Mit der 18 bis zu dir - Maartje Kamprath - E-Book

Mit der 18 bis zu dir E-Book

Maartje Kamprath

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Beschreibung

Elise macht in der Nacht einen Spaziergang durch die menschenleere Kölner Innenstadt. Auf der Deutzer Brücke spricht sie ein Mann an, dessen Gesicht sie nicht zuordnen kann, der jedoch energisch darauf besteht, sie bereits seit langer Zeit zu kennen. An seiner Seite unternimmt sie einen Spaziergang entlang der Straßenbahnlinie 18. Auf diesem Weg gehen Elise und ihr Begleiter einzelne Stationen ihrer Vergangenheit durch, die einen Konflikt an die Oberfläche treten lassen, der in Buchheim in Elises Küche seinen Höhepunkt findet. Als der Fremde sich endlich als das zu erkennen gibt, was er wirklich ist, ist es bereits zu spät: Elise hat ihm ihr Herz geschenkt.

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Seitenzahl: 254

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Maartje Kamprath

Mit der 18 bis zu dir

Wie ich in einer Nacht nicht nur Köln lieben lernte

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

[Vorbemerkung]

[1]

[2]

[3]

[4]

[5]

[6]

[7]

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[9]

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[18]

Impressum neobooks

[Vorbemerkung]

Vorangestelltes Zitat:

„Jenseits von Richtig und Falsch liegt ein Ort. Dort treffen wir uns.“

(Rumi)

TRIGGERWARNUNG:

Die Geschichte enthält explizite Schilderungen seelischer und körperlicher Gewalt und beschäftigt sich unter anderem mit dem Thema Suizid. Vor der Lektüre sollte der Seelenzustand des Lesers berücksichtigt werden.

[1]

Bei Schmerzen handelt es sich um ein subjektives Erleben. Jeder Mensch ist einsam in seinem Schmerz.

Er hat einige Freunde auf der Welt. Neben der bereits erwähnten Einsamkeit, die sein stiller Zwilling zu sein scheint, ist die Dunkelheit einer seiner Verbündeten, die Ohnmacht, die Schlaflosigkeit und der Zorn. Wenn man nicht aufpasst, sich nicht zu helfen weiß, kann Schmerz auch den stärksten Charakter brechen.

Aber jeder Schmerz hat eine Geschichte, und manchmal kann man die Einsamkeit besiegen, den Schmerz lindern, wenn diese Geschichte erzählt wird.

Weil er sprachlich kaum fassbar ist und sich Bildern bedient, erscheinen Geschichten über das Erleben von Schmerz oft äußerst dramatisch – zu Recht, und diese tut es wahrscheinlich auch – aber ich kann nur hoffen, dass sie dennoch ausreichend akkurat sein wird.

Das ist jetzt alles vielleicht etwas wirr. Etwas überspannt. Die Wahrheit ist, ich weiß nicht, wie ich zu erzählen beginnen soll. Das hat damit zu tun, dass es mir oft vorkommt, als hätten die Worte einer Geschichte in der Welt kein Gewicht mehr, denn oft ist der Unterschied zwischen dem, was wir in unserem Herzen erleben, und dem, was draußen vor unseren Augen passiert, nicht mehr besonders groß, jedenfalls heute nicht mehr. Wir haben so viele Möglichkeiten, sichtbar zu machen, was tausend Worte nicht sagen können und manchmal kommt es mir vor, als gäbe es deshalb keinen Grund mehr, sich der Sprache als Medium zu bedienen.

In einer Welt, in der Informationen und Bilder innerhalb von Sekunden den Globus umrunden können, bin ich mir ständig darüber im Klaren, dass mein eigener Schmerz objektiv betrachtet keine Bedeutung hat.

Ich bin eine reiche Person in einem reichen Land und nichts an meiner Geschichte ist auf den ersten Blick beispielhaft oder symptomatisch. Es scheint einerlei, ob ich sie erzähle oder nicht. Aber das ist es nicht.

Meine Geschichte ist vielmehr der Versuch, wieder zusammenzusetzen, was diese schnelle Welt von mir übriggelassen hat, der Versuch, auch anderen Mut zu machen, mit etwas Distanz auf sich selbst zu schauen, Worte zu finden.

Menschen haben die Fähigkeit, so grausam zu ihrer eigenen Spezies zu sein wie kein anderes Wesen auf der Welt. Der Mensch allein kann andere Individuen seiner Art ausgrenzen, ist dazu fähig, Millionen seiner Artgenossen mit einem Fingerzeig vom Angesicht der Erde zu fegen.

