Mit der Knutschkugel unterwegs - Bruni Prasske - E-Book

Mit der Knutschkugel unterwegs E-Book

Bruni Prasske

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Beschreibung

Weniger ist mehr Fernweh! So schön das Leben als Dauercamperin am Elbstrand ist, die Weltenbummlerin braucht Ortsveränderung. Verreist wird mit dem neuen Mann an ihrer Seite, und Emmy, einem kleinen, formschönen Wohnwagen aus den 60ern, in Fachkreisen auch Knutschkugel genannt. Ein Buch über den Traum vom Fahren, vom Unterwegssein und dort Bleiben, wo es einem gefällt: Ein Buch auch über das Leben auf engem Raum und die Frage: Was stimmt eigentlich nicht mit Liebespaaren, die mehr als 305 x 200 cm zum Glücklichsein brauchen?

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EPUB
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Seitenzahl: 307

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Bruni Prasske

Mit der Knutschkugel unterwegs

Mein Wohnwagen, mein Liebster und ich

Deutscher Taschenbuch Verlag

Bruni Prasske

Mein Wohnwagen,

Prolog

Auch die große Liebe kennt Starthemmungen. Das war mit der Comtesse Emmy, alias Tabbert Comtesse 305C, nicht anders als mit Freddy.

Die Comtesse zickte und zeigte ihre Schönheit und Liebenswürdigkeit erst durch großzügige (finanzielle) Zuwendungen und geschickte Hände. Aber nach einigen Monaten war die Sache klar: Wir werden niemals auseinandergehen!

Freddy ist aus einem anderen Holz geschnitzt. Er versteckte seine Liebe hinter mildem Lächeln, Gaben von Gummibärchen, Schweigen und Schüchternheit. Es brauchte Jahre, bis es funkte und ein Feuer entflammte, das ewig brennen und mich wärmen wird. (In kalten Nächten in Kappadokien hilft zur Not auch Emmys Heizung.)

Herzensangelegenheiten

Kaum steht mein mobiler Verlobter vor mir, da brennen alle Sicherungen durch. Mein Herz klopft bis zum Hals und ich suche fieberhaft nach dem passenden Standort für meinen Rex. Der Trecker zieht ihn Zentimeter um Zentimeter durch den Sand, ich fuchtle mit den Armen und rufe gegen das Dröhnen des Motors an.

»Mehr nach links, nein Quatsch, nach rechts, oder ein Stück zurück? Geht das?«

Mit jedem Ruck schaukelt mein Rex wie ein alter Kahn auf hoher See. Die Klappbank liegt auf dem Bett und stößt gegen das Plastikfenster. Wenn das mal gut geht! Der Fahrer drängt mit Gesten, schließlich warten zwei Dutzend weiterer mobiler Heime auf ihren Aufzug an den Elbstrand. Allmählich versinken die Räder im Sand. Wo stand er bloß im letzten Jahr? Unter üppigem Sommergrün, zwischen Sonnenblumen und Akeleien wäre die Sache einfacher. Dieses Jahr ist die Natur spät dran, wie es so schön heißt. Meine Strickmütze leistet gute Dienste und auch die gefütterten Stiefel sind keinesfalls überflüssig.

»Hier ist es gut!«, sage ich schließlich.

Im Geiste male ich mir das weitere Vorgehen aus, wobei ich liebend gern die ersten zehn Schritte überspringen und stattdessen das Bett mit Laken, indischen Decken und bunten Kissen bereiten würde, um von dort aus den Ozeandampfern zuzuschauen. Ich mag es nicht, wenn mein Verlobter einer Abstellkammer gleicht, ich will ihn hübsch machen, hübsch für das kommende halbe Jahr, für einen wunderbaren Sommer am Strand. Für ein einfaches Leben unter freiem Himmel, an frischer Luft rund um die Uhr.

Er hat mir so gefehlt! Fünf Monate und sechzehn Tage war er im Winterlager, der Campingplatz verwaist und gänzlich der Natur und einer möglichen Sturmflut überlassen.

Alle Nachbarn wuseln herum. Wie immer zu Saisonbeginn mangelt es an Wagenhebern, Kurbeln für die Drehstützen, an Rostlöser und warmen Getränken. Kaum jemand ist zu diesem Zeitpunkt ansprechbar. Alle Dauercamper sind mit ihren Wagen beschäftigt. Ich hetze mit Zeltstangen und dem Werkzeugkasten um den Wagen und vergesse sogar Freddy, der gemeinsam mit mir in aller Frühe aufgestanden ist, um behilflich zu sein.

Irgendwann ist es geschafft, Rex steht im Lot. »Soll ich einen Kaffee kochen?«, frage ich Freddy, als der Herd bereit ist und mir bewusst wird, dass ich seit geraumer Zeit nicht mehr mit ihm gesprochen habe. Er schaut mich aus seinen himmelblauen Augen an und schüttelt kaum merklich den Kopf.

»Mach du nur weiter mit deinen Verschönerungen. Der Wagen steht fest. Ich fahre dann mal zurück in die Stadt.«

Mein Leben auf Zeit im Wohnwagen kann beginnen. Ich bin als Draußenkind aufgewachsen, auf dem platten Land, und in mir schlummerte all die Jahre in der Großstadt das unbändige Verlangen, endlich wieder barfuß durchs Leben zu gehen (und draußen zu essen und mich am Lagerfeuer zu wärmen). Viel zu lange habe ich dieses Verlangen ignoriert oder nur sporadisch genossen. Erst durch das Glück des Dauercampens lebe ich es wieder aus. Sonnenauf- und -untergänge direkt vor der Wohnwagentür. Der Rex wurde zu meinem Kokon, der so überraschend zu mir kam, wie mein damaliger Partner das Weite gesucht hatte. Im Kokon konnte ich mich von einer liebeskranken Heulsuse zur lachenden Strandlady wandeln.

