10,49 €
Die Geburt ihrer Kinder stellt sie vor eine ganz besondere Herausforderung: Ginie, die Karrierefrau, die eigentlich (noch) nicht Mutter werden wollte, die flippige Suzie, die einen geheimnisvollen Lover hat, und die warmherzige Cara, von der keiner ahnt, dass sie immer noch um ihre verlorene Liebe trauert. Jede Woche treffen sie sich, um sich über ihre neue Mutterrolle auszutauschen, und werden gute Freundinnen. Doch dann geschieht etwas Unfassbares, das ihr Leben für immer aus den Fugen geraten lässt und ihre Freundschaft gefährdet …
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 537
Veröffentlichungsjahr: 2013
Fiona Higgins
Mit euch an meiner Seite
Roman
Aus dem Englischen übersetzt von Sonja Rebernik
Knaur e-books
Für meine Mutter Lesley, die uns drei unter sehr schwierigen Bedingungen großgezogen und damit eine außergewöhnliche Leistung vollbracht hat.
Mütter sind sich einig, dass die Jahre nur so vorbeiziehen. Doch mit den Tagen verhält es sich anders. Die Stunden und Minuten eines einzelnen Tages bleiben manchmal einfach stehen. Und eine Mutter steht plötzlich erstaunt mitten im Raum. Sie wundert sich. Die Jahre ziehen vorbei, natürlich. Es sind die Tage, die eine Mutter aus der Bahn werfen.
JAIN SHERRARD
Sie lag nackt auf der Düne, der feuchte Sand klebte auf ihrer Haut. Möwen kreisten über ihr und riefen durch den Nebel hindurch nach ihren Kameraden, während sie tief und träge über den Strand schwebten.
Der Geruch von halb verrottetem Seegras war allgegenwärtig, sogar während seine Zunge und seine Hände über ihren Körper glitten.
Sie sah über ihren nackten Bauch zu ihm hinunter.
Lass dich gehen, sagte er. Lass dich gehen.
Ihr Körper wölbte sich ihm entgegen, und ihre Fäuste schlossen sich um Tausende Sandkörner …
Ein lautes Klopfen an der Tür riss Ginie aus ihren Träumen, und sie öffnete die Augen. Sie blinzelte und merkte erst jetzt, wo sie war. Auf der Couch. Im Wohnzimmer. Neben Rose. Der Traum verblasste rasch, und Enttäuschung brach über sie herein. Sie fühlte sich betrogen.
Sex gehörte mittlerweile der Vergangenheit an. Genauso wie andere alltägliche Freuden, etwa langes Ausschlafen am Sonntag oder eine ungestörte Dusche, war Ginies sexuelles Verlangen nach der Geburt von Rose mit einem Mal verschwunden. Sie schloss erneut die Augen und fragte sich, ob es jemals zurückkehren würde. Diese wundervolle sexuelle Ekstase, die sie mit Daniel erfahren hatte, eine Intimität, wie sie sie noch nie zuvor erlebt hatte.
Das Klopfen an der Tür war mittlerweile eindringlicher geworden.
Verflucht noch mal, dachte sie. Ich bin müde. Verschwindet.
Sie warf einen Blick auf Rose. Auf das weiche, rosarote Bündel in dem altmodischen Stubenwagen, der ein nostalgisches Geschenk ihrer Großmutter gewesen war. Das Klopfen schien das Baby nicht zu stören. Sobald sie einmal eingeschlafen war, ließ sie sich durch kaum etwas aus der Ruhe bringen.
Vielleicht verschwindet derjenige, der vor der Tür steht, ja wieder, wenn ich ganz leise daliege, dachte Ginie.
Sie starrte hinauf zu dem modernen Lüster über ihr. Die Glasperlen fingen das Morgenlicht ein. Wie spät war es? Sie konnte nicht allzu lange geschlafen haben. Ihr Laptop lag noch immer auf ihren Knien, der Cursor blinkte mitten in einer unvollendeten E-Mail.
Es war nun fünf Wochen her, seit sie aus dem Krankenhaus entlassen worden war, und Rose hatte bis jetzt alles richtig gemacht. Sie trank aus der Flasche, ließ sich schnell beruhigen und schlief so gut, wie es einem Neugeborenen nur möglich war. »Sie ist ein Baby wie aus dem Lehrbuch«, hatte Ginies Mutter gesagt. Als ob sie davon eine verdammte Ahnung gehabt hätte.
Wie immer, wenn sie an ihre Mutter dachte, rollte eine Welle der Wut über Ginie hinweg. Sie atmete tief ein und versuchte, sich zu beruhigen.
Ihr buddhistischer Lebensberater hatte ihr beigebracht, ihre Wut von außen zu betrachten, als wäre sie eine unbeteiligte Zuschauerin. Sie war offensichtlich ein Teil des Prozesses, den Ginie durchlief, um mit der Abwesenheit ihrer Mutter während ihrer Kindheit Frieden zu schließen. Wäre ihre Mutter krank gewesen oder gar verstorben, wäre es vielleicht einfacher zu verstehen gewesen. Doch als Direktorin einer Grundschule hatte ihre Mutter ihr Leben der Bildung verschrieben. Sie hatte sowohl während der Schulzeit als auch während der Ferien ohne Unterlass gearbeitet und sichergestellt, dass Tausende von Kindern in den Genuss ihres Engagements kamen. Die Kinder anderer Leute, dachte Ginie manchmal.
Und wenn ihre Mutter einmal nicht arbeitete, dann schien sie sich stets mehr für Ginies beide Geschwister zu interessieren. Ginie konnte sich erinnern, ihren Bruder zu zahllosen Fußballspielen an den Wochenenden begleitet zu haben, bei denen ihre Mutter so laut gebrüllt hatte, dass sie heiser geworden war. Oder aber sie war neben ihr in den Behandlungsräumen zahlreicher Spezialisten gesessen, angefangen von orthopädischen Chirurgen bis hin zu Ergotherapeuten, die mit ihrer Mutter über das medizinische Befinden ihrer jüngeren Schwester diskutiert hatten. Sie leidet unter einer angeborenen Hüftdysplasie, hatte ihre Mutter jedem erklärt, der bereit gewesen war, ihr zuzuhören. Eines ihrer Beine ist länger als das andere. Ginie war immer das pflichtbewusste mittlere Kind gewesen, nachgiebig und vernünftig. Sie hatte stets eine oscarreife Nebenrolle im Leben ihrer Geschwister innegehabt.
Doch das alles spielte mittlerweile keine Rolle mehr. Wenn Ginie sich ihr jetziges Leben so ansah, dann wusste sie eines mit Sicherheit: Es war um Klassen besser als das ihrer Geschwister. Jetzt war ihre Zeit gekommen.
Sie atmete aus. Dieser Gedanke beruhigte sie.
Das Klopfen an der Tür wurde lauter.
Sie warf erneut einen Blick auf Rose, mittlerweile sicher, dass der Lärm sie aufwecken würde.
Durch das blickdichte Glas ihrer Eingangstür konnte sie zwei Gestalten erkennen. Ihr iPhone blinkte ungeduldig: Daniel (Handy).
Schon wieder ihr Ehemann.
Ich habe Maler engagiert, um das Kinderzimmer auszumalen. Sie warten draußen.
Sie verdrehte die Augen. Dieser hoffnungslose Scheißkerl.
Von dem Zeitpunkt an, als sie erfahren hatten, dass sie schwanger war, hatte sie Daniel immer wieder darum gebeten, das Kinderzimmer neu auszumalen. Sie war ständig mit ihrer Arbeit beschäftigt gewesen und hatte verzweifelt versucht, die komplizierte Übergabe für ihre Elternzeit zu organisieren. Als erfolgreichste weibliche Anwältin in ihrer Kanzlei verdiente sie ein stolzes Gehalt, das es Daniel ermöglichte, seinen Ambitionen als Schriftsteller und Fotograf nachzugehen, die jedoch großteils zu nichts führten.
