Mit Cello und Liebeskummer - Catrina Davies - E-Book

Mit Cello und Liebeskummer E-Book

Catrina Davies

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Beschreibung

*** 11.000 Meilen, um ein gebrochenes Herz zu heilen *** Romantisch, emotional und ein bisschen weise Catrina Davies ist jung, ein bisschen neurotisch und sehr verliebt. Doch ihre große Liebe hat einen anderen Plan. Als Catrina dann auch noch ihren besten Freund verliert, macht sie sich auf eine Reise quer durch Europa, der Mitternachtssonne entgegen. Ein herrlich authentisch und gefühlvoll erzähltes Memoir über Musik, den Mut zu lieben, sich zu finden und den eigenen Träumen treu zu bleiben.

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Seitenzahl: 291

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Catrina Davies

Mit Cello und Liebeskummer

Eine Reise zur Mitternachtssonne

 

Aus dem Englischen von Elisabeth Schmalen

 

Über dieses Buch

 

 

Catrina Daviesist jung, ein bisschen neurotisch und sehr verliebt. Doch ihre große Liebe hat einen anderen Plan. Als Catrina dann auch noch ihren besten Freund verliert, macht sie sich auf eine Reise quer durch Europa, der Mitternachtssonne entgegen.

Ein herrlich authentisch und gefühlvoll erzähltes Memoir über Musik, den Mut zu lieben, sich zu finden und den eigenen Träumen treu zu bleiben.

 

Weitere Informationen, auch zu E-Book-Ausgabe, erhalten Sie bei www.fischerverlage.de

 

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Impressum

 

 

 

Deutsche Erstausgabe

 

Erschienen bei FISCHER E-Books

 

Die Originalausgabe erschien 2014 unter dem Titel

»The Ribbons are for Fearlessness: A Journey« bei Summersdale Publishers Ltd, UK

© 2014 by Catrina Davies

Illustrations by Kirstan Gorvin

All rights reserved.

 

Für die deutschsprachige Ausgabe:

© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2015

Covergestaltung: bürosüd, München

Coverabbildung: Kirstan Gorvin

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

ISBN 978-3-10-403393-8

 

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Inhalt

[Widmung]

[Motto]

[Karte mit Reiseverlauf]

Vorwort

Ouvertüre

Erster Akt Die Liebe und der Tod

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

Zweiter Akt Die Mitternachtssonne

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

Dritter Akt Pfade der Freiheit

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

Vierter Akt Mit Mut und ganzem Herzen

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

Schluss

Dank

Für Naomi und Rosie und alle meine weiteren Schwestern

Wir haben uns die ganze Zeit über selbst etwas vorgemacht. Wir haben uns das Leben mit Hilfe eines Vergleichs vorgestellt – als Reise oder Pilgerfahrt, um an deren Ende ein wichtiges Ziel zu erreichen. Es ging darum, zu diesem Ziel – Erfolg oder was auch immer es ist – zu gelangen oder vielleicht auch nach dem Tod in den Himmel zu kommen. Aber wir haben während dieses ganzen langen Weges nicht verstanden, worum es tatsächlich ging. Es ging um Musik, und Sie hätten dazu singen oder tanzen können.

Alan Watts, »Das Tao der Philosophie«

Vorwort

Bevor wir uns auf die Reise machen, möchte ich ein paar Worte zum Thema Wahrheit sagen. Es ist wahr, dass ich in einem vergangenen Sommer mit einem alten gelben Transporter auf eine Fähre Richtung Norwegen fuhr, ohne Rückfahrkarte und mit einem Cello im Gepäck, um mich mit Straßenmusik bis zum Nordkap durchzuschlagen und die Mitternachtssonne zu sehen. Es ist wahr, dass im Jahr zuvor jemand, den ich fast mein ganzes Leben lang gekannt hatte, gestorben war und dass dies der Auslöser dafür war, dieses verrückte Vorhaben in die Tat umzusetzen. Es ist wahr, dass ich Liebeskummer hatte, dass ich verliebt gewesen und verlassen worden war. Es ist wahr, dass ich es schaffte, ein Jahr lang allein in meinem gelben Transporter umherzureisen und zu überleben, indem ich auf Hunderten Straßen von Norwegen bis Portugal Cello spielte. Es ist wahr, dass ich ein Mädchen traf, das mich in Licht hüllte und mir zwei Schleifen schenkte, um mir Mut zu machen. Ich habe sie immer noch. Das sind die Fakten.

Als ich das erste Mal versuchte, dieses Buch zu schreiben, verstand ich die Verbindung zwischen Tatsachen und Geschichten noch nicht. Was am Ende herauskam, war so lang wie »Ulysses« und nicht halb so lesbar, und die Wahrheit verlor sich in endlosen Sackgassen der Verwirrung und der Langeweile. Also versuchte ich es erneut. Ich erkannte, dass das Verhältnis zwischen Tatsachen und Wahrheit in Geschichten nicht immer eindeutig ist. Geschichten haben ihre eigene innere Logik, die die Wahrheit zum Vorschein bringt. Um diese Wahrheit zu finden, müssen die Fakten geformt und reduziert werden, so wie ein Bildhauer einen Steinblock bearbeitet, um die darin verborgene Gestalt freizulegen. Also machte ich mir zunächst ganz klar, worin die Wahrheit meiner Reise bestand, die Wahrheit, die ich dort draußen auf der Straße erlebt hatte, und ließ mich dann von den Erfordernissen der Geschichte leiten. Ich verschmolz ein halbes Dutzend Menschen zu einer Figur, änderte Namen und verlegte wichtige Begegnungen von einem Ort an einen anderen. Diese poetische Verarbeitung der Tatsachen ist nicht nur berechtigt, sondern auch notwendig, um die Wahrheit heller erstrahlen zu lassen.

