Mit Abstand verliebt - Juli Rothmund - E-Book
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Mit Abstand verliebt E-Book

Juli Rothmund

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Beschreibung

Kann man sich verlieben, wenn man sich nicht treffen kann? Februar 2020: Hätte Jella gewusst, dass das die letzte Party war für lange Zeit, hätte sie deutlich mehr Gas gegeben. Aber verliebt hätte sie sich in Lennard, diesen Typen mit den viel zu weißen Turnschuhen, sowieso nicht, oder? Dann bringt der Lockdown alles durcheinander. Nach dem ersten Schock und ein paar Tagen allein zu Hause schreibt sie Lennard doch eine Nachricht … Hätte Lennard gewusst, dass das die letzte Party war für lange Zeit, hätte er alles ganz genauso gemacht. Diese aufgedrehte Frau mit den vielen Tattoos war ihm eh eine Spur zu crazy. Als Jella ihm schreibt, ist er erst überfordert, dann neugierig – und plötzlich stecken sie beide in einer auf allen Ebenen besonderen Situation fest. Jeder für sich. Und doch zusammen. Verlieben mit Hindernissen: Die Love Story für eine Zeit, in der alles auf dem Kopf steht und die uns klarmacht: Liebe ist systemrelevant.

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Seitenzahl: 440

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Juli Rothmund

Mit Abstand verliebt

Roman

Roman

 

 

Über dieses Buch

 

 

Jella sammelt Affären, Lennard Versicherungen. Sie findet Festanstellungen spießig, er ist Bausparer. Sie ist impulsiv, er nachdenklich. Als sich die beiden auf einer Party im Februar 2020 über den Weg laufen, treffen sich zwei wie Tag und Nacht. Doch nach dem WhatsApp-Alarm des Gastgebers sitzen alle im selben Boot: Lennard erst in Quarantäne und Home-Office, dann bei seinen anstrengenden Hippie-Eltern auf dem Land, Jella zwischen Geldsorgen und Tinder-Flaute. Aus Lockdown-Langeweile schreibt sie ihm. Bei Skype-Dinner und virtuellen Reisen erkennen sie schnell, dass sie mehr verbindet als zunächst gedacht. Aber wie kann man sich näherkommen, wenn Social Distancing angesagt ist und überall das Chaos ausbricht?

 

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Biografie

 

 

Juli Rothmund: Hinter dem Namen verbergen sich Julia Becker und Roland Rödermund. Die zwei lernten sich vor über 15 Jahren in einem Schreibseminar an der Uni kennen. Es funkte nicht sofort, dafür später umso heftiger – rein freundschaftlich, wohlgemerkt! Während des ersten Lockdowns skypten beide viel und sprachen, natürlich, auch über die Liebe. Sie fragten sich, welche Auswirkungen die extremen Veränderungen auf das Sich-Verlieben haben – und bald war die Idee zu dieser Geschichte geboren. Wie auch immer es weitergehen wird, Julia und Roland sind sich einig: Liebe ist systemrelevant!

 

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Impressum

 

 

Originalausgabe

Erschienen bei FISCHER E-Books

 

© 2021 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

 

Redaktion: Lisa Bitzer

Coverabbildung: www.buerosued.de

 

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

ISBN 978-3-10-491432-9

 

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Inhalt

[Zitat]

22 Februar 2020

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

3 März 2020

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

12 März 2020

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

14 März 2020

10. Kapitel

15 März 2020

11. Kapitel

18 März 2020

12. Kapitel

22 März 2020

13. Kapitel

25 März 2020

14. Kapitel

27 März 2020

15. Kapitel

16. Kapitel

02 April 2020

17. Kapitel

18. Kapitel

03 April 2020

19. Kapitel

05 April 2020

20. Kapitel

06 April 2020

21. Kapitel

22. Kapitel

09 April 2020

23. Kapitel

11 April 2020

24. Kapitel

12 April 2020

25. Kapitel

14 April 2020

Jellas Journey

16 April 2020

26. Kapitel

21 April 2020

27. Kapitel

23 April 2020

28. Kapitel

29. Kapitel

25 April 2020

E-Mail von Lennard

26 April 2020

30. Kapitel

01 Mai 2020

31. Kapitel

32. Kapitel

05 Mai 2020

33. Kapitel

06 Mai 2020

34. Kapitel

07 Mai 2020

35. Kapitel

36. Kapitel

08 Mai 2020

37. Kapitel

09 Mai 2020

Jellas Journey

11 Mai 2020

38. Kapitel

12 Mai 2020

39. Kapitel

13 Mai 2020

40. Kapitel

15 Mai 2020

41. Kapitel

16 Mai 2020

42. Kapitel

43. Kapitel

 21 Mai 2020

www.beyond-magazin.de

22 Mai 2020

44. Kapitel

45. Kapitel

46. Kapitel

 22 Juni 2020

47. Kapitel

From A Distance

Der Soundtrack zum Buch

TAUSEND DANK AN ALLE, OHNE DIE ES DIESES BUCH IN DIESER FORM NICHT GÄBE:

Disclaimer

Die Quellen der einzelnen Kapitel

You can’t spell virus without U and I.

22 Februar 2020

+++ Die Weltgesundheitsorganisation sieht angesichts der sich ausbreitenden Corona-Infektion noch keine »internationale Notlage« +++ Das Robert Koch-Institut schätzt die Gefahr für die Bevölkerung in Deutschland aktuell weiterhin als gering ein +++ Jella gibt ihre vierte Stunde Acro-Yoga, bei der jeweils zwei Teilnehmer in akrobatischen Yoga-Positionen Vertrauen und Balance üben – drei der Paarungen haben auch außeryogisch zueinandergefunden +++

1

Wenn Jella gewusst hätte, dass sie an diesem Abend für eine sehr lange Zeit die letzte Party feiern würde, hätte sie sich entschieden mehr ins Zeug gelegt.

Von den Entwicklungen der kommenden Monate ahnte sie allerdings nichts, als sie an diesem Samstagabend gegen einundzwanzig Uhr mit ihrer sehr schwangeren, sehr müden Freundin Gitta in einer dieser pastellfarbenen Lounge-Bars in Hamburg-Eimsbüttel über einer Rhabarberschorle einzuschlafen drohte. Mick Hucknall von Simply Red säuselte im Hintergrund »Holding Back The Years«, und um sie herum saßen ausschließlich Frauen in Zweier- oder Dreiergruppen um Tische, auf denen Cocktails in allen möglichen Farben standen. Jella wollte nur noch ins Bett. Aber sie hatte David versprochen, zu seiner Party zu kommen. Als David vor Jahren in einem Yoga-Kurs aufgetaucht war, den Jella geleitet hatte, war sie gleich hin und weg gewesen und hatte sich schlagartig in den großen schönen Mann verliebt – allerdings nur platonisch. Seitdem hatten sie unzählige Partynächte zusammen verbracht. David an seinem vierzigsten Geburtstag zu versetzen war keine Option. Das würde er ihr nicht verzeihen. Obwohl ihr in diesem Moment sehr danach zumute war, auf direktem Wege nach Hause zu gehen. Die Partys bei David wurden zwar zu später Stunde oft ziemlich wild, aber die rasend attraktiven, männlichen Gäste waren in der Regel alle schwul – oder hatten Jura studiert und passten allein deswegen nicht in Jellas Beuteschema.

Ihr Handy piepte. Es war eine Nachricht von Fee: Wann kommst du?!

»Und du bist sicher, dass du nicht mehr mitwillst? Wird bestimmt lustig«, versuchte Jella ein weiteres Mal, Gitta zu überzeugen – genauso wie sich selbst.

Aber die winkte ab. »Guck mal, wie ich aussehe! Wie eine Wassermelone im Turnbeutel.«

Jella sah erst Gitta an und dann an sich selbst herunter. »Ich hab doch auch nichts Besonderes an.«

Obwohl Jella bewusst war, dass ein Single, der einigermaßen bei Verstand war, nicht mit ausgeleierter Skinny-Jeans und Reißverschlusssweater auf einer Party erscheinen konnte, war sie nach ihrer letzten Stunde im Studio nicht mehr nach Hause gegangen, um ihr Tagesoutfit gegen etwas Partytaugliches zu tauschen.

