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Die moderne Frau von heute — Dauersingle, karrierebewusst, mit attraktivem Gehalt und angenehmem Lebensstil — benötigt offensichtlich zur Vervollständigung einer angemessenen Stellung in der Gesellschaft dringend einen Ehemann. Was FRAU dabei alles anstellt, um sich ein passendes Exemplar zu besorgen, ist ebenso komisch wie es scheinbar unmöglich ist, einen geeigneten Kandidaten zu finden, den nicht schon eine andere entdeckt hat. Ständig auf Partnersuche stöckeln die Damen von einem Fettnapf in den anderen und bleiben dabei von so manchen Fehlentscheidungen — die zu Frustkäufen, überzogenen Konten, Alkoholexzessen und katastrophalen Erlebnissen führen — nicht verschont. Eben Singlefrauen im Großstadtdschungel, gar nicht mal so viel anders als die Singlemänner …
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Seitenzahl: 438
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Berina Cater
Roman
Berina Cater MISS-GESCHICKE published by: epubli GmbH, Berlinwww.epubli.de Copyright: © 2015 Berina Cater Covergestaltung: Erik Kinting / www.buchlektorat.net Titelbild: © Piotr Marcinski (fotolia.com) Konvertierung: Sabine Abels / www.e-book-erstellung.de
Für eine Freundin, die mich zum
Schon eine ganze Weile hatte ich unentschlossen, auf meinem Füller herum kauend, an meinem Arbeitsplatz gesessen und versucht ein Pro und Contra für eine Kon-taktanzeige zu finden. Es gab kein eindeutiges Ergebnis. Bis sich meine innere Stimme meldete: „Machen! Einfach machen! Nicht weiter darüber nachdenken! Los, mach’ endlich!“
„Stimmt“, sagte ich laut. „Sonst wird das nie was.“ Flie-ßend schrieb ich nun endlich einen brauchbaren neuen Text.
AKADEMIKERIN
Anf. 30/ 1,75m, schlank, gutaussehend, m. Ni-veau, selbstbewusst, stilsicher, humorvoll, tier-lieb, sportlich, m. Interesse f. Kunst, Kultur, Natur, Architektur, Reisen, gute Küche sucht männl. Pendant o. Anhang f. gemeinsame Unternehmungen. Zuschriften nur mit Foto an Chiffre:
Fertig! Das musste reichen, bei diesen Anzeigenpreisen. Schließlich waren die wichtigsten Angaben mehr oder weniger vorhanden. Oder das, was ich für das Wichtigste hielt. Genau genommen war der Text aus verschiedenen attraktiven Annoncen aus der FAZ einfach zusammen gewürfelt. Wozu sollte ich mich lange mit einer eigenen Textgestaltung aufhalten? Es hatte schon lange genug gedauert, bis ich mich überhaupt zu diesem Schritt durchringen konnte. Aber nach meiner langen Scheidungszeit und dem Ärger, die diese mit sich gebracht hatte, war ich nun mein Singledasein leid.
Dabei hatte ich mir mein neues Leben ohne Anhang so wahnsinnig aufregend und spannend vorgestellt. Wie hatte ich mich darauf gefreut, endlich tun und lassen zu können, was ich wollte. Ohne ständiges Herumgenörgel, ohne diese überflüssigen süffisanten Kommentare wegen meines eleganten Kleidungstils, meiner Freundinnen, meiner angeblichen Unsportlichkeit, meiner Vorliebe für Urlaube in südlichen sonnigen Ländern, meiner Frisur, meiner angeblich übertriebenen Ordnung, über meine zu anspruchsvolle Vorstellung von guter Küche und Ernährung, einfach wegen allem. Zumindest war es mir irgendwann so vorgekommen.
Natürlich war ich froh, meinen Ex los geworden zu sein. Jemand, der so überhaupt nicht zu mir gepasst hatte. Außer optisch vielleicht. Aber um diese Optik zu wahren, hatte ich immerhin zwei Jahre lang nur flache Schuhe getragen. Denn die Größe stimmte nicht, so oder so gesehen. Es war nicht nur meine Meinung, dass er mir das Wasser in keiner Weise reichen konnte. Das hatte sich leider schon sehr schnell heraus gestellt.
Das erste Gespräch zuhause bei meinen Eltern war dann auch schon die erste Katastrophe. Mein Vater hatte sich so heftig an seinem Cognac verschluckt, als die kurz bevor stehende Hochzeit angekündigt wurde, dass ernsthaft in Erwägung gezogen worden war einen Arzt zu holen. Meine Mutter und mein Zukünftiger waren schon auf den ersten Blick wie Hund und Katze, was sich übrigens während dieser zweijährigen Kurzehe niemals gelegt hatte. Meine gesamte Familie verhielt sich ablehnend.
Selbst meine Großmutter hatte mich gefragt, wie ich bloß an so einen „komischen“ Mann geraten war. Dasselbe Verhalten bei meinen Freunden. Niemand hatte sich schlecht über ihn geäußert, jedoch war man so reserviert, dass es äußerst schwierig gewesen war, Trauzeugen zu finden.
Spätestens diese Merkwürdigkeit hätte mir zu denken geben müssen. Aber damals war meine rosarote Brille wohl eher dunkelrot gewesen, vor lauter Verknalltsein.
Leider stellten sich dann die Zweifel aller meiner Lieben als nur zu wahr heraus. Während ich mich karriere- und gehaltsmäßig von Job zu Job verbesserte, flog mein Ehemann schon in der Probezeit ausnahmslos aus jedem Arbeitsverhältnis heraus. Dafür tat er nicht viel, wie man es nimmt. Er kam ständig zu spät, spielte permanent krank, wobei er echte hypochondrische Züge entwickelte. Folge: Krankenscheine mit anschließender Kündigung. Die dadurch gewonnene Freizeit verbrachte er durchweg mit sportlichen Aktivitäten, manchmal allerdings auch zu zweit in unserem Apartment.
Er fuhr alkoholisiert Auto, wurde öfters erwischt und war schließlich auch den Führerschein los. Danach war er in seiner Mobilität äußerst eingeschränkt. Er begann sich zu langweilen und fing die Trinkerei richtig an, was wiederum beim Arbeitsamt zur Unvermittelbarkeit führte, denn Vorstellungstermine konnte er in solch einem Zustand nicht wahr nehmen. Wollte er auch gar nicht. Seiner Meinung nach verdiente ich genug für Zwei und außerdem bekam er dazu noch Arbeitslosengeld.
Sein Äußeres hatte auch dementsprechend gelitten. Er war aufgedunsen und fett geworden. Eine Therapie hatte er bereits nach zwei Besuchen abgebrochen. Letztendlich musste ich erkennen, dass er überhaupt nicht arbeiten wollte.
Ich hatte einen richtigen Schmarotzer geheiratet.
Meine Geduld ist groß, in diesem Fall war sie zu groß, aber immerhin nicht grenzenlos. Es reichte endgültig. Ich reichte die Scheidung ein.
Nur hatte ich mich in meinem Noch-Ehemann auch hier wieder getäuscht. Der ganze Trennungsvorgang war das reinste Desaster. Er wollte sich nicht scheiden lassen und machte auf unterhaltsbedürftigen Alkoholiker.
Nach zwei langen Nerv aufreibenden Jahren hatte ihn mein Anwalt aber dann doch geschafft und er hatte schließlich in die Scheidung eingewilligt.
Natürlich nur mit entsprechender Abzocke.
Ich erließ ihm sämtliche Schulden, die er bei mir hatte. Denn während ich hart an meiner Karriere arbeitete und spät abends total erledigt vom Job nach Hause kam, sehnte ich mich nur noch nach einer heißen Dusche und meinem Bett. Ich brauchte dringend Schlaf, um frühmorgens um fünf Uhr aufzustehen und mich auf meinen langen Arbeitsweg zu begeben, damit ich pünktlich im Büro erschien. Logischerweise hatte ich weder Zeit noch Nerv, mich um Kontoauszüge zu kümmern. Das sollte mich dann teuer zu stehen kommen.
Mein Gatte hatte selbst nach dem Rauswurf aus dem damals noch gemeinsamen Apartment weiter großzügig Gebrauch von meinen Kreditkarten gemacht, was ich leider erst viel zu spät bemerkte.
Mir kommt immer noch die Wut hoch, wenn ich daran denke. Aber schließlich hatte ich selber Schuld daran. Ich, mit meinem Gottvertrauen in die gute Menschheit. Niemals wäre ich auf so eine miese Idee gekommen.
Schwamm drüber. Gott sei Dank war ich diesen Typen endlich los.