Ouvertüre

Seit ich wieder da bin und meine Geschichte erzähle, stellen mir alle die gleiche Frage: Wenn ich vorher gewusst hätte, wie schwierig es werden würde, wie viele Berge ich erklimmen, über wie viele einsame Straßen ich fahren, wie viele Stunden Musik ein bis dahin unbekannter Teil von mir hervorbringen müsste, wäre ich trotzdem gefahren?

Vielleicht nicht.

Schon so war es eine gewaltige Herausforderung: Es nur mit Straßenmusik zur Mitternachtssonne und wieder zurück zu schaffen. Mit einem Cello. Das ich nie zuvor auf der Straße gespielt hatte. Oder sonst wo, außer in meinem Schlafzimmer. Aber ich ging davon aus, ich sei in ein paar Monaten wieder zu Hause. Ich würde es tun, weil ich musste, für Andrew, und dann würde ich wieder in mein altes Leben zurückkehren. Und es hätte sich nicht viel verändert, abgesehen davon, dass Andrew fehlte, natürlich, und dass Jack erkannt hätte, dass ich es wert war, zu mir zurückzukehren.

Doch so kam es nicht. Alles veränderte sich. Weil ich Hanna traf.

Am Tag, an dem ich zurückkam, als wir endlich alle wieder im Broadsands waren, dem Hostel für Rucksacktouristen in der Nähe von Land’s End in Cornwall, in dem ich vor meinem großen Abenteuer mehrere Jahre lang gewohnt und gearbeitet hatte, versuchte ich, den anderen von Hanna zu erzählen. Es war genau wie früher. Sie machten sich über mich lustig.

Ich habe oft darüber nachgedacht, wie leicht ich Hanna hätte verpassen können. Wenn ich eine Stunde später da gewesen wäre oder eine Stunde früher. Wenn der Nebel sich nicht gelichtet hätte. Wenn ich Ben nicht aus der Telefonzelle in Tromsø angerufen hätte. Wenn ich Henrik nicht kennengelernt hätte. Wenn ich erst gar nicht losgefahren wäre.

Ich glaube nicht an das Schicksal, aber mittlerweile glaube ich an Mut.

Ich glaube, dass es ausgetretene Pfade gibt, auf denen wir durchs Leben gehen, Pfade, die uns durch das, was wir hören, sehen und lernen, durch Familie und Freunde, durch die Gesellschaft, in der wir leben, durch ihre Medien vertraut sind. Pfade, die zum Pub führen, zum Sofa, zum Supermarkt, zu dem Job, den wir satthaben, aber aus Feigheit nicht aufgeben, zu unseren Häusern, die wir unerträglich finden, zu der Politik, die nichts mit uns zu tun hat.

Jetzt weiß ich, dass es auch andere Pfade gibt. Wahnsinnige, unvernünftige, lächerliche Pfade. Pfade, die noch von niemandem beschritten wurden. So ist es ganz leicht, sie zu ignorieren, denn ihnen zu folgen bedeutet, sich auf ein Ziel im Ungewissen einzulassen, nach dem Motto: Augen zu und durch.

Aber wenn man sich traut, wenn man sich auf diese Pfade begibt, egal, wie wahnwitzig sie erscheinen mögen, wenn man seinen Mut zusammennimmt und losgeht, dann trifft man Menschen, die einen verändern. Wie Hanna.

Früher habe ich nie verstanden, was Mut ist. Ich glaubte, dass ein paar Glückspilze wie Jack einfach angstfrei auf die Welt kommen und deshalb auf riesigen Wellen surfen und ohne Seile gewaltige, überhängende Felswände hinaufklettern. Aber Mut hat nichts damit zu tun, keine Angst zu haben. Es geht darum, Dinge trotzdem zu tun, zurechtzukommen, zu leben, ob man nun Angst hat oder nicht. Mut heißt nicht, hohe Klippen ohne Seil zu erklimmen. Mut heißt, mit ganzem Herzen davon zu erzählen, wer man selbst ist. Mut heißt, mit ganzem Herzen zu sein, wer man ist.

Also gab ich den Versuch auf, nach meiner Rückkehr im Broadsands mit den anderen zu sprechen, lief stattdessen zu meinem Transporter und holte die alte Gitarre heraus, die Francis Philippe mir am Salagou gegeben hatte. Ich ging wieder zurück in die Bar, setzte mich hin und spielte die ersten Akkorde von »Bruca Maniguá«, dem Lied, das mich immer an Hanna und die Nacht, in der wir zusammen durch die Wildnis fuhren, erinnern wird. Dann fing ich an, den Text zu singen, den ich selbst geschrieben hatte. Das ließ sie verstummen. Sie sahen mich an, als hätten sie mich noch nie zuvor gesehen, was nicht weiter verwunderlich war. Früher verging ich vor Scham, wenn einer von ihnen mich zufällig durch die dicken Wände der Schlafbaracke Cello spielen hörte, und nun spielte und sang ich in aller Öffentlichkeit.

