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Ein atmosphärisches Debüt über eine ungewöhnliche Mutter-Tochter-Beziehung.
In »Mirmar« halten sich Mutter und Tochter mit Untervermietungen ihrer Wohnungen, digitalen Aushilfsjobs und einer Massageliege über Wasser. Bis die Mutter eines Tages verschwindet. Die Tochter vermutet sie an einem Stück Strand am Meer, wo sie mit anderen Frauen in Unterkünften von ehemaligen Pauschalreiseanbietern leben soll. Sie macht sich auf die Suche. Auf ihrer Reise erinnert sie sich an die Mutter, ihre Ängste und Sehnsüchte, das prekäre, brüchige Leben, dem sie sich mit großem Mut gestellt hat, und trifft auf eine Bewegung von Frauen, die am Meer in einem Kollektiv zusammenfinden und ein Leben jenseits von Carearbeit, Altersarmut und erfahrener Ungleichheit erproben.
Ein Roman für alle Leser:innen von Deniz Ohde und Leif Randt.
»Ein faszinierendes und hellsichtiges Debüt. Die berührende, sprachlich eindringliche Mutter-Tochter-Geschichte zeigt Solidarität unter Frauen als möglichen Ausweg aus einer von Kapitalismus und Ausbeutung erschöpften Welt. Großartig!« Verena Güntner.
»Soppas Held:innen leben und lieben im Stakkato, zwischen Job, Jobverlust und Altersarmut. Doch so erschöpft sie auch sind, so frisch liest sich dieses Debüt. Die Frauen sind bereit für den Traum von einem Ozean-Kollektiv.« Daniela Dröscher.
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Seitenzahl: 278
Veröffentlichungsjahr: 2023
Die Privatisierung der Privatisierung ist abgeschlossen, der Zustand ist digital, die Erfahrungen sind prekär, die Wahrnehmungen vereinzelt, die Zukunft bleibt die Gegenwart, das Alter kommt, die Rente bleibt aus. Mutter und Tochter halten sich mit Untervermietungen ihrer Wohnungen, digitalen Aushilfsjobs und einer Massageliege über Wasser. Bis die Mutter eines Tages verschwindet. Die Tochter vermutet sie an einem Stück Strand am Meer, wo sie mit anderen Frauen in Unterkünften von ehemaligen Pauschalreiseanbietern ein Leben jenseits von Carearbeit, Altersarmut und erfahrener Ungleichheit erprobt. Die Tochter macht sich auf die Suche und findet andere Arbeiterinnen und Erinnerungen an ihre Mutter. In Geschichten vom Abbruch und vom Aufgeben findet sie Aufbrüche. Sie schließt sich einer subversiven Bewegung von Frauen an und begleitet sie auf ihrem Weg zu einer vielleicht unmöglichen Erholung. Mit bemerkenswerter Wahrnehmung für Details und ihrer Fähigkeit, Atmosphären daraus entstehen zu lassen, erschafft Josefine Soppa das zärtliche Porträt zweier Frauen, dessen Wucht ganz allmählich einsickert.
Josefine Soppa, geboren 1988 in Oberhausen, lebt in Leipzig. Sie studierte Philosophie der Künste und Medien in Dresden und Hildesheim. 2020 erhielt sie den Prosapreis des open mike und war Stipendiatin der Jürgen-Ponto-Stiftung. »MIRMAR« ist ihr Debütroman.
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Bevor die Privatisierung der Privatisierung losging, bekamen meine Mutter und ich es durch die Buchungen hin. Ich verwaltete unsere beiden Buchungskalender, wir besuchten uns häufiger, als es gut für uns war, weil wir gierig wurden.
Weil wir es nicht glauben konnten, dass wir mit etwas, was wir nicht besaßen, Geld verdienen konnten. Wenn sie in meiner Stadt war, vermieteten wir ihre Wohnung, wenn ich bei ihr war, meine. Da wir beide nur Ein-Zimmer-Wohnungen hatten, konnten wir nicht vermieten, während wir selbst anwesend waren. Aber ich weiß, dass wir beide die Optionen durchgingen, dass wir am liebsten solange spazieren gegangen wären, während einer mietet, den Atem angehalten hätten, während einer mietet, nur um dann begeistert zu sein, dass wir nur unentwegt spazieren gehen mussten, nur unentwegt den Atem anhalten mussten, um Geld zu bekommen. Dass wir keinen Besitz, nur Dauer oder Zähigkeit brauchten und uns arrangieren können mussten.
Es blieben immer Dinge übrig. Kabel, Unterwäsche, Notizen, Verpackungsmüll von selten gesehenen Marken, Kerne von Obst, die eingewickelt in Taschentüchern auf dem Nachttisch lagen, eilig Weggesaugtes von einem Malheur, das wir im Inneren des Staubsaugers nachvollziehen konnten. Einmal ein kompletter Anzug, den meine Mutter sorgfältig zusammenlegte, um ihn in ihrer Stadt eine Zeit lang täglich zu tragen.
