer mit etwa zwölf Quadratmeter, Dachboden und Waschküche. Im Stall war Platz für eine Kuh und ein Schwein. Dahinter ging es in die Tenne und auf den Heuboden. Hier stand auch das Plumpsklo.
Sieben Morgen Land wurde den Siedlern zur Verfügung gestellt, damit sie sich selbst versorgen konnten. Die Wiesen waren Weide. Hier wurde Heu geerntet. Auf dem Acker baute man Getreide an. Eine Hecke begrenzte das Grundstück zur Straße hin und direkt am Haus standen Apfelbäume und ein kleiner Gemüsegarten gab her, was man zum Leben brauchte.
Eins von diesen Siedlungshäusern war meinem Großvater Gustav Zabienski zugewiesen worden.
Er hatte sich um die Siedlungsstelle beworben, weil er seinen Kindern hier ein Zuhause, eine Zuflucht geben wollte.
Nach dem Tod meines Großvaters wohnten wir hier: Mein Vater, meine Mutter, Siegfried, der Bruder meiner Mutter, und ich. Die ältere Schwester meiner Mutter, Tante Elli, war lange unverheiratet. Sie kam, wann immer sie konnte, um ihre Füße unter unseren Tisch zu stellen. Hier war ihr Zuhause.
Weihnachten feierte die ganze Familie meiner Mutter gemeinsam bei uns. Siegfried und Tante Elli waren schon Heiligabend da, Tante Lene und Tante Christel kamen am Ersten Feiertag zum Mittagessen.
Im Norden wird es früh dunkel und Heiligabend wurden die Kerzen spätestens zum Kaffee angezündet. Es duftete nach Plätzchen, die Dämmerung zog auf, draußen war es still. Weihnachten. Die Erinnerung meiner Familie an Winter und Weihnachtsfeiertage in Ostpreußen wurden wach. Und dann gab es Geschichten. Geschichten aus Klein Koslau, aus der Kindheit meiner Mutter, Geschichten von meiner Großmutter und die Geschichten, die meine Urgroßmutter schon ihren Enkeltöchtern erzählt hat.
Aus diesen Geschichten ist die Idee zu diesem Buch entstanden.
Im Teil I der Trilogie geht es vor allem um Liebe.
Regina Störk
Minna - eine ganz besondere Schildkröte
Wilhelmine - neben Minna die wichtigste Person in der Geschichte und meine Großmutter
Guste und Heinrich Lonzewski - Wilhelmines Eltern. Vielleicht hießen sie so. Vielleicht aber auch nicht.
Herbert von Herwaden - Der Sohn des Verwalters auf dem Koseler Rittergut. In der Geschichte ist es Lonzewskis Wunschschwiegersohn für Wilhelmine. In Wirklichkeit lebte er erst ein paar Jahre später und sollte später mit Wilhelmines Tochter Christel verheiratet werden.
Juri - die große Liebe meiner Großmutter und Mutter meiner Patentante Helene. Seinen Namen weiß wohl niemand mehr.
Magda - in meiner Geschichte ist sie die beste Freundin von Wilhelmine. Tatsächlich war meine Mutter mit einer Magda befreundet. Und diese Magda wohnte tatsächlich im Zollwärterhäuschen.
Josefine - bin ich aus Minnas Perspektive. Sonst bin ich auch schon mal einfach “ich”.
Tom - Josefines Mann
Tim - Sohn von Josefine und Tom
Ein paar Figuren am Rande wie Ärzte und Nachbarn die auch völlig frei erfunden sind, aber irgendwie nötig waren.
Und dann gibt es noch
CHAPTER EINS
1920
Schildkröten schlüpfen sonntags.
Von ferne hörte man Kirchenglocken. Die Sonne schien, es war heiß und Minna wollte raus.
Raus aus ihrem inzwischen ziemlich eng gewordenen Ei.
Sie wollte ihre Beinchen ausstrecken, den Hals recken, gucken, was es da draußen in der Welt zu fressen gab, wie Sonne sich anfühlte, wenn sie auf den Panzer schien, ohne dass eine Eierschale dazwischen ist. Sie wollte Wasser sehen, erleben.
Minna klopfte an die Eierschale. Einfach war das nicht. Schließlich konnte sie sich in ihrer kleinen engen Welt kaum noch bewegen.
Und dann riss die Schale über ihrem Kopf.
Minna bekam einen riesigen Schrecken und zog ihren Kopf so schnell sie konnte in ihren sicheren Panzer.
Weil so für die ganze Schildkröte unter ihrem Panzer kein Platz war, rutschte das Schwänzlein hinten ein Stück heraus.
Minna war aufgeregt. Das Schwänzchen wackelte und plötzlich knackte es auch hinter ihr.
Das Köpfchen schoss wieder vor und dann fiel das Ei auseinander.
Minna reckte sich, hob das rechte Bein, das linke. Sie stand auf drei Beinen. Dann auf vier. Mit ihrem Schwanz hielt sie das Gleichgewicht. Minna drehte ihren Kopf langsam nach hinten, um zu sehen, was da an ihrem Körper wackelte.
Weil sie eine europäische Sumpfschildkröte war, machte Minna sich auf den Weg zur Skottau, dem nächsten Fluss, den sie von ihrer Geburtsstätte aus erreichen konnte.
CHAPTER ZWEI
2016
“Ich will einen Hut”.Tina guckte ihre Mutter trotzig an.
Nicht mein Kind.
Nicht meine Sache.
Mich geht das diesmal nichts an.
Mein Sohn ist erwachsen.
Früher hätte ich…
Nein hätte ich nicht.
Wenn Jan einen Hut gewollt hätte, hätte er einen bekommen.
Ich war mit meiner Nichte Petra und ihren Töchtern Madeleine und Tina in Tübingen. Ich hatte versprochen, den Nachmittag mit den beiden Mädchen zu verbringen und vorgeschlagen, mit ihnen Stocherkahn fahren zu gehen. Ohne Eltern.
Jetzt war ich froh, dass Petra dabei war.
Ich konnte mich entspannt auf dem Kahn zurück lehnen.
Die Sonne schien, es war Sommer, der Neckar plätscherte friedlich vor sich hin. Der Stocherkahnfahrer erzählte von Hölderlin und Hesse, die beide in Tübingen gelebt hatten, erzählte von den studentischen Burschenschaften und zeigte Häuser.
Ich guckte mir die Menschen an, die auf dem Boot saßen und beobachtete die Spaziergänger auf der Neckarinsel.
Zwei Hunde balgten sich.
Manche Spaziergänger hatten eine dunkle Hautfarbe. Dunkle Haare. Vollbart. Woher wussten die Leute bloß immer, dass es Flüchtlinge waren, wenn sie nordafrikanisch aussehende Menschen sahen? Manche Menschen hatten einen olivfarbenen Teint. Ja und? Ich dachte an Bijan. An Daniel. Die Söhne meiner Freundin. Der Vater ist Perser. Die Jungs sind in Jans Alter. Sie waren zusammen im Kindergarten, in der Schule. Inzwischen studieren sie. Flüchtlinge, Asylanten oder einfach nur Menschen, die eine dunkle Hautfarbe haben?Ich erkannte den Unterschied nie.
“Wieso kriegt Tina schon wieder was und ich nicht?”Julia war sauer.
Das Zanken der Mädchen riss mich aus meinen Gedanken.
Einen Hut.
Ich glaube, ich hätte auch gern einen Hut.
So einen mit einer breiten Krempe aus Stroh.
Mit flatternden Bändern. Der zu meinem bunten Sommerkleid passt.
Ich dachte an meine Tante Christel.
Eine Frau geht nicht ohne Hut.Sie hat mir oft von ihrer Mutter erzählt, von meiner Großmutter Wilhelmine.
Der Hut sei ihr wichtig gewesen, hatte sie erzählt. Überhaupt hätte sie sehr auf ihr Äußeres geachtet. Eine schöne, eine vornehme Frau sei sie gewesen. So hatte auch meine Mutter sie beschrieben. Ganz Dame. Ganz Gutsherrin. Sie habe gewusst, was sie ihrem Stand, ihrem Ansehen schuldig gewesen war. Und dazu habe eben auch der Hut gehört, ohne den sie niemals das Haus verlassen hätte.
Ich hatte meine Großmutter leider nie kennen gelernt. Sie war lange vor meiner Geburt gestorben.
Wie, darüber hatte meine Mutter geschwiegen.
Tante Christel hatte manchmal Andeutungen gemacht und ich hatte mich nie getraut, nachzufragen.