You said you wrapped me up in light that day,

You said you’d show me how to find my way,

You said these moments are all precious,

And the ribbons are for fearlessness …

Es war nicht leicht. Ich musste eine Pause einlegen, und da fiel mir auf, dass sie sich nicht mehr über mich lustig machten.

»Was ist das?«, fragte Ben. »Es kommt mir so bekannt vor.«

»Das ist ein altes kubanisches Lied. Ibrahim Ferrer hat es gecovert. Ich habe es unterwegs oft gespielt. Das Mädchen, von dem ich versucht habe zu erzählen, hat mich darauf gebracht. Genau genommen handelt das Lied sogar von ihr.«

»Wie kann ein altes kubanisches Lied von dem Mädchen handeln, das du in Norwegen getroffen hast?«

»Der Text ist von mir.«

Jack und Ben sahen sich an.

»Fang noch mal von vorne an«, sagte Jack.

Erster AktDie Liebe und der Tod

1

Anfänge sind schwer zu bestimmen, weil sie sich immer mit Enden überschneiden, aber ich glaube, man kann sagen, diese Geschichte begann, wo sie aufhörte: im Broadsands. Es war an einem Morgen im Hochsommer, der Tag brach gerade an. Ich verabschiedete mich von Ben, der das Hostel leitete, und fuhr mit meinem leuchtend gelben Transporter 500 Meilen die Küste hinauf bis nach Newcastle – zumindest die Stellen, die der Rost nicht braun gefärbt hatte, waren leuchtend gelb. Nicht diese Art von Gelb, wie man es in einer Transporterfabrik findet. Eher so ein Gelb, das man erhält, wenn ein Kumpel eine Dose Sprühfarbe übrig hat.

Wahrscheinlich hielt mich der Polizist deshalb an. Er zog die Luft scharf durch die Zähne und trat gegen einen Reifen, dann gegen einen zweiten. Ich rieb mir die Augen und konzentrierte mich darauf, normal zu wirken. Wenn ich nur jemand anderes wäre: Ich hätte sonst was getan, um zu den Leuten zu gehören, die eine sorglos-unbekümmerte Grundeinstellung zum Leben haben. Aber so bin ich nicht. Ich bin jemand, der sich Sorgen macht. Und die vierzehnstündige Reise von Land’s End zum Tyne-Tunnel, von wo aus eine vierundzwanzigstündige Nordseeüberquerung auf einer Fähre Richtung Norwegen folgen sollte, hatte ich meinem klapprigen uralten Transporter nicht deshalb zugemutet, weil ich mutig war und die Unabhängigkeit liebte oder weil das zu den Dingen gehörte, die ich eben so machte. Ich hatte es aus den zwei Gründen getan, die Menschen schon immer antreiben: Liebe und Tod.

Den Transporter hatte ich erst seit ein paar Wochen. Ich hatte mich für diesen entschieden, weil ich mir nur diesen leisten konnte und weil er so alt war, dass er ein Kassettendeck hatte. Damit konnte ich endlich die sechs verstaubten Kassetten hören, das Einzige, was mir von Jack geblieben war. Es war ein dreieinhalb Tonnen schwerer Iveco Daily mit mittlerem Radstand und einer Menge PS. Ehrlich gesagt fühlte es sich an, als führe ich einen Vierzigtonner. Ben hatte ihn billig von seinen Moto-Cross-Freunden bekommen. Er roch nach Schmieröl und alten Motorrädern.

Die meisten Leute hatten geglaubt, er würde nicht einmal die Strecke bis hierher schaffen, geschweige denn das, was noch kommen sollte. Sie zogen die Augenbrauen hoch, schüttelten die Köpfe und versuchten – ziemlich erfolglos –, so zu tun, als würden sie mich nicht für verrückt halten. Es stimmt, dass der Transporter nicht den besten Eindruck machte. Zu dem Rost und der Sprühfarbe kamen eine Kupplung, die quietschte, eine mörderische Schiebetür, die ständig abfiel und mir schon zu einer Naht mit neun Stichen am Kopf verholfen hatte, und zwei abgefahrene Reifen. Um die machte ich mir allerdings keine großen Sorgen, weil sie sich hinten befanden, wo auf jeder Seite zwei davon waren. Ben nannte das »Doppelachse«. Ich nannte es »viel hilft viel«. Bis mich der Polizist anhielt.

Ich versuchte zu lächeln und hielt ihm mein Fährticket unter die Nase, um ihm klarzumachen, dass ich das Land verlassen wollte.

»Routinemäßige Sicherheitskontrolle.«

Mir sank das Herz in die Hose.

Wenn Jack doch nur da wäre. Der goldhaarige, breitschultrige, felsenkletternde, verführerische, selbstverliebte Jack. Jack drehte nicht durch, wenn er ein Polizeiauto sah. Er umklammerte nicht mit schwitzenden Händen das Lenkrad, fest davon überzeugt, für ein Verbrechen eingesperrt zu werden, von dem er nicht einmal wusste, dass er es begangen hatte. Aber Jack war nicht da.

Der Polizist forderte mich auf, den Rückraum zu öffnen.