»Du willst doch nicht etwa heute Nacht hierbleiben?«, fragt Freddy, als ich das Bett überziehe, Kissen aufschlage und die Wärmflasche hervorkrame. Ich nicke und schaue mich um. »Doch! Tausend Dank für deine Hilfe. Ich rufe später an oder morgen«, sage ich und unsere kalten Lippen treffen sich für einen kurzen Moment. Dann bin ich allein. Brrr, verdammt frostig. Die Heizung läuft, aber es zieht an allen Ecken und Kanten herein. Vor den Türschlitz stopfe ich ein Schaffell. Das bringt was. Die Wärmflasche hilft nach einer Weile zwar gegen kalte Füße, aber leider nicht gegen das mulmige Gefühl, als es dunkel wird. Ich bin allein auf weiter Flur, ein winterlicher Campingplatz, ein Strand mit Eiskristallen nach der letzten Flut und die träge dahinfließende Elbe. Als ein Containerschiff vorbeifährt, stelle ich mir vor, wie warm es auf der Brücke und in den Kajüten sein muss. Und auch bei Freddy wäre es warm, sehr warm sogar. Aber in der Stadt zu übernachten, kommt nun wirklich nicht in Frage. Die Saison ist kurz, nur einen norddeutschen Möchtegernsommer lang. Ich brenne darauf, bei Sonne und Wärme hier zu sein und zu arbeiten, allen Energieproblemen zum Trotz, denn noch immer habe ich keine Solaranlage. Der Wellenschlag des schwimmenden Riesen bringt Erinnerungen an die letzten Nächte der vergangenen Campingsaison, als Freddy mehr wurde als nur ein guter Freund. Wir kannten uns, seit er vor einigen Jahren in meinem Sportverein aufgetaucht war und nach Mann-in-schwerer-Lebenskrise aussah. Vermutlich nahm ich ihn wegen meines Hangs zu ungewöhnlichen Menschen unter die Fittiche. Seine blauen Augen könnten auch eine Rolle gespielt haben. Als ich ihn zum ersten Mal auf dem Sportplatz sah, hatte ich den Song sofort im Ohr: »Deine blauen Augen machen mich so sentimental – so blaue Augen …« Mein Gott, die Achtziger! Bis auf seine blauen Augen fand ich bei Freddy jedoch keine weiteren Anhaltspunkte für eine Rückblende in meine Zeit als Twen. Es vergingen drei oder vier Jahre, in denen er nicht einen einzigen Versuch unternahm, mit mir zu flirten. In den ersten Wochen dachte ich, er stehe nicht auf Frauen, doch dann tippte ich auf gebrochenes Herz. Totalschaden! Er war geschieden, wie nach einem halben Jahr und mindestens fünfzig gemeinsamen Trainingseinheiten einschließlich gemeinsamer After-Sport-Unternehmungen zu erfahren war. Freddy ging damals knauserig mit Worten um, aber seltsamerweise war er trotzdem gesellig und im Verein beliebt. Irgendwann lernte ich seine wohlgeratenen Kinder kennen und jeder Gedanke daran, er könne womöglich grundsätzlich kein Interesse an Frauen haben, verflog. Ich hielt mich an die Totalschadentheorie. Was soll eine Frau sonst denken, wenn von einem Mann nicht der Hauch eines Flirts ausgeht?

Nach zwei Jahren durfte ich beim Vereinsausflug in ein Zeltlager seine romantische Ader kennenlernen. Es war mitten in der Nacht, als ich seine Stimme hinter der Stoffbahn meiner Behausung hörte.

»Bruni, steh auf, ich will dir was zeigen.«

Das ließ ich mir nicht zwei Mal sagen, zumal nicht, wenn er meinen Namen in dieser einzigartigen Weise aussprach.

»Du wirst staunen!«

Und dann führte er mich zu einem Boot und ruderte uns auf den See hinaus. Hinter mächtigen Baumwipfeln tauchte plötzlich der Vollmond auf. Als habe jemand einen Lichtschalter angeknipst, verwandelte der Schein den See in ein Silberbad und die Nacht in einen seltsamen Tag. Freddys Körper warf einen scharfen Schatten auf die ruhige Oberfläche.

»Endlich ist er aufgegangen. Ich habe lange auf der Lauer gelegen. Es ist schon nach zwei«, flüsterte er und legte die Ruder beiseite. Wortlos genossen wir den Anblick und ließen uns treiben.

»Danke«, sagte ich, bevor ich wieder in mein Zelt kroch und er zu seinem VW-Bus ging.

Im letzten Sommer dann teilten Freddy und ich mehr Zeit miteinander als jemals zuvor. Wir paddelten, wanderten, fuhren Rad, trainierten für Wettkämpfe und schauten der Sonne beim Abtauchen zu. Im Kino bin ich einmal ganz nah an ihn herangerückt, und seine Körperwärme brannte auf meiner Haut. Zu bewussten Berührungen kam es trotzdem nie. Ich traute mich nicht, weil Freddy mir ein guter Freund geworden war, ein liebenswerter Mensch, kein Draufgänger, keiner für Beziehungsexperimente mit offenem Ausgang, keiner, der vergessen oder flüchtig genießen konnte, kein Mann für Abenteuer. Zum Ende des Sommers legte er manchmal seinen Arm um mich, doch kumpelhaft, schlaksig und nur für Sekunden. Mir taten diese Berührungen gut. Manchmal lächelte er dabei und zog seine Schultern hoch, als wolle er seinen Kopf verstecken. Diese Geste hatte etwas Mädchenhaftes und Zartes. Freddy ist anders als andere Männer.

Immer häufiger besuchte er mich im Wohnwagen und blieb über Nacht. Er schlief auf der Sitzecke und ich in meinem Kamasutra-Bett, wie eine Freundin es wegen des indischen Ambientes getauft hatte. Wir gewöhnten uns an diese gemeinsamen Nächte, wenn es dunkel wurde, zündeten wir die Gaslampe an und genossen das schummrige Licht und das zischende Geräusch. Unser freundschaftliches Arrangement zeugte von einer seltsamen Intimität. In gewisser Weise waren wir zwei beziehungsgeschädigte und einsame Seelen in Zweisamkeit.

