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Als Susan Sinclair einen kleinen, hölzernen Dudelsackspieler in einem Antiquitätenladen kauft, ahnt sie nicht, dass es sich dabei um Colin MacRae, einem jungen Piper und Krieger aus dem 18. Jahrhundert handelt. Colin wurde von der Cailleach Bheur, der blauen Hexe des Winters, verflucht und hat nur in den Nächten von Nollaig bis Hogmanay die Gelegenheit, um den Fluch zu bannen, denn nur in diesen Nächten wird er wieder zum Mann. Da Susan den Fremden, der plötzlich in ihrem Apartment steht, zunächst für einen Einbrecher hält, scheint seine Hoffnung auf Erlösung in weite Ferne zu rücken. Doch manchmal ergeben sich gerade aus Rückschlägen ungeahnte Chancen, die man nur ergreifen muss ...
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Mistelzweig und Dudelsack
Als Susan Sinclair einen kleinen, hölzernen Dudelsackspieler in einem Antiquitätenladen kauft, ahnt sie nicht, dass es sich dabei um Colin MacRae, einem jungen Piper und Krieger aus dem 18. Jahrhundert handelt.
Colin wurde von der Cailleach Bheur, der blauen Hexe des Winters, verflucht und hat nur in den Nächten von Nollaig bis Hogmanay die Gelegenheit, um den Fluch zu bannen, denn nur in diesen Nächten wird er wieder zum Mann.
Da Susan den Fremden, der plötzlich in ihrem Apartment steht, zunächst für einen Einbrecher hält, scheint seine Hoffnung auf Erlösung in weite Ferne zu rücken. Doch manchmal ergeben sich gerade aus Rückschlägen ungeahnte Chancen, die man nur ergreifen muss ...
Mistelzweig
und
Dudelsack
Daniela Vogel
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http//dnb.dnb.de abrufbar.
Impressum
Texte: © Copyright by Daniela Vogel
Korrektorat: Ruth PößCovergestaltung:© Daniela Vogel
www.fantasy-by-daniela-vogel.de
Covermotiv: © istockphoto, canva, pixabay.de,
Verlag: Daniela Vogel
Nordstraße 5247169 [email protected]
in Koperartion mit dem Neubachverlag
www.neubachverlag.de
Vertrieb: Neubachverlag
1. Auflage
Der Schnee tanzte in dicke Flocken zur Erde. Der Wind war eisig und wehte in Böen, sodass die dicke Schneeschicht, die sich auf den Zweigen der Bäume in den letzten Tagen gebildet hatte, wie Schlamm von ihnen herunterstürzte. Es war absolut kein Wetter, um in einen Wald zu gehen, aber Colin war so wütend, dass er kaum etwas davon bemerkte.
Wie hatte sein Vater es nur wagen können, ihn nach Hause zu schicken? Ihn ... gerade ihn? In Bezug auf seine beiden älteren Brüder hatte er sich noch nicht einmal die Frage gestellt, ob sie mit in den Kampf zogen. Bei ihm allerdings …
Verdammt, er war kein Knabe mehr und wollte auch nicht mehr als solcher behandelt werden.
Colin stapfte missmutig weiter durch den Schnee, immer tiefer in den Wald hinein.
Was hatte sich sein Vater nur dabei gedacht? Er war ein Piobaire, kein Kämpfer an vorderster Front, obwohl er im Umgang mit dem Schwert seinen Brüdern in nichts nachstand. Er konnte sich durchaus verteidigen, wenn es hart auf hart kam. Doch anscheinend sah sein Vater das völlig anders.
Was befürchtete dieser? Dass sich die Rotröcke direkt auf die am Schlachtfeldrand stehenden Piobaires stürzen würden und Colin somit einer der ersten wäre, die für ihren König ihr Leben ließen?
Aye, er war noch nicht so kampferprobt wie seine Brüder, aber Haimish, sein ältester war bei seiner ersten Schlacht in Killiecrankie erst 17 Jahre alt und sein zweiter Bruder Robert gerade einmal halb so alt wie er jetzt gewesen. War es seine Schuld, dass er zur Zeit der großen Schlachten kaum den Windeln entwachsen gewesen war?
