Miramahelia - Laryssa I. Bieling - E-Book

Miramahelia E-Book

Laryssa I. Bieling

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Beschreibung

In Miramahelia liegt eine nicht erklärbare Unruhe in der Luft. Um deren Ursache zu ergründen, treffen sich die wichtigsten weißmagischen Zauberer und Hexen auf dem Blocksberg in der Menschenwelt. Doch wie es der Zufall will, erfährt auch der Herr der Finsternis davon und entsendet seine sieben Torwächter, die herausfinden sollen, welche geheime Botschaft sich dahinter verbirgt...

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Seitenzahl: 338

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Laryssa I. Bieling

Miramahelia

Das Geheimnis der sprechenden Steine

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Miramahelia

Eine ungewöhnliche Nacht

Der Herr der Finsternis

Hexentagung am Blocksberg

Ein Unwetter

Der Feind hört mit …

Zum Hügel Prisliprot

Unheimliche Begegnungen

Der Nebel

Der letzte Schultag

Prims Witch Forest

Das Zimmer im zweiten Stock

Mitternacht

Des Meisters Stunde

Die große Suche

Auf zum Turm von Aksa

Sirias - Exip Boata Sir

Das Rätsel der Sieben

Dragonshawk

Die Wälder von Birk

Zum Tal des Jammers

Der Stein des großen Rates

Nessaran

Impressum neobooks

Miramahelia

Fernab von dieser Welt in der wir leben, existiert eine Zwischenwelt, in der es all die Wesen gibt, von denen euch eure Großmütter bestimmt schon einmal erzählt haben. Sie heißt Miramahelia und ist das Reich der drei Sonnen. Nur den wenigsten Erwachsenen ist der Zugang dorthin noch gewährt. Es sind genau die Erwachsenen, die sich ihr Kindsein bewahrt haben, in ihren Herzen offen sind und den Glauben an ihre Träume noch nicht verloren haben.

Miramahelia ist in seiner Schönheit kaum zu beschreiben. Dort wachsen die ungewöhnlichsten Blumen. Ihr Duft ist betörender, als jedes von Menschen gemachte Parfüm und es gibt Früchte, die so groß sind, dass sie eine ganze Familie satt machen können. Sie hängen in den unterschiedlichsten Geschmacksrichtungen an den Bäumen. Einige sind so süß und saftig wie Erdbeeren im Hochsommer, andere wiederum eher würzig wie eine Erbsensuppe oder cremig wie ein Stück Torte. Sie wachsen das ganze Jahr lang, denn dort gibt es keine Jahreszeiten und überhaupt scheint in Miramahelia die Zeit stillzustehen. Aus allen Richtungen dringen fremde Geräusche und man kann das Plätschern kleiner Bäche wahrnehmen, an deren Grund das sogenannte Flusseis wächst. Taucht man in das glasklare Wasser, schillert es einem in den unterschiedlichsten Farben entgegen. Viele Bewohner holen es sich als Nachtisch, denn es schmeckt so lecker wie unser Eis hier in der Menschenwelt. Das Schöne an diesen nahrhaften Köstlichkeiten ist, dass man sie nicht herstellen muss. Sie wachsen von ganz allein. Trotz all dieser Vorzüge und der Pracht Miramahelias ist es dort nicht ungefährlich. Neben den vielen guten Dingen und Wesen existieren Hexen, Zauberer, Gnome und Trolle der Unterwelt, die immer wieder ihr Unwesen treiben und dem Fürsten der Finsternis dienen. So kam es dann nach vielen Jahren dazu, dass der Frieden des Reichs in ernste Gefahr geraten sollte und genau an dieser Stelle beginnt unsere Geschichte.

Eine ungewöhnliche Nacht

In Miramahelia lag etwas Merkwürdiges in der Luft. Doch nicht nur dort schien sich etwas zusammenzubrauen. Die gleiche seltsame Elektrizität spürte man auch in Eulalia, so nennen die Bewohner Miramahelias die Menschenwelt. Hier, nämlich direkt in London, herrschte schon seit mehreren Tagen eine nicht erklärbare Unruhe, die anzuhalten schien und immer stärker wurde. Normalerweise erklären sich die Londoner so etwas mit Wetterfühligkeit oder einem herannahenden Unwetter. Für englische Wetterverhältnisse eigentlich nichts Ungewöhnliches, doch dieses Mal war alles anders. In der Menschenwelt ahnte man nicht, dass genau dieses Phänomen die Ankündigung eines bedeutenden Ereignisses werden sollte, was man auch niemals erfahren würde, wenn es diese Aufzeichnung nicht gäbe.

Die in der Kürze der Zeit immer stärker werdende Unruhe wurde in der Zwischenwelt zum Anlass einer Tagung genommen. Sie sollte allerdings im Reich der Menschen auf dem Blocksberg stattfinden. So trug es sich zu, dass die wichtigsten guten Zauberer und Hexen sich auf ihre Besen und fliegenden Teppiche setzten und aus ihrem Reich zu denen der Menschen hinüberflogen. Auf dem Blocksberg gab es einen geheimen Zugang zu unterirdischen, aus puren, in den schönsten Farben schillernden, Kristallräumen. Sie öffneten sich nur denen, die Gutes im Sinne hatten. Doch wie das Leben so spielt, kam es dennoch dazu, das auch die dunklen Mächte von dem geheimen Treffen Wind bekamen und das alles durch einen dummen Zufall. Böse Erdgnome, die Morgos, waren es, die zwei neugierige junge Elfen namens Lilith und Quiril belauschten, als sie sich in einem unbeobachteten Moment im Dunkeln der Nacht auf einem Limonadenbaum über die geheime Tagung am Blocksberg unterhielten.

>>Hast du gehört Quiril, es wird etwas ganz Besonderes passieren<<, wisperte die kleine Lilith. Erstaunt sah Quiril sie mit seinen großen, wässrig-blauen Augen an.

>>Was meinst du?<<, antwortete er.

>>Wie, du merkst es nicht?<<, sagte sie irritiert.

>>Hör doch mal hin! Der Wind und die Bäume sprechen miteinander.<<

Ein zarter Windhauch wehte durch die Flügel des kleinen Quiril. Daraufhin fingen sie zu vibrieren und zu klingen an. Nun wusste er ganz sicher, dass Lilith keinen Schabernack mit ihm trieb, so wie sie es sonst tat, um ihn zu necken.