Und dann kam der Abend, der alles änderte. Schweigend schauten wir – wie so oft zuvor – auf den Fluss und in die Dämmerung hinein, genossen das Farbenspiel nach dem Sonnenuntergang und hielten es für ein Himmelsfeuer. Ich trug ein schwarzes Jerseykleid und meine Sommerstiefel. Solange meine Füße warm sind, kann mir Abendkühle nichts anhaben. Freddys Körper an meiner Seite und der Rotwein spendeten zusätzliche Wärme. Ich rückte näher an ihn heran, näher, als ich es mich jemals getraut hatte, und legte meinen Kopf an seine Schulter. Er reagierte nicht darauf, aber das machte nichts.

»Eine Sternschnuppe«, sagte er, aber es war zu spät für mich, sie auch zu sehen.

Seltsam, dachte ich, da sitze ich mit Freddy an einem der letzten halbwegs lauen Abende am Strand, die ersten Sterne beginnen zu funkeln, ich genieße seinen warmen Körper und bleibe ansonsten regungslos. Was soll das? Wir sind Mann und Frau, ungebunden noch dazu. Wenn er doch nur einen kleinen Finger in meine Richtung rühren würde. Aber er rührte keinen Finger und ich hatte in meinem Leben schon zu viel Mist gebaut, um diese Freundschaft auch noch aufs Spiel zu setzen. Wenn es nicht passte, wenn es nicht klappte, wenn Freundschaft und Liebe nicht in Einklang zu bringen waren? In meinem Kopf kreiste es, während Freddy wie erstarrt neben mir saß, mein Kopf an seiner Schulter, meine Haare an seinem Hals. Immerhin lebte er noch. Ich hörte ihn atmen und manchmal bewegte er ein Bein. Ich spielte mit dem Gedanken, alle Vorsätze über Bord zu werfen. Angesichts des weiten Sternenhimmels erschien es mir absolut naheliegend, ihn zu küssen. Wozu gab es diesen Sternenhimmel, die laue Nacht, den Fluss, den Strand und unsere kleine Bank! Doch sicher nicht, um zu grübeln. Verdammt, er war kein Mann für Abenteuer, ich hingegen war sprunghaft und bindungsresistent. Wusste er das auch? Warum saß er hier?

»Ich muss mal eben für kleine Mädchen«, sagte ich und stand auf. Freddy saß mit einem Bein auf meinem Kleid, das von oben bis unten mit Druckknöpfen versehen war. Schwuppdiwupp stand ich im offenen Gewand vor ihm, mein nackter Bauch auf seiner Augenhöhe. Ich trug ansehnliche Unterwäsche. Zum Glück. Mit einem knappen Oh schaute er sich meinen türkisfarbenen Spitzen-BH an.

»Bin gleich wieder da«, sagte ich und konnte vor Lachen kaum gehen. Das Kleid aber ließ ich offen und setzte mich später wieder neben ihn, als wäre nichts vorgefallen.

»Jetzt, wo ich schon mal halb ausgezogen bin, solltest du vielleicht deine Finger an meinem Bauch wärmen«, schlug ich vor und half ihm dabei. Vorsichtig nahm ich seine Hand und führte sie an meinen Körper. Freddy ließ es geschehen.

»Wie fühlt sich das an?«, fragte ich ihn.

»Warm und weich«, sagte er und schaute mich an. Ich gab ihm einen vorsichtigen Kuss auf die Lippen, was eine kratzige Angelegenheit war. Wieso hat ein Mann mit zartem Haupthaar derart kräftige Stoppeln im Gesicht? Ich küsste ihn etwas weniger schüchtern, und er beantwortete meine Versuche. Freddy roch und schmeckte gut, seine Zunge war vorsichtig, alles bestens. Mein Bein lag auf seinem Oberschenkel, und er streichelte unter dem Stoff des »Mäntelchens« meinen nackten Rücken. Ob er meine Gänsehaut spürte? Seine Berührungen schossen mir durch den ganzen Körper. Ich musste lachen.

»Lass uns in den Wohnwagen gehen, dort ist es bequemer«, schlug ich vor und freute mich irrsinnig darauf, ihn gleich unter meiner Decke zu haben. Jetzt gab es kein Zurück mehr.

Es war der Anfang unserer Liebe, gefolgt von einem Winter, in dem wir uns regelmäßig gegenseitig wärmten. Und jetzt endlich beginnt eine neue Rex-Saison, ein anderes Dasein, ein anderes Lebensgefühl. Draußen!

Auf und davon

Im Mai ist der Sommer endlich da. Über Nacht ist es warm geworden, und ich tausche meine Jeans gegen ein Kleid. Am späten Nachmittag, während ich am Laptop sitze und die allerletzten Zeilen einer Auftragsarbeit fertig tippe, strandet ein Paddler bei Ebbe im Schlick. Sein Kajak ist voll bepackt, demnach kann er keiner von den Hamburger Tagesausflüglern sein. Mit dem Fernglas bewaffnet, nehme ich ihn und sein Gefährt aufs Korn. Ein hervorragendes Seekajak, der Paddler sitzt im Boot und trinkt ein Bier. Ungewöhnlich. Offenbar wartet er auf Wasser unterm Kiel. Das kann dauern, wie ein Blick in den Tidenkalender zeigt. Sein schweres Boot wird er nicht allein an den Strand ziehen können. Wo kommt er her, wo will er hin?