»Du siehst sogar in den Klamotten toll aus«, sagte Gitta mit dieser fast weinerlichen Stimme, die Schwangere manchmal hatten, wenn sie bis in die Grundfesten ihrer Seele neidisch waren und glaubten, die besten Jahre wären für immer und ewig vorbei, während ihre kinderlosen Freundinnen wie von hundsgemeiner Zauberhand täglich schlanker und schöner wurden. Bei Jella schien das im Augenblick ausnahmsweise tatsächlich der Fall zu sein. Was daran lag, dass sie gerade von einer Woche Surfen an der Atlantikküste kam und Ende Februar im Gegensatz zu allen anderen in Hamburg zumindest ein wenig Farbe im Gesicht hatte. Selbst ihre dunkelblonden Haare hatten helle Strähnen vom Salzwasser und der Sonne.

Alle – inklusive Gitta – glaubten, dass Jella höchstwahrscheinlich eine reiche Tante hatte, die sie finanzierte, weil sie alle paar Wochen für eine »Auszeit« die Stadt verließ. Das entsprach aber leider nicht den Tatsachen. Jella musste jeden Euro sparen, um sich diese Freiheit zu ermöglichen, und lebte deshalb auch auf nur zwölf Quadratmetern in einer Zweck-WG in Wilhelmsburg. Ihr »Hauptberuf« als Yoga-Lehrerin brachte nicht besonders viel ein, deshalb stand sie am Wochenende auf dem Hamburger Berg hinter der Bar und servierte Astra.

Sie erinnerte sich noch genau an die Worte ihrer Eltern vor über zehn Jahren, als sie ihnen am Tag nach ihrer Abschlussprüfung verkündet hatte, den Job als Krankenschwester direkt an den Nagel zu hängen und erst einmal auf Reisen zu gehen. Die beiden waren natürlich entsetzt und taten es als Hirngespinst ab. Sie appellierten an Jellas gesunden Menschenverstand, faselten etwas vom Einzahlen in die Rentenkasse und Rücklagen für später. Doch Jella ließ sich nicht beirren, kündigte das damalige Zimmer in der WG in Hannover, kratzte ihre Ersparnisse zusammen und zog hinaus in die Welt. Ein halbes Jahr hütete sie Schafe in Neuseeland, danach jobbte sie in einem Surfhostel auf Bali, schließlich verschlug es sie über eine Backpacker-Bekannte nach Indien, wo sie in einem Aschram die Ausbildung zur Yoga-Lehrerin machte.

Als sie zurückkam und ihren Eltern mitteilte, dass sie nicht beabsichtige, in naher Zukunft wieder Urinbeutel und Nierenschalen zu entleeren, sondern als freiberufliche Yoga-Lehrerin in Hamburg Fuß fassen wolle, waren diese, milde gesagt, ratlos. Was zum einen daran lag, dass sie sich unter Yoga-Lehrerin als Beruf herzlich wenig vorstellen konnten, zum anderen daran, dass Jella ihnen nie von Erika Sander erzählt hatte. Am Ende hatten sie eingelenkt, auch weil sie wussten, dass man Jella nichts ausreden konnte. Seitdem brachte sie Menschen bei, wie man den Sonnengruß und den Herabschauenden Hund ausführte, ohne sich dabei einen Bandscheibenvorfall zuzuziehen.

Wenn sie nicht auf der Matte vorturnte, war sie unterwegs: Surf-Yoga-Camp auf Formentera, Erleuchtungsseminar in Costa Rica, Meditationstraining in Chiang Mai, dazwischen mehrere Monate in Hamburg, wo sie ihr Wissen an den Mann, na ja, häufiger an die Frau brachte und möglichst viel arbeitete, um die Reisekasse wieder aufzufüllen. Manchmal kam es auch vor, dass sie zum Arbeitsamt musste, um ihr Einkommen aufzustocken –, aber das erzählte sie ihren Eltern natürlich nicht.

Für die waren Jellas Beschäftigung als Yoga-Lehrerin und der Job hinter der Theke selbstredend keine richtige Arbeit. Außerdem fragten sie sich, wann ihre Tochter endlich damit anfing, sich ihrem Alter entsprechend zu verhalten – was auch immer das in ihren Augen zu bedeuten hatte.

Vermutlich hätte Jella für ihre Eltern einfach ein bisschen mehr wie der Rest ihres Hamburger Freundeskreises sein sollen, der es sich offenbar zur Aufgabe gemacht hatte, ein Kind nach dem anderen zu produzieren. Parallel zu jedem neuen Nachkommen wurden weitere überteuerte Möbelstücke sowie Hunderte von Lämpchen, Schlüsselbrettchen und Duftkerzchen für die immer kostspieligere Wohnung im noch schickeren Stadtteil angeschafft, um dort neu erkannte Lebensmittelintoleranzen mit Hilfe kulinarischer Kompetenzen wettzumachen. Jella hatte die meiste Zeit Mühe, sich ihre Verwunderung über diese Art von Lebensentwurf nicht anmerken zu lassen. Dabei war Zurückhaltung angesagt, denn zumindest der weibliche Teil dieser Menschen stellte ihre Kernzielgruppe dar. Sie buchten Yoga-Kurse in allen möglichen Varianten: von Luna-Yoga, das den Kinderwunsch unterstützte, bis Bikram bei vierzig Grad, um nach der Entbindung die Fettverbrennung zu befeuern (sechshundertfünfzig Kalorien pro Stunde!).

In sechs Wochen ging Jellas nächster Flug nach Sri Lanka. Drei Wochen Ayurveda-Yoga-Surf-Farm und zwei Wochen Rundtour über die Insel. Jellas persönliche Glücksformel. Währenddessen würde sie eine weitere Reportage für Take Off & Tadasana schreiben, so wie auf ihren letzten beiden Trips. Jessy, die Chefredakteurin des Surf-und-Yoga-Magazins, hatte irgendwann Jellas Reise-Blog entdeckt, der mittlerweile etwas mehr als dreitausend Besucher im Monat hatte, und beauftragte sie seitdem immer mal wieder mit einem Text. Reisen und Bloggen waren nun aber nicht gerade Themen, über die sie mit Freundinnen wie Gitta reden konnte.

Jellas Erleichterung war grenzenlos, als Gitta endlich aufbrechen wollte. Auch wenn sie diese Frau wirklich liebte, es gab tatsächlich kaum mehr etwas, für das sie sich gerade beide interessierten. Letztlich blieb als einziges Thema nur noch Schwangerschafts-Yoga. Ein Abend mit Gitta in den letzten Wochen vor der Entbindung war für Jella maximal zwei Stunden auszuhalten, spätestens dann musste sie gehen oder einen Schnaps bestellen.

»Denk dran, Gitta: Das ist nur eine Phase!«, hörte sich Jella zum Abschied sagen, und ihr fiel auf, dass sie sich nicht besonders überzeugend anhörte. Ihre Freundin war zum Glück zu müde, um das zu bemerken, und hievte sich mit einem »Jaja« auf ihr Hollandrad. Jella winkte ihr hinterher und lief dann in die entgegengesetzte Richtung. Davids Party fand nur ein paar Straßen weiter statt. Dort würde sie den jetzt dringend benötigten Alkohol bekommen.

2

Schon im Treppenhaus schallte ihr »Dangerous« von Roxette entgegen. Die Vorstellung, dass der Gastgeber bereits ordentlich angetüddelt mit einer Federboa um den Hals über die Tanzfläche mäanderte, ließ Jella zufrieden lächeln. Gut, dass sie sich noch aufgerafft hatte.

Im Flur hing goldenes Lametta von der Decke, und die Gäste standen dicht gedrängt. Einige von Davids Freunden in glitzernden Fummeln tanzten – skeptisch beäugt von einem guten Dutzend Partygästen in Anzügen und Etuikleidern. Davids Kollegen aus der Kanzlei wirkten genauso deplatziert an diesem Ort, wie sie sich vermutlich fühlten. Der Gastgeber selbst war schillernder Mittelpunkt der Feier und hielt beide Welten auf eine bemerkenswerte Weise zusammen. Im Alltag sah er zwar überdurchschnittlich gut, aber ansonsten nicht weiter auffällig aus in seinen auf den Leib geschneiderten Dreiteilern. Doch am Wochenende schmiss er sich in eine ganz andere Art von Outfit. Heute trug er zur Feier des Tages ein pfirsichfarbenes Kleid mit Rüschen, während seine Lippen im leicht funkelnden graublonden Barthaar roséfarben glänzten. Er quiekte bei Jellas Anblick und zog sie sofort zur »Bar«. Ein großes Wort für den einfachen Küchentisch, hinter dem sich Raúl postiert hatte und Longdrinks mixte. Der Kubaner hatte die schwarze Mähne zu einem Dutt auf dem Oberkopf gebunden und trug ein offen stehendes Hawaiihemd, das seine dichte Brustbehaarung in Szene setzte. Immer, wenn Jella und Raúl sich sahen, flirteten sie ausgiebig. Auch wenn nie etwas passiert war, weil natürlich auch er kein ausgeprägtes sexuelles Interesse am weiblichen Geschlecht hatte.