>>Ja, du hast recht, es wird etwas Wunderbares geschehen und das noch in den nächsten Tagen<<, antwortete Quiril mit glänzenden Augen und einem strahlenden Lächeln.

>>Genau deshalb treffen sich heute die Hexen, Zauberer und älteren Elfen am Blocksberg. Sie werden dort alles Wichtige besprechen<<, flüstere Lilith. Quiril stieß sie erschrocken mit seinem kleinen Ärmchen an und hielt warnend seinen Zeigefinger vor den Mund, denn diese Nachricht durfte unter keinen Umständen in falsche Ohren gelangen.

Die Warnung des kleinen Elfen kam leider Bruchteile von Sekunden zu spät und alles Flüstern nützte nichts mehr. Zwei nach Waldfrüchten suchende Morgos namens Gwent und Horwen hatten längst alles gehört. Diese Wesen kommen aus dem tiefsten Dunkel der Erde. Genau deshalb sehen sie auch so schlecht. Helligkeit sind sie nicht gewöhnt und Tageslicht macht sie sogar blind. Verlassen können sie sich nur auf ihre großen, spitzen Ohren und ihre lange Nase. Haben Morgos Angst oder wollen sie nicht, dass irgendjemand sie hört, sprechen sie Morgisch, das ist eine Art Geheimsprache. Sie funktioniert mittels Gedankenübertragung. Man muss sich das ungefähr so vorstellen, der eine denkt etwas und der andere hört diese Gedanken in seinem Innersten, was ungeheuer nützlich ist, denn sie leben in unterirdischen Bauten, die keiner entdecken soll. Dort gibt es nur ganz schwaches Licht. Dafür stellen sie Glühkäfer in ihre Dienste, die immer für ein paar Stunden mit dem Kopf nach unten und dem Hinterteil nach oben den Raum beleuchten. Der grünlich abfallende Schein dieser Beleuchtung ist ideal auf ihre Augen abgestimmt.

Der Herr der Finsternis

Nachdem die beiden Morgos, im dunklen Dickicht versteckt, das Wichtigste gehört hatten, schlichen sie mit dem direkten Ziel ihrem Gebieter Bericht zu erstatten davon. Der Herrscher der Dunkelheit war abgrundtief böse und wohnte tief in der Erde. Die Hitze des Erdinneren konnte auf lange Sicht auch nur jemand ertragen, der durch seine Boshaftigkeit von einer schweren inneren Kälte durchzogen war.

Gwent sprach plötzlich in Morgisch zu Horwen.

>>Hast du Angst?<< Er reagierte nicht. Natürlich hatte Horwen Angst, jeder hatte das! Selbst seine treusten Diener mussten ihn fürchten, weil er kein Herz hat und weil in ihm der Hass lebt, der sich von Ungeziefer ernährt. Seinen Namen weiß keiner, nicht einmal er selbst und sein Gesicht hat niemals zuvor jemand gesehen. Es ist verborgen unter einer großen schwarzen Kutte. Manche der Morgos erzählen sich, er hätte glühend rote Augen, mit denen er fähig sei, überall Orts hinzuschauen. Andere berichten, sie wären im Dunklen von irgendetwas angestarrt worden, als sie nach Nahrung suchten. Dann gibt es wiederum welche, die sagen, sie hätten die Augen glutrot durchbohrend nachts in ihrem Traum erspäht, denn ihr müsst wissen, dass er fähig ist, in Träume einzusteigen. Genau deshalb essen Morgos vor dem Schlafen immer eine ganz besondere Baumwurzel, Gnutz genannt. Sie verhindert die Träume, aus denen schon so manche Morgos nicht mehr erwacht sind. Das Gute an dieser Wurzel war aber auch, dass nach ihrem Genuss nichts und niemand mehr in der Lage war ihre Gedanken zu lesen. Das wollten sich Gwent und Horwen zunutze machen, kurz bevor sie die Unterwelt betreten würden. Dort war nämlich der, der keinen Namen hat, in der Lage, tief in ihren Köpfen zu lesen. Genau das wollten die Morgos natürlich nicht. Niemand sollte von ihren geheimsten Wünschen und Befürchtungen wissen. So kam es auf ihrem langen Weg ins Ungewisse zu Diskussionen.

>>Horwen hast du den Gnutz eingesteckt?<<

>>Na sicher!<<, entgegnete Horwen.

>>Du glaubst doch wohl nicht, dass ich lebensmüde bin und unseren wichtigsten Schutz vergessen würde. Er ist hier hinten in meinem Bündel.<<

>>Okay, dann zeig ihn mir! Ich muss mich unbedingt noch einmal vergewissern. Nicht, dass wir uns wegen deiner Vergesslichkeit in größte Gefahr begeben<<, sagte Gwent.

>>Wie, du glaubst mir nicht?<<, knurrte Horwen und pfefferte das schwere Gepäck auf den Boden.

>>Um was wetten wir, dass ich ihn dabei habe?<<

>>Mit dir wetten, pah!<<, folgte in einem beißenden Ton von Gwent.

>>Los, sei kein Spielverderber! Der Gewinner darf dem Meister die Botschaft überbringen<<, sagte Horwen.

>>In Ordnung, dann wirst du aber wohl den Kürzeren ziehen!<<, zischte Gwent.

Horwen kniete nieder, öffnete seinen verschlossenen Stoffbeutel und wühlte darin herum. Zum Vorschein kam ein kleiner grünbrauner Steinmörser mit einem dazugehörigen Becher, eine blaue Phiole, ein Kelch und eine Frucht namens Pika Vinotis. Ihr Geschmack gleicht dem des Weines und macht bei übermäßigem Genuss mindestens genauso betrunken. Doch wo war der Gnutz? Gwent schmunzelte gehässig und konnte sich einen Spruch nun nicht mehr verkneifen.

>>Na, wo ist er denn? Ich dachte, du hast ihn so sicher verwahrt<<, sagte er bissig vor Schadenfreude. Horwen ließ sich nicht beirren, griff noch etwas tiefer hinein und öffnete ein kleines Geheimfach. Kaum war dort ein Spalt zu sehen, schlug ihm auch schon eine Schwade entgegen. Ein breites Grinsen zog sich über sein Gesicht und verschlug Gwent sogleich die Sprache.

>>Tja, da hast du dich wohl zu früh gefreut, hier ist er.<< Horwen nahm ihn in die Hand und hielt dabei die Luft an, als er ihn Gwent direkt unter den Riechkolben rieb. Der begann das kräftige Aroma, das dieser verlockend aussandte, zu inhalieren. Die lange Nase wackelte dabei in alle Richtungen und seine Nasenflügel wippten auf und ab.

