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Kurze Essays und gedankliche Text-Fundstücke zu hergefallenen oder hervorblitzenden Foto-(Un)wirklichkeiten. Eindrücke aus der Gehgeschwindigkeit und dem Innehalten.
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Seitenzahl: 85
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Cidra
Einkaufswagen
Schattenhaus
Teppichetage
Grenzüberschreitung
Netzwerk
Christ
Kirche im Dorf
Warten
Hochsitz
Kuhdreck
Brisas del Sella
Blue Tree
Ashes to ashes
Winterruhe
Der Verlust
Mimikry
Medizinindustrie
Notenlinien
Sammelplatz
Berlin Neuköln
Vogelhäuschen
Bibliothek der Toten
Narben
Archetypus
Wanderweg
Vagabundierende Bücher
Rückeroberung
Martahaus
Lichtgestalt
Stairway to heaven
Königinnenkonfekt
Schicksal
Klimazucken
Schreiben
Montepescali
Plaisir d'Amour
Stolpersteine
Badekultur
Wir pflegen, was Sie lieben
Hoffnung
Prähistorische Insignien
Farbenlehre
Masten
Anthropologie
Goddesses
UFO
Start up Space
Frankfurt am Main
Die unerklärliche Leichtigkeit des Seins
Amt für Vegessenes
Improvisiertes Parkieren
Casa Rossa
Risse (Veralterung)
Pierres Tombales
Übergang
Flügge
Albristhorn
Askese
Paradicecream
Cinema ideal
Corona, 12420
Arche
Waschtag
Elfische Begegnung
Schutthalde der Geschichte
Unendliche Möglichkeiten
Freiraum
Privatsphäre
Mailbox
Bewegungen
Die Frage, ob ein Foto einen (journalistischen) Text illustriert oder ob ein Beschrieb (Legende) eine Aufnahme erklärt, soll hier nicht verhandelt werden, weil sie die Vorherrschaft des einen Ausdrucks über den Anderen postuliert.
Dieses Buch nährt sich aus dem Bestreben, beiden ihre Eigenständigkeit zu belassen, in ein Gleichgewicht zueinander zu setzen, ohne sie voneinander zu entfremden.
Auslöser war meist der Zauber eines Bildes, der verschiedensten innewohnenden Eigenschaften entspringen konnte: der Einmaligkeit oder Absonderlichkeit des Augenblicks, der Farbensprache oder dem kompositorischen Aufbau. Häufig folgt er aber der Spannung zwischen Bild und Text, die sich einfindet, wenn Wahrnehmung und Verstand nicht auf Anhieb einig werden. Beide erzählen ein Geschehen oder einen Gedanken, ohne die treffenderen Argumente vorbringen zu können als die Andere. Deshalb Gleichgewicht. Ist das «Friedensarbeit»? Vielleicht passt «Erdung» besser, die Ausdruckspaare (Bild & Text) fordern den Vergleich mit gleichberechtigten Beziehungspaaren.
Schön also, wenn es gelingt, auf den Doppelseiten da und dort in eine kleine Magie zu locken, das Schauen und Denken zum innehalten, abwägen, verhandeln zu verführen.
an Niculin und Flavian, dass ihr seid, und wie ihr seid.
Ein Blitzstrahl des Glücks, dann der freie Fall aus dem Himmel. Diese Geste der Grosszügigkeit, die Arme aufgeschert – eine Umarmung.
Zuerst eröffnet die Poesie des Körpers den Akt. Sie verebbt nicht in einer laschen Bewegung, sondern zieht eine Spannung auf und behauptet sich, bis der Atem stockt. Den Blick ans Glas gezurrt, am Ende des stramm gestreckten Arms. Die Konzentration – dass bloss die Flasche nicht zerberste - bis ein einziger voller Schluck im Glas aufschäumt.
Der säuerliche Apfelsaft ist von Sauerstoff gebläht und angefüllt mit seiner erregenden Perlage, ohne Verzug muss er sofort getrunken werden. Wie einen Staffettenstab reicht die Kellnerin schwungvoll die Kostbarkeit, der Saft tropft aussen herab, fast scheint, das Elixier stürze ohne Unterbrechung vom Flaschenhals in den Magen. Ein Lächeln vollendet ihre Kunst und überträgt die sakrale Verbundenheit auf die bewundernden Gäste.
Ein heiliges Ritual für Könner:innen. Das nächste Glas erwartet den Aufschlag des goldenen Strahls auf seine Innenwand, bis der gesamte Tisch die Kehlen verzückt hat. Der flüchtige Höhepunkt des Genusses und die betörende Virtuosität des Ausschanks adeln den Cidra mit einer Exklusivität, die den Preis verhöhnt: er blieb bis heute das preiswerteste Getränk jedes baskischen Restaurants.