Das neue Leben konnte beginnen!!! Also, den Blick nach vorn gerichtet und nicht nach hinten. Eben!
Ich stand auf, um den Brief mit meiner brisanten Einlage in den Postkasten um die Ecke einzuwerfen. Mist, wieder mal keine einzige Briefmarke im Haus. Wie kalt war es denn draußen? Unangenehm kühl und regnerisch, würde ich sagen. Ein Spaziergang zur Post wäre dafür dann doch zu weit. Ich schnappte mir den Autoschlüssel, meine Geldbörse und die bequeme Jacke vom Haken. Ein kurzer Blick in den Spiegel und … nein, stopp. Jeder Tag ist Premiere!!! Das hatte man mir doch lange genug bei der Stilberatung, dem Hairstylisten und dem Visagisten eingetrichtert. Selbst eine meiner Freundinnen hatte mir dies als Leitmotto in mein neues Leben mitgegeben.
Stimmt schon. Man kann nie wissen, wer einem gleich über den Weg läuft: ein neuer Arbeitgeber, ein Auftraggeber, ein netter Mann, die große Liebe?
„Mensch, Elena, Du gibst die Hoffnung wohl nie auf?“, schimpfte ich mit mir selber. „Wie oft ist dir das denn in all den vergangenen Monaten passiert? Kein einziges Mal“, war die ehrliche Antwort. Na also!
Innerlich wehrte ich mich immer noch gegen die Art des Kennenlernens per Inserat. Nein, nein, nichts da! „Der Brief wird losgeschickt. Beschlossene Sachen werden durchgeführt! Marsch, ins Bad für kleine Restaurierungsarbeiten!“
Ich prüfte mein neu erlerntes Zehn-Minuten-MakeUp. Keine besonderen Auffälligkeiten. Etwas Lippenstift, etwas Rouge auf die Wangen. Macht tatsächlich frischer. Ich kniff die Augen zusammen und testete auf „Fältchen“. Keine da. Aber die Haut spannte leicht. Vielleicht etwas trocken. Das ist der Nachteil des Vorteils ständig bei airco zu arbeiten. Vergaß ich während der Arbeit ausreichend, also mindestens zwei Liter Stilles Wasser zu trinken, machte sich das schnell durch Spannungsgefühle bemerkbar. Ich sollte unbedingt mal wieder bei meiner Kosmetikerin vorbei schauen. Ich griff zum Telefon.
„Hallo, Anita. Ich bin’s, Elena. Hättest Du eventuell möglicherweise vielleicht morgen noch ein Terminchen zum Feierabend frei?“ flötete ich ins Telefon.
„Aha, es brennt wieder, was?“
„Äehm, nein. Es spannt eher. So um die Augen.“
„Wie oft hab’ ich Dir schon gesagt, Du sollst mehr trinken!“
Ich musste ziemlich grinsen, was sie am anderen Ende der Leitung irgendwie bemerkte.
„Ja Mensch, keinen Alkohol. Der entzieht noch mehr Flüssigkeit. Das weißte doch wohl“, kam es patzig zurück.
„Ja, Mama. Aber ich habe mir schon das Rauchen abgewöhnt. Ein bisschen Spaß muss schon noch sein.“
„Dann geh’ eher ins Bett! Das hilft in den meisten Fällen.
„Mit wem denn?“, zog ich sie auf.
„Frau, du nervst! Komm’ morgen um 17 Uhr vorbei. Ich verschieb’ die alte Klawunde auf die nächste Woche. Ist bei der Vielfaltigkeit eh alles vergeblich und sie sagt mir auch jeden zweiten Termin ab. Aber sei’ pünktlich! Muss danach noch schnell was abholen.“
„Was denn, wo denn?“
„Meeensch, sei nicht so neugierig! Außerdem hab’ ich zu tun. Die Maske muss runter“, sprach’s und drückte mich einfach weg.
Schade, ich hätte noch gern ein bisschen mit ihr geplaudert. Aber seit Anita sich selbstständig gemacht hatte, war sie nur noch im Stress und leider auch oft schlecht gelaunt. Unsere Treffen waren daher schon fast eine Seltenheit. Irgendwie fehlte mir das. Sie war sonst immer so amüsant und ihre gute Laune war wirklich ansteckend.
Na ja, immerhin hatte ich meinen Termin.
Hilfe! Ein Blick auf die Uhr sagte mir deutlich, dass ich mich sputen musste, wenn ich noch in die Post wollte.
Postangestellte müsste man sein, oder überhaupt Beamtin. Ich kenne keine anderen Arbeitnehmer, die so pünktlich den Griffel fallen lassen wie diese. Dazu noch ein geregeltes Gehalt. Seufz. Aber ehrlich gesagt hätte ich niemals so ein Sesselpupser sein wollen. Diese ständig gelangweilten Gesichter und dann auch noch unfreundlich bis zum Gehtnichtmehr. Für mich wäre das die reinste Unterforderung und größte Unkreativität gewesen. Nee, dann schon lieber ständig unter Strom, dafür aber gefordert und interessant! Ich stieg schnell in meinen Marvin, ich meine in meinen BMW und fuhr los.
Ja und? Meine Autos hatten stets Namen. Meistens den eines früheren erinnernswerten Lovers. Diese Anzahl war überschaubar. Über die Auto-Namensgebung lachten sich meine Freundinnen schlapp. Schließlich konnte ich aber meine Beziehungen zählen, worauf ich stolz war! Rena dagegen wechselte so häufig wie das Wetter und war wiederum darauf stolz. Was soll’s. Jeder Blume ihre Puste.
Haaalt! Die wollen doch wohl nicht schließen? Nur eine Briefmarke, bitte! Ich parkte schnell und mal wieder Verkehr behindernd, spurtete über die Straße und – zu. Klasse, dafür hatte ich mich auch noch optisch aufgepeppt. Ich wedelte mit dem Brief dem Postmenschen hinter der Glastür zu und deutetet auf die Stelle, wohin man üblicherweise eine Marke klebt. Er schüttelte nur den Kopf und deutete auf mich und dann nach links.
Bitte was? Ich sah nach links rüber. Hhm? Ach, da entdeckte ich einen Briefmarkenautomaten. Oh, Mann! Da hätte ich mich überhaupt nicht beeilen müssen. Fehlte nur noch entsprechendes Kleingeld. Noch mal Glück gehabt. Marke drauf und ab die Post.
Ich war richtig stolz auf mich. Der Brief mit meiner Kontaktanzeige war nun endlich eingeworfen. Nach langem Zaudern. Zuerst fand ich es altmodisch und auch peinlich. Hatte ich das denn nötig? Ich erfand jede Menge Ausreden. Aber mal ehrlich: dauernd so ganz unbemannt war auch nicht mein Fall. Ich hatte es nicht glauben wollen, aber als Geschiedene wird man in der Tat hier und da nicht mehr eingeladen. Zumindest dann nicht, wenn die Bekannte oder Freundin einen Ehemann aufzuweisen hat. Offensichtlich hatten sie Angst davor, ich könnte mich an ihn heran machen. Als ob man das nicht auch als verheiratete Frau tun könnte, wenn man nur wollte. Man brauchte sich doch nur umzusehen. Welche Ehe war denn wirklich intakt? Die meisten hatten so genannte Ausrutscher längst hinter sich. Nur vorgeschobene Gründe hielten die Gemeinschaft aufrecht. Von Liebe und Partnerschaft schon lange keine Spur mehr. Mal war es wegen der Kinder, wegen der eigenen Eltern, die man nicht enttäuschen wollte. Mal wegen des gesellschaftlichen Ansehens. Die wirklichen Gründe werden lieber verdrängt. Es ist ja auch viel einfacher, aus Gewohnheit oder Bequemlichkeit zusammen zu bleiben, als sich mit der Gesamtproblematik auseinander zu setzen.
Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, über solchen Kram gar nicht mehr nachzudenken. Aber manchmal, besonders in der dunklen und kalten Jahreszeit, überkamen mich diese hässlichen Gedanken ganz plötzlich.
In diesem Zusammenhang fiel mir meine Freundin Rena ein. Sie hatte damals einen fast zwanzig Jahre älteren Mann geheiratet. Sie ließ sich angeblich wegen ihrer längst erwachsenen Tochter nicht scheiden. Schließlich hatte die Süße so ein gutes Verhältnis zu ihrem Vater, das sie natürlich nicht zerstören wollte.