Als Teil einer Generation, die nie das Leid und die Grausamkeit eines Krieges erlebt hat, die immer die Möglichkeit hatte, sich vor kollektiver oder politischer Gewalt zurückzuziehen und zu schützen, sich gewaltlos zu distanzieren, einer Generation, die glaubt, keine Revolution gebraucht zu haben, habe ich oft Gelegenheit gehabt, zu beobachten, dass diese grausamen Anteile, die vielleicht Teil der menschlichen Natur sind, an anderer Stelle aus uns herausbrechen können. Dass wir auch vollkommen ohne Fäuste, Flinten und Feuer, in Form von Einzelschicksalen, in der Lage sind, kaum erträglichen Schmerz zu verursachen. Diese Geschichte ist ein Versuch, den stummen Schmerz, den wir unter der Haut, hinter den Augen tragen, wenigstens teilweise sichtbar zu machen, festzustellen, dass schreckliche Dinge nicht unbedingt passieren müssen, um uns dazu zu bringen, Schreckliches zu erleben.

Mein Taufpate hat einmal, als ich ihm ein Geschenk überreichte und mir Sorgen machte, dass es ihm nicht gefallen würde, zu mir gesagt: „Elise, wenn du jemandem etwas schenkst, fang erst an dich zu entschuldigen, nachdem derjenige es ausgepackt hat. Alles andere hat wenig Sinn.“ Deshalb werde ich jetzt einfach erzählen, was in jener Nacht passiert ist. Entschuldigen kann ich mich am Ende immer noch, zumindest denke ich das. Ich weiß aber dennoch, dass man Gesagtes nicht ungesagt machen kann.

Gern würde ich sagen, ich sei nach Köln gezogen wegen des Doms oder der Mentalität oder des Rheins. Ich wäre gern jemand, der eine solche Geschichte beginnt mit den Worten: „Es war einmal vor langer, langer Zeit in einem fernen Land…“ Aber nein. Es war erst vor ein paar Jahren und genau hier, zwischen der ehemaligen Bundeshauptstadt Bonn und dem, was ein „echter Kölner“ als seinen Parkplatz bezeichnet – Düsseldorf, auch wenn ich das nie so ganz begriffen habe – hier, knapp acht Meter über der reißenden Oberfläche eines großen Flusses.

Ich bin an der Nordsee geboren, und es ist schwer, das zu ignorieren, weil mich nicht nur ein gewisses plattdeutsches Vokabular auch nach Jahren noch mit meiner Heimat verbindet (wodurch ich immer bemüht bin, mich gewählt auszudrücken, damit man mich auch hier in Köln versteht), sondern auch die Statur: hochaufgeschossen, ein breites Kreuz und alles in allem recht burschikos. Wind und Regen können uns Friesen nichts anhaben. Es ist eine raue, wettergegerbte Schönheit, die uns ausmacht.

Mich selbst kann ich auch mit den wohlwollendsten Absichten nicht zur Gänze als ästhetisch beschreiben. Es ist leider schon einige Male vorgekommen, dass man mich im Supermarkt für einen halbstarken jungen Mann gehalten hat, weil ich so groß bin – größer sogar als viele Männer – und leider auch etwas schwerfällig. Wenn man mich genau anschaut, merkt man, dass sich eigentlich mein ganzes Leben in meinem Kopf abspielt. Ich lege keinen Wert auf Äußerlichkeiten, bin stets bemüht, andere nicht nach ihrer Erscheinung zu beurteilen, auch wenn ich weiß, dass man sich eines ersten, intuitiven Eindrucks, eines Vorurteils auch nach bestem Wissen und Gewissen nicht erwehren kann. Umgekehrt wünsche ich mir, auch selbst nicht danach beurteilt zu werden, dass ich krumme Beine und eine zu spitze Nase, zu breite Schultern und an einigen Stellen auch ein Fettröllchen zu viel habe. Als hätte Gott die Körperteile genommen, die noch übrig waren, nachdem er alle Menschen erschaffen hatte, und sie dann beliebig und völlig gedankenlos zusammengesetzt. Dabei falle ich trotzdem in Gruppen nicht auf, wenn ich nicht gesehen werden will. Eine Arbeitskollegin von mir hat Menschen, die sich so völlig an ihre Umwelt anpassen können, einmal mit dem Begriff marmoriert beschrieben, und ich finde ihn passend, obwohl er in diesem Zusammenhang abstrakt scheint. Ich bin eine marmorierte Person, die für sich genommen optisch ziemlich das Gegenteil von dem ist, was sie innerlich zu sein glaubt. Und je mehr ich versuche zu akzeptieren, womit ich nun einmal ausgestattet bin und was ich nicht ändern kann, desto mehr habe ich das Gefühl, in dieser Absicht ständig missverstanden zu werden. Aber Missverständnisse sind wohl sowieso ein wesentlicher Teil dieser Geschichte, womit ich nicht zu viel des Inhaltes vorwegnehmen möchte. Ich habe das nur hier beschrieben, damit du, lieber Leser, mich nicht in Farben vor deinem geistigen Auge malst, die mir gar nicht zu Gesicht stehen.

In einer Hafen- und Küstenstadt aufgewachsen zu sein, macht es oft schwer, fernab vom Meer zu sein. Aus meinem etwa zweihundert Leute großen Abiturjahrgang haben nur drei Menschen Nordfriesland längerfristig verlassen. Spätestens nach ihrem Abschluss hat es doch fast alle wieder in die Heimat gezogen.

