Mirella Kapa - Anesa Zimt - E-Book

Mirella Kapa E-Book

Anesa Zimt

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Beschreibung

Wenn du erfährst, dass dein Leben eine Lüge ist - kann die Wahrheit dich retten? Gerade als Mirella dem Tod entkommt, erfährt sie, dass sie der Grund für den Weltuntergang und gleichzeitig die Rettung der Erde ist, ohne zu wissen, warum. Dien rettet ihr in letzter Sekunde das Leben, doch dabei stirbt eines seiner Familienmitglieder. Verzweifelt fliehen er und Mirella im letzten Augenblick vor Frost, den Eiszwergen und Mr. Lostsoul in die Vergangenheit. Auf der Flucht entwickeln sich Gefühle zwischen den beiden, und obwohl ihre Erinnerung gelöscht wurde, beginnt Mirella zu ahnen, dass Dien einst ihre große Jugendliebe war ... Mirella ist beinahe am Ende. Sie hungert, friert und trauert ihrem alten Leben hinterher. Dem Leben, in dem sie ein berühmtes Model und die Welt noch nicht im Chaos versunken war. Doch Mirella ist keinesfalls gewöhnlich. Das wird immer deutlicher, als sie sich plötzlich gegen dunkle Mächte stellen muss und erfährt, dass sie die Auserwählte ist, die die Welt retten soll. Sie begibt sich auf eine gefährliche Reise, auf der ihr Licht und Schatten, Gut und Böse begegnen und an deren Ende sie in erster Linie gegen sich selbst kämpfen muss. Dabei steht nicht nur ihr eigenes Leben und das vieler Menschen auf der Welt auf dem Spiel, sondern auch die Liebe zu ihrem Begleiter Dien. Ein magisches Abenteuer wartet auf euch! Viel Spaß beim lesen!

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Seitenzahl: 327

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Über dieses Buch: Mirella ist beinahe am Ende. Sie hungert, friert und trauert ihrem alten Leben hinterher. Dem Leben, in dem sie ein berühmtes Model und die Welt noch nicht im Chaos versunken war. Doch Mirella ist keinesfalls gewöhnlich. Das wird immer deutlicher, als sie sich plötzlich gegen dunkle Mächte stellen muss und erfährt, dass sie die Auserwählte ist, die die Welt retten soll.

Sie begibt sich auf eine gefährliche Reise, auf der ihr Licht und Schatten, Gut und Böse begegnen und an deren Ende sie in erster Linie gegen sich selbst kämpfen muss. Dabei steht nicht nur ihr eigenes Leben und das vieler Menschen auf der Welt auf dem Spiel, sondern auch die Liebe zu ihrem Begleiter Dien.

Die Autorin: Anesa Zimt wurde 1981 in Westdeutland geboren. In ihren Romanen nimmt sie ihre Leser mit in ihre Welten, die die Spielplätze ihrer Fantasie sind. Autorin zu sein ist für Anesa Zimt nicht nur eine Berufung, sondern ein wahrgewordener Traum. Am liebsten liest sie selbst Fantastisches und Märchenhaftes. Ein Faible dafür wurde ihr bereits in die Wiege gelegt, da ihre Mutter ebenfalls eine unverbesserliche Träumerin ist. Wenn sie nicht schreibt, dann genießt sie die Zeit mit ihrer Familie.

Inhalt

Prolog

Ein Mädchen kämpft

Die ersten Begegnungen

Das Unerwartete

Die Rückkehr

Der erste Besuch

Altes, neues Zuhause

Neinomognum

Vater oder Feind?

Die Flucht

Die Königin

Arelons Rückkehr

Mirellas Geheimnisse

Die Schlacht

Prolog

Es war ein kalter und dunkler erster Frühlingstag am einundzwanzigsten März. Immer noch lag eisiger Schnee, der alles Leben unter sich erstickte. Kahle Bäume, die vor sich hin faulten, ragten mit den Spitzen aus der eiskalten Decke heraus, als wollten sie nach etwas greifen, um sich aus der kalten Umarmung zu befreien, während Eiszapfen die Äste daran zu hindern versuchten. Der Wind war so beißend, dass er die liegende weiße Decke in Eis verwandelte, während der ununterbrochen fallende Schnee die glatte spiegelnde Oberfläche immerfort mit kleinen Flocken verdeckte. In dieser Zeit war es überall unerträglich still. Kein Ton des Lebens konnte die Kälte durchdringen. Die Menschen hatten sich in ihre warmen Häuser zurückgezogen. Ungeduldig warteten sie darauf, dass die Sonne endlich wieder alles erwärmt und das Leben zurückbringt. Aber trotz aller Hoffnung, die jedes Lebewesen auf dieser Welt hegte, kam nach dem harten Winter kein Frühling und erst recht nicht der Sommer. Die Sonnenmonate waren so kalt wie die Eiszeit selbst.

Nachdem die Vorräte der menschlichen Gattung fast erschöpft waren und die Tiere begannen nacheinander zu sterben, versuchten die Klügsten dieser Rasse eine Antwort auf und eine Lösung für dieses Problem zu finden. Doch sie waren machtlos. Es war unglaublich, wie bedeutungslos und schwach die Menschen waren, obwohl sie bis dahin in der Welt die Vorherrschaft besessen hatten. Sie beherrschten zuerst das Feuer und danach die Tiere. Sie pflanzten sich Nahrung an und hatten es dadurch im Leben leichter. Sie konnten sesshaft werden und waren nicht mehr von gesammelter oder gejagter Nahrung abhängig. Diese Tatsache führte dazu, dass die Bevölkerung stieg und dass sich Dörfer, Städte und Länder bildeten. Sogar das war dem Menschen nicht genug gewesen. Die Natur hatte nichts mehr zu sagen, sie beherrschten diese Welt. Ihr Wissen auf allen Gebieten brachte sie dazu, Krankheiten zu heilen, Lokomotiven zu bauen und Länder zu verbinden, indem sie durch die Berge Tunnel brachen. Sie besaßen Fahrräder und Autos, die fast von selbst fuhren. Strom, der ihnen Licht, warmes Essen und Wärme bot. Das so lebenswichtige Wasser floss von selbst kristallklar in die Häuser. Sogar die Luft gehörte jetzt ihnen, Menschen und Gepäck überfüllter Flugzeuge flogen mit den Vögeln in den Süden, wenn es im eigenen Land zu kalt wurde. Radio und Fernseher ließen in die Ferne hören und sehen. In Büchern wurden Erkenntnisse festgehalten, das Wissen der Menschen verbreitete sich in der ganzen Welt. Aber gegen diese Naturkatastrophe konnten sie nichts ausrichten. Sie mussten zusehen, wie die menschliche Rasse für immer auszusterben drohte. War jetzt die Zeit gekommen, in der sich die Natur ihre Herrschaft über die Erde wiederholte? So vergingen die unerträglichen langen Jahre. Hungersnot, Krankheit, Neid und Hass gab es bei Mensch und Tier.