»Ich bin müde«, hatte sie ihm gegenüber geklagt, als sie im achten Monat gewesen war. »Ich flehe dich an: Bitte male das Kinderzimmer für mich aus. Bitte, Daniel.«
»Ich werde mich darum kümmern«, kam seine Standardantwort. »Vertrau mir.«
Und dann war das Baby um einen ganzen Monat zu früh gekommen, und Daniel war die Zeit davongelaufen.
Ginie las die Nachricht noch einmal, dann schleuderte sie das Telefon auf den Couchtisch.
Ich und verärgert?, dachte sie. Ich explodiere gleich, verdammt noch mal.
Rose regte sich in ihrem Stubenwagen. Ein winziger Arm ragte plötzlich unter dem Plüschstoff hervor. Ginies Ärger verschwand sofort. Von dem Moment an, als Rose aus ihrem Körper gezogen worden war – voller Käseschmiere und sich im Licht windend –, war es um Ginie geschehen gewesen. Die Tiefe ihrer neu entdeckten Zärtlichkeit für dieses winzige, geheimnisvolle Wesen hatte sie vollkommen überrascht.
Einen Moment lang beobachtete sie wie gelähmt, wie die zarten Hände ihrer Tochter die Luft zu fassen versuchten. Schwebende kleine Finger, die kaum größer waren als ihre eigenen Fingernägel. Meine Tochter. Sie schüttelte staunend den Kopf. Noch vor einigen Monaten war ihr der Gedanke an das hier noch vollkommen abstrakt erschienen. Doch nun stand sie hier als Mutter dieses lebendigen, atmenden, weichen Geschöpfes.
Das Klopfen ging weiter. Ginie konnte es nicht mehr länger ignorieren.
Sie warf einen Blick auf ihre Uhr und stemmte sich von der Couch hoch. Das erste Treffen der Müttergruppe würde bald beginnen. Vor einer Woche war ein Erinnerungsschreiben des örtlichen Gesundheitszentrums für Kinder eingetroffen, doch sie hatte beschlossen, es zu ignorieren. Sie konnte sich nichts Schlimmeres vorstellen, als mit einer Gruppe von Frauen zusammenzusitzen, die sie nicht kannte, und mit ihnen Kekse zu essen und über ihre Kinder zu sprechen. Doch nun, da die Maler gegen die Tür hämmerten, schien ein Treffen mit anderen Müttern, verglichen mit der Aussicht, der Farbe beim Trocknen zusehen zu müssen, die bessere Alternative zu sein.
Sie öffnete die Tür und zeigte den Handwerkern das Kinderzimmer im unteren Stockwerk ihres terrassenförmig gebauten Hauses. Danach legte sie Rose in den Kinderwagen und schnappte sich ihren Windelrucksack, eine Decke und mehrere Stofftiere.
»Nicole, wir sind in etwa ein bis zwei Stunden wieder zurück«, rief sie die Treppe hinauf.
Sie bekam keine Antwort. Das Kindermädchen war gestern aus Irland eingetroffen, doch bis jetzt war sie noch nicht aufgetaucht. Daran war wohl ohne Zweifel der Jetlag schuld.
Das Gesundheitszentrum für Kinder lag auf einem Hügel. Der Weg vom Parkplatz zum Eingang war kurz, dennoch war der geländetaugliche Kinderwagen, den Daniel eine Woche zuvor gekauft hatte, so schwer, dass sie es kaum schaffte. Sie musste unterwegs stehen bleiben, um wieder zu Atem zu kommen. Unter ihrer Jeans pochte ihre Kaiserschnittnarbe. Es war ein klarer Junitag, und der Himmel war so blau, dass es beinahe in den Augen weh tat. Cölinblau, so hätte es Daniel, der Schriftsteller, vermutlich genannt.
Als sie im Gesundheitszentrum ankam, hatte das Treffen der Müttergruppe bereits begonnen. Sie hasste es, zu spät zu kommen, egal, wo. Nervös öffnete sie die Tür so schwungvoll, dass diese gegen die Wand knallte. Einige Frauen drehten sich in ihre Richtung.
»Entschuldigung«, murmelte sie. Sie wandte den Frauen den Rücken zu und versuchte, Roses Kinderwagen über die Schwelle zu ziehen.
»Scheiße.« Die Tür schlug schwer gegen ihren Rücken, und der Kinderwagen erwies sich als äußerst sperrig. Ich habe einen Abschluss in Rechtswissenschaften, dachte sie, und nun schaffe ich es nicht einmal, einen Kinderwagen durch diese verdammte Tür zu bekommen.
Eine Frau mit honigblonden Haaren tauchte neben ihr auf. »Lass mich dir helfen«, bot sie an und hielt Ginie die Tür auf.
»Danke«, sagte Ginie und zerrte an dem Kinderwagen. »Ich versuche noch, den Dreh herauszubekommen.«
»Die Dinger sind schwer, nicht wahr? Ich bin mit meinem vor ein paar Tagen im Supermarktausgang stecken geblieben, und ein Wachmann musste mir helfen, mich zu befreien. Es war mir furchtbar peinlich.« Die Frau grinste sie an. »Ich heiße Cara.«
»Ginie.«
»Hallo! Kommen Sie doch herein«. Am Kopfende der Gruppe saß eine Frau mit silbergrauen Haaren und einer Brille. Sie deutete mit einem Klemmbrett in Ginies Richtung. Das musste Pat sein, die geschwätzige Hebamme, die sie vor einigen Wochen angerufen hatte, um zu fragen, wie es ihr nach der Geburt ging. Ginie hatte das Angebot eines Hausbesuches abgelehnt.
»Setzen Sie sich, Ginie«, sagte die Frau, während sie ihren Namen auf dem Klemmbrett suchte und ihn abhakte. »Ich bin Pat. Sie kommen gerade richtig zur Vorstellungsrunde.«
Ein Dutzend Stühle waren in einem Halbkreis aufgestellt worden, doch weniger als die Hälfte davon war belegt. Die meisten Stühle in der Nähe der Tür waren bereits besetzt. Als hätten die Frauen vor, jeden Moment abzuhauen, dachte Ginie grinsend.
Cara ging zu ihrem Stuhl in der Mitte der Reihe zurück und beugte sich zu einem der Kinderwägen hinüber, um nach ihrem Baby zu sehen. Ginie schob ihren Kinderwagen zu einem freien Stuhl auf der anderen Seite von Pat und navigierte ihn an Baby-Autositzen und Windeltaschen vorbei. Sie setzte sich neben eine Frau mit gewellten, schwarzen Haaren und aufsehenerregenden grünen Augen, die gerade versuchte, ihr Baby zu beruhigen. Sie lächelte Ginie abwesend an, während sie dem Kind einen Schnuller in den Mund schob. Doch das schien das Baby, das sich mit hochrotem Gesicht in seinem Kinderwagen wand, nur noch mehr zu verärgern.
»Schsch, Rory, schsch«, beruhigte die Frau das Kind. Als seine Schreie lauter wurden, stand sie von ihrem Stuhl auf und begann, den Kinderwagen durch den Raum zu schieben.
»Nun gut«, sagte Pat. »Nachdem nun alle hier sind, lassen Sie uns beginnen. Willkommen!« Sie lächelte. »Sie sind alle hier, weil Sie in den letzten sechs Wochen ein Baby zur Welt gebracht haben und in der Gegend um Freshwater oder Curl Curl wohnen. Aber zunächst einmal sollten wir einander besser kennenlernen. Ich möchte, dass Sie sich und Ihr Kind vorstellen und uns etwas über Ihre Erfahrungen während der Geburt erzählen. Wir beginnen am Anfang der Reihe.« Sie deutete auf Ginie.
Ginie rutschte auf ihrem Stuhl hin und her. Sie war es gewöhnt, im beruflichen Umfeld vor anderen Menschen zu sprechen, doch das hier war etwas anderes. Sie war seltsam nervös.
»Okay, ich bin Ginie«, begann sie. »Und das ist Rose. Sie schläft, wie ihr sehen könnt.« Sie warf einen Blick auf Rose und bemerkte zum ersten Mal, wie ähnlich sie Daniel sah. Sie hatte dieselben hohen Wangenknochen und dieselben sandfarbenen Haare. Sie wandte ihren Blick wieder Pat zu. Sie wusste nicht mehr, was sie sonst noch hätte sagen sollen.
