Table of Contents
Mit dem Cello unterwegs
Impressum
Vorwort
Einführung
Auf neuen Wegen
Der Beginn auf dem Cello im Vorschulalter
Die verschiedenen Lernzugänge im Vorschulalter.
Die erste Stunde
Einige Faustregeln für die Lehrperson
Cello- und Bogenhaltung, die ersten Striche
Die Entwicklung der linken Hand
Die beiden Griffarten
Bünde: ja oder nein ?
Vom Üben
Von der Klangvorstellung zur geschriebenen Note
Weihnachtslieder
Stricharten
Notenwerte
Der Beginn im Schulalter, mit 6 oder 7 Jahren
Die Cellogrösse
Die Pflege des Cellos
Die erste Stunde
Die Cellohaltung
Das Zupfen
Ein spezielles Experiment
Die Bogenhaltung
Der barocke Griff
Übungen für die Flexibilität der Finger
Der Saitenwechsel
Die linke Hand
Der erste Kontakt
Greifen und streichen
Die Griffabstände
Korrigieren
Die weitere Entwicklung der linken Hand.
Bewusstes, aktives Heben und Greifen der Finger,
Heben und Greifen gehen nahtlos ineinander über.
Tonleitern
Gehörschulung
Doppelgriffe
Melodische und harmonische Intonation: Pythagoras ist schuld!
Die weitere Entwicklung des Bogens
Drei wichtige Bewegungen der rechten Hand
Lockerheit
Das sind die wichtigsten Stricharten.
Die weite Stellung
Der Daumen ist unter dem zweiten Finger.
Von der ersten Lage weg…
Auf Entdeckungstour - früher Einstieg in andere Lagen
Die Halslagen (1.-4. Lage)
Die verschiedenen Arten des Lagenwechsels:
Tonleitern über 2 Oktaven
Der Tenor-Schlüssel
Vom Üben
Bogentechnik: Die Welt des Klanges
Ungenutzte Reserven
Den Bogen unter die Lupe nehmen
Literatur
Die verschiedenen Stilrichtungen
Etüden
Selbständigkeit
Das Vibrato
Die Übergangslagen
Geläufigkeitsübungen
Die chromatische Tonleiter
Das Pizzicato
Die Daumenlage
Ein paar allgemeine Gedanken zur Einführung der
Arbeit in den Daumenlagen.
Besonderheiten in der Oberstufe
Besondere Aspekte des Übens in der Oberstufe
Allgemeine Themen des Unterrichts und der Pädagogik
Schlusswort
LITERATURVERZEICHNIS
Über den Autor
Quellennachweise
Mit dem Cello unterwegs
ein fachdidaktischer Wegweiser
für das Violoncellospiel
Peter Leisegang
Impressum
Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.
Für den Inhalt und die Korrektur zeichnet der Autor verantwortlich.
© 2025 united p. c.
in der novum publishing gmbh
Rathausgasse 73, A-7311 Neckenmarkt
ISBN Printausgabe: 978-3-7103-5915-6
ISBN e-book: 978-3-7103-3740-6
Umschlagfoto: Florian Leisegang
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: united p. c. Verlag
Innenabbildungen: siehe Bildquellennachweis am Ende des Werkes
www.united-pc.eu
Vorwort
Pepi Hofer
Das Cellospiel der vergangenen 400 Jahre ist im Wesentlichen dasselbe geblieben, sofern wir über einige geringfügige bautechnische Anpassungen grosszügig hinwegsehen. Jede Generation aber musste sich den veränderten gesellschaftlichen Gegebenheiten ihrer jeweiligen Epoche anpassen.
Gerade in unserer Zeit haben Erkenntnisse aus der Lernforschung die Pädagogik erheblich erweitert, neue Forschungsergebnisse über Zusammenhänge beim Bewegungs-Lernen führten zur Anpassung methodischer Verfahren, und neue technische Errungenschaften der digitalen Welt ermöglichten neue Vermittlungsformen. Die Lerninhalte selbst aber sind weitgehend dieselben geblieben.
Die vorliegende Fachdidaktik für Violoncello von Peter Leisegang handelt von «Lernen». Lernen heisst, Dinge tun, die man nicht kann. Das ist mit Widerstand verbunden, denn niemand tut zunächst gerne, was man nicht kann.