Klar! Dabei hatte Rena während der gesamten Ehe und bis heute ein Verhältnis nach dem anderen. Dazu noch eine Dauerbeziehung mit einem früheren Freund. Mir war schleierhaft, wie sie das seit so vielen Jahren verbergen konnte. Denn eines war mal ganz sicher: wenn ihr krankhaft eifersüchtiger Ehemann das heraus bekommen würde, wäre sie geliefert! Er würde sie in seinem Eifersuchtswahn auf der Stelle umbringen! Ehrlich !
Ich hatte schon länger nichts mehr von ihr gehört. Ich setzte mich ins Auto und wählte ihre Nummer in der Hoffnung, dass Hörni – so nannte ich ihren Angetrauten – nicht zuhause war. Nicht einmal normal reden konnte man dann. Meistens nahm er den Hörer vom Zweitgerät ab und belauschte uns heimlich. Das konnte für sie ganz schön gefährlich werden. Wir hatten uns deshalb auf „Fremdvokabular“ geeinigt, eine Art Geheimsprache, die er nicht verstehen konnte. Ganz schön albern, in unserem Alter.
Wenn ich Glück hatte, war er vielleicht zum Seniorenschwimmen. Der Ruf ging bis zum Besetztzeichen durch. Niemand meldete sich, keiner da. Pech gehabt.
Was sollte ich nun mit diesem angebrochenen Abend anfangen? Langsam machte sich ein Hungergefühl breit. Der Magen knurrte. Was könnte ich mir denn Gutes gönnen? Alles, was mir einfiel, war mit viel Aufwand verbunden. Für mich allein war mir das dann doch zuviel Arbeit, außerdem hatte ich heute auch keine richtige Lust zum Kochen.
Wer könnte denn mit mir essen gehen? Na klar, Ulla! Sie hatte als Einzige meiner Freundinnen noch nicht die Liebe gefunden, ganz zu schweigen von der ganz großen. Sie nahm aber jede Gelegenheit wahr, nach dem Richtigen zu suchen.
„Hallo?“, meldete sie sich, wie gewohnt ohne Namen.
„Hallo, ich bin’s.“
„Ach du bist’s. Was gibt’s?“
„Nichts Besonderes, außer Hunger.“
„Mädel, da hast Du aber Glück gehabt. Ich wollte gerade runter zu meiner Mutter.“
Das hieß übersetzt, dass sie gerade auf dem Weg zu ihrem Abendessen war, was ihre Mutter von jeher für sie kochte, denn das Kind konnte so was doch nicht.
Ulla nutzte das schamlos aus. Sie wohnte in einer eigenen Wohnung mietfrei im Hause ihrer Eltern und zahlte weder anfallende Nebenkosten noch Kostgeld. Natürlich besorgte die Mutter auch das Putzen und füllte dem Kind ständig den Kühlschrank auf, inklusive diverser teueren Alkoholika. Das Kind liebte nun mal In-Gesöffe, angefangen bei Champagner. Sie verwöhnte sie nach Strich und Farben. Vielleicht deshalb, weil sie sich echte Sorgen machte, dass ihr einziges Töchterlein keinen Mann mehr abbekommen könnte. Die Sorgen waren auch gar nicht so unbegründet. Bei den Ansprüchen, die die Kleine so an den Tag legte. Sie kaufte nur die teuersten Kosmetika und Klamotten, verreiste nach Lust und Laune, ging aus wohin und wann immer sie wollte. Das Geld reichte selten bis Ultimo. Mr.Right würde das irgendwann schon regeln.
Dass für sie nur ein vermögender gut aussehender Partner infrage kam, war sowieso klar.
Im Vergleich dazu hatte sie selber allerdings recht wenig zu bieten. Lehrberuf ohne Abitur, kleines Gehalt, mopsig, eine große Klappe, ein altes ungepflegtes Auto, konnte im wahren Leben ohne die Eltern eigentlich gar nichts.
Woher sie diese unrealistische Einstellung wohl hatte? Ihr gesamter Freundeskreis war gespannt, wie die Partnersuche mal enden würde. Na, meine Sorge sollte das nicht sein. Als Freundin war sie jedenfalls unschlagbar. Nur das zählte für mich und ich würde ihr in jedem Fall behilflich sein, den Supermann, den sie sich so vorstellte, zu finden.
Fünfzehn Minuten später hupte ich vor ihrer Haustür. Sie stand schon am Fenster und winkte zu mir herunter. Nachdem sie sich auf den Beifahrersitz gezwängt hatte, entfaltete sich von dort aus eine enorme Parfümwolke.
„Ich dachte wir wollen essen gehen?“, grinste ich sie an.
„Ja sicher. Hast Du etwa keine Lust mehr? Ich habe einen Mordshunger! Tu mir das nicht an!“, blaffte sie.
Ich sah sie lachend an und hielt mir dann die Nase zu. Ich kann diese grässliche Über-Einparfümierung sowieso und zum Essen schon mal gar nicht leiden. Das zeugt für mich nicht von gutem Geschmack, im wahrsten Sinne des Wortes. Also richtete ich mich auf Abendessen von der Sorte heiß und fettig ein.
„Wo soll es denn hin gehen, meine Holde?“
„Weiß nicht“, knurrte sie beleidigt. „Du hast mich doch angerufen. Also wirst du wohl wissen, wo du hin willst.“
„Nein. Das überlasse ich heute allen arabischen Wohlgerüchen der Welt neben mir“, frotzelte ich.
„Na dann fahr’ endlich los … zum Türken!“ kam es regelrecht geschossen zurück.
Ich verzog mein Gesicht. Musste das denn sein? Da hatte ich nun sprichwörtlich mein Fett weg. Wir sahen uns an und fingen an zu lachen. Ja, das war Ulla! Eben noch beleidigt, in der nächsten Minute schon wieder alles vergeben und vergessen. Eine Eigenschaft, die ich sehr an ihr schätze.
Ich fuhr nach ihren Anweisungen. Diesen neuen Türken kannte ich nicht. Die türkische Küche schätze ich nicht besonders, gehe aber jedes Mal mit, weil ich keine Spielverderberin sein will. Ich bestelle dann eben etwas zurückhaltender als meine Freundin.
Als wir ankamen, war das Restaurant leer, total leer. Kein einziger Tisch war besetzt. Es war wohl noch etwas zu früh. Tatsächlich, erst mal knapp achtzehn Uhr. Und dann noch dieses fiese Wetter, was mit Sicherheit heute nicht für viel Publikum sorgen würde. Ich wollte schon wieder gehen, aber Ulla meinte: „Nee, ist doch nicht schlecht. Dann haben wir einmal die ungeteilte Aufmerksamkeit des gesamten Personals.“
Das gefiel mir schon gar nicht, so ausgeguckt zu werden.
Ulla suchte den ersten Tisch im hinteren erhöhten Bereich aus, von wo man den ganzen Raum gut überblicken konnte. Ich ahnte schon, warum.
„Gute Aussicht, was?“, kam es prompt von ihr.
„Von hier aus kann man das Material gut ausgucken“, sagte sie erfreut.
„Wenn was kommt“, zweifelte ich.
„Ach du immer mit deinem Pessimismus.“
Im Augenblick jedenfalls wurden nur wir ausgeguckt. Hinter der Theke polierte jemand ausdauernd Gläser mit Blick in unsere Richtung. Jemand anders rückte alibimäßig und grinsend Stühle zurecht. Ein Kellner putzte das Besteck, wobei er immer wieder zu uns hinüber sah. Eine reine türkische Männergesellschaft.
Na Mahlzeit! Das konnte was werden. Kalt war es hier auch noch. Mein Hungergefühl wurde immer weniger. Ich fühlte mich unwohl.
„Wollen wir nicht doch lieber woanders hin?“, fragte ich.
„Wieso denn? Kann doch ganz lustig werden. ABWARTEN! Wir trinken jetzt erst mal was Schönes.“
Als der Ober mit der Speisekarte nahte, bestellte sie uns zuerst mal zwei Raki, zum aufwärmen. Der Ober zog die Augenbrauen hoch – ich auch.
Hochprozentiges auf fast nüchternen Magen! Schließlich musste ich noch Auto fahren. „Musst du ja nicht trinken, wenn du nicht möchtest. Den kann ich gerne übernehmen. Aber wir wollen doch noch ein Weilchen bleiben. Ich lade dich heute mal ein, “ versuchte sie mich zu überreden. Sie sah mir meine Begeisterung wohl an.
Ach, naja. Sie hatte recht. Man muss nicht sofort so miesmuschelig sein, wenn nicht alles hundertprozentig läuft. Wie sie schon sagte: ABWARTEN.