Auch wenn ich selbst die Hafenpromenade, die Windmühlen, den Geruch nach Gischt und Dung und die Salzwiesen kaum noch ertragen kann, kann ich sie verstehen. Es ist, als würde unser Geist eine andere Sprache sprechen. Wir Friesen sind ruhige, treue Zeitgenossen, die guten Kaffee und solide, kalorienreiche Torten schätzen. Es ist schwer, das Herz eines Friesen für sich zu gewinnen, aber hat er dir einmal Zutritt zu seinem Kuhstall gewährt, ist er so verlässlich wie kaum ein anderer. Ich habe aus meiner Jugend einige Werte mitgenommen, die typisch für meine Herkunft sind: Pflichtbewusstsein, Schweigsamkeit und Gelassenheit. Leider habe ich zunehmend das Gefühl, dass meine ganze Konstitution nicht in diese Wertevorstellung passen will, obwohl ich mich davon nicht lösen kann. Die Säulen, auf denen mein Leben steht, scheinen aus Seesand und Meersalz zu bestehen, und ich habe keinen Grund, gelassen und zielstrebig zu sein, weil ich bei jeder Flut von der Brandung weggespült zu werden drohe. Ganz abgesehen davon, dass ich ständig nach Worten suche und nicht aufhören kann zu kommunizieren. Schweigsamkeit war immer eine Tugend, die ich zutiefst bewundert, aber niemals befolgt habe, niemals befolgen konnte. Interessanterweise habe ich aber nie das Gefühl, wirklich etwas zu sagen, auch wenn ich nicht schweigen kann.

Deshalb jedenfalls habe ich schweren Herzens beschlossen, der See und dem sandigen Boden den Rücken zu kehren und tiefe Verbundenheit mit dem Rhein herzustellen, wenn mir einmal das Wasser fehlt, das zu Hause mein Leben bestimmt hat. Wurzeln zu schlagen in einem Boden, in dem ich nicht erst nach Halt suchen muss, an den ich mich nicht anpassen muss, bis nichts mehr von meiner ursprünglichen Natur übrig ist.

So stehe ich also, tief über die Brüstung der Deutzer Brücke gebeugt, in einer mondlosen Julinacht und sehe der sich kräuselnden Wasseroberfläche entgegen.

Wie schon so oft fängt mich die Magie des Wassers ein, ich werde eins mit dem Wassergedächtnis, ordne mein Selbstverständnis zwischen Wasserstoffbrückenbindungen ein. Ich glaube zum ersten Mal seit Monaten, bei vollem Bewusstsein zu sein, umströmt von dem kühlen System, das vor meinen Augen, viele Meter unter mir, mit einer nicht einzuschätzenden Kraft und Geschwindigkeit schier unendlich davonfließt.

Da plötzlich spüre ich einen Blick im Nacken. Hinter mir steht ein Mann. Er ist groß und schlank, seinen grauen Augen entgeht nichts, er trägt einen Wollmantel mit doppelter Knopfreihe und einen Hut. Was ich unter der Krempe von seinem Gesicht erkennen kann, ist weder jung noch wirklich alt; tatsächlich kann ich auf den ersten Blick kaum sagen, wie alt er wirklich sein mag, nur eines ist sicher: er ist deutlich älter als ich. Sein aufmerksamer Blick jedoch kann nur einem Menschen gehören, der sich an der Welt noch lange nicht hat sattsehen können. Durch das Licht der Straßenlaternen liegt ein dunkler, scharf umrissener Schatten auf seinem Gesicht, gegen den seine Augen silbrig funkelnd einen kalten, beeindruckenden Kontrast bilden.

„Was tun Sie da?“, fragt er. An der Art, wie er das A in „was“ und „da“ ausspricht, erkenne ich, dass auch er nicht von hier ist. Auch seine Wurzeln müssen weit nördlich der Elbe liegen. Seine Stimme klingt ein wenig rau und heiser, als hätte er eine lange Zeit geschwiegen.

Ich weiche zurück. Etwas stimmt hier nicht. Dieser Mann hat etwas Katzenartiges, seine Bewegungen sind geräuschlos und geschmeidig, die Züge fein und doch irgendwie unnachgiebig, die Kleidung stilvoll, elegant und auf eine gewisse Art präzise, vollkommen aufgeräumt.

Mein Blick wandert von seinem Mantel hinauf zum Revers, zu dem weißen Hemdkragen und der grünen Paisley-Krawatte. Ich spüre eine diffuse, hartnäckige Angst in mir aufsteigen, die ich nicht wirklich begründen kann. Dieser Mann strahlt eine ruhige, aber vielleicht doch etwas einschüchternde Autorität aus. Vor allem jedoch denke ich, dass niemand mich mitten in der Nacht auf einer Rheinbrücke in der Kölner Innenstadt ansprechen sollte.

