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Es scheint fast, als wäre Lara im Paradies gestrandet – Meer, Sonne, Palmen, fröhlich spielende Delphine. Doch der gutaussehende Fremde, der sie aus dem Wasser fischt und aus der Bewusstlosigkeit zurückholt, gibt ihr Rätsel auf. Die jungen Bewohner seines Dorfes leben wie Steinzeitmenschen, kennen weder Metall noch Glas, und haben anscheinend keine Ahnung von der hochtechnisierten Welt, aus der Lara stammt. Warum die jungen Leute fern von ihren Familien auf einer einsamen Insel hausen, warum sie essen, was sie finden, ohne sich zu vergiften, ist Lara ebenso unklar wie ihre eigene Mission, deren düsteres Geheimnis sie Schritt für Schritt enthüllt.
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Veröffentlichungsjahr: 2013
Es war heiß, viel zu heiß. Sie spürte, wie ihr der Schweiß übers Gesicht lief. Atmen war eine mühsame Sache, stickige Luft drang durch die Maske, die sich über Nase und Mund schloss. Blinzelnd schlug sie die Augen auf, grelles Sonnenlicht blendete sie. Sofort machte sie die Augen wieder zu. Sie fühlte sich schwerelos, gefangen in einer Hülle, die sie trug, aber unfähig, sich zu bewegen. Sauerstoffmangel dachte sie noch, ehe sie wieder das Bewusstsein verlor.
Ein Stupsen gegen die Rippen holte sie zurück. Mit größter Anstrengung atmete sie ein. Nur wach bleiben, sonst würde sie wieder ins Dunkel abgleiten, für wer weiß wie lange. Sie musste es versuchen. Die Hand heben, wenigstens das. Ankämpfend gegen das monotone Schaukeln, das sie einzulullen drohte, bewegte sie die Finger. Auch sie waren gefangen in einer Hülle, einem Handschuh? Wieder ein Stupsen, und sie stieß mit dem Ellbogen gegen ein Hindernis, etwas Hartes. Sie nutzte die Chance, nahm ihre ganze Kraft zusammen, öffnete wieder die Augen, stützte sich mit dem Arm auf, rutschte ab, versuchte, Halt zu finden. Sie brauchte Luft, Abkühlung, irgendwie . . . Ankämpfend gegen die Verlockung, sich in die Dunkelheit fallen zu lassen, hob sie die Hand.
Wieder ein Stupsen, und sie spürte festen Untergrund an ihrem Rücken. Das Schaukeln hörte auf. Noch einmal und noch einmal wurde sie energisch angestupst, bis sie auf der Seite lag. Jetzt konnte sie die Augen offen halten. Hell, unerträglich hell war es, aber die Sonne schien ihr nicht mehr ins Gesicht. Eine Welle schwappte gegen das Visier ihres Helms – unverkennbar war es ein Helm, in dem ihr Kopf steckte – und ihr wurde klar, dass sie von Wasser umgeben war. Nun konnte sie den Arm leichter bewegen, tastend entdeckte sie den Handschuh ihrer anderen Hand, riss daran. Nichts bewegte sich. Noch ein Versuch. Mit aller Kraft, die ihr geblieben war, zerrte sie an dem Ding. Vergeblich.
Nur ruhig, keine Energie verschwenden. Sie war gefangen in dieser Hülle, aber wenn die einen Sinn haben sollte, außer sie umzubringen, musste es eine vernünftige Möglichkeit geben, sie loszuwerden. Eine Schutzhülle, ein Gefängnis, das sie abschirmte, beschützte, das sie aber töten würde, wenn sie sich nicht befreite. Lösungen kommen von selber, wenn man loslässt, sagte sie sich. Woher stammte der Satz?
Allmählich beruhigte sich ihr Atem. Nicht gegen die Maske ankämpfen, gegen die vermeintliche Atemnot. Sie schlug wieder die Augen auf, betrachtete den Handschuh ihrer rechten Hand. Es schien, als wäre er nahtlos mit dem Ärmel verschweißt. Ruhig atmen.