Als ihre Rente gestrichen wurde, versuchten wir es mit Messeeinsätzen. Wir machten Messe in meiner Stadt, während wir die Wohnung in ihrer Stadt vermieteten. Auf den Porträtbildern, die sie mir zur Weiterleitung an die Agentur gesendet hatte, sah sie zehn Jahre jünger aus, als hätte sie die Bilder schon länger in petto gehabt. Für die Agentur war es praktisch, dass wir im Doppelpack kamen, wir fühlten uns familiär, wenn die Einsatzleiter*innen uns selbstverständlich zusammen einteilten und die Kommunikation über mich ging. Meine Mutter musste keine hohen Schuhe tragen, wir hatten dieselbe Größe bei den T-Shirts, die entweder mit den Namen und Farben der Konzerne, für die die Agentur gebucht war oder mit den Namen und Farben der Agentur, die uns gebucht hatte, bedruckt waren. Manchmal behielten wir die Shirts im Anschluss, und es kam uns vor wie ein Scherz, wenn wir sie gleichzeitig zum Schlafen trugen. Wenn sie in einer anderen Position war als ich, machte ich mir Sorgen, dass sie nicht genügend Pause bekam oder sich nicht traute zu sagen, was sie brauchte. Meistens waren das verschwendete Sorgen, sie konnte viel besser sagen als ich, wenn ihr etwas unangenehm war, wenn sie schon wieder auf Toilette musste, wenn sie an die Kiste mit den Giveaways nicht drankam, und es war kein Problem. Ich sagte ihr Bescheid, wenn sie den Lippenstift erneuern musste, dann trank sie einen Kaffee, wischte die Mundwinkel aus, spiegelte ihren Mund in etwas Vorhandenem, zog die Lippen nach, manchmal biss sie zum Abschluss mit den Lippen auf eine Serviette, in die vorher beispielsweise ein immer gleicher Muffin gewickelt war. Manchmal tat ich es ihr nach.
Die auf kurze Zeit gebauten Stände an den Messen blieben nicht, aber ich wünschte bei jedem Abschluss eines Auftrags, sie würden. Die kleinen Kästen, die eingebauten Treppen zu den Konferenzzimmern für drei Wochen. Die nachgeahmten Büros auf Zeit bei den großen Konzernen mit den nachgeahmten architektonischen Hierarchien. Alles mit den günstigsten Materialien, aber solide verbaut von den wechselnden Teams mit den immer gleichen Vorarbeitern. War der Knick im Teppich nicht schon letztes Jahr genau an dieser Stelle? Ja, aber der Teppich hatte eine andere Farbe, der Konzern ist übernommen worden. Jede Messe brachte neues Wissen: Die besten Butterbrote, die noch nach 5 Stunden in den Rucksäcken schmeckten, die Treppe in der Sonne zum Rauchen, hinter der Box für die Aufbauhelfer*innen, wo unsere Chefin nie hinkam, die Art von Witz, die die Person beim Catering veranlasste, am Ende des Tages Reste für uns einzupacken, hier und da kleine Besorgungen anzubieten, um mal aus den Hallen rauszukommen. Das Wissen um die Nischen wurde von Messe zu Messe erweitert, verfeinert, abgeguckt und abgesichert.
Dann wollten die Messeagenturen meine Mutter nicht mehr buchen, sie verwiesen nicht verklausuliert auf Bedenken oder Regelungen der Konzerne, sie sagten geradeheraus, dass meine Mutter zu alt war. Ich setzte auch ein paar Messen aus, dann sagte meine Mutter, das sei falsch verstandene Solidarität, die ich mir vor allem nicht leisten könnte, und ich antwortete wieder auf die Ausschreibungen, die per Messenger kamen und wie Einladungen zu Junggesellinnenabschieden klangen. Und meine Mutter reiste trotzdem zur Messezeit an, um ihre Wohnung zu vermieten, um in meiner Wohnung zu sein und mir die Butterbrote zu schmieren und meine Laune zu bessern und brachte mich wie ein Rennpferd, auf das keiner setzt, morgens zur Bahn, um im Café an der Haltestelle einen Cappuccino zu trinken und leere Seiten vollzuschreiben, und abends aß sie mit mir die Reste vom Catering, erzählte ihre Beobachtungen vom Café an der Haltestelle, fragte die richtigen Fragen zu den Vorgängen in den Messehallen, bezog sich auf die Personen, die wir beide kannten, und spülte die Gläser und Behälter aus für den nächsten Tag.
Als auch die Vermietungen weniger wurden, weil wir nicht besonders wettbewerbsfähig waren, selbst als wir einen Spätsommer Marmelade einmachten, von dem, was die Sträucher auf den alten Industriebrachen hergaben, die keine Brachen, sondern Naherholungsgebiete geworden waren, die sich verliefen und in denen sich die kleinen Hunde verliefen, übernahm meine Mutter die Zwischenreinigungen und Check-ins für andere Vermieter*innen. Sie war dafür in einer täglichen Logistik, wann sich das Busticket lohnte, wann sie es sich leisten konnte, welche Wohnungen in der Nähe und zu Fuß zu erreichen waren. Sie fuhr durch ihre Stadt, wartete zu lange an den Bushaltestellen, wurde auf dem Weg nach Hause doch noch von einer spontanen Buchung überrascht, immer im Körper, dass sie es nicht rechtzeitig schaffte, dass sie einen Schlüssel verwechselte.