Ich saß auf dem Fahrersitz. Die Hintertür ließ sich nicht von außen öffnen, sie war kaputt. Die Seitentür war mit Kabelbindern befestigt. Es war eine Sache, mich selbst k.o. zu schlagen, aber eine ganz andere, einen Polizisten bei einer routinemäßigen Sicherheitskontrolle außer Gefecht zu setzen. Meine einzige Möglichkeit bestand darin, mich durch eine kleine Öffnung in der metallenen Rückwand der Fahrerkabine zu zwängen. Und damit noch nicht genug: Ein paar schreckliche Sekunden lang glaubte ich, der Polizist müsste die Feuerwehr rufen. Dann gab es einen lauten Knall, und ich landete kopfüber auf dem Boden.

Der Beamte warf einen Blick ins Innere. Er sah mich an und dann wieder in den Transporter. Es war ein ungewöhnlicher Anblick. Die nackten Seitenwände aus Metall und der rostige Boden waren eilig mit Nut- und Federholzresten aus dem Müll ausgelegt worden, bis mein neues Zuhause einer ungenutzten Sauna ähnelte. Abgesehen davon, dass es weder über Isolierung noch über eine Heizung verfügte. Die unverkleidete Glasfaserdecke war schwarz vor Schimmel. Zwei Jeans, vier T-Shirts, zwei warme Pullover und ein paar peinliche Unterhosen steckten in den Resten eines alten Fischernetzes, die Ben am Strand gefunden hatte. Ein asymmetrisches Stück Sperrholz mit einem spülwannengroßen Loch und einem gebrauchten Gaskocher obendrauf stellten meine Küche dar. Außerdem gab es einen Schrank, der auch als Bett diente. Der Polizist forderte mich auf, ihn zu öffnen. Er kratzte sich am Kopf. In dem Schrank lag, in seinem alten, abgenutzten Koffer, mein Cello.

Es ist vielleicht exzentrisch, aber grundsätzlich nicht illegal, in einer ungenutzten Sauna mit einem Cello unter dem Bett umherzureisen. Nachdem mich der Polizist wegen meiner Reifen verwarnt hatte, ließ er mich ziehen. Ich schaffte es gerade rechtzeitig zur Fähre, um einen Mann in einem knallbunten Overall den Transporter mit einem Lineal vermessen und mich an Bord winken zu lassen. Hinter mir reihten sich Autos, LKWs und glänzend weiße Wohnmobile aneinander und stellten die Motoren ab. Ich saß regungslos auf dem Fahrersitz und wünschte, ich wäre eine Million Meilen weit weg. Vorzugsweise auf einem anderen Planeten, wo das Leben einer alten Kassette gleicht und man die Stellen, die einem nicht gefallen, einfach überspielen kann. Die Fehler löschen, zum Anfang zurückkehren, sagen, was man nie gesagt hat, tun, was man nie getan hat. Mit einem lauten Knall schlossen sich hinter mir die massiven Metalltore der Fähre wie ein riesiger Kiefer. Mein Körper fühlte sich schwer an. In meinen Augen brannten Tränen. Denn das Leben ist keine alte Kassette, man kann nicht auf Pause drücken und es auch nicht zurückspulen. Es gibt keinen Weg zurück.

2

Ich hatte Jack an einem Wintertag am Strand kennengelernt.

Wie so oft saß ich zwischen den Dünen und beobachtete die Wellen. Ich mochte es, ihnen dabei zuzusehen, wie sie gegen die Felsen schlugen oder Muster in den Sand zeichneten. Ich dachte gern darüber nach, wie weit sie gereist waren, woher sie wohl kamen. Aus der Karibik oder Alaska oder von einem namenlosen Ort mitten im Ozean. Es regnete leicht. Ich trug einen alten Anorak. Jack nicht. Jack kümmerte sich nicht um so etwas wie Regen. Er tauchte aus dem Nebel auf, nur mit einem Rucksack voller Kletterseile und einem Surfbrett unter jedem Arm.

Das Broadsands hatte Zimmer mit Stockbetten, die Ben gelegentlich an umherreisende Surfer vermietete. In solchen Zimmern lebten Andrew und ich. Als Gegenleistung arbeiteten wir ein paar Stunden hinter der Theke, wenn viel Betrieb war, was aber nie vorkam. Das Broadsands lag eine Meile vom Strand entfernt, ganz in der Nähe des kleinen Dorfes, in dem Andrew und ich groß geworden waren. Die meisten Leute, die in dem Dorf aufwuchsen, verließen es, sobald sie alt genug waren, ein Zugticket zu kaufen. Andrew und ich hatten versucht wegzuziehen, waren aber beide zurückgekommen. Andrew, weil er surfsüchtig war, und ich, weil ich nicht wusste, was ich mit meinem Leben anfangen sollte, und weil es schwierig ist, ohne das Meer zu leben, wenn man einmal in seinen Bann geraten ist.

Ben bot Jack ein Zimmer an, aber Jack bestand darauf, den Schuppen hinten im Garten zu entrümpeln, der knapp zwei mal zwei Meter groß war und in dem Mäuse und Spinnen hausten. Er deckte den uralten, verrotteten Boden mit Strandmatten ab, breitete seine Therm-a-Rest-Matte darauf aus und baute aus Treibholz ein Regal für seine Romane von Aldous Huxley und Jack Kerouac, für die Bücher mit japanischen Gedichten und das halbe Dutzend Kassetten, die sich niemand anhören konnte, denn wer zum Teufel hat noch einen Kassettenrekorder?