Die Hirnforschung und die Lernpsychologie haben in den letzten Jahren wesentliche Erkenntnisse zu Lernvorgängen beigetragen. Die Resultate dieser Forschungen unterstreichen insbesondere die Bedeutung von Regelsystemen, denn „Spielregeln“ haben Gesetzmäßigkeiten und sie geben Lernprozessen eine Struktur.
Cellospielen entspricht einer Fertigkeit. Die Lernprozesse zur Aneignung von Fertigkeiten gliedern sich in zwei unterschiedliche Bereiche:
Psychomotorische Fertigkeiten (Radfahren, Schwimmen, Sprechen, Cello spielen)
Kognitive Fertigkeiten (Rechnen, Lesen).
Die langen Wege zum Erlernen der Beherrschung eines Musikinstrumentes erklären sich weitgehend darin, dass kaum eine menschliche Handlung die Kombination dieser beiden Fertigkeiten in so komprimierter Dichte voraussetzt. Musizieren ist die Tätigkeit, die am meisten Hirnareale gleichzeitig aktiviert.
Die Aneignung von Fertigkeiten besteht immer aus einer Bedingung und einer Aktion, denn Erlernen von Fertigkeiten findet nur in einer Wenn-Dann-Beziehung statt.
„WENN deinBogen in der oberen Bogenhälfte gerade streichen soll (Bedingung), DANN musst du deinenUnterarm strecken (Aktion)“.
Diese Wenn-Dann-Verknüpfungen werden in unserem Gehirn nicht als einzelne Fakten sondern als Regelsysteme gespeichert. Das Gehirn merkt sich keine Einzelheiten, sondern es sucht immer die Regel dahinter. Dieser Vorgang kann willentlich nicht beeinflusst werden, das Gehirn verrichtet diese Regelsuche selbsttätig außerhalb unseres Bewusstseins.
Im Unterrichtsalltag heißt das „üben, üben, üben“.
Bewegungs-Lernen heisst «Wiederholen».
Das hören Kinder nicht gerne und wir Erwachsene auch nicht. Es nützt deshalb wenig, Regeln zu erzählen, denn sie müssen erfahren werden. Kinder brauchen folglich gute Beispiele und von diesen viele und immer wieder neue. Kinder brauchen klar erkennbare Strukturen, um überhaupt lernen zu können.
Nichts ist für einen Lernerfolg schädlicher als ein chaotischer Input, denn sofern der Input keine Regelhaftigkeit aufweist, können keine Regeln extrahiert werden und es kann folglich nichts gelernt werden.
Mangelnde Strukturen in einem Unterricht produzieren Angst, Unsicherheit oder Langeweile.
Daraus folgt, je mehr Ordnung und Struktur in einem Unterricht enthalten sind, umso besser und nachhaltiger wird der Unterricht. Es wird besser gelernt, wenn zunächst einfache, aber grundlegende Beispiele trainiert werden. Diese Erkenntnis ist keine Überraschung, denn die meisten Pädagogen haben diesen Sachverhalt intuitiv in ihrer täglichen Arbeit mit Kindern erfahren.
Die Ergebnisse neuerer Lernforschung zeigen, dass jeder neue Lernprozess nur an etwas anknüpfen kann, was bereits vorhanden ist, weil jede Person „nur“ mit ihrem eigenen Kopf lernen kann. Alles Neue wird immer erst mal mit dem „abgeglichen“, was schon an neuronaler Vernetzung vorhanden ist. Lernen gleicht somit einem Eisenbahnwagon, dem nur dann ein weiterer Wagon angehängt werden kann, wenn auch eine entsprechende Kupplung vorhanden ist. Der Schüler kann von uns Lehrern folglich nur da „abgeholt“ werden, wo er ist und nicht da, wo wir ihn gerne hätten.
Ein Unterricht soll so gestaltet sein, dass Regelsysteme klar erkennbar und Regelabläufe wiederholbar sind.
Nur so ist gewährleistet, dass Regelverknüpfungen überhaupt stattfinden können, und sie müssen in fassbare,
überschaubare, verdaubare Portionen unterteilt sein.