Die letzten Geschäfte waren geplündert und auf den Straßen regierte Chaos. Das Leben starb bis auf sehr wenige magere und seelenlose Gestalten aus. Ihre Haut war unaussprechlich trocken. Jedes Haar am Körper fiel ihnen aus und nach einer Zeit ähnelten sie den Menschen nicht einmal mehr. Sie wurden zu den neuen Bewohnern der Erde. Ausschließlich diese Wesen streiften noch durch die Wälder und Straßen, immer auf der Suche nach etwas zu essen. Einen Leichenschmaus.

Ein Mädchen kämpft

Mirella war nur froh, gesund und am Leben zu sein. Sie war der letzte richtige Mensch, der noch in dieser eiskalten Hölle existierte. Sie war ein Niemand und hatte trotzdem diese Kälte und alles Böse, was in ihr lebte, besiegt, obwohl sie nicht die Klügste, Stärkste oder gar die Mutigste war. Ihrer Meinung nach hatte sie einfach Glück gehabt. Die Angst war ihr größter Lehrmeister gewesen. In ihrer bitteren Einsamkeit hatte sie mehr als genug Zeit gehabt, über ihr schnell gelebtes Leben nachzudenken. Nie hatte sie wirklich ein Zuhause gehabt, dafür viel Arbeit und Kummer. Es war nicht leicht gewesen, in einer Großstadt wie Mungomonien reich und berühmt zu werden. Diese Stadt lebte ständig im Wettbewerb mit anderen Großstädten, die ebenfalls nach Auszeichnungen für Wirtschaft, Kultur, Umwelt oder Soziales begierig waren, um als beste Stadt des Landes Nila gekürt zu werden. Es gab dort Hochhäuser, welche nachts um die Wette leuchteten. Diese waren aber nichts gegen die kilometerlangen Einkaufsmeilen, deren Geschäfte vierundzwanzig Stunden offen hatten. Dort konnte alles gekauft werden, was es auf dieser Welt gab. Die Straßen und Gehwege mussten immer perfekt glänzen. Menschen wurden dafür bezahlt, ständig und andauernd jeden noch so kleinen Krümel vom Boden aufzusammeln, der sich in ihrem Arbeitsbereich befand, während andere über diese Krümelsammler wachten, ob sie auch wirklich ihre Tätigkeit ordentlich genug durchführten. Oft trugen die Menschen Schuhe mit frisch gewaschenen Sohlen, bevor sie ihr Zuhause oder die Arbeit verließen. So waren sie nicht gezwungen, zusätzliche Schmutzsteuer zu entrichten, mit dem eben diese bezahlt wurden. Der Stadtpark blühte stets in den prächtigsten Farben, die man sich nur vorstellen konnte. Und aus dem Blumenmeer hatte man noch aufwendigere Bilder der berühmtesten Gebäude und Menschen dieser Stadt hergestellt. Wahre Kunstwerke kamen zum Vorschein.

In gleicher Weise wie diese Stadt mussten die Menschen funktionieren. Darum hatte Mirella gelernt, hart und diszipliniert zu sein. Früher, bevor die Welt im Schnee erstickte, hatte sie sich mehr anstrengen müssen, um allen auf der Arbeit zu gefallen. Aufgrund ihrer Andersartigkeit hatte sie sich immer ausgeschlossen gefühlt und ständig das Gefühl gehabt, mehr als alle anderen Leistung erbringen zu müssen, um an ihr Ziel zu gelangen. Dadurch hatte ihr Privatleben so sehr gelitten, dass sie keines mehr zu besitzen schien. Gegessen hatte sie damals auch wenig vor ständiger Arbeit als Model und Schauspielerin. Und Einsamkeit war ihr lieber als eine verlogene Umgebung. Sie lächelte Menschen mühsam an, obwohl sie genau wusste, was sie in Wirklichkeit von ihr hielten. Manche von ihnen warteten nur darauf, dass sie einen Fehler machte, um diesen für sich zu nutzen. Ausrutscher, die teuer bezahlt werden mussten. Oft dachte sie an ihre einsame Kindheit zurück. Aber diesen Gedanken schob sie lieber weit weg und träumte dafür von den sehr wenigen schönen Momenten, die sie als Kind erleben durfte. Von einem Leben vor dem Unglück in der besagten Nacht, das sie zu dem Menschen gemacht hatte, der sie geworden war. Als Unvollkommene perfekt zu werden. Auch wenn sie als Erwachsene in den besten Häusern und Hotels lebte und eine Villa in der teuersten Straße der Siedlung besaß, war sie selbst nicht inmitten dieser Pracht der Großstadt aufgewachsen, sondern in einer kleinen bescheidenen Dreizimmerwohnung in der Kastanienallee vierundzwanzig am Rande der Stadt. Ihre Eltern konnte sie sich gerade noch leisten. An diesem Ort war es nicht wichtig, wie es aussah. Auf diesen Fleck lebten nicht die Reichen oder Berühmten, sondern Menschen mit Herz und Verstand. Eigentlich waren die Bewohner weit weg von der leistungsfördernden Stadt und dem überfüllten Stadtpark viel glücklicher gewesen. Sie mussten nicht makellos sein. Ihre Umgebung war natürlich. Die Straßen waren von Blättern der Bäume bedeckt. Die wildesten Blumen, Kräuter und Unkraut wuchsen überall. Die Vögel sangen aus voller Kehle, während ihr Gesang von Kinderlachen übertönt wurde. In den Geschäften gab es nur das, was zum Leben wirklich gebraucht wurde. Aber jetzt war auch dort alles vom Schnee bedeckt und das Leben erloschen.