Jeden Morgen brühte Jack frischen Kaffee in einer Bialetti-Espressokanne auf, die er auf einem alten Trangia balancierte, einem Spirituskocher, der für extreme Höhenlagen gedacht war und den ganzen Raum mit Benzingestank erfüllte. Jack trug Shirts mit Blumendruck, die er in Läden von Wohltätigkeitsorganisationen kaufte, und auf seine Surfbretter waren japanische Schriftzeichen gesprüht. Er bezeichnete sich selbst als Wanderer und steckte voller Geschichten über all die verrückten Abenteuer, die er seit seiner frühesten Kindheit erlebt hatte. Im Schlepptau seines Vaters, der einen hohen Rang bei der Marine bekleidete, war er schon durch die ganze Welt gereist.

Mein Vater hatte keinen hohen Posten in der Marine. Mein Vater war lustig, charmant, liebenswürdig, traurig und gebrochen durch ein Leben, das viel härter war, als er erwartet hatte. In den achtziger Jahren hatte er aus dem Nichts ein Geschäft aufgebaut und in den Neunzigern alles verloren. Er trank unauffällig und unaufhaltsam, und es machte ihn nicht glücklich. Der Verlust unseres Hauses setzte der Ehe meiner Eltern ein Ende und zeitweise auch der geistigen Gesundheit meiner Mutter. Sie hatte uns alles über die Liebe beigebracht, was man wissen konnte, und im Gegenzug liebten wir sie heiß und innig. Meine Schwestern und ich hielten zusammen und taten, was wir konnten, um unsere Mutter von dem Abgrund wegzuziehen, an dem sie stand, aber es gab Tage, an denen sie kaum unsere Namen wusste. Heimfahrten mit dem Schulbus waren von Angst überschattet. Der drohende Selbstmord zehrte an uns. Ich wurde schnell erwachsen und zog früh aus. Meine Eltern durften nicht mit meinem Überleben belastet werden, während sie um ihr eigenes kämpften. Außerdem schlief ich, seit wir unser Haus verloren hatten, in einem Zelt im Garten der winzigen Wohnung meiner Mutter. Ich besuchte sie oft, aber das Broadsands wurde mein Zuhause und die Menschen, die ich dort kannte, wie Ben und Andrew, meine Familie.

Die Schulbusangst nahm ich mit ins Erwachsenenleben. Vielleicht verliebte ich mich deshalb derart Hals über Kopf in Jack. Jack hatte keine Angst. Er erklomm Felswände und paddelte zu rasiermesserscharfen Riffs hinaus, dorthin, wo es noch niemand gewagt hatte zu surfen. Während die meisten Männer, die Jack trafen, ihm mit einem gewissen Misstrauen begegneten, waren alle Frauen, die ich kannte, in ihn verliebt. Deshalb war ich vollkommen perplex, als er mich auswählte. Mich, einen gewöhnlichen, neurotischen kleinen Wuschelkopf. Ich konnte mein Glück kaum fassen. Endlich war ich sicher.

Nur dass das nicht stimmte.

Denn eines Tages, fast genau ein Jahr später, stand Jack einfach auf und verkündete, er ginge nach Patagonien.

»Ich muss mal raus.«

Er nahm alles mit. Seine Bücher, seine Shirts und die Therm-a-Rest-Matte. Seine Entendaunenjacke. Seine Kletterseile. Seine Bialetti-Espressokanne und seinen Trangia-Kocher. Seine beiden Surfbretter und alle Scherben meines gebrochenen Herzens. Die einzigen Überbleibsel unserer gemeinsamen Zeit waren die alten Kassetten, über die er sagte, ich solle sie ruhig behalten, er könne eh nichts mit ihnen anfangen, und eines seiner Shirts, das ich versteckte, weil es nach ihm roch.

Es brachte mich um, darüber nachzudenken. Es brachte mich um, mir vorzustellen, wie Jacks große, geschickte Hände den Körper einer anderen Frau berührten.

Aber noch schlimmer war es, an Andrew zu denken.

Andrew mit seinen dummen Witzen und den verrückten Träumen, dem mittelmäßigen selbstgezogenen Gras und seinem Talent, auch die schlimmsten Dinge lustig erscheinen zu lassen.

Andrew war so weit weg, dass mir schwindelig wurde. Das Ganze war seine Schuld, aber jetzt an ihn zu denken war keine gute Idee.

Ich saß wie gelähmt auf dem Fahrersitz.

Ein anderer Mann in knallbuntem Overall klopfte ungeduldig an mein Fenster. Ich schnappte mir einen Pulli und stieg mehrere hallende Metalltreppen hinauf, bis ich allein auf dem offenen Deck stand. Dort stützte ich mich auf die Reling und sah zu, wie England schrumpfte und in grauer Dunkelheit verschwand. Ich starrte hinab ins zischende Wasser und dachte an mein Cello.

Es gehörte mir seit dem Tod meines Großvaters, da war ich sieben. Manchmal fühlte es sich so an, als sei es tatsächlich ein Teil von mir, wie ein Bein oder ein Arm. Nach Jacks Abreise holte ich es aus dem Koffer und legte es neben meiner Luftmatratze auf den Boden, damit ich es sah, wenn ich morgens die Augen aufschlug. Dass ich das als tröstlich empfand, war vermutlich auf meine Kindheit zurückzuführen. Als es für meine Familie bergab ging, war mein Cello mein bester Freund und meine Zuflucht. Und die melancholischen Stücke, die ich nach und nach lernte, waren wie ein Rettungsboot, das mich durch mehr Stürme trug, als mir lieb war. Im übertragenen Sinne natürlich. Bis jetzt.