Das Gefühl, dass sie irgendetwas Maßgebliches vergessen hatte wegzuräumen, mitzunehmen, abzuschließen, auszumachen weitete sich von ihrer eigenen Wohnung auf viele Wohnungen im gesamten Stadtraum aus.
In unseren regelmäßigen Telefonaten ging sie die Zahlungen und Stornierungen noch einmal durch, listete auf, was nachzukaufen war, mit welchen Mitteln sie die Putzmittel billiger herstellte und umfüllte. Erwähnte im gleichen Atemzug die Bekanntschaft der Frauen, mit manchen von ihnen hatten sich ihre Wege schon einmal gekreuzt, ob ich mich erinnern könnte an die Gemeinschaftscafés und Halbtreffen in den unterschiedlichsten Hinterhöfen und Leerständen. Aber ich hörte nicht richtig zu, ich sah sie nur vor mir, wie sie ihre geregelten täglichen Wege ging, wie die Häuser so klein waren und trotzdem die Erdgeschosswohnungen höher lagen als in meiner Stadt, wie alle Parkplätze leer waren, dort auf ihren täglichen Routen, dort in meiner Vorstellung von ihren täglichen Routen, mit ihrer ziehbaren Einkaufstasche, wie sie alle grüßte und manche ihr hinterherschauten, welchen Hut sie heute trug.
Ich sah sie nur vor mir und dachte wie immer, sie muss raus aus dieser Stadt, ab von diesen täglichen Routen, die ihr diese Stadt zum Dorf machten, weg von diesem täglichen Ablauf, aufhören, jeden möglichen Auftrag, der per Pushnachricht kam, anzunehmen, oder zu denken, ihn annehmen zu müssen und mit diesem Gedanken den ganzen Tag zu verbringen und mit fortschreitendem Tag noch den Gedanken hinzuzufügen, dass der Auftrag jetzt möglicherweise schon anderweitig vergeben war, ohne noch einen Sinn dafür zu haben, ob sie ihn überhaupt schaffen würde, sie schaffte alle.
Meine Mutter hielt nie inne, sie begann immer gegenzusteuern. Es wirkte, als hätte sie immer schon vorher begonnen gegenzusteuern. Und sie hatte wahrscheinlich immer schon vorher begonnen gegenzusteuern, weil sie ihr ganzes Leben gelernt hatte gegenzusteuern, durchzukommen, Behörden zu bitten, zu arbeiten, um die Behörden nicht mehr zu bitten, um zu wissen, dass sie sie wieder würde bitten müssen.
Sie wusste, dass die Privatisierung der Privatisierung auch bedeutete, zu wissen, dass beispielsweise das eigene Versagen keine private Angelegenheit ist und sich trotzdem schuldig zu fühlen. Sie wusste um den Zusammenhang von Schuld und Schulden.
Und ich antwortete am Telefon wie ein schlecht gelaunter Teenager, weil sie nicht sehen konnte, dass ich es auch nicht schaffte, weil sie dabei war, mir diesen Zusammenhang zu vererben.
Sie erwähnte die Möglichkeit, zu mir zu ziehen, zweimal. Sie fragte nicht, sie brachte sie einigermaßen verrätselt innerhalb eines Gesprächs hervor, in dem es um etwas was ganz anderes ging. Sie öffnete mir die Möglichkeit zu fragen. Ich ließ sie verstreichen. Beim zweiten Mal sagte ich direkt, wenn du zu mir ziehen willst, musst du mich schon fragen. Und sie antwortete zu schnell, sie würde nur rumspinnen, und mein Viertel hätte es ihr angetan, und die Cafés bei mir um die Ecke wären mal was anderes, und sie bräuchte manchmal die Vorstellung von Veränderung und Neuanfang, auch wenn jeder Schritt dahin in der aktuellen Lage unmöglich wäre, aber rumspinnen könnte man ja mal. Wir redeten über nichts anderes als Geld, und wir redeten nicht über Geld. Wir hielten die wirklichen Entbehrungen voreinander geheim, um uns nicht gegenseitig aufzuschrecken. Ich lieh ihr in der letzten Zeit vor ihrem Wegsein ein paar Mal etwas, sie zahlte es mir schneller zurück, als sie es wieder hat einnehmen können, sie hatte es wahrscheinlich woanders wiederum geliehen, und ich wusste nicht wo.
Je weniger wir uns besuchen konnten, weil keine Arbeitslogistik unser Zusammensein mehr auszahlte, umso täglicher wurden unsere Telefonate. Hektisch und zugleich schläfrig waren sie ein eingespielter Austausch von Fragen, die keine Richtung und keine Antworten nötig zu haben schienen, die pausenlos wechselten zwischen Alltäglichem und Existenziellem, bis es nicht mehr zu unterscheiden war, und ich hörte sehr viel zu, und sie redete in Sprüngen. Und ich war es gewohnt, mit diesen Assoziationen von einem Satz zum nächsten, manchmal innerhalb der Sätze, mithalten zu können, und manchmal waren es doch zu viele, und ich hielt mein Telefon dann zu fest in der Hand.
Ich überhörte, als sie zwischen den Sprüngen eine Pause machte und fast sich selbst fragte, weil ich noch nicht dort mit den Sätzen angekommen war, wo sie schon angekommen war, ob sie vorsichtiger sein sollte mit ihren Daten, mit diesen Frauen, ob sie ihnen zu viel von sich erzählt hatte. Sie fragte, ob sie überhaupt bedürftig genug sei für die Form von Hilfe, die sie ihr angeboten hatten.