Ich hatte Angst, alte Wunden aufzureißen. Vielleicht wusste Tante Christel es aber auch nicht so genau. Als sie Ostpreußen verlassen hatte, lebte meine Großmutter noch.
“Kriegen wir ein Eis?”
Eine kleine klebrige Kinderhand schob sich in meine. Ich fand es ein bisschen unangenehm, aber ich ließ sie nicht los. Wer weiß, warum Tina manchmal so zickig war. Vielleicht wünschte sie sich einfach, dass man sie lieb hatte. Wie alle anderen Kinder auch. Jedes Kind hat es verdient, geliebt zu werden. Was macht da schon so ein verschwitztes klebriges Händchen.
Die Mädchen zankten. Das taten sie oft. Die Mutter versuchte jedes Mal zu schlichten. Es gab Eis für alle. Tina wollte immer noch einen Hut. Ihre Hände schienen inzwischen fast noch ein bisschen klebriger als vorher geworden zu sein. Zielstrebig steuerten die Mädchen auf ein Geschäft zu, von dem sie sicher waren, dass es da Hüte gab.
Tina war 12, Julia 14 Jahre alt. Tina, das kleine Hütesuchgerät fand die Hutabteilung auf Anhieb. Sie konnte aufsetzen, was sie wollte. Auf ihrem Kopf waren alle Hüte hübsch. Auf meinem nicht. Das Hutgesicht hatte ich nicht von meiner Großmutter geerbt. Wenn man es genau nahm, war ich auch weder elegant, noch legte ich besonders viel Wert auf mein Äußeres. Aber auf einen Sommerhut hatte ich trotzdem Lust.
CHAPTER DREI
1922
Wilhelmine saß vor dem Waschtisch in ihrem Schlafzimmer. Der neue Hut passte hervorragend zu ihren blonden Locken.
Sie hielt den kleinen Handspiegel so geschickt, dass sie ihr Aussehen von allen Seiten gut überprüfen konnte.
Wilhelmine fand sich hübsch.
Sie zupfte noch etwas an der Locke, die sich vorwitzig unter dem Hut hervorgewagt hatte. Ihre sonst eher glatten blonden Haare hatte sie mit einer Brennschere bearbeitet, so dass sie nun in weichen Wellen ihr Gesicht umspielten. Das Ergebnis gefiel ihr.
Der Hut hatte eine breite Krempe. Genau so, wie sie es erst neulich in einem Magazin gesehen hatte. Das Schleifenband war aus Seide.
Ich mag den neuen Hut, dachte Wilhelmine.
Und mich.
“Wilhelmine, kommst du?”, rief die Mutter inzwischen von unten. “Magda ist hier, um dich abzuholen.”
Ein Blick noch in den Spiegel und Wilhelmine lief die Treppen hinunter zu ihrer Freundin.
Die Freundin war ein bisschen jünger als Wilhelmine. Ein bisschen kleiner, ein bisschen runder. Magda war unkompliziert. Sie lachte gern und viel. Ihre Fröhlichkeit war ansteckend. Niemand konnte in ihrer Gegenwart lange ernst bleiben. Kein Wunder, dass Männer sie umschwärmten wie Motten das Licht. Aber genau wie Wilhelmine hatte sie überhaupt noch keine Lust, sich schon zu binden. “Der Richtige ist mir eben noch nicht begegnet”, zuckte sie mit den Schultern, wenn sie jemand fragte, warum sie denn immer noch nicht verheiratet war.
“Ich hab doch noch so viel Zeit”, lachte sie dann.
Wilhelmine fand, dass sie mindestens genau so viel Zeit hatte wie die Freundin.
Ihre Eltern fanden das nicht.
Ständig lagen sie ihr mit irgendwelchen guten Partien in den Ohren.
Aber Wilhelmine wollte nicht.
Heute sollte der Maibaum an der Linde beim Gasthof aufgestellt und mit bunten Bändern geschmückt werden. Alle jungen Burschen im heiratsfähigen Alter würden da sein. Genau so wie die Mädchen aus dem Ort, die das Angebot in Augenschein nahmen und vielleicht schon mal ein Auge riskieren, ein bisschen flirten und Charme und Chancen an dem Mann ihrer Wahl ausprobieren würden.
Wilhelmine und Magda hatten sich eingehakt und liefen über die Wiesen entlang der Skottau in Richtung Dorfplatz.
“Psst - guck mal”, sagte Magda, legte den Zeigefinger vor den Mund und ging vorsichtig in die Hocke.
“Was denn?”, fragte Wilhelmine.
“Psst!”, sagte Magda noch einmal und zeigte mit dem Finger zum Ufer des kleinen Flüsschens, wo das Wasser ganz leise plätschernd über ein paar Steine hüpfte.
“Ich sehe nichts”, sagte Wilhelmine, während sie mit ihren Augen das Ufer absuchte.
“Oh…”, rief sie dann plötzlich aus und schlug sich mit der Hand vor den Mund.
“Hast du gewusst, dass es bei uns Schildkröten gibt?”, fragte Magda.
“Ja klar, die europäische Sumpfschildkröte. Sie leben überall da, wo Störche zu Hause sind. Sie mögen trockene, sandige und sonnige Stellen und lieben Böschungen, Hänge und Waldränder, die nach Süden ausgerichtet sind, und davon haben wir hier eine Menge. Und Störche gibt es schließlich auch.”
“Streberin!”, lachte Magda. “Aber guck mal, die sieht aus, als würde sie uns beobachten.”
Die kleine Schildkröte hob das rechte Beinchen, hielt es in der Luft, so dass es in Richtung Linde zeigte, und ließ den Blick nicht von den beiden Mädels. “Ja, ich finde auch, sie starrt uns an”, stimmte Wilhelmine der Freundin zu. “Sie sieht aus, als wollte sie uns zeigen, in welche Richtung wir gehen sollen. Guck mal, das Beinchen.”“Die ist klug! Sie zeigt in Richtung Dorflinde. Da wollen wir doch auch hin.”
“Vielleicht will sie uns aber auch etwas ganz anderes sagen.” Wilhelmine hatte das Gefühl, dass es um mehr als nur um das Fest an der Dorflinde ging. “Schade, dass wir nicht wissen, was in ihrem kleinen Köpfchen vorgeht”, bedauerte Magda. “Schildkröten sind weise. Sie hätte uns bestimmt sagen können, wen wir am Maibaum treffen.”
Ja, könnte ich, dachte die kleine Schildkröte. Aber selbst, wenn ich sprechen könnte - warum sollte ich das tun? Das seht ihr doch in ein paar Minuten selbst.
Das Tier nahm den Fuß herunter und stand wieder auf allen vier Beinen.
Sie hätte gern mit den Mädels geredet. Aber sie wusste auch, dass man letztendlich das Schicksal doch nicht kontrollieren konnte. Selbst wenn man wusste, was passierte.
Manchmal wünschte sie sich, sie wüsste weniger.
Wenn sie gekonnt hätte, hätte sie jetzt geseufzt. So drehte sie sich nur um und ließ sich ins Wasser gleiten.
Die Luft war lau, weich und warm. Obwohl es erst der 1. Mai war, fühlte es sich wie Sommer an. Die Kinder sprangen barfuß um den Maibaum herum und versuchten ein paar Süßigkeiten zu ergattern, die von den Erwachsenen immer wieder in die Menge geworfen wurden.
In den Bäumen und Büschen hörte man Vögel zwitschern. Darunter junge Leute lachen. Die Alten im Dorf saßen vor ihren Bierkrügen und freuten sich an dem Anblick der hübschen Mädchen in luftigen Sommerkleidern, die sich in kleinen Gruppen anmutig bewegten und den Jünglingen schöne Augen machten.
“Guck mal, ist das nicht Juri?”Wilhelmine deutete auf einen schmucken jungen Soldaten in polnischer Uniform: “Den hab ich ja schon ewig nicht mehr gesehen.”
Magda sah ihre Freundin von der Seite an. Wilhelmines Augen leuchteten, die Wangen waren leicht gerötet.
“Ja”, sagte Magda nur und schluckte. Ihr Herz schlug schneller, als sie den Sohn der Landarbeiterfamilie sah, mit dem sie gespielt hatten, als sie noch Kinder waren.
“Juri!”, rief Magda, machte sich so groß, wie es mit ihrer Höhe von knapp einem Meter und fünfzig Zentimetern überhaupt möglich war, und ruderte mit den Armen ganz oben in der Luft.
Magdas hüpfende Gestalt zu übersehen war nicht möglich. Juri grinste, winkte zurück, schnappte sich drei Gläser mit Maibowle und lief über den Platz auf die beiden Mädchen zu, die immer noch am Rande des Geschehens standen und das Ganze zunächst auf sich wirken zu lassen schienen.