Dennoch hatte sein Vater darauf bestanden, dass Colin sich aus dem Kampfgetümmel heraushielt und zu seiner Mutter zurückkehrte. Was war er? Der Hüter seiner Mutter?
Colin kam sich wie ein getretener Hund vor. Hatte nicht sein Vater stets gepredigt, dass die MacRaes ein kriegerischer Clan wären, der niemals einer Auseinandersetzung aus dem Weg ging und in dem es keinen Platz für Feiglinge gab? Aber genau das verlangte er nun von ihm. Er sollte sich wie ein gemeiner Feigling heimlich davonstehlen. Wie sollte er auf diese Weise jemals zu einem vollwertigen Mitglied des Clans werden, wenn selbst sein Vater ihm so wenig zutraute.
Aye, in seiner Kindheit war er schwächlich gewesen, was ihm oftmals den Spott seiner Altersgenossen eingebracht hatte, aber seitdem war so viel Wasser in den Loch Dubhthaich geflossen, dass man ganz Alba in diesen Fluten versenken könnte.
Aufgrund seiner kränklichen Konstitution und seines zu jener Zeit kleinen Wuchses hatten seine Eltern ihn mit ihrer Fürsorge geradezu überschüttet. Mehr noch, seine Mutter hatte ihn in seiner Kindheit buchstäblich wie ein rohes Ei behandelt. Als er schließlich in das Alter gekommen war, in dem man den Umgang mit Waffen lernte, hatte er nur dabei zusehen können, wie seine Altersgenossen zu Kriegern wurden. Nach und nach hatten sie mehr Ansehen im Clan genossen, doch er war weiterhin in den Augen aller der schwächliche Knabe geblieben. Das hatte nicht nur einmal dazu geführt, dass er einen Wutausbruch bekommen hatte. Aye, zu dieser Zeit war er unzufrieden, mutlos und vor allen Dingen neidisch auf alles und jeden gewesen. Erst als es seinem Vater zu viel geworden war und dieser ihn gegen den Willen seiner Mutter in Angus Obhut gegeben hatte, war endlich Ruhe eingekehrt.
Angus war einer der bedeutendsten Piobaires ihres Clans und zudem ein guter Schwertkämpfer. Er hatte ihn nicht mit Samthandschuhen angepackt, sondern mehr von ihm abverlangt als jeder andere zuvor. So war er im Laufe der Jahre nicht nur zu einem guten Piobaire geworden, sondern konnte inzwischen durchaus auch im Schwertkampf mit jedem anderen männlichen Clanmitglied mithalten. Zudem war im Laufe von Angus Training aus dem schwächlichen Jungen ein hochgewachsener, starker Mann geworden, der noch dazu nicht gerade unansehnlich war. Mittlerweile war es sogar so, dass er im Hinblick auf seine Wirkung bei Frauen den Neid der anderen auf sich zog, selbst den seiner Brüder. Doch was nutzte es ihm? Solange sein Vater in ihm noch immer den schwächlichen Jungen von damals sah, würde er niemals zu einem geachteten Mitglied im Clan der MacRaes werden.
Die englischen Truppen waren in Sheriffmuir schon in Sichtweite gewesen. Verdammt! Das wäre seine Gelegenheit gewesen, sich endlich vor den anderen zu beweisen, aber …
Colin knurrte leise und zog dabei sein Schwert aus der Scheide. Er brauchte dringend etwas, um daran seine Wut auszulassen, bevor er an ihr erstickte.
In seiner unmittelbaren Nähe befand sich eine Baumgruppe mit drei dicken alten Eichen, deren Zweige sich ächzend unter der Last des feuchten Schnees bogen. Immer wieder fielen große Schneeschollen herab, die auf seiner Kleidung oder sogar auf seinem Kopf landeten, so als wollten die Bäume ihn ebenfalls aus ihrer Nähe vertreiben. War er so unfähig, dass selbst die Natur nichts mit ihm zu schaffen haben wollte?
Jeder Brocken Schnee, der auf ihm landete, fühlte sich wie eine schallende Ohrfeige an. Das machte ihn noch wütender.