Es dauert nicht lange, und ich habe alle Antworten erhalten, denn Krischan ist redselig. Da er auch ausgesprochen witzig ist, lachen wir bald um die Wette, als würden wir uns schon lange kennen. Woher er stammt, muss ich nicht erst fragen. Ein waschechter Berliner mit unverfälschtem Dialekt auf dem Weg nach Hause: Er will über die Elbe, diverse Kanäle, die Havel und die Spree, auf manchen Etappen sogar gegen die Strömung. Sein Zelt baut er neben dem Rex auf und beim abendlichen Feuer erfahre ich fast alles, was ich schon immer übers Wanderpaddeln und übers wilde Campen wissen wollte. Seit zwei Jahren habe ich selber ein Boot und kann mich als halbwegs geübte Paddlerin in einem schwierigen Revier bezeichnen. Krischan ist begeistert. Am nächsten Tag paddeln wir rund um Neßsand, die Elbinsel gegenüber vom Campingplatz. Eine ähnliche Tour hat mir einst Todesängste eingejagt. Dieses Mal ist alles easy, Krischan findet die richtigen Worte, um mein Trauma im Zaum zu halten, als wir jene Stelle erreichen, an der ich mich vor drei Jahren innerlich von dieser Welt verabschiedet hatte.

Kurzum, ich beschließe Krischan auf seinem weiteren Weg zu begleiten. Alle Sicherungen raus, abschalten, nicht an das Morgen, nicht an Konsequenzen, nicht an Freddy, nicht an Flurschäden denken. Das wollte ich schon lange: einfach drauflospaddeln und am Abend irgendwo das Zelt aufbauen. Ich schaffe es relativ problemlos, mein Gewissen und mein Handy abzustellen. In einem winzigen Boot auf einem langen Fluss befinde ich mich in einer anderen Welt. So fühle ich es zehn Tage lang. Mit Krischan wechsle ich mindestens so viele Worte wie wir Paddelschläge durchs Wasser ziehen. Reden, reden, reden, nie Ruhe, nie Langeweile, lachen, zwei sorglose Kinder in den Sommerferien.

Freddys Plan

Als ich mir auf dem Heimweg von Berlin mit wenig Fantasie ausmalen kann, welche Nebenwirkungen mein Ausflug hat, werden die chronischen Bauchschmerzen und Fluchtgedanken immer heftiger. Sobald ich das heimische Ufer betrete, ist es klar: Ich kann nicht mehr zurück zu Freddy, nicht nach dieser kopflosen Aktion. Vollkommen durchgeknallt. Wie konnte ich nur? Lag es an Krischans Redseligkeit, keine Minute Ruhe, wie ein sprudelnder Wasserfall?

Wenn ich Freddy mal mehr oder weniger zufällig sehe, dann ist er traurig, seine Wangen sind hohl, und mir fallen partout nicht die richtigen Worte ein, um mein Verhalten zu erklären und um Entschuldigung zu bitten. Der Sommer, die Sonne, das Campen, die Elbe, all das hat meinen Verstand ausgeschaltet, immer und immer wieder. Alles andere war plötzlich egal. Freddy tobt nicht und flucht nicht, er versucht nicht einmal, mir einen Spiegel vorzuhalten. Er leidet still und macht sich aus dem Staub. Wenn er wenigstens ausflippen würde! Nie habe ich ihn laut erlebt. Diese Ruhe macht mich wahnsinnig. Er ist zu ruhig für mich, ich würde ihn immer wieder verletzen, es hat keinen Sinn, sage ich mir. Wir sind zu unterschiedlich für eine Beziehung, aber zurück zu unserer alten Freundschaft können wir jetzt auch nicht mehr. Ich habe alles vergeigt.

Und dann, als ich schon nicht mehr mit einer Reaktion von ihm rechne, bittet er mich um ein Treffen an einem neutralen Ort. Vielleicht möchte er ein klärendes Gespräch oder mich endlich an den Pranger stellen. Verdient habe ich es. Ich zwinge mich, trotz Übelkeit überpünktlich in einer Nachbarschaftskneipe zu sitzen und auf ihn zu warten. Die bestellte Rhabarberschorle bekomme ich nicht runter.

»Wie geht es dir?«, fragt er zur Begrüßung, wobei wir uns unbeholfen auf die Wangen küssen. Und dabei ist er der beste Küsser, den ich kenne, aber an derartige Intimitäten ist nicht zu denken.

»Ich habe mir etwas überlegt«, sagt er und holt einen Ordner aus der Tasche. Während er die Getränkekarte und eine Vase vom Tisch räumt, uns nebenbei zwei Wein bestellt und seine Unterlagen aufschlägt, wird mir immer mulmiger. Hat er meine Schandtaten etwa dokumentiert? Abtauchen ohne Handy für zehn Tage. Ausflüge mit Unbekannten an unbekannte Orte. Ignorieren von Mails. Höchststrafe!

»Wir beide haben keine einfache Zeit hinter uns«, fasst er die letzten Monate zusammen. Bei ihm gibt es keine ausschweifenden Einführungen, kein langes Gerede und keinen heißen Brei, der umkreist und löffelweise serviert werden muss, kein Ausschmücken fataler Umstände, kein Geschrei, keine Faust auf dem Tisch. Seine Wangen und Mundwinkel zeigen, wie er sich fühlt.

»Ich habe eine Präsentation vorbereitet, die ich dir gern zeigen möchte.«

Wir prosten uns mit Riesling zu, Bauchschmerzen hin oder her. Flüchtig berührt er meine Hand. Puh! Stromstoß!

»Wir beide machen eine große Reise«, sagt Freddy, und ich verschlucke mich am Rheinhessischen, falscher Hals, hust, hust. Wenn er gesagt hätte: Das mit uns beiden hat keine Zukunft. Unsere Vorstellungen von einer Beziehung sind unvereinbar. Es tut zwar weh, aber es wird das Beste sein, wenn wir uns nicht mehr sehen. Ich bitte dich, mir nie wieder unter die Augen zu treten, du hast meine Liebe nicht verdient, du verdammtes Miststück! Tja, das hätte ich verstehen können und mich weder verschluckt noch meinen Ohren misstraut. Große Reise! Freddy hat noch nie eine längere Reise gemacht. Während Hans und Franz in der Weltgeschichte herumgejuckelt sind, hat er gearbeitet, geheiratet, zwei Kinder großgezogen, sich scheiden lassen und gelitten wie ein Hund. Er ist der zuverlässigste Mensch, den man sich denken kann. Aber auf einer großen Reise kann ich ihn mir nicht vorstellen, schon gar nicht auf einer mit mir! Konzentriert und offenbar bestens vorbereitet, blättert er die Mappe auf.

