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Wir zählen das Jahr fünfunddreißig nach der großen Katastrophe und die Menschheit ist im gesamten Sonnensystem zerstreut. Auf den Raumstationen und in den schwer befestigten Städten auf den Planetenoberflächen wird hart daran gearbeitet, die Zukunft der Menschen zu gestalten und zu schützen. Die Physikerin Mireille forscht an einer vielversprechenden Technologie, die dem Schutz ihrer Raumstation dienen soll. Doch es kommt zu einem Überfall auf ihre Station und Mireille wird entführt. Ihr Mann Michael und sein Team machen sich auf, sie zu suchen und zu befreien.
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Seitenzahl: 163
Veröffentlichungsjahr: 2023
Henrik Nitz
Mission Sternenlicht
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Epilog
Impressum neobooks
Die Welt um ihn herum wurde in gleißendes Licht getaucht. Für einen Moment war Michael fast blind, bis sich der Strahlenfilter seiner Schutzverglasung an die Helligkeit angepasst hatte, denn die Raumwerft war aus dem Schatten des Mars getreten.
Er drehte sich von der Sonne weg und sah die graue Oberfläche des Raumschiffes, an der er mit seinem Montageläufer entlangschwebte. Alle relevanten Daten wurden auf seine Arbeitsbrille projiziert. Sein Arbeitsanzug übertrug die Bewegungen seiner Arme auf die des Montageläufers. Diese Maschine glich der zehnfachen Vergrößerung eines Menschen in einer wuchtigen Rüstung und verfügte über Schubdüsen, schweres Werkzeug, einen Energiekern und eine dicke Panzerung. Ein Sensor auf seiner Stirn maß die Hirnströme und übersetzte seine Gedanken in Signale, die für das Manövrieren im Raum notwendig waren.
In seinem linken Greifarm trug er den Emitter einer Schildvorrichtung, die er bei dem großen Transportraumschiff austauschen wollte. Dafür dockte er mit seinen magnetischen Füßen auf einem Platz neben der Schildvorrichtung an.
Eigentlich war das nicht Michaels Aufgabe, denn er war bereits seit zwei Jahren der technische Leiter der Reparaturwerft und für andere Aufgaben zuständig. Der Montageläufer war allerdings nagelneu und er hatte es sich nicht nehmen lassen, ihn bei dessen ersten Arbeiten selbst zu testen. Obendrein konnte er die Gelegenheit eines Rundfluges um die Station nicht ignorieren.
Andauernd waren Schiffe im Anflug, die elegant wie riesige Meerestiere an den Docks der großen Mondstation anlegten. Die Deimos-Station Werften nahm fast die Hälfte des Marsmondes Deimos ein und breitete sich wie ein Spinnennetz aus Wohneinheiten, Hangars und Landezonen über die Mondoberfläche aus. Täglich brachten Transportschiffe Menschen und Waren zu den schnell wachsenden Kolonien auf den Monden und Planeten des Sonnensystems und mussten gewartet und repariert werden. Die Ingenieure und Arbeiter dieser Station galten als die besten ihres Standes.
Michael gab derweil das Signal zum Entkoppeln des alten Emitters. Er zog ihn mühelos heraus und setzte dafür den neuen Emitter in die Kupplung ein. Das Ansprechverhalten seiner Arme war einwandfrei. Die Schildvorrichtung war nach der Panzerung der wichtigste Schutz des Raumschiffes gegen Einschläge von Asteroiden und Weltraumschrott. Als nächstes musste er eine Beschädigung an der Raumschiffpanzerung reparieren.
…
Mireille Adler schwebte mit den anderen Ingenieuren in Versuchshalle 3 und startete mit einer sanften Bewegung den dreizehnten Beschusstest. Grafiken und Bedienoberflächen schwebten als Hologramm im freien Raum und der Test wurde mit einem Countdown eingeleitet.
Ein Abschnitt der einhundert Meter langen Halle war durch ein Kraftfeld geschützt. Doch dahinter sah man bereits die Spuren etlicher Versuche, die sie mit dem neuen Schildgenerator durchgeführt hatten. Der Boden und die Wände in der Versuchshalle waren vor Jahren bei ihrer Errichtung weiß gewesen. Allerdings hatten sie in der langen Zeit, trotz gründlicher Reinigung, ein Gemisch aus Grau -und Brauntönen angenommen, durchsetzt mit schwarzen Flecken. Überall waren Schlacke-Reste von den aktuellen Tests zu sehen und Einschlagspuren von Geschosssplittern. Neben dem neuen Schildgenerator stand ein Strauß Blumen und bot den Versuchsteilnehmern ein etwas surreales Bild. Auf dem Versuchsfeld herrschte gespannte Ruhe, die Ziffern auf der Bedienoberfläche zählten rückwärts: 3…2..1..0!