»Möchten Sie uns etwas über Ihre Erfahrungen während der Geburt erzählen?«, half Pat aus.
»Ach ja, genau.«
Die Geburt. Sie hatte noch mit niemandem darüber gesprochen. Es war etwas, das sie am liebsten vergessen hätte.
»Ähm, ich lag fünfzehn Stunden in den Wehen, und schließlich wurde ein Kaiserschnitt gemacht.«
Pat nickte betroffen. »Und wie fühlten Sie sich dabei?«
»Eigentlich war ich erleichtert. Und verdammt froh, dass sie endlich draußen war.«
Irgendjemand kicherte.
»In Ordnung. Die Nächste bitte.« Pat nickte einer sinnlichen Blondine zu. Ginie lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und war froh, dass sich die Aufmerksamkeit nun auf jemand anderen richtete.
Sie hatte nicht schon in der sechsunddreißigsten Woche mit Roses Ankunft gerechnet. Es war sieben Uhr dreißig morgens, und sie fuhr gerade in ihrem zweitürigen BMW über die Spit Bridge, die dafür bekannt war, zu Stoßzeiten zu einem Nadelöhr zu werden. Zu jeder anderen Tageszeit dauerte die Fahrt von ihrem Zuhause in Curl Curl bis ins Geschäftsviertel von Sydney bloß dreißig Minuten, doch an diesem Morgen saß sie bereits seit einer Stunde hinter dem Steuer. Sie sprach gerade mit einem Mandanten und beugte sich zu der Freisprecheinrichtung vor, die auf dem Armaturenbrett befestigt war, als es zwischen ihren Beinen plötzlich warm wurde. Sie warf einen Blick hinunter und sah, dass eine blassrote Flüssigkeit unter ihr hervorsickerte und über den cremefarbenen Ledersitz floss. Einen Moment lang starrte sie die Flüssigkeit an, als würde sie das alles nichts angehen. Dann navigierte sie den Wagen aus dem fließenden Verkehr heraus und an den Randstein. Sie schaltete die Warnblinkanlage ein, beendete schnell ihr Telefonat und rief Daniel an.
»Irgendetwas stimmt nicht. Ich … blute gerade das Auto voll.«
»Atme einfach tief durch, Gin«, sagte er. »Glaubst du, dass du ins Krankenhaus fahren kannst?«
»Zum Teufel noch mal, Daniel, was glaubst du denn?«
»Schon gut. Ich rufe einen Krankenwagen. Wo genau bist du denn?«
Die Sanitäter hatten schnell sichergestellt, dass weder sie noch das Kind in Gefahr waren.
»Das Baby hat einige Mal getreten, das ist ein gutes Zeichen«, sagte einer von ihnen.
»Und woher kommt das ganze Blut?«, fragte sie.
»Es sieht so aus, als hätte Ihre Plazenta zu bluten begonnen«, sagte er. »Das ist am Ende einer Schwangerschaft nicht ungewöhnlich. Sie werden schon bald Mutter sein.«
»Und so nahe am Muttertag«, sagte der andere. »Das haben Sie gut vorausgeplant, nicht wahr?«
Ja, äußerst gut, dachte sie. Deshalb liege ich ja in einem Business-Anzug auf einer Bahre und bin auf dem Weg ins Krankenhaus.
»Sie wollten uns wohl allen einen Schrecken einjagen?«, scherzte der Arzt, der die Geburt überwachen sollte, während er den Wehenschreiber auf ihrem gewölbten Bauch befestigte. »Lassen Sie uns einmal nachsehen, was da drinnen vor sich geht.«
Die Untersuchung zeigte, dass es dem Baby gutging.
»Ihre Plazenta blutet tatsächlich«, bestätigte er. »Wir warten noch zwölf Stunden und sehen, was passiert. Aber Sie müssen im Krankenhaus bleiben, fürchte ich.«
Zumindest hatte sie ihren Laptop dabei.
Mehrere Stunden später spürte sie die erste Wehe. Doch nach fünfzehn Stunden hatte sich der Muttermund erst fünf Zentimeter weit geöffnet. Sie war schweißgebadet und erschöpft. Daniel stand neben ihr und bot ihr Wasser, einen kalten Waschlappen und Lippenbalsam an. Und was soll ich damit machen, wollte sie ihn anschreien. Ihn dir in den Hintern stecken? Stattdessen ignorierte sie ihn, während sie im Zimmer umherging und ein Kissen zusammendrückte, wenn die Wehen wieder schlimmer wurden.
Sie wünschte sich, sie hätte sich vorab für einen Kaiserschnitt entschieden. Sie war neununddreißig Jahre alt und hatte eine private Krankenversicherung. Sie hätte einen verlangen können. Doch ein Teil von ihr wollte die Geburt durchstehen, so wie sie bisher alle Herausforderungen in ihrem Leben durchgestanden hatte. Vorab einen Kaiserschnitt zu vereinbaren, war ihr wie eine Ausflucht erschienen. Und Ginie war nicht jemand, der vor irgendetwas davonlief.
»Ginie.« Die Stimme kam von weit her.
Sie blickte von ihrem Kissen auf und sah, wie der Arzt die Worte mit seinen Lippen formte. »Ich schlage vor, wir machen einen Kaiserschnitt.«
»Okay.« Es war ihr mittlerweile egal. Sie kniff die Augen zusammen, als eine weitere Wehe über sie hinwegrollte.
Sie erlebte die Operation durch einen Nebel der Betäubung als verwirrendes Ereignis. Sie blieb die ganze Zeit bei Bewusstsein, und Daniel stand neben ihr und streichelte ihre Haare. Zwei Ärzte beugten sich über ihren Bauch und sprachen miteinander wie zwei Piloten, die gerade einen Jumbojet zur Landung brachten.
»Ich würde hier hineingehen, hier sind weniger Gefäße«, sagte der eine.
»Tatsächlich?«, erwiderte der andere. »Ich bevorzuge ein Gebiet, in dem weniger Muskeln beschädigt werden.«
Ihr wurde plötzlich übel. »Ich glaube, ich sterbe«, flüsterte sie.
Der Anästhesist, ein teilnahmsloser Mann in den Fünfzigern, beugte sich zu ihr hinunter. »Das kommt Ihnen bloß so vor, weil Ihr Blutdruck sinkt«, sagte er nicht unfreundlich. »Lassen Sie mich Ihnen helfen.« Er verabreichte ihr eine mit durchsichtiger Flüssigkeit gefüllte Spritze, und sie fühlte sich beinahe sofort besser.
Sie klammerte sich an Daniels Hand und bat ihn, mit ihr zu sprechen, damit sie den sachlichen Bemerkungen der Ärzte nicht länger zuhören musste.
Plötzlich spürte sie ein energisches Drücken und Ziehen, als würde jemand ihr Inneres auseinanderreißen.
Sie hielt es nicht mehr länger aus. »Daniel, ich …«
»Da haben wir sie«, erklärte einer der Ärzte.
Ein blutiges Baby schwebte plötzlich vor ihren Augen. Es weinte nicht einmal. Es war ein kleines Mädchen. Sie war perfekt.
Zurück auf der Station, wurden Ginies Schmerzen unerträglich. Die Wunde pulsierte bei der kleinsten Bewegung. Die Schmerzmittel, die sie bekommen hatte, halfen kaum. Sie beobachtete interessiert, wie sich die Vorhänge vor dem ungeöffneten Fenster bewegten. Es war eine durch die Medikamente hervorgerufene Halluzination, das wusste sie. Doch die Schmerzen wurden immer schlimmer.
Um drei Uhr morgens versuchte sie, ihre Situation einer dienstfertigen Hebamme zu erklären.
»Nun«, kam die strenge Antwort, »es sind noch keine weiteren Schmerzmittel für Sie vorgesehen. Wenn man einen Eingriff wie einen Kaiserschnitt hinter sich hat, dann tut es mehr weh. Eine natürliche Geburt ist viel einfacher für den Körper. Schmerzen sind sehr subjektiv, meine Liebe.« Dann eilte die Hebamme davon.