»¡Hola, guapa!«, raunte er ihr zu und zwinkerte.

Sie begrüßte ihn mit Küsschen auf die Wangen und sah dabei zu, wie er ein kleines Cocktailglas aus Davids antiker Sammlung zu drei Vierteln mit Club-Mate befüllte und es anschließend bis zum Rand mit Helbing-Kümmelschnaps aufgoss.

»Was zur Hölle ist das?«, fragte Jella entgeistert.

»Gutes Stichwort«, antwortete Raúl und klimperte mit den Wimpern. »Meine neueste Kreation: Hellmate. ¡Salud!«

Jella stieß mit ihm an und prostete David von weitem zu, der schon wieder weitergeflattert war und am anderen Ende des Raumes an irgendeinem Typen herumbaggerte.

In diesem Moment spürte sie zwei warme Hände, die sich von hinten um ihre Hüften legten. Das konnte nur Fee sein. Jella drehte sich lächelnd um und umarmte ihre Freundin.

»Pass bloß auf, das Zeug macht blind«, stellte Fee mit Blick auf das Glas in Jellas Hand fest. »Deswegen hol ich mir auch noch einen.« Sie grinste, als Raúl ihr den Höllencocktail in die Hand drückte, prostete Jella zu und kippte die Hälfte des Getränks in einem Zug in sich hinein. Danach schüttelte sie sich. »Lecker. Wo warst du so lange?«

»Ich hab mich mit Gitta getroffen. Sie kriegt bald ihr Kind, aber mit den Nerven runter ist sie jetzt schon.«

Fee schüttelte den Kopf. »Wärst du mal besser gleich hergekommen. Dann hätten wir denselben Pegel.« Sie strich sich grinsend eine rote Strähne aus dem Gesicht. Ihre vollen Wangen glühten. Fee war mit ihrem Norwegerpulli noch unpassender angezogen als Jella. Aber Jella kannte keinen Menschen, dem es so absolut gleichgültig war, was andere über ihn dachten. Fee machte aus nichts ein Geheimnis und nie viel Getue. Ihr war ihre Kleidergröße egal. Mode war für sie Zeitverschwendung. Sie war handfest, praktisch und geradeheraus. Eine Frau, die anpackte. Wenn sie einen Mann gut fand, verlor sie keine Zeit, sagte es ihm auf den Kopf zu und fragte anschließend, ob er mit ihr ein Bier trinken wolle. So machte sich Fee das Leben leicht, denn für sie musste mehr stimmen als die Chemie. Sie hatte zwei lange Beziehungen gehabt und wartete nun auf den Mann, mit dem sie ihre vier bis fünf Kinder bekommen konnte. Dieser wollte ordentlich ausgesucht sein – aber nicht auf dieser Party.

»Tanzen?« Fee stellte das mittlerweile geleerte Glas auf der Bar ab und machte eine Kopfbewegung Richtung Wohnzimmer. Dann zog sie sich den Pullover über den Kopf. Ihr Daisy-Duck-T-Shirt war ein bisschen knapp, so dass der Bauchspeck und die kräftigen Oberarme zu sehen waren.

»Später. Ich brauche noch ein paar Hellmates, um dich einzuholen«, erwiderte Jella und prostete Fee zu.

Sie beobachtete ihre Freundin, die sich zwischen die Tanzenden drückte und die Arme begeistert in die Höhe riss. Fee war wirklich einmalig. Und schön. Auf eine so natürliche, unverstellte Art.

Jella lehnte sich in den Türrahmen und scannte die anwesenden Männer. Der schöne Markus mit den sinnlichen Lippen (der sie, nach ein paar Himbeergeist zu viel, mal versehentlich geküsst hatte), der heiße Till aus Davids Trashpopband und Lionel, der irre hübsche Franzose – alle nicht die Bohne an Frauen interessiert. Zumindest nicht sexuell. Daneben stand dieser lustige Typ mit dem Bart und den zotteligen, sehr dunklen Haaren, den Jella von einer anderen Feier bei David kannte – wahrscheinlich hetero, aber, wie sie sich zu erinnern meinte, schon sehr vergeben.

Dann blieben ihre Augen an einem schwarzen Basecap direkt neben dem Bärtigen hängen. Der Typ schaute zu Boden, so dass sein Gesicht nicht zu sehen war. Jellas Blick wanderte automatisch an ihm herunter. Er hatte eine schmale schwarze Hose mit hochgekrempeltem Saum und etwas zu weiße Turnschuhe an. Derart weiße Turnschuhe trugen nur Menschen, die etwa vierundzwanzig Paar im Schrank hatten und jedes höchstens einmal im Quartal zum Spaziergang ausführten. Oder Spießer aus Eppendorf, die jeden Sonntag ihre Schuhe putzten. Sie sah diese aalglatten Typen geradezu vor sich, die ihre Luxustreter mit vier verschiedenen Rosshaarbürstchen, zweistufigen Cremeschwämmchen und dreierlei Schuhcremes im Glastiegel aus dem siebzehnteiligen 499-Euro-Schuhputzset in der Rosenholzoptikbox behandelten. Sie verstand den Sinn einfach nicht. Weiße Turnschuhe schrien danach, vom Leben gezeichnet zu werden. Jella grinste bei der Vorstellung, wie Mister Käppi die Schuhe am nächsten Tag auf Getränkereste und Glitzerpartikel untersuchen würde.

Sie stieß sich vom Türrahmen ab und ließ sich durch die Räume treiben, bis sie beim Tischkicker ankam, den David in seinem »Spielzimmer« aufgestellt hatte. Als Anwalt verdiente er so viel Geld, dass er offenbar nicht wusste, wie er es schnell genug wieder ausgeben sollte. Deswegen wohnte er allein in einer Fünfzimmeraltbauwohnung und verfügte über einen begehbaren Kleiderschrank (bei der Auswahl an schrillen Fetzen und maßgeschneiderten Anzügen nicht nur verständlich, sondern auch schlichtweg notwendig) und einen Raum, in dem er alles unterbrachte, was Spaß und Zerstreuung bot: einen Flipperautomaten in der Ecke, eine riesige Couch mit noch größerem Fernseher an der Wand gegenüber und besagten Tischkicker.

Jella beobachtete das laufende Match bis zum Ende und fand sich kurz darauf selbst an den Stangen wieder. Während ihrer Ausbildung war sie einige Monate nach Feierabend fast täglich in die Kneipe neben der Klinik gegangen und hatte dort bei einem Pflegerkollegen eine erstklassige Kickerlehre absolviert. Bis der Kollege durchgehend verloren und schließlich aufgegeben hatte.

Auch heute Abend zog sie einen Gegner nach dem anderen ab, am Ende sogar zwei der Anzugträger, die es tatsächlich gemeinsam mit ihr hatten aufnehmen wollen. Aber selbst mit doppeltem Einsatz waren sie chancenlos, und Jella freute sich wie ein Kind über ihren Lauf. Als sie schließlich den letzten Ball im Tor der beiden Anwälte versenkte, richtete sie sich auf, stemmte die Hände in die Hüften und fragte über die laute Musik hinweg: »Und? Noch jemand Lust?«

Sie drehte den Kopf – und sah direkt in das Gesicht des Bärtigen von eben.

»Bist du dir sicher, dass du die Niederlage verkraftest?«, fragte er mit einem breiten Grinsen.

Jella legte den Kopf schief. »Ich suche eigentlich Gegner, keine Opfer.«

Der Typ lachte laut und stellte sich auf die gegenüberliegende Seite des Kickers. Er sah ein bisschen aus wie ein südländischer Bjarne Mädel und hatte genauso freche Augen wie der Schauspieler. »Ich bin übrigens Mehmet. Aber mich nennen alle Memo«, sagte er und zeigte dann neben sich auf den Basecap-Träger, der offenbar immer in seiner Nähe blieb. »Das ist Lennard.«

»Jella. Freut mich«, antwortete sie, die Hände bereits fest um die beiden Griffe des Tischkickers gelegt, und nickte dem Schuhfetischisten zu. Interessant, er trug zu den weißen Turnschuhen auch noch eine Hornbrille. Da lebte jemand das Klischee.