Die Kondensatoren eines magnetischen Schienengeschützes entluden sich mit lautem Knall und es feuerte eine Salve von Geschossen auf den Blumenstrauß ab. Für kurze Zeit sah Mireille das Versuchsfeld nur verschwommen, ob der Schockwellen und Dämpfe, die sich am Schutzfeld brachen. Eine Kamera filmte alles und zeigte mit etwas Verzögerung auf der Holo-Grafik eine Aufnahme in Zeitlupe, wie der getestete Schildgenerator ein eigenes Kraftfeld aufbaute. Die Pfeilgeschosse des Geschützes scheiterten wieder. Aber man sah jetzt genau, wie der Generator nur punktuell Energiecluster erzeugte und diese zielgerichtet gegen die Geschosse einsetzte. Alles geschah innerhalb von Mikrosekunden.
Ein weiteres Mal bot sich den Anwesenden das Bild der unbeschädigten Blumenvase. Mireille spielte mit ihrem blonden Haar und schaute müde, aber zufrieden drein. Die Augen der dreiunddreißigjährigen waren von Rändern gesäumt, denn die Versuche und Auswertungen dauerten bereits neun Stunden. Es hatte sich aber gelohnt, denn der Schildgenerator verbrauchte nur ein Viertel der sonst notwendigen Energie gegenüber konventionellen Generatoren. Das war auch ihr Verdienst und das Ergebnis von fünf Jahren Arbeit der Spezialisten der Deimos-Station. Sie drehte sich zu einem der anderen Ingenieure um:
„Shiniji, ich mache Feierabend. Die neuen Protokolle können wir auch noch morgen auswerten.“
Der junge Mann japanischer Abstammung nickte ihr zu und wandte sich mit entschlossenem Blick den neuen Sensorprotokollen zu, die während des Experiments vom Messsystem ausgespuckt worden waren. Er würde, wie Mireille ihn kannte, jede Null und jeden Buchstaben umdrehen bis auch jede Unsicherheit aus den Messungen ausgeräumt worden wäre. Mireille gefiel ihre eigene Arbeitsmethode dagegen wesentlich besser, eine halbe Schokolade vernaschen, ein gutes Buch zu lesen und sich dann langsam schlafen legen. Die Ideen kamen, wenn sie Glück hatte, am nächsten Morgen wie von allein. Michael war sicher noch nicht von seiner Arbeit zurück. Auch gut, so hatte sie mehr Zeit für sich.
Beinahe wäre sie beim Durchqueren der Korridore des Forschungskomplexes in die falsche Richtung abgebogen, nämlich zum Kaffeeautomaten, den sie an diesem Arbeitstag schon viel zu oft aufgesucht hatte. Doch dann besann sie sich eines Besseren und nahm die Wanderröhre in das Innere der Wohneinheiten. Noch fünf Minuten und sie wäre in ihrer kleinen Wohnung, wo eine Tafel Vollmilchschokolade im Kühlschrank darauf wartete, angebrochen zu werden.
…
Michael hatte derweil damit zu tun eine beschädigte Panzerplatte auszutauschen. Bei der hitzebeständigen Speziallegierung dauerte das einige Zeit. Nachdem er diese mit dem Laser herausgeschnitten hatte, holte er ein neues Segment aus seinem Ersatzteilcontainer auf dem Rücken und schweißte es mit dem Laser wieder fest. Der gesamte Vorgang dauerte gute zwanzig Minuten. Der winzige Reaktorkern in seinem Rumpf hatte merklich zu tun, die großen Energiemengen für den starken Laser bereitzustellen. Die Kühlaggregate und Magnetfelder vibrierten und die Balkenanzeigen, die die Strahlenwerte im Gamma- und Infrarotbereich anzeigten, erreichten die rote Stufe.