Ich versuchte, die Informationen und Überlegungen zu den Frauen so wenig beim Wort zu nehmen wie Monate zuvor bei meinem letzten Besuch in ihrer Stadt die Überlegungen zu ihrer Beerdigung, die sie genauso nebenbei ausgeführt hatte. Als sie mir auf dem Weg zum Café Transatlantik zwischen zwei Bemerkungen zum Abendessen und zu einem Produktumtausch eröffnete, wie sie beerdigt werden wollte. Dass sie die Verträge von der Firma, die die anonyme Bestattung in einem Birkenwald veranlassen würde, schon zu Hause hatte und nur noch unterschreiben musste. Ich fragte nicht, was ich mich aber eigentlich fragte, ob auch ich dann nicht wissen würde, welchem Baum sie zugeordnet wäre, ob ich einen Standort mitgeteilt bekäme oder nur einen vagen Wald, wo man nie weiß, wann welcher Besitz beginnt und endet.
Ich fragte stattdessen nach dem Preis. Und sagte, dass es mir lieber wäre, wenn ich das dann bezahlen würde, und dachte, dass ich beginnen müsste, etwas zurückzulegen. Aber sie gab sich zufrieden und bewusst über ihre Entscheidung, und ich unterstellte ihr in Gedanken, dass in ihrer vermeintlichen Gewissheit ein Vorwurf lag: Dass ich mich nicht mit der Möglichkeit ihres Sterbens auseinandersetzte, dass sie darin auf sich allein gestellt war. Ich verdrängte diesen zugleich logistischen und existenziellen Einbruch zwischen zwei Kaffees und einem Produktumtausch auf der Marktstraße in der Innenstadt, die dabei war, sich selbst zu erledigen.
In unserem letzten Telefonat vor ihrem Verschwinden sprach sie allgemeiner von den Frauen. Den Frauen, die sie beobachtet hatte auf ihren Routen, hinter den Fenstern, im Einkaufszentrum und den Supermärkten. Den Frauen, die auch zum morgendlichen Kaffee im Café Transatlantik saßen. Sie verschwammen mit den Frauen, von denen sie Hilfe angeboten bekommen hatte, mit denen sie sich angeblich in der WhatsApp-Gruppe austauschte und vernetzte, sie verschwammen zu einer Erzählung von Aufbruch und der Vorstellung einer möglichen Erholung. Meine Mutter sagte, dass es etwas mit Körpern zu tun hatte, auch wenn es wenige Körper waren. Und dass diese Körper plötzlich ganz woanders waren.
Meine Mutter sitzt am Strand, ihre Stelzenbeinchen ineinander verwickelt, klein und ein bisschen zusammengesackt, mit ihrem sehr braun gebrannten Nacken, mit den dunklen Vorsprüngen am Hals, an denen ich immer ziehen will. Sie kennt nur die Strände von Nordholland. Jetzt wagt sie nicht, den Blick nach hinten zu wenden und die Palmen zu sehen. Die Landschaft, beziehungsweise alles, was hinter ihr ist, hängt auf ihren Schultern, das ist angenehm. Neben ihr keine 20 Meter das Skelett eines Strandmobils.
Sie sitzt, bis es zu sehr sackt und steif wird. Dann merkt sie, sie muss aufstehen. Niemand hat sich ihr genähert, fast niemand ist da.
Sie geht in eine der bewohnbaren Strandhütten. In einiger Entfernung stehen mehr davon, alle sind nach derselben Bauart. Es ist ruhig, alle sind für sich in ihren Hütten oder im Ozean. Sie hat ihre Veranda dezent geschmückt, mit Dingen, die sie gesammelt und zusammengesteckt hat. Sie hat ein paar Bilder, Herzbilder, die sie immer malt. Zarte Herzen, immer mehrere, immer durch Blumen oder Ranken verbunden, als würden die Blumen und Ranken zu den Herzen dazugehören, als wären sie notwendig für die Verbindung der einzelnen Herzen, als wären sie aus einem Strich. Auf hellen Farben, meist ein gelber Hintergrund; lila, silber, schwarze Striche, selten blau. Kitschige Bilder, Therapiebilder.
Sie denkt, ich verachte diese Bilder, und vordergründig hat sie damit recht. Sie sagt die Dinge zu sich selbst, die sie von anderen hören will. Sie sagt die Dinge zu sich selbst, die sie nicht von anderen hören will. Sie denkt an mich, sie weiß nichts über mich. Sie weiß nur das über mich, was mit ihr zu tun hat.
Sie bereitet sich etwas zu essen zu. Sie fühlt sich geborgen, wenn in Büchern steht, dass eine Person sich etwas Leichtes zu essen zubereitet, sich einen kleinen Imbiss zubereitet. Es schmeckt, sie schaut auf den Ozean, sie isst das Essen und denkt, dass sie gleich schlafen gehen wird, dass es noch nicht dunkel ist, sie aber trotzdem schon schlafen gehen wird, dass es sie stört, dass sie nur ein Laken hat für die Nacht, in der es genauso warm sein wird wie jetzt, dass sie schwitzen wird und dass sie das Laken nicht wird wechseln können am nächsten Tag. Sie beschließt, das Laken morgen im Wasser zu waschen, es wird trocknen bis zum Abend, viel früher noch wird es trocken sein.