»Du liebst das Reisen und das Campen. Mein Vorschlag ist, beides zu kombinieren. Folgendes habe ich mir überlegt: Wir fahren in Richtung Südosten. Zunächst durch den Balkan, dann durch die Türkei und vielleicht sogar noch weiter. Wenn du magst, zeigst du mir den Iran und deine Lieblingsstädte.«

Ich bin platt. Bei dem Gedankengewitter in meinem Kopf finde ich keine Worte. Wie soll das funktionieren? Wie kommt er auf diesen unglaublichen Vorschlag? Woher soll ich das Geld dafür nehmen? Wie so häufig bin ich fast pleite, was Freddy wissen müsste. Er macht seit zwei Jahren meine Steuer. Puh! Ich muss Geld verdienen und kann nicht alles über den Haufen werfen und in den Orient reisen. Wenn ich doch nur sprechen könnte. Freddys Vortrag ist reich bebildert. Auf einigen Fotos ist ein VW-Bus zu sehen. »Mit deinem Bus? So weit weg?«, stottere ich herum.

»Ja, warum nicht?«

»Du willst wirklich mit mir reisen? Bis in den Orient? Dafür braucht man viel Zeit. Wie soll das gehen? Woher willst du die Zeit nehmen bei deinem Job?«, frage ich, obwohl ich viel lieber wissen möchte, woher er das Vertrauen zu mir nimmt, nach dem, was passiert ist.

»Ich würde ein Short Sabbatical beantragen.«

»Was für ein Ding?«

Freddy ist auf alles vorbereitet. Mir schwirrt der Kopf.

»Und was diesen Paddler betrifft oder wen es da sonst noch gibt … äh, ich weiß nicht, wie deine Gefühle zu diesen … äh, Kerlen sind, aber ich bin bereit, es noch einmal mit dir zu versuchen. Und für die Finanzierung habe ich mir auch etwas überlegt. Ich weiß, wie schwierig es für dich ist.«

Allmählich mutiere ich zur Briefmarke und bin platter als platt. Finanzplan? Ich verstehe die Welt nicht mehr. In meinem Magen grummelt es. Warum reden wir über solch praktische Dinge, wo er mir gerade unterbreitet, mich nicht abschreiben zu wollen? Ich bin vollkommen durcheinander. Wir sollten uns küssen.

»Mein Bus ist ein Transporter ohne Bett und sonstigen Schnickschnack, damit kann man keine zehntausend Kilometer lange Reise machen. Wir suchen uns also einen Wohnwagen, der anders als Rex straßentauglich ist.«

»Ich weiß nicht. Bist du schon mal mit einem Wohnwagen unterwegs gewesen? Ich meine, hast du überhaupt schon mal einen Anhänger hinterhergezogen?«

»Nein.«

»Ich auch nicht.«

Wir müssen schmunzeln. Er hat mir gefehlt. Er und seine blauen Augen, seine schmalen Hände, seine bedachte Art. Er ist ein wunderbarer Mensch. Wie konnte ich nur meinen Verstand verlieren und wochenlang Chaos anrichten? Ich habe mich verhalten, als sei ich kaum der Pubertät entwachsen.

»Wie lang ist ein Short Sabbatical?«, will ich wissen.

»Unterschiedlich. Ich kann vorarbeiten, Urlaub aufsparen und andere Möglichkeiten aushandeln. Drei Monate sollte ich mindestens beantragen, denke ich. Ich werde mir die Zeit sehr gerne nehmen, um mit dir unterwegs zu sein. Wenn man etwas will, dann schafft man es auch. Außerdem bin ich nicht der Erste, der so etwas macht. Meine Kollegin ist für ein ganzes Jahr ausgestiegen. Dafür hat sie sechs Jahre auf einen Teil ihres Gehalts verzichtet. Es findet sich eine Lösung. Es wird nicht gleich morgen sein, aber die Reisevorbereitung und die Suche nach einem passenden Wohnwagen brauchen auch Zeit«, sagt er mit einer Bestimmtheit, die mich irritiert.

Freddy scheint es wirklich zu wollen. Ich nehme einen Schluck Wein, weiß kaum noch, wo mir der Kopf steht, und versuche Ordnung in meine Gedanken zu bringen. Punkt eins: Es gibt einen Neuanfang. Punkt zwei: Ja, ich bin sofort dabei, wenn es auf eine große Reise geht. Punkt drei: »Liebster, ich bin begeistert und sprachlos, aber trotzdem muss ich dich hier und jetzt um etwas bitten. Damit in Zukunft auch alles gut wird mit uns, werde ich versuchen keinen Mist mehr zu bauen, ich werde mich ändern für unsere Liebe, du hast mir so gefehlt als Freund und als Mann, aber du, du solltest auch etwas tun: Du musst mehr reden! Bitte versuch es! Versteh mich bitte richtig. Ich höre gerne zu, und ich rede gern, wie du weißt, aber vor allem unterhalte ich mich gern. Hättest du mehr geredet oder getobt, dann wäre manches anders gelaufen.«

Puh, gesagt! Es musste raus. Vielleicht habe ich sein Schweigen manchmal falsch gedeutet, habe an Interesselosigkeit gedacht, wo es unangemessen war. Aber ich kann nun mal keine Gedanken lesen und komme mit Plaudertaschen besser klar als mit schweigsamen Gesellen.

Auf der Suche nach dem Richtigen

Angelockt vom Angebot eines Eriba Touring aus dem Jahre 1987, machen wir uns auf den Weg nach Schleswig-Holstein zu Wohnwagen-Küste. Gleich hinterm Zaun ist unser Wagen platziert, sozusagen als Prachtexemplar, gut sichtbar für alle Vorbeifahrenden. Eribas sind Kult, daran gibt es keinen Zweifel.

