Mission SOL Paket (1 bis 12) - Perry Rhodan - E-Book

Mission SOL Paket (1 bis 12) E-Book

Perry Rhodan

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Beschreibung

Das Jahr 1552 Neuer Galaktischer Zeitrechnung: Seit über 3000 Jahren reisen die Menschen zu den Sternen. Sie haben unzählige Planeten besiedelt und sind faszinierenden Fremdvölkern begegnet. Terranische Raumschiffe erforschen das Universum, manche davon werden zu berühmten Legenden. Perry Rhodan hat die Menschheit von Beginn an ins All geleitet. Als er in der Milchstraße eine kosmische Katastrophe abwenden will, wird er durch ein unerklärliches Phänomen an einen fernen Ort versetzt. Millionen Lichtjahre von der Heimat entfernt, findet er sich in einer unbekannten Umgebung wieder, deren Regeln und Gefahren er nicht kennt. Rasch wird er in dramatische Ereignisse verwickelt, die weitreichende Folgen haben können – nicht zuletzt für die Bewohner des Tals der Gestrandeten. Denn dort entdeckt Perry Rhodan DAS RAUMSCHIFFGRAB ...

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EPUB

Seitenzahl: 1788

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Cover

Vorwort

Nr. 1 – Das Raumschiffgrab

Vorspann

Die Hauptpersonen des Romans

Prolog: 28. August 1552 NGZ

1. Sechs Tage früher, 22. August 1552 NGZ

2. 22. August 1552 NGZ

3. Vielleicht der 22. August 1552 NGZ

4. 23. August 1552 NGZ

5. 26. August 1552 NGZ

6. 26. August 1552 NGZ

7. 27. August 1552 NGZ

8. 27. August 1552 NGZ

9. 27. August 1552 NGZ

10. 27. August 1552 NGZ

11. 27. August 1552 NGZ

12. 28. August 1552 NGZ

13. 28. August 1552 NGZ

14. 28. August 1552 NGZ

15. 28. August 1552 NGZ

Nr. 2 – Die Althanos-Verschwörung

Vorspann

Die Hauptpersonen des Romans

Prolog: Es war einmal ...

1. Up, up and away!

2. Festgesetzt

3. Mit erhöhtem Einsatz

4. Neues Wissen, neue Pläne

5. Hemlir mu-Varall

6. Rettungskommando Temm

7. Die Althanos-Verschwörung

8. Nieder mit den Dienern!

9. Unerwartete Verbündete

10. Eine holprige Heimkehr

11. Heltamars Angebot

12. Flucht von Evolux

Nr. 3 – Gefährlicher Pakt

Vorspann

Die Hauptpersonen des Romans

1. SOL-Zelle 2 – Tare-Scharm, 29. August 1552

2. Chronik der SOL, 1369 NGZ

3. SOL-Zelle 2, 29. August 1552 NGZ

4. Chronik der SOL, 1377 NGZ – Jahr 8

5. SOL-Zelle 2, 29. August 1552 NGZ

6. Chronik der SOL, 1398 NGZ – Jahr 29

7. SOL-Zelle 2, 29. August 1552 NGZ

8. Chronik der SOL, 1398 NGZ – Jahr 29

9. SOL-Zelle 2, 29. August 1552 NGZ

10. Chronik der SOL, 1398 NGZ – Jahr 29

11. SOL-Zelle 2, 29. August 1552 NGZ

Nr. 4 – Welt des ewigen Todes

Vorspann

Die Hauptpersonen des Romans

Ouvertüre

1. 30. August 1552

2. 9. September 1552 NGZ

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

15.

Nr. 5 – Strafkolonie der Ksuni

Vorspann

Die Hauptpersonen des Romans

Prolog: In der Arena

1. Susmalsystem

2. Der Planet Ksun

3. In der Verbotenen Zone

4. Im Kolonnen-Fort

5. In der Arena

6. Durch das Kolonnen-Fort

7. Neue Verbündete

8. Das Versteck im Chaos

9. Der terminale Kampf

10. Der Codegeber

11. Jagd auf den Verräter

12. Der Raumtransporter

13. Der Flammenring

14. Nachricht von der SOL

15. Der Weg zurück

16. Das Chaosschiff

17. Ein Kuss und ein Abschied

Nr. 6 – Das Orakel von Takess

Vorspann

Die Hauptpersonen des Romans

1. Mahlia Meyun

2. Mahlia Meyun

3. Mahlia Meyun

4. Perry Rhodan

5. Mahlia Meyun

6. Perry Rhodan

7. Perry Rhodan

8. Perry Rhodan

9. Mahlia Meyun

10. Perry Rhodan

11. Perry Rhodan

12. Mahlia Meyun

13. Perry Rhodan

14. Mahlia Meyun

15. Perry Rhodan

16. Mahlia Meyun

17. Perry Rhodan

18. Perry Rhodan

Nr. 7 – Eine kosmische Bestimmung

Vorspann

Die Hauptpersonen des Romans

1. Der schwarze Mann

2. Flucht

3. In Beliosa

4. Rückkehr in den Orakelberg

5. Forschung am Chaos

6. Eine Falle für Heltamar

7. Das Fragment und die Theorie

8. Eine Falle schnappt zu

9. Eine halbe Stunde zuvor: Zurück ins Archiv

10. Das Reprotron

11. Metamorphose

12. Chaos im Kern

13. Verraten und verkauft

14. Zum Wahnsinnigwerden

15. Die Maskenträgerin

16. Zuvor: Verhängnisvolles Wissen

Nr. 8 – Krise auf Evolux

Vorspann

Die Hauptpersonen des Romans

1. Perry Rhodan – An der Schwelle zum Chaos

2. Perry Rhodan – Pakt mit dem Teufel

3. Mahlia Meyun – Heimkehr

4. Mahlia Meyun – Gute und schlechte Nachrichten

5. Mahlia Meyun – Familienangelegenheiten

6. Mahlia Meyun – Eine dringend nötige Aussprache

7. Perry Rhodan – Zurück nach Althanos

8. Perry Rhodan – Kommando 8-U3

9. Mahlia Meyun – Die Lage spitzt sich zu

10. Perry Rhodan – Das kleinere zweier Übel

11. Mahlia Meyun – Auf Konfrontationskurs

12. Perry Rhodan – Heltamar: entfesselt!

13. Mahlia Meyun – Mit allen Mitteln

14. Perry Rhodan – Die Tür schlägt zu

15. Mahlia Meyun – Ein Befreiungsschlag

Nr. 9 – Ins Herz der Finsternis

Vorspann

Die Hauptpersonen des Romans

Kataklysmus

1. Drei Stunden zuvor

2. SOL-Zelle 1

3. SOL-Zelle 1

4. SOL-Zelle 1

5. SOL-Zelle 2

6. SOL-Zelle 2

7. Minuten zuvor - SOL-Zelle 1

8. SOL-Zelle 1

9. SOL-Zelle 1

10. SOL-Zelle 1

11. SOL-Zelle 1

12. Zentrale der SOL-Zelle 1

13. Eine Stunde später

14. Zentrale der SOL-Zelle 1

15. SOL-Zelle 1

16. Zentrale der SOL

Nr. 10 – Die Höllenfahrt der SOL

Vorspann

Die Hauptpersonen des Romans

1. 21. Oktober 1552

2.

3.

4.

5.

6. 22. Oktober 1552 NGZ – Tag 2

7. 23. Oktober 1552 NGZ – Tag 3

8.

9.

10. 24. Oktober 1552 NGZ – Tag 4

11.

12.

13. 26. Oktober 1552 NGZ – Tag 6

14. 27. Oktober 1552 NGZ – Tag 7

15.

16. 29. Oktober 1552 NGZ – Tag 9

17. 30. Oktober 1552 NGZ – Tag 10

18.

19.

20.

21. 31. Oktober 1552 NGZ – Tag 11

22.

23.

24.

Nr. 11 – NEUBEGINN

Vorspann

Die Hauptpersonen des Romans

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

Nr. 12 – Der Würfel fällt

Vorspann

Die Hauptpersonen des Romans

Chronik der SOL

1. Perry Rhodan

2. Mahlia Meyun

3. Perry Rhodan

4. Mahlia Meyun

5. Perry Rhodan

6. Mahlia Meyun

7. Perry Rhodan

8. Perry Rhodan

9. Mahlia Meyun

10. Perry Rhodan

11. Mahlia Meyun

12. Perry Rhodan

13. Mahlia Meyun

14. Mahlia Meyun

15. Perry Rhodan

16. Perry Rhodan

Impressum

PERRY RHODAN – die Serie

Vorwort

Seit das Raumschiff SOL auf eine große Mission ins Unbekannte aufgebrochen ist, haben die Menschen auf der Erde nichts mehr von dem Schiff und seiner Besatzung gehört. Man weiß nur, dass die SOL verschollen ist und angeblich in großer Not steckt. Seit Jahrhunderten ist das legendäre Schiff in den Tiefen des Universums verschollen.

Perry Rhodan hat die SOL damals nach Tare-Scharm entsandt, in eine Galaxis, in der sich Kosmokraten und Chaotarchen vor langer Zeit erbitterte Schlachten lieferten. Nun wird Rhodan selbst nach Tare-Scharm entführt und findet eine erste Spur.

Nr. 1

Das Raumschiffgrab

Nach einem Sturz ins Unbekannte – ein Terraner stößt auf die Spuren einer Legende

Kai Hirdt

Das Jahr 1552 Neuer Galaktischer Zeitrechnung: Seit über 3000 Jahren reisen die Menschen zu den Sternen. Sie haben unzählige Planeten besiedelt und sind faszinierenden Fremdvölkern begegnet. Terranische Raumschiffe erforschen das Universum, manche davon werden zu berühmten Legenden.

Perry Rhodan hat die Menschheit von Beginn an ins All geleitet. Als er in der Milchstraße eine kosmische Katastrophe abwenden will, wird er durch ein unerklärliches Phänomen an einen fernen Ort versetzt. Millionen Lichtjahre von der Heimat entfernt, findet er sich in einer unbekannten Umgebung wieder, deren Regeln und Gefahren er nicht kennt.