Was wir kleinen Kindern empfehlen, gilt auch für Große:
„Man soll nicht mehr auf den Löffel nehmen, als man auch schlucken kann“, und „ich kann am Montag nicht für die ganze Woche essen.“
Unsere westliche Musikerziehung ist eine Erziehung zu Individualität, und sie beruht weitgehend auf Freiwilligkeit. Diese Erziehung soll die Aneignung von Können wie auch von Wissen enthalten. Beides zusammen ist
- persönlichkeitsbildend, sowie
- kreativitäts- und kommunikationsfördernd und trägt im Wesentlichen dazu bei, kulturelle Werte zu formen und auch zu erhalten.
Musikerziehung schafft gemeinsame Themen, und diese bilden das Narrativ einer kulturellen Identität.
Wir bewundern die «Kunst des Interpretierens», der «Künstler» steht im Mittelpunkt, seine individuelle Kraft der Persönlichkeit und sein virtuoses Können stehen im Zentrum des Interesses.
Der «Kunst des Unterrichtens» allerdings bleibt die Bewunderung meist vorenthalten. Wertschätzung und Anerkennung bleibt virtuosen Pädagogen oft versagt und man vernachlässigt, dass ein gewissenhafter und gelungener Anfängerunterricht die Basis für spätere Schlüsselerlebnisse bildet, und dass die Prägung einer musizierenden Persönlichkeit bereits mit der allerersten Unterrichtsstunde beginnt.
Das Zauberwort jeder pädagogischen Tätigkeit heißt Motivation.
Jede Handlung, also auch Lernen, hat ein Motiv, einen Beweggrund. Aus diesem Motiv entsteht eine Neugier.
Diese Neugier lässt uns etwas Neues ausprobieren.
Da dieses Neue noch nicht beherrscht wird, führt es zunächst zu einer Unsicherheit. Durch mehr Anstrengung kann aus dieser Unsicherheit eine Sicherheit entstehen. Diese Sicherheit führt zu einem neuen Motiv und bildet wiederum eine „neue“ Neugier.
Somit vollzieht sich erneut der Motivationsregelkreis von «Motiv – Neugier – Unsicherheit – Anstrengung -Sicherheit - neues Motiv».
Zeigt sich das Motiv stark, dann ist die Neugier hoch und die Unsicherheit entsprechend gering. Diese Unsicherheit kann durch wenig Anstrengung zu einer Sicherheit führen, was wiederum zu einem neuen starken Motiv führt. Ist hingegen die Neugier schwach, so wird die Unsicherheit hoch sein. Es wird in der Folge eine hohe Anstrengung brauchen, um eine Sicherheit zu erreichen.
Weil „Spaß“ als Voraussetzung und nicht als Resultat gesehen wird, verwechselt die heutige „Spaßgesellschaft“ allzu gerne Ursache und Wirkung. Ein passives Lernverhalten aber führt meist zu Frustration und es kann kein neues Motiv entstehen.
Wenn Motivation alles ist, dann gilt dies in gleichem Masse für die Neugier. Gelingt es uns Pädagogen, bei Kindern diese Neugier zu wecken, dann haben wir ideale Bedingungen für einen nachhaltigen Lernerfolg geschaffen.
Es entspricht einer glücklichen Fügung, dass der Autor dieser Fachdidaktik sein Wissen und seine Erfahrung aus einer jahrzehntelangen Tätigkeit sowohl in der Arbeit auf Musikschulstufe als auch auf Hochschulniveau bezieht.
Sämtliche Inhalte sind in der Praxis auf ihre Umsetzbarkeit und Machbarkeit über Jahrzehnte erprobt. Sie eignen sich ideal als hilfreicher «Wegweiser» für die Arbeit von Lehrpersonen an Musikschulen einerseits, und andererseits stellt es ein längst überfälliges Lehrwerk für die Fachdidaktik an
Musikhochschulen dar.
Die lange Reise mit dem Cello kann beginnen, Peter Leisegang navigiert mit Sorgfalt ans Ziel. Die methodischen Hinweise und Ergänzungen zu den didaktischen Anforderungen helfen mit, einen Unterricht farbig und lebendig zu gestalten.