Er lachte.
Dabei wurden zwei verschmitzte Grübchen in den Mundwinkeln sichtbar.
“Wie schön, euch zu sehen”, rief er gewinnend, überreichte jedem der Mädels ein Glas Bowle und machte eine leichte Verbeugung.
“Wo hast du gesteckt?”, fragte Magda strahlend, drückte ihrer Freundin das Glas in die Hand und fiel Juri übermütig mit einem Jauchzer um den Hals.
“Langsam, langsam …”, lachte Juri, machte sich vorsichtig los und stellte das Mädchen zurück auf seine Füße.
“Wonach sieht es denn aus? Wo könnte ich gewesen sein?” Er stellte sich in Pose. So, dass die Dienstkleidung richtig zur Geltung kam, die ein Soldat auch in seiner Freizeit zu tragen hatte. Er war stolz darauf, zur Streitmacht seines Volkes zu gehören. Doch im Grunde war er sicher, dass die Mädchen kaum wussten, was es bedeutete, eine Uniform zu tragen.
“Schmuck siehst du aus.” Magda betrachtete den Helden ihrer Kindheit anerkennend von oben bis unten.
Sie dachte nach.
“Wahrscheinlich warst du in Warschau”, überlegte sie. “Fürs Vaterland? Also für dein Vaterland? Deine Uniform sieht sehr … wie soll ich sagen? Auf jeden Fall ist sie beeindruckend. Also sie sieht sehr … mmh … respekteinflößend aus.”
“Aber offenbar nicht sehr einschüchternd. Sie hat dich nicht davon abgehalten, mir um den Hals zu fallen”, lachte Juri.
“Denk an deine Ehre”, flüsterte er dann augenzwinkernd und lies seine sonst sanfte Stimme so sonor klingen, dass man den erhobenen Zeigefinger buchstäblich hören konnte.Dann grinste er schon wieder.
“Nein, in Warschau war ich nicht.” Er schüttelte den Kopf.
“Ich war unterwegs, um mein Volk zu schützen”, fügte er dann ernsthafter hinzu. Er überlegte kurz, ob es Sinn machte, den Mädchen etwas von der politischen Situation und vom Krieg zu erzählen. Polen hatte erreicht, dass es seit 1918 endlich unabhängig war. Weitestgehend jedenfalls. Dafür hatten er und seine Kameraden gekämpft.
In Koslau hatte man möglicherweise kaum etwas von diesem Krieg gemerkt, der in Europa begonnen und sich schließlich über die ganze Welt ausgebreitet hatte, vermutete Juri. Zumindest nicht, wenn man als junges Mädchen behütet aufgewachsen war. Die Landwirtschaft warf genug ab, dass Wilhelmine und alle, die mit ihr auf dem Gut lebten, genügend zu essen hatten. Und auch im Zollwärterhäuschen herrschte sicherlich kein Mangel.
Es hatte nicht viele Männer zu der Zeit in Koslau gegeben. Die Arbeiten auf den Feldern wurde von den Frauen erledigt. Inzwischen waren die meisten Männer aber wieder da.
Und ganz eindeutig freuten sich die Menschen über jeden, der nun wieder aus dem Krieg zurückgekehrt war. Manche waren unversehrt, manche mit Verletzungen heimgekehrt, die man sah. Manche Männer hatten aber auch solche Wunden davongetragen, die nach außen zwar nicht sichtbar waren, aber trotzdem tiefe Spuren hinterlassen hatten.
Juri schaute sich um. Alle hatten ihren Sonntagsstaat angezogen und saßen mit ihren Familien an Tischen, die der Wirt des Gasthofs in Klein Koslau mit seinen Leuten auf dem Dorfplatz aufgestellt hatte. Die Feuerwehrkapelle packte die Instrumente auf einer improvisierten Bühne aus. Sie sollte später zum Tanz aufspielen. An einem Getränkewagen wurde Maibowle angeboten. Die Frauen aus dem Dorf hatten Kuchen und Brot gebacken und bewirteten ihre Nachbarn.
Auch bei Lonzewskis war in den vergangenen Tagen eifrig gebacken worden. Die Mädchen, die Wilhelmines Mutter sonst im Haushalt zur Hand gingen, waren angewiesen worden, die Gäste zu bedienen, Speisen aufzutragen, Geschirr aufzutragen, abzuräumen und abzuwaschen. Sie waren die guten Seelen im Hintergrund. Es schien ihnen Spaß zu machen, hier unter den Leuten zu sein.
Wilhelmine verdrehte die Augen. “Juri ist Soldat. Das siehst du doch. Er war im Krieg”, ein kleines bisschen sah sie auf ihre Freundin herab, die so gar nichts von Geschichte und Politik zu wissen schien.“Für die Polen ging es in diesem Krieg darum, einen Platz für ihr Volk zu finden”, dozierte sie vielleicht ein bisschen schulmeisterhaft. Sie war stolz auf ihr Wissen und wollte einen guten Eindruck auf Juri machen. “Sie suchten nach einen Platz, an dem sie sicher waren, einen Platz zum Leben. Und sie wünschten sich irgendwo einen Zugang zum Meer.”
Juri sollte merken, dass sie viel klüger war als Magda. Sie konnte nicht verhindern, dass sich eine leichte Röte bei ihren Worten langsam vom Hals nach oben über ihre Wangen bis an den Haaransatz ausbreitete.
Juri war tatsächlich beeindruckt. “Das stimmt”, sagte er anerkennend. “Ich bin erstaunt darüber, was in deinem hübschen Köpfchen steckt. Woher weißt du das alles?”“Na ja …” Wilhelmine schaute zu Boden. “Man erfährt viel, wenn man zuhört, genau hinhört, was auf den Feldern und in unserer Küche gesprochen wird.” Nun wurde sie noch ein bisschen röter. Wenn das überhaupt möglich war. “Und manchmal lässt der Vater seine Zeitung nach dem Frühstück auf dem Tisch liegen.” Juris Lob machte sie verlegen.
“Aber Krieg ist nie schön”, sagte sie leise. “Für niemanden. Egal, welche Gründe es dafür geben mag.”
Sie ist so zart, dachte Juri, so klug. Und sie ist mitfühlend. Er hatte das Bedürfnis, sie zu berühren, doch er behielt seine Hände bei sich.
“Ja, da hast du wohl recht”, antwortete er stattdessen und dachte an all das Leid, das er gesehen hatte, während er für sein Volk gekämpft hatte. Er dachte an die entsetzten weit aufgerissenen Augen seines Kameraden, dem eine Kugel den Stahlhelm durchbohrt hatte, als der direkt neben ihm gestanden hatte. Sein Freund war in seinen Armen gestorben. Er dachte an die Tränen dessen Mutter, als er ihr die Nachricht vom Tod ihres Sohnes überbringen musste. Er hatte Familien getroffen, die monatelang nichts von ihren Angehörigen gehört und versucht hatten, irgendwie weiter zu leben, hatte Verletzte wimmern gehört, Menschen leiden, Kinder hungern gesehen. Und manchmal hatte er gegen Soldaten kämpfen müssen, die polnisch gesprochen hatten wie er. Die aufgrund der Teilungen Ende des 18. Jahrhunderts nun für Österreich-Ungarn oder Russland in den Krieg ziehen mussten oder als Freiwillige für Frankreich und Amerika zu den Waffen gegriffen hatten.
Juri sah sich um. Die Menschen um ihn herum wirkten unbeschwert, lachten. Sein Blick fiel auf eine Gruppe junger Leute. Die Mädchen sittsam lächelnd tuschelten mit ihren Freundinnen, während sie den jungen Männern, die vielleicht gerade mal so alt waren wie seine jüngeren Brüder, immer wieder kokette Blicke zuwarfen. Die Jünglinge redeten derweil mit Händen und Füßen und achteten darauf, dass die Mädchen auch jede ihrer Bewegungen wahrnahmen. Es war ganz offensichtlich Frühling. Nicht nur in der Luft, sondern auch in den Köpfen der Dorfbewohner. Der Krieg schien hier keine Spuren hinterlassen zu haben.
“Man hätte die Konflikte anders lösen können”, sagte er dann aus seinen trüben Gedanken heraus.