Colin trat näher an die Bäume heran. Wenn selbst sie ihn verspotten wollten, dann hatten sie es nicht besser verdient. Rasend vor Zorn hob er sein Schwert und schlug mit der Klinge wie mit einer Axt auf den Stamm einer der Eichen ein. Durch die Erschütterung, die seine Hiebe verursachten, fiel nur noch mehr Schnee auf ihn hinab, was ihn immer wütender machte. Schließlich war er wie von Sinnen. Einem Schlag folgte der nächste, so dass sich bereits eine tiefe Kerbe in dem Stamm bildete.
»Haltet ein!«
Durch sein vor Wut verzerrtes Gehör nahm er die Stimme kaum wahr, dennoch hielt er für einen Moment inne.
Eine Stimme mitten im Wald, noch dazu bei diesem Wetter, das konnte nur seiner Einbildung entspringen. Niemand außer ihm selbst würde sich bei diesem Wetter in den Wald wagen. Instinktiv sah er sich um, doch da war niemand. Er hatte demnach recht, die Stimme war nur ein Produkt seiner Fantasie.
Dennoch verharrte er einen Moment ruhig, bevor er erneut auf den Baum einschlug.
»Ihr sollt einhalten!«, vernahm er daraufhin erneut die Stimme. Diesmal war sie deutlicher zu hören und nicht nur das, sie klang so eisig wie das Wetter.
Abermals hielt er inne und sah sich um. In einiger Entfernung stand ein altes Mütterchen und blitzte ihn wütend aus zusammengekniffenen eisblauen Augen an. Obwohl er sie um mindestens eine Haupteslänge überragte und sie nur einen einfachen langen Holzstab in der Hand hielt, schien sie keinerlei Angst vor ihm und seinem Claymore zu haben, was merkwürdig war, denn normalerweise konnte man insbesondere in den Augen der Alten immer eine gewisse Furcht vor Kriegern, wenn sie einem begegneten, erkennen.
Colin sah sich die Alte etwas genauer an. Sie trug ein zerschlissenes, graues Gewand. Vermutlich gehörte sie zu den Pächtern, die ihre Katen in der näheren Umgebung hatten. Ein dunkelbraunes, fadenscheiniges Plaid lag auf ihren Schultern, mit dem sie ihr Haar, das so weiß wie der Schnee war, bedeckt hatte. Anhand ihrer Gesichtszüge konnte man ihr ansehen, dass sie bereits etliche Winter erlebt hatte, und dennoch wirkte ihre Körperhaltung alles andere als alt. Vielmehr machte sie auf ihn den Eindruck, dass sie, sofern er ihrem Befehl nicht Folge leistete, bereit dazu war, den Baum mit ihrem Stock zu verteidigen.
»Mütterchen, was schert Euch der Baum. Ist es nicht besser, seine Wut an ihm auszulassen als an Euch?«, gab er nach einer Weile zurück, in der sie sich beide wie zwei kampfbereite Krieger angestarrt hatten.
»Ihr seid also wütend«, bemerkte die Alte in einem Tonfall, der ihm einen eisigen Schauer über den Rücken jagte. »Glaubt mir, wenn ich Euch sage, dass ich durchaus in der Lage wäre, Euch die Stirn zu bieten und mich gegen Euch zu behaupten. Im Gegensatz zu dem hilflosen Geschöpf, das Ihr zu Eurem Opfer erwählt habt. Hört Ihr nicht seine Schreie?«
Colin sah sie fragend an.
»Seit wann können Bäume schreien?«
Die Alte legte ihren Kopf schief und blitzte ihn erneut wütend an, dabei lag noch etwas anderes in ihrem Blick, was er nicht genau deuten konnte. Unglaube oder Erstaunen traf es wohl am ehesten.
»Was seid Ihr nur für ein elender Barbar. Nur weil Ihr es nicht hören könnt, heißt das nicht, dass es nicht gegenwärtig ist. Das Leid dieses Baumes ist so groß, dass er mich zu Hilfe gerufen hat.« Jetzt starrte Colin die Alte ungläubig an.