Von der Vergangenheit blieb ihr nichts außer ein altes Bild ihrer Kindheit. Es war ihr größter Schatz in diesem eisigen Gefängnis. Das Foto war in einem Geheimfach ihres Rucksacks versteckt, dass nur mit einem bestimmten Trick geöffnet werden konnte. Also musste Mirella achtsam sein. Zuerst zog sie mit ihren dürren Fingern den Reißverschluss vorsichtig bis zur Hälfte runter, danach langsam wieder zum Anfang zurück. Vor Aufregung wurde ihre Atmung schneller, lauter und tiefer. Jetzt musste sie nur noch ein letztes Mal mit einem raschen Ruck den Rucksack vollständig aufmachen. Machte Mirella es anders, verhedderte sich der Stoff des Täschchens mit dem Verschluss und dann ging nichts mehr. Mirella hätte zwar immer die Zeit dafür gehabt, alles wieder rückgängig zu machen, aber die Geduld dafür fehlte ihr. Jedes Mal, wenn sie sich verlassen fühlte, musste sie diese Aufnahme innerhalb von Sekunden in den Händen halten, sonst kam sie aus dem Weinen nicht mehr raus. Sie hätte es eher ertragen können, ihr gesamtes Hab und Gut zu verlieren als dieses Bild, das sie ein Leben lang bei sich trug. Umso mehr war sie erleichtert, als sie es auch heute wieder in den Händen hielt, als sie die Einsamkeit beinahe in den Wahnsinn trieb. Mirella liebte dieses Bild, es war das Einzige, das ihr aus ihrer Kindheit geblieben war. Auf diesem Foto waren sie das letzte Mal eine glückliche Familie gewesen, bevor die schreckliche Nacht ihr Leben für immer veränderte. Es wirkte wie die Ironie des Schicksals, wenn sie sich auf der Fotografie als Vierjährige mit ihren Eltern neben einem Schneemann betrachtete. In ihrem Rucksack trug sie neben der wertvollen Abbildung bloß noch wenige Sachen mit sich: Ihre geliebten Schlittschuhe, die sie immer dann benutzte, wenn sich der Boden wieder in eine Eisfläche verwandelt hatte. Eine feuerfeste Metallschüssel, in der sie den Schnee über dem Feuer schmelzen ,ließ. Mit viel Glück ergatterte sie etwas zu essen, das sie in der Schüssel zubereiten konnte. Ihre Mahlzeiten bestanden aus Käfern, die sich über den Rest der aus dem Schnee herausschauenden Äste hermachten. Ihr Feuerzeug hütete sie genauso wie ihr Bild. Holz, dass sie sich morgens in den Rucksack steckte, falls sie überhaupt noch welches fand, was nützlich war, damit es mit etwas Glück am Abend trocken genug wurde, um damit ein Lagerfeuer anzünden zu können. Eine kleine Decke, die ihr oft Schutz vor dem Schnee bot, zumindest so lange, bis sie nass, kalt und steif wurde. Diese trocknete nachts mit viel Glück über dem Feuer. Manchmal fand sie weitere brauchbare Gegenstände wie eine Schere bei ihren täglichen Streifzügen zwischen den Bergen und der Stadt. Vor Nachteinbruch suchte sie sich ein neues Versteck in einer Bergspalte, Höhle oder in der Hauptstadt. Zumindest das, was noch von der Metropole übrig geblieben war. Meistens musste sie dafür in die Hochhäuser einbrechen, falls diese einen Eingang hinein boten. Ihr Tagesablauf bestand aus Überleben und Suchen, dazu gehörte das Auffinden von Essen, Feuerholz oder anderen Überlebenden.

Seit Tagen hatte sie nichts zum Essen entdeckt, ihre Kleider waren durchnässt und sie fror. Weit und breit fand sie kein Holz für heute Abend, darum brachte ihr nicht einmal das Bild ihrer Kindheit an diesem kalten Wintertag Trost. Trotzdem verwandelte sie sich nicht in eins dieser leichenfressenden Monster, deren aufgeplatzte, haarlose Haut einem Spinnennest ähnelte. Ihre Menschlichkeit hatten sie von Zeit zu Zeit immer mehr verloren, bis sie schließlich zu etwas Neuem wurden. Diese machten sich vor lauter Hunger über das gammelige gefrorene Fleisch der Toten her. Wenn ihr einmal eins auf ihrem Weg ins Nirgendwo begegnete, grub sie sich so tief, wie sie nur konnte, ein, damit es sie nicht sehen oder riechen konnte. Oft kam es ihr vor, als ob sie nach ihr suchen würden, als ob sie wüssten, dass sie in ihrer Nähe war. Ihr Zischen klang, als ob sie Mirellas Namen immerfort rufen würden. Für sie war es schrecklich gewesen, abzuwarten, bis sie weg waren, da sie sich sehr langsam vorwärts bewegten, wenn sie erst einmal die Fährte aufgenommen hatten. Mirella drohte jedes Mal unter der Eiseskälte zu erfrieren. Manchmal wusste sie nicht, ob sie mehr vor Kälte oder vor Angst unter der Schneedecke schauderte.

Nicht einmal die Lumpen, die ihr noch geblieben waren, konnten sie noch vor der bitteren Kälte schützen. Insbesondere vor derjenigen, die ihr bereits tief in die Nagelhaut ihrer Hände und Füße gekrochen war, um ihre Finger und Zehen taub anfühlen zu lassen. Ständig suchte sie nach neuen Kleidungsstücken, ohne darauf zu achten, wie vergammelt und durchlöchert sie waren, wenn sie sie von den Leichen nahm. Alles war gut genug, wenn sie dieser Kälte dadurch entkommen konnte. Leider hatte sie das nicht immer bedacht, wenn sie Kleidungsstücke, die ihr in die Hände fielen, für ihr Lagerfeuer verbrauchte, bis es fast keine mehr gab. Ihre Kleidung fing erst danach, ohne die Wärme des Lagerfeuers, immer mehr vor lauter Nässe und Kälte wie Glas zu zerbrechen. Manchmal begannen sie auch zu gammeln und es entstanden riesige Löcher, die sie nicht flicken konnte. Diese waren selbst mit anderen Kleidungsstücken, die sie noch auftreiben konnte, kaum zu überdecken.