Meine Mutter war bisher noch nicht schwimmen, und sie geht auch jetzt nicht. Es sind viele Faktoren, die sie noch davon abhalten. Sie ist sehr liebenswürdig. Wenn ihr Mut zurückkommt, wird sie hier einige Freundinnen machen. Etwas jüngere Frauen, die zu ihr kommen werden, zuerst für allgemeine Schwätzchen, irgendwann werden sie bemerken, dass sie einiges zu sagen hat, dass sie Ratschläge geben und zuhören kann, dass sie sich geborgen fühlen oder gut aufgehoben bei ihr. Und sie werden regelmäßig vorbeischauen, und sie wird die Regelmäßigkeit mögen, und sie wird wütend, wenn eine mal die Regelmäßigkeit unterbricht.
Meine Mutter geht spazieren. Sie weiß, rechts schräg im Rücken liegt ihre Hütte. Diese Beruhigung wird ihr irgendwann zur Drohung, je weiter sie läuft. Sie weiß, sie muss sich nicht umdrehen, die Hütte ist da, bleibt da, niemand kommt, es gibt nichts zu stehlen. Es wird ihr trotzdem zur Mutprobe, sich nicht umzudrehen, darauf zu vertrauen, dass die Hütte da ist, und die Hütte da sein wird, wenn sie wieder zurückkommt. Sie versucht, den Blick zu bezwingen, aber der Blick sucht sich den Weg in die Augenwinkel. In den Augenwinkeln hat sie es im Griff, und zugleich wird sie böse mit sich, dass sie diesen Trick macht, und ihr Blick wird dadurch so etwas wie panisch. Wie ein Pferd, das nicht nach hinten schauen kann wegen der Klappen, aber man sieht, wie es unablässig im Auge rollt. Es wird erst besser, als sie stehen bleibt und den Körper Richtung Ozean dreht und nur dahin schaut, nur in den Ozean, und dann ist alles, was im Rücken passiert, auch Ozean.
Ich kenne den Strand aus Google Maps, ich habe einen Screenshot davon auf einer Festplatte, die jetzt irgendwo ist, die ich vielleicht nicht geleert oder unlesbar gemacht habe. Ich würde ihr zuwinken, der Screen würde sich in die Tiefe zu unzähligen Screens vervielfachen, ich würde tausendfach winken und nicht wissen, wo der Ursprung ist, hinten oder vorne: Das Entfernte oder das Nahe.
Es gibt keine Knöpfe, die ich drücken könnte, es gibt nur an den Rändern geshattertes Glas. Ich wische die Oberflächen mit einem dafür vorgesehenen Mittel und Lappen, die nicht dafür vorgesehen waren. Es sind die alten, auseinandergerissenen Unterhosen vom Kind unserer Chefin. Das Mittel nennen sie Blau. Oder Spezial.
Ich bin 32. Ich lebe länger als sonst in derselben Stadt. Ich habe kein Erspartes und nie ein Wissen, wie der übernächste Monat zu finanzieren ist. Der kommende Monat ist meistens gesichert durch eine Logistik und Vorsicht, die ich von meiner Mutter gelernt habe. Ich habe niemanden, den ich finanzieren muss und niemanden, der mich finanzieren kann. Außer meiner Freundin, die mir hier und da die Ausgaben der Monatsanfänge überbrückt, wenn eine Zahlung noch nicht da ist, wenn eine unvorhersehbare Ausgabe in die Monatslogistik einbricht. Ich mache die Jobs dazwischen. Ich mache die Jobs der Studentinnen. Ich mache die Jobs der Rentnerinnen. Ich mache sie über kurz oder lang, ich mache sie, bis ich weiter muss. Ich mache die Jobs weiterhin. Es ist Saison. Es gibt immer eine Saison. Ich bin selbstständig. Ich bin wahlweise 18, wahlweise 32, wahlweise 46, wahlweise müsste ich in Rente sein. Ich kann nicht mehr. Ich habe noch gar nicht richtig angefangen. Ich bin in derselben Stadt und in denselben Jobs und auf denselben Routen jeden Tag durch die Stadt. Ich finde nichts gefährlich. Ich finde alles prekär.
Es ist die Stunde vor Feierabend und die dehnt sich und ist zugleich zu kurz, um alle Utensilien richtig zu verstauen. Ich muss den genau richtigen Moment abpassen, indem ich von einem lethargischen Wischen der Oberflächen, über die ich heute schon mehrmals drübergegangen bin, zu einem geschäftigen Verstauen übergehe, bei dem ich der Chefin berichten kann, was morgen noch zu tun ist. Die Oberflächen sind nie dreckig, sie sind neu. Es geht bei unserem Job darum, dass die Auftraggeber meiner Chefin sehen, dass die Oberflächen ununterbrochen behandelt werden, dass da ununterbrochen eine ist, die angesprochen werden kann, auf etwas aufmerksam gemacht werden kann, deren Shirt andere Farben hat, als die des Konzerns. Sie sprechen mich nicht an, sie sprechen meine Chefin an, damit sie delegieren kann. Es ist choreographiert. Selbst die Störung in dem Büro eines Vorstands, bei der ich mit einem Bein in der Videokonferenz lande, um einen Mülleimer auszuleeren, der nicht voll ist, wirkt choreographiert. Wir sind da, um Präsenz zu zeigen, wir sind da, um hin und wieder in den falschen Momenten zu stören, damit ein Vorstand kurz seine Wut beim Subunternehmen ablassen kann und nicht bei seinen eigenen Mitarbeitenden.