Zentimeterweise schob sie den anderen Handschuh in ihr Blickfeld. Etwas war anders. Ein rotes Band umschloss ihn. Aus der makellosen Oberfläche ragte etwas heraus. Die Lösung. Sie wusste es.
Behutsam zog sie an der Schnur, die sich aus dem Band herauswand. Ein kleiner Ruck, nicht einmal, dreimal zog sie ruckartig daran, eine Bewegung wie eingeübt, wie tausendmal schon ausgeführt. Aber dieses Rucken war für sie eine große Kraftanstrengung. Das rote Band gab eine zweite blaue Schnur frei. Wieder zog sie dreimal daran, und jetzt lösten sich wie von selbst beide Handschuhe von den Ärmeln, und sie konnte endlich ihre Hände befreien. Nur die blaue Schnur verband die Handschuhe noch mit dem Schutzanzug.
Das kühle Wasser an ihren glühenden Fingern war das Köstlichste, was sie je gespürt hatte. Die Handschuhe füllten sich mit Wasser, egal, es lief ihr in die Ärmel, umso besser. Sie ertastete glatten Stein, der ihr Halt geboten hatte, versuchte sich hochzustemmen, sank wieder in die halb liegende Position und atmete schwer. Sie fühlte sich völlig geschwächt. Beim nächsten Anlauf gelang es ihr, sich zu setzen. Jetzt der Helm. Auch er war nicht mehr mit dem Rest ihres Anzugs verbunden, sie umfasste ihn mit beiden Händen, nahm ihn ab – er schien Tonnen zu wiegen – und legte ihn neben sich ins flache Wasser. Den Schweiß auf ihrer Stirn ließ sie von einem sanften Wind trocknen.
Als sie nach der Maske tastete, blitzte die Furcht auf, die klare Luft könnte verseucht sein. Im selben Augenblick fiel die Entscheidung, sie gab dem Impuls nach, die Maske loszuwerden, streifte das Band ab, das sie hielt. Fuhr mit dem Finger zwischen den Gummirand und die Haut, löste das Ding von ihrem Gesicht und atmete gierig frische köstliche Luft. Von dem Sauerstoff war sie wie berauscht.
Sie hockte auf dem glatten, flachen Felsen und sah sich um. Nichts als Wasser ringsum und blauer Himmel. Wie war sie nur hierher geraten?
Auch die Naht an der Vorderseite ihrer klobigen weißen Schutzhülle öffnete sich, als sie an den roten und blauen Schnüren am Halsausschnitt ruckte. Sie schlüpfte aus den Ärmeln. Darunter trug sie einen Anzug aus einem dunklen glatten Stoff, der sich wie eine zweite Haut an ihre mageren Arme anschmiegte. Sie fand die Schnüre, mit denen sich die schweren Stiefel von ihren Füßen lösen ließen und grub erleichtert die Zehen in den Sand, der die Felsplatte umgab. Da bewegte sich etwas. Ein Schwarm kleiner lila glänzender Fische. Sie näherten sich zutraulich, als sie die Hand ins Wasser steckte, knabberten an ihren Fingerspitzen. Ein nie gekanntes Gefühl erfasste sie, als sie die Tiere beobachtete. Mit einem Mal glaubte sie, Teil des Schwarms zu sein, spürte die Neugier der Fische, ihren Spieltrieb, die schiere Freude, sich in diesem glasklaren Wasser zu tummeln. Ein Wort holte sie aus ihrer Trance. Grammatidae. Feenbarsche.
Jede Bewegung kostete übermäßig viel Kraft, aber sie zwang sich schließlich weiterzumachen. Nun betastete sie die Innenseite des Schutzanzugs und entdeckte Taschen, die sich nach derselben Methode aufmachen ließen wie die Nähte an Handschuhen und Schuhen. In einer Tasche fand sie eine Wasserflasche, nahm durstig einen Schluck, dann noch einen, kostete auch verwegen einige Tropfen der Fluten ringsum. Sie schmeckten nach Salz. Meerwasser. Sie sah sich um. Nichts als Himmel und Wasser. Doch in der Ferne bewegte sich etwas. Graue Gestalten, die aus dem Wasser sprangen. Sie sahen aus wie spielende Delphine. War das möglich? Gab es hier wirklich noch Delphine? Ihr Magen kribbelte vor Aufregung. Mit einem Mal fühlte sie sich euphorisch. Der Spaß, den die Delphine hatten, wirkte geradezu ansteckend. Am liebsten hätte sie ihnen stundenlang zugeschaut.