Selbst ein Feuer am Abend konnte sie heute nicht zum Brennen bringen. Ihr Feuerzeug war fast leer und nur noch wenige halbtrockene Holzstücke von gestern standen ihr zur Verfügung. Sie dachte lange Zeit nach, ob sie es überhaupt weiter versuchen sollte. Aber die Kälte zwang sie, einen Teil ihrer noch trockenen Kleidung, die sie unter der dicken Kleiderschicht dicht am Körper trug, abzureißen. Dabei betete Mirella, dass ihr Oberteil an einem Stück blieb.

Wenn sie manchmal daran dachte, dass sie vor zwei Jahren mit gerade erst zwanzig Jahren die Schönheitskönigin von Mungomonien gewesen war, genauso wie eine erfolgreiche Schauspielerin, wusste sie nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. Sie fragte sich, was wohl Zeitungen jetzt über sie schreiben würden.

Vielleicht: Mirella Kapa sucht seit Tagen nach Käfern, einer Maus oder Ähnlichem zum Essen.

Oder: Ihre Lumpen sind der neueste Schrei in diesem endlosen Winter.

Der Schnee ließ sie Raum und Zeit vergessen und die Einsamkeit brach ihre Seele und ihren Verstand. Nachts bekam sie kaum ein Auge zu. Stimmen durchstreiften ihre Gedanken, angetrieben von der Angst mit den immer gleichen, sich wiederholenden Albträumen. So auch in dieser Nacht, versteckt lag sie in einer kleinen Bergspalte, dessen Eingang sie fest mit Schnee verschlossen hatte. Mirella ließ das Lagerfeuer, ihren eiskalten Körper und alles, was noch nass war, trocknen.

In ihrem Traum steht sie auf einer saftig grünen Wiese, über ihr der hellblaue Himmel. Warme Sonnenstrahlen küssen ihr Gesicht, während sie ein Plätschern neben sich hört. An diesem Fluss löschen Tiere ihren Durst, manchmal sind es Pferde, in einem anderen Traum Elefanten oder Hunde. Die Bäume um sie herum tragen die saftigsten Früchte. Der lauwarme Wind bringt ihr den Geruch von Blumen, Wiese und süßen Beeren in die Nase. Doch plötzlich, gerade als sie am glücklichsten in ihrem Leben zu sein scheint, überkommt sie ein eigenartiges Gefühl. Es ist Angst. Ihr ganzer Körper bebt und Mirella kann sich nicht mehr von der Stelle rühren. Unerwartet taucht in der Ferne über einem kleinen Gipfel eine fremde Gestalt auf. Diese kommt ihr einen Berg hinab entgegengelaufen. Das Gesicht kann sie wegen der Sonne, die ihre Augen blendet, nicht erkennen. Das Einzige, was sie von dem Fremden vernimmt, ist sein Ruf, der allerdings kaum zu verstehen ist, da er ständig nach Luft schnappt.

»Lauf weg!«

Schlagartig verdunkeln dicke Wolken die Sonne und es ist nicht nur innerhalb von Sekunden schwarz, sondern auch unerbittlich kalt, so sehr, dass sie immer mehr zittert. Das Flussbett vertrocknet und Fische zappeln auf dem Kies. Vor ihren Augen sterben alle Tiere in und um den Fluss herum, während sich gleichzeitig das saftig hellgrüne Gras in eine staubtrockene Wüste verwandelt. Die Bäume verfaulen und das Obst fällt dunkel, verschrumpelt und stinkend vor ihre Füße. Den Gestank des Verderbens bringt ihr jetzt der immer stärker wehende Wind in die Nase. Hinter dem Fremden erscheint ein ganzes Volk der leichenfressenden und seelenlosen Gestalten. Ihre blutroten Augen und spitzen Zähne, an denen ein schaumiger Auswurf herunterläuft, kann sie in ihrem Traum klar erkennen. So sehen die Biester im Jagdrausch aus, denkt sie. Den Hass und die Wut kann sie in jedem ihrer Gesichtszüge klar erkennen. Mirella spürt deutlich, wie ihr ein kalter Schweiß den Rücken herunterläuft. Sie haben den Fremden fast eingeholt, als sie einen ohrenbetäubenden Schrei von sich geben. Dieser ist so schrecklich, dass sich Mirellas Körperhaare vor Furcht aufstellen. Sie weiß, dass jetzt der Moment kommt, in dem sie weglaufen muss. Doch jedes Mal sind ihre Beine starr vor Angst. Sie rühren sich keinen Millimeter von der Stelle. Als soll sie dabei zusehen, wie ihr Ende naht und sie nichts dagegen tun kann. Sie fühlt sich hilflos und verletzlich. Mirella kann nun nichts weiter tun, als sich in ihrer Verzweiflung wegzudrehen, die Augen zu schließen und in die Hocke zu gehen. In der Hoffnung, dass diese Launen der Natur einfach an ihr vorbeilaufen, deshalb macht sie sich so klein wie möglich. Als der Boden unter ihr immer stärker bebt und das schreckliche Schreien lauter in ihren Ohren dröhnt, greift sie sich aus Hilflosigkeit in die Haare und weint vor Verzweiflung. In diesem Moment packt sie eine Hand am Arm und zieht sie mit sich. Sie stößt aus voller Kehle einen Jammerlaut aus, der sogar den hohen Schrei der Kreaturen übertönt. Dabei bleiben ihre Augen die ganze Zeit geschlossen, während sich ihre Beine aus dem starren Zustand lösen und damit beginnen, so schnell, wie sie nur können, mitzulaufen. Mirella will auf gar keinen Fall von den Kreaturen eingeholt werden oder fallen, doch nach kurzer Zeit verlassen ihren Körper die Kräfte und die Beine werden gleichzeitig so schwer wie Blei. Ihre Schritte werden langsamer und kleiner, ohne zu wissen, wer sie da am Arm hält. Ist es ein Freund oder ein Feind? Sie bündelt ihre letzte Kraft und läuft, so schnell sie nur kann, um ihr Leben. Als sie droht zu fallen, nimmt sie der Fremde, dessen Stimme ihr vertraut ist, in seine Arme. Genauso wie es ein Bräutigam tun würde, um die Liebste über die Schwelle zu tragen. Auch wenn er dabei keucht und nach Luft schnappt, kann sie dessen Worte ganz klar und deutlich verstehen.

