Mit Aussicht auf Glück - Linda Holmes - E-Book
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Mit Aussicht auf Glück E-Book

Linda Holmes

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Beschreibung

In letzter Minute sagt Laurie ihre Hochzeit ab. Sie ist, glaubt sie, nicht dafür gemacht, ihr Leben mit einem anderen Menschen zu teilen. Als dann ihre geliebte Tante Dot stirbt, übernimmt Laurie es, ihren Besitz im Küstenstädtchen in Maine zu sortieren. Denn zu Dot flüchtete sie als Kind, wenn es in der eigenen Familie zu trubelig wurde. In einer Holztruhe findet sie eine bemalte Holzente. Und einen Brief, in dem es heißt: »Denk dran: Wenn du mal verzweifelt bist, gibt es immer noch die Enten. In Liebe, John.« Neugierig geworden macht sie sich zusammen mit ihrem Jugendfreund Nick auf die Suche nach dem mysteriösen John und entdeckt dabei nicht nur eine andere Dot, sondern auch sich selbst.

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Seitenzahl: 477

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Inhalt

Cover

Inhalt

Über das Buch

Über die Autorin

Titel

Impressum

Widmung

Prolog

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Epilog

DANKSAGUNG

Über das Buch

In letzter Minute sagt Laurie ihre Hochzeit ab. Sie ist, glaubt sie, nicht dafür gemacht, ihr Leben mit einem anderen Menschen zu teilen. Als dann ihre geliebte Tante Dot stirbt, übernimmt Laurie es, ihren Besitz im Küstenstädtchen in Maine zu sortieren. Denn zu Dot flüchtete sie als Kind, wenn es in der eigenen Familie zu trubelig wurde. In einer Holztruhe findet sie eine bemalte Holzente. Und einen Brief, in dem es heißt: »Denk dran: Wenn du mal verzweifelt bist, gibt es immer noch die Enten. In Liebe, John.« Neugierig geworden macht sie sich zusammen mit ihrem Jugendfreund Nick auf die Suche nach dem mysteriösen John und entdeckt dabei nicht nur eine andere Dot, sondern auch sich selbst.

Über die Autorin

Linda Holmes ist Podcasterin, Autorin, Radiomacherin, Interviewerin, ehemalige Anwältin, A capella-Sängerin (wenngleich nur ein einziges Mal im College), gelegentliche Brotbäckerin, Amateurfotografin, kurz: eine Verrückte (wie sie selbst von sich sagt), die im Leben sehr viel Glück gehabt hat.

LINDA HOLMES

Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Alexandra Kranefeld

Vollständige E-Book-Ausgabedes in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Titel der amerikanischen Originalausgabe: »Flying Solo«

Für die Originalausgabe: Copyright © 2022 by Linda Holmes All rights reserved. Published in the United States by Ballantine Books, an imprint of Random House, a division of Penguin Random House LLC, New York.

Für die deutschsprachige Ausgabe: Copyright 2023 by Bastei Lübbe AG, Köln Textredaktion: Susanne George, Bergisch Gladbach Covergestaltung: SOYEAH Design, Gabi Braun Covermotive: © shutterstock.com: korkeng | Vasya Kobelev | Vadym Pasichnyk E-Book-Konvertierung: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 978-3-7517-4218-4

Sie finden uns im Internet unter luebbe.de Bitte beachten Sie auch: lesejury.de

Für die Frauen meiner Familie, für all ihre gelebten Leben

Prolog

Laurie nahm die Finger erst wieder aus den Ohren, als sie aus dem Haus war, und dann auch bloß, um ihr Fahrrad zu holen und die anderthalb Meilen zu Tante Dots Haus zu fahren. Ihre Mutter hatte es erlaubt, nachdem Laurie sich ihren roten Schal um den Hals gebunden und die Handschuhe mit den Schneeflocken darauf angezogen und Dot ihr am Telefon versichert hatte, dass es überhaupt kein Problem wäre.

Die Jungs konnten so schrecklich laut sein, alle vier tobten, schrien, knallten mit den Türen, als gehörte das Haus ihnen, und Laurie hielt es nicht mal mehr in ihrem Zimmer aus. Seit sie zwölf war, durfte sie ganz allein zu Tante Dot fahren, auch nach dem Abendessen, wenn es schon dunkel war.

Als sie bei Dot ankam, ließ sie ihr Rad vor dem Haus ins Gras fallen und lief hinauf zur großen roten Tür. Dot war eigentlich nicht ihre Tante, sondern die Tante ihrer Mutter. Sie war in diesem Haus aufgewachsen und hatte ihr ganzes Leben dort verbracht. Seit ihre Eltern mit ihr aus dem Krankenhaus heimgekommen waren, so erzählte sie es, sei sie immer wieder hierher zurückgekehrt. Laurie drückte auf den Klingelknopf.

Dot kam in Jeans und einem lila Chenillepullover an die Tür, ihre langen grauen Haare hatte sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. »Hallo Honeybun«, sagte sie und ließ sie herein.

Laurie mochte den Geruch in Dots Haus. Es roch nach Holz und Lavendelseife und nach Meer, weil es an der Küste von Maine eigentlich überall ein bisschen nach Meer roch. Ein behagliches Feuer prasselte im Kamin, und Laurie zog sich die Handschuhe aus, nahm den Schal ab und legte die Sachen über die Lehne eines Esszimmerstuhls. »Ist das kalt draußen«, sagte sie.

»Ich weiß. Gut, dass du jetzt hier bist, du musst völlig durchgefroren sein.« Dot hatte schon den kleinen Topf mit Milch auf dem Herd stehen, löffelte Schokoladenpulver in zwei Tassen und rührte die dampfende Milch hinein, dann nahm sie die Sprühsahne aus dem Kühlschrank und sagte »Wuuusch«, wie sie es immer machte, wenn sie die turmhohen Sahnehäubchen auf den Kakao zauberte. Laurie legte die Hände um ihre Tasse, als sie zusammen ins Wohnzimmer gingen. »So«, sagte Dot, »deine Mom meinte, es wäre mal wieder ziemlich hoch hergegangen zu Hause.«

Laurie pustete vorsichtig in ihren Kakao und verdrehte die Augen. »Patrick und Scott hatten Streit. Ich weiß nicht, weshalb.« Die beiden waren siebzehn und vierzehn, sie waren Teenager, und Laurie kam es vor wie eine andere Welt. Oft verstand sie überhaupt nicht, wovon sie redeten, ob sie nur Spaß machten oder sich wieder zankten. Sie versuchte daher, sich herauszuhalten. »Und Ryan will herausfinden, was im Haus am meisten Krach macht.« Ryan war der Jüngste.

»Oje.« Dot lachte. »Der Forscherdrang von Achtjährigen kann ziemlich anstrengend sein.«

»Und Joey ist eben Joey.« Sie schaute Dot vielsagend an. »Du weißt, was das bedeutet.« Dot nickte. Joey war zehn und nichts war vor ihm sicher, wirklich gar nichts. Joey musste alles ausprobieren, alles anfassen, alles zerlegen, auf allem herumspringen, alles in den Mund stecken, durch alles hindurchkriechen und sich mit allem Möglichen schmutzig machen.

»Ich habe ja vorhin mit deiner Mutter gesprochen, und wenn du möchtest, kannst du gern hier übernachten. Sie wäre einverstanden, weil morgen keine Schule ist.«

Laurie sprang vom Stuhl hoch und hätte dabei fast den Kakao verschüttet. »Ja!«, rief sie. »Soll ich noch mal nach Hause und meine Sachen holen?«

»Ich kann dir auch was von mir geben.«

Laurie schaute an sich hinab. »Ich bin aber dicker als du«, sagte sie.

Dot lachte schallend. »Bist du nicht«, sagte sie. »Und selbst wenn du es wärst, würden wir schon etwas finden, worin du schlafen kannst. Zur Not kannst du immer noch meinen Bademantel anziehen. Eine Zahnbürste kannst du auch haben, und mehr brauchst du eigentlich nicht, oder?«

Nachdem sie ihren Kakao ausgetrunken hatten, ging Laurie mit nach oben, und Dot suchte in einer Kommode herum, bis sie ein langärmeliges pinkes Shirt zum Vorschein brachte, auf dem Niagara Falls stand. Als Laurie es sich anhielt, reichte es ihr fast bis zu den Knien. »Danke, dass ich kommen durfte«, sagte sie und umarmte Dot, die sie fest an sich drückte und ihr einen Kuss auf die Stirn gab.

»Du weißt, dass du hier jederzeit willkommen bist«, sagte sie.