Ginie war zu erschöpft, um ihr zu widersprechen. Niedergeschlagen ließ sie sich ins Kissen sinken. Rose war im Säuglingszimmer. Die Hebamme würde sie zu ihr bringen, sobald sie aufgewacht war. Ginie wollte sie unbedingt wieder in den Armen halten und ihre Nase in dem weichen Körper vergraben, doch sie konnte nicht einmal aufstehen. Die Geräusche aus dem Säuglingszimmer drangen über den Flur herüber. Jedes Mal, wenn jemand die Tür öffnete, klangen die Stimmen der weinenden Babys wie heulende Katzen in einer Gasse.
Sechs Stunden später zitterten Ginies Arme und Beine unter der Decke so stark, dass sie sie nicht mehr unter Kontrolle hatte. Ihre Wunde pochte und nässte durch das Baumwollpflaster, das mit einem chirurgischen Klebeband quer über ihr Becken befestigt worden war. Ihre Brustwarzen unter dem Krankenhauskittel waren nach vielen Versuchen, Rose an ihre Brust zu legen, wund gescheuert. So viel zum Thema »natürlich«, dachte sie, während eine Hebamme ihre Brustwarzen massierte wie ein Bauer, der vorhatte, eine Kuh zu melken. Außer diesen Strapazen war nicht viel geschehen. Eine dünne, wässrige Flüssigkeit war aus ihrer rechten Brustwarze geflossen, und die Hebamme hatte versucht, sie mit einer Spritze aufzufangen.
»Hallo«, zirpte plötzlich eine freundliche Stimme, »wie geht es Ihnen heute Morgen?«
Sie hatte diese Krankenschwester noch nie zuvor gesehen. Es war eine junge Frau mit roten Haaren. Sie eilte zum Fenster und zog die Vorhänge zurück. Das Sonnenlicht tat Ginie in den Augen weh.
Die Krankenschwester drehte sich zu ihr. »Sie zittern ja. Geht es Ihnen gut?«
Ohne Vorwarnung füllten sich Ginies Augen mit Tränen.
»Haben Sie Schmerzen?«, fragte die Krankenschwester.
Ginies Stimme zitterte. »Das habe ich Ihren schwachsinnigen Kolleginnen die ganze Nacht zu erklären versucht. Aber sie sind so sehr damit beschäftigt, sicherzustellen, dass ich Milch gebe, dass sie sich nicht um meine verdammten Schmerzen kümmern können.«
Die Krankenschwester sah sie betroffen an.
Ginie schämte sich dafür, ihren Gefühlen freien Lauf gelassen zu haben, und begann zu weinen. »Es tut mir leid …«
»Ich kümmere mich sofort darum«, sagte die Krankenschwester. Sie streichelte Ginies Hand. »Sie sollten keine Schmerzen haben. Ich rufe den Anästhesisten an, er soll Ihnen etwas Stärkeres verschreiben.«
Die Freundlichkeit der Krankenschwester ließ Ginie nur noch mehr weinen. Sie schlug die Hände vors Gesicht und schluchzte heftig.
»Es wird alles gut«, sagte die Krankenschwester und reichte ihr ein Taschentuch. »Sobald die Schmerzen verschwunden sind, werden Sie alles in einem ganz anderen Licht sehen.«
Ginie bezweifelte es.
»Hallo zusammen. Mein Name ist Suzie.«
Die Stimme riss Ginie aus ihren Gedanken. Die sinnliche Blondine schob sich ihre Locken hinter das Ohr. Ihre blassblauen Augen wanderten nervös von einer Frau zur anderen. Sie kann nicht viel älter als fünfundzwanzig Jahre sein, vermutete Ginie.
Suzie warf einen Blick in den Kinderwagen, der neben ihr stand. Das Baby gab laute Schmatzgeräusche von sich. »Ich glaube, Freya ist hungrig«, sagte sie entschuldigend. Sie nestelte an den obersten Knöpfen ihrer karamellfarbenen Strickjacke herum und hob das Baby an ihre Brust.
Ginie wandte den Blick ab, sie war peinlich berührt. Sie fragte sich kurz, ob ihre Brüste auch so ausgesehen hätten, wenn sie darauf beharrt hätte, zu stillen. Doch das hatte sie nicht getan. Nach fünf Tagen im Krankenhaus voller vergeblicher Versuche mit heißen Umschlägen und Milchpumpen war sie mit einer Dose Milchersatzpulver und einer Plastikflasche nach Hause geschickt worden. »Sie haben die kleinsten Milchreserven, die ich jemals gesehen habe«, hatte eine der Krankenschwestern ihr erklärt.
Ginie war enttäuscht gewesen. Die Vorteile des Stillens wurden allerorts lauthals verkündet. Der Arzt, der sie bei der Geburt betreut hatte, ihre Mutter, sogar Daniel – sie alle waren davon überzeugt, und Ginie war davon ausgegangen, dass alles wie von selbst gehen würde. Kein einziges Mal hatte sie darüber nachgedacht, dass sie vielleicht nicht in der Lage sein würde, zu stillen, ganz zu schweigen von den übermächtigen Schuldgefühlen, die über sie hereingebrochen waren, als sie bemerkt hatte, dass sie es nicht konnte. Als sie nun Suzie dabei beobachtete, wie sie ihr Baby stillte, hatte Ginie das Gefühl, Rose den besten Start ins Leben verwehrt zu haben.
Es war schwer zu sagen, ob es sich bei dem Kind um einen Jungen oder um ein Mädchen handelte. Es war pummelig und rosa, und von seinem Kopf stand ein Büschel weißblonder Haare ab.
Suzie räusperte sich. »Meine Tochter heißt Freya«, begann sie. »Wie die skandinavische Göttin der Liebe.«
Mein Gott, dachte Ginie. Ein Hippie.
»Mein Freund hat schwedische Vorfahren«, fuhr sie fort. »Ich sollte wohl sagen: Mein Ex-Freund. Wir haben uns getrennt, als ich im siebten Monat schwanger war. Meine Erfahrungen während der Geburt waren also …« Ihre blauen Augen füllten sich plötzlich mit Tränen. »Ich meine, ich hatte die netteste Hebamme im ganzen Krankenhaus, aber …« Sie schlug sich die Hand vor den Mund und schüttelte den Kopf, unfähig, noch ein Wort zu sagen.
Niemand rührte sich. Ginie sah Pat an, wollte sie dazu bringen, einzugreifen. Doch Pat saß regungslos da. Sie hatte den Kopf schief gelegt und einen nachdenklichen Blick aufgesetzt.
Endlich sagte jemand etwas. »Das muss hart gewesen sein.«
Ginie drehte sich in Richtung der Stimme um. Es war Cara, die Frau, die ihr an der Tür geholfen hatte.
»Ist es okay, wenn ich weitermache?«, fragte sie.
Suzie nickte erleichtert.
»Ich bin Cara«, fuhr die Frau fort. »Und das ist Astrid.« Sie beugte sich über den Kinderwagen und warf dabei ihren Pferdeschwanz über ihre Schulter. Sie war auf dezente Art hübsch, ihr Körper hatte die klassische Form einer Sanduhr, und ihre Augen waren lebhaft und braun. Wenn sie lächelte, war es schwer, sich ihr nicht anzuschließen.
Cara strahlte, während sie ein pummeliges, rotblondes Baby in die Höhe hielt. Daddy hat wohl rote Haare, vermutete Ginie.
»Astrid kam zehn Tage zu spät. Doch dann ging alles ziemlich schnell.« Sie legte Astrid in ihre Armbeuge und streichelte ihre Haare. »Meine erste Wehe kam um sechs Uhr, und zwei Stunden später war sie bereits da. Es war auch nicht sehr schmerzhaft, was ein zusätzliches Geschenk war. Ich glaube, ich hatte mich bereits auf das Schlimmste gefasst gemacht.«
Pat klatschte in die Hände. »Wunderbar. Hat noch jemand gute Erfahrungen während der Geburt gemacht?«
»Ich«, sagte die Frau, die ursprünglich neben Ginie gesessen hatte. Sie schob ihren Kinderwagen immer noch durch den Raum.