Rasch wird er in dramatische Ereignisse verwickelt, die weitreichende Folgen haben können – nicht zuletzt für die Bewohner des Tals der Gestrandeten. Denn dort entdeckt Perry Rhodan DAS RAUMSCHIFFGRAB ...

Die Hauptpersonen des Romans

Perry Rhodan – Der Terraner zettelt eine Revolution an.

Mahlia Meyun – Die Heilerin kämpft für ihre Patienten.

Pravo Ylapp – Der Bescheidene Diener Senns erweitert seinen Horizont.

Der Kuum

Prolog

28. August 1552 NGZ

Neue Galaktische Zeitrechnung

Eilig schritt Hokan Tassat durch das Tal der Gestrandeten. Seinen Sohn Temm zog er hinter sich her. Er ignorierte die Klagen des Jungen über Müdigkeit und schmerzende Füße, reagierte nicht auf dessen Fragen nach Mutter und Schwester. Er zerrte das Kind nur immer weiter fort, weg von dem Wasserfall, von den einfachen Steinhütten der Gestrandeten – und ganz besonders vom Tempel der Bescheidenen Diener Senns.

Die beiden passierten die letzten Häuser im westlichen Teil des Dorfs und damit die Stelle, an der noch vor wenigen Tagen ihre eigene Hütte gestanden hatte. Damals, bevor seine Frau verrückt geworden war.

Temm wollte sich losreißen, doch Tassat packte ihn fester am Arm.

»Au!«, rief das Kind. »Das tut weh!«

»Wir müssen weiter.«

»Ich will nach Hause!«

»Wir haben kein Zuhause mehr. Jetzt komm!«

Seinen eigenen Worten zum Trotz blieb Tassat stehen und wandte sich um. Er blickte das schmale, lang gestreckte Tal entlang, vorbei an dem Wasserfall bis zur Kuppel des Tempels in weiter Ferne. Darin war seine Frau verschwunden. Wahrscheinlich würde sie niemals wiederkehren.

Und daran war allein der Fremde schuld. Dieser dreifach verdammte Perry Rhodan.

*

Der Tempel der Bescheidenen Diener, das war selbst auf diese Distanz zu sehen, lag ruhig im Halbdämmer der kurzen Nacht: eine gewaltige, düstere Kuppel. Eigentlich ein Berg, anderthalb Kilometer hoch. Aber er war völlig ebenmäßig geformt und somit offensichtlich künstlich geschaffen.

Von Hokan Tassats Standort aus, mehr als acht Kilometer entfernt, wirkte er sogar überschaubar. Dennoch: Nichts würde einen Berg bewegen können. Niemals. Das war Phantasterei. Die Kuppel mochte klein aussehen, aber das lag nur an der Entfernung und daran, dass die Wände des Tals dahinter noch erheblich weiter in die Höhe stiegen.

Erneut zog Temm an seinem Arm. »Ich bin müde! Lass uns zu Poldast gehen. Wir können bestimmt bei ihm schlafen!«

Tassat schüttelte heftig den Kopf, wobei sein heller Bart kurz zur Seite wehte. »Wir gehen weiter.«

»Aber ich bin ...«

Er packte seinen Sohn bei den Oberarmen und gab ihm einen Ruck. »Ich weiß«, sagte Tassat grimmig. »Aber erst gehen wir zum Verbotenen Tempel und ernten die Pflanzen deiner Mutter.«

»Wieso das denn?«

»Um Poldast zu bezahlen. Wir werden niemanden um einen Gefallen bitten. Wenn jemand etwas von uns will, zahlt er. Wenn wir etwas wollen, zahlen wir. Wenn sich alle daran gehalten hätten, besäßen wir unsere Hütte und du dein Bett noch.«

»Du willst die Kräuter weggeben?« Der Junge riss die Augen so weit auf, dass das Weiße wie zwei kleine Lichter den Dämmer der Nachtstunde störte. »Aber Mama braucht ...«

»Sei still!« Ein weiteres Mal schüttelte Tassat seinen Sohn. Temms Mutter würde die Kräuter nicht mehr brauchen. Niemals mehr.

Er strauchelte, wie von seiner eigenen Bewegung aus dem Gleichgewicht gebracht. Was war passiert? Hatte sich der Junge gewehrt?

Nein. Das hätte Temm weder gewagt, noch hatte er die Kraft dazu. Etwas anderes musste geschehen sein. Ein kurzer Moment der Schwäche.

»Weiter!«, befahl Tassat. Er ging los und zog seinen Sohn mit sich, fort vom Tempel der Bescheidenen Diener, der zweiten Kuppel entgegen, die spiegelbildlich auf der anderen Seite des langen Tals lag.

»Warum rennen wir so?«, fragte der Junge.

»Wir müssen möglichst weit weg sein, wenn es geschieht«, sagte sein Vater.

»Wenn was geschieht?«

»Wenn ich das wüsste«, murmelte Tassat zornig. »Was auch immer dieser Rhodan ihr eingeredet hat. Der Kuum muss sehen, dass wir nichts damit zu tun haben. Dass wir nicht mal in der Nähe waren. So weit weg wie nur möglich.«

*

Eine Weile gingen sie schweigend. Dann strauchelte Hokan Tassat erneut, und diesmal war er sicher, dass der Boden unter seinen Füßen geschwankt hatte. Der Junge hatte es ebenfalls bemerkt. Er schrie vor Schreck, klammerte sich am Arm seines Vaters fest.

»Ruhig«, sagte Tassat und strich dem Kind übers Haar. »Das ist nur ...«

Ein weiterer Erdstoß. Kräftiger diesmal.

»Was ist das?«, rief nun Tassat selbst.

Er schaute abwärts in die unmittelbare Umgebung, suchte nach einer Ursache für die Erschütterungen.

»Papa!«, rief sein Sohn und zog Tassat am groben Stoff seines Ärmels. »Papa!«

»Was?« Tassat sah zur Seite, wandte den Kopf dann in die Richtung, in die Temm zeigte. Nicht abwärts, sondern in die Höhe. Auf den Verbotenen Tempel.

Tassat schloss den Mund nicht wieder. Sein Unterkiefer zitterte, seine Lippen bewegten sich leicht, aber er brachte kein Wort hervor.

Er starrte auf die gewaltige Kuppel, die keine achthundert Meter mehr vor ihnen emporragte. Ein Riss zog sich durch das dunkelgraue Material, und er leuchtete von innen, als schlüge Feuer aus dem Berg.

Der Spalt wurde länger und verästelte sich. Ein feines, leuchtendes Muster verbreitete sich über die Fläche. Wo die Feuerlinien eine dunkle Platte komplett umschlossen hatten, geriet diese ins Rutschen. Auf ihrem Weg in die Tiefe riss sie weiteres Gestein mit sich. Einzelne kleine Teile setzten eine Lawine in Bewegung.

Der nächste große Brocken, sicher einige Dutzend Meter im Durchmesser, stürzte herab. Erneut vibrierte der Grund.

»Weg hier!«, brüllte Tassat, und statt seinen Sohn mit sich zu ziehen, nahm er ihn auf den Arm und presste ihn an seine Brust. Er rannte, so schnell ihn die müden Beine trugen.

Der Boden bebte nun unentwegt, und die Stille der Nacht war einem Lärm gewichen, wie das Tal ihn abseits des Wasserfalls noch nie erlebt hatte.

Die Steine, die kilometertief zu Boden stürzten, zerbrachen, und die Brocken stoben davon. Im Westen hielt die Tempelkuppel sie auf, im Süden und Norden prallten sie gegen die nahen Wände des Tals. Doch im Osten, wohin Tassat floh, befand sich nichts, was die Splitter hätte bremsen können. Kiesel-, faust- und kopfgroße Trümmer flogen um sie herum. Ein kleines Stück traf Tassats Hals, und er stürzte. Mit dem Körper schützte er sein Kind, während er versuchte, wieder auf die Beine zu kommen.

Mit Temm in den Armen rannte er weiter, bis sie aus dem Steinstaub heraus waren und nur noch kleine, ungefährliche Kieselchen an ihnen vorbeischossen.

»Aufwachen!«, brüllte er, als die ersten Hütten in Sicht kamen. »Aufwachen! Weg hier! Der Tempel explodiert!«

Seine Rufe waren überflüssig: Die anderen Gestrandeten waren bereits hellwach. Sie hatten sich an der Grenze des Dorfs versammelt und starrten in die Richtung, aus der ihnen Tassat und Temm entgegenstolperten. Sie hatten den Kopf in den Nacken gelegt und stierten in den Himmel, ihre Gesichter waren Masken der Fassungslosigkeit.

Hokan Tassat machte halt und ließ seinen Sohn zu Boden. Mit letzter Kraft hielt er sich auf den Beinen. Langsam drehte er sich in die Richtung, aus der sie gekommen waren und in die nun alle anderen blickten.

Nichts würde einen Berg bewegen können. Das war Phantasterei. Was er sah, konnte gar nicht sein!

Der Verbotene Tempel war zerstört, die Kuppel geborsten. Wo er sich befunden hatte, stieg mehr ahn- als sichtbar hinter dichten Staubschleiern eine Kugel aus Metall in die Lüfte. Sie war gigantisch, noch gewaltiger, als ihre Schale oder ihr Gefängnis es gewesen war. Zum Teil musste sie unter der Erde gelegen haben. Ihre ganze Größe konnte sie erst zeigen, nachdem sie sich befreit hatte – oder befreit worden war.

Ein Ringwulst umgab ihre Mitte. Feuersäulen spien daraus hervor, schoben die Kugel immer weiter in die Höhe: hinaus aus dem Schatten der Felswände, bis ins Licht der Sonnen über dem Tal. Ihre Oberfläche gleißte in strahlendem Gold.

1.