Ich sah mich um und fand das Ambiente gar nicht so schlecht. Die Wände waren einfach weiß gestrichen und mit interessanten großformatigen Landschaftsfotos aus der Türkei dekoriert. Keine bunten Wandschmierereien, wie üblich. Die gepflegte Tischwäsche passte farblich zu den Vorhängen und den modernen Stühlen. Edle Gläser und teures Besteck rundeten den Eindruck ab. Echte Grünpflanzen in weißen, formschönen Behältnissen zwischen einigen Tischen sorgten für etwas Intimität. Der Türke präsentierte sich in einer schlichten Eleganz.
„Wirklich, nicht schlecht. Hätte ich nicht gedacht“, gab ich zu.
„Na siehste. Aber erst rumunken. Und jetzt mach’ mal ein anderes Gesicht!“
„Sorry, aber mir fiel nur eben der letzte türkische Laden ein, in den du mich geschleppt hast.“ „Mann, du immer mit deinen Vorurteilen! Kann doch mal passieren. Die Italiener sind auch nicht immer gut. Wenn ich da an deine empfohlenen frutti di mare denke, die mich danach die ganze Nacht im Bad beschäftigt haben …, bah.“
„Schon gut, schon gut. Ich sage ja nichts mehr.“
Es war ihr nach dem Besuch bei einem neuen angesagten Italiener wirklich schlecht ergangen. Sie hatte mich nachts um Hilfe bittend angerufen und wollte nur noch sterben. Seitdem reichte ihr schon allein Fischgeruch aus und sie verbat sich, dass jemand an ihrem Tisch etwas in dieser Richtung bestellte.
Ulla kippte den Raki runter. „Ahhh, das brennt nicht schlecht.“
Hatte ich mir schon gedacht und deshalb nur leicht am Glas genippt. Das reichte mir erstmal. Der Ober nahm Ullas Bestellung entgegen. Denn wenn sie einlud, bestand sie darauf, die Gerichte auszuwählen.
„Einmal Tavuk Sote, einmal Kuzu Sote, ein Viertel Weißwein, ein Viertel Rotwein und eine Flasche Wasser bitte und – einen doppelten Raki.“
Ich hatte überhaupt keine Ahnung, was mich erwartete. Fragen war zwecklos, ich musste mich überraschen lassen. Das war auch nicht neu. Allerdings wunderte ich mich wieder mal, was Ulla an Alkohol vertragen konnte. Na, von vertragen konnte nicht direkt die Rede sein. Man merkte ihr eigentlich nie an, was sie schon intus hatte. Es überfiel sie ganz plötzlich. Aber meistens sah sie gar nicht ein, dass dann schon Schluss sein sollte und bestellte unbemerkt noch einen Drink. Das wiederholte sich dann einige Male. Wie oft hatten sie einige Mädels, wie sie uns nennt, blau wie eine Haubitze nach Hause geschleppt. Dabei war das nicht ganz einfach. Meist torkelte sie zwischen unseren stützenden Armen hin und her. Kein schöner Anblick und dazu noch gemeine Bemerkungen einiger blöder Dreibeiner. Uns war das peinlich und wir wählten dann lieber dunkle, einsamere Umwege zum Fahrzeugzeug und brachten sie nach Hause. Es war gut, dass sie sich häufig nicht daran erinnern konnte.
„Na, wie läuft’s denn so bei Dir?“, wollte sie wissen.
„Was meinst Du?“, stellte ich mich dumm. Ich wusste ganz genau, was sie meinte. Seit Jahren war sie auf Ehemannsuche, wobei es in den vergangenen zwei Jahren wirklich schlimm geworden war. Sie setzte sich selber unter Druck und ließ daher keine Gelegenheit aus, jemanden kennen zu lernen. Die biologische Uhr hatte zu ticken begonnen, wie sie meinte und schließlich wünschte sie sich zwei Kinder. Uns allen war das völlig unverständlich. In den Jahren, die wir uns nun schon kannten, wäre sie die Letzte gewesen, die man sich als Mutter hätte vorstellen können – bei dem Lebenswandel und den hausfraulichen Qualitäten. Außerdem hatte sie sich niemals dahingehend geäußert. Ich konnte mir das auch überhaupt nicht vorstellen!
„Was wohl, du Nase!“
Sie sah mich eindringlich an und ich merkte, wie ich rot wurde. Von dem bisschen Raki konnte das ja nicht sein.
„Wusste ich doch! Erzähl’ mal! Hast du jemanden kennen gelernt?“
„Nö“, gab ich einsilbig von mir.
„Aber da ist doch was. Du bist rot wie eine Tomate. Na los, sag’ schon. Ich bekomme es sowieso heraus.“
Das stimmte. Wenn sie etwas rausbekommen wollte, hatte sie es – mit welchen Mitteln auch immer – geschafft. Es machte keinen Sinn, ihr etwas zu verschweigen, wenn sie einen Verdacht hatte. Aber ich zierte mich trotzdem.
„Naja, die Sache ist so … “. Ich suchte nach Worten.
„Weiter!“
„Hhm, also kennen gelernt habe ich noch niemanden.“
„Noch“, grinste sie. „Wusste ich’s doch!“
„Wie soll ich das sagen? Also … “.
„Mach’ es doch nicht so spannend. Erzähl endlich“, versuchte sie mich zu ermutigen.
Es blieb mir nichts anderes übrig, als mit der Sprache heraus zu rücken. Ich nahm mich zusammen und berichtete wahrheitsgemäß von allen vorherigen Überlegungen und meinem Entschluss, mich nun ernsthaft nach einem Partner und nicht nur einem Spielzeug umzusehen.
„Klasse. Finde ich wirklich gut. Du lebst jetzt lange genug alleine. Nicht alle Männer sind so wie dein Ex“, freute sie sich.
„Aber viele, viel zu viele“, gab ich zu bedenken.
„Ach was! Sei’ doch nicht wieder so pessimistisch. Das wird schon. Give men a chance!“
Genau im richtigen Augenblick kam das Essen und ich konnte wenigstens fürs Erste noch die Annonce verschweigen.
„Mmhh, wie das duftet. Du hast heute meinen Geschmack gut getroffen“, sagte ich anerkennend und probierte die geschnetzelten Fleischstücke mit Paprika und Champignons. Die Zutaten waren wirklich frisch und das Ganze sah äußerst appetitlich aus.
„Und dann noch Hähnchen in Weißwein-Sahnesoße. Schmeckt prima“, sagte ich anerkennend.
„Meins auch“, sagte sie zufrieden. „Ich habe fast dasselbe. Nur mit Lammfleisch in Rotwein-Tomatensahne“.
Selbst der Salat war knackig frisch und einfach herrlich. Hätte ich selber nicht besser machen können. Und das sollte schließlich etwas heißen.
„Was für ein Unterschied zu den anderen Türken. Von mir aus können wir öfter hierher gehen.“
„Siehste!“, triumphierte Ulla. „Kannst ruhig mal auf Ulla-Mama hören.“
Wir mussten lachen.
Genau in dem Augenblick öffnete sich die Eingangstür und zwei gut aussehende Männer traten ein. Sofort setzte sich Ulla in Positur. Nachdem die Beiden an einem Tisch am Fenster Platz genommen und einmal kurz in die Runde geschaut hatten, vertieften sie sich schweigend in die Speisekarte.
Ulla setzte ihr schönstes Lächeln auf, ließ das Essen völlig unbeachtet stehen und beobachtete das Material. Zugegebenermaßen sah es gut aus; beide dunkelhaarig mit perfektem Haarschnitt, sehr gepflegt, schlank, äußerst geschmackvoll und teuer gekleidet. Als Designerin sehe ich das auf den ersten Blick.
„Wow“, entfuhr es Ulla. „Die wären doch was für uns. Zwei auf einen Streich“, kicherte sie. Darauf konnte ich ein Lachen nur mühsam unterdrücken. Das war ganz nach ihrem Geschmack. So richtig schön bequem beim Essen noch zwei passende Ehemänner dazu abstauben, ohne jeden Aufwand. Tja, dagegen wäre sicher nichts einzuwenden. Nur hatte ich leider noch nicht von solchen Wundern gehört, an die ich prinzipiell auch nicht glaube. Ich bin sehr realistisch und nach meiner Eheerfahrung auch eher pessimistisch.
„Nun guck doch mal! Welcher gefällt dir besser? Rechts oder links?“, fragte sie aufgeregt auf ihrem Stuhl herum rutschend.
„Mensch, bleib’ ruhig sitzen. Und glotz nicht so in die Richtung. Das ist ja peinlich“.
„Wieso? Vielleicht haben die uns noch gar nicht gesehen. Irgendwie muss man sich doch bemerkbar machen.“
„Mag sein, aber sicher nicht unangenehm“, rügte ich.