»Moin, is alles offen. Tun Se mir nur den Gefallen, die Türen wieder ordentlich zuzumachen, wegen Regen und so«, sagt der mutmaßliche Chef mit zwei Kunden im Schlepptau und lächelt kurz.

»Alles klar«, sage ich, und die Besichtigung kann beginnen.

Mit eingefahrenem Hubdach ist ein Eriba verdammt niedrig, beinah erdrückend. Nachdem Freddy mit gebeugtem Kopf hineingeschlüpft ist, mache ich es ihm nach. Unser dritter Eriba, bald sind wir alte Hasen. Gardinen und Vorhänge schirmen die Sonne ab und sorgen für ein Nostalgiefeeling der unerwünschten Art. Achtziger! Düstere Butze! Es ist eindeutig zu dunkel, was nicht nur an den Vorhängen liegt. Freddy müht sich mit dem Hubdach ab, während ich auf das undefinierbare Material der Wandschränkchen klopfe. Es klingt künstlich. Nein, ein gutes Gefühl will nicht aufkommen. Mir ist unbehaglich, bloß schnell raus hier.

»Dieser Wagen wird es also nicht«, sage ich.

»Nein, aber es ist trotzdem gut, ihn genauer unter die Lupe zu nehmen.«

So wird’s gemacht, und die eine oder andere Erkenntnis versuchen wir abzuspeichern. Vielleicht kann ein Gespräch mit dem Chef nicht schaden.

»Was Sie suchen, habe ich höchstens zwei, drei Mal im Jahr im Angebot, abends stelle ich sie ins Netz, morgens sind sie weg. Einen schönen alten und preiswerten Eriba Touring aus den Sechzigern oder Siebzigern zu bekommen, ist reine Glückssache.«

»Und wie sieht es mit Alternativen aus?«

»Bei anderen kleinen Oldtimern ist es ähnlich, aber man kann auch mal Glück haben. Ein alter Tabbert ist gute Wertarbeit. Schauen Sie sich mal danach um.«

Seit wir unseren Plan gefasst haben, vergeht kein Tag ohne Suche. Schnell begreifen wir eine Grundregel im Eriba-Caravangeschäft, die unseren Träumen von einem Minioldtimer dieser Marke entgegensteht: Je kleiner und älter, desto teurer sind die Produkte, die Erich Bachem einst entwickelte. Als wir nach diversen Besichtigungen im Hamburger Umland unseren Blick ernsthaft auf andere Wohnwagentypen ausweiten, schlägt mein Herz bereits am zweiten Tag höher. In Lüneburg ist ein Tabbert Comtesse 305 aus den Sechzigerjahren im Angebot. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Noch vor dem Frühstück rufe ich an und glaube die Erste zu sein, denn der Wagen ist erst gestern Abend eingestellt worden. Doch ich komme zu spät.

»Sie sind die dritte Bewerberin. Ich nehme Sie gern auf die Liste.«

»Bei mir würde er in liebevollen Händen landen«, versuche ich für mich zu werben, doch vergeblich.

Es dauert eine Weile, bis ich die Enttäuschung verkraftet habe und mir das Foto der Lüneburger Comtesse nur noch höchstens fünf Mal am Tag anschaue. So ähnlich muss es Menschen auf Partnersuche gehen, die allabendlich im Netz nach der großen Liebe fahnden. Jeden Morgen weisen Freddy und ich uns gegenseitig auf Inserate hin, und als er mir das Angebot eines Tabbert Comtesse 305 von 1968 weiterleitet, bin ich in heller Aufregung. Der Wagen ist kuschelig klein, rund, viel Holz, eine süße Knutschkugel, für die Fotos liebevoll dekoriert mit Spitzendeckchen und Nelke in der Blumenvase. Der Anbieter, den ich sofort anrufe, spricht wie die Jungs aus meiner Bremerhavener Jugendzeit und wir kommen ins Plaudern.

»Ja, Mann, komm vorbei und guck dir den Tabbert an, gern am Wochenende. Es hat schon ein Haufen Leute angerufen, die die Kiste haben wollen. In der Größe ist das Angebot knapp, weißte ja selbst. Den kannste auch mit normalem Führerschein fahrn, brauchst kein’ extra Hängerschein.«

»Was ist denn ein Anhängerschein?«

»Kennst das nicht? Is nich mehr wie früher, bis 7,5 t mit Klasse 3. Jetzt darf ein Gespann, also Auto mit Hänger zusammen, nur maximal 3,5 t wiegen. Bei allem darüber musste jetzt ’n extra Lappen machen. Kostet schlappe 660 Euro für die Fahrstunden und die Prüfung. Bei der kleinen Comtesse braucht man das alles nicht. Die wiegt nur 600 Kilo, die merkste nicht mal, wenn sie hinten dranhängt. Die jungen Leute suchen so was, um damit auf Festivals zu fahren, Paadie machen und so. Deshalb rufen hier andauernd welche an. Das geht mir auf den Geist, hab ja keine ruhige Minute mehr«, klagt der redselige Günni, den ich bereits bildlich vor mir sehe.

»Ich habe bisher noch keinen Anhänger durch die Gegend gezogen.«

»Wofür willste denn den Wohnwagen haben?«

»Für eine große Reise mit meinem Freund. Packt der das?«

»Wer? Dein Freund? Weiß ich doch nicht«, sagt der Scherzkeks und lacht.