Sechs Tage früher

22. August 1552 NGZ

Mahlia Meyun folgte der Gestalt in der dunklen Kutte. Der Bescheidene Diener Senns hatte seinen Namen nicht genannt, als er sie und Rytanaia abholte, und er hatte nur geflüstert, sodass sie seine Stimme nicht erkannt hatte. Das war nichts Ungewöhnliches – die meisten Novizen des Ordens hielten es so.

Dennoch: Diese finsteren Führer waren unheimlich, insbesondere wenn man diesen Weg zum ersten Mal ging, wie Rytanaia gerade. Mahlia betrachtete die Kranke neben ihr besorgt. Rytanaias Hände zitterten heftig, viel stärker als bei Mahlias ersten Behandlungsversuchen. Entweder hatte die Krankheit sich plötzlich verstärkt, oder sie war eine unheilvolle Verbindung mit der Angst eingegangen.

Der Sternentempel, wie die Bescheidenen Diener das Zentrum ihrer Macht nannten, lag nur noch drei Dutzend Schritte vor ihnen. Sie hatten ihn exakt zur Mittagszeit erreicht. Der Schatten der oberen Talkante teilte den Tempeleingang genau in der Mitte: Die Nordhälfte lag im Dunkeln, die südliche im strahlenden Sonnenschein. Die Trennlinie setzte sich oberhalb des Tors auf der Kuppel fort. Im Süden war der Moosbewuchs stärker als dort, wo das Licht selten oder nie hinkam.

Ein weiterer Diener trat aus dem Tunnel ins Licht. Auch sein Haupt war von einer dunklen Kapuze verborgen. Dennoch war Mahlia recht sicher, wen sie vor sich hatte. Dieser Mann war kleiner und deutlich dicker als ihr Führer. Einen solchen Leibesumfang sah man nicht oft im Tal der Gestrandeten.

»Mahlia«, sagte der Mönch fröhlich, und die Stimme beseitigte den letzten Zweifel: Das war Ukor Mathall. »So schnell hätte ich nicht wieder mit dir gerechnet.«

»Ich hatte Sehnsucht nach dir«, behauptete sie lässig. »Aber tatsächlich richtet sich mein Zeitplan nach meinen Patienten. Rytanaia geht es seit zwei Tagen wieder schlechter.«

Die junge Frau neben Mahlia nickte beklommen. Ihr Haar war genauso tiefschwarz wie das von Mahlia, aber ihre Haut war nicht sonnengebräunt und windgegerbt, sondern hell. Beinahe weiß sogar. Der starke Kontrast ließ Rytanaia noch bleicher aussehen, als sie ohnehin schon war.

Mathall blickte auf Rytanaias zitternde Hände. »Erzfieber?«, fragte er.

»Das fürchten wir.« Mahlia war froh, dass sich Rytanaia an ihre Anweisungen hielt: möglichst wenig sprechen. Anscheinend hatte die Krankheit sie Demut gelehrt. Das war wichtig, denn oft genug hatten die Bescheidenen Diener Kranke vom Sternentempel abgewiesen, die es am nötigen Respekt mangeln ließen.

»Du weißt«, sagte Mathall, »dass der Große Medost das Erzfieber nicht immer heilt?«

»Ich weiß«, bestätigte Mahlia. »Nur in den frühen Phasen, und auch dann nicht immer. Aber versuchen müssen wir es. Meine Kunst ist ohne seine Hilfe am Ende. Die Kräuter haben nicht gewirkt.«

Die Kapuze wackelte vor und zurück. Der Mönch darunter nickte. Dann wandte er sich an die Kranke. »Du kennst den Preis?«

Weil sie direkt angesprochen wurde, musste Rytanaia antworten. »Ja«, sagte sie leise. »Acht Kiepen Glimmerz.«

Wieder nickte Mathall. »Und du weißt, dass dieser Preis auf jeden Fall bezahlt werden muss, auch wenn der Große Medost dir nicht hilft?«

Rytanaia bejahte.

»Hast du acht Kiepen Glimmerz?«, fragte Ukor Mathall mit einer plötzlichen Schärfe in der Stimme.

»Ja«, sagte Rytanaia.

Aber Mathall hatte das winzige Zögern genauso bemerkt wie Mahlia. Sie kannte die Lage der jungen Frau: Sie hatte unter Tage beim Steinabbau gearbeitet und nicht schlecht verdient, bis ihre Hände zu zittern begonnen hatten. Wenn sie nach der Behandlung wieder zupacken konnte, würde sie die Schuld in wenigen Monaten abarbeiten. Wenn nicht ...

»Bürgst du für sie?«, fragte der Mönch Mahlia.

Mahlia fluchte in Gedanken. Laut sagte sie: »Ich glaube nicht, dass das nötig ist.«

Mathall beharrte auf seiner Frage. »Bürgst du für sie?«

»Ja«, sagte Mahlia hörbar gereizt. Sie zuckte zusammen, als sie den scharfen Klang ihrer eigenen Stimme bemerkte.

Doch Ukor Mathall sah darin keine Respektlosigkeit. Zumindest keine, deretwegen er sie zurückgeschickt hätte. »In Ordnung«, sagte der alte Mönch. »Pravo bringt euch hinein.«

Damit hatte ihr bislang unbekannter Führer einen Namen. Pravo ging voraus durch den breiten Gang, der das graue, künstliche Gestein durchschnitt und nach etwa fünfzehn Metern am Metalltor endete.

Eine kurze Strecke, für Mahlia aber lang genug, um finsteren Gedanken nachzuhängen: Sie betete still, dass Rytanaia geheilt wurde und selbst zahlen konnte. Andernfalls würde Mahlia betteln gehen müssen, um genug Erz zu erhalten – oder ihr Mann würde von der Bürgschaft erfahren. Dann war ein erbitterter Streit unvermeidbar.

Am Metalltor griff Pravo unter seine Kutte und zog drei kleine Talglampen hervor. Zwei drückte er Mahlia und Rytanaia in die Hände. Es waren erstaunliche Apparaturen mit einem Knopf am Tragehenkel. Mahlia Meyun drückte darauf. Ein kleiner, blauer Funke entstand und entzündete den Docht.

Rytanaia tat es ihr gleich, Pravo ebenso. Als alle drei Flammen brannten, bewegte sich das schwere Metalltor mit der Schlange, dem Kreis und dem Winkel darauf wie von Zauberhand und gewährte ihnen Einlass.

*

Das Tempelinnere präsentierte sich ihnen als eine völlig andere Welt. Dort waren weder Stein noch Erde zu sehen, sondern nur Metall und Kunststoff. Was draußen zu den wertvollsten Materialien überhaupt zählte, gab es ringsum im Überfluss. Wände, Türen, Beschriftungen glänzten im Schein der drei kleinen Lichter, als sie daran vorbeigingen.

Mahlia Meyun war sicher, den Weg mittlerweile mit verbundenen Augen gehen zu können, so oft hatte sie ihn bereits zurückgelegt. Rytanaia hingegen blieb immer wieder stehen und sah sich mit offenem Mund um.

Mahlia hatte ihr zwar vorab gesagt, was sie erwarten würde. Aber es war etwas anderes, den unglaublichen Reichtum mit eigenen Augen zu sehen. Und dies war nur eine einzige Etage des Tempels.

Mahlia vermutete, dass es darüber in der Kuppel noch weitere gab, und möglicherweise auch unter ihnen im Boden. Genau wusste sie es nicht. Als Heilerin indes musste sie nie weiter als bis zum Altar von Medost, und der lag auf derselben Ebene wie der Eingang.

Genau genommen, befanden sich sogar sechs Altäre in dem hell getäfelten Schrein. Seit Mahlia die Heilerin der Gestrandeten war, hatte sie nie mehr als einen gleichzeitig benötigt. Sie hoffte im Stillen, dass das auch nie der Fall sein würde. Schon für einen Patienten erforderte das Ritual allerhöchste Konzentration, und sie war sich nicht sicher, ob sie es mehrmals hintereinander würde fehlerfrei zelebrieren können.

Sie zeigte Rytanaia, wie sie sich auf den Altar zu betten hatte, wohin der Kopf und die Füße kamen. Die Arme lagen entspannt neben ihrem Körper. Selbst dabei zitterten und zuckten ihre Finger.

Pravo hielt sich im Hintergrund des Raums. Er hatte die Kapuze inzwischen in den Nacken geschoben, sodass er besser sehen konnte. Der junge Bescheidene Diener war also von der neugierigen Sorte. Mahlia sah nur kurz auf das entstellte Gesicht, das aussah wie geschmolzen, in eine Form gepresst und wieder erstarrt.

Mahlia war froh, dass Rytanaia es nicht bemerkt hatte. Der Anblick der Diener mit ihren glatt gezogenen, jeder Individualität beraubten Mienen konnte manchem Kranken einen zusätzlichen und völlig überflüssigen Schreck einjagen.

Mahlia stellte sich ans Fußende von Rytanaias Bett und rezitierte die alte Beschwörungsformel: »Medoscan aktivieren!«

Der Raum erwachte zum Leben. Lichter tauchten aus dem Nichts auf, weiße, grüne und rote. Sie formten kleine Zeichen, die Mahlias Ahnen der Sage zufolge einst mit Sinn hatten füllen können. Dieses Wissen war jedoch schon vor Generationen verloren gegangen. Nur die Bescheidenen Diener verfügten noch darüber. So erzählte man sich zumindest.

Die Lichter begannen zu tanzen, sortierten sich in immer neuen Kombinationen. Ab und an lösten sie sich auf und zeigten Bilder. Licht aus unsichtbarer Quelle fiel auf Rytanaias Brust, und vor Mahlia bildeten sich die leuchtenden Formen von Rippen und Wirbelsäule in der Luft, mit dem dazwischen schlagenden Herzen.

Das war der Moment, auf den es ankam. Das Bild verblasste, stattdessen zeigten sich die Runen wieder. Sie schrieben viele Zeilen mit grünen und roten Leuchtpunkten daneben. Mahlia berührte die roten Punkte, so schnell sie konnte.