Ulla konnte sehr direkt sein. Ihr war es völlig egal, was andere Leute dachten, solange sie ihr Ziel erreichen konnte. Mir war das oft unangenehm. Aber wer mit ihr ausging, musste damit rechnen.
„He, die gucken überhaupt nicht. Was sind das denn für welche?“
Sie reckte sich deutlich in die Höhe.
„Wirf’ doch die Wasserflasche rüber. Das fällt bestimmt auf“, bemerkte ich sarkastisch. „Phh“, machte sie verächtlich und zu meinem Entsetzen rief sie lautstark durch den Raum: „Herr Ober, ich vertrockne! Bringen sie bitte noch einen Roten davon!!! “ und deutete mit dem Finger auf die beiden kleinen Weinkaraffen.
Der Ober fühlte sich so nicht angesprochen und drehte sich einfach um. Als wäre das nicht genug gewesen, hob Ulla nun den Arm und rief winkend und noch lauter: „Haaallo, Herr Oooober!“
Das hatte dann doch Erfolg, aber welchen! Der Ober nickte ihr schnell zu und verschwand. Dafür hatten wir nun die Aufmerksamkeit der beiden Männer. Beide drehten die Köpfe in unsere Richtung, taxierten die noch immer winkende Ulla, drehten sie wieder weg und prusteten los; wenn auch dezenter als das auffällige Winken, auf jeden Fall unüberhörbar. War das megapeinlich! Ich wäre gern in einem Mauseloch verschwunden.
„Musste das sein?“, zischte ich wütend.
Ich war sauer. So ein Benehmen fiel natürlich auch auf mich zurück.
„Ach hab’ dich nicht so. Die sind doch sowieso schwul“, winkte sie ab.
„Wie kommst du denn darauf?“
„Sieh’ doch hin.“
Zögernd sah ich zu den Männern hin.
Sie sahen sich verliebt in die Augen, wobei einer von ihnen zärtlich die Wange des anderen streichelte.
Zuerst mal war ich völlig sprachlos. Ich hatte zwar nicht darüber nachgedacht, hätte damit aber nicht gerechnet. Ich entspannte ich mich wieder. Über Ullas Benehmen müssten wir dringend reden, so was wollte ich nicht noch mal erleben. Aber in diesem Fall fühlte ich mich einfach nur erleichtert.
Den Aufenthalt in diesem Lokal wollte ich trotzdem besser beenden. Ich schlug vor, das von meiner Freundin so geliebte Dessert ausfallen zu lassen und dafür noch eine nette Cocktailbar aufzusuchen, um dort weiteres Material zu sichten. Dazu wollte ich sie im Gegenzug einladen. Schließlich war es noch recht früh am Abend.
Ulla war Feuer und Flamme.
„Ja toll! Endlich mal ein guter Vorschlag ! Was ist denn mit Dir los? Du trinkst doch so gut wie nie Cocktails?“
„Ich nicht, aber du. Außerdem glaube ich nicht, dass sich hier noch viel tut.“
„Sieht ganz danach aus. Na, dann lass’ uns gehen.“
Nach etwa fünf Minuten Fußmarsch durch den Regen, mehr gerannt als gegangen, leuchtete uns schon der rosafarbene Schriftzug „Flamingos“ entgegen.
Leicht durchnässt und völlig außer Atem stürzten wir regelrecht in die Bar hinein. „Mannomann, ihr habt’s aber eilig“, tönte eine Stimme vom Tresen.
Wir klopften uns die Jacken ab und ohne weiter hinzusehen rief Ulla laut in die Richtung zurück: „Ja, wir sind Alkoholiker und uns geht gerade der Stoff aus. Mal schnell her damit.“
Schallendes Gelächter dröhnte uns entgegen. Wie wir erst jetzt sahen, war der Laden beinahe schon überbesetzt und bis auf wenige Ausnahmen nur von Männern. Während wir die nassen Jacken an die Garderobe hängten, warf Ulla mir einen viel sagenden Blick zu.
„Aber du weißt schon, dass wir beide morgen arbeiten müssen?“ erinnerte ich sie.
„Wer könnte das an deiner Seite schon vergessen, Miss Vernunft? Komm’, sei kein Spielverderber. Wir gucken uns nur ein bisschen um, dann sehen wir weiter.“
Sie rammte mir auffordernd den Ellenbogen in die Seite.
Nur keine Zugeständnisse machen! Da muss man bei Ulla ganz schön aufpassen. Ich hatte da schon so manch böse Erfahrung gemacht. Also sagte ich erstmal gar nichts und ging hinter ihr her, Richtung Tresen.
Da hatte uns tatsächlich schon jemand zwei Tequila Sunrise spendiert. Die ganze Runde nuckelte grinsend an diesem Drink und wartete gespannt, was wir tun würden. Alle Blicke richteten sich auf uns, als Ulla gut gelaunt den ersten Cocktail an mich weiter reichte, den zweiten in die Höhe schwenkte und fröhlich in die Runde rief: „Heißen Dank, dem edlen Spender!“
Es wurde geklatscht und gepfiffen.
„Und was ist mit Dir?“, sprach mich ein Typ aus der Runde an.
„Ähm, ich muss noch fahren“.
Dafür erntete ich einige Buhrufe. Was soll’s? Offensichtlich war das nicht mein Tag. Mir war überhaupt nicht nach einer betrunkenen Männerclique. Noch waren sie nicht soweit, allerdings war das nur eine Frage von kurzer Zeit. Die Mischungen im Flamingos waren dafür berüchtigt. Aber ich wollte meiner Freundin nicht schon wieder den Spaß verderben.
Ich bestellte mir ein Mineralwasser und ließ den Cocktail stehen, was meinen Nachbarn zu einer Frage veranlasste.
„Du meinst das wirklich, was? Mit dem Auto fahren, meine ich.“
„Klar. Schließlich möchte ich meine Freundin heile nach Hause bringen. Und mich auch, “ sagte ich nicht gerade freundlich. Dass man sich immer für das Nichttrinken rechtfertigen muss, werde ich nie begreifen.
„Wieso fragst Du?“, ging ich auf das duzen ein.
„Ach, nur so. Kommt ziemlich selten vor, dass jemand gar nichts trinkt, wenn er noch fahren muss.“
„Aha. Und wer sagt, dass ich noch gar nichts getrunken habe?“ meinte ich grinsend.
„Habe ich mir so gedacht. Wie eine Alkoholikerin siehst Du nun wirklich nicht aus.“
Er sah mich anerkennend von oben bis unten an.
Schon wieder! Das darf doch nicht wahr sein, dachte ich. Mit Sicherheit war ich tomatenrot geworden. Das musste ich mir unbedingt abgewöhnen. Ich rührte angestrengt die Zitronenscheibe mit dem Strohhalm in meinem Mineralwasser herum und nahm dann ein paar große Schlucke. Danach fühlte ich mich besser.
„Woher kommt ihr denn? Ich habe euch Zwei hier noch nie gesehen.“
Er ließ nicht locker.
„Von draußen, „antwortete ich gleichgültig.
„Tatsächlich. Hätte ich nicht gedacht.“ Er lachte mich offen an.
„Und ihr seid vorher essen gewesen.“
Woher wusste er das denn? Ich sah ihn verblüfft an und stellte gleichzeitig fest, dass er strahlende katzengrüne Augen hatte. Ein seltenes Grün bei einem Mann. Überhaupt sah er ganz gut aus. Wo hatte ich denn meine Augen gehabt?
„Wie kommst du darauf?“, fragte ich ihn freundlicher.
„Die Knoblauchfahne riecht man meilenweit, deshalb.“
Darauf wäre ich nun wieder nicht gekommen. Aber welche Gerichte gibt es beim Türken schon ohne Knoblauch? Daran hatte ich natürlich nicht gedacht. Mein Gott, wie peinlich. „Steht dir gut.“ Er grinste wieder.
Ich dachte, ich hörte nicht richtig.
„Was, die Knoblauchfahne?“, stellte ich mich dumm.
„Nein, wenn du rot wirst.“
Der Mensch war ganz schön direkt. Leider hatte er recht. Das hatte ich überhaupt nicht im Griff. Wenn mir auch nur ansatzweise etwas peinlich war, errötete ich bis unter die Haarwurzeln. Viele meinten, es verliehe mir etwas Natürliches. Für mich war das nur ein deutlich sichtbares Zeichen von Unsicherheit, auf das ich gut verzichten konnte. So langsam hatte ich auch keine Hoffnung mehr, dass es sich legen würde, in dem Alter. Schließlich war ich doch kein Teeny mehr. Ich musste wirklich professionell etwas dagegen tun. Das nahm ich mir fest vor.