Laurie breitete das Shirt auf dem Bett aus und setzte sich daneben, während irgendwo im Haus die Heizung ansprang. »Wie still es hier ist«, sagte sie. »Zu Hause kann ich nicht mal in Ruhe lesen – ja, manchmal verstehe ich nicht mal mehr meine eigenen Gedanken.«

»Du hast eine große Familie, eine große und wunderbare Familie, von der du sehr geliebt wirst«, erwiderte Dot. »Und ich weiß, dass du sie auch liebst, sogar deine Brüder.« Sie setzte sich zu Laurie. »Aber du hast recht, sie können schon ein bisschen wild sein. Und laut.«

Laurie lächelte. »Sehr laut.«

Dot hob die Augenbrauen. »Hier sind nur wir beide, hier hast du deine Ruhe. Du kannst morgen ausschlafen, und niemand wird dich stören, außer vielleicht ich, wenn ich Kaffee mache, aber ich versuche, ganz leise zu sein. Wenn du willst, kannst du bis mittags im Bett bleiben oder gleich den ganzen Tag.«

»Ich bin echt neidisch«, meinte Laurie. »Du kannst hier machen, was du willst. Du bist immer allein und brauchst auf niemanden Rücksicht zu nehmen.«

Dot lachte. »Ich bin nicht immer allein.«

»Dann stimmt es also«, stellte Laurie fest. »Mom meinte, du hättest einen Freund.«

»Ach, deine Mutter ist eine alte Tratschtante«, sagte Dot grinsend. »Ich habe viele Freunde, aber mehr verrate ich dir nicht, auch wenn du das gerne hättest.« Sie stand auf und ging zur Tür, wo sie stehen blieb und mit dem Finger über die Wand strich, an der die Farbe schon ein wenig abblätterte. »Ich sollte dieses Zimmer mal wieder streichen«, sagte sie. »Doch, das sollte ich.«

»In welcher Farbe willst du es denn streichen?«, fragte Laurie.

Dot verharrte einen Moment, dann drehte sie sich zu Laurie um. »Was ist deine Lieblingsfarbe?«

»Im Augenblick Goldfisch.«

»Goldfisch? Du meinst Orange?«

Laurie nickte. »Ja, das mag ich total gern. Mom sagt, es würde sie an Makkaroni mit Käse erinnern, aber ich muss dabei immer an Goldfische denken.«

Dot nickte. »Gut, dann nehmen wir Goldfisch.«

Lauries Augen wurden immer größer. »Ehrlich?«

»Natürlich, warum denn nicht?«

»Einfach so?«

»Warum schaust du mich jetzt so an? Es geht doch bloß ums Anstreichen.«

»Schon, aber … Du streichst deine Wände einfach so, wenn du gerade Lust dazu hast? Musst du da nicht erst mal, ich weiß nicht … überlegen? Oder mit irgendjemandem sprechen?«

»Ich spreche doch jetzt mit dir darüber«, erwiderte sie. »Mit wem sollte ich das noch besprechen? Es ist mein Haus, es sind meine Wände. Wenn mir der Sinn danach stünde, könnte ich mir auch eine Tapete mit Zebramuster aussuchen. Oder Sand auf den Boden streuen und mir vorstellen, es sei ein Strand. Da finde ich ein paar Goldfischwände vergleichsweise harmlos.«

Laurie nickte nachdenklich. Das Haus, in dem sie wohnte, gehörte zwar ihren Eltern, aber auf solche Ideen würden die niemals kommen, da war sie sich ziemlich sicher. Auf einmal sah sie alles mit anderen Augen. Sie stellte sich Tapeten mit Zebramuster vor. Sie stellte sich vor, wie sie hier auf dem Bett lag, mit zebragestreiften Wänden und Sand auf dem Boden. Niemand, der einen störte, der herumschrie und mit den Türen schlug, niemand, der einem sagte, wann es Frühstück gab oder dass es schon zu spät sei für Kakao.

Eine Woche später ging Laurie wieder hinüber zu Dot und dann strichen sie das Zimmer, in dem sie übernachtet hatte. Es war ein leuchtendes Orange, und Dot wischte dann noch mit einem dicken Pinsel etwas Rot hinein, um es richtig »goldfischig« zu machen. Am Abend hatte Laurie orange Farbspritzer in den Haaren und auf ihrer Jeans, und sie meinte zu Dot, dass es das beste Zimmer sei, das sie je gesehen habe. Und obwohl ihre Tante noch fast dreißig Jahre in diesem Haus leben und etliche Zimmer streichen und die Böden erneuern sollte und die Küche renovierte und das Bad gleich zweimal, würde dieses Zimmer doch immer das Goldfischzimmer bleiben.

1

Genauso gut hätte sie die Ente auch nicht finden können. Sie hatte ganz zuunterst in der alten Wäschetruhe aus Zedernholz gelegen, und Laurie hätte sie überhaupt nicht bemerkt, wenn sie nicht, anders als die Prinzessin auf der Erbse, alle Decken und Laken einzeln herausgenommen hätte, um zu schauen, ob sich ein besonders schönes Exemplar darunter befand.

Die Ente war aus Holz, maß ungefähr dreißig Zentimeter und lag viel leichter in der Hand als erwartet. Es ließ sich schwer sagen, wie alt sie sein mochte, denn sie befand sich in so tadellosem Zustand, als habe sie seit Jahren unberührt in der Truhe gelegen. Laurie konnte keinen einzigen Kratzer entdecken, die Oberfläche war so glatt gearbeitet, dass sie jeden feinen Pinselstrich des Farbauftrags unter den Fingern spüren konnte. Die Farben leuchteten kräftig: der grüne Kopf, die rotbraun gesprenkelte Brust, ein warmes Senfgelb an den Seiten und das dunkle Blau und Grün der Flügel. Laurie ging damit in den Flur. »Warum«, begann sie, die eine Hand in die Hüfte gestützt und in der anderen die Ente, »sollte eine Frau von dreiundneunzig Jahren diese Holzente in einer Truhe unter drei Häkeldecken und einem Quilt versteckt aufbewahren?«

»Als Krafttier? Oder um damit auf die andere Seite zu gelangen?«, fragte June aus dem Wohnzimmer zurück.

»Es ist mir echt ein Rätsel, allerdings nicht so eins.«

Laurie ging mit der Ente ins Wohnzimmer, wo June sich durch den ersten Schwung Bücher arbeitete. Das ganze Haus war voller Bücher, sie standen dicht an dicht in den hohen Wandregalen oder türmten sich in schwankenden Stapeln auf dem Boden, sodass man immer Sorge hatte, einen umzuwerfen. »Ich nehme an, sie hatte diese Ente aus demselben Grund, weshalb sie auch vier Federboas besaß und ein Autogramm von Steve McQueen.«

»Und der wäre?«

»Sie war dreiundneunzig. Warum sollte sich da nicht auch eine Ente unter ihren Schätzen finden?«

Laurie nahm ihr Telefon, um ein paar Fotos zu machen und ihrer Mutter zu schicken. »Das ist ein wirklich schönes Stück. Ich frage mich, warum sie in der Truhe lag und nicht irgendwo im Haus steht, so wie alles andere auch.«

Überall in Dots Haus fanden sich Erinnerungsstücke, die sich im Laufe eines langen Lebens angesammelt hatten. In mit buntem Stoff bezogenen Schachteln hatte sie Postkarten und Briefe aufbewahrt. Filmrollen, deren vergilbte Etiketten mit Kugelschreiber beschriftet waren, lagerten in Metallwannen, Reisesouvenirs gaben Aufschluss über die wechselnden Phasen ihrer Sammelleidenschaft. Es gab die Eierbecher- und die Löffelphase, später waren es kleine Teller mit handgemalten Landschaften. Sie war in Rom gewesen, in Bangkok, Buenos Aires und Mexico City. Im Sommer 1952 hatte sie mit zwei Freundinnen im Yellowstone-Nationalpark Campingurlaub im Wohnwagen gemacht, 1994 war sie, damals schon über sechzig, allein durch China gereist. Auf einem Foto, das jemand anders gemacht haben musste, sah man sie in heller Jeansjacke mit einem Elton-John-Aufnäher am Ärmel und die grauen Haare locker zusammengebunden auf der Chinesischen Mauer stehen.

Dot hatte praktisch jeden Kurs belegt, der am Community College im Laufe der Jahre angeboten wurde. Sie hatte auch sämtliche Kursverzeichnisse aufgehoben, und die Früchte ihrer kreativen Anstrengungen lagerten in einem der ungenutzten Schlafzimmer: Keramik, Kreuzstichstickerei, Stricken, Häkeln, Sammelalben mit schablonierten Titeln wie »Weihnachten 2003: Arktische Kälte«. Malen, Zeichnen, Kalligrafie, Ketten aus Perlen und Angelschnüren. Ganz unten, unter all den anderen Kisten und Kartons, stand eine große blaue Wanne aus Kunststoff, die mit In Arbeit/Unvollendet beschriftet war. Unvollendet würden diese Arbeiten jetzt auch bleiben.