Ab dem ersten Kontakt, das wusste sie, blieben ihr nur drei Sekunden, bis dieses Bild verschwand. Die roten Punkte bedeuteten Krankheiten, und jeder Gestrandete trug einige davon im Leib. Die Erkrankungen, die Mahlia auswählen konnte, versuchte der Große Medost zu heilen. Waren es zu viele oder war sie als Heilerin zu langsam, blieb der Patient unbehandelt. Und zuweilen sogar, wenn sie alles richtig gemacht hatte.

Je nachdem, welche Lichter sie in der Luft angetippt hatte, erschienen nun andere Zeichen, und sie musste die richtigen Stellen darunter berühren. Das konnte schnell gehen, manchmal jedoch auch fast eine halbe Stunde dauern. Sie hatte Jahre gebraucht, um an der Seite ihrer Mutter alle möglichen Kombinationen und die richtigen Reaktionen darauf auswendig zu lernen. Und bald würde sie anfangen müssen, ihre Tochter Annri auf dieselbe Weise auszubilden.

Die Bilder verharrten stets nur kurz in der Luft, und manche waren einander sehr ähnlich, sodass eine Fehlwahl nie ausgeschlossen war. Das war die Prüfung des Medost, und wie jedes Mal musste Mahlia in Demut auf sein gnädiges Zeichen warten.

Es kam. Medost beseelte den metallenen Körper, der in einer schattigen Ecke des Schreins die Jahre und Jahrhunderte überdauerte.

»Erschrick nicht«, flüsterte sie Rytanaia zu. »Es hat funktioniert. Was auch immer er tut, beweg dich nicht!«

Die Gestalt, auf ähnliche Weise gesichtslos wie die Bescheidenen Diener, trat an den Altar. Langsam hob sie eine Hand und führte sie zu Rytanaias Kehle.

Die Patientin quiekte vor Angst.

»Ruhig!«, mahnte Mahlia.

Medost berührte die Hilfesuchende am Hals, auf Höhe der Schlagader. Ein leises Zischen ertönte.

Rytanaias Körper versteifte sich.

Medost ließ den Arm sinken, kehrte in seine Ecke zurück, und alles Leben wich aus dem metallenen Leib.

»Es ist geschafft!«, rief Mahlia außer sich vor Freude. »Du wirst gesund!«

Rytanaia zitterte, diesmal am ganzen Körper und eindeutig vor Angst. »Was hat er getan?«

»Er hat dich geheilt!«, antwortete Mahlia fröhlich. »Komm, wir kehren ins Dorf zurück!«

Während Rytanaia umständlich von der Liege herunterkletterte, deutete Mahlia Meyun dem Bescheidenen Diener gegenüber eine kleine Verbeugung an. »Vielen Dank für deine Führung und Anleitung, Pravo. Es war mir eine Ehre, dich kennenzulernen.«

2.

22. August 1552 NGZ

Vor dem Tempel, in ängstlich-respektvollem Abstand zu Ukor Mathall, warteten Mahlia Meyuns Tochter Annri und ihr Sohn Temm.

»Was macht ihr denn hier?«, fragte sie überrascht, als sie ins Sonnenlicht trat.

»Komm schnell!«, rief Temm aufgeregt. »Ein Unfall! Ganz viel Blut, und sein Arm ist kaputt!«

Mahlia sah ihrer Tochter ins Gesicht und wusste, dass etwas Ernstes geschehen sein musste. Sie rannte los, ohne auch nur das Talglicht der Bescheidenen Diener zurückzugeben.

»Erzählt!«, forderte sie ihre Kinder im Laufen auf.

Annri übernahm die Aufgabe. Sie war drei Jahre älter als ihr Bruder und abgeklärt für ihre elf Jahre. Und sie betrachtete Unfälle nicht als spannende Abwechslung, sondern als unnötige und meist vermeidbare Tragödien.

»Es ist Elpin Vonnedal.« Sie lief genauso schnell wie Mahlia, konnte sich jedoch trotz ihrer hohen Geschwindigkeit ohne Atemnot unterhalten. »Ein Baum ist umgefallen und hat seinen Arm zerquetscht.«

»Wie denn das?«, fragte Mahlia.

Vor lauter Entgeisterung wurde sie etwas langsamer. Sie zog sofort wieder an, als sie es merkte. Rytanaia hatte längst aufgegeben, Schritt zu halten, und blieb immer weiter zurück.

»Er hat einen Apparat gebaut!«, verkündete Temm. »Um die Bäume leichter umpflanzen zu können, von der Winter- auf die Sommerseite!«

»Hat ja prima funktioniert, das Ding«, mäkelte Mahlia finster.

Sie wusste nicht mehr, wie oft sie Vonnedal wegen kleiner oder größerer Blessuren hatte verarzten müssen, weil eine seiner wohlgemeinten, aber schlecht gemachten Konstruktionen zur Unzeit den Geist aufgegeben hatte. Sie verstand einfach nicht, wie der junge Mann mit sonnigem Gemüt von Fehlschlag zu Fehlschlag weitermachen konnte – und darüber meist die echte Arbeit liegen ließ, sodass ihm wahrscheinlich sogar das Erz fehlte, um ihre Dienste als Heilerin zu bezahlen.

Nach wenigen Minuten erreichten sie den Ostteil der Siedlung. Temm lief voraus und lotste sie auf den Dorfplatz, wo sich bereits dreißig oder vierzig Schaulustige versammelt hatten. Sie hörte Vonnedal nicht schreien und fragte sich, ob das ein gutes oder schlechtes Zeichen war.

Die Zuschauer zogen sich ein wenig zurück, als Mahlia die Szene betrat. Dafür genoss sie ausreichend Respekt in der Gemeinschaft. Anders als Vonnedal, der als Faulpelz galt und an dessen Missgeschick sich manche im Dorf noch ein wenig länger weiden wollten.

Mahlia erwog, die Leute wegzuschicken. Aber das würde sich rächen, wenn sie irgendwann wieder sammeln musste für die Heilung von jemandem, der sie oder die Bescheidenen Diener nicht bezahlen konnte.

Was hieß eigentlich irgendwann? Es wäre ein Wunder, wenn Vonnedal genug zurückgelegt hatte.

Der Anblick des Verletzten riss sie aus ihren wirtschaftlichen Überlegungen. Im Moment war ihre eigentliche Berufung wichtiger: zu heilen. Vonnedal lag reglos auf einem großen Holzbrett mit mehreren daran geknoteten Seilen. Es hatte ihn übel getroffen, sein Unterarm war halb zerquetscht, mindestens ein Knochen gebrochen. Sein Hemdsärmel war steif von geronnenem Blut.

»Gut«, murmelte Mahlia.

Elpin Vonnedal stierte sie an. Er war fast so bleich wie Rytanaia, mit tiefschwarzen Rändern unter den Augen. Eigentlich war er ein hübscher Kerl mit ebenmäßigem Gesicht, fast kinnlangem Blondhaar und stets amüsiertem Blick. Derzeit jedoch standen Tränen des Schmerzes in seinen Augen.

»Gut?«, brachte er hervor. »Eine etwas überraschende Einschätzung, liebe Mahlia. Ich selbst bin nicht ganz so glücklich mit ...« Er verzog das Gesicht in einer plötzlichen Schmerzattacke, bevor er den Satz zu Ende bringen konnte.

»Gut, dass der Ärmel verkrustet ist«, sagte Mahlia. »Das bedeutet, es blutet nicht mehr. Temm, holst du mir ...«

»... deine Tasche!«, rief der Junge und stürzte los.

Mahlia lächelte ihm hinterher. »Annri, du ...«

»Ich weiß schon«, sagte ihre Tochter. »Eiskaltes Wasser, aus dem Schattensee direkt beim Fall.« Auch sie hastete davon.

Mahlia war stolz auf die beiden. Sie würde zwei gute Heiler ausbilden, da war sie sicher.

»Was hast du angestellt?«, fragte sie Vonnedal.

»Bäume umgepflanzt«, antwortete er mit zusammengebissenem Kiefer. »Ich habe ein System aus Rädern und Seilen gebaut, mit dem ein einzelner Mann zur Wechselzeit Bäume aus dem Boden ziehen und auf die Sonnenseite bringen kann. Funktioniert sogar. Sollte bloß nicht auf halbem Weg umfallen.«

Das erklärte das Brett, auf dem Vonnedal lag. Sein Retter hatte wohl einfach einen Teil der Apparatur genommen und den Verletzten darauf hergeschleift.

Temm kam mit der Tasche zurück. Mahlia zog ein scharfes Messer aus Viccors Schmiede und ein fingerlanges Rundholz daraus hervor. Letzteres reichte sie Vonnedal. »Draufbeißen! Ich schneide den Ärmel auf.«

Sie ging mit aller Vorsicht ans Werk, dennoch bäumte sich der Verletzte auf und schrie. Mahlia verstand, warum.

»Mist«, raunte sie, als sie freie Sicht auf die Verletzung hatte.

»Was ist?«, fragte Vonnedal, immer noch mit vollem Mund.

Mahlia nahm ihm das Beißholz wieder ab, gerade als Annri mit dem Wasser zurückkam. »Du hast einen offenen Bruch am Unterarm«, teilte sie ihm mit. »Die Elle ist glatt durch und steht heraus. Das kriegen wir hin, aber es wird wehtun.«

»Egal«, sagte Vonnedal mit erstaunlicher Leichtigkeit. »Solange es der Arm am Ende wieder tut.« Er grinste, dieses Mal unverzerrt. »Muss doch einsatzfähig sein, damit der nächste Versuch besser klappt.«

Mahlia musste über den unverwüstlichen Kerl lächeln. »Hast du Erz für den Altar von Medost?«, fragte sie.