Es regnete. Ich ging hinein und suchte den Raum, in dem ein Schlafsessel für mich reserviert war. Offensichtlich war ich die einzige Passagierin auf dem ganzen Schiff, die sich keine Kabine mit Bett hatte leisten können. Stattdessen hatte ich 150 Schlafsessel und 150 lilafarbene Nylondecken ganz für mich allein. Ich breitete ein paar der Decken auf dem Boden aus und legte mich unter ein riesiges, schräges Fenster. Ich beobachtete, wie wütende graue Wolken Regenspritzer auf das Glas spuckten. Ich stand wieder auf. Ich setzte mich in einen der Schlafsessel, starrte die Wand an und dachte weiter an mein Cello.

Nur dank meines Cellos hatte ich die Monate nach Jacks Weggang überstanden. Ich hatte es heimlich gespielt, mit halbgeschlossenen Augen, Tränen weinend, die trübe Flecken auf dem Lack hinterließen. Wenn ich nicht heimlich Cello spielte, saß ich neben dem Telefon in Bens schäbigem, chaotischen Büro, starrte ins Leere und las immer und immer wieder Jacks einzige SMSIch wünschte, ich könnte dich nackt neben mir spüren. Das machte alles nur noch schlimmer. Oder ich lag im Schuppen auf einer billigen Luftmatratze, die ständig platt war, den Kopf in seinem Shirt vergraben, das jetzt schon mehr nach Feuchtigkeit roch als nach ihm. Oder ich durchstreifte die Secondhandläden in Penzance auf der Suche nach einem Kassettenrekorder und versuchte, mir Jack nicht zusammen mit schönen, selbstbewussten Argentinierinnen mit makellos straffen und gebräunten Körpern vorzustellen. Früher liebte ich das Broadsands. Es fühlte sich an wie ein Zufluchtsort. Nach Jacks Weggang war es ein Gefängnis.

Dann kam der Tag, der alles für immer veränderte.

3

Jack war seit drei Monaten weg.

Ich schlenderte in die Bar. Ben löste gerade ein Kreuzworträtsel und rauchte einen Joint.

Andrew war auch da, auf dem Tisch neben ihm stand ein halb leergetrunkenes Glas Guinness. Ich ließ mich auf einen Barhocker fallen. Ben reichte mir den Joint. Ich betrachtete ihn. Wir machten immer nur dasselbe. Die ganze Welt war voller Leute wie Jack, die lachten, liebten und surften und auf Berge kletterten und draußen unter den Sternen schliefen, und wir machten immer nur dasselbe.

»Willst du einen Brandy?«, fragte Ben.

»Nein.« Ich schüttelte den Kopf. »Ich will raus aus diesem Kaff.«

»Vielleicht wäre es hilfreich, wenn du weniger Zeit mit dem Kopf in Jacks Shirt verbringen würdest.«

Er schenkte sich ein Glas Doom Bar ein. »Findest du nicht, es wird langsam Zeit, dass du darüber hinwegkommst?«

»Ja«, sagte ich mit zusammengebissenen Zähnen. Manchmal hasste ich Ben. »Wie gesagt: Ich muss raus aus diesem Kaff.«

»Was hält dich auf?«

»Du bezahlst uns nicht, verdammte Scheiße. Ich habe kein Geld.«

»Ich habe eben einfach keine Kunden.«

Ich gab den Joint an Ben zurück.

»Ich habe gestern Abend ferngesehen«, sagte Andrew in das angespannte Schweigen hinein. »Eine Sendung über zwei Typen, die sich mit Straßenmusik eine Reise quer durch Amerika finanziert haben. Sie hatten einen alten Transporter und ein paar Gitarren und waren ziemlich schlecht, aber sie haben es trotzdem von Kanada ganz bis nach Mexiko geschafft.«

Ben und ich sahen uns an. Wir wussten, was jetzt kam.

»Und ich habe mir überlegt: Das ist genau das, was wir auch machen sollten. Den Laden hier aufgeben und Straßenmusiker werden. Wir könnten einen alten Transporter kaufen, genau wie die Typen, nach Frankreich fahren und uns mit Musik das Geld zum Herumreisen verdienen.«

Ich sah ihn an.

»Ist das dein Ernst?«

»Natürlich nicht«, meinte Ben. »Er spielt nicht einmal ein Instrument.«

»Ich kann Blockflöte spielen«, sagte Andrew und streckte die Brust raus. »Aber egal, deshalb brauchen wir Catrina.«

Er wandte sich Ben zu. »Ich habe überlegt, du könntest mit dem Hut rumgehen und das Geld einsammeln.«

»Besorgt man sich dafür nicht normalerweise kleine Kinder, denen irgendwelche Körperteile fehlen?«

»Du könntest dich verkleiden«, meinte Andrew.

»Du kannst mich mal«, erwiderte Ben charmant wie immer. »Ich hasse Straßenmusiker. Und Frankreich.«

»Du bist doch noch nie in Frankreich gewesen.«

»Doch.«

Da hatte Andrew eine Erleuchtung.