»Mirella, ich werde dich nie im Stich lassen!«

Sie fühlt sich geborgen und sicher in den fremden Armen. In diesem Augenblick öffnet sie die Augen, um ihren Lebensretter anzusehen. Mirella spürt, wie ihr Herz dabei immer lauter und stärker klopft, bis es auf einmal genauso wie das fürchterliche Schreien der Kreaturen verstummt. Sie wacht auf.

»Ich hole dich, Mirella!«, dröhnen seine Worte ein letztes Mal.

»Ich warte auf dich«, flüstert sie.

Obwohl sie genau weiß, dass er sie nicht mehr hören kann.

Der Morgen brachte ihr wie immer nur die Kälte, ihre Gliedmaßen waren steif und schmerzten. Sie erhob sich und trat auf der Stelle, um nicht zu erfrieren. Der Schnee fiel ohne Unterbrechung und türmte sich immer höher auf. Er hatte die Zivilisation der Menschen und die Natur schon fast verschluckt. Nur noch die Hochhäuser und Berge ragten aus der erbarmungslosen Landschaft heraus und unterbrachen damit die Ebene der weißen Schneedecke. So türmte sich der kalte Tod auch meterhoch vor ihrer Bergspalte und sie musste sich wie jedes Mal ausgraben. Jeder Tag und jede Nacht schienen für sie gleich zu sein. Das Einzige, was ihr noch Trost und Lebensmut brachte, waren das alte Bild in ihrem Rucksack und der Gedanke, dass da jemand ist, der nach ihr sucht. Eine Seele, die auch so einsam war wie sie selbst. Jemand, der sie beschützen würde nach einem Jahr der Einsamkeit.

Die ersten Begegnungen

Vor einigen Wochen hatte sie eine alte rostige Schere im obersten Stockwerk eines Hochhauses gefunden, mit der sie sich spontan ihre langen roten Haare abgeschnitten hatte. Danach hatte sie sich nie mehr im Spiegel betrachtet. Das Bild, das er zeigte, war ihr fremd. Sie fand die Idee damals hervorragend, um Ungeziefer wie Läuse besser von sich fernzuhalten. Doch als sie danach ihre Kopfbedeckung, die aus Lumpen bestand, im tobenden Schnee verlor, bereute sie ihre Entscheidung, die langen fuchsroten Haare abgeschnitten zu haben, schnell. Nichts konnte in dieser Welt überleben, nicht einmal Läuse. Diese würden vor lauter Eiseskälte auf dem Kopf erfrieren, genauso wie Mirellas Haarspitzen und Augenbrauen.

Ihre alte weiße Sonnenbrille bedeckte ihre großen und besonderen Augen, um sie diesmal gegen die Kälte zu schützen. Aus Angst, durch das Weiß der Schneelandschaft zu erblinden, ließ sie die Brille stets auf. Außerdem war sie dazu sehr praktisch gewesen, wenn sie sich tief eingraben musste oder in einen tobenden Schneesturm geriet. Es reichte Mirella aus, dass ihre Augenbrauen gefroren waren, es sollte nicht noch ihre Wimpern erwischen.

Die Brillengläser sollten jetzt das verdecken, was früher ihr Markenzeichen gewesen war, ihre verschiedenfarbigen Augen. Ihr rechtes Auge war hellblau und wunderschön wie das schönste Himmelblau, das man je erblickt hatte, ihr linkes dagegen war dunkel wie die schwärzeste Nacht.

Ihre Mutter hatte ihr erzählt, es wäre nicht immer so gewesen. Sie hatte von Geburt an wunderschöne hellblaue Augen gehabt. So schön, dass die Menschen von ihr wie verzaubert waren und nicht wegschauen konnten. Aber in einer sehr kalten Winternacht im Dezember, die kälteste, die ein Mensch bis zu diesem Zeitpunkt kannte, veränderte sich das Leben der vierjährigen Mirella und das ihrer ganzen Familie. In dieser Nacht wurde ihr Vater und ihre Mutter von einem ungewöhnlich lauten Gepolter aus dem Kinderzimmer geweckt. Sofort eilten ihre Eltern zu ihr. Dabei kam ihnen ein verdorbener Gestank entgegen. Als sie die Tür langsam öffneten, sah zu ihrem Erstaunen alles aus wie immer, alle Gegenstände standen an ihrem Platz. Nichts war durcheinandergeworfen oder gestohlen. Alles außer Mirella, diese lag nicht mehr in ihrem Bett. Sie hatten Angst um ihr kleines Mädchen. Da endlich entdeckten sie Mirella stumm und starr in einer dunklen Ecke stehen. Ein beruhigendes Gefühl drang durch ihre Herzen und sie konnten durchatmen.

Sie stand vor dem Spiegel ihrer Schranktür und sah mit ihren großen leuchteten Augen hinein. Das Spiegelbild reflektierte das Hellblau ihrer Iris, so lange, bis plötzlich ihr linkes Auge von allein pechschwarz wurde. Auf das Rufen und ununterbrochene Schütteln ihrer Eltern reagierte sie nicht. Ihre Mutter wurde vor Kummer ohnmächtig. Ihrem Vater blieb nichts anderes übrig, als dabei zuzusehen, wie sie sich, ohne ein Wort zu sagen, zurück in ihr Bett legte, als ob nichts gewesen wäre, während er seine Frau in den Armen hielt. Kurze Zeit später kam ihre Mutter wieder zu sich. Sie sprang auf und zog ihn mit sich bis zum Bett ihrer geliebten Tochter. Dort fanden sie ein tief und fest schlafendes Kind vor. Als sie das Zimmer wieder verließen, waren sie am Ende davon überzeugt, dass es ein fürchterlicher Traum gewesen sein musste, doch am nächsten Morgen kam das böse Erwachen. Mirellas Zustand hatte sich nicht gebessert. Keiner glaubte ihrer Mutter diese Geschichte, egal wem sie sie erzählte. Manche waren noch höflich genug und versuchten wenigstens, so zu tun, als ob es sich genau so zugetragen hatte.

»Nein, wirklich? Unglaublich, das arme Kind.«

Andere wiederum hielten ihre Mutter für eine Verrückte.