Jedes Detail an dem Mann kommt mir auf schier unerträgliche Weise vertraut und doch so neu vor. Er steht so nahe bei mir, dass ich sein Parfum riechen kann. Ich habe wirklich keine wesentliche Kenntnis über Männerdüfte. Auch nicht über Frauendüfte. Ich reagiere empfindlich auf die meisten Parfums, aber ich habe mich nie mit den zugehörigen Marken auseinandergesetzt, kann also auch diesen besonderen, nun allgegenwärtigen Duft nicht konkret zuordnen. Er weckt Erinnerungen, Bilder, die ich nicht zulassen kann.

Eine hektische Ratlosigkeit nimmt mein Bewusstsein augenblicklich in Besitz, ich versuche die Frage zu unterdrücken, was hier gerade überhaupt vor sich geht, aber sie drängt sich auf und lässt mich nicht los.

Der Mann vor mir hebt die Hand und zieht den Hut. Meine Augen fixieren trotz meiner rasenden Gedanken immer noch seine Krawatte. Ganz langsam nur wandert mein Blick seinen bereits etwas eingefallenen Hals hinauf, ich sehe das rasierte und doch rau erscheinende Kinn mit der kleinen Falte unterhalb der Unterlippe, den leichten Überbiss, der seinem Mund einen feinen Zug gibt, ich sehe die hohlen Wangen, die hohe, fliehende Stirn. Seine Haut ist so hell, dass sie im Licht der Straßenlaternen wie Perlmutt glänzt. Sein schütter werdendes Haar ist weder blond noch grau, es ist farblos, genau wie die Augen, die tief in ihren Höhlen liegen und durchscheinend in einem sternförmigen Netz winziger Fältchen wie silberne Monde aufleuchten, als unsere Blicke sich treffen. Eine Woge der Anspannung, der elektrischen Ekstase durchfährt mich.

Seine oberflächliche Farblosigkeit ist trügerisch, das zeigt mir jede noch so kleine Regung in seinem Gesicht, jeder Lichtstrahl, der auf seine Haut fällt. Sein Inneres schimmert durch das fast gläsern erscheinende Auftreten hindurch. Wenn das Licht ihn nur im richtigen Winkel trifft, strahlt etwas aus ihm heraus so leise und verborgen, dass jede Reflexion die Neugierde auf mehr weckt, ohne dabei jedoch eine unmittelbare Erkenntnis über ihn nach sich zu ziehen.

Mir ist nicht bewusst, dass durch mein intensives Bestreben, alle Eindrücke, die auf mich einströmen, in Worte fassen zu wollen, eine längere Stille zwischen uns eingetreten ist.

„Ich habe mich ja noch gar nicht vorgestellt, Verzeihung. Ich bin Mortimer“, bricht er das Schweigen, und fast glaube ich in seinem Blick zu lesen, dass er meine Gedankengänge verfolgt hätte. Unbehaglich spüre ich, wie ich innerlich versuche, Distanz zu der Situation zu schaffen, ohne mir äußerlich etwas davon anmerken zu lassen.

Ohne auch nur zu blinzeln, schiebe ich meine rechte Hand ein wenig vor und spüre unvermittelt einen kalten, harten und unnachgiebigen Händedruck. Als würde ich einem Stück Rauchglas die Hand schütteln. Ich kann in diesem Augenblick nicht sagen, ob es nur Angst oder auch Faszination oder eine Mischung aus beidem ist, die den Blickkontakt mit Mortimer aufrechterhält, als ich entgegne: „Elise.“

Er nickt wissend, lässt meine Hand los, setzt sich den Hut wieder auf.

Fieberhaft suche ich nach einer Vokabel, einem Ausdruck, der diesen Mann in seinen Bewegungen, seinem Stil vollständig beschreibt. Ein Wort, das aus meinem alltäglichen Sprachgebrauch eigentlich schon längst verschwunden ist, trifft wie ein Wassertropfen auf mein Bewusstsein: Anmut. Dieser Mann ist anmutig. Jede seiner Bewegungen ist so geschmeidig und präzise, und doch ohne den Hauch einer Anstrengung. Seine Hände sind schmal, mit langen, schlanken, fast knochigen Fingern, die durch die Form der Nägel spitz zuzulaufen scheinen. Auf den Handrücken treten zwischen den deutlich erkennbaren Sehnen bläuliche Adern hervor.

Noch immer bin ich vollkommen paralysiert.

„Offenbar habe ich Sie doch etwas aus dem Konzept gebracht. Ich dachte, nachdem wir schon so lange miteinander bekannt sind, sollte Sie meine Anwesenheit in keinster Weise mehr überraschen“, sagt er langsam. Seine Stimme ist nun so klar wie das Wasser in einem Bergsee, hebt sich so deutlich heraus aus der Geräuschkulisse des reißenden Flusses, des Nachtverkehrs und des Rauschens meines Blutes in meinen Ohren, als hätte er diesen anfänglichen Anflug von Heiserkeit mit seinem Atem ausgehaucht.