Irgendwann wandte sie sich wieder ihrer mühseligen Suche zu. In einer anderen Tasche fand sie quadratische Päckchen. Sie enthielten nussgroße weiße Kugeln. Sie roch daran – ein angenehmer Duft, wie Griesbrei mit einem Hauch von Ahornsirup und Vanille. Das Schattenbild einer Erinnerung stieg in ihr auf, ließ sich aber nicht fassen. Sie schob eine der Kugeln in den Mund. Es war eine eher zähe Angelegenheit, quoll auf der Zunge auf, schmeckte aber nicht unangenehm und ließ sich nach längerem Kauen schlucken. Sie nahm noch eine Kugel, kaute und versuchte nachzudenken.
Sie wusste nicht, wo sie herkam. Sie wusste nicht, wo sie hin wollte. Sie saß auf einer Sandbank mitten in einem Meer, das sie nicht kannte. Und wenn sie es recht bedachte, war ihr auch sonst vieles unklar. Ihr Hirn war leer. Aus dem Nichts war der lateinische Name eines Fisches aufgetaucht, der Ähnlichkeit mit diesen kleinen lilafarbenen Wesen rund um ihre Füße hatte. Aber sie konnte sich nicht entsinnen, woher dieses Wissen stammte. Wie hatte ihr Leben ausgesehen, bevor sie sich hier mitten im Meer wiederfand? Sie hatte keine Ahnung.
Wieder wandte sie sich ihrem Schutzanzug zu. Es musste doch irgendeinen Hinweis geben. Etwas, das Erinnerungen wachrief.
Das ganze Ding war offenbar mit Gas gefüllt. Das hatte sie, obwohl der Anzug, die Handschuhe, die Stiefel schwer waren, über Wasser gehalten. Sie entschied, ihn ganz auszuziehen und näher zu untersuchen. Zuerst verschloss sie die offenen Innentaschen wieder sorgfältig. Kaum hatte sie ihn abgestreift, sah sie eine Art Rucksack, der am Rücken befestigt war. Dem Gewicht nach zu urteilen, enthielt er Sauerstoffflaschen, die sie mit Luft versorgt hatten. Von ihm führten Schnüre zu etwas Blauem, das auf dem Wasser trieb. So schwer ihr das fiel, zog sie es zu sich heran. Ein großes Tuch war das, riesengroß, aus sehr feinem, leichtem Stoff. Ein Fallschirm. Den brauchte man, um aus einem Flugzeug abzuspringen. Hatte sie das getan?
Sie wandte sich wieder dem weißen Schutzanzug zu. Das Innenfutter fühlte sich seidenweich an, wahrscheinlich eignete sich das Ding auch als Schlafsack. Als sie das Futter betastete, fand sie weitere Litzen. Sie holte noch mehr Proviant und flache Wasserflaschen heraus, auch eine Mappe mit allerhand Pillen, Salben, Pflastern und Verbänden. Eine Notfallapotheke. Na ja, weit würde die nicht reichen.
In einer gut verborgenen Tasche im Hosenbein entdeckte sie etwas aus Metall. Es steckte wohl verwahrt in kleinen Luftkissen. Sie zog es aus seiner Hülle. Waffe oder Werkzeug? Der längliche, schwere Gegenstand lag gut in der Hand, schien aber keine erkennbare Funktion zu erfüllen. Seine Oberfläche war dunkel und fugenlos glatt. Seltsam vertraut fühlte er sich an. Spielerisch tippte sie zweimal mit dem Daumen dagegen. Im selben Moment schnellte eine Klinge heraus, sie zuckte zusammen, war aber nicht wirklich überrascht. Prüfend fuhr sie mit dem Daumen über die rasiermesserscharfe Schneide. Dreimal an derselben Stelle tippen, und die Klinge verschwand wieder im Griff. Mit demselben Trick ließ sie eine kleine Säge herausschnellen. Sie tastete nach ihrem Gürtel, fand von einer Ahnung geleitet die Öffnung, in die das Messer passte. Sie prüfte, ob sich im anderen Hosenbein eine ähnliche Tasche verbarg, und tatsächlich entdeckte sie eine. Der Gegenstand, den sie darin fand, glich dem Messer, war nur länger, schwerer und lag noch besser in der Hand.