“Hätte euer Kaiser Herrn von Bismarck nicht gehen lassen, wäre sicherlich einiges anders gelaufen. Dass Wilhelm II dann beschlossen hatte, selber zu regieren, war keine gute Idee.”“Was ist schlecht daran, wenn ein Kaiser regiert?” Wilhelmine zog fragend die Augenbrauen hoch. “Als Bismarck gegangen war, hatte Kaiser Wilhelm uns ein besseres Leben versprochen. ‘Ich werde euch herrlichen Zeiten entgegen führen’, soll er gesagt haben.”
“Das hat er aber nicht gekonnt”, erklärte Juri. “Er hatte doch überhaupt keine Vorstellung davon, was es heißt, einen Staat zu führen. Er hat sich nichts sagen lassen, war ein anmaßender selbstsüchtiger Prahlhans, der so tat, als wüsste er alles. Dabei hatte er keine Ahnung von den Zusammenhängen. Von Diplomatie ganz zu schweigen. Das lag ihm überhaupt nicht.”
Wilhelmine schwieg beeindruckt. Sie hatte in der Schule gelernt, dass Bismarck 1890 seinen Abschied genommen hatte. Von den Hintergründen wusste sie nichts. Er soll nicht das beste Verhältnis zu seinem Kaiser gehabt haben, hatte sie mal irgendwo aufgeschnappt. Aber eigentlich war es nicht mehr wichtig.
“Es ist vorbei”, sagte sie leise. “Der Krieg ist zu Ende. Ihr habt euren unabhängigen Staat und wir können weiterhin in Frieden zusammen leben.” Sie schaute Juri an.
“So wie früher”, setzte sie hinzu und schaute zu Boden.
Magda hatte nicht viel zu dem Thema beizutragen gewusst. Von Politik hatte sie keine Ahnung. Es interessierte sie nicht. Sie fand das Gespräch langweilig.
Nachdem sie nun mehrmals laut geseufzt hatte und trotzdem nicht bemerkt worden war, versuchte sie es anders.
“Guck mal, Juri, ich bin auch noch da.” Magda stupste ihren Kumpel freundschaftlich in die Rippen. “Ich bin zwar klein, aber so klein, dass man mich übersehen müsste, bin ich dann doch nicht. Und ich finde euer Thema langweilig. Es passt nicht auf ein so schönes sonniges Maifest”, sagte sie trotzig.
Juri wandte sich zu Magda, lachte, schnappte sich das Mädchen und wirbelte es durch die Luft. “Klein und handlich”, grinste er und stellte es wieder auf die Füße.“Du hast Recht. Heute ist kein Tag, um über so ernste Dinge zu reden”, nickte er.
“Ihr seid beide hübsche junge Frauen geworden. Eine hübscher als die andere.”
Magda hielt den Kopf schräg und grinste. Ich kann sehen, dass du nur Augen für meine Freundin hast, dachte sie und spürte einen leichten Stich in der Magengegend. Ihr entging nicht, wie zärtlich sein Blick war, wenn er Wilhelmine ansah. Ich bin die kleine Schwester, dachte sie nüchtern, der gute Kumpel aus Kindertagen.
Sie seufzte. Und sah, wie Wilhelmines Augen leuchteten und sie bei jedem Wort des jungen Mannes etwas mehr mit der Sonne um die Wette strahlte.
Wilhelmine hielt sich inzwischen an der Maibowle fest.
Ich starre ihn an, als wäre ich hypnotisiert, dachte sie und versuchte dem Geplapper ihrer Freunde zu folgen, die inzwischen über die Streiche von Magdas kleinen Geschwistern lachten.
Wie hypnotisiert oder wie die Schildkröte vorhin an der Skottau.
“Magst du noch ein Glas Maibowle?”, fragte Juri mitten in ihre Gedanken hinein und nahm ihr das leere Glas aus der Hand. “Ich hol uns Nachschub. Bleibst du hier stehen oder kommst du mit?”
Wenn ich jetzt noch ein Glas Maibowle trinke, kann ich nicht mehr sprechen, dachte Wilhelmine. Oder vielleicht gerade dann? Ganz sicher ist es unschicklich. Aber ist das wichtig? Sie guckte sich um. Magda war nicht mehr zu sehen. Wilhelmine hatte überhaupt nicht mitbekommen, dass ihre Freundin gegangen war.
“Ich komme mit”, stammelte sie dann.
Am Getränkestand drückte Juri ihr ein Glas in die Hand. Dabei streiften seine Finger ganz leicht ihren Handrücken. Die Berührung ging Wilhelmine durch und durch. Himmel, wie sich das anfühlte! Ja, Himmel war genau das richtige Wort. So fühlte sich vermutlich der Himmel an.
Die Feuerwehrkapelle hatte inzwischen begonnen zu spielen.
“Wollen wir tanzen?”
Juri hielt Wilhelmine galant den Arm hin.
“Ja, gerne”, hauchte das Mädchen und hakte sich bei ihm ein.
Dann brauche ich wenigstens nicht zu reden, dachte sie.
Sie lag in Juris Armen, ließ sich in die Bewegung, in die Musik, fallen.
“Himmel” passte immer noch.
“Und was hast du gemacht, während ich weg war?”, fragte Juri.
“Ich?” Wilhelmine schoss schon wieder die Röte ins Gesicht. Wie überaus unangebracht.
“Ja, du!” Juri lachte. “Oder meinst du, ich wollte vielleicht wissen, was deine Großmutter in dieser Zeit gemacht hat?”“Oh, meine Großmutter”, sagte Wilhelmine. Sie kam sich total einfältig vor. Aber dann fand sie ihre Sprache wieder.
“Also, meine Großmutter spinnt.” Wilhelmine wollte nicht über sich reden. Sie wollte lieber zuhören. Seiner Stimme lauschen. Egal, worüber er redete. “Wolle. Also sie spinnt Wolle. Das hat sie auch getan, als du weg warst”, sagte sie dann. “Und du? Was machst du jetzt? Der Krieg ist vorbei.”
Und Juri erzählte. Dass er beim polnischen Militär von Anfang an für die Pferde zuständig war, weil seine Vorgesetzten der Meinung waren, er hätte ein besonders geschicktes Händchen im Umgang mit den Tieren.
Er verdiene jetzt Geld, berichtete er.
Genug, um eine Familie zu ernähren.
Wenn ihm jetzt die Richtige über den Weg laufen würde, könnte er heiratenJuri seufzte.
Denn eigentlich war sie ja schon da, die Richtige. Nur kam sie ganz und gar nicht aus seiner Welt.
Juri konnte sich nicht von den Augen der hübschen blonden Frau lösen.
Wilhelmine bekam weiche Knie, kam aus dem Rhythmus, machte einen falschen Schritt, verlor das Gleichgewicht und ruderte mit den Armen in der Luft.
Juri fing sie auf und zog sie ganz eng an sich. Wilhelmine spürte seine Hände, seine Wärme, seinen Atem im Nacken.
Himmel, wie kann man dabei seine Fassung behalten?, dachte Wilhelmine und hatte das Gefühl, das ganze Dorf müsste sehen, wie sie sich fühlte. Fast meinte sie, die Blicke der Nachbarn körperlich zu spüren. Aber als sie sich umsah, fand sie eigentlich alle mit irgendwelchen anderen Dingen beschäftigt. Manche waren in Gesprächen vertieft, andere sahen den Tanzenden zu und einige genossen einfach den Tag und schauten irgendwie nirgendwo hin. Jedenfalls nicht zu Wilhelmine.
Ihre Haut prickelte. Das Gefühl war ihr völlig fremd. Sie genoss es, aber gleichzeitig waren ihr diese Empfindungen ganz und gar nicht geheuer. Unsicher machte sie sich von Juri los, lief zu dem Wagen mit der Maibowle und hielt sich noch ein bisschen an ihrem Glas fest.
“Bist du auf der Flucht vor mir?” Juri holte Wilhelmine ein und dann standen sie zusammen am Getränkestand. Ganz nah beieinander. Prosteten sich mit ihren Bowlegläsern zu. Juris Herz machte einen Hüpfer. Sie mag mich auch, freute er sich. So wie sie ihn anstrahlte, so unsicher, wie sie ihr Glas ganz fest mit beiden Händen hielt, hatte er keinen einzigen Zweifel mehr.
“Warum bist du eigentlich noch nicht verheiratet?”, wollte Juri wissen. “Du hast doch bestimmt eine Menge Verehrer. Wenn ich dich so ansehe, müssten es an jedem Finger zehn sein.”
Wilhelmine hatte ihre Sprache wieder. Und ihre Fassung. Gott sei Dank.