>>Na, wie riecht das?<<, fragte Horwen. Gwent verdrehte benommen die Augen und nuschelte sich vom Duft betört in den Bart.

>>Das riecht wie ..., ja wie riecht denn das ... mmh?<<, sprach Gwent in einem etwas leiernden Ton. Da zog Horwen auch schon ruckartig den Gnutz wieder weg.

>>Das riecht wie ein original Radix Gnutzelius Simplex Simplicissimus<<, grunzte er ihm zufrieden entgegen.

Man muss wissen, dass die von den Morgos so heiß begehrte Wurzel eine sehr typisch penetrante Wolke hinter sich herzieht. Wenn man nach dem menschlichen Geruchssinn urteilt und ganz ehrlich ist, stinkt sie erbärmlich. Ihr kennt doch sicher diese Ausdünstungen von Socken, wenn man sie durchgehend fünf Tage bei Regenwetter in Gummistiefeln getragen hat. So in etwa riecht ein Gnutz, aber die Morgos sind ganz verrückt danach. Man kann sie damit regelrecht willenlos machen und so milde stimmen, dass sie für einen Gnutz um Gnade winseln würden. Um der Fresslust nicht schon vorher zu verfallen, steckte ihn Horwen schnell wieder ins Geheimfach.

>>So, dann bin ich es wohl, der dem Meister die Nachricht überbringen darf<<, sagte Horwen stolz und hängte das Bündel über seine Schultern.

Es dauerte eine Weile bis Gwent wieder klar denken konnte und der alte wahre Charakter, der durchaus nicht milde gestimmt war, zum Vorschein kam. Nun konnten die beiden ihren Weg durch die Nacht fortsetzen. Mit einer Machete schlugen sie sich den Weg durch das Dickicht frei, das sich aber nach dem Hindurchtreten sofort wieder schloss, als wäre hier niemals jemand gewesen. Plötzlich standen sie vor einem riesig großen Baum, der einen unglaublich breiten Stamm hatte. Etwa 100 Menschen hätten sich an den Händen halten müssen, um ihn umrunden zu können. Auf seinen Zweigen saßen kleine Feuergeister, die in den unterschiedlichsten Farben flackerten. Ihre Flammen warfen ein angenehm schwaches Licht ab, sodass die Morgos gut sehen konnten. Sie erblickten ein hölzernes Gesicht, durch dessen Nase ein goldener Türklopfer gezogen war.

>>Wir sind da<<, sprach Horwen leise.

>>Ja, ich glaube hier sind wir richtig. Das muss Umra sein, einer der besagten Geheimeingänge. Es ist das Tor, dass uns den Zutritt zum Herrn und Meister der Dunkelwelt gewähren muss .<<

Um die beiden herum regte sich nichts, es war totenstill, ganz so, als würde der Baum schlafen. Sie zitterten vor Angst, denn jetzt würde es nicht mehr lange dauern, bis sie das Reich der Finsternis betreten und ihm begegnen würden. Horwen zog Gwent an seinem Arm beiseite und flüsterte ihm zu.

>>Es wird Zeit, dass wir uns den Gnutz einverleiben!<<, sprach er nervös. Flink zog er ihn heraus, legte ihn in den Becher und zerdrückte ihn mit dem Steinmörser. Die entstandene Paste füllte er in den Kelch und übergoss sie mit dem Inhalt der blauen Phiole. Die wundersame Mischung fing zu sprudeln an und als sie sich aufgelöst hatte, war das Gebräu fertig, um von ihnen getrunken zu werden. Nach einigen kräftigen Schlucken stellte sich die Wirkung sofort ein. Von nun an hatten sie maximal zwei Stunden Zeit ihre Nachricht dem Herrscher zu überbringen, ohne dass er ihre Gedanken lesen und die Angst, die sie hatten, wittern konnte.

>>Nun ist es soweit, wir müssen ihn wecken<<, sagte Gwent und schaute seinen Gefährten auffordernd an.

Horwen klopfte mit dem goldenen Ring an das hölzerne Gesicht. Der Baum grummelte, dann riss er ruckartig die Augen auf. Seine Gesichtszüge sahen gefährlich grimmig aus.

>>Wer seid ihr und was wünscht ihr?<<, sprach er mit furchteinflößender Stimme.

>>Wir sind Diener des Fürsten der Finsternis und haben ihm eine wichtige Nachricht zu überbringen<<, sprach Horwen, der Dank des Gnutzes plötzlich nur so vor Mut strotzte.

>>Keine Nachricht kann so wichtig sein, dass man den Meister stört!<<, rügte er die beiden in einem harschen Ton.

>>Doch!<<, entgegnete Horwen, >>unsere Nachricht ist es. Also mach uns den Weg frei, sonst wirst du dafür bestraft werden, wenn er erfährt, dass du uns den Zutritt zu ihm nicht gewähren wolltest!<< Der Baum fing an in ein tiefes Gelächter zu verfallen, denn er glaubte ihnen nicht.

>>So so, ihr droht mir<<, spottete er lachend, dass die Äste wackelten und die Feuergeister auf und ab wippten. Irgendwie fand der Baum die Drohung belustigend und den Mut der beiden beeindruckend dreist.

>>Nun gut, ihr beiden Helden, ich werde euch den Weg freigeben. Habt ihr aber keine Nachricht, die von einer so ungeheuren Bedeutung ist, wie ihr behauptet, werdet ihr hier nicht mehr lebend herauskommen. Er ist erbarmungslos.<<

>>Das wissen wir<<, sprach Horwen und sah Gwent durchdringend an.

>>Damit ihr Euch nicht verlauft, dürft ihr zwei Feuergeister mitnehmen. Sie werden euch den Weg weisen.<<

Nun war es soweit, gleich sollte sich der geheime Eingang zum Reich der Finsternis öffnen. Die Morgos stellten sich vor Umra, der schloss seine Augen und riss seinen riesengroßen breiten Mund zu einem Tor auf. In die Tiefe des Baumes eingetreten, drehten sie sich kurz noch einmal um, dann erschallte lautstark seine brummige Stimme.