Wieder rätselte sie, warum sie mit Dingen umgehen konnte, mit denen sie keine Erinnerungen verband. Sie entsann sich nur noch, wie sie eingeschlossen in den Schutzanzug auf dem Meer treibend erwacht war, hilflos wie ein Neugeborenes, sinnlos wie ein Computer mit gelöschter Festplatte. Nein, das stimmte nicht ganz. Sie konnte Fragen stellen, Hinweise suchen.
Wieder öffnete sie die Nähte des Anzugs, die sie – einer alten Gewohnheit folgend? - sorgfältig verschlossen hatte. Noch einmal prüfte sie alle bereits gefundenen Taschen, nahm Proviantpäckchen und Flaschen heraus, zog aus dem Kragen eine Kapuze, die sich sofort mit Luft füllte, verstaute sie wieder, tastete die Innenseite einer jeden Tasche ab und fand schließlich in einer Provianttasche eine Naht, die sich öffnen ließ. Eine Art Geheimfach. Sie zog ein in Luftkissen gepacktes Ding heraus. Ehe sie es aus seiner Hülle holte, verschloss sie alle Taschen und Öffnungen des auf dem Wasser treibenden Anzugs. Das schien ihr wichtig. Dann befreite sie das Ding aus seiner Verpackung. Es war rund und flach und schwer, etwas größer als eine Puderdose, makellos glänzendes, scheinbar fugenloses Metall wie das Messer. Auch hier funktionierte der Trick mit dem Antippen. Es sprang auf, und tatsächlich befand sich innen am Deckel ein Spiegel, aus dem dunkle Augen sie fragend anschauten. Sie sah ihr Gesicht, schmal, hohlwangig, milchkaffeefarbene Haut, schwarze Haare, straff nach hinten gekämmt und zu einem Zopf geflochten. An der Unterseite hatte die Puderdose aber kein Puderfach, sondern einige Tasten. Sie drückte die mit dem Pfeil. Und eine Stimme ertönte, eine Stimme, die ihr beinah die Tränen in die Augen trieb.
Die Reise von Terra nach Alpha kann den Verlust wichtiger Gedächtnisdaten verursachen. Daher ist hier der Auftrag für die Abgesandte Lara X zusammengefasst. Details folgen in weiteren Dateien.
Unsere Heimat bietet schwindende Überlebenschancen für die zivilisierte Menschheit. Die Temperaturen erhöhen sich stetig, der Meeresspiegel steigt nach wie vor an. In den Meeren sind aufgrund des hohen CO2-Eintrags Todeszonen in großen Tiefen entstanden. Die Landfläche ist auf ein Zehntel ihrer ursprünglichen Ausdehnung geschrumpft. Nach den Kriegen um die letzten Ressourcen führen von einst sieben Milliarden Menschen nur noch rund 700 000 ein würdiges Leben auf hohem technischem Niveau. Immer noch steigen aber die Temperaturen, die Wüsten dehnen sich aus und Stürme tragen radioaktiv kontaminierten Staub um den Globus.
Die Mission der Abgesandten Lara X ist unsere letzte Hoffnung, neuen Lebensraum zu erschließen.
Nach Alpha wurden bereits vor rund hundert Jahren . . .