“Ja, der Krieg ist vorbei und inzwischen gibt es auch in Klein Koslau keinen Männermangel mehr. Und tatsächlich sind inzwischen auch wieder ein paar Männer da, die mir den Hof machen.” Wilhelmine lächelte kokett. Doch dann wurde sie ernst: “Oder vielmehr meinem Vater. Bei ihm stehen die Eheanwärter Schlange um mich. Und täglich liegt er mir damit in den Ohren, einen von ihnen zu akzeptieren. Jeden Tag einen anderen.”
Alles, was sich in der letzten Zeit in ihrem Herzen aufgestaut hatte, fand ein Ventil. Sie erzählte, dass es ihr ja klar war, dass sie das Gut übernehmen, das Erbe ihrer Familie verantwortungsvoll weiterzuführen hatte. Aber musste sie deshalb jemanden heiraten, nur weil er etwas von der Verwaltung eines Gutes verstand? Das konnte sie selber. Damit war sie aufgewachsen. Dafür brauchte sie keinen Mann. Während des Krieges war ja auch kaum einer da gewesen. Da hatten die Frauen schließlich auch selber ihren Mann stehen können.
Was gab es für einen Grund, jemanden zu heiraten, der noch mehr Landbesitz mit in die Familie brachten? Sie hatte 70 Hektar. Das reichte. Davon konnte man gut leben. Und mehr Land hieß doch letztenendes nur: mehr Arbeit.
Nein, Wilhelmine wollte den Mann heiraten, den sie liebte. Und sonst niemanden.
“Was sagen denn deine Eltern dazu?”, fragte Juri besorgt. Ein ziemlich kluges, selbstbewusstes Mädchen, dachte er. Viel zu klug, um irgendjemanden zu heiraten, nur weil es ihr Vater so wollte. Sie wird es nicht einfach haben. Da war sich Juri sicher. Nicht als Frau. Und schon gar nicht in dieser Zeit.
“Was meine Eltern wollen, ist mir egal”, antwortete Wilhelmine trotzig. “Die werden irgendwann schon einlenken. Ich muss nur überzeugend genug sein.” Jetzt lachte sie wieder. Ein strahlendes offenes Lachen.
Juri wollte das glauben. Wollte glauben, dass er eine Chance hatte. Das Gut brauchte er nicht. Von seinem Sold konnte er seine Familie ernähren.
Wenn sie nur wollte.
Inzwischen war es dunkel geworden. Der Mond leuchtete hell, die Nacht war sternenklar und die Luft schmeckte mild. Frühling lag in der Luft.
“Darf ich dich nach Hause bringen?”, fragte Juri und bot Wilhelmine seinen Arm an. Er kam sich dabei sehr verwegen vor. Schließlich war er sich klar darüber, dass er und Wilhelmine am nächsten Tag Gesprächsstoff sein würden. Der polnische Soldat und die deutsche höhere Tochter vom Gutshof.
Aber reden würden die Leute sowieso. Egal, ob Juri das Mädchen nun auch noch nach Hause brachte oder nicht.
Wilhelmine sah sich um. Ihre Eltern saßen mit dem Pfarrer und dem Lehrerehepaar gemeinsam am Tisch. Jeder hatte ein Glas Bowle vor sich. Sie schienen sich angeregt zu unterhalten. Gelegentlich hörte sie ihre Mutter lachen. Sie schienen ihre Tochter vergessen zu haben.
Wilhelmine schob ihren Arm in Juris und die beiden machten sich auf den Weg zum Gut. Sie gingen an der Skottau entlang. Arm in Arm. Ohne etwas zu sagen. Es schien, als würde die Zeit ein bisschen langsamer laufen als sonst. Der Mond zwinkerte und schaute freundlich. Aus den Augenwinkeln sah Wilhelmine im Mondlicht, das sich im Wasser spiegelte, dass die kleine Schildkröte immer noch am Ufer des Flüsschens saß. Weit war sie nicht gekommen.
Und dann blieb Juri stehen. Es war ganz still. Das einzige Geräusch, das man hörte, war das leise Plätschern des Flüsschens. Juri drehte sich zu Wilhelmine um. Vorsichtig nahm er ihr Gesicht in beide Hände. Juri schaute ihr mit seinen warmen braunen Augen so tief ins Herz, dass Wilhelmine schwindelig wurde und die Knie unter ihr nachgaben. Die Maibowle, dachte das Mädchen kurz und ließ sich von ihren Gefühlen treiben, mitreißen. Sie genoss es. Genoss den Augenblick, die Berührung, den Kuss. Wilhelmine hatte die Augen fest geschlossen und wollte sie nie wieder öffnen. Die kleine Schildkröte sah zu.
“Kochanka. Liebes.” Juri löste sich von Wilhelmine. “Ich möchte dich wiedersehen”, sagte er.
Wilhelmine öffnete die Augen. “Ich auch”, sagte sie.
Auf leisen Sohlen hatte sie sich durch die Hintertür ins Wohnhaus geschlichen. Sie wollte niemandem begegnen, nicht den Mädchen, niemanden von den Instleuten und erst recht nicht ihren Eltern. Die hatte sie zwar vorhin noch zufrieden auf dem Fest gesehen, doch Wilhelmine hatte das Gefühl, als sei seitdem eine Ewigkeit vergangen. Nichts war mehr wie es war.
Vorsichtig stieg sie die Treppe hinauf zu ihrer Kammer, schlüpfte hinein, zog sich aus und kuschelte sich unter die Bettdecke. Sie lag auf dem Rücken, hatte die Arme hinter dem Kopf verschränkt und träumte mit offenen Augen. Sie dachte an Juri, an den Abend, an seine Berührungen. Sie hatte den Polen immer schon besonders gern gehabt.
Auf den Wiesen hinter der Skottau hatte Juri oft die Kühe gehütet, die zum Gutshof gehörten. Magda und Wilhelmine hatten sich nach der Schule auf die Weide geschlichen. Zu dritt hatten sie dann den ganzen Tag dort verbracht, bis es dämmrig wurde und die Mädchen abends zu Hause erwartet wurden.
Magda hatte dann manchmal aus dem Zollwärterhäuschen eine Decke organisiert, Wilhelmine Kuchen und Kakao aus der Küche stibitzt und die drei hatten es sich gut gehen lassen. Die Kühe konnten in der Regel gut auf sich selber aufpassen. Dass sich kein Tier verirrte, dafür hatte Loni gesorgt, die als Haus-, Hof- und Hütehündin auf Lonzewskis Gut für diese Aufgabe zuständig war. Magda sah Loni in Gedanken noch heute vor der großen schwarzbunten Kuh Hilde stehen und sie aus Leibeskräften anbellen. Hilde war das Alpha-Mädchen in der Herde und ziemlich neugierig. Immer wieder büxte sie aus, weil sie vermutlich fand, dass das Gras woanders besser schmeckte. Vielleicht wünschte sie sich aber auch einfach nur eine Wiese, die sie ganz alleine wiederkäuen konnte, und wollte nicht teilen. Jedenfalls geriet sie manchmal auf Abwege und versuchte sich ungesehen von der Herde zu entfernen. Meistens gelang es nicht, denn die dämlichen Kühe trotteten einfach hinterher. Wilhelmine musste grinsen, als sie an die Versuche dachte, die Loni dann unternahm, um Hilde wieder auf den rechten Weg zurück zu führen.
Wer weiß, was alles passiert wäre, wenn die Hündin nicht dafür gesorgt hätte, dass alle Tiere in Sichtweise blieben.
Hinter der Weide war Moor. Dort war es gefährlich für die Tiere. Wenn die in den Sumpf gerieten, bekam man sie nur sehr schwer wieder zurück auf festen Boden. Doch Loni passte auf, wenn die Kinder bei ihrem Spiel die Kühe vergessen hatten.
Die Skottau grenzte direkt an die Kuhweide und wenn im Sommer die Sonne aus allen Wolken fiel, hatten Magda, Wilhelmine und Juri es genossen, sich in dem kleinen Flüsschen abzukühlen. Oft waren auch die anderen Jungs aus dem Dorf dabei. Mädchen gab es nur wenige. Magda und Wilhelmine waren meistens die einzigen. Wilhelmine dachte daran, wie Juri die beiden Freundinnen beschützt hatte, wenn einer der anderen Jungs sie ärgern wollte. Sie erinnerte sich daran, wie die Jungs bei einer Rangelei alle mitsamt ihren Klamotten schließlich ins Wasser gefallen waren und Wilhelmine und Magda sich erst ausgeschüttet hatten vor Lachen. Das hatten die Jungs nicht einfach so hingenommen. Sie hatten sich verteidigt und die Mädchen von oben bis unten nass gespritzt.