Es war Zeit wieder zum Depot zurückzukehren. Michael begutachtete seine Arbeit, ohne dass er irgendwelche Fehler vorfinden konnte, und machte sich auf den Heimweg. Die kleinen Triebwerke gaben reichlich Schub und trugen ihn schnell von seinem Arbeitsplatz fort. Er schoss in den freien Weltraum und kreiste mit 200 m/s um die Mondstationen. Einigen eintreffenden Raumschiffen wich er mit verwegenen Manövern aus und keiner störte sich daran. Denn alle Landevorgänge waren ferngesteuert und wer mit einem der großen Schiffe kollidierte hatte Pech gehabt.
Am unterirdischen Depot angekommen passierte er zunächst einen Tunnel und eine große Luftschleuse und stellte seinen Montageläufer in der Halle ab. Die Wohneinheiten befanden sich eine Etage tiefer und waren in dem langen Ringtunnel untergebracht. Dort fuhren sie beständig im Kreis, sodass durch die Zentrifugalkraft Schwerkraft simuliert wurde. Im restlichen Komplex schwebte man entweder oder ging in speziellen magnetischen Schuhen.
Michael machte noch eine visuelle Kontrolle an dem Läufer, aber weitere Checks ersparte er sich. Die Protokolle, die die zentrale Steuerungseinheit der Maschine ausspuckte, zeigten nichts Ungewöhnliches an. Ihn erwartete in der Raumstation noch andere Arbeit und Hunger hatte er auch. Er dachte daran, dass in der Wohnung ein paar gute Sachen im Kühlschrank lagen, die besser waren als das, was die Nahrungsautomaten auf der Station hergaben und vielleicht konnte er noch schnell mit seiner Frau Mireille zusammen etwas essen, bevor seine Arbeit weiterging. Sie sollte spätestens jetzt mit ihrer Arbeit fertig sein und hat sicher schon ihre Schokolade aufgebraucht.
Über die Wanderröhre, die mehr oder weniger selbst wie ein Zug die Wohneinheiten umfuhr und sich in Sachen Zielort, Geschwindigkeit und Beschleunigung anpasste, gelangte er endlich in das Innere der Station. Nach einer Weile war er bei ihrer Wohnung angelangt.
Als er eintrat war alles dunkel. Keine Spur von Mireille. Michael ging zum Kühlschrank. Die Schokolade darin war unangerührt und so lange Überstunden zu machen war ungewöhnlich. Vielleicht sollte er ihr einen Besuch in der Versuchshalle abstatten. Das Projekt, an dem sie arbeitete, hatte ihn immerhin auch zu interessieren!
So waren seine Gedanken und obwohl er seltsamerweise keinen Appetit mehr hatte, schlang er die Nudeln mit Tomatensoße vom Vortag herunter und machte sich auf zur Versuchshalle. Er hätte auch versuchen können sie per Mindcom zu erreichen. Aber in der Regel hatte sie den Sendeempfänger ohnehin deaktiviert und sie mochte diese Methode, Informationen durch Gedanken auszutauschen, nicht sonderlich.
Als Michael die Halle betrat, fand er nur Shiniji, Mireilles Teampartner vor.
Der technische Leiter ignorierte, dass Shiniji wieder gegen die Überstundenvorschriften verstieß und fragte ohne Umschweife: „Weißt du, wo Mireille ist?“
Shiniji: „Sie wird in der Wohnung sein, denke ich.“
Michaels Augenbraue zuckte bei dieser Antwort und in ihm machte sich Unruhe breit. Viele Möglichkeiten, wo sie sein könnte, gab es nicht.
Mireilles Kollege fuhr fort: „Du musst dir unsere Ergebnisse anschauen. Das ist Wahnsinn, was wir geschafft haben. Hier sind Aufnahmen von den Beschusstests.“
Sie sahen sich ein paar Aufnahmen an, die in der Tat beeindruckend waren. Am Ende fragte Michael: „Bist du sicher, dass Mireille zur Wohnung gegangen ist?“
Shiniji erwiderte: „Das wollte sie. Warum? Ist sie es nicht?“
-„Nein“
-„Dann wird sie vielleicht noch im anderen Labor sein oder bei einem Freund zu Besuch.“
Michael kratzte sich an der Stirn: „Möglich. “
Er hatte noch genug anderes zu tun, dachte er, und machte sich auf in Richtung Werkstatt, wo drei neue Montageläufer für die Nutzung eingerichtet werden mussten. Michael hatte sich selbst für deren Beschaffungen stark gemacht und verfügte über die Zugangscodes.