Eine Wolke hatte den Horizont verdüstert. Sie bemerkte sie erst, als die Wolke das Tageslicht schluckte und sich ihr Schatten wie verschüttete Tinte über die türkisblauen Fluten ergoss. Sie klappte die Puderdose zu, die seltsam vertraute, gesichtslose Stimme verstummte, und der Wind, der die Wolkenwand vor sich hertrieb, ließ sie schaudern. Ringsum schwappte das seichte, warme Wasser. Sie griff nach dem Schutzanzug, der beinahe davongetrieben wäre, verstaute hastig die Puderdose und verschloss die Nähte. Eine Welle traf sie von hinten und durchnässte sie vollkommen. Der Helm schaukelte in einiger Entfernung. Jetzt noch in den Anzug zu schlüpfen hätte übermenschliche Kräfte gekostet. Schon traf sie der nächste Brecher mit Wucht. An der Sandbank brachen sich die Wellen, ein Stück weiter draußen war es wohl weniger gefährlich. Sie klammerte sich an den Anzug wie an eine Schwimmhilfe, stieß sich mit den Füßen ab und ließ sich von einer Welle davontragen. Der Sog holte sie jedoch zurück, und sie machte den nächsten Versuch. Immer höher türmten sich die Wogen, der Sturm peitschte das Wasser. Kaum spürte sie wieder Sand unter den Füßen, riss die nächste Welle sie um und schluckte sie mitsamt Anzug. Verzweifelt strampelnd kämpfte sie sich an die Oberfläche und schnappte nach Luft.
Endlich trug eine Welle sie ein Stück mit hinaus, sie trieb im Wellental, wurde wie ein Korken meterhoch emporgehoben, sank ins nächste finstere Tal, und nun prasselte Regen, Blitze zuckten auf, dicht gefolgt vom krachenden Donner. Bald wird meine Kraft nachlassen und ich kann mich nicht mehr festhalten, dachte sie. Dann werde ich einfach untergehen. Da hob die nächste turmhohe Woge sie empor, und der Anzug drohte ihr zu entgleiten.
Als sie aus der Ohnmacht erwachte, hielt ihr jemand die Nase zu und Lippen schlossen sich um die ihren. Panisch rang sie nach Luft. Ihr Retter ging auf Distanz. Sie schlug die Augen auf und sah ein Gesicht über dem ihren. Strubblige blonde Haare, neugierige blaue Augen.
Mühsam setzte sie sich halb auf und musste sich übergeben. Meine Güte, war das peinlich . . . anscheinend hatte sie jede Menge Salzwasser geschluckt.
Er reichte ihr eine Flasche aus Ton, die er an einem Riemen über der Schulter getragen hatte, sie spülte sich den Mund aus und trank gierig, wagte aber kaum, ihn anzusehen.
"Wo kommst du denn her?" Er sprach Englisch mit einem Akzent wie in alten Filmen.
Eine gute Frage. "Aus dem Meer", sagte sie zögernd.
"Das sehe ich auch." Er lachte.
Sie schaute sich um. Kleine harmlose Wellen umspielten ihre Füße. Der Sturm hatte die schwarzen Wolken bis an den Horizont getrieben. Der dunkelblaue Himmel war klar wie eh und je, und die Sonne, die bei ihrem ersten Erwachen im Zenit gestanden hatte, würde bald untergehen. Endlich traute sie sich, in seine Richtung zu sehen. Er war braun gebrannt und nackt bis auf einen Lendenschurz. Scheinbar aus Leder. Sein Körper war muskulös und einfach perfekt, fand sie. Und sein Gesicht hätte man schön nennen können, wenn es nicht durch eine lange Narbe auf der Wange entstellt gewesen wäre.
Unwillkürlich streckte sie die Hand aus und berührte die Narbe.
Er sah ihr in die Augen. "Ist nicht schlimm", sagte er. "Nur ein Unfall."
"Oh, das tut mir leid."
"Wie heißt du?"
Noch eine gute Frage. Ihr Gehirn war leer, so gut wie leer. Immerhin erinnerte sie sich an die Ereignisse seit ihrem ersten Erwachen, wie sie es im Stillen nannte. Und sie konnte sprechen. Nicht nur deutsch, auch englisch. Wusste seltsame Namen von Fischen. Hatte diese Stimme aus der Puderdose gehört. Wie gebannt hatte sie gelauscht, ehe der Sturm losbrach. Da war ein Name vorgekommen. Ihr Name?
"Ich bin die Abgesandte Lara X."
Wieder lachte er. Was war so komisch daran?