Laurie fand ein kleines Bündel Liebesbriefe von Männern, mit denen Dot über die Jahre zusammen gewesen war: Paul, der Lehrer, John, der Chemiker, Andrew, der Journalist. Ein Brief hatte keinen Umschlag mehr und war nur mit M. unterzeichnet, die Handschrift ließ auf eine Frau schließen. (Und wieder der Gedanke: Sie war dreiundneunzig geworden. Warum sollte sich nicht auch eine Frau unter ihren Liebschaften finden?) Laurie legte die Briefe beiseite, ohne auch nur einen einzigen gelesen zu haben, aus dem einfachen Grund, dass sie selbst es nicht wollen würde, wenn nach ihrem Tod jemand ihre Korrespondenz las. Sie wegzuwerfen wäre ihr aber auch nicht richtig erschienen, weshalb sie sie einfach wieder in den mit Private Briefe beschrifteten Karton zurücklegte und diesen zur Seite stellte.

»Lass uns eine Pause machen«, sagte Laurie zu June und ließ sich mit der ominösen Ente in der Hand auf die Couch fallen. »Ich bin mit ihrem Schmuck durch, und bevor ich mir die Kiste Kameras & 8-Spur-Kassetten vornehme, brauche ich dringend eine kleine Stärkung.«

»Kuschel du ruhig ein bisschen mit deiner Ente«, meinte June, stand zwischen den am Boden liegenden Büchern auf und ging hinüber in die Küche. »Möchtest du einen Eistee?«

»Du bist die beste aller besten Freundinnen, habe ich dir das schon gesagt?«

»Laurie, es ist bloß Eistee.«

»Du weißt, was ich meine«, erwiderte Laurie. »Ich mache das jetzt seit gut zehn Tagen. Ich habe überall Katzer an den Händen, und langsam tut mir auch die Schulter weh, frag mich nicht, warum. Aber ich mache es gern, und ich muss es tun. Du hingegen bist deshalb hier, weil du einfach ein guter Mensch bist.«

»Du wirst es nicht glauben«, sagte June über das hell klirrende Geräusch der in Gläser fallenden Eiswürfel, »aber wenn du als einzige Angehörige herkommst und dich um alles eigenhändig kümmerst, bist du auch ein guter Mensch.«

Laurie seufzte. »Was hätte ich machen sollen? Ich wollte nicht, dass ihre ganzen Sachen einfach so verschwinden, nur weil sie nicht verheiratet war und keine Kinder hatte. Und außer mir hatte eben niemand Zeit.«

June brachte den Eistee in zwei von Dots hohen Kristallgläsern mit Rautenmuster. »Das verstehe ich nicht. Du hast vier Brüder, und alles bleibt an dir hängen?«, sagte sie und setzte sich zu Laurie. »Trotzdem freue ich mich, mal wieder Zeit mit dir zu verbringen. Ist eben doch was anderes, als immer bloß zu telefonieren, findest du nicht auch? Ich hätte fast vergessen, wie hübsch du bist.«

»Das ist wirklich lieb von dir, auch wenn ich gerade bestimmt furchtbar aussehe, ganz verschwitzt und voller Staub. Ich hatte eigentlich gehofft, dich auf meiner Hochzeit zu sehen, aber da wurde ja nichts draus, wie du weißt. Im Grunde bin ich ganz froh, ein paar Wochen abtauchen und alte Freunde treffen zu können. Außerdem will ich auf gar keinen Fall, dass meine Freunde in Seattle aus Mitleid eine Party zu meinem Vierzigsten schmeißen und mich insgeheim total bedauern, meine letzte Chance vertan zu haben, nicht so eine verschrobene Alte zu werden.«

»Ich bezweifle sehr, dass irgendjemand außer dir selbst das denkt.« June verdrehte die Augen.

»Sag das mal Harry und Sally.«

»Was meinst du damit?«

»Erinnerst du dich an die Szene, wo Sally im Bademantel ist, und Harry schaut bei ihr vorbei, und sie heult sich die Augen aus, weil ihr Exfreund heiratet – du weißt schon, dieser Typ, der Gerald Fords Sohn ist?«

»Das ist der Sohn von Gerald Ford?«

»Ja, ist er. Sie ist richtig fertig deswegen, fängt an zu heulen und jammert: ›Und nicht mehr lang, dann bin ich vierzig!‹ Darauf er: ›Wann genau?‹ Und sie: ›Irgendwann.‹ Das ist die erste Pointe. Die zweite kommt, als er sagt, dass sie doch erst in acht Jahren vierzig wird.«

June schüttelte den Kopf, als Laurie sie erwartungsvoll ansah. »Ich versteh’s nicht, worauf willst du hinaus?«

»Der Witz ist natürlich, dass sie allen Ernstes glaubt, für sie wäre der Zug abgefahren, dabei hat sie noch acht ganze Jahre. Und glaub mir, wenn du den Film noch mal einen Monat vor deinem Vierzigsten schaust, sieht man diese Szene mit ganz anderen Augen. Ich meine, warum kann er nicht einfach sagen: ›Na und? Vierzig werden wir doch alle früher oder später, und entweder wir sind dann Single, oder wir sind verheiratet, wen interessiert es, und hast du dir schon mal überlegt, dass Gerald Fords Sohn und seine Verlobte auch irgendwann vierzig werden?‹ Ich habe mich immer gefragt, warum er das nicht getan hat.«

June zog eine Augenbraue hoch. »Hast du dich das wirklich schon immer gefragt oder erst in letzter Zeit?«

»Versuch jetzt bitte nicht clever zu sein«, sagte Laurie und sah ihre Freundin mit zusammengekniffenen Augen an. »Ich wollte darauf hinaus, dass sie es nicht so hätten darstellen sollen, als hinge alles nur daran, ob sie die große Liebe findet oder nicht.«

»Na ja, es ist eine Liebeskomödie.«

»Ich weiß. Aber manchmal stelle ich mir vor, wie ich Billy Crystal erzähle, dass ich meine Hochzeit abgeblasen habe, und zu ihm sage: ›Und nicht mehr lang, dann bin ich vierzig!‹, worauf er mich fragt: ›Wann genau?‹ und ich: ›In einem Monat!‹ und er nur: ›Krass.‹« Junes leises, melodisches Lachen zu hören tat so gut. Sie hatten sich viel zu lang nicht mehr gesehen. »Lach nicht, wenn ich mich über Altersdiskriminierung aufrege.«

»Tut mir leid, ich dachte nur gerade … Nein, es hat nichts mit dir zu tun. Ich meine, du würdest nicht im Bademantel herumsitzen und heulen. Du würdest dir einen Drink genehmigen und dir einen Film anschauen, verstehst du, was ich meine? Meg Ryan war in dem Film Single und deswegen ganz deprimiert. Du bist einfach bloß Single.«

»Stimmt. Ich ärgere mich natürlich, dass wir einen Teil der Anzahlung nicht zurückbekommen haben und wie viel Zeit es mich gekostet hat, alle Geschenke zurückzuschicken, aber dass ich deswegen sonderlich deprimiert wäre, kann ich nicht behaupten.«

»Sei froh. Und überhaupt, niemand hat Billy Crystal um seine Meinung gebeten.«

»Hast du dich eigentlich vor deiner Hochzeit auch so verrückt gemacht mit dem Heiraten?«, fragte Laurie etwas nuschelig, weil sie gerade einen Eiswürfel im Mund hatte.

June hob nachdenklich den Blick, ehe sie Laurie wieder ansah. »Ich glaube nicht. Wegen der Feier habe ich mich schon verrückt gemacht, oder wie das später werden sollte, bei wem wir Weihnachten verbringen würden zum Beispiel oder wie seine Familie es aufnehmen würde, wenn ich meinen Namen behalte. Zu dem Zeitpunkt haben Charlie und ich aber schon einige Jahre zusammengelebt, und ich bin nicht davon ausgegangen, dass sich durch die Heirat etwas Grundlegendes in unserer Beziehung ändern würde.«

»Und, hat sich etwas verändert?«

»Eigentlich nicht. In der ersten Zeit habe ich sogar oft vergessen, dass wir jetzt nicht einfach nur zusammen, sondern verheiratet sind.«

»Ihr seid auch ein tolles Paar. Nachdem ihr euch auf dem College kennengelernt habt, wurde es eigentlich immer nur besser mit euch beiden. Es wirkt alles so leicht bei euch. Weißt du, was ich meine?«

»Oh, das würde ich so nicht sagen. Als wir dann Bethie bekamen, war das schon eine ziemliche Umstellung – für uns beide. Plötzlich war da ein anderer Mensch, der ständig etwas von uns wollte, der heulte, spuckte, schrie. Das hat etwas verändert. Und dabei war sie kein anstrengendes Baby. Tommy auch nicht, der war wirklich ganz ruhig und lieb, auch wenn er echt ein kleiner Stinker war. Ich glaube, man wächst da rein, um noch mal auf deine Frage zurückzukommen.«

»Ich hatte die beiden so lange nicht gesehen, dass ich im ersten Moment dachte, huch, wo kommen jetzt diese Schulkinder her, habt ihr Besuch?«

»Das kenne ich«, erwiderte June lächelnd.