Nun lachte Vonnedal sogar kurz. »Was denkst du denn?«

Das war klar gewesen. Ob er Erz für sie hatte, fragte sie gar nicht erst. Denn sie hatte Hokan Tassat, ihren Mann, unter den Zuschauern entdeckt. Sein helles Haar und der Bart waren unverkennbar. Sie wollte später nicht mit ihm darüber diskutieren, warum sie einen erwiesenermaßen mittellosen Verletzten behandelte.

»Ich gebe dir etwas gegen die Schmerzen«, erläuterte sie. »Wir baden den Arm in Eiswasser, das betäubt ihn. Und ich gebe dir Kräutersud. Den hältst du so lange wie möglich im Mund. Nicht schlucken.«

Er nickte, dann setzte sie das Fläschchen an seine Lippen. Er legte den Kopf zurück und sah sie mit prallen Backen an. Mahlia zählte still. Es war eins der stärksten Mittel in ihrem Arsenal. Das Schlafkraut wuchs in der ewig dunklen Nachtzone beim Verbotenen Tempel. Wenn es im Mund blieb, wanderte es über die Schleimhaut ins Blut und in direkte Nähe des Gehirns, schickte den Patienten ...

Es war so weit. Elpin Vonnedals Lider flatterten, dann sank sein Kopf zurück.

»Jetzt schnell!«, sagte Mahlia.

Annri, die währenddessen den Arm gekühlt und gereinigt hatte, trat zurück. Mit einem beherzten Griff drückte Mahlia den Knochen in seine Position zurück. Blut spritzte. Vonnedal fuhr hoch und spuckte den Rest des Schlafkrautsuds über Mahlias Kleidung – das war ärgerlich, aber nicht wichtig. Sie schaffte es zu verhindern, dass er sich sofort wieder mit dem verletzten Arm aufstützte.

Vonnedal riss den Mund auf, wollte etwas sagen, brachte aber nichts hervor.

»Deine Zunge ist taub«, informierte Mahlia ihn. »Das wird noch ein paar Stunden anhalten. Ich verbinde jetzt die Wunde und schiene den Arm. Du hältst das Ganze kühl. Verstanden?«

Vonnedal nickte stumm, mit hängendem Kiefer.

»Die Vorstellung ist vorbei!«, rief Mahlia Meyun in die Runde. »Geht nach Hause!«

Die Zuschauer verzogen sich, bis auf Hokan Tassat.

*

Sie half Elpin Vonnedal auf die Beine. Rytanaia war mittlerweile am Ort des Geschehens eingetroffen und stützte den Verletzten, der den gesunden Arm um ihre Schultern legte. Mahlia Meyun war dankbar für die Entlastung, bis ihr auffiel, dass Vonnedals Beine völlig in Ordnung waren. Der gerissene Bursche nutzte einfach seinen Mitleidsbonus aus, um sich von einer hübschen jungen Frau ein wenig bedienen zu lassen!

Mahlia musste gleichzeitig den Kopf schütteln und grinsen. Ihr Problem sollte es nicht sein. Sie hatte genug eigene.

Die Kinder waren zu ihrem Vater geeilt. Mahlia ging ihnen langsam hinterher. Hokan hielt sich aufrecht. Das bedeutete, dass die Erzkiepe auf seinem Rücken höchstens halb voll sein konnte. Viele Bausteine hatte er mit den minderwertigen Werkzeugen, die ihnen zur Verfügung standen, diesmal nicht aus dem Boden lösen können.

Das war nicht gut.

»Wie viel war die Medizin wert?«, fragte Hokan Tassat erwartungsgemäß gleich als Erstes.

»Er wird bezahlen«, sagte sie. »Früher oder später.«

»Nächste Woche ...«

»... ist der Tribut fällig, weiß ich«, schnitt sie ihm das Wort ab und sah ihn wütend an.

Er hatte ja recht. Ihre Patienten mussten zahlen. Aber sie würde niemanden sterben lassen, nur weil er arm war.

Er nickte stumm, aber offensichtlich besorgt.

Mahlia entspannte sich ein wenig. Sie hatten vereinbart, über solche Themen nicht vor den Kindern zu sprechen. Temm und Annri sollten keine Angst bekommen, dass die Bescheidenen Diener sie als Tribut forderten, wenn ihre Eltern das nötige Erz nicht aufbringen konnten. Und das konnte wirklich geschehen, wenn Rytanaia beispielsweise nicht zahlen konnte.

»Ich muss Kräuter holen«, kündigte sie kurz an. Sie schnappte ihre Tasche und machte sich auf den Weg, plötzlich wütend auf sich selbst.

*

Der Marsch durch die westliche Hälfte des Tals klärte normalerweise ihren Geist. Sie querte die Engstelle, wo der Wasserfall herunterstürzte. Das Getöse war so laut, dass sie nicht mal ihre eigenen Gedanken hören konnte.

Das tat ihr gut, doch der segensreiche Zustand hielt nicht lange an. Bald kamen die Hütten von dieser Seite in ihr Sichtfeld. Deutlich weniger als auf der Ostseite, aber allein der Anblick menschlicher Präsenz brachte ihre Sorgen zurück.

Sie legte den Kopf in den Nacken und starrte zu den Rändern des Tals hoch, die fast unendlich weit über ihr prangten. Wie mochte die Welt dort oben aussehen? Lebte da jemand? Musste auch er den Bescheidenen Dienern Erz bringen, das sie in Energie und Werkzeuge verwandelten?

Vier Kilometer hoch waren die Wände, das hatten ihre Vorfahren schon vor Jahrzehnten herausgefunden, mit einem einfachen Gerät namens Winkelmesser. Mahlia Meyun selbst hatte das Experiment als Kind wiederholt.

Nur nutzte es niemandem etwas, die Höhe zu kennen. Die Welt der Gestrandeten endete etwa zwanzig Meter über dem Talboden. Darüber war das Felsgestein glatt und so hart, dass man keines ihrer Werkzeuge hineintreiben konnte. Ein Aufstieg war völlig unmöglich.

Natürlich gab es immer wieder mal Verrückte, die das Gegenteil beweisen wollten. Elpin Vonnedal hatte dazugehört, und sie hatte nach seinem Scheitern einige großflächige Abschürfungen und einen übel verstauchten Knöchel behandeln müssen.

Gerade als sie an ihn dachte, kamen die Überreste seiner Konstruktion in ihr Blickfeld. Er hatte damit offenbar einen uralten Apfelbaum versetzen wollen, der schon seit mindestens drei Generationen im Tal wuchs und zweimal jährlich zwischen Halbschatten- und Sonnenseite umgepflanzt wurde, um sogenannte Jahreszeiten zu simulieren, die er für sein Wachstum brauchte.

Angeblich stammte der Baum oder vielmehr das Samenkorn, aus dem er gewachsen war, von einer anderen Welt. Mahlia konnte sich das nicht vorstellen.

Wenn Vonnedal wirklich versucht hatte, den Baum allein zu transportieren, war es kein Wunder, was geschehen war. Das Wunder war vielmehr, wie weit er mit seiner Apparatur gekommen war. Nun zeugten nur zersplitterte Bretter und Räder unterschiedlichster Größen sowie diverse Seile von dem missglückten Experiment.

Sie schüttelte den Kopf, riss sich von dem Anblick los und stiefelte weiter. Sie näherte sich der Kuppel, die im ganzen Tal bloß der Verbotene Tempel hieß, obwohl niemand wirklich wusste, warum. Man erzählte sich Märchen und Geistergeschichten von unheimlichen Dingen, die sich dort ereignen sollten.

Mahlia hatte zwar nie etwas Seltsames bemerkt, aber die Gerüchte waren ihr nur recht. Je weniger Gestrandete sich in der Nähe herumtrieben, desto weniger Menschen konnten durch ihre empfindlichen Pflanzen trampeln.

Bislang war sie an der Südwand entlanggegangen, wo immer die Sonne schien. Nun lenkte sie ihre Schritte nach Norden, hinein in den ewigen Schatten. Sofort wurde es kühler, wenn auch noch nicht völlig dunkel. Dafür sorgte das Licht, das von den Felsen der Südseite reflektiert wurde.

Das änderte sich bereits einige Minuten später, als sie die Kuppel erreichte. Mit demselben Winkelmesser wie bei ihrer Höhenbestimmung der Talwände hatte sie als Kind berechnet, dass diese Steinwölbung anderthalb Kilometer hoch war. Sie blockierte jedes Licht, das von Süden her zurückgeworfen werden konnte. Zwischen der Kuppel und der Nordwand herrschte deshalb nicht einfach nur ewiger Schatten, sondern vollkommene Finsternis.

Der perfekte Ort, um die stärksten Schlafmittel und einige andere medizinische Kräuter zu züchten.

Sie genoss die Kühle und die etwas feuchte, erfrischende Luft. Beim Wasserfall fühlte sich das Tal ähnlich an, aber an diesem Platz kam die Stille dazu. Dies war ihr Refugium, ihr Rückzugsort, wenn ihr alles zu viel wurde. Hier konnte sie Kraft sammeln, bis sie ihren Verpflichtungen wieder ...

In der Dunkelheit stolperte sie über ein völlig unerwartetes, weiches Hindernis. Ihr Schrei zerriss die Stille, die sie so genossen hatte. Sie stürzte und kam inmitten ihres Kräuterbeets zu liegen.

Kurz blieb ihr die Luft weg. Sie war auf etwas Hartes gefallen: die Talglampe, die sie bei nächster Gelegenheit zurückgeben musste. Im Moment aber konnte sie ihr gute Dienste leisten. Der blaue Funke zündete, der Docht fing Feuer und brachte etwas Licht in die Schwärze.

Mitten in ihren Kräutern lag jemand.

Fassungslos starrte sie ihn an. Das war nicht nur irgendein Mann. Das war ein Fremder!

*

Es konnte nicht sein. Es gab keine Fremden im Tal.

Die Gestrandeten wussten nicht mehr, wie sie einst an diesen Ort gelangt waren. Aber da waren sie nun mal, also musste es wohl auch einen Zugang geben. Bloß kannte den niemand, und noch nie war jemand völlig Unbekanntes aufgetaucht! Ihre Aufzeichnungen im Tal reichten mehr als hundertfünfzig Jahre zurück, und niemals war ein Fremder gekommen! So etwas gab es nur im Märchen!