Die Räder von Unkraut umwuchert, als ob das Vehikel seit 1937 hier fristete, als Sylvan N. Goldman die ersten Einkaufswagen in seinem Humpty Dumpty-Markt in Oklahoma City hinstellte. Was ging in der ersten Lenkerin vor, als sie das Gefährt neben dem Eingang entdeckte? Strich ihr ein Schauer über den Rücken, der keine XXL-Taschen mehr zu wuchten hatte, trotz Mittagshitze, die träge über dem endlosen Parkplatz dräute? Oder fasste sie die Haltestange beiläufig ohne Notiz des Nutzens, versunken noch im Frühstücksgezänk mit ihrem Ehemann?
Das Chassis hat sich seit damals wenig verändert, die Klappgitter vielleicht, die bald das Ineinanderschieben erlaubten und Stauraum sparten. Ein halbes Prozent aller Ladewagen findet nicht an die Pfandkette zurück. Es wird entwendet und landet in Gebüschen, als Mobile Home bei Obdachlosen, oder zweckentfremdet als Wurstgrill oder Blumenkorb.
Würde ein Einkaufswagen eine Treppe hinuntergestossen, hülfe die Physik mit höchsten Wahrscheinlichkeiten, dass er umfällt und auf die Seite zu liegen kommt. Der steht aber. Hat ihn also jemand auf den Treppenabsatz hinunter- oder sogar hinaufgetragen? Was bedeutet die amouröse Nähe von Laterne und Shopping Cart? Und weshalb entfernt ihn die Stadtreinigung nicht längst weg aus dem öffentlichen Raum?
Ungelöste Fragen der Menschheit.
Gottfried Semper benützte im 19. Jahrhundert den Ausdruck „Stoffwechsel“, um ein ganzheitliches Konstruieren von Architektur zu veranschaulichen. Er liess vier archetypische Materialklassen zu als anthropologische Grundlage der Weltkonstruktion: Textilien, Keramik, Holz und Lehm. Indem sich die Klassen berühren, durchdringen oder vermischen, entstehen immer neue Möglichkeiten. Die Klassen stehen in enger Beziehung zueinander. Wandelt sich die eine um, sind die anderen mitbetroffen. Es entwickelt sich eine ideale Ordnung konstruktiver Erkenntnisbildung.
Heutige Architektur hat diese Materialität verlassen und ersetzt durch Stahl, Beton, Glas und Kunststoff. Beton ist nach Wasser zum zweithäufigsten Gebrauchsrohstoff geworden auf dem Planeten. Alle vier neuen Materialien sind energieintensiv in der Gewinnung, entstehen aus Prozessen mit giftigen Chemikalien und hinterlassen nicht rezyklierbare Resten.
Mark Jarzombek weist darauf hin, dass bei der Substitution von Beton und Stahl durch Holz im Zuge der Dekorbanisierung auf den Erhalt der Wälder geachtet werden muss. Er fordert ein neues Materialverständnis mit einem zeitmessenden Werkzeugkoffer für die Nutzung von nachhaltigen Rohstoffen.
Der Bahnhof Altstetten ist ein Knotenpunkt. Schnellzüge durchdonnern ihn im Minutentakt, Menschenmassen fluten die Perrons zum Umstieg im Nahverkehr. Er verschluckte sich immer häufiger an den grätigen Passant:innenbrocken. In der Unterführung quetschte sich und drangsalierte, was die Rush Hour auswarf - Panikmomente. Deshalb wurde der Untergrund gesperrt und eine gigantische Magenerweiterung in Angriff genommen. Eine klapprige Überführung ward über die Geleise gestülpt, die Passagier:innen wie in einer Kugelbahn hinauf- und heruntergejagt. Auf Perrons und Treppenstiegen sind grüne Rasenteppiche ausgelegt, selbst auf wetterungeschütztem Grund. Weshalb Teppiche in einem Bahngelände? Die Redaktion recherchierte.
Tilla Guyer, Gesamtbauleiterin: Die Tiefbauarbeiten fördern viel Erdreich an die Oberfläche. Trotz akribischer Sicherung können Humusbrocken auf die Perrons plumpsen, das bedeutet erhöhte Stolpergefahr. Deshalb haben wir eine kontrastierende Unterlage gewählt. Teppiche waren die wirksamste und gleichzeitig die günstigste Massnahme.
Marc Batic, PR-Abteilung Bahnunternehmen: Wir muten unseren Bahnkund:innen viel zu mit dem Umbau. Um Verständnis zu säen und die Passagier:innen zu belohnen, behandeln wir sie als VIPs und haben ihnen Teppiche ausgerollt. Sie sind unsere Hauptdarsteller:innen während des Umbaus im Bahnhof Altstetten.