»Was soll das heißen, er hat Euch zu Hilfe gerufen? Wie kann ein Baum rufen? Zudem, wie solltet Ihr in der Lage sein, ihm zu helfen? Wenn ich Euch so betrachte, dann schätze ich eher, dass Ihr wider Euren Worten kaum fähig seid, Euch selbst zu schützen. Anscheinend wollt auch Ihr mich verhöhnen, altes Weib. Aber Ihr habt Euch den Falschen für Euer Spiel ausgesucht«, schrie er sie an. Colin war jetzt erneut so wütend, dass er am liebsten auf sie eingeprügelt hätte. Allein sein Respekt vor dem Alter hielt ihn davon ab. Vielleicht war sie ja aufgrund ihres Alters ein wenig verwirrt, denn für ihn ergab alles, was sie ihm sagte, keinerlei Sinn.
»Ihr nennt mich ein altes Weib?« Jetzt war es die Alte, die ihn lauthals anschrie, dabei kam sie Schritt für Schritt auf ihn zu. »Junger Mann, Ihr vergreift Euch im Ton. Wisst Ihr überhaupt, wen Ihr vor Euch habt?« Sie hielt einen Moment inne, so als erwarte sie eine Antwort von ihm. Da sie diese aber nicht bekam, fuhr sie knurrend fort.
»An Eurem Gesichtsausdruck kann ich erkennen, dass Ihr es anscheinend tatsächlich nicht wisst. Aber Eure Unbedarftheit wird Euch nicht vor meiner Strafe schützen.« Das Mütterchen stand nun direkt vor ihm und sah ihm fest in die Augen. Dann schüttelte sie kaum merklich den Kopf. Colin spürte, wie sich der Griff seiner Hand, in der er noch immer das Schwert hielt, unwillkürlich lockerte, sodass die Waffe ihm entglitt und in den Schnee fiel. Verblüfft folgte sein Blick dem Claymore, das kaum dass es den Boden berührte, in der Schneedecke versank, als würde es in die Fluten eines Lochs eintauchen und verschwand. Wie war so etwas möglich? Vermutlich weil der Schnee noch immer in dicken Flocken zur Erde fiel und somit das Schwert schnell unter sich begrub. Das war auf jeden Fall die einzige logische Erklärung, die ihm einfiel.
»Es ist eine Schande, dass das Althergebrachte immer mehr in Vergessenheit gerät«, bemerkte sie anschließend weit weniger wütend mit einem bedauernden Unterton in der Stimme.
Colins Blick wanderte erneut auf sie. Irgendwie tat die Alte ihm leid, mehr noch, aber die Art und Weise, wie sie ihn die ganze Zeit ansah, hatte seine Wut schlagartig verrauchen lassen. Es war, als könnte sie mit ihrem Blick jedwede Empfindung aus ihm entfernen. Zudem wirkten ihre Gesichtszüge weit weniger alt, als aus der Ferne betrachtet, und auf ihrer Haut lag nun ein bläulicher Schimmer. Erneut spürte er einen kalten Schauer, der über seinen Rücken kroch. Etwas an ihr war unheimlich. Colin betrachtete sie noch einmal eingehender.
Was war es nur, dass diese Wirkung auf ihn hatte? Es dauerte eine Weile, bis er es erkannte, dann aber sah er es mehr als deutlich: Die Alte hatte die Gesichtsfarbe einer Toten. Ihre Augen allerdings sprühten vor Leben.
»Ich möchte Euch eine Geschichte erzählen«, änderte sie mit einem Mal abrupt das Thema, dabei sah sie ihm zum wiederholten Mal in die Augen. »Es existieren Dinge, die sind so alt wie diese Welt. Seht Euch das Wetter an. Im Winter schläft die Natur und erwacht im Frühling zu neuem Leben. Der Sommer zeigt die volle Blüte und im Herbst bereitet sich das Leben auf den Schlaf vor. Dieser Kreislauf, der so alt ist wie diese Welt, sorgt dafür, dass Leben überhaupt existieren kann. Auch bei Euch Menschen ist es nicht anders. Der Frühling steht für die Geburt und Jugend, der Sommer verkörpert die Lebensmitte, der Herbst ist Sinnbild des Alters und der Winter das für den Tod. Aber der Tod ist nicht das Ende, sondern der Beginn von etwas Neuem. Doch ich wollte Euch ja nicht die Vergänglichkeit Eures Lebens vor Augen führen, sondern etwas völlig anderes. Wie schon gesagt, im Winter schläft die Natur. Der Schnee legt sich auf die Erde und Pflanzen und schützt sie so vor der klirrenden Kälte, die jedwedes Leben auslöschen würde. Fast wie ein Bett aus Daunen. Und nun kommen wir zu meiner Geschichte. Habt Ihr schon einmal von der Cailleach Bheur gehört. Sie wird auch die blaue Hexe des Winters genannt. Von Samhain bis Imbolc sorgt sie dafür, dass die Natur schläft und sich ausruht, um im Frühling erneut zu erwachen.« Colin nickte unbewusst.