*

Günni hat seine langen Haare zu einem Zopf geflochten und trägt eine Latzhose. Er dürfte um die fünfzig sein, ist gut genährt und sein Lächeln verschmitzt, einer, der das Leben auf unkonventionelle Weise zu genießen versucht. Nach der Begrüßung führt er uns schnurstracks zum Tabbert Comtesse 305C. Die alte Gräfin braucht dringend eine Beautyklinik, denn zumindest von außen sind die Jahrzehnte nicht spurlos an ihr vorübergegangen. An manchen Stellen blättert die Farbe, an anderen ist eine Schutzschicht aufgetragen. Aber innen ist sie wirklich hübsch und genau so aufgeteilt, wie wir es uns wünschen: eine winzige Sitzecke im Bug, ein Küchenblock in der Mitte, ein Kleiderschrank gegenüber und eine größere Sitzgruppe im Heck, die auch als Bett dient. Ein Querschläferwagen für Menschen unter Einsneunzig.

»Toll«, sage ich zu Freddy.

»Echt süß.«

»Ich lass euch mal allein und hol die Papiere«, meint Günni. Und schon sitzen wir in der Comtesse und versuchen ein Gespür für den Wagen zu bekommen.

»Was meinst du?«, will Freddy wissen.

»Innen ist er super, aber ob wir auch das Technische beurteilen können? Er hat keinen TÜV. Wir wollten doch keinen Wagen ohne TÜV kaufen«, sage ich skeptisch.

»Dafür ist er deutlich günstiger als andere Angebote aus den späten Sechzigern. Er macht einen guten Eindruck. Mir gefällt er. Das Geld, das wir bei der Anschaffung sparen, könnten wir in Reparaturen stecken.«

»Sollen wir mal gucken, wie er sonst so aussieht? Die Fenster testen und so?«

Und dann ziehen wir unser bewährtes Programm durch, das wir in Anlehnung an eine Checkliste-für-den-Kauf (fast) auswendig gelernt haben. Sitzecken hochklappen, in die Fächer schauen, nach feuchten Stellen suchen, Geruchsproben nehmen, Fenster und Dachluke öffnen. Unser Gehabe muss ein lustiges Bild abgeben. Zwei Ahnungslose, die so tun, als wüssten sie, worauf es ankommt. Derweil ist Günni zurück und plaudert munter drauflos. Der Wagen stamme von einem Kumpel, der ihm noch Geld schulde. Da der die Kohle nicht rausrückt, wie Günni es salopp formuliert, wird jetzt eben der Wagen verkauft. Freddy und ich müssen unumwunden zugeben, dass Tabbert in den Sechzigerjahren richtig schöne Wagen gebaut hat.

»Lass uns spazieren gehen und überlegen«, schlage ich vor.

Wir verschwinden für eine halbe Stunde, stromern über den unkonventionellen Campingplatz, wägen das Für und Wider eines Kaufs ab und entscheiden uns für die Vernunft. Nein. Kein Wagen ohne TÜV.

»Wir nehmen ihn nicht«, sage ich zu Günni.

»Was? Das hätte ich jetzt nicht gedacht. Schade. Aber warum denn nicht?«

»Zu riskant. Wir wollen eine weite Tour machen. Der Wagen muss in Ordnung sein, und der Tabbert hat nicht mal TÜV.«

»TÜV dürfte kein Problem sein. Da könnt ihr in den nächsten Tagen vorbeifahren. Wenn er nicht gleich durchkommt, dann geben die euch einen Mängelbericht. Da dürfte nicht viel sein.«

»Nein, wir wollen nicht.«

»Ist es der Preis? Mir sind schon 2500 geboten worden, zu euch habe ich 1800 gesagt.«

»Wir wissen nicht, was wir noch reinstecken müssen, bevor er straßentauglich ist.«

»Ich möchte, dass ihr den Wagen nehmt. Ich finde euch cool. Wäre echt toll, wenn er bei euch landet. Sollte es am Preis liegen, dann lass ich mit mir reden. Das darf meine Freundin aber nicht erfahren. Sie ist die Geschäftsfrau von uns beiden.«

Freddy und ich machen einen weiteren Spaziergang, sitzen mindestens noch eine halbe Stunde in der Comtesse und sagen Ja. Später wird Freddy sagen: Die Entscheidung war eine reine Gefühlssache.

Böse Überraschungen

Der TÜV macht uns einen gehörigen Strich durch alle Träume. Dem Prüfer genügt ein einziger Blick unter den Wagen, aber er setzt trotzdem eine Brechstange an und führt uns das Desaster unter dem Rock der Gräfin vor Augen. Nach der ersten Heulerei schreibe ich traurige, enttäuschte und wütende Mails an Günni, will ihm den Wagen zurückgeben und bin verzweifelt. Die unteren Seitenverstrebungen sind verrostet, das war deutlich zu sehen, als wir neben dem Prüfer in der Grube standen, aufwändige Schweißarbeiten sind notwendig. Wir ärgern uns über unsere eigene Dummheit und Naivität. Wir haben uns nicht mal unter den Wagen gelegt. Schlimmer Anfängerfehler. Warum haben wir die Checkliste nicht zur Hand genommen? Dort lautet Punkt I: Rohrrahmen am Unterboden löchrig/verrostet? Wir sind Idioten. Auch wenn der Tabbert keinen Rohr-, sondern einen Vierkantrahmen hat, wären wir bei genauerem Hinschauen von einer herben Enttäuschung verschont geblieben.

In der ersten Werkstatt schlägt der Meister die Hände über dem Kopf zusammen.

»Solche Leute wie euch, die kenne ich. Sie landen regelmäßig bei mir. Ihr findet neue Wohnwagen hässlich, es muss unbedingt ein alter sein. Aber Oldtimer brauchen Pflege, Pflege und noch mal Pflege. Jede Reparatur ist teuer. Euren Wagen zu schweißen ist kein Pappenstiel. Wenn man einen Fehler macht, dann steht der Tabbert in Flammen. Damals wurde noch viel Holz verarbeitet. Da muss man in der einen Hand das Schweißgerät und in der anderen einen nassen Lappen halten. Das dauert ewig und ist verdammt heikel«, jammert der Meister.