Peter Leisegang hat sich seit vielen Jahren zur obersten Prämisse gesetzt, die Neugier zu wecken, zu erhalten, und ihre Energie zu nutzen, einen Unterricht kindgerecht und erfolgreich umzusetzen. Das vorliegende Buch ist ein idealer Reiseführer zur «Kunst des Unterrichtens», und stellt darüber hinaus ein Kompendium dar, welche Bewegungsmuster und Regelsysteme für das Erlernen des Cellospiels zwingend sind. Somit wäre der Kreis zu schliessen, die vorliegende Fachdidaktik für Violoncello handelt von «Lernen».
Pepi Hofer
Einführung
Einen grossen Dank möchte ich meiner Frau Katrin Mettler aussprechen. Sie hat mit zahlreichen Anregungen und vielen Ideen einen wesentlichen Beitrag zu diesem Buch geleistet. Ebenso möchte ich meinen Schüler*innen und Student*innen danken für die vielen wertvollen Anregungen, die ich im Laufe der Jahrzehnte von ihnen bekommen habe.
Das vorliegende Buch richtet sich an junge, sowie jung gebliebene Cellistinnen und Cellisten, ausserdem an Studierende der Fachdidaktik-Klassen für Cello. Es soll hier versucht werden, die verschiedenen Themenbereiche des Cellospielens aus allen möglichen Perspektiven zu beleuchten: Von der Pädagogik her, der Musikermedizin, aus der Perspektive des Übens und des Lernens, um nur die wichtigsten Aspekte zu nennen. Dazu sind Stücke, Übungen und Schulen aufgeführt, an denen das jeweilige Thema erarbeitet oder vertieft werden kann. Es wird hier keine spezielle Methode präsentiert, denn der Unterricht basiert heutzutage auf Methodenvielfalt.
Die Anfänger*innen auf dem Cello sind heute deutlich jünger als in früheren Jahren, und sie sind an einem viel breiteren musikalischen Spektrum interessiert. Das reicht von der Klassik bis zu Pop und Rock, bis zur Filmmusik, dem Tango, und der Weltmusik. Entsprechend gross ist das heutige Angebot an Unterrichtsliteratur, an Stücken und Schulen. Die individuelle Förderung der Schüler*innen ist von der ersten Stunde an sehr wichtig. Das ist eine grosse Herausforderung für die Lehrpersonen. Deshalb wird in diesem Buch ab und zu ein gedanklicher Brückenschlag gemacht von der Unterstufe in die Mittel- oder in die Oberstufe, und auch zurück, um sich didaktischer Zusammenhänge bewusst zu werden.
Lernen geschieht nicht linear, deshalb muss der methodische Aufbau im Unterricht flexibel sein. Spontane Anregungen der Schüler*innen sollte man in den Unterricht integrieren. Trotzdem muss der Unterricht eine Kontinuität, einen Aufbau haben. Diesem Anspruch an einen lebendigen Unterricht versuchen Celloschulen, wie zum Beispiel diejenigen von Koeppen, Wundling, Löhr und Mantel gerecht zu werden.
Auch in diesem Buch wird der Versuch unternommen, die cellotechnischen Fertigkeiten, sowie die musikalischen
Ausdrucksmöglichkeiten, flexibel und trotzdem
kontinuierlich aufzubauen. Diese Gedanken haben mich
bei der Arbeit an diesem Buch begleitet und geleitet, sowie das Zitat von Joseph Joubert:
„Lehren heisst: Die Dinge zweimal lernen“.
Eine Bemerkung zur Navigation in diesem Buch:
Im Literaturverzeichnis (ab Seite 190) gibt es kurze
Beschreibungen zu den einzelnen Stufen (Unterstufe I und II,
Mittelstufe I und II, Oberstufe I und II). Das ist als Orientierung gedacht, um die geeigneten Stücke leichter zu finden.
Auf neuen Wegen
Wenn Kinder ein bestimmtes Musikinstrument erlernen möchten, haben die Eltern meistens eine Reihe von Fragen:
- Welche Voraussetzungen braucht es dafür? (Alter,
Körpergrösse).
- Wie kompliziert ist das Instrument zu spielen?