»Aye, wir erzählen den Kindern ihre Geschichte, aber sie ist nur ein Mythos, eine Märchengestalt. Genauso wie die jungfräuliche Brid und Angus, der König des Sommers.«
»Ist sie das? Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht«, gab sie ihm geheimnisvoll zurück. »Wie schon gesagt, es existieren Dinge, die genauso alt wie diese Welt sind und oftmals sind sie nicht bloß ein Mythos, die Menschen haben nur verlernt sie als das, was sie sind, zu erkennen.«
In diesem Moment schloss die Alte ihre Augen. Merkwürdigerweise sah es so aus, als würden ihre Lider mit der Haut ihrer Wangen verschmelzen, sodass sie kaum noch zu erkennen waren. Gleichzeitig erschien ein weiteres Lid genau über ihrer Nasenwurzel. Colin vergaß entsetzt, für einen Moment zu atmen.
Das konnte nicht sein. Er musste sich das alles einbilden.
Doch es war keine Einbildung, denn er hatte den Gedanken noch nicht ganz zu Ende gedacht, da starrte in auch schon ein eisblaues Auge, das mittig auf ihrer Stirn saß, grimmig an.
Colin hielt erneut fassungslos den Atem an. Die Cailleach Bheur, schoss es ihm durch den Kopf. Aber sie war ein Märchen. Etwas, womit man Kindern Angst einjagte, damit sie sich im Winter nicht zu weit vom Haus entfernten. Sie existierte nicht in der realen Welt.
»Ich bin für dich also ein Mythos. Etwas, was man erfunden hat, um Kindern Angst einzujagen?« Colin starrte die Alte fassungslos an.
Konnte sie etwa seine Gedanken lesen?
»Aye, ich kann deine Gedanken lesen, Colin MacRay. Und nicht nur das, ich sehe auch deine Zukunft. Allerdings keine, wie du sie dir vielleicht vorgestellt hast.« Die Stimme der Alten wurde mit jedem ihrer Worte eisiger. Colin war nicht mehr in der Lage, seinen Blick von ihr abzuwenden, geschweige denn sich überhaupt noch zu bewegen. Es war, als hätte ihr Blick ihn erstarren lassen.
»Diese Zukunft musst du dir erst verdienen«, fuhr sie unterdessen unbeirrt fort. »Ich habe mir die größte Mühe gegeben, den Lauf der Zeit in Bewegung zu halten. Alle Lebewesen dieses Hains genossen ihre wohlverdiente Ruhe, um im Frühling zu erwachen, doch dann kamst du. Dies ist nicht nur ein Baum, wie du ihn nennst, sondern eines meiner Geschöpfe. Du hast ihn nicht nur aus seinem Schlaf gerissen, sondern ihn zudem noch verletzt. Warum müsst ihr Menschen alles zerstören, was schön auf dieser Welt ist? Warum quält ihr Kreaturen, die euch nicht das Geringste getan haben? Ihr seid privilegiert, aber genau das macht euch zu den Barbaren, die ihr seid. Ihr stellt euch über alle anderen Lebewesen und nehmt weder Rücksicht auf ihre Gefühle, noch akzeptiert ihr ihr Sein. Wie würdest du dich fühlen, wenn du so wehrlos wärst wie er?« Bei ihren Worten deutete sie mit dem Kopf auf die alte Eiche.