Er stellte sich an die Seite des Zählwerks und hielt den Blick starr auf seinen Kumpel gerichtet. Okay, es handelte sich allem Anschein nach um einen Mann der Gattung »Shy Guy«. Er konnte ihr nicht mal in die Augen blicken. Jella warf den Ball aufs Spielfeld.

»Was denkst du eigentlich über das Corona-Virus?«, fragte der Schüchterne seinen Begleiter. Offenbar hatte er beschlossen, Jella einfach zu ignorieren. »Angeblich hat es sich ja von einem Tiermarkt in Wuhan verbreitet. Ich hoffe, das schwappt nicht zu uns rüber.«

»Dafür haben die doch diese Mauer«, mischte sich Jella ungefragt ein und biss sich gleich darauf auf die Lippe. Der Witz war ziemlich flach. O Mann, warum fing sie auch immer an zu reden, bevor sie zu Ende gedacht hatte?

»Was hast du gesagt?« Memo schaute sie fragend an.

Jella winkte ab und guckte in Lennards Richtung, der sie mit einer hochgezogenen Augenbraue skeptisch musterte. Sie lächelte ihm zu. Aber er schaute bereits wieder weg und schüttelte abschätzig den Kopf. Der Typ dachte sicher, sie wäre geistig nicht ganz auf der Höhe.

»Mist!«, rief Memo in diesem Moment laut und drehte, allerdings viel zu spät, an seiner Abwehrriege. Schon hatte Jella den ersten Ball eingelocht.

Lennard streckte die Hand nach Jellas erstem Punkt aus, aber sie kam ihm zuvor und schnippte die Ziffer nach links.

Jetzt schaute er nach oben. Aber als sie sich zu ihm drehte, wandte er den Blick sofort wieder ab. Foap! Memo hatte ein Tor geschossen und ballte die Hand zur Becker-Faust. Das hatte sie davon, wenn sie sich ablenken ließ.

Lennard schob Memos Eins zur Seite und räusperte sich. »Will noch jemand was trinken?«, wollte er wissen und sah dabei immerhin auch in Jellas Richtung.

Sie nickte. »Klar. Einen Hellmate, bitte.«

»Ich passe«, antwortete Memo. »Ich will nicht wie Ole enden.«

»Was ist mit Ole passiert?«, fragte Jella und machte ein weiteres Tor, was Memo mit einem genervten Gesichtsausdruck kommentierte.

»Der hat sich im Suff auf der Reeperbahn tätowieren lassen«, erklärte er und fluchte gleich darauf laut, weil Jella einen Schuss aufs Tor präzise abgewehrt hatte. Fallrückzieher, gleich danach schoss sie ihr nächstes Tor. Memo hatte keine Chance.

»Ach ja, was denn?«, fragte Lennard und machte keine Anstalten, sich zur Bar zu bewegen – oder seinen Kumpel dabei zu unterstützen, die kommende Niederlage abzuwenden.

»Einen Anker«, erwiderte Memo.

Lennard schüttelte wieder den Kopf. »O Gott! Diese ganze Seefahrerromantik. Ich versteh’s einfach nicht. Woher kommt eigentlich diese Affinität zu maritimen Motiven bei Menschen, die noch nie in ihrem Leben ein Schiff betreten haben? Doch nicht nur, weil sie in Hamburg wohnen.«

Jella lochte ein weiteres Tor ein und holte sich bereits das vier zu eins.

»Nee«, erwiderte Memo stöhnend und dehnte die Armmuskeln. »Dann hättest du auch ’ne Barkasse auf dem Oberarm.«

»Das wird niemals passieren«, rief Lennard sofort. »Dann bin ich ja auch so eine Ahoi-Marie.«

»Was ist denn eine Ahoi-Marie?«, wollte sie wissen.

Lennard sah sie kurz an. »So nennen wir immer Leute mit Anker-Tatoos.«

Jella unterdrückte ein Lachen. Ob der Typ am Ende sogar witzig war? Womöglich versteckte er den lockeren Kern hinter einer dicken Mauer aus Spießertum.

»Halt dich ran«, nickte sie Memo zu. »Ich will dich besiegen, nicht demütigen.«

Er beugte sich über die Griffe und konzentrierte sich wieder, während Jella den Ball erneut aufs Spielfeld warf.

Lennard hingegen machte einfach weiter im Text. Er redete sich richtiggehend in Rage, soweit das bei dieser Art von Mann überhaupt möglich war.

»Mal im Ernst. Hast du schon mal einen Menschen mit achtzig gesehen, der ein schönes Tattoo hat? Und einen anständigen Job kriegt doch auch keiner mit vollbemalten Ankerarmen.«

»Vielleicht will ja auch nicht jeder so einen anständigen Job«, mischte sich Jella ein weiteres Mal ein und ließ mit einem kräftigen Stoß eine Spielerreihe einmal um die eigene Achse drehen. Dieser Lennard klang genau wie ihre Eltern. Vielleicht sollte sie ihn mal mit nach Hause bringen, dann konnten sie sich mit jemandem auf Augenhöhe über die Relevanz von Bausparverträgen austauschen.

Lennard wandte sich tatsächlich ein winziges Stück in ihre Richtung. »Ach ja?«, fragte er, die Augen auf das Spielfeld gerichtet, auf dem der Ball hin und her schoss.

»Tattoos sind Geschmackssache«, fügte Memo diplomatisch an.

»Genau wie weiße Turnschuhe.« Jella grinste frech.

Lennard wirkte entrüstet und blickte ihr für eine Sekunde ins Gesicht. Sie sah seine Augen, die blitzten. Waren sie grün?

»Das ist ja wohl nicht dasselbe«, ätzte er. »Mir kämen Tätowierungen auf jeden Fall nicht auf die Haut. Vor allem keine Schiffe, Anker oder sonstiger Quatsch.«

Jella schnaufte. Sie schoss ein weiteres Tor, dann hielt sie inne, hob die Hand und bedeutete Memo, dass sie eine kurze Pause brauchte.

Beide sahen sie an.

Sie zog langsam ihre Sweatjacke aus, darunter trug sie nur ein Trägertop. Die unzähligen Tattoos auf ihren Armen wurden sichtbar. Sie griff zum Zähler und schob die nächste Ziffer zur Seite. Dabei drehte sie den linken Unterarm so zu Lennard, dass er das großflächige Bild einer Meerjungfrau sehen musste, die einen Hai umarmte. Eines ihrer neusten Kunstwerke.

»Einen Anker habe ich mir noch nicht stechen lassen«, sagte sie und grinste Lennard an. Insgeheim freute sie sich, dass ihr Kommentar über die Chinesische Mauer damit definitiv vom Tisch war. »Aber ein schöner Neunmaster über der Brust ist ’ne super Idee. Danke für die Inspiration!«

3

In diesem Moment sah der Kappentyp Jella das erste Mal in die Augen. Er stand unter einer der wenigen Leuchtfadenglühbirnen, die im Raum von der Decke hingen. In diesem Licht erkannte sie, dass seine Augen tatsächlich strahlend grün waren. Und die rechte Iris hatte einen winzigen hellbraunen Fleck.

Dann schaute er sofort wieder weg. War er gerade rot geworden?

Memo lachte schallend. »Treffer, versenkt, Alter! Genieß dein Bad im Fettnapf.«

»Ich glaube, da muss einer endlich ’ne Runde ausgeben.« Jella lachte.

Lennard drehte sich um und verschwand ohne ein weiteres Wort.

Triumphierend holte sich Jella die letzten Tore, gab Memo die Hand und schlenderte durch die Wohnung. Sie dachte an diese grünen Augen. Aber wie verklemmt der Typ war, unglaublich!

Im Esszimmer spielten einige der Anwälte »Prosecco-Pong«, die Edelvariante von Bier-Pong mit Plastikcocktailgläsern und einem pinkfarbenen glitzernden Ball. Sie hatten die Sakkos ausgezogen und ordentlich über die Stuhllehnen gehängt. Im Hintergrund tanzte David, der einen Outfitwechsel vollzogen hatte, im lilafarbenen Negligé auf perlenbesetzten High Heels, und der heiße Till sang Cindy Lauper mit der Karaoke-Maschine. Fee war nirgends zu sehen.