- Wie lange muss man üben?
- Kann man das Instrument mieten?
Die Kinder und die Eltern haben die Möglichkeit an den Beratungstagen der Musikschulen sich die verschiedenen Instrumente vorführen und erklären zu lassen, selbst auszuprobieren und Fragen zu stellen. Natürlich lernt man hier auch die Lehrpersonen kennen.
Bevor der Unterricht dann beginnt, ist ein erster persönlicher Kontakt wichtig und aufschlussreich. Ideal ist eine Schnupperstunde, in der die Schüler*innen herausfinden können, ob es ihnen bei dieser Lehrperson gefällt. Aber auch für die Lehrperson ist dieser erste Kontakt aufschlussreich.
-Wird zuhause schon musiziert?
-Ist es der Wunsch des Kindes, oder der Eltern, Cello zu lernen?
-Kann ein Elternteil am Anfang mit in die Stunde kommen und daheim ab und zu beim Üben helfen?
Der Beginn auf dem Cello im Vorschulalter
Haltung des Kindes im Vorschulalter: „Ich bin, was ich mir vorstellen kann“. (Rita Borer)
Man kann heute schon so früh auf dem Cello beginnen! An vielen Musikschulen werden die Kinder nach dem Motto von Suzuki aufgenommen, der gesagt hat: „Hast Du Ohren? Dann kannst Du anfangen!“ Es gibt 1/16-Celli für 4-5-Jährige, für die es auch die Saiten in der richtigen Länge gibt. Das heisst, die Instrumente klingen relativ gut.
Wenn ein vierjähriges Kind Cello spielen möchte, dann spielt oft in seiner Familie jemand Cello, in der Regel ein Elternteil. Diese Person wird nun wichtig, denn sie wird für längere Zeit automatisch ein Vorbild sein durch das Mitspielen daheim. Deshalb sollte diese Person gut spielen können und eine gute Haltung am Instrument haben.
Um es gleich vorweg zu nehmen: Es geht natürlich auch ohne Cello spielende Eltern. Es gibt Celloschulen, die einen Kommentar für die Eltern enthalten, in dem viele Einzelheiten genau erklärt werden. Das ersetzt aber nicht die Cello-Lehrperson! Warum braucht es eine Lehrperson? Die Lehrperson kann situationsbezogen und individuell auf den aktuellen Entwicklungsstand des Kindes eingehen.
Das In-die-Stunde-Gehen wird für die Kinder bald zu einem Ritual. Für die meisten Kinder ist es auch wichtig, dass ein Notenständer vorhanden ist, das gehört halt dazu! Der kann sogar nützlich sein, obwohl wir noch nicht nach Noten spielen. Die Eltern stehen in regelmässigem Kontakt mit der Lehrperson und können berichten, was daheim aktuell gespielt wird oder wo eine Frage besteht. Dadurch verliert die Lehrperson in der Stunde keine unnötige Zeit. Im Normalfall ist für das Kind die Lehrperson bald die unangefochtene Autorität in Sachen Cellospielen. Deshalb ist es ratsam, in der Stunde gemeinsam zu klären, welche Anregungen oder Erinnerungen die Eltern daheim machen dürfen.
Die Kinder lernen im Vorschulalter noch spielerisch; das Cellospielen gleicht dem Erlernen der Muttersprache.
Die körperliche Geschicklichkeit wird spielerisch, also ganz natürlich erworben.
Die verschiedenen Lernzugänge im Vorschulalter.
Es gibt zum einen dasBewegungslernen, dann das Lernen durch Erlebnis und Emotion. Das Lernen durch Beobachten ist bei Kindern im Vorschulalter besonders wichtig, genausowie das Spielen. Spielen ist wohl der zentrale Bereich des Lernens in diesem Alter.
Die erste Stunde
Ganz wichtig: in der ersten Stunde soll Musik gemacht werden! Wie soll das gehen? Ganz einfach: man benutzt die vorhandenen Gegebenheiten, nämlich die leeren Saiten. Das Zupfen ist schnell gezeigt und am Cello zu sitzen auch. Wir alle kennen das berühmte Cello-Umarmen. Wichtig ist der Cellostuhl. Es gibt sehr praktische Cello-Stühle, die tatsächlich von vierjährig bis erwachsen reichen. Oft ist aber auch ein Tripp-Trapp zuhause vorhanden, der sich ebenfalls bestens eignet.