Magda und Wilhelmine hatten die Beine in die Hand genommen und zugesehen, dass sie weg kamen.
Manche Tage waren aber auch einfach nur friedlich gewesen.
Die Mädchen hatten ihre Hausaufgaben mitgebracht, gemeinsam mit Juri Gedichte auswendig gelernt und gesungen.
Wilhelmine überlegte kurz. War Juri überhaupt zur Schule gegangen?Sie wusste es tatsächlich nicht. Dass er nicht mit den Kindern in Klein Koslau in eine Klasse gegangen war, war klar. Er wohnte jenseits der Grenze, die Magdas Vater als Zollwärter hütete, und war Pole.
Wahrscheinlich war er auf eine polnische Schule gegangen, überlegte sie.
CHAPTER VIER
2016
Pling.
Das Handy auf dem Tisch machte Geräusche.
Minna, die europäische Sumpfschildkröte, saß in ihrem Terrarium auf der Anrichte und guckte hoch.
Vor fünfundzwanzig Jahren hatten Josefine und Tom sich ihr Haus gekauft. Damals war die Schildkröte schon da gewesen.
Die Vorbesitzerin des Hauses hatte sie mitsamt Terrarium und allem, was dazu gehörte, bei ihrem Auszug einfach stehen lassen.
Minna war die Kurzform von Wilhelmine. Josefines Großmutter hatte so geheißen und sie war überzeugt: Das war genau der richtige Name für diese Schildkröte.
Es war angenehm warm in der Küche, fand Minna. Sie hatte genügend zu fressen. Es gab immer frisches Wasser und Holz zum Klettern. Auf einer kleinen Insel wuchsen Kräuter und die drei glatten großen Steine waren Minnas Platz an der Sonne. An zwei Sonnen, um genau zu sein. Eine lachte immer wieder mal durchs Fenster hinter ihr und eine kleinere hing zusätzlich über ihrem Lieblingsplatz. Die lachte vielleicht nicht, aber sie leuchtete und wärmte auch. Heute war es vor allem die Sommersonne, die für Minna das Leben liebenswert machte.
Groß war ihr Lebensraum nicht, aber der Schildkröte genügte es. Sie hatte ohnehin nicht vor, irgendwohin zu gehen. Sie saß lieber still auf einem Stein und beobachtete.
Ihre kleine Welt war die Küche, die Anrichte, auf der ihr Terrarium stand, und das Fenster, durch das sie immer sehen konnte, was im Garten los war.
Und da gab es viel zu beobachten: Katzen, die sich balgten, Mäusefamilien auf der Flucht, Vögel, die sich am Leben freuten und übermütig zwitscherten.
In der Küche war es meistens ruhig.
Nur manchmal, da wurde der Raum lebendig. Dann klapperten hier Töpfe und Pfannen. Es brutzelte und blubberte und die Frau, die in der Küche zu Hause war und die Schildkröte versorgte, plapperte.
Tom musste zuhören.
Die Küche war der Lieblingsplatz von Minnas Menschen. Sie saßen sich an einem kleinen Tisch gegenüber. Und genau wie Minna schienen sie Freude daran zu haben, das Treiben im Garten zu beobachten.
Doch heute fand es Minna viel spannender, zu sehen, was da am Küchentisch los war. Da lag etwas und das machte “Pling”. Immer wieder.
“Dein Handy piept”, machte Josefine Tom darauf aufmerksam. Minna sah zu, wie das Ding auf dem Tisch mit jedem Pling ein kleines bisschen über den Tisch hüpfte. Die Menschen nannten es “Smartphone”, “Handy”. Das hatte Minna schon oft gehört. Bei manchen saß eine Spinne drauf. Das wusste sie. Denn einmal hatte sie gehört, wie jemand zu Josefine gesagt hatte: “Oh, dein Display hat eine Spider-App.” Aber nun war die Spinne weg. Das Display war geblieben.
Der Mann nahm das Handy in die Hand, wischte darauf herum.
“Die meisten Nachrichten sind von Vera”, sagte er und las.
Ungläubig starrte Tom auf die Texte.
“Vera fragt, ob es uns gut geht. In Reutlingen soll es einen Amoklauf gegeben haben. Gerade hätten die Nachrichten darüber berichtet.” Er suchte im Netz nach weiteren Informationen.
“Ein Amoklauf in Reutlingen. Mehr weiß bis jetzt scheinbar niemand. Ich finde nichts im Internet,” kommentierte Josefine und klopfte weiter auf ihrem Handy herum.
“Die Bildzeitung berichtet über den ‘Macheten-Mann’. Eine Tote und zwei Verletzte habe es gegeben. Weitere Einzelheiten seien nicht bekannt, steht da.”
“Es gibt ein Bild.” Tom hielt seiner Frau das Handy entgegen.
Minna beugte sich so weit vor, wie sie konnte.
Sie sah einen dunkelhaarigen Mann mit Vollbart am Boden liegen.
Verletzt.
Der Mann auf dem Bild hatte Ähnlichkeit mit dem Sohn der Familie.
Die Haare waren ein bisschen länger.
Der Bart auch.
Josefine stand auf und ging unauffällig durch den Flur. In der Mitte blieb sie stehen und lauschte.
Minna beobachtete sie dabei und bemerkte, wie sie einen tiefen Atemzug tat, umkehrte und sich wieder an den Tisch setzte. Entspannt.
Der Sohn schien zu Hause zu sein.
Alles war gut.
Josefine stand auf, ging zum Terrarium. Sie zupfte ein paar Blätter von dem Salat, der schon für das Abendessen bereit lag, und hielt sie Minna hin. Sie schien erstmal genug von solchen Nachrichten zu haben.
Minna saß auf einem großen Stein und ließ sich die Sommersonne auf den Panzer brennen. Sie mochte das. Ihren Hals hatte sie weit aus dem Panzer gestreckt. Das Köpfchen hoch aufgerichtet.
CHAPTER FÜNF
1922
Minna fühlte sich schildkrötenwohl in ihrem Panzer. Mit ihm konnte sie alle Sonnenstrahlen fangen. Damit funktionierte er wie eine kleine Heizung. Minna war wach. Und neugierig aufs Leben.
Vorsichtig steckte sie erst ihr Köpfchen aus dem Panzer, dann die Beinchen und zockelte los. Ganz langsam.
Irgendwo hörte sie einen Hund bellen.
Sicherheitshalber zog sie Kopf und Beine zurück in den Panzer. Man wusste ja nie.
Weglaufen jedenfalls wäre im Ernstfall keine Option.
Das Bellen kam näher.
Dann wackelte der Panzer.
Minna bekam einen gehörigen Schreck.
Es schnuffelte an allen Seiten. Und dann wurde sie hochgehoben. Minna bewegte sich sicherheitshalber nicht.
Ihr Häuschen wankte auf und nieder.
Die Schildkröte wurde so richtig durchgeschüttelt.
“Was hast du denn da mitgebracht?”Minna hörte eine vertraute Stimme.“Gib mir das mal”, sagte Wilhelmine. Sie streichelte ihren Hund und redete ihm so lange gut zu, bis er die Schnauze öffnete und den Schildkrötenpanzer samt Minna behutsam in die Hände des Mädchens fallen ließ.
“Oh - Mama, guck mal!” Wilhelmine drehte sich um. Minna hatte das Gefühl, noch immer in der Luft zu hängen. “Die ist ja noch ganz klein.”
Mama sah sich das Tier genauer an.
Minna blieb sicherheitshalber noch eine Weile mit Kopf und Füßen in ihrem Panzer.
“Darf ich die behalten?”
Wilhelmine bettelte.“Bitte!”
“Sie wird sich hier bei uns nicht wohlfühlen”, befürchtete die Mutter. “Das ist eine europäische Sumpfschildkröte. Sie braucht Wasser.”Das wird es hier doch sicher irgendwo geben, dachte Minna. Niemand kann schließlich ohne Wasser überleben.
Neugierig schob Minna ihren Hals ein kleines Stückchen aus dem Panzer.
Sie streckte den Kopf vor, und weil die Augen rechts und links davon saßen, konnte sie sich einen guten Überblick darüber verschaffen, wo sie war. “Oh, guck mal, sie hat ihr Köpfchen herausgestreckt. Jetzt hat sie sicher keine Angst mehr.”
Wilhelmine freute sich und setzte die kleine Schildkröte vorsichtig auf den Boden.
“Und du lässt sie bitte in Ruhe”, warnte Wilhelmine ihren Hund und drohte ihm mit dem Zeigefinger. Der wedelte mit dem Schwanz, drehte sich dreimal um sich selbst und wartete ab.