»Was würdest du tun, wenn du genauso untätig dabei zusehen müsstest, wie man dich quält und niemand dein Leid hören könnte? Dieser Baum, wie du ihn nennst existierte bereits zur Zeit Jakobs I, dem Vorfahren eures Königs, dem ihr dermaßen nachtrauert, dass ihr darob nicht nur euch selbst, sondern auch das Land verletzt. Diese Eiche sah unzählige wie dich Kommen und Gehen, doch sie hat überlebt. Sie hat dem Wetter getrotzt und den Bewohnern des Waldes Schutz gegeben. Du elender Narr hättest mit deinem Schwert dem fast ein Ende gesetzt, aber zum Glück bin ich noch rechtzeitig gekommen. Sie wird sich erholen. Dennoch hast du eine Strafe verdient.«
»Strafe? Ihr redet von Strafe? Für was? Es wurden bereits unzählige Bäume von Menschen gefällt und ich denke nicht, dass sie dafür bestraft wurden«, warf Colin ein, dabei spürte er, wie ihn erneut maßlose Wut ergriff.
»Aye, doch dieser hier ist eines meiner Geschöpfe. Dies hier ist mein Hain und wer hier jagt oder Holz schlägt muss mich erst um Erlaubnis fragen. Hast du mich gefragt? Nein. Demnach steht es mir zu, dich zu bestrafen.«
»Das hier ist eine Farce. Ihr wollt mich nicht strafen, sondern Euch an mir rächen«, gab er wütend zurück.
»Was ist es, wollt Ihr mir nun auch eine Verletzung zufügen oder mich zu einem Krüppel machen? Oder steht gar der Tod auf mein Vergehen?« Colin war so außer sich, dass er völlig vergaß, wen er vor sich hatte. Dieser Tag war einer der schwärzesten in seinem Leben. Nicht nur, dass er die Ungerechtigkeit seines Vaters und die seines ganzen Clans hatte ertragen müssen, jetzt tauchte auch noch eine Sagengestalt auf, die ihn für etwas bestrafen wollte, was in seinen Augen keinerlei Vergehen darstellte.
Was war er? Der Sündenbock und Prügelknabe jedweder Kreatur in ganz Alba?
Seine Angst vor ihr war mit einem Mal vollkommen verschwunden. Er war nicht mehr bereit, ständig Konsequenzen für Dinge zu tragen, die nicht er allein zu verantworten hatte. Hätte sein Vater ihn nicht so ungerecht behandelt, wäre er erst gar nicht in den Hain gelaufen, sondern hätte sich endlich in einer Schlacht beweisen können, anstatt ...
»Wie ich zu meinem Leidwesen feststellen muss«, hörte er erneut die Stimme der Alten. »Verstehst du noch immer nicht, warum genau ich dich strafen muss. Ich weiß, dass dein Clan nicht gerade freundlich mit dir umgegangen ist, aber wäre das nicht ein Grund, es ihnen nicht gleich zu tun. Es ist niemals ein guter Weg, Schwächeren gegenüber seine Macht zu missbrauchen. Du wirfst mir vor, ich wolle mich an dir rächen, doch sag mir, was war es, das dich dazu trieb, den Baum zu misshandeln? War es nicht ebenfalls Rache aufgrund deiner Wut? Nur dass deine Rache nicht dem gegolten hat, der sie verdient hätte, sondern du hast sie an einer unschuldigen Kreatur ausgelassen. Genau deshalb werde ich dich bestrafen. Damit du begreifst, was Wut und Rachedurst alles anrichten kann.«
»Ich ...«, versuchte er einzuwerfen.
»Genug! Ich will nichts mehr hören. Ich habe schon viel zu viel Zeit mit dir vergeudet. Wie du weißt, habe ich Aufgaben zu erledigen, die keinen Aufschub dulden. Deshalb werde ich es jetzt kurz machen. Deine Strafe wird sein, solange untätig und starr zu verweilen, bis du das Alter des Baumes erreicht hast. Erst dann wirst du die Gelegenheit bekommen, dich zu beweisen. Solltest du scheitern, wird mein Fluch für immer auf dir lasten. Wenn du sein Alter erreicht hast, gebe ich dir die Zeit von Nollaig bis Hogmanay. Zeige mir, dass du gelernt hast, deine Wut zu zähmen und jedwede Kreatur als das zu schätzen, was sie ist: ein fühlendes Lebewesen. Doch das ist es nicht allein. Zu deiner Erlösung bedarf es noch etwas mehr. Ein Zauber muss stets durch einen Zauber gebrochen werden. In meinem Reich wächst eine Pflanze, der magische Fähigkeiten zugeschrieben werden. Finde sie. Verbunden mit der Liebe ersten Kuss, wird sie die Erlösung bringen.«
»Ihr sprecht in ...«, weiter kam er nicht. Ein Blick von ihr genügte, und seine Zunge fühlte sich plötzlich so schwer wie Blei an.