»Lügen Sie nicht! Sie wollen sich nur wichtig machen!«

Mirella verstand damals nicht, warum ihre Mutti sich den Leuten ständig erklären musste. Selbst sie konnte sich das Ereignis nicht mehr ins Bewusstsein rufen, aber an die vielen und nervigen Augenuntersuchungen erinnerte sie sich noch ganz genau, die an ihr durchgeführt worden waren. Sie hatte alle Ärzte in und um Mungomonien herum kennengelernt. Manche von ihnen wurden zu Freunden der Familie wie Dr. Bob.

Er war der Einzige, der ihr als Kind Mut gemacht hatte. Zu ihren Eltern sagte er stets:

»Solange ihre Tochter sehen kann, halte ich es für ein Wunder, sie muss was ganz Besonderes sein.«

Sie galt damals als Wunder der Medizin. Jetzt allerdings war sie nur eine Halbtote wie alle anderen auch in dieser eiskalten Todeswelt. Aber aus irgendeinem Grund war sie noch am Leben und nicht zu einer dieser leichenfressenden und seelenlosen Kreaturen geworden. Half ihr das Foto ihrer Familie dabei oder war es ihr Wille zu überleben, ohne dabei Leichen zu verzehren? Sie wusste nicht, ob sie es noch lange schaffen würde, insbesondere da ihre letzte Mahlzeit heute Morgen aus geschmolzenem Schnee bestanden hatte. Viele waren gestorben und als Leichenschmaus geendet, andere dagegen hatten ihre Menschlichkeit ganz verloren. Sie waren jetzt Monster, deren Haut haarlos, rau und schuppig von der eiskalten und erbarmungslosen Kälte geworden war.

Bei manchen veränderten sich die Hautmuster. Die Körper derjenigen Kreaturen, deren Haut der einer Schlange ähnelte, wurden schmal und sie bewegten sich irgendwann wie Kriechtiere fort. Dabei hielten sie ihre Arme dicht am Rumpf, während sich ihre Beine und Füße zu einem Schwanz formten. Mirella kam es vor, als ob es ihnen leichter fallen würde, sich auf diese Weise im Schnee fortzubewegen. Aber wenn es darauf ankam, konnten sie sich blitzschnell aufrütteln und noch sehr viel schneller als jeder Marathonläufer laufen.

Die Kreaturen mit dem Spinnenmuster dagegen krümmten ihre Beine zur Seite und ließen ihre Arme auf die gleiche Länge wachsen. Dabei sahen sie wie vierbeinige Spinnen aus, die sich zügig im Schnee fortbewegen konnten, bei Bedarf sprangen sie einige Meter hoch. Manchmal, wenn sie anderen Monster begegneten, die noch keine Verwandlung durchgemacht hatten, konnten sie sich auch in Windeseile zurückverwandeln. Mirella wusste nicht warum, aber sie glaubte, dass sie auf diese Weise besser miteinander kommunizieren konnten. Sie hätte sich nicht einmal gewundert, wenn ihnen diese Evolution sogar Flügel hätte wachsen lassen, um in den Lüften ihre Herrschaft fortzusetzen. Dabei waren die Gesichter der Unvollendeten, wie sie Mirella nannte, oder von denjenigen, die nicht mehr einem Menschen ähnelten, fast gleich. Diese Wesen unterschieden sich in Kleinigkeiten wie Haut, Augen oder Haarfarbe, falls überhaupt noch Haare vorhanden waren.

Sie fragte sich öfter, in was sie sich später verwandeln würden. Wovon hing das ab? Charakter, Gene oder ging es nach dem Willen jedes Einzelnen? Sie wusste nur, dass sie nicht mehr viel Zeit hatte, bis sie von ihnen entdeckt werden würde. Die Leichen waren schon zugeschneit oder verschlungen. Selbst für sie wurde es immer schwieriger, nicht entdeckt zu werden. Oft hatte sie Angst, wenn einer an ihr vorbeilief, besonders vor denen, die schon auf den Boden krochen oder durch die Lüfte sprangen, da ihnen das Laufen zu anstrengend geworden war. Manchmal blieben sie unerwartet vor ihr stehen, auch wenn sie sich tief in den Schnee eingegraben hatte. In diesen Augenblicken dachte sie immer, dass ihr Leben nun zu Ende gehen würde – als Mahlzeit für diese Monster. Diese hätten nur ein paar Meter graben müssen und der letzte Mensch der Erde wäre verschwunden gewesen. Mit zischenden Lauten und einer eigenen Körpersprache unterhielten sie sich, ohne zu ahnen, dass Mirella ganz in der Nähe war.

»Wo kann sie sich im Nichts versteckt haben?«

Manchmal dauerte ihr Gespräch so lange, dass sie fürchtete, unter dem Schnee erfrieren zu müssen. Doch das war für sie immer noch besser, als gefressen zu werden. Denn jetzt zählte nur das Tier in ihnen und Mirellas Wille, in einer kalten, dunklen Welt zu überleben, wo die Kreaturen die Herren waren. Ständig musste sie sich verstecken und auf der Hut sein.

Auch an diesem Tag machte sie sich auf den Weg ins Nirgendwo, um etwas zu finden, was sie bereits viele Male auf ihrer Route zwischen wechselnden Verstecken in den Bergen, die meistens aus einer Höhle oder Bergspalte bestanden, und der Stadt nicht gefunden hatte. Jeder ihrer Schritte war gut durchdacht. Die achtsamen Augen erfassten alle Richtungen durch die dunkle Sonnenbrille, um die Kreaturen in der Ferne zu entdecken. Nur auf diese Weise hatte sie genug Zeit, um sich rechtzeitig einzugraben.

Mirella bereute es jeden Tag, die sicheren Berge verlassen zu müssen. So wie jetzt kehrte sie diesem für sie sichersten Ort wieder den Rücken zu. Vor ihr lag nur noch eine endlose Ebene von Schnee und Eis, bis sie in einigen Stunden die Stadt erreichen würde. Aber sie hatte nie eine wirkliche Wahl gehabt, wer überleben wollte, der musste in Bewegung bleiben. Ihr Gehör wurde in dieser Stille so gut trainiert, dass selbst ihre leisen und vorsichtigen Schritte für sie so klangen, als ob ein Elefant über Trommeln laufen würde.