>>Wenn ihr euch nicht sicher seid, habt ihr jetzt noch die letzte Chance umzukehren.<< Doch Gwent und Horwen verneinten, sodass sich der Eingang schloss und es stockfinster wurde. Nur das schwache Licht der Feuergeister vor ihnen wies den Weg ins Ungewisse des Erdinneren. Dorthin schien es endlos und je weiter sie vor drangen, desto heißer schlugen ihnen die Luftmassen entgegen. Doch nach einer kurzen Weile veränderte sich etwas. Der Boden wurde steiniger und bebte, dann riss mit einem Mal plötzlich das Gestein unter ihren Füßen. Ein riesiger Spalt tat sich auf, sodass Gwent das Gleichgewicht verlor, abrutschte und sich im letzten Moment mit den Händen an der rissigen Wand festklammern konnte.

>>Halt mich!<<, schrie er.

>>Nicht loslassen Gwent, ich hab dich gleich!<<

>>Ich kann nicht mehr! Ich rutsche ab!<<

Im letzten Augenblick gelang es Horwen ihn zu packen und hochzuziehen.

>>Puh, dass war knapp<<, japste Gwent.

>>Das ist ja noch mal gerade gut gegangen<<, prustete Horwen und strich sich über sein dichtes Fell. Als beide wieder am Rande des steinigen Weges standen und hinunter schauten sahen sie, wie sich ganz tief unten glühend heißes flüssiges Gestein am Spalt hocharbeitete. Nun musste es wirklich schnell gehen. Hier durfte man sich nicht allzu lange aufhalten.

Die Feuergeister eilten zügig an der Wand entlang. Die gerade eben noch unerträgliche Hitze schlug schlagartig um, was ein sicheres Zeichen dafür war, dass es nicht mehr weit sein konnte. Die gegenwärtige Kälte des Fürsten durchdrang selbst das dickste Gestein. Sogar der Spalt im Boden schloss sich wieder und man wird es sich kaum vorstellen können, aber die Morgos mit ihrem dichten Pelz fingen bitterlich zu frieren an. Direkt vor einer kargen Felswand war die Kälte am schlimmsten. Dort glitten die Feuergeister mit ihren heißen Flammen an ihr vorbei. Das Gestein schob sich daraufhin auseinander und ein graues Gewölbe, das ganz tief nach hinten führte, kam zum Vorschein.

>>Ab hier müsst ihr nun alleine gehen. Unsere Reise ist hier zu Ende<<, sprachen sie zeitgleich, wie aus einem Munde und in der gleichen Stimmlage.

>>Aber warum?<<, sagte Gwent zu den beiden.

>>Wir dürfen ihn nicht stören. In den Räumen der Einsamkeit gilt das als oberstes Gebot. Außerdem können wir ihn auch gar nicht erreichen, denn nur, wer tatsächlich eine Nachricht von absoluter Dringlichkeit hat, ist in der Lage sie zu durchqueren. Es haben schon einige Dummköpfe so ihr Leben verwirkt. Sie haben versucht unter einem falschen Vorwand diese geheimen Gewölbe auszukundschaften, doch sie sind kläglich daran gescheitert. Diese Räume kann man nicht täuschen. Ohne Botschaft sind sie nicht zu bezwingen. Man kommt dort nicht von der Stelle und der Weg scheint ewig lang. Viele haben sich dort totgelaufen oder sind, als sie umdrehen wollten, zur Salzsäule erstarrt. Ihr werdet sie sehen. Auf diesem Wege gibt es kein zurück, nur ein Nach-Vorne, also dreht euch nicht um. Egal wie schlimm eure Gefühle sein werden, sprecht kein Wort!<<, mahnten beide.

>>Seid ihr tatsächlich angelangt, so drückt mit aller Kraft das Tor auf!<<

Gwent und Horwen schluckten einmal kräftig. Ihnen war klar, dass sie es einfach schaffen mussten, denn für die Unterwelt und ihren Gebieter war diese Nachricht wichtig. Ohne zu zögern betraten sie die Räume der Einsamkeit. Sofort durchzog die beiden eine tiefe innere Traurigkeit und Schwere. Mit einem entschlossen starren Blick, gerichtet auf das am Ende des Gewölbes liegende Tor, liefen sie den langen Gang entlang. Zuerst ging es zügig, doch nachdem sie ungefähr drei Viertel geschafft hatten, wurde es immer schwerer die Füße zu heben. Die Kräfte fingen zu schwinden an und jede Bewegung wurde langsam aber sicher zu einer Qual, doch gestöhnt oder geächzt werden durfte nicht, das wäre ihr Verderben gewesen. Gwent quälte sich und versuchte mit seinen beiden Händen die Füße vom Boden anzuheben, es gelang ihm nur sehr schwer, aber es funktionierte. Horwen machte es ihm nach und dann standen sie plötzlich auch schon vor dem großen Tor. Mit aller Kraft drückten sie dagegen, genau so, wie es ihnen gesagt wurde, doch nichts tat sich. Verzweifelt probierten sie es immer wieder, bis ihnen vor lauter Erschöpfung die Beine wegsackten. Die Traurigkeit füllte ihre Augen mit dicken Tränen. Ohnmächtig sahen sie sich an. Ihre Blicke sagten mehr als 1000 Worte und als sie sich in Morgisch voneinander verabschieden wollten, weil sie dachten, dass es nun mit ihnen vorbei sein würde, kullerten dicke Tränen von ihren Wangen. Ein letztes Mal wischten sie sich mit ihrer Hand über das Gesicht. Doch gerade als sie sich umdrehen wollten, um zur Salzsäule zu erstarren, geschah das Unglaubliche. Die mit Tränen benetzten Händen berührten zufälliger Weise das Tor und wie von Geisterhand, ohne jeglichen Druck, sprang es einfach auf. Da war es, dass manifestierte Böse. Nun standen sie ihm direkt gegenüber, dem Herrn der Finsternis.

Eine schwarze, riesengroße Gestalt mit Kutte saß auf einem Thron aus grauem Gestein. Neben ihr rechts und links Valare, eine Art Höllenhunde, mit riesigen Reißzähnen, glutroten Augen und Flügeln. Als sie Gwent und Horwen erblickten, richteten sie sich auf, als würden sie jeden Augenblick angreifen wollen. Erst ein schriller Ton aus dem Dunkeln pfiff sie zurück, sodass sie sich unverzüglich setzten.

>>Wer seid ihr, dass ihr es wagt, mich hier in meiner Einsamkeit zu stören?<<, zischte eine Stimme, die von der Gestalt auszugehen schien. Horwen trat einen Schritt nach vorne.

>>Wir sind Morgos und gehören zu eurem treu ergebenen Volk. Wir haben diesen langen Weg auf uns genommen, um euch eine Nachricht zu überbringen, die wir durch Zufall erfahren haben.<<

>>Hört, hört!<<, sprach er gehässig und strich seinen Valaren über die Köpfe.