Meine Chefin war Wrestlerin, bevor sie sich etwas dauerhaft an ihrem Körper kaputt machte und nach einer Krise die Firma gründete. Obwohl die Krise noch andauert, hat sie sich für die Firma entschieden, und es läuft in Ordnung. Sie macht sehr billige Preise für die Auftraggeber*innen. Sie behandelt uns in Ordnung, was bedeutet, sie bezahlt uns zwar zu wenig, aber das Geld kommt pünktlich, und sie kontrolliert nicht alles, was wir tun. In Zeiten des Bargelds hätte sie mir vielleicht die Scheine am Ende der Woche auf die Hand gegeben, und wir hätten uns angeschaut wie zwei Frauen, die was leisten, die sich nichts leisten, die aber wissen, was sie sich eines Tages leisten werden. Die sicher sind, dass sie das Geld nicht verzocken, ganz im Gegensatz zu den anderen.
Die Chefin sitzt meistens in einem auf Zeit gebauten Kabuff und klappt ihren Laptop auf und plant das nächste Jahr.
Meine Freundin, die an einem Schreibtisch auch gerade die letzte Stunde vor Feierabend von der Uhr abringt, sendet mir eine ihrer Beobachtungen als Notiz, die sie macht, während sie gleichzeitig für Geld die Gedanken anderer einsortiert. In letzter Zeit werden ihre Beobachtungen zu Geschichten und Andeutungen von Geschichten über Frauen, die gehen, die im Begriff sind aufzuhören. Es kommt immer noch eine:
Eine vermietet ihr Profil unter wie andere ihre Wohnungen. Sie untervermietet den Zugang zu Jobs auf einer Plattform, die selbst Subaufträge vergibt. Sie untervermietet ihren Standort, der einen besseren Lohn verspricht als andere Standorte. Sie untervermietet ihren Namen, der bei möglichen Auftraggeber*innen eine größere Vertraulichkeit weckt als andere Namen. Sie untervermietet ihre Erfahrung, mit der sie durch die Jahre gekommen ist. Sie weiß, dass alles eine Abzocke ist, dass sie abzockt und abgezockt wird und dass der Ursprung der Abzocke woanders liegt als vermutet. Sie geht immer wieder in die WhatsApp-Gruppe, die sie gegründet hat, um sich mit ihren Untermieterinnen abzusprechen. Die letzte Nachricht sind drei lila Herzen als Antwort auf die Freigabe eines aktualisierten Passworts. Sie geht immer wieder auf die Profile der anderen Frauen, sie schaut sich jedes Profilbild an. Sie versucht aus den Umgebungen die Länder abzuleiten, wenigstens die Kontinente. Sie sieht Schotter, sie sieht einen Kiosk mit verstreuten Plastikstühlen davor und eine wie eine Prämie ins Bild gehaltene Limonade, und sie weiß genau, wie die Limonade schmeckt auf dem staubigen Vorplatz, wo man gerne seine Füße anschaut, während man zu lange auf einem der Stühle sitzt, den man mit der Sonne verrückt. Sie sieht einen Strandabschnitt, den sie meint zu kennen. Sie geht zu dem Strand, sie hat ihn in den Favoriten gespeichert. Es ist natürlich ein anderer Strand, auf einem anderen Kontinent. Sie stellt sich eine Erholung oder ein Gewerbe dort vor. Sie ist besessen von den Profilbildern der anderen Frauen, immer wieder vergrößert sie ein weiteres Profilbild. Sie kennt sie schon auswendig, aber manchmal ist plötzlich ein Profilbild ausgetauscht, und sie fragt sich dann, wie lange das neue Bild schon online war, ohne dass sie es bemerkt hat, es kann nie länger als 8 Stunden her sein. Das Öffnen der Gruppe, das Vergrößern der Profilbilder, ist eine Geste der Verbundenheit geworden, die sie braucht, um weiterhin nicht aufzuhören und sich dabei unmerklich zu entfernen.
Unser Chat ist eindimensional, er ist nur da, damit meine Freundin ihre Notizen ablegen kann. Er ist da, damit sie einen steten Anlass hat, die Notizen zu notieren, um ihnen eine Richtung zu geben. Vielleicht denkt sie, ich lese ihre Notizen gar nicht, ich lese sie immer prompt. Ich beginne, meine Beobachtungen ihren Beobachtungen anzugleichen. Je mehr Beobachtungen sie als Notizen sendet, desto mehr beginne ich, die Frauen durch ihre Augen zu sehen. Nie würde ich ihr das sagen.