Ein Bescheidener Diener möglicherweise? Ohne seine Kutte?

Mahlia Meyun leuchtete seinen Kopf an. Das war unwahrscheinlich. Die Diener, die sie kannte, hatten alle das vereinheitlichte Gesicht mit der straff gespannten Haut. Das Antlitz dieses Manns indes war völlig normal. Ein wenig hager, mit ausgeprägten Wangenknochen und einer kleinen Narbe auf dem rechten Nasenflügel. Sein Haar war dunkelblond.

Mahlia zog mit einem Daumen ein Lid in die Höhe. Die Augenfarbe war graublau. Die Pupille zog sich zu langsam zusammen, als Mahlia die Lampe näher heranbrachte. Der Mann lebte, aber er war bewusstlos. Ein Kranker, den sie pflegen musste?

Sie konnte sich die Diskussion mit Hokan schon ausmalen. Einfacher wäre es, den Mann den Bescheidenen Dienern zu übergeben. Sie trafen alle wichtigen Entscheidungen im Tal. Vielleicht wussten sie auch, was man tat, wenn ein Fremder auftauchte.

Oder vielleicht gehörte der Mann tatsächlich zu ihnen. Vielleicht hatten sie gar nicht alle diese glatten Gesichter.

Aber wenn sie ihn zum Tempel der Diener brachte, würde sie vielleicht nie erfahren, was aus ihm wurde. Wie er ins Tal gekommen war.

Und wenn er es in den Felskessel hereingeschafft hatte – vielleicht gab es auch einen Weg hinaus? Einen Weg, auf dem sie ...

Ja, was?

Der Gedanke verflüchtigte sich, bevor sie ihn greifen konnte. Sie wusste nur, dass sie diesen Mann pflegen würde – und mit ihm sprechen wollte, bevor die Diener von ihm erfuhren.

Kurz dachte Mahlia Meyun nach, dann nickte sie entschlossen. Von Elpin Vonnedals Apparat war genug übrig, um eine Vorrichtung zum Schleppen mit Gurten und Schulterriemen daraus zu bauen.

3.

Vielleicht der 22. August 1552 NGZ

Perry Rhodan ging durch den Spiegel.

Wo war sein Begleiter?

Wer war sein Begleiter?

Niemand. Nichts. Nirgends. Allein.

Die Sterne tanzten um ihn, kreisten, immer schneller, immer gleißender. Die weltenbrennenden Sonnen der Milchstraße verwirbelten zu einem Trichter, der ihn in seinen Schlund zerrte. Galaxiengroß, zweihunderttausend Lichtjahre im Durchmesser am Eingang, dann schmaler, immer schmaler werdend, auf die Größe eines Sternhaufens schrumpfend, eines Sonnensystems, eines Planeten, eines Monds, einer Stadt, eines Hauses, eines Reifens, einer Tasse, eines Staubkorns, eines Moleküls, eines Photons. Sein Körper zog sich in die Länge, bis er durch den unmöglich dünnen Schlauch passte.

Rhodan wusste, dass er nur noch eine leere Hülle war, dass sein Inneres mit ihm reiste, aber außerhalb des Körpers. Er verstand nicht, was geschah. Sein Herz schlug nicht, sein Blut wärmte ihn nicht. Die Kälte des leeren Raums zwischen den Galaxien griff nach ihm, ließ ihn erstarren.

Doch was auch immer ihn festhielt, ließ ihn nicht zur Ruhe kommen, entriss ihn den eisigen Klauen immer wieder, zog ihn weiter, weiter, weiter, unmöglich schnell, dem Tod im Nichts stets nur um einen Gedanken voraus.

Inzwischen hatte er Reisegenossen gefunden. Er sah einen Zentauren, der mit seinem Bogen auf ihn anlegte und einen Pfeil aus Sternenlicht abschoss. Eine Echse sprang aus dem Nichts hervor, fing den Pfeil im Flug und zermalmte ihn zwischen ihren mächtigen Kiefern. Ein Rabe, größer als Jupiter, stieß herab, unsichtbar vor der Schwärze des Leerraums. Sein Schnabel durchbohrte die Echse am Hals, hackte durch ihren Schildpanzer wie ein Vibromesser durch Reispapier.

Danach nahm das Tier Rhodan ins Visier, der sich nicht bewegen, sich nicht wehren konnte. Sein Körper hatte keine räumliche Ausdehnung mehr. So ballte er nur seine Gedanken zusammen, suchte Zuflucht und fand sie im Innern eines Atomkerns, der ihn schützte wie eine Festung. In den unendlichen Weiten zwischen Protonen und Neutronen lustwandelte er einige Jahrtausende, bis er dessen müde wurde und das Teilchen mit einem Gedankenbefehl zerfallen ließ.

Ein neues Gesicht schälte sich aus der Unendlichkeit. Ein Mensch, eine Frau. Sie hatte schwarzes Haar, streng nach hinten gebunden. Ein bitterer Zug lag um ihren Mund. Ihre grünbraunen Augen hatten Leid gesehen. Sie setzte ihm eine hölzerne Schale an die Lippen, die er nicht mehr hatte, und flößte ihm etwas ein. In der klaren Flüssigkeit spiegelte sich eine Galaxis, die er kannte, deren Name sich jedoch vor ihm verbarg, wann immer seine Gedanken danach greifen wollten.

Er schluckte, und ihr Gesicht zersprang. Als goldene Funken rieselte die Frau durchs All. Sie ballten sich an acht Punkten zusammen, den Ecken eines Würfels. Der begann sich rasant zu drehen, erratisch über alle drei Achsen. Die Leuchtecken zeichneten Spuren im Weltraum, die sich zu einer strahlenden Kugel vereinten.

Rhodans Geist verharrte außerhalb, begehrte Zugang. Ein tiefschwarzer Fleck breitete sich auf der makellosen, goldgleißenden Oberfläche aus und gewährte ihm Einlass.

Du bist am Ziel, dachte etwas in seinem Kopf. Etwas Fremdes benutzte seine Gedanken.

Dann, nach seiner Äonen währenden Reise und im selben Moment, da er den Spiegel betreten hatte, öffnete Perry Rhodan die Augen.

4.

23. August 1552 NGZ

Für einen Moment hatte Mahlia Meyun geglaubt, der Fremde sei erwacht. Er hatte sie angesehen und die Lippen bewegt. Dann hatte sich der Schleier der Bewusstlosigkeit wieder über seinen Blick gelegt. Was auch immer er durchgemacht hatte: Sowohl sein Körper als auch sein Geist hatten noch damit zu kämpfen.

Ihr war es nur recht. Prinzipiell wünschte sie zwar all ihren Patienten eine schnelle Heilung. Mit diesem jedoch wollte sie zuvor die heimische Hütte erreichen.

Sie musste sich mit ihrem ganzen Gewicht in die Schulterriemen der improvisierten Schleppe lehnen und kam nur langsam voran. Erst nach einer Stunde erreichte sie die Siedlung.

Inzwischen war es Nacht, außer ihr war keine Menschenseele unterwegs. Auch das war sehr in ihrem Sinne. Bis sie herausgefunden hatte, was es mit dem Fremden auf sich hatte, sollte möglichst niemand von seiner Anwesenheit erfahren.

Bei Hokan, Annri und Temm würde sich das natürlich nicht vermeiden lassen. Sie fragte sich, wie die unausweichliche Diskussion mit ihrem Mann genau aussehen würde. Was würde ihn mehr aufregen: dass sie jemanden pflegte, der möglicherweise nicht zahlen konnte – oder die Tatsache, dass sie einen Fremden aufnahm? Sicher würde er wissen wollen, wie der Mann ins Tal gekommen war. Aber er würde ihn nicht in seinem Haus haben wollen. Nicht, bis sicher war, dass es völlig ungefährlich war.

Mahlia dachte anders. Ein Kranker war ein Kranker, sogar ein Fremder in ihrem unzugänglichem Tal! Ihrer ganzen, abgeschlossenen Welt.

Ihrem Gefängnis?

Sie hielt inne. Wo war dieser Gedanke auf einmal hergekommen?

Wie erhofft, war Hokan Tassat noch wach. Auf ihr Zeichen folgte er ihr vor die Hütte, erst argwöhnisch, dann perplex, als er den Unbekannten sah. Mahlia legte den Finger an die Lippen, dann bedeutete sie ihm, den Fremden mit ihr hineinzutragen.

Hokan tat wie geheißen. Erst dann fragte er leise: »Wer ist das?«

»Weiß ich nicht«, flüsterte Mahlia. »Aber ich finde es raus. Wenn ich ihn aufgeweckt habe.«

Schon bildeten sich die erwarteten Furchen auf Hokans Stirn. »Wissen die Diener davon?«

Mahlia kam nicht zu einer Antwort, weil sie Schritte hörte. Mit nackten Füßen tappte Annri vom Schlaf- in den Wohnteil der Hütte. Sie rieb sich die Müdigkeit aus den Augen.

»Wer ist das denn?«, fragte sie genau wie ihr Vater, als sie den Fremden sah.

Mahlia lächelte gezwungen. Eigentlich hatte sie gemeinsam mit Hokan eine Geschichte für die Kinder entwickeln wollen. Nun musste sie improvisieren.

»Annri ...« Sie zog den Namen etwas in die Länge, um Zeit zu gewinnen. »Du kennst doch die alten Geschichten, dass früher manchmal Fremde in unser Tal gekommen sind.«

Annri machte große Augen. »Aber das sind doch Märchen!«

»In jedem Märchen steckt etwas Wahres. Das ist ein Fremder, und er kommt nicht aus dem Tal.«

Annri sagte nichts, aber sie wirkte verängstigt.

»Was hast du, Kleine?«, fragte Hokan besorgt.