»Ich bin Miranda.« Sie deutete auf ein Tuch aus Musselin, das den Kinderwagen bedeckte. »Und das ist Rory. Ich glaube nicht, dass ich schon aufhören kann, ihn herumzuschieben.« Sie warf einen Blick unter das Tuch, und Ginie sah kurz einen Schopf schwarzer Haare. »Nun, zumindest hat er die Augen zugemacht.« Sie hob eine Wasserflasche an ihre Lippen und trank einige Schlucke.
Ginie bewunderte sie von der Seite. Sie war groß und schlank, und es war keine Spur Babyspeck zu sehen. Ihre grünen Augen hoben sich von ihrer durchscheinenden Haut ab, die von hübschen Sommersprossen gesprenkelt war. Ihre Haare fielen in schwarzen Wellen über ihre etwas länglichen Ohren, die sie wie eine Elfe aussehen ließen. Ginie schätzte, dass sie Anfang dreißig war. Ein beträchtlicher Diamantring glitzerte an ihrem Finger, als sie den Verschluss wieder auf die Wasserflasche drehte.
»Und welche Erfahrungen haben Sie während der Geburt gemacht, Miranda?«, fragte Pat.
»Nun, ich dachte, dass es furchtbar werden würde.« Sie zuckte mit den Schultern. »Aber eigentlich habe ich es genossen.«
Ginie fragte sich, wie irgendjemand eine Geburt genießen konnte.
»Ich habe sehr viel geburtsvorbereitendes Yoga betrieben und Atemübungen gemacht«, fügte Miranda hinzu. »Das hat mir vermutlich während der Wehen geholfen.«
Na, ist denn das Leben nicht einfach perfekt?, dachte Ginie.
Pat strahlte wie ein Weihnachtsbaum. »Und ich vermute, dass es Ihnen auch nach der Geburt geholfen hat?«
Miranda schüttelte den Kopf. »Ich habe nicht mehr viel Zeit, um Yoga zu üben. Ich habe auch noch einen Dreijährigen zu Hause. Er stammt aus der ersten Ehe meines Mannes.«
Ginie hob eine Augenbraue. Vielleicht war Miranda doch nicht so perfekt.
»Aber Sie bekommen doch eine Verschnaufpause, wenn der Kleine seine Mutter besucht?«, fragte Pat hoffnungsvoll.
»Nein«, sagte Miranda, »Digbys Mutter starb, als er sechs Monate alt war.«
Allmächtiger, dachte Ginie schuldbewusst.
»Oh.« Pat sah ernüchtert aus. Dann sammelte sie sich wieder. »Nun, eines unserer Themen in den nächsten Wochen wird sein, wie Sie sich Zeit für sich selbst schaffen können. Wenn es einen älteren Bruder oder eine ältere Schwester gibt, die ihrerseits Forderungen stellen, dann ist es doppelt so wichtig, Zeit für sich selbst einzuplanen.«
Miranda sah nicht sehr überzeugt aus.
Pat schaute von einer zur anderen. »Also … wer war noch nicht an der Reihe?«
Eine blasse Frau, die nie zu lächeln schien, hob die Hand. »Ich bin Pippa.«
Ihr mausbraunes Haar, das zu einem strengen Knoten nach hinten gebunden war, war am Oberkopf fettig. Sie war zierlich, und ihre hohe Stimme schwankte wie die eines Kindes, doch die Linien um ihre Augen deuteten darauf hin, dass sie eine Frau in den Dreißigern war. Sie trug ein weites, graues T-Shirt und einen schwarzen Rock, der ihr bis zu den Knöcheln reichte.
»Und das ist Heidi. Sie schläft.« Pippa nickte zu einem riesigen Buggy hinüber, der von einem schwarzen, windabweisenden Vorhang umgeben war, durch den man das Baby nicht sehen konnte. »Ihre Geburt war nicht sehr angenehm.«
Ginie beugte sich vor, um besser hören zu können.
»Möchten Sie Ihre Erfahrungen mit uns teilen?«, fragte Pat.
»Eigentlich nicht.«
Pat zögerte. Solche direkten Worte war sie offensichtlich nicht gewöhnt.
»Nun«, stieß sie hervor, »das ist natürlich Ihr gutes Recht.«
Pippas haselnussbraune Augen zeigten keine Reaktion, als sie auf ihrem Stuhl zurückrutschte und sich den Rock über den Knien glatt strich.
»Und nun, zu guter Letzt …« Pat überflog die Namen auf ihrem Klemmbrett. »Made … und der kleine Wayne?«
Eine asiatische Frau hob die Hand. Sie war winzig und sah beinahe aus wie eine Puppe. Ihr Gesicht war herzförmig, und sie hatte warme, braune Augen. Ihre glänzenden, schwarzen Haare waren zu einem kinnlangen Bob geschnitten, den sie sich mit ihren langen, geschmeidigen Fingern hinter die Ohren schob. Sie lächelte die Gruppe zurückhaltend an, ihre weißen Zähne hoben sich von ihrer karamellfarbenen Haut ab.
»Ich bin Made.« Pat hatte den Namen so ausgesprochen, dass er klang wie das englische Wort »made«, also die Vergangenheitsform von »machen«, doch Made selbst sprach es wie »Ma-Day« aus. »Und das ist der kleine Wayan.«
»Das ist ein ungewöhnlicher Name«, sagte Pat.
»Wir kommen aus Bali.«
Unter dem bunten Sarong, der den Kinderwagen bedeckte, machte das Baby gurgelnde Geräusche. Made griff unter das Tuch, um den kleinen Säugling mit der sahnebonbonfarbenen Haut und den schwarzen Haaren hochzuheben.
»Mein erstgeborener Sohn«, sagte sie stolz.
Ginie unterdrückte ein Keuchen. Über dem offenen Mund des Babys hatte sich eine Art wuchernder Tumor gebildet, der von seiner Lippe bis hinauf zur Nase reichte.
Ginie ließ ihren Blick durch den Raum schweifen. Niemand ließ sich etwas anmerken. Made streichelte das Ohr ihres Sohnes und schien nichts zu bemerken.
Pat war die Erste, die etwas sagte. »Gibt es … gibt es etwas, das Sie uns über Ihre Erfahrungen während der Geburt erzählen wollen, Made?«
Made dachte einen Moment lang nach. »Es hat sehr weh getan«, sagte sie. »Aber er ist … ein gesunder Junge. Das ist gut.«
Ginie lächelte. Mades Sprachkenntnisse waren mangelhaft, doch es war offensichtlich, was sie meinte.
»Sehr gut«, sagte Pat. Sie blätterte in ihren Notizen. »Nun, da wir uns einander vorgestellt haben, lassen Sie uns darüber sprechen, wie diese Gruppe funktioniert. Meine Aufgabe ist es, Sie auf Ihrer wunderbaren Reise durch die Welt der Mutterschaft zu begleiten. Denn eine Mutter zu sein ist die wichtigste Aufgabe der Welt.«
Ginie warf einen Blick auf ihre Uhr.
»Heute werden wir uns über das Schlafen unterhalten, denn dieses Thema interessiert jede junge Mutter.« Pat kicherte. »Schlaf ist äußerst wichtig für das Wachstum und die Entwicklung.« Ihre Stimme klang, als hätte sie ihre Rede auswendig gelernt und würde sie nun als Singsang herunterbeten. Ginie fragte sich, wie oft Pat bereits eine Gruppe junger Mütter mit genau diesem Geschwafel beglückt hatte.