Ab Seite 23 und ab Seite 35 wird genauer beschrieben, auf was wir bei der Cellohaltung achten müssen, beziehungsweise, was wir Lehrpersonen den Schülerinnen und Schülern zeigen.
Ein Kinderlied, das man in der ersten Stunde auf einer leeren Saite mitzupfen kann:
Lieber Kuckuck sag mir doch…
Schülerbegleitung im Pizzicato.
19
Auf Seite 19 ist die einfachste Version zu sehen: Wir zupfen auf einer Saite im Rhythmus des Liedes mit. Es gibt viele Kinderlieder, die die Schüler*innen mitzupfen können.
Natürlich stehen diese Noten nicht auf dem Ständer des Kindes, sondern auf dem der Lehrperson. Auf dem Ständer des Kindes steht zum Beispiel ein Bild des Kuckucks. Wenn im Verlauf der ersten Wochen die Zahl der Lieder wächst, kann das Kind immer den Überblick behalten, was gespielt werden soll. Der Notenständer ist also auch für so kleine Schüler*innen wirklich nützlich.
Eine Cellostunde für Anfänger*innen an einer Musikschule dauert in der Regel 30 Minuten. Das heisst nicht, dass man 30 Minuten am Cello auf dem Stuhl sitzt. Die Lieder zu singen ist genauso wichtig, und dafür kann man aufstehen. Rhythmusspiele, klatschen, tanzen ergeben sich spontan aus der Situation heraus. Das Kind kennt die Lieder vom Singen, wir spielen auswendig. Das Lernen geschieht hauptsächlich durch Vorspielen und gemeinsames Singen und Spielen.
Julia (vierjährig) einmal beim Zupfen und dann beim Streichen.
Es gibt viele Kinderreime, die man im Sprechrhythmus mitspielen kann,
zum Beispiel:
„Morgens früh um sechs kommt die kleine Hex“.
Begleitung im Wort-Rhythmus mit Saitenwechseln.
Dieses Lied hat sieben Strophen, da kann man viel ausprobieren.
Kleine Orientierungsspiele für alle Finger:
Wir zupfen mit den einzelnen Fingern, sowohl der linken wie auch der rechten Hand, ohne hinzuschauen.
„Das Cellospiel“
…und etwas schwieriger:
„Den Berg hinauf“.
Solche Spiele finden wir auch in der Schule von Edwin Koch, Band 1.
Einige Faustregeln für die Lehrperson
-Wir gehen in kleinsten Schritten vorwärts, damit das Kind alles gut behalten kann.
-Pro Lernschritt viele Beispiele machen, alle Sinne einbeziehen.
-Neues bei Bekanntem anknüpfen. Zum Beispiel neue Aufgaben anhand bekannter Lieder.
-Komplexe Bewegungen aufteilen.
-Vom Ganzen ins Detail, von grossen Bewegungen zu feinen, kleinen.
-Den erlernten Stoff immer wieder einmal repetieren, alte Lieder immer wieder spielen, „Lieblingsstücke“ erküren! Das stärkt die Vertrautheit mit dem Cello und die Spielgewohnheiten.
-Vermittlung über das Vormachen - Nachmachen.
-Wenig erklären, vieles spürbar machen: Bilder, Emotionen.
-Einbezug von Celloschulen für den Unterricht im Vorschulalter:
Egon Sassmannshaus Früher Anfang auf dem Cello. Christine Löhr Auftakt fürs Cello. Heike Wundling DerCello-Bär.
-Jeden Lernschritt würdigen. Das heisst auch, sich mit den Schüler*innen über den Lernerfolg zu freuen.
-Loben beziehungsweise nachfragen.
-Keinen Unterschied machen zwischen Spiel und Arbeit.
-Sehr informativ ist das Buch Das Pferd in der Cellostunde von Pepi Hofer.