>>Meine treuen Diener haben Neuigkeiten für mich, ha ha ha. Das habe ich ja schon lange nicht mehr gehört.<<

Sein boshaftes Gelächter ließ die Morgos unberührt und gleichgültig. Kein Zittern und kein Zähne klappern war bemerkbar. Die Wirkung des Gnutzes war wirklich erstaunlich und brachte selbst den Fürsten der Finsternis ins Stutzen.

>>Ich sehe, ihr habt keine Angst. Das ist recht ungewöhnlich, aber durchaus interessant, also gewähre ich euch zu sprechen. Was ist das für eine Nachricht?<<, fragte er.

>>Herr und Meister<<, antwortete Horwen, >>wir haben zwei junge Elfen belauschen können, als sie sich ein Geheimnis zugeflüstert haben.<<

>>Geheimnis?<<, rief er erbost.

Horwen ließ sich von der lauten Stimme nicht beirren und sprach einfach weiter, denn die Zeit rannte ihnen davon.

>>Ja, Meister, heute wird auf dem Blocksberg eine Tagung stattfinden. Die Elfen sprachen darüber, dass etwas Großartiges passieren wird. Sie flüsterten, aber wir haben es mit unserem sensiblen Gehör wahrnehmen können. Wir wissen nicht genau, worum es geht, aber wir, als eure untertänigsten Diener, wollten euch diese Nachricht nicht vorenthalten.<<

Der Herr der Finsternis erhob sich aus seinem Stuhl und ging unruhig umher, dann drehte er sich zackig zu den Morgos.

>>Ich werde sieben meiner untergebensten Diener entsenden und herausfinden, was das alles zu bedeuten hat. Für eure Treue sollt ihr angemessen entlohnt werden<<, sprach er boshaft und lachte laut, und zwar so laut, dass sich seine Valare vor Angst duckten.

>>Ihr habt euch für mein Reich als nützlich erwiesen. Das kann ich beileibe nicht von allen meinen Dienern sagen und deshalb werde ich mich ausnahmsweise mal großzügig erweisen. Ich werde euch etwas schenken, und zwar das, was euch das Liebste ist, nämlich euer Leben. So und nun geht hinter meinen Thron und streicht über den Diamanten an der Tür, bevor ich es mir anders überlege! Das habe ich nämlich noch nie gemacht. Es wird sich die Halle des Vergessens öffnen und alles, was ihr hier gesehen habt, erlischt. Seid ihr durch sie hindurchgegangen, gelangt ihr weit aus meinem Reich hinaus. Irgendwann erreicht ihr eine große Klatschmohn-Blumenwiese. Dort fallt ihr in einen tiefen Schlaf und wenn ihr aufwacht, dann werdet ihr wieder zu Hause sein.<<

Der Fürst trat zur Seite und wies ihnen den Weg hinter den Thron. Gwent und Horwen verneigten sich und zögerten nicht eine Sekunde lang den Diamanten zu reiben, sodass sich die Tür zur Halle des Vergessens auftat. Rasch gelangten sie nach draußen in die Dunkelheit der Nacht, wo ihnen irgendwann der süßliche Duft des Schlafmohns entgegentrat und sie so müde machte, dass sie in tiefe Träume fielen.

Der Herrscher der Dunkelheit rief inzwischen seine bedeutendsten Hexer, die sieben Torwächter zu sich, um herausfinden zu lassen, was für eine Nachricht der Unterwelt verborgen bleiben sollte.

Hexentagung am Blocksberg

Die Nachricht, dass ein Geheimnis existieren soll, verbreitete sich in der Unterwelt wie ein Lauffeuer. Selbst Wespen, Spinnen und Kellerasseln erfuhren, dass die Torwächter unterwegs nach Eulalia waren. Etwas verspätet, aber völlig unbemerkt von den guten Hexen, Feen, Zauberern und Elfen machten sie sich auf den Weg, um dem Geheimnis auf die Spur zu kommen.

Normalerweise bewegten sich die Wächter auf ihren großen dunkelblauen Besen durch die Lüfte von Miramahelia. Nur dieses Mal waren sie in schwere Flugmäntel, die mit dicken Kristallknöpfen bestückt waren, gehüllt. Dazu trugen sie einen großen breiten Hexenhut und dunkelblau geschwungene Hexenschuhe mit einem dicken Absatz. Um zum Blocksberg zu gelangen mussten die Hexer ihre Mäntel zuknöpfen, dann drehten sie sich einmal um ihre eigene Achse und stampfen zweimal kräftig auf den Boden. Schwups, waren sie auch schon am gewünschten Ort. In ihren Hexengewändern landeten die sieben Torwächter auf dem Blocksberg und setzten sich nach ihrer Ankunft, als Fliegen verwandelt, auf die Schultern einiger noch nicht in den Blocksberg eingetretener guter Hexen, die sie, ohne es zu wollen, in die geheimsten kristallreinen Räume trugen. Dort eingedrungen flogen die Fliegen unbemerkt an die dunklen Stellen der Wände und verfolgten ungestört den Ablauf des Geschehens.

An einer magischen Tafel aus lilanem Samt saßen die Anwesenden erwartungsvoll. Die Elfchen tuschelten und flirrten fröhlich aufgeregt umher, sodass ihre wunderschön seidig glänzenden Flügel zu leuchten anfingen und eine leise Melodie erklang. Man konnte kleine hüpfende Noten durch den Raum schweben sehen, die, wann immer sie gegen die Kristallwände prallten, diese in den buntesten Farben zum Schillern brachten. Plötzlich erhob sich ein etwa 2,20 Meter großer alter Zauberer in einem grün-violetten Gewand mit Kapuze und es wurde mucksmäuschenstill. Mit einem verschnörkelten alten Haselnussstab stampfte er dreimal auf den Boden und zog seine Kapuze zurück. Zum Vorschein kam langes weißes Haar. Seine anmutige Erscheinung betonte seine Weisheit, die den Raum durchflutete. Aufmerksam schaute er einmal in die Runde, nickte zur Begrüßung und dann begann er mit seiner Rede.

>>Hexen, Zauberer, Elfen von Miramahelia, hört mich an. Ich Loremar, höchster Zauberer Miramahelias, Hüter des Friedens, verkünde euch die Geburt eines Jungen, der Miramahelias größter Zauberer und Beschützer des Reiches werden könnte, wenn er seiner Bestimmung begegnet!<<, sagte er und bewegte sich unruhig durch den Raum.