Minna sah als erstes Beine.
Viele Beine.
Vier Menschen- und vier Hundebeine.
Stuhlbeine und Tischbeine. Aus Holz. In der Mitte des Raumes.
Minna sah einen Herd, in dem ein Feuer knisterte. Töpfe, Pfannen, Brettchen, Messer. Auf dem Tisch hatte sie bereits etwas Salat und ein paar Äpfel entdeckt, während sie noch auf Wilhelmines Hand saß. Und Petersilie.
Prima, dachte Minna. Verhungern muss ich schon mal nicht.
Wäre noch die Sache mit dem Wasser zu klären.
Die Tür zum Hof stand offen.
“Mir fällt sicher etwas ein.” Wilhelmine machte ein nachdenkliches Gesicht. “Vielleicht wäre es hinten am Teich bei den Enten schön für das Tier”, überlegte sie. “Für die Küche könnte ich der Schildkröte eine Schüssel mit Wasser füllen, erklärte die Tochter ihrer Mutter.
Sie dachte einen Augenblick nach. “Ich nenne sie Minna. Ich finde das passt.”Wilhelmines Mutter musste schmunzeln. “Ja, sie sieht dir ähnlich”, frotzelte sie.
“Aber eine Schüssel? Wie glaubst du, dass deine Minna in die Schüssel kommt?” Wilhelmines Mutter guckte ihre Tochter zweifelnd an. “Mit einer Leiter vielleicht? Hast du schon mal eine Schildkröte gesehen, die eine Leiter hoch klettert?”
Minna guckte von einem Menschen zum anderen. Eine Leiter konnte sie sich zwar nicht vorstellen, aber ein bisschen klettern konnte sie schon.
Sie zog los, um sich ihr neues Zuhause anzusehen und ging zunächst zielstrebig durch die Tür ins Blumenbeet. Von da aus konnte sie ebenso gut alles sehen und hören, was in der Küche passierte.
Wilhelmine zum Beispiel füllte eine Schüssel. Mit Salat, Wasser und Sand.
“Mama, wie gefällt dir Juri?” Wilhelmine rupfte Salatblätter und ließ sie in eine kleine Blechschale fallen, die sie in der Speisekammer gefunden hatte.
Minna hatte es sich unter Margeriten gemütlich gemacht und hörte zu.
“Er ist ein fescher Soldat.” Wilhelmines Mutter holte das Butterfass aus der Speisekammer und füllte die große Feldkanne mit Kaffee.
Der Kaffeeduft mischte sich mit dem Geruch nach frischem Brot. Ein heimeliger Geruch, dachte Minna, die Schildkröte. Hier fühlten sich sicherlich nicht nur Menschen wohl. Minna konnte sich ein Leben in dieser Küche durchaus vorstellen.
Wenn eben die Sache mit dem Wasser geklärt wäre.
Wilhelmine schob die Schüssel in die Mitte des kleinen Rasenstücks rechts neben der Tür zur Küche, sammelte Steine, die an der Hauswand gelegen hatten, und platzierte sie um die Schüssel herum. Sie griff nach Minna, setzte sie vor die Steine und sagte: “So, nun versuch mal, ob du da hoch klettern kannst.”
Minna guckte Wilhelmine zweifelnd an. Hoch käme ich schon, dachte sie. Aber wenn ich mich ins Wasser gleiten ließe, käme ich da nie wieder raus. Sie drehte sich um und ging zurück zu ihren Margeriten.
“Ich finde ihn sehr charmant”, sagte die Mutter”, “stattlich.”Wilhelmine hatte leuchtende Augen.
“Du bist verliebt.” Guste Lonzewski lächelte. Sie sah aus, als würde ihr das Männchen wohl auch gefallen.
“Ja …”, seufzte Wilhelmine. “Und er mag mich auch. Ganz sicher. Sogar sehr.”
Minna dachte daran, was sie an der Skottau beobachtet hatte, und stimmte dem Mädchen in Gedanken zu.
Sie nickte traurig mit dem Kopf.“Ach Wilhelmine”, hörte sie die Mutter sagen. Ihr Gesichtsausdruck wirkte ratlos. Sie schien die gleichen Befürchtungen zu haben wie die Schildkröte.
Wilhelmine war jung.
Wie schön wäre es, wenn sie ihr Leben noch ein bisschen genießen könnte, bevor Alltag und Zukunft sie in ihren Klauen hätte. Minna wusste, dass es nicht einfach werden würde.
Nicht für Wilhelmine, nicht für ihre Familie und nicht für ihr Zuhause und für alle, die ihr am Herzen lagen.
“Komm, nimm den Korb.”Die Mutter hatte Butterbrote und Kaffee eingepackt und drückte Wilhelmine den Korb in die Hand.
“Wir gehen aufs Feld und bringen unseren Leuten das Vesper.”
Minna saß auf einem Stein und döste vor sich hin.
Sie blinzelte, als Wilhelmines Schatten auf sie fiel.
Wilhelmine trug Minna in die Küche. Hier brannte meist selbst im Sommer ein kuscheliges Feuer. Bis zum Sommeranfang waren es allerdings noch ein paar Wochen. Es war zwar draußen zwar längst nicht mehr zu kalt für Minna, doch sie wusste die gemütlich warme Küche durchaus zu schätzen.
Die Schildkröte saß inzwischen auf dem Tisch. Da hatte Wilhelmine sie abgesetzt und streichelte selbstvergessen ihr Köpfchen.
“Wie hast du dir das vorgestellt?”, polterte Wilhelmines Vater, als er vom Hof ins Haus kam.
Minna zog den Kopf ein. Der Mann war laut.
“Was denn?”Wilhelmine tat so, als wüsste sie nicht, wovon ihr Vater redete. Dabei gab es inzwischen eigentlich nur noch ein Thema für Heinrich Lonzewski, wenn er mit seiner Tochter redete.
“Du bist vierundzwanzig Jahre alt. Und sitzt immer noch unverheiratet hier. Deine Mutter und ich sollen hier wohl schuften, bis wir umfallen. Du hast uns jetzt lange genug an der Nase herum geführt. Du wirst heiraten. Mir reicht’s.”Heinrich schäumte vor Wut.
Natürlich hatte Wilhelmine ein schlechtes Gewissen. Natürlich wusste sie, was ihr Vater von ihr erwartete. Sie war damit aufgewachsen. Von Klein auf hatte sie gelernt, was man lernen musste, um in der Gesellschaft zu glänzen, eine angesehene Familie zu repräsentieren und schließlich das Gut zu übernehmen.“Wenn du noch einen Mann abblitzen lässt, ist der Zug für dich abgefahren. Du endest als alte Jungfer, als Gouvernante irgendwelcher verzogener Gören, und ich kann sehen, wo ich bleibe. Herbert ist der Sohn vom Rittergut in Klein Koslau. Der hat immer noch Interesse an dir.” Heinrich räusperte sich. “Und an unserem Gut. Das ist jetzt der letzte Vorschlag, den ich dir mache, und es ist mir egal, was du dazu sagst. Deine Mutter und ich bereiten die Hochzeit vor und du wirst dich fügen.”
Wilhelmine guckte ihrem Vater fest in die Augen. “Nein”, sagte sie ruhig.
Heinrich Lonzewski holte seinen Tabaksbeutel hervor, stopfte seine Pfeife, lehnte sich zurück und nahm einen tiefen Zug.Er musste irgendwie herunterkommen.
Sich beruhigen.
Er wusste genau: Seine Tochter hatte den gleichen Sturkopf wie er selbst. Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, zog sie es durch. Und “Nein” hieß bei ihr niemals “Ich denke darüber nach und wenn du die richtigen Argumente hast, gebe ich nach”. “Nein” war “Nein” und blieb es bekanntlich auch.
Heinrich war vernarrt in seine Tochter. Er redete gern mit ihr und wusste ihre klugen Bemerkungen, mit denen sie ihm schon manchen Denkanstoß gegeben hatte, zu schätzen. Aber in diesem Fall verstand er sie ganz und gar nicht. Was wollte sie denn? Es konnte doch nicht tatsächlich ihr Wunsch sein, als alte Jungfer abhängig vom Wohlwollen ihrer Verwandten zu sein oder vielleicht irgendwo als Gouvernante oder Hauslehrerin fremder Leute Kinder zu erziehen. Gut, vielleicht war er ein bisschen zu hart gewesen. Dass sie in ihrem Alter noch unverheiratet war, dafür konnte sie eigentlich nichts. Es waren die Umstände. Die Zeit. Der Krieg war noch nicht lange vorbei. Männer waren in der Zeit Mangelware. Sie kämpften für das Vaterland. Nur wenige waren gleich nach Kriegsende nach Hause gekommen. Die meisten kamen erst in den folgenden Jahren ganz langsam, einer nach dem anderen, zurück. Manche waren immer noch verschollen. Der Krieg hatte eine Menge Männer einfach behalten. Aber jetzt hatte das normale Leben, der Alltag, längst wieder begonnen. Und Mädchen hatten zu heiraten. Und zwar die bestmögliche Partie. Wenn Wilhelmine noch lange wartete, würden die besten Männer vergeben sein.