„Mit einer Glühbirne brauche ich wenigstens keine Taschenlampe für den Heimweg“, entgegnete ich lässig.
Er lachte sich halb kaputt. „Witzig bist du auch noch. Wer hätte das gedacht?“
Irgendwie war ich nun gar nicht mehr in Stimmung. Auch wenn der Typ gut aussah und recht nett zu sein schien, hatte ich keine Lust mehr. Ich hielt nach Ulla Ausschau. Die blickte gerade vom anderen Ende der langen Theke zu mir herüber und zwinkerte mir zu. Mit meinem Glas in der Hand rutschte ich vom Hocker und verabschiedete mich an dieser Stelle. „Ich muss mal zu meiner Freundin rüber.“
„Na, was hast du denn da Nettes aufgegabelt?“, empfing sie mich.
Ich verzog das Gesicht.
„Wieso, was haste denn? Sieht doch gut aus“, meinte sie.
„Weiß auch nicht. Ist heute nicht mein Tag. Irgendwie geht alles schief. Ich glaube, ich sollte besser nach Hause fahren. Die Luft hier ist auch ganz stickig. Außerdem ist es viel zu voll. Man kommt sich ja vor wie in einer Sardinendose.“
„Bist du schon mal drin gewesen?“, lachte sie mich aus.
„Nee, mal ehrlich. Das macht dir doch sonst nichts aus. PMS, was?“
„Kann schon sein“, murrte ich. „Können wir nicht lieber noch zu mir fahren?“
„Ach nee, lass mal. Da wird deine Laune nicht besser. Das Material hier ist auch nicht nach meinem Geschmack und ich merke den Cocktail ganz gut. Die Gesamtmischung war wohl nicht ganz passend. Dann bring mich besser gleich nach Hause.“
Wenige Minuten später verließen wir die Bar.
„Ulla wird erwachsen“, frotzelte ich.
„Haha, du Miesepeter. Hoffentlich hast du dich bis zum nächsten Mal wieder eingekriegt. In letzter Zeit bist du ziemlich oft schlecht drauf. Hast du Ärger im Job?“
„Nö, das nicht gerade. Aber sonst hast Du leider recht. Fällt mir schon selber auf. Vielleicht liegt es einfach nur am Wetter. Immer dieses Nass-Kalte. Wahrscheinlich eine ganz normale Herbst-Depri.“
„Ja, mag sein. Mich nervt diese Jahreszeit auch immer. Und im November kommen noch dazu die vielen Toten-Feiertage, schrecklich. Wie soll man da positive Gedanken haben?“
Ich setzte Ulla vor dem Haus ihrer Eltern ab und fuhr ohne Umwege zu meiner Wohnung. Ich wollte einfach nur ins Bett. Hoffentlich hatte ich mir keine Erkältung eingefangen. Ich spürte ein leichtes Kratzen im Hals und fühlte mich wirklich unwohl, einfach kaputt. Meine feuchten Sachen hängte ich schnell auf und suchte danach nur noch Ruhe. Nach einer ausgiebigen heißen Dusche mit meinem Lieblingsduft ging es mir schon etwas besser.
Wo war denn nur mein Kuschel-Schlafanzug? Ich kramte in der Schublade und fand ihn ganz unten. Na logisch. Er war nach Jahreszeit eingeordnet und befand sich somit in der Winterabteilung. Zwar war es noch nicht so kalt, aber mir war eben danach. Dazu noch die passenden Bettsocken angezogen … und fertig.
Aahhh, was für eine Wohltat. Meine Laune besserte sich leicht. Mir war nach einem Glas Wein, nach einem großen bitte.
Wenn ich heute schon nicht beim Italiener war, dann sollte es wenigstens ein guter italienischer Rotwein sein! In meinem Vorrat fand ich einen Villa Cafaggio Chianti Riserva.
Mmhhh, seeehr gut. Ich nahm einen weiteren Schluck aus dem Glas. Der Wein war hervorragend. Mir wurde gleich wärmer. Schnell ging ich damit zum Bett und nahm das dort liegende Buch auf. Nun noch ein paar Kissen in den Rücken gestopft … soooo ließ sich das aushalten.
Die Lektüre war leicht und amüsant. Sie handelte von einem Ehepaar, das unterschiedlicher nicht hätte sein können. Wirklich komisch.
Meine Gedanken schweiften immer wieder ab.
Es stimmte schon. In letzter Zeit war ich sehr launisch. Oft hatte ich eigentlich völlig grundlos miserable Laune. Das konnte unmöglich nur mit den Herbstmonaten zu tun haben. Normalerweise hatte ich das schlechte Wetter gerne zum Anlass genommen, Freunde zu einem guten Essen zu mir einzuladen. Das hatte immer Spaß gemacht. Aber irgendwie fehlte mir dazu die richtige Lust. Nie konnte ich mich wirklich zu etwas aufraffen, alles war mir zu viel. Ich war oft gereizt oder richtig genervt. Dabei war ich doch eher ein fröhlicher Mensch. Was war bloß los mit mir?
Dämliche Frage. Wenn ich ehrlich war, kannte ich den Grund doch ganz genau. Weihnachten nahte. Singles Grauen. Vor diesen Festtagen fürchtet sich jeder allein lebende Mensch. Sofern man Verwandte hat, wird man von Pflichtbesuchen mit aufgesetzter Freundlichkeit geplagt. Begrüßung mit Küsschen, auch wenn man den Menschen nicht ausstehen kann. Schließlich gehört sich das so … reiss dich zusammen. Heftige, erstickende Umarmungen und eklige nasse Küsschen von Tante Trude und Konsorten. Dass sie nicht behaupten ich wäre noch gewachsen, wundert mich fast. Es folgen viele üppige Mahlzeiten, die oft nur aus Höflichkeit nicht abgelehnt werden und einen dafür nachts nicht schlafen lassen. Danach der übliche Geschenkeaustausch. Geheuchelte Freude auf beiden Seiten.
Man langweilt sich und sehnt das Ende des Tages herbei, um dann meistens nach langer Rückfahrt genervt und total kaputt ins Bett zu fallen. Ein Wahnsinnsstress. Und jedes Jahr dasselbe.
Ist man ganz allein, hat man zwar seine Ruhe. Aber das ist auch nicht gut, denn davon gibt es nun zuviel. Das Fernsehprogramm ist lausig und langweilig. Es besteht fast nur noch aus Wiederholungen und dämlichen Casting-Shows. Hier und da gibt es vielleicht mal was zu lachen, aber sonst?
Lesen ist auch blöd. Macht man das ganze Jahr über.
Dann noch die Sache mit dem Essen. Mir macht es jedenfalls gar keinen Spaß, für mich als einzige Person ein Festmahl zuzubereiten. Der Aufwand lohnt nicht. Außerdem, soll ich mir dann vielleicht selber zuprosten und Frohe Weihnachten wünschen? Finde ich äußerst albern.
Wenn es draußen still wird und man die geschmückten Weihnachtsbäume in den Wohnräumen sehen kann, erzeugt das eine merkwürdige Stimmung. Mich überkommt dann ein trauriges Gefühl.
Mir ist zum Heulen. Keiner hat mich lieb, ich zerfließe vor Selbstmitleid.
Diese schrecklichen Tage überstehe ich meistens nur mit viel Rotwein und DVDs, jeder Menge Knabbereien und Weihnachtsgebäck.
Manchmal überkommt mich auch ein Ordnungsfimmel und ich räume auf, was meine Wohnung so zu räumen hat. Wenn ich damit fertig bin, beginne ich auszumisten. Danach fühle ich mich wenigstens erleichtert.
Natürlich könnte ich an diesen unerfreulichen Tagen auch arbeiten. Das wäre wenigstens produktiv, aber mir fehlt dann leider jegliche Konzentration.
Ich lasse mich leicht von den wenigen Geschehnissen draußen ablenken. Höre ich Lachen oder sogar Gesang, laufe ich neugierig zum Fenster, um die Vorübergehenden zu beobachten. Dabei stelle ich mir oft vor, wie diese wohl das Fest verbringen. Und manchmal werde ich ganz neidisch. Besonders wenn ich mir einrede, dass es bei Anderen nur harmonisch und in guter Stimmung zugeht. Überall ist es besser als bei mir, bilde ich mir jedenfalls ein.
Erst einige Tage nach dem Fest, nehme ich dann mit Genugtuung zur Kenntnis, dass diese Idealvorstellung meinerseits doch nicht der Realität entspricht. Wenn Freundinnen und Kollegen über verpatzte Weihnachten berichten, bin ich fast zufrieden. Nicht, dass ich ihnen etwas Schlechtes gewünscht hätte, aber warum sollte es anderen immer besser gehen als mir?