Dort warteten bereits seine Kollegen Karl, Vladimir und Svetlana ungeduldig darauf, in ihre neuen Maschinen zu steigen. Die Steuerung erfolgte schließlich zum Teil mit Neurofeedback, also durch eigene Gedanken. Aber da jeder Mensch anders war, dauerte auch die Anpassung eine Weile, ganz davon abgesehen, dass noch viele andere Sachen an den Maschinen kalibriert werden mussten. Von seinen drei Freunden war jeder auf seinem technischen Gebiet ein Spezialist und auch wenn Michael nominell ihr Vorgesetzter war, so waren sie fachlich und privat immer auf Augenhöhe.
„Tut mir leid, dass ihr warten musstet. Shiniji hat mich gerade festgenagelt. Sagt, habt ihr Miri irgendwo gesehen?“
Svetlana schwebte mit Karl gerade um die Maschine und schüttelte mit dem Kopf. „Hat sie nicht Feierabend? Sie wird auf der Couch liegen.“
Er schüttelte mit dem Kopf und sie wandten sich für eine halbe Stunde den neuen Maschinen zu. Die Anpassung der Insassen an die Maschinen gelang etwas schneller als Michael angenommen hatte und wenn er nicht um Mireille besorgt gewesen wäre, hätte es richtig Spaß gemacht.
Svetlanas Bruder Vladimir, der mit Michael seit über einem Jahrzehnt befreundet war, merkte das und warf ein: „Ruf sie doch an!“
„Ok, ich versuche es!“, erwiderte Michael.
Er aktivierte den Knopf an seiner Schläfe und schloss die Augen:
„Mireille, wo bist du? Hier weiß niemand, wo du bist. Ich wollte noch mit dir mittagessen!“
Er bekam keine Antwort, nicht einmal ein Feedback, dass die Botschaft zugestellt worden war. Eine halbe Stunde später sendete er folgende Botschaft an die Kollegen auf der gesamten Station:
„Hey, hast du zufällig Mireille gesehen. Wenn, dann melde dich bitte zurück!“…..
mit folgenden Ergebnissen:
-„Weiß ich nicht, habe sie nicht gesehen. Warum?“-
-„Also hier ist sie nicht!“-
-„Ist sie etwa nicht im Labor?“-
Wo war sie nur? Sich auf dieser Mondstation lange ungesehen fortzubewegen, war so gut wie unmöglich und wenn sie einen Freund oder eine Freundin besuchte, sagte sie ihm das immer. Am Ende blamierte er sich nur mit seinen Sorgen. Oder war sie etwa bei einem anderen Mann? Hier konnte man sich mit solchen Entscheidungen schlecht aus dem Weg gehen. Sein Gefühl sagte ihm, dass sie sich nicht absichtlich vor ihm versteckte. Irgendwas musste passiert sein.
Der Kommunikator an seiner Schläfe vibrierte. Es war Gottfried Collins, der Chef der Mondstation.
„Michael, kommst du zu mir? Sofort!“
Der technischen Leiter wurde allmählich ungehalten. War der Chef etwa sauer, weil er die ganze Station in Unruhe versetzt? Oder war es etwas Anderes? Schließlich war Mireille eine ungemein wichtige Wissenschaftlerin.
Er nahm die Wanderröhre und fuhr direkt zur Wohneinheit des Chefs. Beim Bau der Station hatte man einmal überlegt, ob man extra Büros anlegen sollte, was aber wieder verworfen worden war. Als Michael den Raum betrat, saßen der sechzigjährige Gottfried und ein junger Mann, der wahrscheinlich über vierzig Jahre jünger war als der andere, starr vor einem veralteten Monitor und schauten nur kurz zum technischen Leiter auf.
„Wir haben ein sehr ernstes Problem!“, sagte Collins.
Der Junge neben Collins war sehr blass und schmal. Er glich noch einem Schuljungen und Michael wusste nur, dass er seit einigen Wochen in der IT der Mondstation arbeitete.
„Was ist los?“, platzte es aus Michael heraus.