Das Treffen zog sich noch weitere dreißig Minuten hin. Ginie verbrachte einen Großteil der Zeit damit, geschäftliche E-Mails auf ihrem iPhone zu checken, das sie unter der Wickeltasche auf ihrem Schoß versteckt hatte. Offiziell hatte sie sich drei Monate freistellen lassen. Doch als einzige Spezialistin für Risikokapital in ihrer Kanzlei konnte sie Trevor, einen für Privatkapital zuständigen Kollegen, nicht zutrauen, dass er ihre Akten sorgfältig bearbeitete. Sie checkte regelmäßig ihre E-Mails und sandte oft zweizeilige Notizen an Trevor, die dieser für gewöhnlich unbeantwortet ließ. Ihre Kollegen schienen sie so kurz nach der Geburt nicht »belästigen« zu wollen, wie sie es nannten. Ginie hatte noch nie das Gefühl gehabt, sich so weit von ihrer Arbeit entfernt zu haben.
»Ach ja, meine Damen, eine Sache noch«, sagte Pat und drehte sich zur Tafel um. »Wir treffen uns bis Ende Juli jede Woche und dann ein Mal im Monat bis Ende November. Bis dahin werden Sie alle Expertinnen sein.« Sie schrieb die Daten in einer sauberen Linie auf die Tafel. Sogar ihre Handschrift ist nervtötend, dachte Ginie. So verschnörkelt und feminin. Anstatt der Punkte über den »i« und »j« zeichnete sie kleine Herzchen.
»Wenn die Kinder etwa vier Monate alt sind, werden wir ein spezielles Treffen einberufen, zu dem auch die Väter oder Lebensgefährten eingeladen sind.« Pat kringelte das Datum ein, um es hervorzuheben. »Es ist wichtig, die Väter zu involvieren.«
Die Glocke an der Hintertür klingelte, und Pat fuhr barsch herum.
»Es ist noch nicht elf Uhr.« Sie sah den dünnen, weißhaarigen Mann, der in der Tür stand, finster an. »Wir haben hier eine Müttergruppe. Haben Sie das Schild nicht gesehen?«
Der Mann sah sie zerknirscht an. »Ich warte draußen.«
Made stand auf. »Ich gehe«, sagte sie. »Mein Ehemann. Danke, Pat.«
Sie schob Wayan in seinem Kinderwagen in Richtung Ausgang. Cara, die der Tür am nächsten saß, erhob sich und hielt sie ihr auf.
Ehemann? Ginie starrte den Mann in der Tür an. Er muss über fünfzig sein, dachte sie. Hat er Made aus einem Katalog bestellt?
»Made, Sie werden vielleicht Hilfe beim Stillen benötigen, wenn man Wayans Gesundheitszustand berücksichtigt«, rief Pat ihr nach. »Ich rufe Sie nächste Woche an, um ein Treffen mit einer unserer Stillberaterinnen zu vereinbaren.«
Ginie unterdrückte ein Schnauben. Soweit es sie betraf, gab es nur eine Sache, die schlimmer war als eine Hebamme: Eine Hebamme, die als Beraterin zu einem bestimmten Thema eingesetzt wurde.
Made nickte höflich, während sie auf die Straße hinaustrat. Ginie streckte sich, um ihr nachzusehen. Sie erhaschte einen Blick auf den weißhaarigen Mann, der sich über den Kinderwagen beugte, um Wayan zu küssen, bevor er Made schützend die Hand an die Hüfte legte.
Die anderen Frauen begannen, ihre Sachen zusammenzupacken.
»Nun, dann danke ich Ihnen, meine Damen«, sagte Pat. »Wir sehen uns nächste Woche. Ich habe die Kontaktdaten von allen Teilnehmerinnen hier bei mir.« Sie deutete auf einen Stapel Fotokopien. »Ich schlage vor, dass Sie sich auch außerhalb der Gruppe treffen, bevor wir uns wiedersehen. Mutter zu sein, das kann beängstigend sein, es ist also gut, wenn man einander unterstützt.«
Cara stand auf und ließ ihren Blick durch den Raum schweifen. »Also … hat irgendjemand Lust, sich mit mir diesen Freitagvormittag auf einen Kaffee zu treffen?« Sie schien etwas verlegen zu sein.
Niemand sagte etwas. Suzie und Pippa kümmerten sich um ihre Kinder, während Miranda den Rest ihres Wassers trank. Ginie starrte auf ihr iPhone und gab vor, eine Mail zu lesen.
»Wir könnten in das Café gleich auf der gegenüberliegenden Straßenseite gehen?«, wagte sich Cara weiter vor.
Ginie ließ ihren Blick über die Gruppe schweifen. Sie hatte keine Zeit für ihre alten Freunde, ganz zu schweigen davon, neue zu finden. Dennoch hatten ihr ihre Probleme beim Stillen gezeigt, dass mit kleinen Kindern nicht immer alles vorhersehbar war. In ihrem Bekanntenkreis gab es kaum jemanden, den sie um Rat hätte fragen können – die meisten ihrer Freundinnen waren kinderlose Karrierefrauen. Und sie sollte verdammt sein, wenn sie ihre eigene Mutter um Rat bat.
»Okay«, sagte Ginie, »ich werde da sein, es sei denn, im Büro kommt etwas dazwischen.« Das war stets eine bequeme Ausrede, wenn sie doch vorzeitig gehen wollte.
Einige der anderen nickten ebenfalls.
»Wunderbar«, sagte Cara, »dann treffen wir uns also um zehn Uhr auf der gegenüberliegenden Straßenseite?«
»Ähm … könnten wir stattdessen auch in den Park am Strand gehen?«, fragte Pippa zögerlich. »Dort gibt es einen kleinen Kiosk namens ›Strandhäuschen‹. Vielleicht ist es netter für die Kleinen, wenn wir uns draußen treffen.«
Spielt das für Kinder in diesem Alter überhaupt eine Rolle?, fragte sich Ginie.
»Ja, es gibt dort auch gleich in der Nähe einen kleinen Spielplatz«, sagte Miranda. »Ich werde Digby mitnehmen, und er braucht einen Ort, wo er herumtollen kann.«
»Okay«, sagte Cara, »dann treffen wir uns am Freitag um zehn Uhr im Strandhäuschen. Ich werde auch Made Bescheid geben.«
Ginie gab das Datum in ihr iPhone ein. Die Gruppe begann, sich aufzulösen. Im Gegensatz zu den anderen Babys schlief Rose noch immer in ihrem Kinderwagen. Inmitten der vielen Schichten aus rosarotem und weißem Stoff sah sie aus wie ein schwebender Engel. Eine kleine Ader pulsierte an ihrer Schläfe. Sie war so zerbrechlich und so abhängig von Ginie. Ich würde beinahe alles für sie tun, dachte Ginie. Sogar eine Müttergruppe besuchen.
Sie sammelte ihre Sachen zusammen und schob ihren Kinderwagen in Richtung Ausgang. Pat hielt ihr die Tür auf.
»Mein Mann hat wohl die Luxusausführung gekauft, fürchte ich«, sagte Ginie kläglich und deutete auf den Kinderwagen. »Er hat nicht einmal in meinem Kofferraum Platz.« Ihr BMW-Coupé war nicht für Babys gemacht.
»Ich bin froh, dass Sie sich entschlossen haben, zu den Treffen zu kommen, Ginie«, sagte Pat.
»Nun, ich kehre nächste Woche ins Büro zurück«, erklärte Ginie ihr. »Aber ich komme zu so vielen Treffen, wie ich kann.«
»Mein Gott, Sie haben es aber eilig, wieder in den Arbeitsalltag zurückzukehren.«
Ginie rang sich ein Lächeln ab. »Nun, irgendjemand muss die Hypothek schließlich abbezahlen, fürchte ich.«
Sie schob den Kinderwagen auf die Straße und machte sich auf den Weg zum Parkplatz.
Warum glaubte jeder, seine Meinung darüber kundtun zu müssen, dass sie bereits wieder an ihren Arbeitsplatz zurückkehren wollte? Ihre Mutter hatte ähnlich reagiert, und Daniel war auch nicht gerade begeistert gewesen. Wäre sie ein Mann gewesen, hätte niemand weiter darüber nachgedacht. Die Menschen erwarteten, dass die Väter nach der Geburt ihrer Kinder so schnell wie möglich wieder zur Arbeit gingen. Doch für Mütter galten andere Gesetze, das hatte sie bereits gelernt. Es kamen andere Richtlinien zum Tragen, selbst wenn die Mutter in der Familie die Brötchen verdiente.