Während er noch verzweifelt versuchte, seiner Kehle einen Ton zu entlocken, spürte er, wie er langsam zu schrumpfen begann.
Er wollte fortlaufen, um ihr zu entkommen, aber seine Glieder ließen sich nicht mehr bewegen. Zu seinem Erschrecken erschien zudem auch noch eine Bagpipe in seinen Armen, deren Blasrohr sich wie von selbst gegen seine Lippen presste, dann wurde ihm schwarz vor Augen und er verlor das Bewusstsein.
Eine einzelne Träne löste sich aus dem Auge der Cailleach Bheur, die auf ihrer kalten Haut sofort zu Eis erstarrte.
»Junger MacRae, deine Zeit wird kommen. Nutze sie weise, denn du hast nur diese eine Chance.« Mit diesen Worten ergriff sie Colin und ließ ihn vorsichtig in die Tasche ihres Rocks gleiten. Dann machte sie auf dem Absatz kehrt und löste sich in Luft auf.
Susan Sinclair eilte über die mit Schnee bedeckte Straße hin zu ihrem Austin-Mini, der in unmittelbarer Nähe des MacPherson-Museums parkte.
Es schneite dermaßen, dass sie kaum ihre Hand vor Augen sehen konnte. Eigentlich kein Wetter, um eine Tour nach Inverness zu machen, aber es half ja nichts, das Wetter nahm nun einmal keine Rücksicht auf eine junge Frau, deren Doktorvater dringend mit ihr sprechen wollte und das so kurz vor Weihnachten.
Als der Professor sie am Abend zuvor angerufen und um ein persönliches Gespräch gebeten hatte, war ihr im wahrsten Sinne des Wortes das Herz in die Hose gerutscht. Das konnte nichts Gutes bedeuten. Dementsprechend war ihre Nacht verlaufen. An Schlaf war überhaupt nicht zu denken gewesen. Dennoch musste sie sich nun, ob sie wollte oder nicht, auf den Weg nach Inverness machen.
Es war ja nicht so, dass Newtonmore am anderen Ende von Schottland lag, und normalerweise war die Fahrt nach Inverness für sie auch kein großer Akt, doch Susan hasste es, im Winter Autofahren zu müssen. Aber sie war ja selbst schuld. Wäre sie nicht nach Newtonmore gezogen, sondern bei ihrer Mutter und ihrem Bruder in Inverness geblieben, dann hätte sie heute nicht dieses Problem. Diese Alternative erschien ihr allerdings noch wesentlich unangenehmer als die Fahrt dorthin.
Allerdings hatte sie Newtonmore bewusst als Rückzugsort von ihrer Familie gewählt. Zum einen hatte sie in der kleinen Pension und im dazugehörigen Pub eine Anstellung gefunden, um sich neben dem Studium etwas dazu zuverdienen und in den Sommermonaten half sie zudem noch hin und wieder in dem kleinen MacPherson-Museum aus. Außerdem war der beschauliche kleine Ort genau das Richtige, um endlich ihre Doktorarbeit fernab ihrer Familie und in Ruhe fertigzustellen. Da sie Kultur, Kulturerbe und Geschichte studierte, hatte sie sich dazu entschlossen, für ihre Arbeit den Clan ihrer Mutter ein wenig unter die Lupe zu nehmen.
Das MacPherson-Museum war genau der Quell an Informationen, der ihr dabei weiterhalf. Über die Hälfte hatte sie bereits fertig, und wenn es so weiterging, dann konnte sie zu Beginn des Sommersemesters ihre Arbeit endlich abgeben und sich anschließend um eine Anstellung in einem Museum oder an einer Universität kümmern. Nur leider war es noch nicht so weit. Jetzt musste sie erst einmal nach Inverness und hören, was Professor MacRae von ihr wollte.