Jeder Eindruck, jedes Detail seiner Erscheinung brennt sich in meine Netzhaut ein, alles scheint neu und ich habe das Gefühl, alles in mich aufnehmen zu müssen, und dabei kommt er mir doch, wie er behauptet hat, tatsächlich vage bekannt vor. Mein Bewusstsein sieht sich vollkommen überfordert im Spannungsfeld zwischen der vorherrschenden Vertrautheit, die mir das Gefühl gibt, Mortimer seit Ewigkeiten zu kennen, und der Tatsache, dass ich keinen rationalen Bezug zu seiner Erscheinung, ja nicht einmal zu seinem Namen herstellen kann.

An dieser Stelle möchte ich noch einmal einen Augenblick lang die Gesamtsituation beleuchten: Es ist mitten in der Nacht, in einer deutschen Millionenmetropole, in der unweit dieser Rheinbrücke vor wenigen Jahren eine berüchtigte Silvesternacht stattgefunden hat. Damals sollen mehrere hundert Frauen belästigt worden sein. Es ist mir bewusst, dass ich aufgrund meines Auftretens nicht unbedingt die erste Person bin, der so etwas passiert, aber das macht es – anders als meine damenhaften, mit Kunstblumen besteckten Kommilitoninnen bisweilen implizieren mögen – nicht unmöglich. Es ist sicher nicht klug von mir, mich jetzt überhaupt in der Innenstadt aufzuhalten, ich bin zugegebenermaßen manchmal etwas leichtsinnig. Aber vor diesem Hintergrund bin ich überzeugt, dass Panik aufgrund der Situation, die sich hier gerade entwickelt, eigentlich eine vollkommen angemessene Reaktion wäre. Stattdessen erlebe ich die Perspektive, die sich mir in diesem Moment bietet, als beklemmend auf so vielen Ebenen, dass ich mich konzentrieren muss, meinen Atem tief und regelmäßig bleiben zu lassen. Ich kann offensichtlich – und unerklärlicherweise – nicht handeln wie jemand, der gerade Panik empfindet. Ich bin gelähmt.

Da Mortimer nicht aufdringlicher ist als jeder beliebige andere Mann, der eine Frau Mitte zwanzig in der Nacht anspricht, und sich somit die reale, objektive Bedrohlichkeit der Situation in Grenzen hält, glaube ich, dass es einen guten Grund haben muss, dass mir der Zusammenhang, in dem unsere Bekanntschaft steht, nicht einfallen will.

Vielleicht möchte mein Gehirn, möchte mein Organismus mich vor der Wahrheit schützen.

„Kommen Sie“, sagt er, als ich mich immer noch nicht in der Lage sehe, auf seine Aussagen zu antworten. „Wir gehen ein Stück spazieren.“

Sanft umfasst Mortimer meinen linken Unterarm und zieht mich auf den Fußweg, weg von meinem geliebten Wasser.

Ich habe eine leise, sarkastische Stimme in meinem Kopf, die sich gern in unpassenden Momenten mit unpassenden Kommentaren zu Wort meldet. Sie teilt fröhlich mit, wie merkwürdig Einzelaspekte eines Sachverhaltes sind, so auch jetzt: Es ist doch gut, wenn eine Entführung so entspannt abläuft. Ich habe solche Angelegenheiten immer für wesentlich anstrengender gehalten.

Als Mortimer und ich nebeneinander die Brücke in Richtung der Innenstadt überqueren, werde ich mir gewahr, dass gerade jeder einzelne Muskel in meinem Körper angespannt ist.

Ein ums andere Mal verfluche ich, dass ich scheinbar kein emotionales Gedächtnis habe: Ich kann mich fast nie daran erinnern, wie sich Dinge in meiner Vergangenheit eigentlich angefühlt haben, während sie passiert sind, und manchmal verschwinden sie auch einfach.

Im Nachhinein betrachtet, könnte man, wenn man denn wollte, meine Reaktion auf Mortimers plötzliches Erscheinen sicher auf eine in sich abgekapselte, diszipliniert regulierte Panikattacke herunterbrechen. Aber nein.

Etwas in mir wusste von Anfang an, dass diese Begegnung etwas verändern würde.

[2]

Wir gehen langsam die Cäcilienstraße hinauf, vorbei an einem Supermarkt, an einem Warenhaus, einem großen Herrenausstatter und am Belgischen Haus. Ich fühle mich eingehüllt, umgeben, absorbiert von Mortimers Anwesenheit. In mir wütet ein Chaos aus Panik, Neugier und Ärger. Und einer sonderbaren Form der Erregung.

Ich schaue zum Himmel hinauf. Die Nacht ist mondlos, aber links vor mir steht der Große Wagen am Himmel. Als ich ihn entdecke, scheint mein Geist seinen Anblick zu begrüßen wie einen alten Freund.

Im Kopf gehe ich immer wieder meine Morgenroutine durch, um mich zu erden, all die Gefühle niederzuringen, die mir das Herz bis zum Hals schlagen lassen.

Plötzlich höre ich neben mir ein leises Lachen. Ich drehe den Kopf. Es ist Mortimer, der den Kopf in den Nacken geworfen hat und ein kaltes, freudloses Lachen von sich gibt, das klingt, als hätte er eine ernstzunehmende Verletzung im Rippenfell.