„Wir haben die Überwachungsaufnahmen der letzten Stunden geprüft. Dabei ist Frau Adler auf ihrem Weg in ihre Wohneinheit zu sehen.“
In diesem Moment erfuhr sein Gegenüber zum ersten Mal davon, dass es in der Station Überwachungskameras gab. Zu einem anderen Zeitpunkt hätte er sich darüber aufgeregt, dass man sie überwachte, ohne sie vorher gefragt zu haben. Er wusste nicht einmal, wo die Kameras verbaut waren. Aber jetzt kam in ihm Hoffnung auf, dass man damit seine Frau wiederfinden könnte. Bitte, lass es kein großes Problem sein! Über Missachtung von Datenschutz konnte er sich auch noch später aufregen.
„Den Aufnahmen nach zu urteilen hat Frau Adler ihre Wohneinheit nie verlassen…Ich war vorhin selbst bei ihnen in der Wohneinheit, habe aber niemanden gefunden.“
Michael stand wie vom Donner gerührt da. Im nächsten Moment wollte er losrennen und die Wohnung nochmal gründlich durchsuchen. Aber dann stoppte er. In ihm kamen Verhaltensweisen durch, die er sich vor vielen Jahren bei den Sicherheitskräften angewöhnt hatte. Die zwei vor ihm waren anscheinend vollkommen unfähig.
Stattdessen fuhr er den Jungen an: „Du arbeitest in der IT nicht wahr? Wir haben ein Sicherheitsproblem?“
„Ja, jemand hat die Videokameras manipuliert. Wir suchen gerade die Sicherheits…“
Michael unterbrach ihn: „Stelle sofort alle Systeme auf manuellen Betrieb und sperre den Zugriff auf das gesamte Netzwerk, und zwar intern und extern!“
Dabei musste er sich zügeln nicht mit der Faust auf den Tisch zu knallen: „Wir durchsuchen die Raumstation und…“
Er überlegte einen Moment, dann: „Alle Schiffe erhalten keine Starterlaubnis. Ich gehe raus und sperre sie, wenn nötig mechanisch!“
Im selben Atemzug stellte er Kontakt zu seinen drei Freunden her: „Leute, besetzt eure Maschinen! Wir gehen nach draußen! Taktisches Werkzeug anlegen, nur zur Sicherheit!“
„Wird gemacht!“
„Roger!“
„понимаю!“
Collins und Martin, der soeben noch geglaubt hatte, es handele sich um ein rein technologisches Problem, waren vollkommen eingeschüchtert von diesem herrischen Soldaten, der soeben das Kommando auf der Station übernommen hatte. Aber jetzt dämmerte ihnen, dass sie sofort handeln mussten, und sie machten sich daran, die gesamte Station auf den Kopf zu stellen.
Michael machte sich derweil unverzüglich auf den Weg in die Halle, wo seine und die Maschinen der anderen standen.
„Wir müssen kontrollieren, ob an allen Schiffen die Haltekrallen festgestellt sind und vielleicht verhindern, dass diese gelöst werden. Es darf kein Schiff Deimos verlassen!“
Svetlanas Stimme erschallte: „Was ist eigentlich genau los. Denkst du, dass Mireille entführt wurde?“
„Das ist naheliegend.“
Michael musste bei seiner eigenen Antwort schlucken und eine Mischung aus Angst und Wut stieg in ihm auf. Er fuhr fort:
„Jemand hat unser Netzwerk gehackt und Spuren verwischt. Ich wüsste sonst keinen anderen Grund, warum einer das tun sollte. In der letzten Stunde sollte laut Plan kein Raumschiff abgelegt haben. Aber prüft trotzdem alle Hangars. Ich gebe euch den Belegungsplan durch.“
„Ich bin schon in der Halle und habe die Waffenkammer geöffnet. MSG online. Laser taktisch adaptiert. Alle Systeme nominell. Ich bereite alles für euch vor“, gab Karl durch.
Michael gab zurück: „Ja, lade die MSGs. Ich bin gleich da.“
Svetlana und Vladimir trafen zeitgleich mit Michael ein, schwebten in die Kabinen ihrer Montageläufer und nahmen ihre Waffen entgegen. Diese magnetische Schienengeschütze konnten Projektile mit fünftausend Metern pro Sekunde abfeuern. Als Zweitwaffe diente der Laser.
„Meinst du das wird nötig sein?“, fragte Vladimir als er seine Waffe griffbereit hinterm Rücken befestigte.