Ich schaffe es, das Kabuff zum Umziehen so zu verlassen, dass ich mit keiner Kolleg*in zur Bahn laufen muss, ich schaffe heute kein Gespräch mehr. Ich folge den Pfeilen auf dem Boden in umgekehrter Richtung, Richtung Feierabend. Ich senke den Blick, als ich an welchen vorbeikomme, wie immer von einer latenten Angst angetrieben, dass mich wer anhält und wissen will, ob ich hier falsch bin. Dabei habe ich den Ausweis auf Zeit für dieses Sondergebiet in der Tasche, der mich berechtigt hier entlang Richtung Feierabend zu gehen auf den Pfeilen, die eine andere Richtung anzeigen. Der Weg ist lang, es könnten zwei Bushaltestellen sein, mein ganzer Körper ist müde, und ich schlurfe. Und bevor ich zum fünften Mal kontrollieren kann, dass ich den Anschluss verpassen werde und noch länger auf den Feierabend in meinen vier Wänden warten muss, wenn ich weiterhin so erschöpft laufe, kommt die nächste Notiz meiner Freundin, durch die ich mich aufgehoben fühle, durch die ich beginne, von jetzt auf gleich zu rennen:
break the glass, choose the prize you desire and book it
Meine Mutter steht unschlüssig im Sand. Sie hat noch nie etwas geklaut, wenn man von den unbezahlten Restaurantrechnungen und Taxifahrten absieht. Jetzt benötigt sie den Stuhl, der auf der Veranda einer anderen steht. Alle schlafen, es ist noch nicht einmal ganz hell. Meine Mutter braucht den Stuhl, um auf ihrer Veranda zu sitzen und die Seiten vollzuschreiben, wie sie seit Jahrzehnten jeden Morgen die Seiten vollschreibt, das muss sein. Sie könnte warten, bis eine aufwacht und dann liebenswürdig fragen, aber sie kann nicht warten. Kurz schwenkt sie zum Ozean, der dann ihre Füße umspült, ihr wird schwindelig, wenn sie auf das ankommende Wasser schaut, das sich sofort wieder zurückzieht. Sie hat sich einen Trotz in den Kopf gesetzt. Alle anderen Hütten haben einen Stuhl auf der Veranda, nur ihre nicht, und meine Mutter fühlt sich übergangen, und sie hat jetzt ein Recht auf ihren Stuhl auf ihrer Veranda, insbesondere, da sie ihn braucht. In einem Entschluss, der auf einmal zu schnell kommt, geht sie auf eine Hütte zu, hält den Blick unten, nimmt sich den Stuhl, da liegen Badesachen drauf, die räumt sie um, unterdrückt den Impuls, mit dem Stuhl zu ihrer Hütte zurückzurennen, geht gerade, der Stuhl ist leicht, sie sitzt, gar nichts hat sich gerührt.
Meine Mutter sitzt auf ihrer Beute mit Blick auf den Ozean. Links und rechts von ihr erstrecken sich alle weiteren Hütten mit ihren Veranden. Die Hütten wie zusammengesteckt, wie Tiny House mit einem modernen Design, das nicht mehr modern ist, aber noch lange so genannt wird. Direkt hinter den Hütten beginnt eine minimal veränderte Form von Landschaft, der Strandsand geht über in einen gröberen und grauen Sand, eine Wüstenlandschaft, die man nicht zu Ende gucken kann, wie symmetrisch voneinander versetzte Grasbüschel, es müsste Müll da sein, aber es ist kein Müll zu sehen.
Meine Mutter stutzt, als sie merkt: Hier gibt es gar keinen Vogelgesang, das ist es, hier gibt es keinen Vogelgesang. Sie hört keinen Gesang und kein Scharren von anderen Tieren am Morgen, egal wie früh sie wach ist.
Sie sitzt über ihren Notizblättern. Sie schreibt in einer Bewegung, hoch und runter, wie die gleichmäßigen Wellen, auf die sie guckt.
Wenige andere Frauen sind schon aus ihren Hütten gekommen, vereinzelt schwappen sie wie jeden Tag im Ozean oder sind auf Spaziergang in die eine oder die andere Richtung. Es gibt zwei Richtungen, links und rechts. Meine Mutter weiß schon, welche Frauen wann aufstehen, wann sie rausgehen, wer mit wem schwimmen geht. Sie ist jetzt fertig mit dem Aufschreiben, sie sitzt mit dem Körper unbeweglich und fest, ein Daumen streicht wie im Tick unablässig über die Seiten, die Augen gehen jetzt oft hoch, suchen, ob sie etwas übersehen haben, lauern auf die Person, auf deren Stuhl sie sitzt. Deren Tür öffnet sich, und meine Mutter schnellt hoch, eine Geste verrutscht. Die andere steht da mit Blick auf den Ozean, lang und groß und muskulös, in einem perfekten Badeanzug und geht, ohne den Blick irgendwo andershin als auf den Ozean zu richten, in den Ozean, am Ende rennt sie, weil es dauert, bis man eine Tiefe erreicht, und schmeißt sich rein und schwimmt sofort, aber so elegant, denkt meine Mutter, und so gelöst.
Meine Mutter hat nicht gesehen, wie die Person wieder aus dem Wasser gekommen ist, wie sie die Überreste des Strandmobils nah am Wasser untersucht.