„Was ist?“, frage ich, und erst, als ich die Worte ausgesprochen habe, wird mir klar, dass ich sehr brüsk klinge, aufgebracht, unwirsch. Was ich ja auch bin. Schließlich bin ich sozusagen gerade entführt worden. Irgendwie. Aber ich habe eigentlich viel zu viel Angst, Mortimer das vorsätzlich spüren zu lassen. Nur jetzt kann ich meine Aussage nicht mehr zurücknehmen.

Für einen kurzen Augenblick herrscht Stille. Es ist diese Stille, die am lauten Tag ruht, die es nicht nur vermag, die unsichtbare Mauer der Bedeutungslosigkeit zu durchbrechen, die uns alle umgibt und voneinander fernhält, nein, diese Stille ist so schwer, so ohrenbetäubend, dass sie nicht angenehm ist, sondern meine Angst nur schürt.

Mortimer ist stehen geblieben, und ich auch, wie ich allmählich feststelle.

Während ich noch darüber nachdenke, wie es sein kann, dass mein ganzes Nervensystem derart aufgerieben ist, ich aber dennoch die wesentlichen Beobachtungen, die Informationen, die ich brauche, um meine eigene Lage einzuschätzen, erst verzögert aufnehmen kann, hat Mortimer sich bereits vor mir aufgebaut. Viel größer als ich ist er nicht. Aber der Blick mit den kalten, alles durchdringenden Augen gräbt sich durch jede meiner Poren, durch das Netz aus Nervenfasern in meinem ganzen Körper bis tief in meine Seele.

Sein Gesicht ist so nahe an meinem, dass ich seinen Atem auf meiner Haut spüre. Ein geräusch- und regungsloser Schauer läuft mir über den Rücken.

„Du glaubst, über Duschen und Zähneputzen nachzudenken, hilft dir, diese Situation zu überstehen?“, zischt er mir ins Gesicht, jetzt keine Spur mehr so höflich und zurückhaltend wie noch Minuten zuvor. Seltsamerweise stelle ich erst nach einigen Sekunden fest, dass er unvermittelt aufgehört hat, mich zu siezen. Offenbar hat er sich nicht einmal mehr dafür genug im Griff.

Kampf oder Flucht, Kampf oder Flucht, Kampf oder Flucht, hallt es in meinem Kopf. Jetzt habe ich wirklich Angst, und ich bin, wie bereits im Vorfeld gut erkennbar, nicht sehr leicht zu beeindrucken, wenn es um sonderbare (aber gut gekleidete) Männer geht, die mich nachts in der Kölner Innenstadt ansprechen.

Er saugt leise die Luft ein; die Härchen in meinem Nacken stellen sich auf. „Du denkst das wirklich, nicht wahr? Du denkst, dass du mir entkommen kannst. Aber nein.“ Seine Stimme ist aalglatt, ein tiefer, geschmeidiger Bariton. Noch immer scheint ihm seine massive Einschüchterungstaktik keine wesentliche Anstrengung abzuverlangen, sie erscheint mir ebenso beeindruckend wie vollkommen mühelos, die einzige wirkliche Anspannung, die ich an ihm wahrnehme, ist für einen kurzen Moment ein aggressives Zähnefletschen auf seinem Gesicht. Aber im nächsten Augenblick ist auch das wieder verschwunden. „Elise, ich bin deine Vergangenheit, deine Gegenwart und deine Zukunft. Jedes Wort, das du je gesagt hast, habe ich dir vorher beigebracht. Du atmest mich. Ich bin die einzige Person, die immer an deiner Seite bleiben wird. Und ausgerechnet mich beleidigst du? Ausgerechnet mir versuchst du dich zu entziehen, als wäre ich irgendein dahergelaufenes Schaf, dem du etwas vormachen kannst? Bist du sicher, dass du das möchtest?“

Diese Aussage ist auf so vielen Ebenen verstörend, beängstigend und irgendwie falsch. Aber ich bin nicht fähig ihm etwas entgegenzusetzen, und ein Gefühl der Hilflosigkeit, der Ohnmacht steigt in mir auf. Da ist er, denke ich, der erste Verbündete des Schmerzes.

In der Vergangenheit hat sich das Spannungsfeld zwischen meinem emotionalen Erleben und meiner Handlungsweise in Form einer Überregulation veräußerlicht: Es war gleichgültig, wie stark die Gefühle waren, die mein Inneres erfüllten, sie haben mich vermeintlich nicht dazu verleitet, mein Handeln wesentlich dadurch beeinflussen zu lassen, und durch einige recht bewährte Methoden habe ich mich ihrer dann innerhalb weniger Sekunden entledigt.

Obwohl sich meine Angst angesichts des plötzlichen Stimmungswechsels und aufgrund der grotesken Gesamtsituation nun nicht mehr ignorieren lässt, wird mein Fluchtimpuls wie üblich durch etwas gehemmt und unterdrückt, das auf den ersten Blick nach immenser Selbstdisziplin aussieht, in Wahrheit aber vielleicht nicht mehr ist als pure Überforderung.