Einen genauen Kostenvoranschlag kann er uns nicht geben. Der Arbeitsaufwand sei vorher nicht absehbar, aber es dürfte sich mindestens um die Summe des Kaufpreises handeln. Mir kommen erneut die Tränen und Freddy versucht mich zu trösten. In meinem Beruf verdienen nur die wenigsten genügend Geld, um etwas auf die Seite zu legen. Ich habe keine Reserven und kann keine Meisterwerkstatt finanzieren. Aus lauter Verzweiflung wird mir speiübel. Was wird aus unseren Reiseplänen? Freddy kann doch nicht alles allein bezahlen. Er hat gerade erst eine Anhängerkupplung für 600 Euro anbauen lassen. Warum fliegen wir nicht einfach in den Urlaub, wie andere Leute auch? Nach Asien, um uns durch die Straßenküchen zu futtern und auf dem Mekong rumzuschippern. Da kenne ich mich aus und die Kosten sind überschaubar.

»Euer Wagen ist noch Qualitätsarbeit. Ich vermute mal, er stand auf einer feuchten Wiese«, macht der Meister uns wieder etwas Hoffnung. »Das ist Gift für einen Wohnwagen. Deshalb hat er unten Rost angesetzt. Wenn die Schäden an den Trägern behoben sind, dann wird er euch noch lange Freude machen. Tabberts waren damals die Könige unter den Wohnwagen.«

Ich schlucke meine Tränen runter. Mit der Comtesse im Schlepptau ziehen wir ab. Während der Fahrt drückt Freddy unentwegt meine Hand, immer in der richtigen Dosis, Kraft spendend und tröstend.

»Erst mal suchen wir eine andere Werkstatt. Solche Arbeiten muss nicht unbedingt ein teurer Meister erledigen. Da geht einfach zu viel Geld für den Arbeitslohn drauf. Hast ja gehört, an Material braucht er nur ungefähr 300 Euro«, sagt Freddy.

Doch es ist Oktober und wir haben keinen überdachten Platz für den Wagen. Wenn er draußen steht, wird er weiter rosten. Vor meinen Augen häuft sich ein Berg an Problemen an, bis Februar bin ich mit einem sehr zeitaufwändigen Auftrag mehr als ausgelastet.

»Wird schon werden«, sagt mein Liebster und streichelt meine Hand. »Das ziehen wir jetzt durch.«

Wir klappern Werkstätten ab und kassieren Absagen. Meine Stimmungslage wird durch das Einsetzen der ersten Herbststürme noch weiter getrübt. Rex ist längst im Winterlager, und wir suchen verzweifelt nach dem passenden Handwerker für die Comtesse. Doch dann findet Freddy eine Werkstatt an einem abgelegenen Hafenbecken, die einen perfekten Blick auf die Möchtegern-Elbphilharmonie bietet. Eine kleine Halle, zwei Bühnen und ein pfiffiger Allround-Handwerker, der schon ganz andere Dinger gestemmt hat. Holger Winter sitzt an seinem Schreibtisch, den er aus einer ehemaligen Bowlingbahn gezimmert hat, und strahlt Vertrauen aus.

»Die Arbeit ist nicht von heute auf morgen erledigt, aber auf alle Fälle machbar. Und der Wagen wird nicht abfackeln. Das kriege ich schon hin. Ich bringe ihn durch den TÜV«, sagt er ohne den geringsten Zweifel.

Ich frage nicht nach den Kosten, weil mir sonst nur wieder übel wird. Freddy signalisiert mir, dass er einen neuen Finanzplan in der Tasche hat. Als eine große Messe ansteht, vermieten wir seine Wohnung unter, rücken in meinem Zimmer näher zusammen und finden dann sogar eine Familie, die während unserer Abwesenheit in Freddys Wohnung zur Untermiete wohnen will.

Auftaktetappe

An einem grauen Märzmorgen geht es los. Kurz hinter Hamburg frühstücken wir auf einem Parkplatz in unserer Emmy. Ein wenig fremdelnd sitzen wir am Tisch und halten Kaffeebecher in den Händen.

Nach zwei Stunden haben wir keine Lust mehr auf die langweilige Autobahn, nehmen irgendeine Ausfahrt und landen mit Einbruch der Dunkelheit bei Torgau an der Elbe. Auf dem Gelände einer ehemaligen LPG aus DDR-Zeiten finden wir einen Stellplatz und dürfen das Bad einer Gästewohnung nutzen. Im Sommer gibt es hier viele Radler, erzählt die Vermieterin, was jetzt kaum vorstellbar ist.

»Wow! Vollmond! Gleich in unserer ersten Nacht. Wenn das kein gutes Omen ist«, sage ich, als wir auf dem Innenhof vor unserer Emmy stehen. Monatelang habe ich keinen Vollmond mehr gesehen, kaum je eine sternenklare Nacht. Wo denn auch? In der Großstadt fällt der Nachthimmel meist milchig gelb und verschleiert aus.

»Der erste Vollmond unserer Reise! Bin gespannt, wo wir die nächsten drei sehen werden. Wollen wir noch einen Spaziergang machen?«, fragt Freddy. An einem offenen Schuppen mit reichlich Feuerholz und einem Hühnerstall vorbei gelangen wir durch ein Gatter auf eine Straße und machen einen Rundgang durchs Dorf. Wären da nicht ab und an beleuchtete Fenster, könnte es sich auch um eine Geisterstadt handeln. Tiefstes Ostdeutschland, Bevölkerungsschwund und demografische Schieflage. Wenig später präsentiert sich unsere Emmy zur Übernachtungspremiere von ihrer besten Seite. Auf dem Herd köchelt eine Suppe und Teelichter geben zusätzliche Wärme ab. Experimente mit der Heizung ersparen wir uns, denn in unserer Kleinen wird es schon durchs Kochen lauwarm. Außerdem haben wir nur zwei Flaschen Gas à fünf Kilo dabei und keine Ahnung, wie lange wir damit auskommen. Wir können nicht einschätzen, wie oft wir heizen müssen, der Kühlschrank in Gebrauch kommt oder etwas auf dem Herd brutzelt.