»Die Fremden im Märchen waren böse«, sagte Annri furchtsam.

Mahlias Gedanken rasten in der Geschwindigkeit, die Gespräche mit Kindern oft erforderten. »Du kennst doch das Märchen vom Mahl in der Festung hinter dem Berg.«

»Natürlich.« Annri drückte sich an Mahlias Seite, sodass ihre Mutter zwischen ihr und dem seltsamen Mann blieb. »Und diese Fremden waren so böse, wie es nur ging. Sie haben die Eltern aus dem Tal gelockt und getötet, und die Kinder sind ganz allein geblieben.«

Hokan schoss Mahlia einen zürnenden Blick herüber. Aber sie wusste, was sie tat. Sie hoffte es zumindest. »Aber du kennst auch den Anfang der Geschichte?«

Annri sah sie wieder groß an, aber dann dämmerte ihr etwas. »Die Fremden waren böse auf unsere Eltern, weil unsere Eltern ihren Eltern nicht geholfen hatten!«

»Genau!«, sagte Mahlia. »Im Märchen haben die ersten Bewohner des Tals sich geweigert, zwei kranken Fremden zu helfen, und haben teuer dafür bezahlt. Hier ist ein kranker Fremder. Was müssen wir also tun?«

»Wir müssen ihm helfen!«, rief Annri aufgeregt.

»Genau«, sagte Mahlia stolz.

Hokan war deutlich anzusehen, dass er das anders beurteilte. Er hätte am liebsten sofort die Mönche verständigt, die den Mann wahrscheinlich in ihren Tempel geholt hätten – möglicherweise auf Nimmerwiedersehen. Aber das wollte Mahlia nicht. Der Fremde war ihr Patient, und das verpflichtete sie. Sie war Heilerin – nicht nur als Beruf, sondern aus Berufung.

»Aber wie?«, fragte Annri.

»Lass das mal deine Mutter machen.« Mahlia zwinkerte ihrer Tochter zu. »Wichtig ist, dass niemand davon erfährt. Du darfst niemandem davon erzählen, dass er hier ist. Und auch Temm darf es niemandem sagen. Sorgst du dafür? Das ist ganz wichtig, damit wir dem Fremden helfen können und nichts Schlimmes passiert.«

Annri war hin- und hergerissen. Ihr Gesicht zeigte teils Sorge, teils Stolz, weil sie nun ein Geheimnis wahren musste.

Mahlia strich ihr übers Haar. »Geh wieder ins Bett, Kleine. Morgen machen wir einen Stärkungstrank für unseren Gast.«

Ihre Tochter verschwand wieder.

Gespannt und nervös sah Mahlia Hokan an.

»Du lässt dich ja sowieso nicht davon abbringen«, sagte ihr Mann resigniert. »Hoffen wir, dass du recht behältst und nicht deine Tochter.«

*

Zwei Tage hielten die Kinder tatsächlich dicht – mehr, als Mahlia Meyun erwartet hatte. Bei Annri war sie sicher, dass sie tatsächlich niemandem etwas erzählt hatte. Aber von Temm mit seinen acht Jahren war es wohl zu viel verlangt gewesen. Sie spürte an den Blicken der Nachbarn, dass sie etwas wussten oder zumindest ahnten.

Am dritten Tag, als sie durch die Siedlung ging, um Erz gegen Feldfrüchte, Obst und etwas Fleisch einzutauschen, konnte sie es nicht mehr leugnen. Blicke hafteten länger an ihr als üblich, und Gespräche wurden leiser, wenn sie in die Nähe kam.

Sie tat, als bemerke sie es nicht, und ging auf dem Markt ihren üblichen Geschäften nach. Lebensmittel, Kleidung und Werkzeuge wechselten den Besitzer. Einer der Mönche saß am Rand des Platzes und erzählte ein paar Kindern von der Güte Senns.

Hob er den Kopf? Sah er sie länger an als gewöhnlich? War er da, um ihr hinterherzuspionieren?

Nein, dieser Mönch war nicht das Problem. Stattdessen stolzierten andere Bescheidene Diener auf den Marktplatz. Drei von ihnen kamen genau auf Mahlia zu, gefolgt von zwei der großen Metallsklaven, die sie für schwere Transporte einsetzten – und um die Häuser von Schuldigen niederzureißen, die gegen Senns Gebote verstoßen hatten. Mahlias Herz begann zu rasen.

Unnötig. Die Mönche gingen an ihr vorbei zu Viccor, dem Schmied. Die Metallsklaven luden Säcke ab, die sie getragen hatten. Wie hatte Mahlia das nur übersehen können? Es klirrte laut, als die Ladung auf dem Boden aufkam. Metallstücke.

Die Bescheidenen Diener hatten mit dem Tribut, der von den Gestrandeten erarbeitet wurde, Metall hergestellt, das Viccor zu Pflügen, Spaten und anderen nützlichen Dingen weiterbearbeiten konnte.

Mahlia atmete durch. Mit flauem Gefühl im Magen ging sie weiter. Hinter einem Stand trat Rytanaia hervor und wollte sogleich wieder verschwinden, als sie Mahlia erkannte.

»Hey!«, rief Mahlia ihr hinterher, froh über die Ablenkung. »Warte!«

Widerwillig gehorchte die junge Frau.

»Was machen die Hände?«, fragte Mahlia.

Rytanaia streckte beide Gliedmaßen vor. Die Unterarme vibrierten heftig.

Mahlia gab ihr eine schallende Ohrfeige. Sie war nicht in der Stimmung, sich belügen zu lassen.

»Au!«, rief Rytanaia und presste die Hand an die Wange.

»Oh, sieh an!«, spottete Mahlia. »Plötzlich hat das Zittern aufgehört. Eine Wunderheilung!«

Rytanaia sah ein, dass sie durchschaut war, und ließ die Arme hängen. »Was willst du von mir?«

»Hast du deine Schuld bei den Bescheidenen Dienern bezahlt?« Sie deutete zu den Mönchen, die noch immer mit Viccor sprachen.

»Ich muss erst einmal wieder etwas verdienen. Dann zahle ich so schnell wie möglich.«

»Ist das neu?«, fragte Mahlia mit Blick auf Rytanaias erstaunlich sauberes Kleid, das nirgendwo einen Flicken oder eine gestopfte Stelle zeigte.

»Dafür habe ich nichts ausgegeben!«, rechtfertigte sich die Frau. »Das habe ich von Elpin bekommen!«

Mahlia fühlte sich auf einmal erschöpft. Wahrscheinlich log Rytanaia. Aber selbst wenn nicht, hatte wohl Vonnedal unnötig Geld ausgegeben, statt seine Schulden zu bezahlen – unterm Strich blieb das Ergebnis für Mahlia gleich.

»Zahl wenigstens eine erste Rate«, sagte sie gereizt. »Die Bescheidenen Diener werden mit sich handeln lassen. Aber du musst guten Willen zeigen.«

Rytanaia nickte stumm, dann verschwand sie eilig.

*

Als Mahlia Meyun mit den Einkäufen zurückkehrte, lag der Fremde nach wie vor auf seinem einfachen Lager im Schlafteil der Hütte. Die Kinder hatten ihre Betten in den Wohnteil gestellt, um Platz zu schaffen. Die dünne Trennwand aus geflochtenen Zweigen verbarg den Gast vor neugierigen Besuchern.

Sie bereitete eine nahrhafte Brühe zu, gerade so dünn, dass man sie einem Bewusstlosen einflößen konnte. Sie wusste nicht, an welcher Krankheit der seltsame Mann litt. Zuweilen hatte er die Augen geöffnet, aber er reagierte nicht auf das, was er sah. Mal zitterte er am ganzen Leib, dann wieder lag er ganz ruhig. In seinem Körper tobte ein Kampf, den Mahlia nicht verstand und bei dem sie ihm nur wenig helfen konnte. Doch das, was in ihrer Macht stand, tat sie.

Schritte im Eingang ließen sie hochschrecken. »Hokan?«, fragte sie.

Keine Antwort.

Sie trat in den Wohnraum und erwartete eine düstere Gestalt in einer Kutte. Stattdessen sah sie Tamya, die Schneiderin. Eine der ältesten Frauen im Tal. Sie präsentierte ihren vierten Finger mit einem einzelnen Blutstropfen auf der Kuppe. »Magst du dir das einmal ansehen, Heilerin?«

»Was ist passiert?«

»Ich war ungeschickt«, behauptete die alte Frau. »Ich habe mich gestochen.«

»Du kommst wegen eines Nadelstichs zu mir?«, fragte Mahlia ungläubig.

Doch dann begriff sie. Tamya sah sie gar nicht an, sondern verdrehte den Kopf, um einen Blick in den Schlafteil zu erhaschen.

»Ich desinfiziere die Wunde«, verkündete Mahlia kurz entschlossen. »Macht eine Faust Erz.«

»Eine Faust?«, rief die alte Frau erschrocken. »Wegen eines Nadelstichs?«

»Denk nach«, säuselte Mahlia. »Die Wunde könnte sich entzünden. Du kannst den Finger verlieren oder die ganze Hand. Wie willst du dann deinen Lebensunterhalt bestreiten? Ist es nicht eine Faustvoll Erz wert, sich davor zu schützen?«

Tamya zögerte, aber schließlich zahlte sie. Mahlia wusch die winzige Wunde mit Salzwasser, trug eine Bärlauchpaste auf und wickelte einen Verband darum. Tamya verließ die Hütte und versuchte noch einmal, etwas in der Dunkelheit des Schlafraums zu erkennen.

Mahlia schaute ihr kopfschüttelnd hinterher, dann warf sie den Erzbrocken schulterzuckend in eine der Kiepen, in denen sie das Glimmerz für die bevorstehende Tributzahlung sammelten.

Sie wollte gerade zu ihrem Patienten zurückkehren, da kam der nächste Besucher: Velkut, dessen Knie angeblich schmerzte. Mahlia konnte keine Verletzung feststellen, doch sie trug bereitwillig eine kühlende Salbe auf und ließ sich auch dafür gut bezahlen.