Ich bin noch immer vollkommen stumm, aber eines Gedankens kann ich mich nicht erwehren: Der Mann ist ein Psychopath. Ich fürchte ihn, ich fürchte um mein Leben. Und dennoch, bemerke ich allmählich, fühle ich mich auf grausame, schmerzhafte Weise zu ihm hingezogen. Welche Informationen fehlen mir? Was stimmt nicht mit mir, dass ich mich nicht an ihn erinnern kann, so ein Mensch hinterlässt doch in jedem Falle Eindruck?

Jetzt erst bemerke ich, dass er seine schmalen Hände auf meine Schultern gelegt hat. Sie sind so kalt, dass ich den Temperaturunterschied durch den Stoff meiner Jeansjacke hindurch spüren kann. Ich schlucke, und unter enormer Anstrengung gelingt es mir, mich aus dem Fang seines Blickes zu lösen; ich schlage die Augen nieder. Er lässt mich los, fast ist es, als würde er mich von sich stoßen. In seiner Bewegung liegt etwas, das sich für mich wie Abscheu anfühlt.

Ich bin vollkommen absorbiert vom Nachhall seiner Worte. Du atmest mich. Was meint er damit? Wie kann ein Mensch, zu dessen Namen ich kein Gesicht habe und umgekehrt – zumindest seiner Aussage nach - so essenziell für mich sein wie Luft?

Als ich ihm wieder ins Gesicht schauen kann, ist die Aggression verschwunden. Für die Dauer eines Wimpernschlages sind seine Züge wieder weicher, wenn man denn sein Gesicht mit diesem Adjektiv überhaupt zu irgendeinem Zeitpunkt beschreiben kann.

Als müsste er einen unsichtbaren Trümmerhaufen wieder aufkehren, bevor es weitergehen kann, holt er tief Luft, strafft die Schultern und dreht mir dann den Rücken zu. „Komm, wir gehen. Dann können wir gleich die Achtzehn nach Klettenberg nehmen.“

[3]

Still und lediglich durch den gelben Schein der Natriumdampflampen erhellt, liegt die Haltestelle Neumarkt schließlich vor uns. Der Weg die Cäcilienstraße hinauf ist mir wie eine Ewigkeit vorgekommen.

Um den Neumarkt herum fährt die Straßenbahnlinie Achtzehn für einige Stationen unterirdisch, um den ohnehin meist schwierigen Verkehr in der Innenstadt nicht zu behindern und selbst auch nicht dadurch behindert zu werden. Ich kann nicht von mir behaupten, dass ich sonderlich viel von urbaner Infrastruktur verstehe, habe ich doch nicht einmal einen Führerschein. Aber mir ist durchaus bewusst, dass in der Stadt vor lauter Straßen, Einkaufszentren, Museen, Denkmählern und Kirchen kein Platz für eine Straßenbahn wäre. Wenn ich darüber nachdenke, was ich seltsamerweise recht häufig tue, kehre ich immer wieder zu der Frage zurück, ob all diese Dinge zuerst da waren und diese Gebäude für die Straßenbahn untertunnelt wurden, oder ob nur einige Gebäude da waren und nach dem Bau eines Straßenbahntunnels beschlossen wurde, den Boden darüber dicht an dicht mit Kommerz und Kultur zu bedecken. Dieser Gedankengang ist einer von denen, die für meine Art, mich mit Tatsachen auseinanderzusetzen, sehr typisch ist. Ich frage mich ständig, was zuerst da war. Mein Gehirn scheint nur in einer „Huhn-oder-Ei“-Struktur zu funktionieren. Manchmal fällt es mir schwer, mich selbst damit ernst zu nehmen.

Wir steigen ein, und es kommt mir vor, als beträten wir eine Gefängniszelle aus blauem Plastik, grauem Laminat und gelb lackiertem Stahl. Hier werde ich Mortimer nicht einmal entfliehen können, wenn ich mich psychisch dazu in der Lage sehe. Was wohlgemerkt immer noch nicht der Fall ist.

Lächelnd lässt er sich auf einem Fensterplatz nieder, schiebt das Becken vor, lehnt sich zurück, verschränkt die Hände im Nacken, schlägt die Beine übereinander und blickt mich unter seiner Hutkrempe hindurch an.

Ich nehme den Sitz, der am meisten physikalische Distanz zwischen uns bringt, ohne mich aus dem unausgesprochenen Radius hinauszuwagen, innerhalb dessen er noch die Hand nach mir ausstrecken kann. Es ist der Sitz schräg gegenüber, am Gang, aber in Fahrtrichtung. Es ist einerlei, was Mortimer über mich weiß; er weiß zu viel. Jetzt schon bin ich ein Spatz in seiner Hand.