"Und wer hat dich geschickt, Abgesandte Lara X?"
Sie wandte den Blick ab. "Ich kann mich an nichts erinnern", flüsterte sie.
Er wirkte bestürzt.
"Ich heiße Will"; sagte er, als wolle er ein anderes Thema anschneiden. "William Taylor." Damit reichte er ihr die Hand und zog sie hoch. "Komm wir gehen zum Dorf.”
Alles drehte sich. Sie konnte sich kaum auf den Beinen halten. "Hoppla", sagte Will und fing sie auf, als sie umkippte. Mit einem Spritzer aus der Wasserflasche holte er sie wieder zurück.
Verstört sah sie in seine besorgten Augen. "Ich glaube, ich kann nicht laufen", bekannte sie beschämt.
"Kein Problem", - er hob sie hoch – "du wiegst ja fast nichts."
Die plötzliche Nähe zu einem anderen Menschen brachte sie völlig durcheinander. Seine Arme umschlossen ihren Körper, ihr Kopf lag an seiner Brust, sie roch seinen Schweiß, was ein merkwürdiges Kribbeln in ihrem Magen auslöste. Und sie fühlte sich hilflos wie ein Kind, was ihr gar nicht passte.
Um sich abzulenken, ließ sie den Blick über den Strand und das Meer schweifen. Keine Spur von ihrem Schutzanzug. Jenseits des Sandstreifens sah sie blühende Büsche und Palmen. Ihr Gewicht war wohl tatsächlich unbedeutend, denn er trug sie scheinbar ohne Anstrengung über den Sand zu einem Pfad, der sich durch die dichte Vegetation schlängelte. Die Pflanzen erschienen ihr fremd, aber ihre Blüten strömten einen betörend süßen Duft aus, und neben den Blüten prangten halbreife und reife Früchte. Sie hätte gern die Hand danach ausgestreckt, aber Will hatte eine flotte Gangart angeschlagen. Der Geruch von Holzfeuer und Gebratenem stieg ihr in die Nase, und sie merkte, dass sie Hunger hatte.
Jane hatte ihr Lederkleid, ihre Ketten und Haarspangen abgelegt und war in den Teich gestiegen.
Lara konnte es kaum fassen. In der Morgensonne funkelte ein Wasserfall, der sich tosend in ein flaches Becken ergoss. Im Teich blühten Seerosen, ringsum schützten Bäume und Büsche mit hibiskusroten und cremefarbenen Blüten den Pool vor neugierigen Blicken. Sie kniete sich hin und tauchte die Hand ein, seltsamerweise war das Wasser an der Oberfläche kühl und weiter unten spürte sie eine warme Strömung an ihren Fingern. Es konnte ja nicht schaden, das Salz von der Haut zu waschen.
Gestern Abend hatte Will sie zu der Ansammlung primitiver Hütten gebracht, die er Dorf nannte. Sie hatte sich in blindem Vertrauen gefügt. Schließlich hatte er ihr das Leben gerettet . . . und für den Notfall, an ihrem Gürtel hatte sie die beiden wohlverwahrten Waffen ertastet.
Auf den ersten Blick waren ihr die anderen Dorfbewohner jedenfalls nicht bedrohlich erschienen. Es waren alles junge Augen, die sie neugierig ansahen. Als Will und sie sich näherten, war das Reden und Lachen verstummt. Aber er machte keine Anstalten, sie vorzustellen. Er nickte den anderen nur mit ernster Miene zu und steuerte auf eine Art großes Zelt zu, der Form nach glich es einem Indianer-Tipi, aber es bestand nicht aus Leder, sondern aus getrocknetem Schilf und wirkte ziemlich massiv. Will setzte sie vor dem Eingang ab und bat sie zu warten; sie hörte die Stimme einer Frau, dann die seine im Flüsterton. Sie verstand nur die Worte ". . . verstört . . . Folter . . . Gedächtnis . . ." Sprach er über sie? Dachte er etwa, sie hätte ihr Gedächtnis wegen Folter verloren? Sie erschrak.