Raúl stellte sich neben Jella. »Siehst du den Typen dahinten? Mit dem Streifenshirt?« Er nickte in Richtung der Tanzfläche.

Sie machte einen langen Hals.

»Hat mich letzte Woche sitzen lassen. Nach drei Wochen wie im Himmel! Caramba, diese Typen wissen einfach nicht, was sie wollen.« Er legte den Arm um sie. »Warum stehe ich nicht auf Frauen? Du wärst genau meine … wie sagt man? Hosenweite?«

Jella brach in Lachen aus, und Raúl ging zurück in die Küche, um noch ein paar Höllencocktails zu mixen. Sie sah den Anwälten im Nebenraum durch die offene Schiebetür dabei zu, wie sie den Tischtennisball konsequent am Glas vorbeiwarfen und sich darüber vor Lachen ausschütteten.

Dann stand Fee plötzlich neben ihr. »Hast du auch so einen Hunger?«, fragte sie und lief auf das Buffet an der gegenüberliegenden Wand zu. »A richtige Brotzait. Wia dahoam.«

Jella schmunzelte. Manchmal, vor allem dann, wenn ihre Freundin einen über den Durst getrunken hatte, kam Fees Bayrisch durch. Das verstand in Hamburg natürlich kaum jemand, aber Jella kannte Fee seit der dritten Klasse und hatte es inzwischen gelernt.

Jella ließ den Blick über das Buffet schweifen, schmierte sich dann Leberwurst auf einen dicken Kanten Roggenbrot und schob ihn sich zusammen mit einer Gewürzgurke in den Mund.

»Und? Schon jemanden getroffen, der an Frauen interessiert und kein Anwalt ist?«, fragte sie mit vollem Mund.

Fee, die gerade von einem Stück Brie abbiss, schüttelte den Kopf. »Vergiss es. Hier lernen wir den Mann unseres Lebens net kennen. Vorhin hab ich mich mit einem unterhalten, der mir eine Rechtsschutzversicherung schmackhaft machen wollte.« Sie kicherte. »Als ob ich im Kuschel-Institut jemanden verletzen könnte.«

Jella musste an Lennard denken. Der war doch bestimmt versichert bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag. »Trug er zufällig eine schwarze Kappe?«, fragte sie.

Fees Augen funkelten. »Nee. Wieso?«

»Ach. Nicht so wichtig.« Jella schmierte sich einen Löffel Dip auf eine Scheibe Baguette und steckte sie sich in den Mund. Es schmeckte extrem salzig (vielleicht Gorgonzola?), weshalb sie großzügig mit Hellmate nachspülte und sich die Finger an einer Serviette abputzte.

Fee stupste sie an. »Sag schon!«

Anstatt zu antworten, biss Jella in eine Tomate. Der Saft spritzte gerade in hohem Bogen über das Buffet, als Lennard unter dem Tisch hervorkroch. Sie hielt im Kauen inne. Was machte er auf dem Boden? Hatte er mitbekommen, dass sie über ihn gesprochen hatte?

Fee blinzelte. »Oh. Diese schwarze Kappe meinst du.«

Jella zerfiel die Tomate in der Hand, und sie stopfte sich den Rest der Frucht in den Mund. Ein bisschen Tomatensaft tropfte auf Lennard. »’tschuldige«, sagte sie kaum hörbar und verstärkte dabei das Tropfen, was Lennard dazu brachte, sich zu erheben und entnervt über die Schulter zu wischen.

Jella nahm ihre Serviette und wischte nach. Dabei verteilte sie zu allem Überfluss Gorgonzoladip auf dem schwarzen Herrenhemd.

»Lass gut sein«, sagte Lennard und drehte ruckartig die Schulter weg. Er begutachtete die weißlich zähe Schmiere.

»Immerhin, die schönen weißen Turnschuhe sind sauber geblieben«, sagte Jella und lächelte mit aufeinandergebissenen Zähnen, in dem Versuch, zu retten, was zu retten war.

Wenn er auch nur ein bisschen Humor hätte, würde er jetzt lachen, dachte sie. Doch Lennard lachte nicht. Er stapfte mitsamt einer Lautsprecherbox und hinterherwehendem Kabelwirrwarr davon. Seltsamer Typ. Und trotzdem irgendwie niedlich.

Fee gluckste. »Das lief ja hervorragend. Gehen wir noch mal tanzen und schnappen uns einen neuen Rechtsbeistand, oder ziehen wir weiter?«

Einige der mittlerweile angeheiterten Anzugträger standen herum und zuckten arhythmisch. Wie Jella die aktuelle Lage einschätzte, gab es für sie auf dieser Party nicht viel Absturzpotenzial. Sie erwischte sich bei einem plötzlichen Bedauern, diesen Lennard offenbar in die Flucht geschlagen zu haben. Oder gab es noch eine Chance? Er war zweifelsohne sonderbar, aber auch ein bisschen spannend. Vor allem der Blick aus diesen unfassbar grünen Augen …

»Wir bleiben hier. Und ich hol mir noch was zu trinken.«

Jella ging in die Küche, ließ sich einen weiteren Hellmate mixen und schob sich durch den Flur zurück ins Wohnzimmer. Dort entdeckte sie Fee erneut auf der Tanzfläche, umringt von Davids Freunden, die um sie herumsprangen und laut den gerade laufenden Dancefloor-Klassiker mitjohlten: »Shut up and sleep with me …! Shut up …!«

Plötzlich hörte sie hinter sich einen spitzen Schrei. Sie drehte sich um und sah, dass sich im Flur eine Traube gebildet hatte. Als sie näher kam, entdeckte sie in der Mitte zwei der Anzugträger. Einer stand leicht nach vorn gekrümmt da und hielt sich eine Hand auf das rechte Auge. Sein Gesicht und das rosafarbene Hemd waren voller Blut. Hatten die zwei sich geprügelt? Nein, der andere stand wie gelähmt daneben und wirkte, als hätte er gar nichts mitbekommen. Auch die Umstehenden starrten nur reglos auf das blutverschmierte Gesicht des Anwalts. Eine Frau im hellgrauen Etuikleid wandte sich ab und rief hysterisch: »O Gott, ist das eklig!«

Jella schob sich zwischen den tatenlosen Schaulustigen hindurch. Sie packte den Verletzten an der Schulter. »Kannst du mich hören?«

Er brummte.

»Okay. Ich bin Jella. Wie heißt du?«

Es kam nur ein kurzer Laut aus seinem Mund, den Jella als »Tim« identifizierte.

»Also, ich schaue mir das jetzt an, Tim. Bitte mal Kopf leicht nach hinten legen.«

Der Anwalt nahm ganz langsam die Hand vom Auge. Es blutete offensichtlich heftig aus seiner Braue, und er drückte die Hand sofort wieder auf die Stelle. Einige Leute stöhnten auf und drehten sich ebenfalls weg.

»Ja, Augenbraue ist fies«, sagte Jella, die in diesem Moment gefühlt wieder vollkommen nüchtern war. »Das blutet sehr. Sieht aber aus, als müsste es nicht genäht werden.« Sie zog eine Packung Taschentücher aus der hinteren Hosentasche, nahm eines heraus und drückte es dem jungen Mann in die freie Hand. »Bitte damit fest auf die Wunde drücken!«

Er tat, was sie ihm sagte.

»Du hast Glück, ich hab Steristripes dabei. Für alle Fälle.« Sie öffnete den Reißverschluss ihrer Bauchtasche, zog ein kleines rotes Plastiketui hervor und entnahm diesem ein Alutütchen und drei winzige weiße Streifen. »So, jetzt bitte die Hand wegnehmen.« Jella öffnete das Tütchen mit den Zähnen, zog ein Desinfektionstuch heraus und wischte damit vorsichtig, aber ohne Zögern über die Haut an den Wundrändern. Dann klebte sie einen Pflasterstreifen nach dem anderen über die klaffende Wunde, die sich dadurch schloss.

Jella drehte sich um und erblickte Fee. »Liebes, ruf ein Taxi. Das sollte sich trotzdem ein Arzt ansehen.«

Tim winkte ab. »Nein, ich will nicht in die Klinik.«

Jella fasste ihn wieder an der Schulter. »Muss aber leider sein. Sonst riskierst du, dass das eine richtig unschöne Narbe wird. Oder willst du wie Jack Sparrow aussehen?«

Tim wimmerte leise.