Joanna Bradshaw, Künstlerin: Meine Aktion spiegelt die Diskrepanz zwischen den gutverdienenden Managementangestellten in neu geklotzten Stahl-Glasbauten rundherum und den Hundertschaften an ausländischen Bauarbeitern, die die Drecksarbeit im Untergrund dieses lebenswichtigen Verkehrshubs leisten, inmitten eines ehemaligen Arbeiter- und Ausländer:innenquartiers. Die Überheblichkeit der Büroteppichetagen habe ich in den Dreck der Baugrube verlegt, um der Rückseite der schönen neuen Welt ein Gesicht zu geben.
Ernst Tanner, pensionierter Passant: Da geschehen immer wieder Unfälle, wenn die Expresszüge durchrasen. Für alte Menschen ist die Orientierung schwierig geworden bei so vielen Menschen und Verbindungen. Die Teppiche suggerieren vermutlich die Rasenflächen eines Friedhofs, um uns daran zu erinnern, wie nahe hier das Ende rücken kann. Die Opfer können gleich an Ort und Stelle hindrapiert werden.
Jaimy McCalla, Primarschüler: Geile Fussballfelder. Auf jedem Bahnsteig muss ein Spieler dribbeln. Die Tore stehen dann auf den beiden äussersten Perrons. Wer in einen vorbeifahrenden Zug hineinkickt, kassiert einen Penalty.
Dem Zeitungsbericht folgend muss das die Stelle sein, an der Mrs. Sinico von einem vorbeibrausenden Schnellzug erfasst wurde. Was suchte sie hier? Im Bretterverschlag lockt nichts, was mit ihrem gutbürgerlichen und geordneten Leben in Einklang zu bringen wäre, noch wohnte sie in der dahinter lauernden Siedlung. Alkoholkonsum, dem sie vor zwei Jahren rettungslos verfiel, folgt keiner Logik. Mag sein, dass sie planlos hierher geriet und aus Unachtsamkeit überrollt wurde. Im Alter verlieren manche ihre Vorsicht, aus schwindender Achtsamkeit oder aus Gleichgültigkeit. Bei Mrs. Sinico war es mutwillig. Immerhin war sie eine verheiratete Mutter. Trotzdem liess sie sich mit ihm ein nach der zufälligen Bekanntschaft in einer Konzertpause. Er, der pensionierte Banker, war nicht die treibende Kraft. Er fand sie interessant, sie war attraktiv. Und er, Duffy, war allein. Antriebslos. Während den gemeinsamen Spaziergängen, die sie danach zuliessen, entdeckten sie ihre gemeinsamen Interessen. Ihre Seelenverwandtschaft steigerte die Neugier, mehr vom Anderen zu erfahren. Dass ihr Ehemann glaubte, er spreche mit Emily bloss über deren Tochter, an der er Gefallen gefunden hatte, war praktisch. Sie konnten sich ungestört treffen, sogar bei ihr zuhause, weil Mr. Sinico als Kapitän zuverlässig abwesend war. Das zarte Pflänzchen ihrer zaghaften Freundschaft wuchs heran. Erst als sie sich über Liebe und Einsamkeit ausliessen und Emily seine Hand an ihre Wange drückte, merkte er, dass etwas nicht stimmte. Sie verwarf das bisher sorgfältig eingehaltene Etikett und zog ihn gegen sein Einverständnis in eine moralische Schuld hinein. Eine psychische Labilität, die dann den Alkohol vorfahren liess, nachdem er ohne Erklärung seinen Rückzug zwischen sie schleuderte.
Das Schild ist neu. Wurde es nach Emilys Tod montiert? Ein Denkmal für die Verunglückte? Überschreitung bedeutet etymologisch den Zenit überqueren. Wie nach dem Moment sympathiegeladener Erregtheit, als sie seine Hand ergriffen hatte. Dahinter kauerte eine verbotene Zone, ein wucherndes bedrohliches Blätterwerk. Das Piktogramm auf der Tafel bedeutet nach seiner Lesart: mind your lovers.
Duffy trifft der Gedanke wie ein Schlag: was wäre, wenn er die Beziehung nicht abgebrochen hätte? Wäre dann keine Lücke entstanden bei Emily? Wäre sie nicht vom Geleise abgekommen? Er hatte oft daran herumstudiert, wie er seinen Lebensabend mit der ihm suchend Zugewandten hätte teilen können, wie er seit langem wieder einen vertrauensvollen Stand spürte unter seinen Füssen. Ist es möglich, dass sie deswegen zu trinken begann? Do not cross – wie schrecklich, wenn sie ihr Kreuz nicht mehr hatte tragen können. Seinetwegen.
Défense. Was hat er jetzt noch zu verteidigen?
Ein wahrhaft schmerzhafter Fall.
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