»Wir könnten zum Nordkap fahren!«

Ich starrte ihn an. »Verdammt!«, sagte ich.

»Wir könnten zum Nordkap fahren und uns Jacks geliebte Mitternachtssonne angucken«, fuhr Andrew fort. »Und es macht gar nichts, dass es eigentlich zu teuer ist, weil wir uns das Geld unterwegs verdienen.«

Jack war ganz besessen von Norwegen. Seiner Ansicht nach war es genau wie Neuseeland, nur ohne die Rucksacktouristen, und von England aus mit dem Auto zu erreichen. Er hatte immer davon gesprochen, dass er und ich uns eines Tages einen Transporter kaufen, ihn mit Essenskonserven vollpacken und bis zum Nordkap hochfahren würden. Wenn er davon redete, lehnte ich den Kopf an seine Schulter und stellte mir vor, wie ich sicher angeschnallt auf dem Beifahrersitz saß und er sich um alles kümmerte. Ich hatte mir auch die Mitternachtssonne ausgemalt, wie sie an einem Himmel voller Sterne entlangwanderte, während Rentiere über die Felsen spazierten und sich fragten, was sie in all diesen Sonnenstunden mit sich anfangen sollten.

»Wo zum Teufel ist das Nordkap?«, fragte Ben, der nicht allzu viel Zeit damit verbracht hatte, Jack zuzuhören.

»Das ist der nördlichste Punkt Europas«, sagten Andrew und ich wie aus einem Mund.

»Also am Nordpol?«

»Liegt der Nordpol in Europa?« Andrew sah mich an. Ich zuckte mit den Schultern.

»Wie auch immer«, sagte Andrew. »Wichtig ist, dass es dort Bären und Rentiere und so etwas gibt. Es würde sich anfühlen wie der Nordpol.«

»Du bist ja völlig durchgedreht.«

»Hey«, rief Andrew, der vor Aufregung ganz hibbelig war, »wir könnten vom Nordkap zum Cabo San Vicente fahren.«

»Was ist das denn?«

»Ein Leuchtturm in Portugal.«

»Ein Leuchtturm in Portugal«, wiederholte Ben und schüttelte den Kopf. »Aber das andere Ende von Europa liegt doch sicher in Italien. Das Gegenteil von Norden ist Süden, weißt du?«

»In Italien gibt es keine guten Wellen«, sagte Andrew.

»Ich mag Italien«, warf ich ein, obwohl ich noch nie dort gewesen war.

»Ich hasse Norwegen«, sagte Ben.

Andrew hörte nicht zu.

»Wir wären frei, nicht mehr Teil des Systems – wie der Typ in dem Film, der ganz allein in Alaska losgezogen ist, in einem alten LKW lebte und Beeren gegessen hat.«

»Und verhungert ist«, ergänzte Ben.

»Wir sterben sowieso. Jeden Tag verschwindet ein Stück mehr, weißt du?«

»Wovon?«

»Von dem hier!« Andrew deutete mit der Hand vage auf die Bar um uns herum. »Vom Leben.«

Ben schnaubte.

»Und deshalb willst du dich in ganz Europa an Straßenecken setzen, ›Imagine‹ auf der Blockflöte spielen, Wein aus einem Tetrapack in dich hineinkippen und dich mit Hunden herumschlagen.«

»Straßenmusiker sind nicht das Gleiche wie Bettler«, sagte Andrew. »Straßenmusik ist ein Dienst an der Öffentlichkeit. Man sollte vom Staat dafür bezahlt werden. Man hält die Leute davon ab, nach einem Einkauf bei Tesco wahnsinnig zu werden.«

»Mich treibt nur Catrinas Cello in den Wahnsinn.«

»Er hat recht«, meinte ich, ganz rot vor Scham. »Mit einem Cello kann man keine Straßenmusik machen. Es ist viel zu groß und zu traurig.«

»Wenn man mit einem Kühlschrank durch Irland trampen kann, kann man auch mit einem Cello Straßenmusik machen.« Tony Hawks zählte zu Andrews Helden.

»O Mann«, sagte Ben, »nicht schon wieder dieser bescheuerte Kühlschrank. Das ist nicht mehr witzig. Es war noch nie witzig.«

»Es ist total cool. Mit einem Kühlschrank zu trampen ist absolut cool.«

»Warum?«

»Halt die Klappe.«

»Halt du die Klappe.«

Kurz wurde es still.

»Wenn keiner mitkommt, fahre ich allein«, sagte Andrew. »Ganz egal, was passiert: Bevor ich sterbe, werde ich als Straßenmusiker von Norwegen nach Portugal reisen.«

Bens und mein Blick trafen sich. Wir unterdrückten ein Lachen. Die Liste der Dinge, die Andrew machen wollte, bevor er starb, war umfangreicher als ein Versandhauskatalog. Genau wie bei uns wurde daraus nie etwas.

Aber dann geschah doch etwas.

Andrew starb.

4

Die Liegesessel waren immer noch alle frei, und die dunkelgrauen Wolken spuckten weiterhin Regenspritzer auf das schräge Fenster. Die Tür ging auf, und herein kam ein kleiner, zäh wirkender Mann mit gräulichen Haaren und einem Koffer in der Hand. Er stellte den Koffer auf den Boden und streckte mir die Hand entgegen.