„Ich weiß es nicht“, erwiderte der technische Leiter mit einem gestressten Unterton. „Ich und du übernehmen Anflugvektor zwei und drei. Svetlana, Karl? Ihr beide prüfte Eins und vier. Und Abflug!“
Die vier schossen mit hohem Tempo aus der Halle und verschafften sich aus großer Höhe einen Überblick über die Mondstation. Derweil meldete sich Collins über das Mindcom:
„Wir haben alle Wohneinheiten und Labore überprüft, keine Spur bis jetzt. Niemand hat sie gesehen. Sie ist wie vom Mondboden verschluckt.“
„Sucht weiter!“, gab Michael zur Antwort und überflog mit Vladimir die Mondstation. Zu seiner Beruhigung waren alle Raumschiffe noch da und an ihren Docks befestigt.
„Wenn ihr mit der Station fertig seid, dann geht in die Schiffe und sucht dort weiter. Auch wenn sich die Schiffsbesatzungen beschweren. Das ist…“
Da wurde er durch ein Signal der Flugkontrolle unterbrochen: „Es befindet sich ein unangemeldetes Schiff im Anflug. Annähernd auf Vektor 3. Wir versuchen es zu kontaktieren, kriegen aber keine Antwort. Eintreffen in die Manöverzone des Mondes in 4..3..2..1…“
Michael sah in besagter Richtung ein bulliges Raumschiff schnell näherkommen. Er wollte dieses zum Anhalten auffordern, verlinkte sich mit der Funkspur der Flugkontrolle und konnte mithören:
„…Stand clear! Stand clear!...”
Aber das Schiff ignorierte die Aufforderungen nicht näher zu kommen, bis Michael auf das Schiff feuerte und dessen Schilde aktivierte. Es schaltete seine Bremstriebwerke ein, aber was dann über sie hereinbrach, hätte Michael vor einer Stunde noch für unmöglich gehalten. Es öffnete seinen Laderaum und entließ zwei Objekte, die auf eines der Raumschiffe auf dem Mond zusteuerten. Sie ähnelten den Maschinen, in denen Michael und seine Freunde saßen, nur waren sie ungleich größer.
Michael dirigierte seine Einheit umgehend zu dem Raumschiff und die vier Freunde bildeten eine Feuerlinie.
„Lasst sie nicht durch!“ rief er. Im selben Moment eröffneten beiden Seiten das Feuer aufeinander.
„Verdammt, das sind zwei Kampfmaschinen“, dachte Michael so deutlich, dass es vom Mindcom wiedergegeben wurde. Es aktivierten sich die Schutzschilde der Maschinen. Bei seiner Gruppe hielten die Kraftfelder den ersten Geschosseinschlägen noch Stand. Aber es war absehbar, dass dieser Schutz nicht auf ewig aufrechterhalten blieb. Dafür verbrauchten die Schilde zu viel Energie, was auf Dauer zur Überhitzung führte.
Ihr Gegner war dagegen aus einem anderen Holz geschnitzt. Deren Schilde bremsten die Projektile lediglich ab, bevor diese auf eine massive Panzerung trafen.
„Umkreist sie und zielt auf ihre Kabinen!“, rief Michael.
Im selben Moment wurde Karls Schild von einer konzentrischen Geschosssalve von beiden Kampfmaschinen durchbrochen und er verlor seinen linken Arm. Der technische Leiter und Vladimir nahmen eine der beiden Maschinen in die Zange und setzten ihn außer Gefecht. Deren Kabine, in der wahrscheinlich ein Mensch saß, ging kurz, aber heftig, in Flammen auf.
Fünf Sekunden später wurden Svetlana, Michael, Vladimir und Karl von mehreren wuchtigen Geschosssalven weggeschleudert und sie verloren für einen Moment im Weltall die Orientierung. Der Gruppenleiter schlug auf der Mondoberfläche auf und prallte wieder zurück ins Weltall. Dann sah er das, was sie eigentlich verhindern sollten.
Ihr Gegner zertrümmerte mit zwei gezielten Schüssen die Krallen, die das Raumschiff am Dock festhielten. Niemand von außen wusste, was gerade in dessen Innerem vor sich ging, aber es startete seine Triebwerke und hob mit voller Kraft ab. Michael verzichtete darauf, auf das Schiff zu schießen, in welchem vermutlich seine Frau war. Derweil nahm die Kampfmaschine eine Position neben dem fliehenden Schiff ein und richtete sein schweres Geschütz bedrohlich auf die Deimosstation.
Eine Minute später waren die Angreifer verschwunden. In Michaels Herz herrschte blanke Verzweiflung.
„Tor öffnen!“