Verdammt!
Irgendwie wurde sie das Gefühl nicht los, dass ihr das, was er von ihr wollte, ganz und gar nicht gefallen würde. Susan seufzte leise.
Wofür gab es Telefone und E-Mails? Doch Professor MacRae war noch vom alten Schlag und besprach wichtige Dinge mit seinen Doktoranden lieber persönlich von Angesicht zu Angesicht. Demzufolge blieb ihr gar nichts anderes übrig, als sich auf den Weg zu machen.
Bereits das Öffnen ihrer Autotür war mit Schwierigkeiten behaftet, denn das Schloss war zugefroren.
Das konnte ja heiter werden, ging es ihr durch den Kopf. Es bedurfte gefühlt eine halbe Flasche Enteiser, um die Tür endlich so freizubekommen, dass sie sich öffnen ließ. Selbst im Innenraum hatten sich Eisblumen auf der Scheibe gebildet. Susan seufzte erneut. Dann startete sie den Motor, schaltete die Klimaanlage an und griff sich den Handfeger. Es dauerte noch eine ganze Weile, bis sie den Mini so weit von Schnee und Eis befreit hatte, dass sie endlich starten konnte. Blieb nur zu hoffen, dass die Straßen einigermaßen frei waren, sonst würde ihre Fahrt anstatt eine mit Sicherheit vier Stunden dauern.
Wider Erwarten kam sie schneller voran als gedacht. Gegen Mittag erreichte sie endlich Inverness und parkte vor der Uni. So kurz vor Weihnachten war der Campus menschenleer. Viele der Studenten waren mit Sicherheit zu ihren Familien gefahren, um die Feiertage mit ihnen zu verbringen. Der Professor allerdings war ein Workaholic, der sich so gut wie nie ein paar Tage Auszeit gönnte.
Wenn er mit Studien beschäftigt war, kam es sogar vor, dass er wochenlang in seinem Büro kampierte. Infolgedessen wirkte er meist schrullig und zerzaust. Aber da er eine Koryphäe auf seinem Gebiet war, konnte Susan sich keinen besseren Doktorvater für ihre Arbeit vorstellen.
Das Büro des Professors lag im Hauptgebäude. Wie sie bereits vermutet hatte, war es auch das Einzige, in dem Licht brannte. Susan eilte vom Parkplatz hinüber in das Gebäude und dort die Treppen hinauf. Am Büro des Professors angekommen, blieb sie stehen und klopfte an die Tür.
»Ja?«, ertönte daraufhin die Stimme MacRaes.
Susan öffnete die Tür und betrat den Raum. Vielmehr sie wollte den Raum betreten, was nahezu unmöglich war, denn Roger MacRae saß auf dem Boden, umringt von etlichen Folianten und Büchern, die allesamt aufgeschlagen waren und ihr somit den Weg versperrten.
Wenn sie nicht auf eines der Bücher aus Versehen treten wollte, musste sie wohl oder übel in der Türöffnung stehen bleiben.
»Kommen Sie, kommen Sie und stellen Sie das Tablett vorsichtig auf den Schreibtisch ...«, forderte der Professor sie in diesem Moment auf, dabei unterstützte er seine Worte mit einer Handbewegung, ohne sie allerdings anzusehen.
»Professor MacRae, ich ...« Jetzt sah er sie an.
»Ach, Sie sind es Susan. Ich dachte Edna wäre endlich zurückgekehrt. Sie wollte uns nur kurz etwas zu Essen besorgen.« Susan sah ihn erstaunt an. Edna war Professor MacRaes Haushälterin, die eigentlich so gut wie nie in die Uni kam. Sie war eher der gute Geist seines kleinen Cottages, das etwas außerhalb von Inverness lag.
»Edna war hier?«
»Ja, sie hilft mir, die ganzen Bücher mit nach Hause zu nehmen. Ich sortiere sie gerade.« Susan blickte auf das Chaos auf dem Boden.
Arme Edna, jetzt musste sie nicht nur bei ihm zu Hause das Chaos beseitigen, sondern ihm auch noch hier helfen