“Ich möchte einen Mann heiraten, den ich auch liebe”, unterbrach Wilhelmine die Gedanken ihres Vaters.
“Liebe! So ein Quatsch!” Heinrich schüttelte den Kopf. “Was ist schon Liebe? Darum geht es überhaupt nicht. Mit Liebe kann man kein Gut unterhalten. Eine gute Erziehung, ein guter Charakter und natürlich die finanzielle Grundlage, die eine gesicherte Existenz ermöglichen, machen einen guten Ehepartner aus. Wenn alles passt, wird sich die Liebe schon einstellen. Dafür, um uns Enkelkinder zu schenken, wird’s jedenfalls schon reichen.” Heinrich Lonzewski hatte sich in Rage geredet. Er hatte seine Pfeife auf den Tisch gelegt, war aufgestanden, lief im Zimmer umher und unterstrich jedes seiner Worte mit den Bewegungen seiner Arme. Dann blieb er stehen und funkelte seine Tochter zornig an: “Es erfordert ein bisschen guten Willen. Um Liebe muss man sich bemühen. Sie fällt nicht vom Himmel.”
Dann wurde er ruhiger, setzte sich wieder an den Tisch und griff zu seiner Pfeife. Er merkte, dass sie ausgegangen war, und zündete sie umständlich wieder an. Noch ein paar Minuten mehr, um sich zu sammeln.
“Ich hatte mir vorgestellt, dich an die Hand nehmen zu können, dich zu begleiten, zu unterstützen, wenn du Hilfe brauchst.” Heinrich hatte sich zurück gelehnt und schaute seine Tochter traurig an. “Du solltest von meinen Erfahrungen und denen deiner Mutter profitieren. Ich hatte mir vorgestellt, dass wir Partner sein könnten. Auf Augenhöhe. Weil die Zukunft des Gutes doch auch deine Zukunft ist. Ich dachte, dir liegt etwas daran.” Heinrich sah gedankenverloren zu Wilhelmine. “Du enttäuschst mich”, sagte er traurig.
Wilhelmine blieb still.
Sie saß aufrecht, streichelte die Schildkröte und schaute dem Vater direkt in die Augen.“Auf Augenhöhe? Als Partner? Was hat das mit Partnerschaft, mit Augenhöhe zu tun, wenn du glaubst, mir meinen Weg vorschreiben zu müssen, weil du meinst, ich kann das nicht alleine?” Wilhelmine war wütend.“Ich bin dazu erzogen worden, immer klar meine Meinung zu sagen. Kein Wischiwaschi. Den Blick klar auf meine Ziele gerichtet. Wieso glaubst du jetzt, ich sei nicht in der Lage, mein Ziel im Auge zu behalten und zu verfolgen?” Wilhelmines Augen funkelten. “Dann glaubst du wohl auch nicht an den Erfolg deiner Erziehung!” Hält er sich selbst für einen Versager?, fragte sie sich, hütete sich aber, den Gedanken auszusprechen. Es kam oft genug vor, dass die Worte aus ihr heraus waren, bevor ihr überhaupt klar war, was sie da von sich gegeben hatte. Aber diesmal hatte sie gerade rechtzeitig die Bremse gezogen. Sie wollte ihren Vater nicht verletzen. Nein, überlegte sie, das glaube ich einfach nicht. Vermutlich hatte er sich vorgestellt, dass ich überall aufrecht zu meiner Meinung stehe, nur zu Hause nicht. Hier sage ich “Ja, Papa” und schalte mein Gehirn aus?
Hält er mich nur deshalb nicht für in der Lage, meine Ziele zu erkennen und umzusetzen, weil er befürchtete, meine Ziele könnten andere sein als seine?
“Ich heirate Juri”, sagte Wilhelmine fest.
Falsche Antwort, dachte Minna und zog den Kopf ein.
Heinrich sagte nichts.
Er saß da, zurückgelehnt, zog an seiner Pfeife.
Auf dem Herd summte der Wasserkessel.
Sonst war es still in der Küche.
Von ferne hörte man das Muhen einer Kuh.
Irgendwo bellte ein Hund.
“Ich habe deine Weitsicht überschätzt.” Heinrich war aufgestanden. “Ich hätte dir mehr Gehorsam beibringen sollen. Du wirst Herbert heiraten. Seine Familie wird einverstanden sein. Ich reite morgen hinüber zum Rittergut und kläre das.” Heinrich legte die Pfeife auf den Tisch und verließ den Raum.
“Der größte Teil der Einladungen ist raus.” Guste saß mit ihrer Tochter am Küchentisch und hatte sich fest vorgenommen, mit ihr über das geplante Fest zu sprechen. Am 21. Juni war Sommersonnenwende, der längste Tag im Jahr. Genau der richtige Zeitpunkt, um den Sommer mit guter Laune und einem Fest auf dem Gutshof zu begrüßen. Lonzewskis feierten gern.
Diesmal würde es nicht einfach ein Dorffest sein wie sonst, sondern Heinrich Lonzewski hatte vor allem Geschäftspartner aus Neidenburg einladen, ein paar Freunde und Nachbarn aus dem Kreis. Ehepartner und erwachsene unverheiratete Söhne und Töchter würden ebenfalls willkommen sein.
“Es ist dein Fest”, sagte Guste zu ihrer Tochter. “Nutze es.”
“Das ist nett.” Wilhelmine zog eine Grimasse. “Ein Fest für mich. Um mich endlich an den Mann zu bringen. Ich setze mich in einen hohen Lehnstuhl und lasse mir die Kandidaten vorführen. Sie machen ihre Aufwartung und ich nicke herablassend wohlgefällig mit dem Kopf. Dann werden die Herren hinausgeführt und ich treffe meine Wahl. Habt ihr euch das so vorgestellt?”“Wilhelmine, sei nicht albern.” Guste legte besänftigend die Hand auf den Arm ihrer Tochter. “Du brauchst das gar nicht so ins Lächerliche zu ziehen. Wir meinen es nur gut. Wir wollen einfach ein schönes Fest feiern. Wir essen und trinken gemeinsam, lachen und tanzen. Freu dich, dass auch deine Generation zahlreich vertreten sein wird. Ich erinnere mich daran, wie öde ich es fand, wenn ich an den steifen Gesellschaftsabenden meiner Eltern teilnehmen musste. Genieß es einfach.” Guste machte eine kleine Pause.
Sie lehnte sich zurück und zuckte die Schultern. “Nun, wenn dir dabei einer der Herren, die du an diesem Abend kennen lernen wirst, gefällt … “Guste hatte sich ihre Näharbeit aus dem Korb gegriffen und begann, den Sitz der Knöpfe an den Kopfkissenbezügen zu überprüfen.
Heuchlerin, dachte Minna, die inzwischen aus Lonzewskis Küche nicht mehr wegzudenken war. Die Schildkröte war gern hier, wanderte gelegentlich zum Teich und kam zurück, um den Gesprächen der Menschen zu lauschen.
Und dachte sich ihren Teil.Natürlich geht es euch vor allem darum, euer altes Mädchen endlich unter die Haube zu bringen. Minna kletterte auf den Holzstapel neben dem Herd. Da fühlte sie sich wohl. Auch, weil der Herd eine wohlige Wärme verbreitete. Ihr habt Angst, ihr könntet auf Wilhelmine sitzen bleiben.
Minna wiegte ihr Köpfchen hin und her, so wie Schildkröten das manchmal machen, und es sah aus, als wenn sie gern den Kopf geschüttelt hätte.
“Wenn es mein Fest ist - warum darf ich dann meine Freunde nicht einladen?”, fragte Wilhelmine und sah ihre Mutter herausfordernd an.
“Natürlich darfst du jemanden einladen”, antwortete die Mutter, “Wem sollen wir denn noch eine Karte schreiben?”
Ach Guste, das ist scheinheilig. Du weißt doch ganz genau, von wem deine Tochter spricht, sagte Minna in der ihr eigenen Schildkrötensprache, doch es hörte sich nur an wie “Klick.”