»Keine Angst. Ich fahre mit.« Jella sah sich um und schaute in viele große Augen. »Kann mir mal jemand meine Jacke bringen?«

Niemand regte sich. Außer Fee natürlich, die sofort losmarschierte, um Jellas Jacke zu holen.

In diesem Moment schien der andere Anzugträger aus der Starre zu erwachen. »Ich fahre mit. Ich bin schließlich schuld, beziehungsweise meine Bierflasche. Die hab ich ihm aus Versehen ans Auge gehauen.«

Jella nickte und ging zur Toilette, um sich die Hände zu waschen. Kurz darauf klingelte es an der Tür, und als sie das Badezimmer wieder verließ, gingen Tim und sein Freund gerade zur Tür raus. Jella sah den Flur entlang und erblickte das schwarze Cap zwischen den Köpfen der Partygäste, die sich allmählich wieder zerstreuten. Er lehnte neben Memo an der Wand.

Fee sprang auf sie zu. »Meine Lieblingskrankenschwester! Du bist die Heldin des Abends.« Sie riss Jellas rechten Arm nach oben. »Die Frau ohne Furcht, aber mit sterilen Pflastern. Jella MacGyver!« Sie sprach mit tiefer Stimme und voller Inbrunst. »Sie rettet jeden verletzten Mann und tötet zur Not auch den Drachen.«

Jella lachte. Dann blickte sie kurz wieder zu Lennard. Der sah sie in diesem Moment direkt an und lächelte. Wow! Ihr kleiner Rettungseinsatz hatte ihn wohl beeindruckt. Mann, war der hübsch, wenn er nicht so griesgrämig schaute. Den schnappte sie sich jetzt.

Sie zwinkerte Fee zu, die sofort verstand. Dann schlenderte Jella langsam auf die beiden Jungs zu. »Na, ihr zwei? Und wie geht’s? Geht ihr heute zusammen nach Hause, oder wie sieht’s aus?«

Memo lachte laut. »Nein, wir kennen uns einfach schon zu lange, das ist nicht mehr spannend«, antwortete er. »Ich geh gleich heim, muss mich morgen früh um die Kinder kümmern.«

Jella schaute erwartungsvoll zu Lennard. »Und du?«

Er wollte gerade antworten, hielt aber plötzlich inne und zog sein Handy aus der Tasche. Nach einem kurzen Blick aufs Display murmelte er: »Bin noch verabredet.«

Jella traute ihren Ohren nicht. »Waaas?«, rief sie etwas zu laut. Das konnte doch nur irgendeine Tinder-Schnecke sein, die sich in der langen, kalten Februarnacht Gesellschaft unter der Bettdecke wünschte. Das hätte sie diesem Lennard niemals zugetraut.

Die Jungs zogen sich die Jacken an. »Bis bald«, rief Memo. Einen Wimpernschlag später waren sie weg.

»Unfassbar«, beschwerte sich Jella bei der geschlossenen Eingangstür.

3 März 2020

+++ Hygiene-Expertin Prof. Dr. Petra Gastmeier empfiehlt, in die Armbeuge zu niesen, sich gründlich die Hände zu waschen und keine Hände zu schütteln +++ Der Corona-Podcast von NDR Info mit Christian Drosten, Leiter der Virologie in der Berliner Charité, startet +++ Lennard hat zwölf wetterbeständige Reflektorspeichensticks an seinem Rennrad installiert +++

4

Vier Stunden. Oder waren es schon fünf? Nicht schlecht, dachte Lennard und lächelte in sich hinein. Gerade war ihm eingefallen, dass er den ganzen Vormittag nicht ein einziges Mal auf sein Smartphone geschaut hatte. Er versuchte neuerdings, sich weniger davon ablenken zu lassen. Gut, es hatte ihn ein bisschen in den Fingern gekribbelt, seine Schrittzähler-App zu checken. Und er wollte Memo noch schreiben, wann sie laufen gingen. Aber erst später. Gerade genoss er die Mittagspause als handyfreie Zone.

Statt sie dienstags wie so oft bei einer Fitnessbowl in seiner Lieblingssalatbar zu verbringen, hatte er sich heute für eine Erledigung entschieden. Obwohl die ersten zaghaften Sonnenstrahlen Anfang März durchaus auch dazu eingeladen hätten, sich mit einem Lunch-to-go auf eine Bank in die Grünanlagen von Planten un Blomen zu setzen. Hol ich mir halt später ein Brötchen, dachte er – und fand sich für seinen Einfall ein kleines bisschen verwegen. Von wegen, er konnte nicht spontan sein. Er brauchte nur genug Zeit, um sich darauf vorzubereiten.

Außerdem freute er sich, gleich seine Hemden aus der Reinigung zu holen. Das gehörte für Lennard zu den Dingen, die ihm ein heimliches Vergnügen bereiteten. Und der Arbeitstag bis hierher war, charmant gesagt, äußerst bescheiden gewesen. Also auf zu Runge + May. Das war ein seit 1952 familiengeführter, mehrfach ausgezeichneter und längst auf umweltfreundliche Verfahren der Textilreinigung setzender Meisterbetrieb, wie Lennard damals auf der Suche nach seiner zukünftigen Stammreinigung recherchiert hatte. Es war jedes Mal wie ein kleines Wunder: Man brachte etwas Verdrecktes, und bekam es kurz darauf sehr sauber und aufgebügelt zurück. Toll, oder? Und so effizient! Im Gegensatz zu Ämtern oder Supermärkten musste man sich in der Reinigung nie unnötig lange aufhalten. Und selbst wenn, es hätte Lennard vermutlich nur ein bisschen gestört. Ein kleiner, sauberer Raum, in dem die Welt noch in Ordnung war.

Frau Runge war einer von den Menschen, die er zumindest geringfügig vermissen würde, sollte er jemals aus Hamburg wegziehen. Spätestens, wenn sie ihr langgezogenes »Hallooo, Herr Vogel!« über die Ladentheke und durch den feuchtwarmen Laden flötete, pegelte Lennards Laune unwillkürlich ein paar Grad nach oben. So auch heute. Nachdem er sein mattgoldenes Retrorennrad an die Laterne vor dem Geschäft gelehnt und abgeschlossen hatte, kam er sofort dran.

»Ach, Herr Vogel. Wie schön, Sie mal wieder zu sehen«, zwitscherte sie. Er schätzte sie auf Ende fünfzig.

Lennard begrüßte Frau Runge. »Wie war es denn auf Lanzarote? Konnten Sie ein bisschen abschalten?«

Sie winkte ab. »Sie sind immer so aufmerksam. Also, wenn meine Chrissie nicht schon vergeben wäre, ich würde Sie einfach einpacken und mit nach Hause nehmen.« Sie beugte sich nach vorn. »Und wenn ich selbst etwas jünger wäre …«

Lennard lächelte etwas beschämt. »Frau Runge«, entgegnete er verlegen. »Lassen Sie das bloß nicht Ihren Mann hören.«

Sie lachte laut. Er überreichte ihr den Abholschein, und sie marschierte nach hinten. Kurz darauf kam sie mit drei knisternden Folien in der Hand zurück.

»So, bitte sehr, die Hemden«, sagte Frau Runge und drückte Lennard die Drahtbügel in die Hand.

Es durchzuckte Lennard kurz, als er daran dachte, wie der Fleck entstanden war. Gorgonzoladip. Bäh. Dann fiel ihm die Nachricht von Claire ein, die den bis dahin gelungenen Abend schlagartig beendet hatte: Kannst du schnell zu mir kommen? Otis erbricht sich seit Stunden.

Bis in die frühen Morgenstunden hatten Lennard und Claire mit Otis auf dem Sofa gesessen und ihm den Kopf gestreichelt. Der Sonntag danach war dementsprechend tödlich gewesen, denn selbst wenn Lennard nicht allzu viel getrunken hatte: Sein siebenunddreißigjähriger Körper verzieh immer seltener den Schlafentzug.

Frau Runge lachte schelmisch. »Alles gut gegangen. Wir waren wie immer vorsichtig, das ist ja ein ganz sensibles Stöffchen.«

Das Hemd sah sicher aus wie neu, und natürlich wusste Lennard, dass sich die Mitarbeiter seiner Lieblingsreinigung nicht weiter fragten, was genau den weißen Fleck auf dem Baumwollhemd verursacht haben könnte. Wenn man in zweiter oder dritter Generation meisterlich eine Textilreinigung führte, konnte man sicher unterscheiden, um was für eine Soße es sich bei einem milchig weißen Fleck handelte. Oder? Die Vorstellung, dass Frau Runge ihre diskrete, Service orientierte Art hinter den Kulissen ablegte und sich ausmalte, wie ihr Stammkunde Lennard Vogel in seiner Freizeit womöglich Geht-sofort-los-Orgien besuchte, machte ihn aber auch ein bisschen stolz. Er wusste ja, dass er im Grunde der totale Klosterschüler war.