Cello- und Bogenhaltung, die ersten Striche
Wenn die Stuhlhöhe stimmt, ist die Cellohaltung kein Problem. Wichtig: Nicht mit dem Oberkörper nach rechts ausweichen, das Cello passt sich uns an! Die Stachellänge kann man in der Stunde mit dem Stift am Stachel markieren. Deshalb ist es wichtig, dass daheim ein Stuhl mit derselben Höhe vorhanden ist.
Für die Bogenhaltung gibt es in den verschiedenen Schulen hübsche Bilder. Da gibt es das Pfötchen oder den Hasen; sehr hübsch ist das Mäuschen, das sich in der Höhle versteckt. Der barocke Griff am Schwerpunkt eignet sich sehr gut.
Die Liedbegleitungen, die wir bereits gezupft haben(„Lieber Kuckuck“),eignen sich nun sehr gut für die ersten Striche, am besten im mittleren Bogendrittel auf der G-Saite. Hier kann der Arm frei nach rechts und links schwingen. Wenn wir Saitenwechsel streichen wollen, knüpfen wir an beim „Cellospiel“ und „Den Berg hinauf“ (Neues bei Bekanntem anknüpfen…). Wir merken, dass der Frosch auf der C-Saite ganz unten hinten ist. Dann kommt er in Richtung A-Saite immer höher hinauf und auch immer mehr nach vorne.
Im Cello-Bär von Heike Wundlinggibt es viele spielerische Übungen für eine geschmeidige Bogenhand, (Lift, Barriere, Scheibenwischer, Schlange, Klimmzug).Lustig ist auch das Riesenrad in der Violinschule von Andrea Holzer-Rhomberg. Da machen wir im Stehen mit dem Bogen einen grossen Kreis durch die Luft. Die Haare zeigen dabei immer nach unten, damit die Personen nicht aus der Kabine fallen. Dafür müssen sich die Finger beugen und strecken.
Bilder zur Bogenhaltung und zum Streichen:
Den Bogen am Schwerpunkt aufhängen…
…und im mittleren Drittel streichen.
Das ist das Mäuschen aus der Violin-Schule von Andrea Holzer-Rhomberg. Es hilft dem Daumen rund zu bleiben.
Die linke Hand,Vorübungen
Bevor die Schüler*innen das erste Mal einen Ton greifen, mache ich mit ihnen folgende Tastübung: Die Schüler*innen legen mit geschlossenen Augen alle vier Finger auf eine beliebige Saite, ohne zu drücken. Dann ertasten die Finger nach und nach die übrigen Saiten, indem sie „über die Saiten laufen“. Zwischendurch lassen wir die Hand kurz hängen und versuchen nun, eine bestimmte Saite zu finden. So lernen die Finger rasch und ohne Hilfe, ihren Weg selber zu finden. Die Vertrautheit mit dem für uns so wichtigen Tastsinn wird gern als selbstverständlich vorausgesetzt und deshalb im Unterricht vernachlässigt. Ein lustiges Spiel aus dem Alltag ist es, bei geschlossenen Augen mit der Fingerspitze das Ohrläppchen, oder die Nasenspitze zu treffen.
Und nun greifen und zupfen die Schüler*innen zum ersten Mal einen Ton, aber noch keinen bestimmten, immer abwechselnd mit der leeren Saite. Am einfachsten geht das mit allen vier Fingern (Pfötchen).
Das nächste Experiment ist noch spannender: Jeweils bei der leeren Saite rutschen wir mit der Hand ein Stück weiter. Ein paar mal Richtung Steg, danach wieder zurück. Da hören wir, wie die Töne höher und tiefer werden. Oder wir machen gleich die „Sirene“; dafür streichen wir ein Glissando hinauf und hinunter. Viele Kinder sagen übrigens für „höher“ und „tiefer“ spontan „heller“ und „dunkler“.
Einen bestimmten Ton zu greifen geht am besten mit einem Lied, das wir vom Singen kennen, zum Beispiel „Lieber Kuckuck“ (Seite 19). Bevor wir das Lied anfangen, vergleichen wir den gegriffenen Ton immer abwechselnd mit der leeren Saite, bis es „schön“ klingt. Die Wörter „sauber“ „ falsch“ oder „richtig“ benutzen wir natürlich nicht
Die Entwicklung der linken Hand