Ginie streckte ihr Gesicht in die warme Sonne, es war eine willkommene Abwechslung zu den düsteren Stunden, die sie in letzter Zeit im Haus verbracht hatte. Sosehr sie Rose auch vergötterte, in Wahrheit hatte sie bereits seit ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus darüber nachgedacht, wieder an ihren Arbeitsplatz zurückzukehren. In den Tagen nach der Geburt hatte sie beinahe auf eine Art persönliche Erleuchtung gewartet, wie sie andere Frauen zu haben schienen: ein geringeres Interesse an der Arbeitswelt und eine plötzliche Passion für die größeren Anforderungen der Mutterschaft. Doch Ginie hatte zu hart gearbeitet und sich ein wichtiges Spezialgebiet erarbeitet, um das alles leichtfertig aufzugeben. Ihre Liebe zum Rechtswesen war unumstößlich.
Sie hatte gewartet, bis Rose einen Monat alt war, bevor sie das Thema Daniel gegenüber zur Sprache gebracht hatte.
»Wir brauchen ein Kindermädchen«, hatte sie ihm erklärt, nachdem sie sich zum dritten Mal in dreißig Minuten wieder zum Abendessen an den Tisch gesetzt hatte. Das gemütliche Abendessen am Freitagabend, das sie geplant hatte, war von einer ungewöhnlich quengeligen Rose sabotiert worden.
Daniel sah von seinem Teller auf, ein Stück Lamm steckte noch auf seiner Gabel.
»Was ist?«, fragte sie abwehrend.
»Ich höre«, antwortete er.
»Okay.« Sie atmete tief ein. »Ich habe nachgedacht. Vielleicht sollte ich eher früher als später wieder arbeiten gehen. Ich meine, ich genieße die Zeit mit Rose und all das, aber es ist jetzt bereits ein Monat vergangen, und es kommen immer mehr Rechnungen.« Ginie verdiente etwa vier Mal so viel, wie Daniel einnahm. So war es immer gewesen. Seit dem Zeitpunkt, als sie sich vor etwas über einem Jahr am Strand von Curl Curl getroffen hatten. Und nun, da die weltweite Wirtschaftskrise immer schlimmer wurde und Daniels Arbeit im Kommunikationsbereich immer weniger abwarf, war ihr Gehalt das Einzige, worauf sie sich verlassen konnten. Daniel bestand noch immer darauf, dass der Roman, den er nicht lange nach ihrer Hochzeit begonnen hatte, in den nächsten Monaten fertiggestellt sein würde, doch soweit es Ginie betraf, war das etwa so wahrscheinlich wie ein Lotteriegewinn.
»Unser Leben ist wunderbar«, fuhr sie fort. »Warum sollten wir etwas daran ändern? Natürlich erwarte ich nicht von dir, dass du dein Arbeitsumfeld wegen Rose änderst.« Sie machte eine Pause und gab ihm die Möglichkeit, ihr anzubieten, dass er sich um Rose kümmern würde, aber Daniel sagte nichts.
»Ich habe mich nach einem Au-pair-Mädchen umgesehen«, fuhr Ginie fort. »Sie machen viel und kosten wenig. Sie wohnen im Haus, helfen bei der Hausarbeit, kümmern sich um das Baby. Ich könnte vier Tage die Woche im Büro und einen Tag von zu Hause aus arbeiten. Und du könntest dein eigenes Ding durchziehen, ohne dir Sorgen wegen Rose machen zu müssen. Vielleicht hätten wir sogar etwas Zeit für uns. Ich meine, wir waren in letzter Zeit nicht ganz wir selbst …« Die Worte sprudelten aus ihr heraus.
Die Dinge zwischen ihnen hatten sich geändert, sobald sie erfahren hatte, dass sie schwanger war. Als die schlimme Morgenübelkeit endlich vorüber gewesen war, hatte eine betäubende Müdigkeit eingesetzt. In den letzten Wochen ihrer Schwangerschaft hatte ihr aufgedunsener Bauch ausgesehen wie ein Blauschimmelkäse. Und während Daniel so getan hatte, als wäre ihr schwangerer Körper wunderschön, war sie selbst entsetzt gewesen. Er hatte doch tatsächlich vorgeschlagen, ein Foto davon zu machen, um Himmels willen! Ginie war ein Stein vom Herzen gefallen, als Rose so früh zur Welt gekommen war und es somit nicht mehr zur Debatte gestanden hatte. Sie hatten seither jedoch nicht mehr miteinander geschlafen. Die Geburt hatte etwas in ihr verändert. Ihr Körper war nun ein anderer, das war klar, aber es war etwas Tiefergreifendes. Jedes Mal, wenn er die Hand nach ihr ausstreckte, zuckte sie beinahe zusammen.
Daniel hustete. »Und wann hast du vor, wieder arbeiten zu gehen?«
»In drei Wochen«, antwortete sie. »Ich habe heute mit Alan gesprochen. Er möchte mich so schnell wie möglich zurückhaben. Trevor kümmert sich um den Kentridge-Fall, aber er hat zu kämpfen.«
»Oh.« Daniel nickte langsam und übertrieben. Sie hatte herausgefunden, dass er das immer tat, wenn er versuchte, seinen Ärger zu überspielen. Das Ticken der Zedernholzuhr auf der Anrichte durchschnitt die Stille.
»Warum denkst du nicht noch einmal darüber nach?«, fragte er schließlich. »Ich meine, Rose ist doch erst einen Monat alt.«
Ginie schüttelte den Kopf. Sie hatte bereits in den Wochen vor der Geburt Stunden damit verbracht, im Internet nach Agenturen zu suchen und sie miteinander zu vergleichen. Sie hatte mit dem Mitarbeiter einer Agentur gesprochen, die sich »Mamas kleine Helferlein« nannte, und dieser hatte ihr die Verfügbarkeit einer geeigneten Kandidatin bestätigt, die bereit war, in zwei Wochen mit der Arbeit zu beginnen. Ginie war von ihren Qualifikationen beeindruckt gewesen: Sie war eine in Irland registrierte Krankenschwester, die auch Erfahrung in der Pflege von Kindern hatte. Es gab nichts mehr, worüber man nachdenken musste.
»Wenn wir ein Au-pair-Mädchen engagieren, dann können wir beide arbeiten«, sagte sie. »Wir müssen unseren Lebensstil nicht ändern, und wir müssen uns keine Gedanken darüber machen, ob wir Rose vernachlässigen. Und wir können uns auch ein wenig Zeit für uns nehmen.«
Daniel starrte sie an.
»Nun gut. Die Mutter weiß es ja am besten.« Er schob seinen Stuhl zurück. »Ich gehe spazieren.«
Als er bei der Eingangstür angekommen war, drehte er sich noch einmal zu ihr um. »Man kann nicht alles im Leben planen, weißt du? Babys gehören zu diesen Dingen. Aber mach nur weiter so, Ginie. Versuche ruhig, alles in Beton zu gießen, noch bevor Rose zwei Monate alt ist.«
Er schlug die Tür hinter sich zu.
Ginie tupfte sich den Mund mit einer Serviette ab, ihre Lippen zitterten.
Soweit es dich betrifft, ist alles in Ordnung, dachte sie. Du spielst hier den Moralapostel, ohne dass du einer richtigen Arbeit nachgehst, wenn man einmal von deinem verdammten Buch absieht. Worte kann man nicht essen.
Ein Piepton verriet ihr, dass sie eine neue Nachricht bekommen hatte. Sie griff über den Tisch nach ihrem iPhone.
Ich hasse dieses verdammte Ding, dachte sie.
Als Ginie von der Müttergruppe nach Hause kam, lungerten die Arbeiter Zigarette rauchend vor der Eingangstür herum.
»Rauchpause«, sagte der eine, als wäre dies nicht offensichtlich.