»Manchmal ist dieser Taubendreck wirklich hartnäckig«, sagte sie kopfschüttelnd. »Aber das bringt Glück, Herr Vogel!«

Er musste an die Party denken. Wie er erfolglos versucht hatte, einen der Lautsprecher zu reparieren. Wie besoffen die meisten der Anwesenden gewesen waren, und wie gnadenlos sein eigener Kopf am nächsten Morgen von diesem einen Drink geschmerzt hatte. Was war das gleich gewesen? Kümmerling mit Ginger Ale?

Immerhin war die Party besser gewesen, als den Abend zu Hause auf der Couch zu verbringen. Lennard kannte David über Memo und nicht wirklich gut. Und auch, wenn der Anwalt ihm zwei, drei Nuancen zu laut war: Feiern konnte man mit ihm. Sofern Lennard danach zumute war. Zuletzt waren sie vor einem Jahr mit einem Rudel Kreuzfahrtanimateurinnen auf Landgang (und in voller Fahrt) in der Korallbar und später irgendwo auf dem Kiez abgestürzt, aber die genauen Zusammenhänge wusste Lennard nicht mehr. Er hatte damals Liebeskummer wegen Claire gehabt – oder das, was er dafür gehalten hatte.

Lennard schüttelte leicht den Kopf. Wie hieß noch mal die Tätowierte, vor der er sich so blamiert hatte? Julia? Nein, es war außergewöhnlicher gewesen. Jill? Wie Memo auf Partys immer zielsicher solche Frauen auftat. Unattraktiv war sie ja nicht gewesen, aber wirklich nicht nach seinem Geschmack, so angemalt von oben bis unten.

Janina? Vielleicht hieß sie Janina …

War er zu harsch zu ihr gewesen, als sie ihm den Dip auf das Hemd geschmiert hatte? Lennard konnte sich selbst nicht leiden, wenn er sich nicht unter Kontrolle hatte und unfreundlich wurde. Er mochte zwar Menschen nicht besonders gern (oder besser gesagt: nicht viele und erst recht nicht in Partysituationen), aber er verzieh es sich selten, wenn er das offen zeigte. Lieber verbarg er seine misanthropischen Gedanken und hielt es wie die Queen: lächeln und winken. Der Fleck auf dem Hemd hatte diese Haltung allerdings auf eine harte Probe gestellt. Von ihren Witzen in seine Richtung mal ganz abgesehen.

Jessica? Jesta? Irgendwas mit J jedenfalls. Oder Milla? Hm.

Er schaute auf seine Sneaker runter. Schade, dass man die nicht auch in der Reinigung abgeben konnte. Er hatte sie am Sonntagabend geputzt, als das Dröhnen in seinem Kopf endlich leiser geworden war, aber ganz rein sah das Weiß der nachhaltig produzierten Teile mit Kautschuksohle nicht mehr aus. Weiße Schuhe hatten für Lennard etwas so Beruhigendes wie die weiße Wand für einen Zen-Meister. Umso mehr hatte er sich über den Kommentar dieser Frau geärgert. »Genau wie weiße Turnschuhe …« Pf! Obwohl es ihn beeindruckte, dass sie offenbar in jeder Situation schlagfertig war. Es hatte ihn ein wenig irritiert, sie im Arm dieses Spaniers (oder Kubaners? Mexikaners?) im Hawaiihemd zu entdecken, wo sie doch vorher offensichtlich ihn angeflirtet hatte. Auf der anderen Seite auch nicht weiter verwunderlich. Sie war ja bestimmt keine Frau, die irgendetwas anbrennen ließ. Aber warum störte ihn das überhaupt?

Lennards Gedanken wanderten zu David und seiner Federboa. Irgendwie bewunderte er ihn dafür, sich so zu zeigen. Obwohl Kostüme im Allgemeinen und Glitzer-Make-up im Speziellen nicht wirklich Lennards Ding waren. Das letzte Mal verkleidet hatte er sich beim Kinderkarneval vor bald dreißig Jahren. Das heißt, er war verkleidet worden: Seine Mutter Sanne hatte ihm ein glänzendes Rochenkostüm genäht, in dem er sich unglaublich geschämt hatte.

Frau Runge riss ihn aus den Gedanken. »Das macht dann genau neun Euro bitte, Herr Vogel.«

Lennard zahlte und wandte sich Richtung Tür.

»Und bleiben Sie gesund!«, rief sie ihm hinterher. »Das ist schon alles beängstigend gerade, nicht? Erst die brennenden Koalabären in Australien …« Sie seufzte und blickte über seine Schulter aus dem Fenster. »Und jetzt das hier. Ja, die Natur rächt sich, ich hab’s immer gesagt.«

Lennard brauchte eine Sekunde, bevor er verstand. »Ach, Sie meinen Corona? Machen Sie sich keine Sorgen«, antwortete er betont gelassen. »Ist alles halb so wild. Und ich glaube auch nicht, dass das Virus wirklich etwas mit einer Fledermaus zu tun hat. Ihnen auch alles Gute. Bis zum nächsten Mal!« Er schulterte seine Hemden in Folie und verabschiedete sich.

Während er sein Fahrrad aufschloss und sich einhändig auf den Sattel schwang, schüttelte er über sich den Kopf. Das war eine glatte Lüge gewesen. Was dieses Virus anging, war er schon die ganze Zeit beunruhigt. Seitdem er sich etwas genauer mit exponentiellem Wachstum beschäftigt hatte, sorgte er sich sogar. Gestern erst hatte er einen Artikel aus der Süddeutschen in seiner Facebook-Timeline geteilt, der seiner Meinung nach sehr anschaulich die enorme Wucht veranschaulichte, die das Virus entfalten konnte. In dem Text wurde die Legende vom indischen Erfinder des Schachspiels zitiert, die Lennard gekannt, aber nicht mehr im Kopf gehabt hatte: Der erbat sich vom König, in Weizenkörnern entlohnt zu werden. Ein Korn für das erste Feld des Schachbretts, zwei für das zweite Feld, vier für das dritte, acht für das vierte, also immer wieder die doppelt so große Menge. Am Ende hätte der König eine zwanzigstellige Zahl an Weizenkörnern auftreiben müssen: 18,45 Trillionen, um genau zu sein. Eine gewaltige Masse, die der globalen Ernte mehrerer Jahrhunderte entspräche!

Übertragen auf Infektionszahlen hieße das …

Bei den ganzen Zahlen fielen ihm unweigerlich sein Chef Kai und der äußerst nervtötende Kostenvoranschlag wieder ein, der immer noch auf seinem Schreibtisch in der Agentur auf ihn wartete. Er würde den restlichen Nachmittag damit verbringen, sich von Kai Vorhaltungen machen zu lassen, nicht eher etwas gesagt zu haben. Wieso erledigten sich ausgerechnet solche Sachen nie von selbst? Vielleicht hatte Kai auch schon angerufen? Es wurde doch mal Zeit, das Handy zu checken.

Lennard hielt an, hängte die Hemden an den Lenker und zog sein Telefon aus der Hosentasche. Memo hatte dreimal angerufen, und es gab dreiunddreißig Benachrichtigungen in der Party-WhatsApp-Gruppe (mit dem klingenden Namen For you – For me – FOURTY!), aus der er vergessen hatte auszutreten. Sicher hatte jemand einen weiteren Schwung peinlicher Bilder nachzuschießen. Wie nervig. Hätte er die Gruppe doch längst verlassen. Bei Memo war besetzt, also tippte er auf den Partychat bei WhatsApp, wo er zur ersten Nachricht von heute Morgen geleitet wurde. Sie war von David, lief über die gesamte Länge seines Displays – und ließ Lennards Herz in die Hose rutschen.

DRINGEND! MAYDAY! Hallo, ihr lieben Partymäuse. Bitte zu Ende lesen! Ich fand es super, mit euch so abzufeiern neulich. Danke für alles und jeden! Leider gibt es ungute Nachrichten: Nach ein paar Tagen mit Husten bin ich eben positiv auf Corona getestet worden. Es geht mir den Umständen entsprechend gut, aber ich soll alle Kontakte der letzten Wochen informieren. Bitte!! Lasst euch testen und bleibt zu Hause. Ich hoffe, ich hab niemanden angesteckt, wir feiern sicher bald wieder zusammen. Es tut mir wahnsinnig leid. Keep you posted!