Abrupt war sie von dem Gedanken gefangen wieder zurück zum Roten Fluss, der am Rande der Stadt entlangfloss, zu gehen. Vor dieser ganzen Katastrophe hatten die Menschen von den Wundern erzählt, die an diesem Ort geschehen waren, und aus irgendeinem Grund mieden die Monster diesen Platz und dessen Umgebung. Aber welches Wunder sollte sie in einer hoffnungslosen Zeit wie dieser noch erwarten? War sie nicht schon oft genug da gewesen und hatte trotzdem nichts gefunden?

Plötzlich erinnerte sie sich an die Worte ihrer Mutter und sprach sie leise nach:

»Verliere nie die Hoffnung, denn ein Mensch ohne Hoffnung ist ein verlorener Mensch. Die Hoffnung schenkt uns Kraft auf etwas Besseres.«

Mirella konnte allein auf ein Ende dieses Schreckens, auf ein Erwachen aus diesem Albtraum oder ein anderes menschliches Wesen hoffen. Sie wünschte sich oft, dass ihre Mutter noch am Leben wäre, um ihr Liebe und Trost zu schenken. Jetzt war sie ganz allein auf dieser Welt zwischen diesen Monstern. Das Einzige, was ihr blieb, war das Bild.

Immer wenn Mirella die Verzweiflung einholte, eilte sie an diesen Ort der Hoffnung.

Kaum dort angekommen, hatte sie ein beunruhigendes Gefühl, da es draußen plötzlich sehr düster wurde. Kurz zog sie ihre Sonnenbrille aus, weil sie durch sie nicht mehr so gut sehen konnte. Da erkannte sie, dass sich sein schönes Blumenrot in eine schwarze Flüssigkeit verwandelt hatte und dass es um ein Wunder schlecht stehen würde. Sie zog ihre Sonnenbrille wieder an, da die Kälte ihren Augen zu schaffen machte. Am Roten Fluss angekommen, überlegte sie, was sie tun sollte. Die Nacht brach viel zu früh an und ihr war klar, dass sie sich in der Stadt einen sicheren Unterschlupf suchen musste. Zweifel überkamen sie, ob sie die richtige Entscheidung getroffen hatte, auch wenn der Schnee es nicht geschafft hatte, den Fluss zu bedecken oder gar in Eis zu verwandeln. Wahrscheinlich war es das einzige Wasser, das überhaupt noch vorhanden war. Worauf sollte sie hoffen? Ein Wunder? Nein! Schon wieder eine Dummheit, die sie sich gar nicht leisten konnte, wenn sie überleben wollte. Sie musste sich einen Schlafplatz suchen, und zwar jetzt sofort. Die Angst, sterben zu müssen, überkam sie und der ganz durchnässte und vereiste Körper zitterte. Dabei wussten sie nicht, ob mehr vor Kälte oder Panik. Die Eiseskälte, die ihre durchlöcherten Stiefeln durchbrach, fühlte sich wie tausend Nadelstiche an. Die Lumpen, die sie davor darum gewickelt hatte, verlor sie in der Eile, um vor der unerwartet früh anbrechenden Dunkelheit am Roten Fluss anzukommen. Ihre Beine fühlten sich mit jedem Schritt schwerer an. Wenigstens ihre Fingerspitzen konnte sie mit letzter Kraft durch ihr Hauchen warmhalten. Als sie dann die Energie ganz verließ und sie nicht mehr laufen konnte, kniete sie sich direkt neben den Fluss hin. Ihr Verstand begann wieder, sie zu täuschen, so kam es ihr zumindest vor. Sie schaute in den Fluss hinein und sah ein mageres Mädchen mit kurzen roten Haaren und trockener Haut, dessen Gesicht von einer großen weißen Sonnenbrille verdeckt wurde. Dabei konnte sie sich selbst nicht mehr wiedererkennen. So sah sie nicht aus. Sie war wunderschön, die Schönste von Mungomonien. Sie starrte weiter in das Wasser hinein, bis das Bild wieder verschwamm und sie ein neues erkennen konnte. Jetzt sah sich Mirella selbst als eines von diesen unvollendeten Monstern. Darum jaulte sie in ihrem Kummer laut auf, ohne daran zu denken, dass sie dadurch entdeckt werden konnte. Die Tränen flossen ihr seit langer Zeit zum ersten Mal übers Gesicht. Sofort verwandelten sich diese zu Eisperlen und fielen in den Schnee.

»Wo ist dein Wunder jetzt?«, schrie sie unter Schluchzen.

Mirella strich über das Wasser, um dieses schreckliche Bild zu vernichten.

Sie fragte sich: Ist das jetzt die Wirklichkeit oder doch nur ein Traum?

Ein Knistern im Schnee unterbrach ihre Gedanken, als plötzlich ein Mann mit schwarzen kurzen Haaren und düsteren Augen vor ihr stand. Er trug einen dunkelblauen Anzug und sprach sie mit einer weichen, hellen und klaren Stimme an. Gleichzeitig streckte er ihr seine linke Hand entgegen.

»Komm mit mir, du wirst es gut bei uns haben.«

Mirella erschauderte bei dem Anblick, da er eine dunkle Aura ausströmte. Sie fühlte sich wie ein Beutetier, dass seinem Jäger begegnet war. Panisch dachte sie über eine Flucht nach. Aber wohin? Ihr nächster Gedanke war, keine Angst erkennen zu lassen und selbstsicher auftreten zu müssen. Gerade als sie ihm eine verneinende Antwort geben wollte, kam kein Wort aus ihrem Mund. Die Angst hatte ihr doch die Sprache verschlagen und ihren Körper gelähmt.