»Sehnst du dich manchmal nach der Zeit zurück, als sie beide noch ganz klein waren? Sie waren so unglaublich süße Babys.«

»Ich mochte diese Zeit«, sagte June. »Aber jetzt sind sie in dem Alter, wo sie allmählich selbstständig werden. Sie ziehen jeden Morgen mit ihren Rucksäcken los, haben Lieblingsfreunde und Lieblingsfeinde und ihren eigenen Kopf, statt wie früher rumzujammern, weil sie müde sind. Das ist auch schön. Und ich bin wirklich froh, dass sie dich jetzt auch kennengelernt haben. Nach all den Jahren dachten sie wahrscheinlich schon, du lebst auf Skype.«

Laurie dachte daran, wie sie extra stricken gelernt hatte, um eine Decke für Bethie zu machen, es dann aber bei dieser einen Handarbeit belassen hatte. »Es tut mir leid, dass ich nicht präsenter war«, sagte sie. »Eigentlich wäre ich gern die tolle Tante Laurie gewesen, aber jetzt bin ich nur eine Freundin ihrer Mutter, an die sie sich noch dazu kaum erinnern.«

»Oh, das stimmt nicht. Und selbst wenn, wie wolltest du es ändern? Seattle ist nicht gerade um die Ecke, und du musst schon in deinem Job so viel reisen.«

»Da hast du allerdings recht«, sagte Laurie und griff nach der Ente, die neben ihr auf der Couch lag. »Ich bin richtig verliebt in dieses Ding.« Sie fuhr mit dem Daumen über den Rücken, betrachtete das aufgemalte Gefieder, spürte der Form des sattgrünen Kopfes nach. »Ich glaube, es ist eine Brautente – hier, dieser typische Schwung am Kopf.«

June stellte ihr Glas auf einen gehäkelten Untersetzer auf dem Couchtisch. »Aber was ist das eigentlich?«

»Eine Entenattrappe für die Jagd, vermute ich.« Laurie warf einen Blick auf die Unterseite, wo ein münzgroßer Kreis aufs unbehandelte Holz geprägt war, in dem die Buchstaben CKM standen. »CKM«, murmelte sie.

»Und das steht für Calvin Klein … Modellenten?«, schlug June vor.

»Gute Idee, aber wenig wahrscheinlich. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was es bedeutet und woher Dot sie überhaupt hat.«

»Aber schön ist sie.«

»Ja. In den letzten Tagen ist mir klar geworden, dass ich längst nicht alles über Dots Leben wusste, aber bin ich mir ziemlich sicher, dass sie nicht auf ihre alten Tage noch zur passionierten Jägerin geworden ist.« Sie strich über die runde Prägung. »Wusstest du, dass die Küken der Brautenten aus ihrem Nest im Baum springen, um ihrer Mutter zu einem See zu folgen? Bis zu fünfzehn Meter springen sie runter!«

Laurie war Journalistin und schrieb Naturreportagen über alles, was kreuchte und fleuchte, weshalb June solche Kuriositäten aus dem Tierreich bereits gewohnt war. »Gehören eigentlich Brautenten zu den bedrohten Arten?«, wollte sie jetzt wissen. »Hast du damals drei Monate in Michigan Feldforschung betrieben, um dann einen aufrüttelnden Artikel über die Folgen des Klimawandels für die heimische Fauna zu schreiben?«

»Manche Enten sind tatsächlich vom Aussterben bedroht«, sagte Laurie. »Die Brautente jedoch nicht. Beziehungsweise nicht mehr. Bevor 1918 das Gesetz zum Schutz heimischer Zugvögel erlassen wurde«, sie warf einen Blick auf June, die mit großen Augen zuhörte, »sah es ziemlich düster für sie aus, doch seitdem haben sich die Bestände wieder erholt.« Laurie lächelte und strich mit den Fingern über die angelegten Flügel. »Für The Outdoors habe ich allerdings mal in Oregon und Washington zu bakteriellen Vergiftungen bei Wasservögeln recherchiert, und da hatte es auch einige Brautenten erwischt, solche wie dieses Kerlchen hier. Ich habe also einschlägige Erfahrungen mit der Spezies.«

»Da fällt mir ein, du hast erwähnt, dass du in ein paar Wochen einen neuen Auftrag hättest, aber du hast noch gar nicht erzählt, worum es diesmal geht.«

Laurie legte die Ente wieder neben sich auf die Couch. »Schildkrötenschmuggel.«

»Das gibt es also wirklich?«

»Ja, das ist sogar ein richtiger Geschäftszweig. Die Tiere werden in Fallen gefangen, eingesammelt und dorthin verschifft, wo Nachfrage nach exotischen Haustieren besteht. Ich werde mich also in South Carolina von einem geläuterten Schildkrötenschmuggler namens Puppy Tavishaw in die dunklen Geheimnisse seines ehemaligen Gewerbes einweihen lassen. Er arbeitet mittlerweile mit dem Küstenschutz zusammen, um den Banden das Handwerk zu legen.«

June, die sich inzwischen wieder dem Sortieren der Bücher zugewandt hatte, schaute verwundert auf. »Puppy? Ist das ein Deckname oder heißt er wirklich so?«

»Das ist nur eine der vielen Fragen, auf die ich mir als investigative Journalistin an der Schildkrötenfront Antworten erhoffe.«

June sortierte weiter. »Hoffentlich ist dieser Puppy nicht gefährlich.«

»Das Gefährlichste dürften die Moskitos sein, die mich wahrscheinlich auffressen werden. Das und die Aussicht, dass ich diesmal auch das Bildmaterial beisteuern soll, zumindest für die Onlineausgabe. Was das Fotografieren angeht, muss ich mich jedes Mal erst wieder damit vertraut machen. Und da fällt mir ein, dass ich mir langsam mal den nächsten Karton vornehmen könnte. Ich bin gleich wieder da, du darfst gespannt sein.«

Als Laurie mit dem Karton Kameras & 8-Spur-Kassetten zurück ins Wohnzimmer kam, hatte June es sich schon gemütlich gemacht und die Füße auf die Ottomane gelegt. »Jetzt wollen wir mal sehen, was wir hier Schönes haben. Eine Kamera habe ich auf dem Küchentisch gefunden, aber ich habe keine Ahnung, was hier noch so alles drin ist.« Das alte Klebeband löste sich fast von selbst, und feiner Staub tanzte im Sonnenlicht, als Laurie die Laschen des Kartons aufklappte.

Ganz unten im Karton standen zwei Reihen Kassetten ordentlich aufgereiht. »Da ist Musik drauf. Die Auswahl reicht von Dolly Parton und Kenny Rogers bis zu den Beach Boys, Fleetwood Mac, Smokey Robinson, Santana, David Bowie und Van Halen.«

»Dot hat Van Halen gehört?«

»Mal sehen. Hier haben wir Van HalenII, dem Label nach von 1979, da wäre Dot also um die fünfzig gewesen. Doch, das müsste hinkommen. Ich hoffe, dass ich in zehn Jahren auch noch so coole Musik höre.« Sie nahm die Kassette und sah, dass ein Stück Papier darin steckte. Sie ließ es herausfallen und faltete es auseinander, dann grinste sie und schaute June an. »Das ist eine Konzertkarte. Dot hat Van Halen in Boston live gesehen, am 27. März 1978 im Paradise Theater – als Vorgruppe von Journey.« Sie gab die Karte June.

»Wahnsinn, das haut mich jetzt wirklich um. Kannst du dir meine Großmutter oder auch nur meine Mutter auf einem Rockkonzert vorstellen?«

»Ich muss auf jeden Fall noch ihre Plattensammlung durchgehen, wer weiß, was sich da noch so alles verbirgt. Hier im Karton sind noch ein paar Schachteln, wahrscheinlich mit den Kameras.« Laurie hob den Deckel einer stoffbezogenen Schachtel ab und fand zwei Polaroidkameras darin, von denen eine schon sehr alt sein musste, jedenfalls hatte Laurie noch nie ein solches Modell gesehen, aber die andere war exakt die gleiche OneStep, die auch ihre Eltern gehabt hatten. Sie nahm die übrigen Boxen heraus und stellte fest, dass in allen Sofortbildkameras lagen. Am Ende waren es fünf Polaroids, zwei Kodaks und eine Fujifilm. Manche sahen ziemlich antiquiert aus, andere mussten aus der Zeit kurz vor dem Aufkommen der ersten Digitalkameras stammen, die das Schicksal der Sofortbildfotografie erst mal besiegelt hatten. Einer der Apparate schien noch recht neu zu sein.