>>In ihm liegt die ganze Hoffnung auf Frieden und Glück unseres Reiches.<< Ein Raunen ging durch die Tischrunde.

>>Was ist das für ein Junge, der geboren werden soll? Kommt er von hier oder aus dem Reich der Menschen?<<, zischte eine Hexe.

>>Das weiß keiner<<, hielt sich Loremar bedeckt.

>>Es ist nicht gewiss woher und wann er kommen wird<<, sagte er und zupfte auffällig nervös an seinen 1,50 m langen weißen Bart herum, als wüsste er mehr.

>>Es ist auch nicht klar, ob er sich tatsächlich gegen die finsteren Mächte zu wehren vermag. Falls nicht, bedeutet es den Untergang unseres Reiches und damit ein Leben in Finsternis.<<

>>Wie können wir das verhindern?<<, rief eine Hexe.

Loremar zeigte mit seinem Finger auf einen blauen Kristall. Mit den Händen strich er sanft über seine Oberfläche und sofort begann dieser zu leuchten.

>>Seht ihr diesen Kristall? Er ist rein und glänzend wie die Seele eines neugeborenen Kindes, wenn wir ihn auf den richtigen Pfad führen, wird er mit seinen Aufgaben wachsen können. Wenn er geboren ist, so ist es unsere Aufgabe, ihn in die heiligen Schriften der Loren zu unterweisen.<<

Kaum hatte Loremar den Satz zu Ende gesprochen, drang ein lautes Geräusch durch den Raum. Es war das Husten einer der Fliegen. Das Echo wurde hin und her geworfen und ließ alle zusammenzucken.

>>Was war das und woher kam das?<<, rief eine Hexe. Die Elfchen flogen verängstigt durch den Raum. Ihre Flügel färbten sich in ein kaltes Blau, was immer ein Signal dafür war, das sich Ungutes in der Nähe aufhielt.

>>Es scheinen Eindringlinge unter uns zu sein. Wo auch immer dieses Geräusch herkam, es hat uns ein Zeichen gegeben, dass wir jetzt die Tagung beenden und uns in alle Winde verstreuen müssen<<, sprach der weise Weißmagier mit mahnender Stimme, verneigte sich und nahm den blauen Kristall wieder in seine Obhut.

Die Anwesenden standen auf und traten durch das dicke Gestein des Blocksbergs, ohne auch nur zu ahnen, dass sie die Torwächter genauso unbemerkt wie sie hineingekommen waren, auch wieder hinaustrugen. Nachdem sich alle zurück auf den Heimweg gemacht hatten, verwandelten sich die Fliegen zurück in ihre wahre Gestalt, die so abgrundtief böse und hässlich erschien, dass ein normaler Mensch kaum den Anblick hätte ertragen können. Ihre Namen bleiben hier größten Teils verschwiegen, denn mit ihnen könnte man schlimmes Unglück herbeiführen.

Voller Wut schrie der Oberste der sieben Gestalten herum und fluchte, dass sich Felsen vom Blocksberg ablösten.

>>Potz Blitz, wer von euch war das?<<

Keiner wagte es sich zu melden.

>>So so, niemand, was? Wie werden wir es unserem Meister beibringen, dass wir nicht erfahren konnten, wo dieses Kind geboren wird und wo wir es finden können?<<

>>Das ist eine gute Frage<<, sagte einer der Sieben .

>>Es bleibt uns keine Wahl, wir müssen zurückfliegen und ihm alles berichten. Er weiß es sowieso schon, denn er hat das Geschehen über unsere Mantelknöpfe, die aus Mahelia- Steinen sind, verfolgen können.<<

Ruck zuck machten die Torwächter von ihren Flugmänteln Gebrauch und standen in Nullkommanichts vor dem Fürsten, der vor Wut schäumte. Auch seine Valare waren aufgebracht und bereit sich auf Beute zu stürzen, würde er nur ein Signal dazugeben.

>>Wie konntest du es wagen zu husten<<, schrie der Fürst Malur an, der kleinlaut einen Schritt aus der Reihe in den Vordergrund machte.<<

>>Ich, ich, ich ...<<, stotterte er und wurde sogleich harsch zurechtgewiesen.

>>Hör zu stottern auf!<<, schrie er cholerisch.

>>Du wirst es sein, der herausfindet, wo dieses Kind geboren wird. Suche überall nach dem, was nicht ausgesprochen wurde und finde die Antwort! Wage es nicht wieder vor meine Augen zu treten, bis du weißt, was zu tun ist. Verfolge jede Spur, auch die, die in die Menschenwelt führt! Achte darauf, dass dich dort keiner entdeckt! Du weißt, dass ich dort drüben keine Macht habe. Setze den Djenn auf, so wirst du unsichtbar, damit dich keiner sehen kann! Lege dort, wo du eine Spur findest, einen Mahelia-Stein aus! So erhalte ich die Möglichkeit, immer wieder einen Blick in die Menschenwelt werfen zu können, auch wenn ich sie jetzt noch nicht betreten kann.<< Malur nickte kleinlaut.

>>Mein Herr und Meister, ich werde es herausfinden und wieder gutmachen, was ich verdorben habe.<< Der Fürst ließ einen Beutel schweben, der sich Malur vor die Füße legte.

>>Nimm ihn!<<, zischte er boshaft.

>>Er ist gefüllt mit Mahelia-Steinen. Nun geh!<<, fuhr ihn der Fürst an. Malur trat zurück in die Reihe der Sieben und verneigte sich demütig.

>>Für euch anderen Sechs heißt das aber nicht, dass ihr euch ausruhen dürft. Nein, ihr habt eure Augen und Ohren offen zu halten und mich bei jedem auch nur so kleinen Hinweis zu benachrichtigen!<<, sprach er zornig, setzte sich auf seinen steinernen Thron und befahl den Torwächtern mit nur einer kleinen Handbewegung seine Gewölbe zu verlassen.

Malurs Suche begann sofort, da er aber erst in Miramahelia zu suchen anfing, blieb ihm verborgen, was sich in der Zwischenzeit in der Menschenwelt abspielte.