Was hatte ich nicht schon alles unternommen, um diesem ganzen Gemache auszuweichen.
Einmal hatte ich ein befreundetes Künstlerpaar angerufen und scheinheilig nachgefragt, was diese Weihnachten zu tun gedächten, wobei ich ganz genau wusste, dass sie extreme Weihnachtshasser sind.
Hat dann auch funktioniert. Sie luden mich gegen „Speis’ und Trank“ ein.
Ich brachte eine Gans und verschiedene gute Weine mit. Nach einigen Stunden Autofahrt, die ich am Heiligen Abend langsam hinrollend auf der Autobahn bei ätzender Radiomusik verbrachte – ich hatte wie immer keine CD im Wagen -, kam ich endlich an und wurde bereits sehnlichst erwartet. Oder wohl eher die Gans? Die verschwand nach kurzer Behandlung schleunigst im Backofen.
Das Tierchen war so groß, dass es in keinen Bräter hinein passte. Ich hatte es nur gut gemeint. Dafür war jetzt stundenlanges Warten angesagt.
Der Tisch war gedeckt. Das Kaminfeuer brannte gut. Uns Dreien knurrte ordentlich der Magen.
Um die lange Garzeit zu überbrücken, probierten wir schon mal verschiedene Digestive und kümmerten uns dabei gemeinsam um die Beilagen. Wir hatten viel Spaß dabei.
Auf das Dessert wollten wir ausnahmsweise verzichten, weil der Hausherr ein Süßer war und offensichtlich sämtliche Weihnachtsleckereien gekauft hatte, die der Markt hergab. Natürlich nur für mich. Er mochte „das ganze Weihnachtsgedöns“ ja angeblich nicht. So was Scheinheiliges! Dabei kannte jeder seine Vorliebe dafür. Einen so gewaltigen Berg an Naschwerk auf einmal hatte ich höchstens im Kaufhaus gesehen. Das war unglaublich. Für mich hätte das länger als ein Jahr ausgereicht.
Unser Magenknurren war nun heftiger geworden. Es gab nicht mehr viel zu tun. Wir probierten uns durch verschiedene Aperitifs. Die waren auch nicht übel. Die Stimmung wurde immer ausgelassener. Wir scherzten, erzählten uns die größten erlebten Reinfälle von Weihnachten und lästerten, was das Zeug hielt. Die Stimmung war in der Tat sagenhaft gut. Es hätte nicht besser sein können. Ja, so sollte Weihnachten sein. Das kam meiner Vorstellung schon viel näher.
Als die Gans dann soweit war, waren wir es nicht mehr. Wir Drei saßen ganz schön angbläut am Tisch und aßen herum albernd den gelungenen Braten. Keine Spur von Benehmen. Die Stimmung war auf dem Höhepunkt und der Hinweis der Hausfrau, dass es sich schließlich um ein „schweres Essen“ handele, hielt uns dann auch nicht davon ab, die guten Weine zu genießen.
Das war ein wirklich schöner Abend, der mir immer in Erinnerung bleiben wird. Vor allem wegen des folgenden Morgens, oder besser gesagt, wegen des folgenden Abends, der als Morgen für uns begann …
Nicht übel war auch meine Weihnachtsflucht nach Mallorca.
Nachdem ich mich kategorisch gegen meine Verwandtschaft entschieden hatte und leider feststellen musste, dass niemand, aber auch wirklich niemand Zeit für mich hatte – keine einzige Freundin, kein Freund – entschied ich mich für Weihnachten im Ausland.
Wenn man Mallorca noch Ausland nennen kann. Aber egal. Klar hätte ich Lust auf Christmas-Shopping in NYC oder wenigstens in London gehabt. Aber abgesehen davon, dass ich auf einen stundenlangen Flug keine Lust hatte, war es jetzt äußerst schwierig in Großstädten noch eine Unterkunft, geschweige denn einen Flug dort hin zu bekommen. Für Kurzentschlossene ist das so gut wie unmöglich. Also dann lieber Malle! Nur bloß nicht allein zuhause bleiben.
Es gab noch vereinzelt Flüge. Aber die Sache mit dem Hotel war dann doch nicht so einfach wie ich dachte. Nirgendwo freie Einzelzimmer. Malle war ebenfalls fast ausgebucht. Ich musste mit dem Vorlieb nehmen, was da war. Und das war der übrig gebliebene Rest, entweder Schrott oder völlig überteuert. Zu den Festtagen können die Veranstalter sich alles leisten.
Ich entschied mich für die zweite Möglichkeit. Wenn schon, denn schon. Schließlich wollte ich mich dort nicht auch noch ärgern.
Luxushotels haben neben allem was geboten wird den Vorteil, dass jede Menge Zeugs zuhause gelassen werden kann. Bademantel, dazu gehörende Frottee-Badeschläppchen, dicke kuschelige Badetücher, Fön, sowie zahlreiche Bad-Utensilien kann man getrost vergessen. Dafür hat man entweder einen leichteren Koffer oder kann, wenn die Wahl mal wieder schwer fällt, haufenweise Kleidung mitnehmen, die dann ungetragen wieder zurück geht. Mein Koffer war daher immer gleich schwer. Aber was soll’s. Schließlich weiß man vorher nicht was kommt und Frau möchte auf alles vorbereitet sein.
Der Koffer war gepackt, Freunde über meinen Verbleib unter Telefonnummer-Angabe informiert, das Taxi bestellt. Noch einen letzten Blick zurück … alles in Ordnung. Los, Taxi! Komm schon. Draußen war es erbärmlich kalt. Ich fror. Ah, da näherte sich ein heller Mercedes. Ja, das war mein Taxi. Der Fahrer wuchtete mein Gepäck mit einem bösen Blick in den Kofferraum. War wohl schwerer, als ich angenommen hatte. Ich tat so, als hätte ich den Blick nicht bemerkt, setzte mich nach hinten und sah mir meine kurz zuvor ausgewählte Lektüre für die nächsten zehn Tage näher an.
Zuerst mal der Reiseführer mit der Landkarte. Natürlich hatte ich vor, die Insel auf eigene Faust in einem schicken Mietwagen zu erkunden. Das war doch klar. Rumsitzen war noch nie mein Ding, deshalb gingen mir Feiertage ja so auf den Nerv. Was konnte man groß unternehmen, wenn alles geschlossen war?
Jetzt sollte das anders werden. Ich freute mich auf die schöne Landschaft Mallorcas, freute mich ebenso auf sommerliche Temperaturen und darauf, dass ich die Winterklamotten in Kürze los sein würde. War lange her, dass ich das erste Mal dort war. Aber ich hatte die Insel an sich und die mallorquinische Küche noch in bester Erinnerung.
Hmmh, mir läuft direkt das Wasser im Mund zusammen, wenn ich an die wunderbar duftenden Meeresbuffets in den Geschäften und den Restaurants denke. Sie sind an Vielfalt und Frische kaum zu überbieten. Oder die Paella, die mindestens zwei Tage vorher bestellt werden musste. Eine wahre Köstlichkeit!
Gutgelaunt saß ich im Taxifond. Daher nahm ich die Fahrzeit nicht als solche wahr. Mitten in der Nacht war auf den Autobahnen kaum Verkehr. So setzte mich der mürrische Taxifahrer recht schnell am Eingang des Flughafens ab. Das Gepäck knallte er hart auf den Asphalt.
Was glaubte der, was mein Koffer gekostet hatte? Wahrscheinlich hatte er nicht die geringste Ahnung und schätzungsweise war ihm das völlig egal.
Dafür gab es auch kein Trinkgeld. Davon bin ich sowieso kein Fan. Diese ständigen Überlegungen, was jeweils angemessen ist. Außerdem bekomme ich auch keins, wobei so manches Mal mit Sicherheit ein Eilzuschlag fällig gewesen wäre. Wie oft hatte ich mir und das bis heute, die Nächte um die Ohren geschlagen, um Sonderwünsche termingerecht zu erfüllen. Das wird allerdings als selbstverständlich angesehen. Trinkgeld, was ist das?
Gegenüber dem unfreundlichen Taxifahrer musste ich also gar kein schlechtes Gewissen haben.
Wie immer war ich überpünktlich. Wenn schon Touristenklasse, dann wenigstens so gut wie möglich. Ich hoffte, einen Fensterplatz zu ergattern. Zu meinem Erstaunen herrschte schon dichtes Gedränge am Abflugschalter. Wahrscheinlich hatten Andere ebenso gedacht wie ich. Aber ich hatte Glück. Ein Fensterplatz war mir schon mal sicher. Und nach einem Blick auf die Waage drückte der nette Mensch an der Abfertigung wegen meines leichten Übergepäcks sogar ein Auge zu.