Schließlich holte Laurie eine Schachtel heraus, auf deren Deckel 2007 stand. Laurie nahm ihn ab und fand ordentlich archivierte Polaroidfotos, unterteilt durch unbeschriftete Registerkarten. Sie zog einen Stapel heraus und schien einen Städtetrip nach New York erwischt zu haben. Zu sehen waren das Empire State Building, die Freiheitsstatue, die Neonlaufschrift der Radio City Music Hall. Auf einem Bild sah man Dot, da schon fast achtzig und mit silbergrauem Haar, vor der Leuchtreklame von Avenue Q ihr strahlendes Gesicht an das eines Mannes schmiegen, der im selben Alter zu sein schien wie sie. Auf dem breiten weißen Rand unter dem Foto war mit Filzschreiber ein einziges Wort geschrieben: Leo. Sie zeigte June das Bild. »Sie hatte schon immer ein Faible für Musicals.«

June beugte sich vor. »Wer ist Leo?«

Laurie schüttelte den Kopf. »Keine Ahnung. Sie ist viel gereist, nachdem sie in Rente gegangen war, mal in der Gruppe, mal allein, mit Freundinnen oder mit wechselnden Begleitern. Von einem Leo habe ich sie nie erzählen hören, aber sie scheinen ja sichtlich Spaß miteinander gehabt zu haben.«

Der Rest waren weitere Reisebilder, Fotos von Geburtstagsfeiern und ein paar Hochzeiten, außerdem von einem Footballspiel an der Highschool und Schnappschüsse von Leuten, die Laurie meist nicht kannte. Ein Foto von ihren Eltern war dabei und ein paar von Patricks Hochzeit, und sie meinte sich zu erinnern, wie sich Dot mit ihrer Polaroidkamera unter die Gäste gemischt und an jedem Tisch ein paar Aufnahmen gemacht hatte.

»Warum hat sie wohl ihre Kameras zusammen mit den Fotos von 2007 aufbewahrt?«, fragte June, während sie die nach Themen und Zustand sortierten Bücher in Kartons packte.

»Vielleicht waren es die letzten, die sie aufgenommen hat«, vermutete Laurie, räumte die Fotos wieder weg und nahm eine der älteren Kameras in die Hand. »Vielleicht hat sie damit aufgehört, nachdem sie sich eine Digitalkamera angeschafft hatte.«

»Vielleicht sind die aktuelleren auch nicht jugendfrei.«

»Das würde mich ehrlich gesagt nicht wundern, aber es würde mich überraschen, hätte sie gewollt, dass die Nachwelt sie findet. Wenn ich mir das allerdings hier so anschaue«, sie drehte die Kamera in den Händen, »kann das nicht alles sein. Es muss irgendwo noch mehr Fotos geben.«

2

Laurie hatte gerade die Kameras zurück in den Karton gelegt, als es an der Tür klopfte. »Das wird der Sensenmann sein«, meinte sie und ging aufmachen. Vor ihr stand ein auf sein iPad starrender Mann in Jeans und einem Bandshirt der Decemberists. Als er aufschaute, lächelte er. »Hallo, ich bin Matt Pell von Das Beste bewahren. Wir hatten telefoniert.«

Das Beste bewahren boten Haushaltsauflösungen an. War jemand verstorben oder wollte sich einfach nur verkleinern, kamen sie vorbei und schauten, was sich zu Geld machen ließ oder für Spenden taugte, und entsorgten den Rest. Der Service wurde angepriesen als »materieller Abschied«, was Laurie etwas vermessen fand, aber immer noch besser als das sich ihr aufdrängende Bild gierig kreisender Geier, die sich aufs irdische Habe der Toten stürzten.

Matt sah auf jeden Fall nicht aus wie ein Geier. Er sah aus wie ein Philosophiedozent, der sein Müsli im Biosupermarkt kaufte. Er machte den Eindruck, tatsächlich auf dem Konzert gewesen zu sein und das T-Shirt dort gekauft zu haben. Er hatte sich die Karte gekauft, das orange Bändchen ums Handgelenk getragen, überteuertes Bier getrunken und vermutlich irgendwo auf den hinteren Rängen gestanden, um niemandem den Blick zu versperren, denn er wirkte wie jemand, der sich über so etwas Gedanken machte. Seine Augen waren grau, allerdings mit einem blauen Schimmer, und unter dem Ärmel seines T-Shirts lugte ein Tattoo hervor. Etwas Keltisches vielleicht, schon etwas blass und offenbar älteren Datums. Oder ein lateinischer Spruch.

Sie blinzelte und nahm sich zusammen. »Genau, wir hatten telefoniert. Ich bin Laurie Sassalyn – schön, dass Sie gekommen sind.« Er folgte ihr ins Haus und sie setzten sich, er auf die Couch, Laurie und June in die beiden Sessel gegenüber. »Womit wollen wir anfangen?«, fragte sie.

»Erzählen Sie mir ein bisschen von sich und von Ihrer Tante«, forderte Matt sie in einem freundlichen Plauderton auf und legte das iPad beiseite.

»Also gut, ich bin Laurie, und das ist June Devon, meine älteste und beste Freundin, die so nett war, mir heute in diesem Chaos zu helfen. Dot war genau genommen nicht meine Tante, sondern die meiner Mutter, also meine Großtante. Die Schwester des Vaters meiner Mutter, um genau zu sein. Sie ist dreiundneunzig Jahre alt geworden.«

»Dreiundneunzig, alle Achtung, stramme Leistung«, sagte er, und Laurie überlegte, ob er Sport machte, ob er Marathons lief oder Fußball spielte, aber nach einer Knieverletzung hatte der Arzt ihm zu Schonung geraten, was ihn aber nicht davon abhielt, bei Freundschaftsspielen anzutreten, auch wenn er nie wieder zu alter Form auflaufen würde, aber er war immer der Erste, der nach dem Spiel allen eine Runde ausgab, weil er einfach so war und …

»Laurie?« June schaute sie mit fragendem Blick an.

»Oh, ich war ganz in Gedanken. Es ist doch alles etwas viel.« Laurie schüttelte kurz den Kopf. »Also gut, wo waren wir … Das Haus, ja. Es hat ihr gehört, sie hat praktisch ihr ganzes Leben hier verbracht.«

»War sie verwitwet? Hatte sie Kinder?«

»Nein, sie hat immer allein gelebt. Bis zur Rente hatte sie eine Stelle im Sekretariat der Grundschule und danach … Nun ja, Sie sehen es ja selbst. Das Haus ist bis in den letzten Winkel voller Erinnerungen. Wir sind das meiste bereits durchgegangen und haben die persönlichen Dinge herausgesucht, die ich gern behalten oder weitergeben würde. Keiner aus der Familie lebt mehr in dieser Gegend, für das meiste hätten wir auch keinen Platz oder keine Verwendung. Ich glaube, Dot hat in all den Jahren kein einziges Buch weggegeben, und sie besaß eine Plattensammlung, um die manch einer sie beneiden dürfte. Aber wollte ich das alles selbst mit meinem Mietwagen stemmen, wäre ich vermutlich noch in einem Jahr zugange.«

»Dann sind Sie auch nicht aus der Gegend?«

»Doch, ich bin in Calcasset aufgewachsen, June lebt noch immer hier. Ich bin allerdings schon vor Jahren nach Seattle gezogen und war sehr lange nicht mehr zu Besuch, weshalb ich auch keine Vorstellung davon hatte, was mich hier erwartet.«

»Und jetzt fällt diese undankbare Aufgabe trotzdem Ihnen zu.« Er hatte eine angenehme Stimme, warm und tröstend. Sehr verständnisvoll. Du liebe Güte, wie bedürftig kann man sein?, dachte sie und setzte sich aufrechter hin, straffte dabei die Schultern und nickte.

»Irgendjemand muss es ja machen. Dot hatte wie gesagt keine Kinder. Und meine Eltern leben schon lange in Florida, und meine Mutter hat eine neue Hüfte bekommen, mein Vater wurde am Rücken operiert.«

»Und Geschwister haben Sie keine?«

»Geschwister?« Laurie und June schauten sich bloß an und verdrehten die Augen. »Doch, gleich vier Brüder, aber die würden kurzen Prozess machen und alles zur Mülldeponie bringen. Außerdem sind sie beruflich und familiär sehr eingespannt, zumindest sagen sie das.«

»Die gute Tochter also«, stellte er mit einem Lächeln fest. »Es überrascht Sie vermutlich nicht, wie oft mir genau diese Konstellation begegnet. Auf jeden sich kümmernden Sohn kommen im Schnitt drei Töchter. Je entfernter der Grad der Verwandtschaft, desto höher auch der Anteil von Frauen, die sich um den Nachlass kümmern.«

»Das Patriarchat kriegt uns alle«, sagte Laurie trocken. »Damit kann ich leben. Ich mochte Dot, ich mochte sie sehr, und ich mache es gern. Und keine falsche Bescheidenheit, aber ich spiele hier nicht die Heldin oder Märtyrerin, ich öffne einfach nur ganz stupide einen Karton nach dem anderen und hoffe, nicht auf Spinnen oder Sexspielzeug zu stoßen. Wenn auch aus ganz unterschiedlichen Gründen, wie man sich denken kann, so doch mit derselben bangen Erwartung.«