Ein Unwetter

Auch in Eulalia wurde immer deutlicher, dass das, was sich an Unruhe dort zusammengebraut hatte immer stärker wurde. Seit mehreren Tagen schon herrschte in der Luft diese eigenartige Spannung, die nicht erklärbar war, auch nicht damit, dass man eifrig für den Silvesterabend vorbereitete. Trotz leichten Schneefalls herrschte auf den Straßen großes Gewimmel. Die dünne Schneeschicht lag nur ganz eben auf den Gehwegen und hüllte die Stadt ein, sodass man das Gefühl hatte, mitten in einem Traum zu sein. Alles in den Schaufenstern war herrlich bunt geschmückt. Girlanden, Luftschlangen, Lampions und Lichterketten, die aufblinkten, luden zum Einkaufen ein.

Die Stadtbewohner waren natürlich schon fleißig am Werkeln. Viele Mütter und Omas fingen schon vormittags wunderbar zu backen an, sodass aus allen Londoner Schornsteinen helle Rauchschwaden quollen. Durch die Kälte schienen sie besonders dicht, fast wie Watte. Dem leckeren Duft von Krapfen und Zuckergebäck konnten auch die Katzen nicht widerstehen. Bei dem Aroma spazierten sie umso lieber auf den Dächern und Schornsteinblechen hin und her, um sich ihre kalten feuchten Tatzen aufzuwärmen. Außerdem konnte man von hier oben prima beobachten, wie die Menschen sich auf den Weg machten, um ihre letzten Erledigungen für den Silvesterabend vorzunehmen. Vom Tischfeuerwerk bis zu laut tosenden Knallern und Raketen wurde einfach alles gekauft. Die Eulalen konnten ja nicht wissen, dass der Brauch, das neue Jahr mit Krach und viel Getöse einzuleiten, um böse Geister zu vertreiben, totaler Irrglaube war.

Eigentlich lief bis ungefähr 14 Uhr des Silvestertages noch alles ganz normal, als sich plötzlich am Himmel etwas Unvorhergesehenes abspielte. Der Mond schob sich vor die Sonne und verdunkelte alles. Die Katzen in den Gassen und auf den Dächern hörten zu maunzen auf. Menschen blieben auf den Straßen stehen und wunderten sich, warum es ganz plötzlich so dunkel geworden war, liefen dann aber zu ihren Häusern, um dort weiterzumachen, wo sie stehen geblieben waren. Kurzum störten sie sich nicht weiter an diesem Phänomen. So auch der Bonbonhersteller Appelquee. Er produzierte noch die letzte Spezialmischung Silvesterkaramellen für seine Familie und der Zauberwarenhändler Dudemaker erprobte für die Feier zu Hause einige spaßige Artikel seines Sortiments. Der Buchhändler Prittel jedoch dachte nicht daran an Silvester zu lange zu arbeiten und schloss schon um 16 Uhr seinen Laden, um seiner hochschwangeren Frau noch die gewünschten sauren Gurken und einen riesigen Korb mit Süßigkeiten für zwischendurch zu besorgen. Er selbst gönnte sich noch ein paar Manschettenknöpfe aus reinem Sterlingsilber. Ja, Mr. Prittel wusste, was gut aussah und man kann sagen, dass er ein richtiges Faible für Schmuck hatte und ihn sehr gerne trug. Er selbst behauptet von sich, es unterstreiche seinen Typ, was auch immer das bedeuten sollte. Zum romantischen Silvesteressen zu zweit gehörte es für ihn außerdem einfach dazu, sich in Schale zu werfen.

Stunden vergingen, mittlerweile war es 21 Uhr abends und die Gassen waren wie leer gefegt. Wenn man von außen in die Fenster schaute, sah man schon viele Familien an ihren Tischen sitzen, in der Erwartung, dass die Mütter das leckere Essen anrichten würden. Von gebratenen Enten mit Rotkohl und Kartoffelklößen bis hin zu flambierten Pfannkuchen gab es einfach alles, was das Herz begehrt, sogar Erdbeereisbomben mit Wunderkerzen. Andere Familien wiederum waren schon mit dem Essen fertig und fingen mit einem kleinen Tischfeuerwerk oder Gesellschaftsspielchen an. Wenn man gemeinsam gemütlich zusammensaß und einen Blick durch das Fenster warf, bemerkte man in dem Lichte der Straßenlaternen, wie sich draußen ein leichtes Schneewehen anbahnte.

Auch Mr. und Mrs. Prittel saßen in Ihrem Esszimmer. Beide hatten sich ihre beste Abendrobe angezogen. Er trug einen schicken, schwarz-rot karierten Anzug mit den neuen Manschettenknöpfen und sie ein original Designer Schwangerschaftskleid von Prölle und Knöppke aus grünem Samt.

>>Schatz, du siehst ja richtig bezaubernd aus<<, staunte Mr. Prittel, der gar nicht damit gerechnet hatte, dass seine hochschwangere Frau, die mittlerweile die Figur einer trächtigen Kuh hatte, in das Kleid passen würde.

>>Was soll denn das heißen Robert?<<, sagte sie entrüstet und bekam von jetzt auf gleich einen puterroten Wutkopf. Seine überraschten Blicke waren wohl zu eindeutig.

>>Bin ich dir im hochschwangeren Zustand etwa nicht mehr hübsch genug? Nur weil ich schwanger bin, heißt das noch lange nicht, dass man in grobem Sackleinen herumlaufen muss. Du tust ja geradeso, als würde ich nichts anderes mehr tragen können<<, meckerte sie und warf ihr schwarzes lockiges Haar schnippisch über die Schulter.

>>Außer, dass ich beim Duschen nicht mehr meine Füße sehen und mir nicht mehr alleine die Schnürsenkel zubinden kann, hat sich an mir definitiv nichts verändert<<, zickte sie herum. Das war eine klare Ansage. Mr. Prittel traute sich deshalb schon fast gar nicht mehr einen Laut von sich zu geben, tat es aber dann doch, damit der Abend noch ein nettes Ende nehmen würde.

>>So war das doch gar nicht gemeint, mein Schatz<<, sprach er mit ruhiger Stimme.

>>Wie denn sonst?<<, schnaubte sie. Jetzt durfte er kein verkehrtes Wort mehr in den Mund nehmen, sonst wäre seine Frau explodiert. Seit sie schwanger war, hatte sie nämlich solche unberechenbaren Launen, dass selbst ihre Schüler in der Schule darunter zu leiden hatten. Letztes Mal in der Schule, als die Klasse nicht ruhig war, konnte sie sich nicht mehr zurückhalten. Erst flogen kleine Kreidestücke und dann ein Schlüsselbund. Zum Glück wurde kein Kind getroffen! Aber es kam noch schlimmer. Bei Schülern, die herum kippelten, nahm sie die Heißklebepistole und fixierte den Stuhl am Boden. Wippten sie dann immer noch auf ihm herum, nietete sie in ihrem Brass die Hosen der Zappelphilipps mit einem Tacker fest. Das ging natürlich gar nicht und so hatte der Schulleiter ihr verständnisvoller Weise umgehend bis zur Entbindung freigegeben. Jetzt kann man sich ungefähr vorstellen, warum Mr. Prittel so vorsichtig sein musste, wenn er den Abend noch friedlich verbringen wollte.