Aber nein, das konnte nicht sein. Sie war doch mit einem Fallschirm abgesprungen. Der war schließlich an ihrem Luftkissenanzug befestigt gewesen. Bruchstücke von Erinnerungen blitzten auf. Eine Steuerkonsole, blinkende Lichter . . . Alarm . . . Panik . . . dann der jähe Schock des freien Falls . . .
Folter. Folterkeller. Auch dazu fiel ihr etwas ein. Eine gut beleuchtete Steintreppe, unten ein Raum, in dem scheußliche Gerätschaften aus Eisen ausgestellt waren, Zeugnisse einer dunklen, längst vergangenen Epoche, wie ihr schien . . .
Da war auch schon eine junge Frau aus dem Tipi getreten. Eine blendende Schönheit, fand Lara. Sie sah Will ähnlich, nur ohne die schlimme Narbe, und sie hatte eine wahre Mähne roter Locken. Aber ihre Augen leuchteten blau wie die seinen, und ihre Nasenspitze zeigte wie seine ein wenig nach oben. Ihren perfekten Körper umhüllte ein halblanges moosgrünes Lederkleid, das mit kleinen Muscheln und Perlen besetzt war, außerdem trug sie Ketten und Armbänder aus Korallen und Perlen.
Lara fühlte sich neben ihr sehr seltsam in ihrem schlichten hautengen Anzug, der Arme und Beine bedeckte. Aber er schien immerhin hochfunktionell zu sein, denn sie konnte sich nicht erinnern, dass es ihr seit ihrer Befreiung aus dem Luftkissending je zu heiß oder zu kalt gewesen war. Will half ihr behutsam auf die Beine und geleitete sie hinein.
In der Mitte des Tipis brannte ein behagliches kleines Feuer, daneben kochte Wasser in einem Steingutgefäß – anscheinend war es durch heiße Steine erhitzt worden. Davon hatte Lara einmal gelesen. Jane, Wills Schwester, wie sich herausstellte, warf eine Handvoll Kräuter hinein. Nach ein paar Minuten füllte sie Keramikbecher mit duftendem Tee. Einen der Becher reichte sie Lara.
"Wie hast du hierher gefunden?", fragte Jane.
Lara beschloss, ihre Geschichte ein wenig abzukürzen. Statt "Abgesandte Lara X", was so viel Heiterkeit ausgelöst hatte, nannte sie sich nur noch Lara. Sie berichtete von der Sandbank im Meer, dem Sturm und ihrem Wiedererwachen am Strand. An die Zeit davor könne sie sich nicht erinnern. Den Luftkissenanzug mitsamt Fallschirm und die sprechende Puderdose ließ sie weg.
Unterdessen war ein dunkelhäutiges Mädchen hereingekommen, das eine Platte mit allerhand Speisen auf den Boden stellte. Jane bedankte sich freundlich, und das Mädchen verschwand wortlos.
"Das war Kamal. Sie spricht nicht. Aber sie versteht alles, was man sagt." Lara sah Jane fragend an. "Sie hat etwas Schlimmes erlebt", sagte Jane zögernd.
Hungrig blickte Lara auf die Früchte und den gebratenen Fisch auf der Platte.
"Greif zu", forderte Jane sie auf.
Lara traute sich nicht recht. Schließlich konnten die Sachen kontaminiert sein. Aber ihr Magen knurrte, und wenn Jane davon aß, war es wohl in Ordnung. Sie nahm eine der verlockenden dunkelroten Pflaumen und biss hinein. Sie schmeckte süß und verströmte ein Aroma, wie sie es noch nie gekostet hatte. Dann nahm sie etwas Gelbes und betrachtete es unschlüssig. Jane zeigte ihr, wie man die länglichen Früchte schälte, um an das weiße köstliche Fleisch zu gelangen.
"Kennst du keine Bananen?", fragte sie ungläubig
Lara schüttelte mit vollem Mund den Kopf. Jane bot ihr auch von den kleinen braunen Kugeln an. "Das sind zerstampfte Nüsse mit Datteln", erklärte sie. Nüsse kannte sie, Haselnüsse, Walnüsse, man durfte sie nicht essen, aber sie hatte es trotzdem getan. Diese hier waren anscheinend geröstet worden, ehe sie weiterverarbeitet wurden. Sie schmeckten ungewohnt. Von Bananen – Musaceae - hatte sie in ihrem dunklen früheren Leben wohl gehört, auch Bilder gesehen, glaubte sie sich zu erinnern. Das Wort Datteln war ihr auch nicht fremd – Phoenix, dachte sie und rätselte wieder einmal, warum dieses seltsame Wort plötzlich auftauchte.