Wie immer redete sie zu viel. Aber er lachte und griff dann zum Tablet, klickte sich durch den Vertrag und erklärte ihr, was sie unterschreiben würde. »Wie ja schon am Telefon besprochen, können Sie vorab alles einpacken, was Sie gern behalten möchten. Und nehmen Sie sich die Zeit, die Sie brauchen. Heute könnte ich Ihnen schon mal eine erste Schätzung geben, was sich verkaufen lässt – das ist natürlich keine Garantie, lediglich eine kleine Orientierungshilfe, die sich auf meiner bald fünfzehnjährigen Erfahrung in diesem Geschäft gründet.« Er hielt das iPad hoch. »Mein mobiles Büro ist immer dabei, für die Recherche, die Abstimmung mit Kollegen und so weiter. Sie erhalten von mir nachher eine Aufstellung der geschätzten Verkaufswerte. Entweder Sie behalten alles, holen noch ein weiteres Gutachten ein oder überlassen die Sachen mir, das ist ganz allein Ihre Entscheidung. Möchten Sie sich von den gelisteten Gegenständen trennen, kann ich entweder alles in Kommission nehmen und Sie würden anteilig bezahlt, oder Sie entscheiden sich für einen Pauschalbetrag bei Übernahme, der in der Regel zwar nur fünfzig Prozent des Kommissionserlöses beträgt, aber Sie sind alles auf einen Schlag los und müssen sich keine Gedanken deswegen machen, ob es sich verkauft oder nicht. Beides würde mit den laufenden Kosten verrechnet. Ist das so weit alles verständlich?«

Der Gedanke an ihre eigenen Habseligkeiten drängte sich auf. Ihre Bandshirts, Füllfederhalter, ihre Kamera (keine Sofortbild), ihr Dampfkochtopf. Wem würde es zufallen, ihren Nachlass zu regeln, wenn sie eines Morgens aus dem Haus ging und von einem Bären gefressen wurde? Sollte sie schon einmal Listen anlegen, ein Testament verfassen? Das Armband von ihrer Mutter würde sie gern jemandem geben, aber die Brüder sollten es nicht bekommen. »Ja, alles klar so weit.«

Und schon ging es weiter. »Danach kümmern wir uns um die Sachspenden. Das sind Möbel in gutem Zustand, Haushaltsgeräte und Bettwäsche, Bücher, die an öffentliche Bibliotheken gehen. Bei der von Ihnen erwähnten Plattensammlung hängt es ganz davon ab, ob es Sammlerstücke sind, das sehen wir dann. Sie brauchen sich um gar nichts zu kümmern, wir erledigen das alles für Sie. Beim letzten Durchgang nehmen wir dann alles mit, was Sie nicht behalten wollen, aber auch keiner weiteren Verwendung zugeführt werden kann. Abgetragene Kleidung wäre das zum Beispiel, Hausrat, den man nicht mehr gebrauchen kann, und alles, was wir den Bodensatz nennen und der für gewöhnlich im Restmüll landet. Altes Büromaterial, angebrochene Shampooflaschen, bereits benutzte Kosmetikartikel, Modeschmuck und Staubfänger, für die sich kein neues Zuhause mehr findet. Allerdings achten wir darauf, auch diesen Dingen einen würdigen Abschied zu bereiten.«

»Da bin aber beruhigt, dass auch Dots Lidschatten ein anständiges Begräbnis bekommen.«

Er lächelte. »Der Abschied sollte Ihnen so leicht wie möglich gemacht werden. Kurz und schmerzlos.«

June, die ihr bereits geholfen hatte, drei Körbe mit Handlotion nach dem Haltbarkeitsdatum zu überprüfen, bekam bei den Worten »kurz und schmerzlos« ganz große Augen, und auch Laurie musste sich ein Lachen verkneifen. »Ich fürchte, das meiste hat nur rein sentimentalen Wert. Sie hing an ihren Dingen, es waren Erinnerungsstücke, die für sie selbst Bedeutung hatten, aber ich gehe nicht davon aus, dass man sich um ihren Eierbecher aus Rio de Janeiro reißen wird. Sie wird all diese Dinge auch nicht als Sammelstücke gekauft haben, wenn Sie wissen, was ich meine, sie hat einfach nur gern … gesammelt.« Laurie lehnte sich in ihren Sessel zurück. »Ich fühle mich so schlecht dabei, wie eine Grabräuberin.«

Matt nickte verständnisvoll. »Das verstehe ich, doch dazu besteht kein Grund, glauben Sie mir. Sagen sie sich einfach, dass Ihre Tante zu Lebzeiten viel Freude an diesen Dingen hatte und sie damit ihren Zweck erfüllt haben. Ihnen würden sie diese Freude vermutlich nicht bereiten, weshalb es auch nicht verwerflich ist, sich davon zu trennen. Behalten Sie vielleicht einige ausgewählte Stücke, die Ihnen tatsächlich gefallen, die Sie an Ihre Tante erinnern, und ich kümmere mich um den Rest. Wäre das ein Angebot? Ich bin schließlich hier, um Ihnen die Arbeit und den Abschied zu erleichtern.«

»Ja, das klingt tatsächlich nach einem guten Angebot. So machen wir das.« Laurie fand ihr Lächeln immer etwas bemüht, aber diesmal versuchte sie, nicht bemüht zu lächeln, denn sie war wirklich dankbar. Jemand hatte ihren Eltern, die auch die Kosten übernahmen, Das Beste bewahren empfohlen, und es wäre wirklich ein Segen, wenn ihr damit erspart bliebe, Dutzende Müllsäcke mit Souvenirs aus aller Herren Länder eigenhändig entsorgen zu müssen. Sie mochte auch June nicht andauernd um Hilfe bitten, also war es wohl so das Beste. Matt stand auf, um zur Tat zu schreiten.

»Dann würde ich im Schlafzimmer anfangen, wenn Sie damit einverstanden sind. Sie können gern hier weitermachen, legen Sie einfach alles zur Seite, was Sie behalten möchten, ich bringe Ihnen dann nachher die Liste mit den Verkaufswerten.« Laurie führte ihn zu Dots Schlafzimmer. »Ah, und noch etwas«, sagte er, bevor er darin verschwand, »ich trage extra keine Jacke, und meine Taschen habe ich zugenäht, damit gar nicht erst der Verdacht aufkommt, ich könnte etwas abzweigen.« Er zog an den Hosentaschen seiner Jeans, die tatsächlich keinen Fingerbreit nachgaben.

»Sehr vorausschauend gedacht, aber ich vertraue Ihnen«, versicherte ihm Laurie.

Als sie zurück ins Wohnzimmer kam, schaute June von den Bücherkisten auf. »Das ist also der Sensenmann?«, fragte sie leise.

»Ich muss gestehen, ich hatte ihn mir auch etwas anders vorgestellt.« Laurie ließ sich auf die Couch fallen. »Selbst wenn er mit messerscharfer Sense gekommen wäre, hätte ich ihn hereingelassen, denn seien wir ehrlich, ich will das einfach erledigt haben. Die Arbeit geht doch ganz schön ins Kreuz, denn vergiss nicht, in einem Monat werde ich vierzig! Morgen gehe ich erst mal in die Bücherei und hole mir einen Schwung Neuerscheinungen zur Erholung.«

»Gute Idee. Aber du weißt, dass Nick sie jetzt leitet?«

»Ja, ich weiß.«

»Seine Eltern haben sich zur Ruhe gesetzt.«

»Habe ich gehört.«

»Und er ist geschieden, schon seit ein paar Jahren.«

»June, das weiß ich. Aber ich will mir wirklich nur was zum Lesen holen.«

June hob beschwichtigend die Hände. »Ich wollte es lediglich gesagt haben. Liest du immer noch Cosy Crime?«

»Ich lese alles, in dem das Verhängnis lange Schatten wirft. Schatten des Schweigens, Mörderische Geheimnisse, Der tote Gärtner und wie sie alle heißen. Hauptsache, ich kann damit den ganzen Tag auf der Couch liegen, und es bringt mich auf andere Gedanken.«

June hielt sich ihr kaltes Glas an die Wange. »Du solltest mit dem Sensenmann ausgehen. Bestimmt möchte er mit dir über den Familienschmuck sprechen oder was aus den fünfzig Jahre alten Lexika werden soll.«

»Er macht eigentlich einen ganz netten Eindruck«, sagte Laurie. »Findest du ihn nicht nett?«

»Doch, ich finde ihn nett. Ich hatte das übrigens ernst gemeint. Es war ein vollkommen ironiefreier Vorschlag, dass du mit ihm ausgehen sollst. Hör einfach mal einen Moment auf, dir wegen deiner Zukunft Sorgen zu machen. Geh nett mit ihm essen, vielleicht auch ins Bett – das Gute ist ja, mit einem Typen, der bereits die Unterwäscheschublade deiner Großtante begutachtet hat, steigst du gleich auf einem ganz anderen Level ein.«