Sie scheint ein gesteigertes Interesse an dem Mobil zu haben, als würde sie überlegen, wie sie einzelne Teile wiederherstellen und neu zusammensetzen kann. Und meine Mutter guckt sie ungehindert an und setzt auch was zusammen. Die andere schaut dann auf, winkt meiner Mutter zu, meine Mutter macht nichts, winkt dann doch im letzten Moment noch. Die andere geht in ihre Hütte. Meine Mutter hat den Stuhl ungehindert.
Meine Mutter tritt mitten in der Nacht auf die Veranda. Es ist dieselbe Temperatur wie tagsüber, es ist warm. Meine Mutter bewegt sich vorsichtig, als hätte sie Sorge, sich selbst aufzuschrecken. Sie drückt sich gegen die Tür, um nah an ihrer Hütte zu sein, um sich der Hütte zu vergewissern. Sie steht ganz ruhig, sie ist klein, die schweren Brüste ziehen sie nicht nach unten. Sie hat die unteren Zähne nicht drin, sie denkt an die Zähne, sie liegen neben dem Bett in einem Glas.
Sie guckt. Sie nimmt ihr Telefon und fotografiert an die siebzehn Mal den ungewohnten Nachthimmel im Übergang zum Ozean. Bei jedem Auslösen gibt es einen Sound, weil sie den Ton nie abschaltet, um sich der Technik zu versichern. Die Fotos werden nichts, zu dunkel und zu verwackelt. Sie kann die Fotos so oder so nirgendwohin senden. Sie aktualisiert ihr Profilbild im toten Messenger, ersetzt das Bild von uns beiden durch den verwackelten Nachthimmel und die Lichtquelle, die sie für den Mond hält. Sie geht rein, sie legt sich noch mal hin, sie denkt erst, das geht nicht, aber es ist möglich. Wenn sie wieder aufwacht, wird sie sich ein Frühstück zubereiten, ihre Notizen machen, einen Spaziergang machen. Und vielleicht, denkt sie, lege ich mich danach sogar noch einmal hin und gewöhne mich an die Geräusche von außen.
Und vielleicht, denkt sie, werde ich am Nachmittag den Ozean ausprobieren.
Es ist das Ende der Frühschicht, und wir Reinigungskräfte sind jetzt die meiste Zeit damit beschäftigt, uns diskret zurückzuziehen, während die ersten Angestellten beginnen, die Räume, Flure und Treppen und Toiletten und Teeküchen zu betreten. Ein Rhythmus von Rückzug und Eroberung, von Platz machen und Platz nehmen. Im nächtlichen Morgen gehörten die Räume sozusagen uns, jetzt geben wir sie wieder her.
Und das Team erzählt sich die Geschichte von einer, die hier am Teppich verloren gegangen war. Die an einem solcher Morgen versucht war, die Schuhe auszuziehen und barfuß auf dem Teppich zu sein in den wohltemperierten Räumen, um die Zwischenräume zwischen den Zehen mit Felligem zu füllen, dabei den Fuß anzuschauen und die eigenen Zehen grazil zu finden, ihre Füße als schöne Füße zu erkennen, eine Geschmeidigkeit wahrzunehmen, die am Körper war, die im Zusammenspiel mit diesem Interieur war. Der Bezug zu sich selbst, den sie in anderen Bezügen vergessen hatte, eine Wahrnehmung von sich selbst, die verlangte, sich um sich selbst zu kümmern, die überbrückte, dass sie sich und ihren Körper, den sie hatte, die meiste Zeit vergaß, vergessen musste, um sich überhaupt wieder aufmachen zu können, zur nächsten Schicht. Um sich überhaupt mit diesen strapazierten Beinen und der Lunge ins Bett zu legen, kaum in der Lage, das Licht noch auszuschalten. Sie konnte an einem dieser Morgen die Füße nicht mehr vom Teppich losmachen, auch nicht, als die ersten Angestellten eintrafen, auch nicht, als ihre Schicht schon mehrere Stunden zu Ende war.
Es ist meine letzte Schicht für das Subunternehmen. Die Chefin hat das Objekt verloren. Oder das Objekt hat die Chefin verloren. Meine Chefin ist weg, schon seit drei Schichten. Alle reden in Andeutungen. Ihr Kind, jünger als ich, aber schon länger erwachsen, eigentlich selbst Teil des Putzteams, hat provisorisch die Leitung übernommen. Sitzt im Kabuff und hat den Laptop aufgeklappt und immer einen eingehenden Anruf, der nicht immer beantwortet wird. Das Kind lässt sich nichts entlocken über die Chefin und stellt auch keine weitere Schicht in Aussicht.
Wie immer esse ich auf dem Weg vom einen Job zum anderen ein Croissant auf dem Platz, der keine Bänke mehr hat.
Eine hat es sich da bequem gemacht auf einem Vorsprung, ein Kissen in den Rücken geschoben, ein Kissen, das sie immer dabeihat. Das Gesicht genau zur Sonne. Sie spricht mit sich, nicht leise nicht laut, manchmal ein Schrei. Sie stellt alles vor sich. Macht ihre eigenen Gedanken im laut Sprechen anschaulich. Stellt sie da hin in den geteilten Raum, dadurch werden die Gedanken fassbar und sichtbar. Damit kann sie etwas anfangen.