»Stan. Pub in London, ›Drive with the Arabs‹.«

Stan brauchte einen Drink, und ich wusste, ich würde anfangen zu weinen und nie wieder damit aufhören, wenn ich allein zurückblieb. Also begleitete ich ihn in eine Bar voller lärmender Spielautomaten und aufgeregter Teenager. Ich ließ mich auf einen Barhocker fallen und stützte mein Kinn auf die Hände, während Stan Instantkaffee aus kleinen Tassen hinunterstürzte, pausenlos Zigaretten einer mir unbekannten Marke rauchte und eine Menge Fragen stellte, die ich nicht beantworten wollte.

»Warum ist ein Mädchen wie du eigentlich allein in seinem Transporter unterwegs, hehe?«

Ich schüttelte den Kopf und unterdrückte die Tränen. »Weiß ich nicht. Gute Frage.« Stan lachte schallend, bestellte einen weiteren Kaffee und zündete sich noch eine Zigarette an. Zwischen dem Rauch und den Jukeboxen wirkte er wie ein Tier in seiner natürlichen Umgebung.

»Hast aber ordentlich Kohle dabei, oder? Ist nicht billig da.«

»Nein, gar keine.«

»Gar keine?«

»Ich habe ein Cello.« Meine Stimme zitterte leicht. »Ich will mir mit Straßenmusik das Geld für die Reise zur Mitternachtssonne verdienen.«

Stan brüllte vor Lachen. Ich spielte mit dem Gedanken, ihm eine kleine Plastikgabel ins Auge zu stechen.

Als er damit fertig war, Kaffee in sich hineinzuschütten, stieg er auf kleine Plastikflaschen mit warmem Weißwein um. Dafür konnte ich mich schon eher begeistern. Er sah anerkennend zu, wie ich den Wein hinunterkippte. Dann zwinkerte er und hielt mir seine kleine, dicke Hand zum Abklatschen hin.

»Wohin soll es denn gehen? Süden? Osten? Du bleibst doch nicht in Norwegen, oder? Spar dir die einfachen Orte fürs Alter auf, hehe.«

Ich fand, er war ziemlich alt.

»Wahrscheinlich erst mal Helsinki, dann Moskau, Peking, ein paar Wochen in China, dann Prag, die Tschechen besuchen, Athen, hehe. Kennst du den schon? Sagt der Kellner zum Gast: ›Tut mir leid, die Hähnchen sind leider ausgegangen.‹ Meint der Gast: ›Kein Wunder, in so einem miesen Lokal würde ich auch nicht bleiben.‹«

Als die Bar zumachte, wankten wir zurück in den Raum mit den Schlafsesseln. Er war immer noch leer.

Ich legte mich auf meinen Deckenstapel und versuchte, in einer Ausgabe von »Europe on a Shoestring« zu lesen, die Ben mir netterweise vor meiner Abreise geschenkt hatte. Stan redete immer noch, vermutlich mit sich selbst.

»So schnell wie möglich raus, ein Sandwich kaufen, hehe, Stockholm, Helsinki, zu den Russen.«

In »Europe on a Shoestring« standen lauter eindringliche Warnungen. Im Abschnitt über Norwegen hieß es, dass Wohnmobile auf gar keinen Fall über Nacht auf Rastplätzen stehen durften. Ich sagte mir entschieden, dass niemand, der bei Verstand war, meine knallgelbe Rostlaube mit einem Wohnmobil verwechseln würde. Der Gedanke daran, mein Transporter könnte mitten in der Nacht abgeschleppt und verschrottet werden, während ich friedlich darin schlief, ließ mich erschaudern. Oder was, wenn ich von großen, blonden, knüppelschwingenden Wikingerpolizisten geweckt würde? Obwohl das vielleicht nicht so schlimm wäre. Jack hatte immer gesagt, ich litte unter chronischer Angst und zu viel Phantasie. Ich versuchte, so gut es ging, nicht an Jack zu denken, nicht daran, wie er seine Entendaunenjacke um uns beide schlang, den Reißverschluss zuzog und wie sicher ich mich da gefühlt hatte, aber je mehr ich mich bemühte, desto schlimmer wurde es. Ich deckte mich mit ein paar lilafarbenen Nylondecken zu und kuschelte mich unter ihnen ein. In der Ecke fing Stan an zu schnarchen, zu grunzen und zu zucken.

Was Jack an Norwegen gefiel, war, dass es dort so wenig Menschen gab.

»Norwegen hat die geringste Bevölkerungsdichte in ganz Europa«, hatte er oft gesagt, seinen wohlgeformten Kopf auf einen muskulösen Arm gestützt und mich aus tiefblauen Augen angesehen.

»Es ist dreimal so groß wie England, hat aber nicht einmal ein Zehntel der Einwohner. Weißt du, was das heißt?«

Ich hatte es nicht gewusst.

»Hier leben fast vierhundert Menschen pro Quadratkilometer. Was meinst du, wie viele es dort drüben sind?«

»Keine Ahnung. Zweihundert?«

»Elf.«

Ich schlug den Abschnitt übers Autofahren auf.

»Haben Sie stets einen Ersatzkanister mit Benzin dabei, denn weite Teile des Nordens sind nur spärlich bevölkert und zwischen den Tankstellen liegen Hunderte Kilometer.«