Fisch wollte sie nicht probieren, obwohl er appetitanregend duftete. Stattdessen nahm sie eine Steingutschale mit einem hellen dampfenden Brei und roch daran.
"Yamswurzelbrei", erklärte Jane. "Noch nie gegessen?"
Lara schüttelte wieder den Kopf und sah sich vergeblich nach einem Löffel um. Dann ahmte sie Jane nach, die kurzerhand mit den Fingern aß. Der Brei war süßlich, zugleich scharf und sehr sättigend.
"Yamswurzeln muss man unbedingt kochen, bevor man sie isst", sagte Jane. "Es sei denn, du möchtest keine Babys bekommen", fügte sie kichernd hinzu.
"Wächst das alles hier?", fragte Lara.
Jane nickte. "Du musst von weit herkommen, wenn du das nicht weißt."
"Bei uns wächst alles in Glashäusern. Man darf von draußen nichts essen."
Jane staunte. "In Glashäusern? Was sind Glashäuser?"
"Sie sind durchsichtig. Sie schützen Gemüse und Obst vor Kälte." Und vor Kontamination, dachte Lara, aber sie wollte nicht noch ein Wort gebrauchen, das sich merkwürdig anhörte.
"Deswegen heißt es wohl glasklar", sinnierte Jane.
Lara schwieg. Anscheinend wusste sie doch einiges über den Ort, von dem sie stammte. Bruchstückhafte Informationen, Wörter und Bilder, die unverhofft aufblitzten. Aber nichts, was Aufschluss über ihr Leben, ihre Kindheit, die Menschen in ihrem Leben gab.
Sie trank noch etwas von dem Tee, dann fielen ihr die Augen zu.
Ihre Finger glitten über die schwarzen und weißen Tasten. In vollkommener Harmonie mischten sich die perlenden Klänge des Klaviers mit dem Gesang der Geige. Sie spielte die letzten herzergreifenden Takte, blickte auf, sah seine langen schmalen Hände, die die Geige weglegten, spürte, wie er ihre Schulter berührte. "Deine Mission ist von größter Bedeutung, Lara. Unsere Heimat bietet schwindende Überlebenschancen für die Menschheit. Die Temperaturen erhöhen sich stetig, der Meeresspiegel steigt an. In den Meeren sind Todeszonen . . ." Sie schlug die Augen auf, es herrschte fast völlige Dunkelheit. " . . . Todeszonen in den Höhlen von Edinburgh, ich habe sie gesehen. Schrecklich, was sie den Gefangenen antun. Wer weiß, was sie durchgemacht hat." Es war die leise Stimme eines Mannes, aber nicht des Mannes aus ihrem Traum.
"Sie hat wenig gesagt." Das war die Stimme von Jane. Sie hatte Tee gekocht vorhin. Und sie hatte ihr, Lara, zu essen gegeben. Jetzt sah sie, dass es nicht völlig dunkel war. Der matte Schein der Glut fiel auf die Wände des Tipis. "Sie kennt die Früchte nicht. Auch nicht den Yamsbrei. Sie muss von weit her kommen."
"Vielleicht kann sie sich an gar nichts mehr erinnern. Ein so tiefer Schock", gab er zu bedenken. "Pass gut auf sie auf, Jane."
"Und wenn der Imran sie geschickt hat?"
Er schwieg. "Der Imran weiß nicht, wo wir sind", hatte er schließlich erwidert. "Die anderen Flüchtlinge sind in die Berge gegangen."
"Es gibt Leute, die es wissen. Und er hat seine Methoden."
"Du hast recht. Wir müssen auf der Hut sein", hatte Will noch gesagt. "Obwohl ich nicht glaube, dass er ein Mädchen schicken würde . . ."