 

 

Love & Light

xx D.

5

Lennards Augen wanderten dreimal wie in Trance über die Zeilen, bis er verstand, dass es keine normale »War-toll-mit-euch-bis-zum-nächsten-Mal«-Nachricht war. Dann hörte er sein eigenes Blut rauschen und wählte mit weichen Knien in den Kontakten »Sanne & Bodo« aus. Bevor es jedoch zum ersten Mal tutete, drückte er den Anruf schnell wieder weg. Seine Eltern konnten ihm nicht helfen.

Wer dann? Memo, bei dem gerade noch besetzt gewesen war, ging beim nächsten Versuch nicht mehr ran. So was liebte Lennard ja.

RUF MICH AN ALTER!!!, tippte er und schickte die Nachricht ab.

Lennard konnte sich nicht erinnern, jemals etwas komplett in Großbuchstaben und mit drei Ausrufezeichen geschrieben zu haben. Sein Kopf juckte unter der Kappe, auf der Stirn bildeten sich Schweißperlen. Immerhin hatte er David nicht umarmt. Oder? Nein …

Ah doch, Mist! Zu »When Love Takes Over« von Kelly Rowland und David Guetta hatte sich der Gastgeber alle Anwesenden mit einem lauten »Kommt zu Papa!« nacheinander auf der Tanzfläche zur Brust genommen und an sich gedrückt. Stimmt, auch Lennard hatte mit der Stirn an seinem verschwitzten Hals gehangen und deshalb am nächsten Mittag über die Glitzerreste auf seinem Kissen den Kopf geschüttelt. Nun schauderte es ihn, auf Tuchfühlung gegangen zu sein. Er hatte sich ganz bestimmt angesteckt. Und hatte David nicht etwas von einem Besuch bei der Familie im Pott erzählt? O Gott, am Ende kam er noch aus Heinsberg …

Ganz ruhig, Junge, mahnte er sich. Wenn du jetzt durchdrehst, hilft das niemandem.

Lennard scrollte im Telefonbuch nach P wie Purpose2. Den Kostenvoranschlag, der auf dem Schreibtisch wartete, hätte er plötzlich gar nicht so ungern weiterbearbeitet.

»Pörpeshochzwei, hier spricht die Fritzi?«

Er fand es schrecklich, wie Fritzi vom Empfang den Namen der Agentur aussprach und sich dann auch noch mit »die Fritzi« meldete. Und wie sie ihren Namen am Ende so doll zur Frage hochzog, als wüsste sie selbst nicht, ob sie so hieß. Er musste sich sortieren.

»Hallooo?«

»Fritzi, hi. Ich bin’s, Lennard.«

»Ach du. Was geht?«

»Du, ich …« Er stockte. Sollte er wirklich sagen, dass er sich eventuell vielleicht, nein, ganz bestimmt!, mit dem Corona-Virus infiziert hatte? Die ganze Agentur verrückt machen, zwei Tage vorm Pitch mit Veggani? Wenn alle starben, brauchte sowieso kein Mensch mehr vegane Pizza und Lasagne. »Also, ich …« Wieder verstummte er.

»Jaaa, Lennard?«

»Ich muss dringend nach Hause. Zu meinen Eltern.«

»O nein, ist was passiert?«

»Nee, ich glaube nicht. Du, ich meld mich.«

»Denkst du noch an den Ko…«

Er hatte aufgelegt und das letzte Wort nicht mehr verstanden, aber ihm war klar, was die Fritzi hatte sagen wollen. Sein Blick blieb auf seinen Turnschuhen hängen, und er fühlte sich plötzlich hundeelend, als ob alle Energie durch die Sohlen direkt in den Boden unter ihm floss. Er googelte »Testen Hamburg Corona wo?«, wischte das Fenster aber schnell nach oben und googelte in einem neuen »Corona Symptome«. Doch auch dieses Fenster wischte er wieder weg. Sein Herz raste, er schluckte mehrmals. Da, er fühlte es, das Kratzen im Hals hatte er vor ein paar Tagen schon gehabt! Und es war eindeutig ein trockenes Kratzen gewesen. Lennard brauchte die Symptome nicht zu recherchieren, er kannte sie längst auswendig. Obwohl es höchstens zehn Grad waren, brach ihm der Schweiß aus. Er brauchte etwas zu trinken.

Oberhalb des giftgrünen WhatsApp-Kreises tauchte eine rote Siebzehn auf, dann eine Fünfundzwanzig, Einunddreißig … Die Antworten in der Gruppe kamen im Sekundentakt, aber er wollte jetzt nicht mit den anderen Partygästen kommunizieren –, als würde allein das die Ansteckungsgefahr erhöhen. Ob er aus der Gruppe austreten sollte? Hatte er ja sowieso machen wollen. Aber wenn noch eine wichtige Info kam … Nein. Das musste warten.

Das Gesundheitsamt. Er musste das Gesundheitsamt anrufen! Aber wäre er dann registriert? Würden die nicht gleich seinen Arbeitgeber kontaktieren? O Gott. Lennard konnte keinen klaren Gedanken fassen.

Ein Auto hupte ihn an, weil er sich direkt vor einer Parklücke befand. Er schwang sich aufs Rad und fuhr, so schnell er einarmig konnte, mit wehenden Oberhemden über der Schulter Richtung Hauptbahnhof. Am liebsten wäre er wieder bei Runge + May rein, da war die Welt sauber, rein und geordnet.

Im Krankenhaus St. Georg könnte er einen Test machen. Dann hätte er Gewissheit, dass er sicher Glück gehabt hatte und negativ war. Dort gab es, hatte ihm zumindest ein Kollege erzählt, ein Fenster, vor dem man sich anstellen und sofort testen lassen konnte. »Wie der Drive-in bei McDoof, nur ohne Auto«, hatte er gesagt, und Lennard hatte daraufhin nachts geträumt, wie er dort wartete und jemand vom Krankenhaus ein meterlanges XXL-Stäbchen durchs Fenster direkt in seinen Rachen schob. Beim Aufwachen hatte er reflexartig gewürgt und nach Luft gerungen.

Hatte er aber nicht gelesen, dass man nur unter bestimmten Umständen getestet wurde? Wenn man in einem der Risikogebiete gewesen war? Symptome hatte? Und jemanden kannte, der positiv getestet worden war? Musste man alle Bedingungen erfüllen, oder genügte eine? Und wurde so ein Test überhaupt von der Krankenkasse bezahlt? Vielleicht sollte er lieber doch nach Hause …

Neinneinnein, bloß nicht, sagte er sich. Einfach fahren, er musste es versuchen.

6

Vor dem halb geöffneten Fenster am Hauptgebäude des Krankenhauses in St. Georg standen die Leute bis fast auf die Straße. Drinnen konnte man eine Frau mit Mundschutz sehen, die aber nicht ganz bis ans Fenster kam, sondern zu der älteren Dame, die gerade davorstand, Abstand hielt.

Lennard hatte sich auf der Fahrt hierher in eine stattliche Todesangst reingesteigert. Nicht nur wegen Corona, auch weil er vorhin in der Agentur seinen Helm vergessen hatte und jetzt auch noch einhändig gefahren war. Er malte sich jedes Mal beim Radfahren aus, wie ein LKW ihn streifte und er mit dem Kopf auf die Bordsteinkante knallte, oder wie er selbst jemanden anfuhr und über den Lenker ging. Aber diesmal hatte er auch an die Zombie-Apokalypse aus World War Z gedacht. Das war zumindest eine Abwechslung in seinem inneren Katastrophenfilmrepertoire.

Mit zittrigen Fingern schloss er sein Rad an. Kalter Schweiß stand ihm im Nacken, das Shirt unter dem Sweater und der Jacke war durchgeschwitzt. Sollte er sich irgendwo anmelden? Oder eine Nummer ziehen? Erst mal unauffällig hinten anstellen und abwarten.

»Huhu! Was machst du denn hier?«

Er erschrak über die Frauenstimme. Bestimmt war nicht er gemeint. Sein Blick ging in Richtung Sneaker.

»Hey, Lennard! Hier vorne!«

Dann sah er sie. Etwa zehn, zwölf Leute vor ihm, von denen