>>Roisin, meine Prinzessin, beruhige dich doch! Du hast mich völlig falsch verstanden. Ich finde dich nach wie vor bezaubernd und alle anderen Männer würden mich beneiden, wenn sie sehen würden, wie sehr dieser grüne Samt deine Schönheit unterstreicht und sowieso ist Grün ja absolut deine Farbe. Hätte ich gewusst, wie unglaublich gut sie dir zu Gesicht steht, hätte ich dir noch einen smaragdgrünen Ring geschenkt. Das werde ich nach Silvester natürlich umgehend nachholen<<, schmeichelte er ihr.

Genau diese wohltuenden Worte brauchte sie jetzt und siehe da, von jetzt auf gleich war sie sofort wieder gut gelaunt. Völlig zufrieden mit Roberts Antwort drückte sie sich schnell noch ein paar von den leckeren sauren Gurken in den Mund und kaute genüsslich darauf herum. Das erinnerte ihn ganz stark an etwas.

>>Muuh<<, sagte Mr. Prittel und räusperte sich.

>>Hä?<<

>>Ich wollte sagen Muuhtti wirst du ja schon bald!<<

>>Also Schatz, dass ich dich immer so missverstehe<<, brabbelte sie mit vollem Mund und lächelte so merkwürdig, dass man die einzelnen grünen Stückchen sehen konnte. Unglaublich diese Parallelen zur Tierwelt, dachte er sich und beobachtete, wie sie kaute. Das sah fast aus wie Gras zwischen Mahlzähnen. Nur noch das Wiederkäuen fehlte, was hoffentlich ausblieb.

>>Ach Schatz, wie kommt es eigentlich, dass ich immer so ein komisches Zeug denke?<<, sprach sie laut vor sich her und drückte sich ein Gürkchen nach dem anderen zwischen die Mundwinkel.

>>Entschuldige, dass ich immer so ungehalten bin, aber ich kann da eigentlich gar nichts für. Du weißt ja, die Hormone spielen verrückt<<, sagte sie, rülpste ungehalten, fächerte sich mit einer Serviette Luft zu und stand dann auf.

>>Du brauchst dich doch nicht zu entschuldigen<<, antwortete er und musste sich dabei kräftig auf die Zunge beißen, um nicht lauthals loslachen zu müssen, denn so ein unkultiviertes Verhalten hatte seine Frau noch nie an den Tag gelegt.

>>Schatz, wie wäre es, wenn wir mit dem Essen beginnen würden, denn wie ich sehe, ist der Tisch gedeckt.<<

>>Das ist eine gute Idee, ich habe auch schon richtig Hunger<<, sagte sie, verschwand kurz in der Küche und rollte mit einem Handwagen das Menü ins Zimmer. Bei diesem Schmaus hatte sie sich mit ihren Kochkünsten selbst übertroffen! Sogar der Nachtisch war selbst gemacht.

Es wurde gegessen und gegessen, bis die beiden vom Essen so müde waren, das sie sich überlegten vor dem eigentlichen Feuerwerk noch ein kleines Verdauungsnickerchen zu machen.

Kurz vor 24 Uhr bauten die Leute der Nachbarschaft das Feuerwerk auf um das neue Jahr zu begrüßen und da geschah etwas sonderbar Unvorhergesehenes. Die Wolken verdichteten sich direkt über einem alten Haus in der Square Stone Gasse. Es war das Haus der Prittels. Fledermäuse flatterten erschreckt und nervös aus dem Dach hervor, sie waren die Ersten, die mitbekommen hatten, dass bei Mrs. Prittel nach dem Genuss der reichhaltigen Mahlzeit plötzlich die Wehen einsetzten und aus dem Verdauungsschläfchen eine Geburt werden sollte. Auch den Raben blieb das Schmerzgestöhne von Mrs. Prittel nicht verborgen und so erreichte auch sie die Nachricht der bevorstehenden Geburt. Als die Glocke der Kirche dann Mitternacht schlug und die Raketen flogen, geschah es. Larris Prittel erblickte das Licht der Welt. Im gleichen Augenblick schlug aus dem Nichts der Blitz in das Haus ein. Irritiert von dem lauten Knall sprang Mr. Prittel verschreckt von der Bettkante seiner Frau hoch, an der er noch eben völlig überraschend die Hebamme spielen musste.

>>Es wird doch wohl nicht der Heizkessel im Keller gewesen sein, der explodiert ist, Robert?<<, röchelte sie erschöpft.

>>Hoffentlich nicht Roisin, hoffentlich nicht<<, wiederholte er unruhig und zögerte seiner Frau von der Seite zu weichen.

>>Schau bitte nach, ich komme hier schon alleine klar!<<, sagte sie und wickelte ihren Spross in das Handtuch.

Wie von der Tarantel gestochen rannte Robert die Treppe hinunter. Unten angekommen stieg ihm ein ungewöhnlicher Geruch in die Nase.

>>Hier riechts wirklich seltsam, aber kein Grund zur Unruhe. Bleib bloß liegen! Kümmere dich um unseren Sohn und reg dich nicht auf! Bin gleich wieder da<<, rief er zu Roisin die Treppe hoch.

>>Alles in Ordnung da unten? Kannst du irgendetwas sehen?<<, schallte es lauthals aus dem obersten Stock herunter.

>>Bislang habe ich nichts gefunden<<, drang nicht mehr zu ihr vor, denn der Kleine hatte sich von der Lautstärke ihres Rufens fürchterlich erschreckt und brüllte nun wie am Spieß. Die Farbe seines Kopfes glich der einer reifen roten Tomate. Mrs. Prittel wurde angst und bange, dass ihrem Neugeborenen von seinem Geschrei womöglich noch eine Ader im Kopf platzen könnte und so versuchte sie ihn durch sanftes Hin- und Herwiegen zu beruhigen.

In der Zwischenzeit durchstöberte Mr. Prittel konzentriert die Räume und führte dabei Selbstgespräche.