Es folgten noch einige dieser überflüssigen, aber lukrativen Termine. Das Erz war hochwillkommen. Aber dennoch: Bei jedem neuen Gast auf der Schwelle befürchtete Mahlia, die Bescheidenen Diener seien ihr auf die Schliche gekommen. Das Risiko wuchs mit jedem Besucher. Lange konnte das nicht mehr gut gehen, ohne dass die Mönche davon erfuhren.

Ich tue nichts Verbotenes, redete sie sich ein. Ich helfe einem Kranken.

Das mussten die Herren des Sternentempels nur genauso sehen.

Schließlich kam Hokan Tassat nach Hause. Selten war Mahlia so erleichtert gewesen, ihn zu sehen. Seine Kiepe war schwer, er hatte einen erfolgreichen Tag gehabt.

Er stellte die Erzbrocken zu den anderen und sah sofort, dass auch Mahlia einiges beigetragen hatte. »Erzähl mir nicht, dass Vonnedal gezahlt hat«, sagte er verwirrt.

Mahlia lachte. »Aber nein.« Kurz schilderte sie, was den Tag über geschehen war. Sie brach ab, als Schritte den nächsten Besucher ankündigten. »Mal schauen, wer noch neugierig geworden ist.«

Im Eingang ihrer Hütte zeigte sich der Blondschopf von Elpin Vonnedal.

»Ach nein«, sagte Mahlia. »Du auch?«

»Was ich?«, fragte der Verletzte. Ungeschickt schob er das nur übergeworfene Hemd von der Schulter und präsentierte seinen geschienten Arm. »Kannst du dir das mal ansehen? Die Wunde ist warm und pocht die ganze Zeit.«

Mahlia schluckte, nachdem sie den Verband abgenommen hatte. Diese Verletzung hatte sich wirklich entzündet. Eine rote Linie zog sich auf der Innenseite von Vonnedals linkem Arm in die Höhe bis fast zur Schulter. Vonnedal würde sterben oder seinen Arm verlieren, wenn er nicht in den nächsten Tagen auf den Altar von Medost kam.

Auch diesmal trug sie Bärlauch auf. Er würde das Ausbreiten der Infektion zumindest verlangsamen. Sie musste mit Hokan sprechen. Sie musste das Tributerz leihen und für Vonnedals Behandlung nutzen. Bestimmt ließ sich mit den Bescheidenen Dienern etwas aushandeln. Eine spätere Zahlung des Tributs ...

Die Mönche herrschten streng, aber sie waren nicht böse. Sie würden Verständnis haben.

Red dir nichts ein. Sie werden dich büßen lassen, weil du den Fremden vor ihnen versteckt hast.

»Geh«, sagte sie schnell zu Vonnedal. »Komm heute Abend noch einmal vorbei. Ich muss nachdenken, wie wir dich am besten behandeln.«

»Er hat nicht gezahlt«, stellte Hokan ruhig fest, nachdem Vonnedal verschwunden war.

»Ich habe heute so viel verdient wie sonst in einer Woche«, gab Mahlia zurück. »Also lass ihn in Ruhe. Wir müssen ... Wer kommt denn jetzt noch?« Sie wirbelte zur Tür herum, als der Schatten des nächsten Besuchers sich in dem hellen Rechteck auf dem Boden zeigte.

Erschrocken verstummte sie, als sie die Silhouette eines Bescheidenen Dieners erkannte. Also doch! Sie war durchschaut.

Es war Ukor Mathall, klar erkennbar an seiner Leibesfülle. Er trat ein, schlug die Kapuze zurück und entblößte sein entstelltes Gesicht.

Ich tue nichts Verbotenes. Ich helfe einem Kranken.

»Ukor!«, rief sie mit falscher Freude. »Was führt dich zu mir?« Sie brachte alle Selbstbeherrschung auf, um nicht zu der Wand aus Zweigen zu schielen, hinter der der Fremde schlief.

Aber wer garantierte, dass die Diener nicht ein neues Gebot erfanden und sie danach bestraften? Zum ersten Mal wurde ihr in vollem Ausmaß bewusst, in welche Gefahr sie sich gebracht hatte – sich selbst und ihre Familie.

»Ernste Dinge«, antwortete der Mönch.

Mahlia zitterte.

»Dein Patient hat seine Schuld nicht beglichen.«

Vor Erleichterung hätte sie beinahe gelacht. Was sicherlich die falsche Reaktion gewesen wäre.

»Gar nicht?«, fragte sie deshalb bemüht erschrocken. »Nicht einmal eine Anzahlung?«

»Nicht einmal eine Anzahlung«, bestätigte Mathall. »Der Kuum besteht darauf, dass du deine Bürgschaft einlöst.«

»Welche Bürgschaft?«, fragte Hokan erstaunt. »Wir haben für niemand ...« Er verstummte und sah sie anklagend an. »Vonnedal?«

Mahlia zog unter seinem Blick den Kopf ein. »Nein, Rytanaia. Wir holen uns das Erz von ihr zurück«, sagte sie kleinlaut.

»Macht das«, sagte Mathall leutselig. »Ich bin sicher, ihr werdet das lösen.«

Er klatschte zweimal in die Hände, und vier der riesigen Metallsklaven der Mönche drängten sich durch den Hütteneingang. Sie gingen zu den Erzkiepen in der Ecke der Hütte, jede so schwer, dass ein ausgewachsener Mann gerade eine davon auf dem Rücken tragen konnte. Die Metallmänner nahmen jeder zwei davon, eine in jedem Greifarm, und verließen die Hütte damit.

»Beehr uns bald wieder!« Ukor Mathall strahlte. »Übrigens, kann es sein, dass du unsere Lampe noch hast?«

Gedankenverloren übergab Mahlia das Talglicht, das sie versehentlich mitgenommen hatte. Der Bescheidene Diener verabschiedete sich und folgte seinen metallenen Trägern.

Mahlia stieß erleichtert die Luft aus. Ihr Herz schlug immer noch wie wild. Aber es war nichts passiert!

Nur ... Das stimmte nicht.

Sie sah in die Ecke der Hütte. Von elf Kiepen Erz für ihren Tribut waren nun acht fort. Und sie hatte nichts, womit sie Vonnedals Rettung würde bezahlen können.

Hokans Gesicht war dunkelrot angelaufen – und er zürnte zu Recht, musste sie sich eingestehen. Der bislang so erfolgreiche Tag hatte eine katastrophale Wendung genommen.

»Bürgschaft?«, schrie Hokan sie an. »Wie konntest du für sie bürgen?«

»Ruhig«, bat Mahlia. »Bitte reg dich nicht auf. Lass uns nachdenken. Wir müssen Erz beschaffen, und zwar schnell. Wie können wir ...«

»Ich sag dir, wie.« Er stürmte in den Schlafraum. »Wir verkaufen den da an die Bescheidenen Diener!«

Sie eilte ihm hinterher.

Hokan stand neben dem Lager des reglosen Fremden. »Ich bin sicher, wir bekommen mindestens acht Kiepen erlassen, wenn wir die Diener endlich zu ihm führen. Das hätten wir von Anfang an tun sollen!«

»Er ist krank!«, protestierte Mahlia.

»Umso besser«, sagte Hokan grimmig. »Dann kann er sich nicht wehren.« Wutentbrannt holte er aus und trat dem unschuldig Schlafenden in die Rippen.

Der Fremde reagierte blitzartig. Er warf sich auf die Seite, schützte die Brust mit einem Arm und schlug Hokan Tassat mit dem anderen in die Kniekehle. Der schrie vor Überraschung, strauchelte und fiel der Länge nach hin.

Ihr Gast rollte sich auf Hokans Rücken, zog dessen rechten Arm hoch und kniete sich so darauf, dass Mahlias Mann sich nicht rühren konnte.

Mahlia starrte den Fremden an. Alles war so schnell gegangen, keine drei Sekunden hatte der Kampf gedauert.

Noch immer wirkte der Unbekannte so, als sei er nicht ganz bei sich. Er blinzelte, und die leere Miene zeigte Überraschung, als sei er selbst verwundert, einen anderen Mann unter sich am Boden zu sehen.

»Wo bin ich hier?«, fragte er. »Was ist passiert?«

»Du bist bei uns«, gab Mahlia Meyun Antwort. Korrekt, aber wenig hilfreich, tadelte sie sich. »Aber wer bist du?«

5.

26. August 1552 NGZ

Perry Rhodan vermochte nicht zu sagen, ob ihn wirklich der Angriff zurückgeholt hatte. Immer wieder hatte er die seltsame, düstere Steinhütte kurz wahrgenommen, nur um erneut in Bewusstlosigkeit abzutauchen. Erst bei dem Tritt in die Rippen hatten seine Abwehrreflexe reagiert – schnell und gründlich, wenn man den ächzenden Mann als Maßstab nahm, auf dessen Rücken er nun hockte.

Blitzschnell nahm er die Details ringsum wahr: roh behauene Steine, aufeinandergeschichtet, ohne Mörtel. Aus Holz gezimmerte Betten, Stroh statt Matratzen. Einfachste Materialien, einfachste Bauweise. Was war geschehen? Eben noch hatte er sich auf einem Raumschiff aufgehalten. Er hatte irgendetwas Ungewöhnliches machen wollen, mit irgendwem ...

Etwas war schiefgegangen. Von seinem Begleiter war nichts zu sehen, und wo auch immer sich Rhodan befand: Ein Raumschiff war es nicht.

Von dem Mann unter sich sah er nur den Hinterkopf. Blondes, fingerlanges Haar, unregelmäßig geschnitten. Die Frau vor sich erkannte er – das war das Gesicht, das er in seinem Traum gesehen hatte. Dort hatte sie ihm etwas eingeflößt ...

Er sah eine Holzschüssel neben seiner Bettstatt am Boden, mit einer gelborangefarbenen Flüssigkeit darin. War das etwa kein Traum gewesen?