Laurie ließ ihren Blick durchs Zimmer schweifen, über das Chaos aus Kisten und Kartons, über die Sachen, sie die beiseitegelegt hatte, und die großen Müllbeutel, die schon halb gefüllt herumstanden. »Irgendwie hatte ich gehofft, ein ganzes Zimmer voller Hochzeitsgeschenke zurückzuschicken wäre die größte Herausforderung, der ich mich vor meinem Vierzigsten zu stellen hätte.« Es war jetzt fast ein Jahr her, dass sie und Chris – oder nein, eigentlich nur sie – die Hochzeit abgeblasen hatten, und vor ein paar Monaten hatte dann auch das letzte der vielen Geschenke seinen Weg zurück zum Absender gefunden. »Junie, ich glaube, du hast wirklich etwas gut bei mir.«

June rollte bloß mit den Augen und begann an den Fingern abzuzählen. »Die Wohnungssuche in Philadelphia, als ich noch im Buchladen gearbeitet habe. Die Durchsicht meiner College-Bewerbungen, du hast manches praktisch neu geschrieben. Dass du mich zum Hautarzt begleitet hast, als mir dieses Muttermal am Rücken weggemacht werden musste. Nicht zu vergessen die Stunden in dem bestimmt höllisch unbequemen Kleid auf meiner Hochzeit. Deine Bilanz sieht ganz gut aus, würde ich sagen. Und es mag jetzt egoistisch klingen, aber lieber helfe ich dir hiermit, als eine Scheidung mit dir durchzustehen. Uh.« Sie schüttelte sich.

»Ich weiß nicht mal, ob ich mich hätte scheiden lassen«, sagte Laurie. »Vielleicht wäre ich auch einfach verheiratet geblieben, hätte Suppen gekocht und wäre allmählich zu Staub zerfallen.«

June runzelte die Stirn. »Suppen gekocht?«

»Ja. Ich habe in den Monaten vor der Trennung ständig Suppe gekocht. Suppe, wenn ich depressiv war, Suppe, wenn ich über etwas nachdenken musste, Suppe, wenn er da war, Suppe, wenn er weg war. Ein bisschen so, als wollte ich Vorkehrungen für eine postapokalyptische Zukunft schaffen – mit der Apokalypse meine ich natürlich die Hochzeit.«

»Vielleicht war ja auch die Trennung die Apokalypse.«

»Die sah ich da noch nicht kommen.«

June zog eine Augenbraue hoch, eine Fähigkeit, um die Laurie sie immer beneidet hatte. »Vielleicht ja doch.«

»Du bist so klug.«

Sie räumten weiter Bücher in Kartons, Bücher und immer noch mehr Bücher, und Laurie nahm sich einen Schuhkarton, in den sie kleinere Erinnerungsstücke legte. Sie behielt einen Kühlschrankmagneten (Leck Mich), einen Satz Untersetzer mit Jugendstilmotiven und die daumengroße Keramik-Eule, die immer auf der Fensterbank in der Küche gestanden hatte.

Nach einer Weile tauchte Matt wieder auf. »Ich wäre dann so weit. Sollen wir schon mal eine erste Bestandsaufnahme der Wertsachen aus dem Schlafzimmer machen?«

Sie setzten sich zusammen und er erklärte, dass Dot zwar keinen teuren Schmuck besessen habe, der Opalring sich aber bestimmt verkaufen ließe, ebenso wie die Armbanduhr mit den kleinen Diamanten. Auch für die Patchworkdecke wäre sicher etwas zu bekommen, die sei echte Handarbeit und sehr gut erhalten. Aber damit hatte es sich auch schon. Er nannte eine Summe und Laurie bat ihn, alles in Kommission zu nehmen. Sie hoffte eigentlich nur, am Ende so viel dafür zu bekommen, dass die Kosten für den Flug gedeckt wären. Dann zeigte sie ihm ihr Lieblingsstück. »Haben Sie meine Ente schon gesehen?«

»Die Jagdattrappe?« Ein leicht schiefes Lächeln spielte um seine Lippen, und in die Augenwinkel traten feine Fältchen, die aussahen wie knittrige Sternchen. »Die habe ich gesehen. Wissen Sie, woher Ihre Tante die hatte? Gibt es Jäger in der Familie?«

Laurie schüttelte den Kopf. »Keinen einzigen. Ich hatte gehofft, dass Sie mir etwas dazu sagen könnten. Ich überlege auch, warum die Ente ganz unten in ihrer Wäschetruhe gelegen hat und nicht irgendwo hier im Haus stand wie alles andere auch.«

»Dürfte ich sie mir genauer ansehen?«, fragte er, und Laurie reichte sie ihm. »Die ist wirklich in einwandfreiem Zustand. Was hielten Sie davon, wenn ich Ihnen fünfzig Dollar gebe und schaue, ob ich einen Interessenten finde? Sollte ich mehr dafür bekommen, machen wir halbe-halbe.«

Laurie lächelte. »Sie ist mir ehrlich gesagt ziemlich ans Herz gewachsen. Ich glaube, ich behalte sie.«

»Laurie kennt sich aus mit Enten«, warf June ein. »Sie schreibt für namhafte Magazine über Frösche und Sümpfe oder eben Enten.« Was sie nicht sagte, war, dass Laurie auch für Alumni-Magazine, Kundenzeitschriften und andere ähnlich unglamouröse Presseerzeugnisse schrieb, die aber den Vorteil hatten, sie regelmäßig mit neuen Aufträgen zu versorgen und vor allem pünktlich zu zahlen.

»Wirklich? Das ist ja spannend. Natur ist sozusagen mein Steckenpferd. Was haben Sie zuletzt geschrieben, vielleicht kenne ich es sogar.«

»Zuletzt …«, wiederholte Laurie und dachte nach. »Ah, das muss der Artikel für The Atlantic über die texanische Blauechse gewesen sein, eine Spezies, die es zwar nicht gibt, die aber gerade deswegen legendär ist.«

»Der war von Ihnen? Natürlich habe ich den gelesen, ich war begeistert.« Er strahlte sie an. »Dann habe ich vollstes Verständnis, dass Sie sich nicht von der Ente trennen wollen. Würde ich an Ihrer Stelle auch nicht. Aber dürfte ich wohl ein paar Fotos davon machen? Ein Freund von mir kennt sich auf dem Gebiet ziemlich gut aus, dem würde ich das gern zeigen. Vielleicht weiß er sogar mehr darüber.«

»Ja, natürlich«, sagte Laurie. »Je mehr Leute sie sich ansehen, desto größer die Chance, etwas darüber zu erfahren.«

»Das ist sehr freundlich von Ihnen«, warf June ein. »Da wird Laurie sich sicher gern erkenntlich zeigen.«

»Keine Ursache«, winkte er ab. »Man tut, was man kann.« Während er Bilder mit der Handykamera machte, schaute Laurie June so intensiv an, als wolle sie ihr ein Loch in die Stirn brennen. »Geben Sie gut auf dieses Schätzchen acht«, meinte er dann.

»Das werde ich«, versprach sie.

Er brauchte noch mal gut zwei Stunden, bis er sich durch das übrige Haus gearbeitet hatte. Laurie und June packten in der Zwischenzeit Kartons mit Schuhen und Handtaschen aus und wieder ein und gingen den Kleiderschrank durch. Als sie sich alle wieder im Wohnzimmer einfanden, fiel sein Angebot recht spärlich aus. Ein handgeschnitztes Holztablett könnte hundert Dollar einbringen, die silberne Teekanne, die Dot von ihrer Mutter geerbt hatte, vielleicht das Doppelte. Dann noch hier und da ein paar Kleinigkeiten, aber alles nicht weiter der Rede wert. Niemand dürfte Interesse an den Polaroid- oder den anderen Kameras haben. Während er den Vertrag fertig machte, wurde Laurie plötzlich nervös. »Und Sie?«, tastete sie sich vor. »Leben Sie hier in Calcasset?«

»Camden«, antwortete er, was nicht weit weg und schon mal gut war. »Sie meinten, Sie wären hier aufgewachsen«, nahm er den Faden auf.

»Ja, bis zum College. Kurz danach sind auch meine Eltern weggezogen, weil mein Dad eine neue Stelle in Florida bekommen hat. Und jetzt im Alter finden sie das mildere Klima dort ganz angenehm.« Sie überlegte einen Moment. »Haben Sie Kinder?« Wenn sie wissen wollte, ob jemand Single war, fragte sie aus unerfindlichen Gründen immer, ob er Kinder hatte, was die komplett falsche Frage war, denn sie sagte wenig über seinen Beziehungsstatus aus, ließ sich aber besser als Small Talk deklarieren. Wo kommen Sie her? Was machen Sie beruflich? Haben Sie Kinder? Die üblichen Fragen eben, auch wenn sie damit eigentlich meinte Haben Sie familiäre Verpflichtungen?