Als Mirella nicht sofort auf sein Angebot einging, drehte er sich im Kreis herum und murmelte etwas vor sich hin. Plötzlich erkannte sie das Wunder, alles um sie herum veränderte sich. Er zeigte ihr eine Welt, die sie sich seit langer Zeit erträumt hatte. Eine saftig grüne Wiese, auf der Blumen in den verschiedensten Farben und Formen um sie herum blühten, während Schmetterlinge und Bienen an ihr vorbeiflogen. Neben ihr floss jetzt ein erfrischender Fluss, aus dem die Fische heraussprangen wie Delfine. Schildkröten machten es sich auf den Steinen und Holzstämmen im Wasser gemütlich, um die Sonnenstrahlen zu genießen. Auf den Bäumen, die sie umrahmten, sangen die schönsten Vogelstimmen. Direkt neben ihr stand ein Strauch mit süßen Blaubeeren. Von diesem naschte sie schnell alle Beeren ab, um ihren unerbittlichen Hunger zu stillen. Die Sonne küsste ihr Gesicht. Das erste Mal seit einer Ewigkeit fühlte sie eine richtige Sommerwärme, deutlich schöner und intensiver, als es in ihren Träumen oder an ihrem Lagerfeuer hätte sein können. Sie war glücklich, dieses Gefühl konnte sie mit Worten nicht beschreiben. Er musste ihr Lebensretter aus dem Traum sein. Jetzt dachte sie voller Freude, dass ihre Entscheidung, zum Roten Fluss zu gehen, doch richtig war. Sie hatte die Kälte und die ganzen schrecklichen Kreaturen, deren Verwandlung ihr Rätsel aufgaben, vergessen. Keinen, nicht einmal einen kleinen Gedanken brachte sie auf, um an diesem vollkommenen Glück zu zweifeln. Der Fremde lächelte ihr freundlich zu und streckte ihr die linke Hand erneut entgegen.

»Komm mit mir!«

Sie reichte ihm freudig die Hand. Gerade als der Fremde danach greifen wollte, vernahm und erkannte Mirella die warnende Stimme, die sie zuvor immer im Traum gehört hatte, ganz deutlich.

»Nein, tu es nicht!«

Sie zog im Reflex ihre Hand zurück und sogleich verwandelte sich der Fremde in ein riesiges, schuppiges Monster. Viel größer und schrecklicher als alle, die Mirella bis dahin in der kalten Welt gesehen hatte. Durch die riesigen Schuppen, die sich an seinem Hals anhoben, wie sie es bei Kragenechse kannte, wirkte er noch erschreckender. Er musste der König, der Anführer dieser Kreaturen sein. Schlagartig befand sie sich wieder in ihrem kalten Gefängnis.

Während er Mirella mit seinen wütenden Augen anstarrte, versuchte er gleichzeitig nach ihr zu greifen, um sie mit Gewalt davon zu überzeugen, mitzukommen.

»Du gehörst jetzt mir!«, ertönte seine dunkle, angsteinflößende Stimme.

Aus Angst, von ihm gefressen zu werden, kam kein Wort über ihre Lippen. Ihre Gliedmaßen erzitterten noch ein letztes Mal, bevor sie das Bewusstsein verlor. Ihr dürrer, kraftloser Körper fiel wie ein lebloser Sack in den kalten Schnee und blieb dort liegen.

Ein letztes Mal öffnete sie ihre Augen, aber sie konnte nichts fühlen, hören, riechen oder sagen. Nur ihre Augen konnten noch sehen, was mit ihr geschehen würde, als ob das Monster es so wollte. Doch es war nicht mehr da, auch niemand, der sie sonst fressen wollte. Jetzt lag sie nur noch auf dem eiskalten Boden und wartete darauf, dass sie der fallende Schnee begrub.

Die Kälte, die sich in die Herzen aller geschlichen und sie zu seelenlosen Gestalten gemacht hatte, nahm Mirella alle Hoffnung. Wer sollte jetzt noch Mitleid mit ihr haben?

Die weißen Flocken, die sie als Kind so sehr geliebt und mit ihrer Zunge und den Händen aufgefangen hatte, verdeckten ihr langsam das Gesicht und jedes ihrer Körperteile. Dieser Schnee verwandelte sich durch die bittere Kälte innerhalb von Sekunden in todbringendes Eis. Es umhüllte Mirella und machte sie für die Umgebung unsichtbar.

Als ihre Angst immer größer wurde, fragte sie sich, ist dies alles real oder doch nur eine Sinnestäuschung? Würde sie gleich aus diesem Albtraum in ihrer Bergspalte erwachen? Oder ist es so real wie sie selbst? Hätte sie das Angebot annehmen sollen? Wäre es besser gewesen? Aber was wäre sie dann? Eine seelenlose und leichenfressende Hülle ohne Gefühle und eigene Gedanken. Ist das jetzt ihr Schicksal einsam zu sterben, als Futter für diese Monster?

Das Unerwartete

Plötzlich passierte das Unmögliche. Etwas, woran sie nicht mehr geglaubt hatte. Ein Wunder des Roten Flusses. Erst hörte sie ein leises, fast stummes Stampfen im Schnee, bis es um sie herum wieder gänzlich still wurde. Unerwartet spürte sie direkt danach eine Berührung von etwas Spitzem und Hartem. Darauf folgte ein Abwischen des Schnees, zuerst aus ihrem Gesicht und danach von ihrem Körper. Sie merkte sofort, dass die Hände, die sie berührten, nicht von diesem schrecklichen Monster sein konnten, insbesondere da diese Person sehr vorsichtig dabei vorging. Als Mirella vom Schnee befreit war, hörte sie ein weiteres, quietschendes Geräusch. Da sah sie den Grund dafür: Kleine dünne Finger versuchten, das Eis von ihrer Sonnenbrille abzukratzen, da sich unter dem Schnee eine Eisfläche gebildet hatte. Sie drohte erneut in Ohnmacht zu fallen.

Sie fragte sich: Ist jetzt die Zeit zum Sterben gekommen? So nah an meinem Ziel jemanden gefunden zu haben? Nein, ich bin noch nicht dafür bereit, ich will leben. Ich will sehen, wer sich meiner erbarmt hat und gegen den Zauber dieses Monsters angegangen ist. Darum bündelte sie ein letztes Mal ihre letzte ganze Kraft zusammen, um noch einmal die verschiedenfarbigen Augen zu öffnen. Sie erblickten eine unscharfe und verschwommene Gestalt, die sich über sie beugte. Noch einmal kniff sie ihre Augen zusammen, zwei Tränen kullerten seitlich an der Sonnenbrille entlang und wurden zu Eisperlen. Als sie die Augenlider ein weiteres Mal öffnete, konnte sie durch die freigekratzte Brille gut erkennen, wer da vor ihr stand. Es war eine kleine alte Frau mit grauen, kurz gelockten Haaren.