Ich schiebe meine Hände in die Taschen meiner Jacke. Zu allem Überfluss habe ich diesen „Stadtbummel“, der einfach als abendlicher Spaziergang begonnen hat, auch noch ohne mein Handy angetreten. Meine Hände sind von einem hauchdünnen Film klebrigen, kalten Angstschweißes überzogen.

„Also“, setzt Mortimer unvermittelt an, „eine Sache würde ich aber schon gerne wissen. Ich kann verstehen, dass du aus diesem Loch in Schleswig-Holstein herauswolltest. Aber dir stand doch die ganze Welt offen. London, Rom, Paris – ich liebe Paris – Hamburg, München, Wien. Sogar Berlin hat schöne Ecken. Aber Köln? Ich bin nicht das erste Mal hier, und dank dir werde ich wohl auch noch einige Zeit hier verbringen müssen, aber warum nur ausgerechnet Köln?“

Ich schlucke. Ein weiterer Hinweis. Offensichtlich sind unsere Schicksale – zumindest seiner Meinung nach – untrennbar miteinander verknüpft.

Mortimer ergreift seinen Hut mit der rechten Hand und nimmt ihn ab. Eine Strähne seines aschblonden Haares, das er vorhin noch streng zurückgekämmt getragen hat, fällt ihm in die Stirn. Er platziert sie mit einer federleichten, grazilen Bewegung seines Ringfingers wieder dort, wo sie hingehört, senkt den Blick, und seine langen, skelettartigen Finger spielen mit der Krempe des Hutes, während er auf meine Antwort wartet.

„Na ja“, spöttele ich, tief versunken in meiner emotionalen und physischen Abwehrhaltung: Ich will dieses Gespräch nicht führen. Immer noch nicht, auch nicht nach all den Jahren. Es ist eine der seltenen Gelegenheiten, in denen sich meine sarkastische, kleine Stimme in den Vordergrund drängt und ausnahmsweise laut ausspricht, was ich üblicherweise zurückhalte. „Hässlicher Mensch, hässliche Stadt. Ich dachte, ich bringe das Innere mit dem Äußeren in Einklang.“

Wieder lacht Mortimer dieses leise, hohle Lachen. An den Falten zwischen seinen Augenbrauen kann ich erkennen, dass mein erster Eindruck vielleicht gar nicht einmal so abwegig war: Offensichtlich hat dieser wenigstens oberflächlich betrachtet in Würde gealterte Mann tatsächlich Schmerzen, wenn er lacht. Endlich wird meine Angst und auch der Ärger, den seine bevormundende Haltung mir gegenüber in mir ausgelöst hat, von einer anderen Empfindung abgelöst, oder vielleicht eher überdeckt. Ich habe Mitleid mit ihm. Kein echtes Mitgefühl, dazu verschließe ich mich ihm zu sehr – zu Recht, wie ich finde – aber Mitleid. Kein Wunder, dass er bitter und launisch ist, wenn die Schnittmenge positiven emotionalen Erlebens und dessen Ausdrucksmittels ihm körperliche Schmerzen bereitet.

Ich überspiele meine Überraschung darüber, dass er offenbar die Gedanken, die ich mir zu seinem eigenen Wesen gemacht habe, nicht hat erraten können. Ein Glück, überlege ich. Etwas in mir ahnt, dass es eine Herausforderung werden könnte, abwägen zu wollen, welche meiner intimen Gedanken er lesen kann und welche nicht. Schließlich hat er vorhin ja keine Hemmungen gehabt, mir meine Worte zu stehlen, ehe ich überhaupt die Chance hatte, meine Gedanken zu artikulieren, während er nun vollkommen ungerührt immer noch mit den Fingern über seinen Hut streicht.

Es fühlt sich falsch an, dass er mir nicht widerspricht. Gut, meldet sich die Stimme in meinem Kopf wieder, es ist doch gleichgültig, was er tut. Wenn er etwas sagt, ist es falsch, und wenn er nichts sagt, dann offenbar auch.

Es ist nicht falsch, weil ich mit meiner saloppen Aussage eine These aufgestellt hätte, auf die ich Widerworte für die angemessene Reaktion halte, sondern, weil ich selbst einen tiefen inneren Widerstand dagegen verspüre, mit Mortimer einer Meinung zu sein. Als wäre es ein Verbrechen, nicht am Gesetz, eher am Menschen. An der Natur. In meinem Kopf entbrennt ein ungezähmter Kampf zwischen meinem stolzen Auftreten, das mich zu dieser Antwort verleitet hat, und meinem Sachverstand, der mich daran erinnert, dass in jeder Aussage zumindest ein klein wenig Wahrheit steckt, und dass ich mich dann nicht gekränkt zu fühlen habe, wenn jemand das ernst nimmt.

„Also, ich würde ja sagen, dass deine Vernunft da vollkommen richtig liegt“, kommentiert Mortimer meinen Gedankengang.

Ich schaue ihn mit einer hochgezogenen Augenbraue an. „Natürlich sagst du das. Sie gibt dir ja auch Recht. Und abgesehen davon ist die Tatsache, dass es meine Vernunft ist, die in meinem