»Nein«, sagte er. »Aber einen Hund. Der hält mich auch ganz schön auf Trab.«

Hinter ihm klimperte June verzückt mit den Wimpern, als würde sie süße Katzenvideos gucken.

»Ich habe die Fotos von dieser Ente übrigens vorhin meinem Freund geschickt, er hat das sofort erkannt und gesagt, es wäre Massenware ohne echten Wiederverkaufswert. Ihre Tante hatte vermutlich längst vergessen, dass sie diese Ente überhaupt hatte. Sie würden sich wundern, wie oft es vorkommt, dass Leute irgendwelchen Kram aufheben und sich dann zwanzig, fünfzig Jahre später selbst nicht mehr erklären können, wie das jetzt in den Keller gekommen ist oder eben in die Wäschetruhe, in irgendeinen alten Koffer. Tut mir leid, dass ich keine bessere Nachricht für Sie habe.« Er verschränkte die Arme vor der Brust. »Man steckt in den Leuten nicht drin, will ich damit sagen.« Er schwieg einen Moment und ihr war, als sehe sie ein helles Funkeln in seinen Augen aufscheinen. Ganz kurz nur, eher den Anflug eines Funkelns. Aber vielleicht bildete sie sich das auch bloß ein. »Bei mir im Laden würde sich das als Deko trotzdem gut verkaufen, weshalb ich Ihnen noch immer fünfzig Dollar dafür bieten würde. Wenn Sie sich denn davon trennen wollen.«

Sie schüttelte den Kopf. »Danke, das ist wirklich sehr nett, dass Sie sich die Mühe gemacht haben, aber jetzt hängt mein Herz doch irgendwie schon daran.« Und während sie noch überlegte, wie sie mit dem nächsten Ausatmen ganz beiläufig ein »Wollen wir mal essen gehen?« anbringen könnte, stand er bereits auf und schüttelte ihr die Hand.

»Also gut«, sagte er. »Das war es dann für heute. Geben Sie mir einfach Bescheid, wenn Sie hier mit allem durch sind, dann komme ich die restlichen Sachen holen und kümmere mich um die Termine für Spendentransport und Entrümpelung. Wollen wir so verbleiben?«

Natürlich, sagte sie, sie würde sich die Tage melden, was hätte sie auch sonst sagen sollen? »Ich möchte Sie noch nicht gehen lassen, weil ich die Lachfältchen um Ihre Augen mag. Können wir das hier bitte noch etwas in die Länge ziehen?« Natürlich würden sie so verbleiben. Sie unterschrieb noch irgendwelche Formalitäten, sie gaben sich erneut die Hand, dann war er auch schon weg. Sie hörte draußen seinen Wagen wegfahren und drehte sich um zu June. »Kann sein, dass ich etwas aus der Übung bin.«

»Überhaupt nicht«, meinte June. »Ich fand das ehrlich gesagt ziemlich heiß, diesen höflichen Händedruck. Es kam mir fast schon indiskret vor, euch dabei zu beobachten.«

Laurie und June räumten noch bis zum frühen Abend im Haus herum, dann gingen sie essen. Es gab gebratenen Fisch und Krabben, dazu frisches Brot und Weißwein, aber nicht zu viel. Der Sensenmann war noch immer Thema. Es war ja nicht so, als ob Laurie seine Nummer nicht hätte, die stand auf seiner Karte, sie könnte ihn jederzeit anrufen. Auf dem Rückweg setzte sie June zu Hause ab, und sie umarmten sich zum Abschied.

Zurück in Dots Haus saß Laurie oben in einem der nicht mehr genutzten Schlafzimmer, vor sich an der Wand das große Gemälde mit den Segelschiffen und neben sich auf dem Bett den Schuhkarton mit den Privatbriefen, die sie nicht lesen würde, natürlich nicht, denn es gehörte sich einfach nicht, in anderer Leute Liebesbriefen herumzuschnüffeln. Aber die Arbeit der letzten Tage lastete auf ihr, eine ungute Mischung aus Ungewissheit, Enttäuschung und Pflichtgefühl, die einfach nicht nachlassen wollte. Vielleicht würde sie sich doch einen der Briefe ansehen, nur einen einzigen, ihn lediglich kurz überfliegen, einen von John vielleicht, denn wie skandalös konnte ein Brief von einem Chemiker schon sein?

Sie nahm den Deckel vom Karton und blätterte den Stapel durch, bis sie einen Brief mit Absender J. Harlan fand. Er hatte in Bangor gewohnt, wohnte vielleicht nach wie vor dort – falls er überhaupt noch lebte, was nicht gerade wahrscheinlich war. Als sie den Brief aus dem Umschlag nahm, fiel ihr Blick als Erstes auf das Datum. 14. Juli 1973. Auch wenn sie die Zeilen bloß überflog, meldete sich prompt ihr schlechtes Gewissen. Ein »vermisse Dich« las sie und »mag ich mir kaum vorstellen«, »schwere Zeiten« und »Dein Lächeln«. Sie war nicht mehr nur in Dots Haus, wühlte sich durch Kisten und Kartons irdischer Hinterlassenschaften, sie war in einen Bereich ihres Lebens vorgedrungen, in dem sie nichts verloren hatte. Sie hatte hinter die Vorhänge geschaut, an der Tür gelauscht, war unters Bett gekrochen. Es fühlte sich falsch an. Allerdings verriet ihr das wenige, das sie las, dass der Brief an eine Frau gerichtet war, die unglücklich schien und eine schwere Zeit durchmachte. 1973 war das Jahr, in dem Dots Schule mit der aus dem Nachbarort zusammengelegt worden war und sie sich nach einer neuen Stelle hatte umsehen müssen. Diesen Teil der Geschichte kannte Laurie, sie wusste aber auch, dass Dot damals vom Sekretariat der Grundschule relativ reibungslos in das der Highschool gewechselt war.

Laurie war auf der letzten Seite angelangt, drei Blätter waren es insgesamt. Sie drehte das letzte um, weil sie wissen wollte, wie er unterschrieben hatte. Hatte er »Dein John« geschrieben oder »In Liebe«, »Mit brennendem Verlangen« oder »In guter Chemie verbunden«?

Es waren schlicht »Herzliche Grüße«. »Herzliche Grüße, John.«

Doch der Satz unmittelbar darüber war es, der Laurie ins Auge sprang. Ein einzelner, abschließender Satz, aus dem viel Zuneigung und Vertrautheit sprachen. »Denk dran: In der Stunde der Not gibt es immer noch die Enten. In Liebe, John.«

»Die Enten«, sagte Laurie leise.

3

In Dots Schmuckschatulle fand sich ein Armband mit achtzehn Anhängern in Herzform. Auf jedem war auf einer Seite ein Name eingraviert und auf der anderen ein Geburtsdatum. Vier der Herzen waren für ihre beiden Neffen und die beiden Nichten, darunter Lauries Mutter Barbara. Die vierzehn anderen, die sich im Stil leicht von den älteren abhoben, waren für deren Kinder, darunter Laurie und ihre Brüder.

Von der weitverzweigten Verwandtschaft war es Lauries Familie, die als einzige in Calcasset geblieben war und sich vermutlich am besten daran erinnerte, wie Dot das Armband zu besonderen Gelegenheiten getragen hatte, an Weihnachten, an Thanksgiving oder eben an den Geburtstagen. Mit einer kleinen Zange löste Laurie vorsichtig ihren Anhänger und legte ihn in den Karton mit Erinnerungsstücken. Nachdem sie sich kurz mit ihrer Mutter besprochen hatte, machte sie auch die restlichen Anhänger ab, packte sie in Plastiktütchen und legte sie erst einmal beiseite, um sie später ihren Verwandten zu schicken.

Als Dot noch berufstätig war, hatten ihre Reisen sich auf ein paar Wochen jeden Sommer beschränkt. Doch nachdem sie, Laurie musste damals zwölf oder dreizehn gewesen sein, in Rente gegangen war, schien ihre Abenteuerlust kaum noch zu bremsen. Sie hatte Kreuzfahrten unternommen, war mit Freunden und Freundinnen verreist und jenen »Freunden«, die eigentlich Liebhaber waren. Sie machte Gruppenreisen und Wandertouren, fuhr mit der Kirche weg. Viele ihrer Reisen hatte sie auch allein unternommen, wie die nach Paris und Sevilla, nach Key West und Tokio, und jedes Mal war sie mit einem Koffer voller Schätze und Erinnerungsstücke zurückgekehrt, und jedes von ihnen hatte seinen Platz gefunden, liebevoll angeordnet in den Regalen, auf Tischen und Fensterbänken, bis das Haus schier überquoll von allem, was Dot während ihres langen Lebens bereist und gesehen hatte.