Das war schon mal gut gegangen. Nun brauchte ich noch einen Kaffee.
Glücklicherweise öffnete gerade der nächste Coffee-to-Go Shop. Dazu noch ein frisches Schinken-Käse-Croissant. Die Welt konnte ausnahmsweise auch schon um diese Uhrzeit ganz angenehm sein. Denn wenn ich eines nicht bin, dann ein Frühaufsteher, was man mir auch immer ansehen kann.
Ich vermied es, in einen der vielen Spiegel zu sehen. So spannend sind geschwollene Augen in einem verquollenen Gesicht nun auch wieder nicht. Ich ärgere mich ständig darüber und frage mich wie andere Frauen das anstellen, um diese Zeit so frisch und ausgeschlafen auszusehen. Bei mir hilft einfach gar nichts. Selbst dicke Schminke kann nichts ausrichten. Im Gegenteil, die macht alles nur noch schlimmer! Ärgern hilft leider genauso wenig.
Ich hatte vor, im Flieger ein Schläfchen einzulegen. Ein paar Stunden später würde sich das mit dem Aussehen dann sowieso von selbst regeln. Also, was soll’s? Es gibt Schlimmeres.
Genau das sollte nur kurze Zeit später folgen. Mit dem Schläfchen wurde es schon mal nichts. In der Reihe hinter mir hatte eine Familie mit entzückenden Kindern Platz genommen, die abwechselnd den ganzen Flug über plärrten und nicht zu beruhigen waren. Meine Nerven! Ich konzentrierte mich angestrengt auf die Tageszeitung, die mir die Stewardess gegeben hatte. Danach auf das Bordmagazin. Es gelang mir nicht wirklich.
Der Herrenkegelclub weiter hinten war nämlich auch nicht zu überhören. Je näher wir unserem Flugziel kamen, desto lauter wurden die Kegelbrüder, total angetörnt durch viel zuviel Alkohol. Sollte man wirklich verbieten. Sie hatten sich überhaupt nicht mehr unter Kontrolle. Echte Prollis! Da nutzten auch die Ermahnungen der Flugbegleiter nichts.
Dann kam wie erwartet diese furchtbare Bordverpflegung. Der Kaffee ist mehr oder weniger schlecht, geht meistens gerade noch so. Aber den Rest kann man getrost ganz vergessen.
Auf dem Mini-Tablett lagen in Klarsichtfolie eingeschweißt ein gekühltes, trockenes Brötchen an Salatblatt und kleiner, geschmacklich undefinierbarer Käsescheibe sowie Pfötchen gebender Wurstscheibe. Durch die drei Zutaten wird das Brötchen so gut angefeuchtet, dass es sich nicht mehr beißen sondern nur noch durch die Zähne ziehen lässt.
Der Rest ist dafür einzeln verpackt.
Eine kleine Scheibe Vollkornbrot, ein Stückchen Butter, ein Näpfchen transparente rosa und zähe Marmelade ohne Frucht, ein Mini-Päckchen Frischkäse, ein Rund-Näpfchen Leberwurst und als Krönung ein kleiner Becher schlabberiger übersüßter Fruchtjoghurt.
Ja, ich weiß. Auch mir ist der Welthunger bekannt. Aber außer mir würden auch noch viele andere Fluggäste dafür gern die Überlebenspäckchen auf Kurzstrecken spenden. Man könnte sie einfach abwerfen. Vielleicht können die Fluggesellschaften das mal aufnehmen. Schließlich ist die Verpflegung im Preis inbegriffen.
Das wissen natürlich alle Mitflieger. Und was bezahlt ist, wird auch schön aufgegessen. Geschmack ist Nebensache und überhaupt nicht gefragt. Von denjenigen, die das opulente Frühstück annehmen, ist dazu offensichtlich nicht einmal die Hälfte in der Lage, gesittet zu essen. Es spielen sich immer wieder dieselben Szenen ab. Die Tabletts mit der Verpflegung werden den Flugbegleitern regelrecht entrissen. Die Passagiere stürzen sich darauf, als würden sie gerade verhungern. So auch mein korpulenter Sitznachbar.
Er konnte wohl nicht schnell genug an sein Brötchen kommen und riss die Folie mit einem ordentlichen Ruck so schwungvoll auf, dass die Wurstscheibe auf meinem Blazer landete. Iiihhh! Unbekümmert grapschte er die Wurst von diesem und rieb fürsorglich mit einem benutzten Papiertaschentuch nach. „Tut mir leid“, sagte er und grinste mich dämlich an.
Mir auch, dachte ich, sagte aber nichts. Der Fettfleck war deutlich zu sehen.
Das zähe Brötchen war natürlich nicht zu schneiden. Er steckte den Daumen hinein, riss es auf, schmierte Butter dazwischen und stopfte die Wurstscheibe hinein. Dann verschlang er es mit zwei großen Bissen, wobei er mich mit Kuhaugen ansah. Danach fischten seine Wurstfinger die Käsescheibe heraus, die er zusammen quetschte und sich gierig in den Mund stopfte. Eine Ecke guckte noch raus. Sie wurde gnadenlos mit dem Zeigefinger nach gestopft.
EKELHAFT! Einfach nur EKELHAFT!!!
Mann, was hatte ich doch immer wieder für ein Glück in diesen Touri-Bombern!
Den Inhalt aller Näpfchen verteilte er dann in Häufchen nebeneinander auf der Vollkornscheibe, klappte sie zusammen und verschlang das Ganze ebenso wie vorher das Brötchen. UÄHHHHHHHH!!!
Nun war der Kaffee dran. Er riss das Zuckerpäckchen auf und verteilte damit die Hälfte in seinem Umfeld.
Mein Journal knisterte beim Umblättern, weil mir etwas von den Haaren hinunter rieselte. Der wird doch hoffentlich nicht noch Milch hinein schütten, dachte ich. Kaum gedacht, schon gemacht.
Er zog mehrmals an der Minilasche und rutschte immer wieder ab. Schließlich erwischte er sie doch und zog sie heftig hoch. Genau was ich befürchtet hatte!
Die Milch spritzte in vielen kleinen Tröpfchen heraus und verteilte sich unter anderem wieder auf meinem Blazer.
Noch mehr Fettflecke!!! Den Rest der Milch gab er in seinen Kaffee.
„Entschuldigung“, murmelte der Unsympath und rieb wieder an meinem Blazer herum. Danach schlürfte er unüberhörbar sein Heissgetränk.
Mir fiel so langsam der Unterkiefer runter. Hatte dieser fressende Fleischberg eigentlich überhaupt keine Manieren? Die Frage konnte ich mir selber beantworten.
Denn danach schlabberte er geräuschvoll in Sekundenschnelle den Jogi, den er sich freundlicherweise mal auf die eigene Hose kleckerte.
Irgendwie erinnerte mich das an Loriot. Als ich diese ähnliche Szene zum ersten Mal gesehen hatte, fand ich sie sehr amüsant aber total übertrieben. Hätte nie gedacht, dass sie keine Erfindung ist. Jedenfalls konnte ich ab sofort mitreden.
Mein Blazer war nun total ruiniert. Normalerweise hätte mir der Fiesling die Reinigungskosten erstatten müssen. Aber ich wollte mit dem da bloß nichts weiter zu tun haben.
Später würde ich dafür lieber den guten Service meines Hotels in Anspruch nehmen.
Das sollte doch kein Problem sein. Dachte ich aber nur! Dieser Flug hatte noch eine Krönung.
Während der Fleischkloss neben mir Kekse, Schokoriegel und Gummibärchen weiter unkontrolliert in sich hinein stopfte, bemerkte ich plötzlich einen merkwürdigen Geruch.
Ich blickte von meiner Reiselektüre auf und schnupperte herum. Was roch denn da so fies? Undefinierbar. Bahh, der Geruch verstärkte sich immer mehr. Wo kam das überhaupt her? In meinem Blickfeld war nichts Ungewöhnliches auszumachen. Kam das von hinten?
Es kam. Und wie!
Ich drehte leicht den Kopf und spähte zwischen meinem Sitz und dem meines gefräßigen Nachbarn hindurch. Ich konnte nicht glauben, was ich dort sah. Das konnte doch wohl nicht sein! Eine Frau in der Reihe hinter mir hatte ihren Nachwuchs auf den Schoss genommen und hielt in der Hand einen geöffneten Henkelmann, woraus sie sich und das Kind abwechselnd fütterte.