Sie grunzte als Antwort und navigierte den Kinderwagen um die Männer herum. Das ist typisch für diese verdammten Handwerker, dachte sie. Sie sind erst eine Stunde hier und machen schon Pause. Wo hatte Daniel sie bloß aufgegabelt?
Als sie Roses Kinderwagen durch den Flur schob, hörte sie klappernde Geräusche aus der Küche. Sie fuhr um die Ecke und sah, dass Nicole mit Gummihandschuhen, die bis zu den Ellbogen reichten, an der Spüle stand und den Boden eines Backbleches schrubbte. Sie hatte ihre braunen Haare zu einem zerzausten Pferdeschwanz zusammengebunden, und ihre Haut hatte die für die Iren typische Blässe.
Ginie räusperte sich.
»Ah, hallo«, sagte Nicole und drehte sich um. »Ich habe Sie nicht hereinkommen hören. Ich hoffe, es stört Sie nicht, dass ich bereits angefangen habe?«
»Mein Gott, nein«, sagte Ginie. »Das ist wunderbar, danke. Haben Sie sich schon eingewöhnt?«
Nicole konnte unmöglich etwas an dem Gästezimmer im obersten Stockwerk auszusetzen haben, das über ein großes Bett und ein eigenes Bad verfügte.
»Ehrlich gesagt«, sagte Nicole mit leuchtenden Augen, »ist es das schönste Zimmer, das ich je gehabt habe. Und man sieht sogar das Meer! Das ist das Sydney, das ich aus dem Kino kenne. Ich kann es kaum erwarten, meinen Leuten zu Hause davon zu erzählen.«
Ginie lächelte über Nicoles mädchenhafte Begeisterung. Nicole war erst dreiundzwanzig Jahre alt, und das war offensichtlich.
»Ja, Curl Curl ist ein schöner Ort«, sagte Ginie. »Wir leben sehr gerne hier.«
Daniel war nicht lange nach ihrer Verlobung eingezogen und hatte seine Einzimmerwohnung in der Nähe von Mona Vale, das zehn Kilometer nördlich von Curl Curl lag, verkauft. Der Preisunterschied war beträchtlich gewesen. Die Einnahmen aus dem Verkauf der Wohnung hatten nur zwanzig Prozent von Ginies Hypothek ausgemacht. Nach ihrer Trennung von Frederic, mit dem sie vier Jahre lang zusammen gewesen war, hatte sie einen beachtlichen Kredit aufgenommen, um ihr Traumhaus an der nördlichen Spitze von Curl Curl kaufen zu können. Und obwohl man Glück nicht kaufen konnte, hatte die Hundertachtzig-Grad-Aussicht auf das Meer ihr geholfen.
»Nun, Rose ist gerade aufgewacht und muss gefüttert werden«, erklärte Ginie und hob Rose aus dem Kinderwagen.
»Das kann ich machen«, sagte Nicole und zog die Gummihandschuhe aus. »Ich habe gesehen, wo Sie die Flaschen aufbewahren.« Sie gab einige Löffel Milchersatzpulver in eine Flasche mit abgekochtem und abgekühltem Wasser, schob den Sauger darauf und schüttelte die Mischung. »Füttern Sie Rose noch immer sechs Mal am Tag?«
»Fünf Mal«, sagte Ginie. »Ich denke, wir können die Mahlzeit um Mitternacht auslassen. In den letzten Tagen hat sie bis zum Morgengrauen durchgeschlafen.«
»Oh, Sie Glückliche«, sagte Nicole. »So weit sind nicht alle Babys mit sechs Wochen, wissen Sie? Was für ein gutes Mädchen du doch bist!« Sie nahm Rose aus Ginies Armen und legte sie in den Stubenwagen, während sie mit der Zunge schnalzte und ihr mit den Fingern zuwinkte. Rose sah sie interessiert an und strampelte mit den Füßen.
»Oh, jetzt bist du aufgeregt, nicht wahr?« Nicole lachte. »Wir werden viel Spaß miteinander haben, du und ich.«
Ginie lächelte. Nicole war ein Naturtalent.
Das würde Daniel sicher auch so sehen.
Sie hatte Daniel an einem Wintermorgen gleich nach Sonnenaufgang am Strand von Curl Curl kennengelernt. Wie oft um diese Zeit war der Strand auch an diesem Tag menschenleer gewesen, mit Ausnahme von ein paar Surfern, die wie aufquellende Teebeutel aus dem Wasser ragten. Ginie joggte über den weichen Sand in der Nähe der Dünen. Sie hielt den Kopf gesenkt und hatte den Blick auf ihre Füße geheftet. Sie hatte sich vor sechs Monaten den Knöchel verstaucht und wollte sich nicht schon wieder verletzen. Ihr Physiotherapeut hatte ihr Wassergymnastik zur Rehabilitation verordnet, doch gemeinsam mit einer Gruppe Rentner im Wasser zu planschen hatte sie depressiv gemacht. Solange sie nicht keuchte und schwitzte, war es kein richtiger Sport für sie. Sobald sich ihr Knöchel stabil genug angefühlt hatte, hatte sie also wieder zu laufen begonnen.
Die Musik aus ihrem iPod plärrte in ihren Ohren, und sie sang lauthals einen Song von The Verve mit. Die Einsamkeit machte sie unbefangen. Sie drehte sich um, um ihre Fußspuren im Sand zu betrachten, eine kurze Auflehnung gegen den scharfen Wind. Seine berüchtigten Strömungen und die einbrechenden Sandbänke machten diesen Strand zu einem der unwirtlichsten der Halbinsel. Sie liebte seine Unbeständigkeit. Den Tag am Strand von Curl Curl zu beginnen, das war für sie ein Ausgleich zu den vielen Stunden, die sie in ihrem Büro bei Coombes Taylor Watson verbrachte.
Sie war beinahe mit ihm zusammengestoßen, als sie ihn bemerkte. Er kam mit einem Surfboard unter dem Arm den Strand heraufgelaufen. Wenn man bedachte, wie menschenleer der Strand war, dann war er ihr sehr nahe gekommen. Sie reduzierte ihr Tempo, um ihn vorbeizulassen.
»Hi.« Er lächelte.
Einen Moment lang wusste sie nicht, was sie sagen sollte. Hinter ihm lag das Meer, und seine sonnengebräunte Haut glänzte feucht. Ein langer, sandiger Haarschopf fiel ihm in die leuchtend blauen Augen. Er hatte seinen Neoprenanzug bis unter den Bauchnabel hinuntergerollt, und eine dünne Linie blonder Haare verschwand darunter.
Sie wollte ihn sofort berühren.
»Hi«, sagte er noch einmal.
Sie zog ihre Kopfhörer aus den Ohren.
»Ist das nicht ein schöner Morgen?«, fragte er.
Sie hatte das Gefühl, als würde er bald weiterlaufen.
»Wie sind die Wellen?«, fragte sie, um ihn bei sich zu halten.
»Fantastisch. Diese riesige grüne Leere rückt alles ins rechte Licht.«
Wer war dieses hinreißende Wesen?
»Ich bin Ginie«, sagte sie, plötzlich mutig geworden.
»Gut zu wissen«, sagte er. »Ich habe dich im letzten Monat jeden Tag joggen sehen.«
Das überraschte sie, denn sie hatte ihn noch kein einziges Mal bemerkt. Allerdings hatte sie auch nie in Richtung der Surfer geschaut. Sie gehörten genauso zum Landschaftsbild wie die Möwen am Ufer.
»Ich bin Daniel.« Er streckte ihr seine Hand entgegen. Sie spürte, wie sich seine kühle, schwielige Hand gegen ihre drückte.
»Vielleicht sehe ich dich ja morgen wieder?«, fragte er.
Sie spürte, wie sie errötete. Dann klemmte er sich sein Board unter den Arm und verschwand über eine Düne.
Zwei Monate lang tauschten sie am Strand Nettigkeiten aus. Zu Beginn waren ihre Gespräche kurz und drehten sich hauptsächlich ums Wetter. Schließlich begannen sie, sich Details aus ihrem Leben zu erzählen.
Eines Morgens war Daniels Begrüßung besonders enthusiastisch.
»Die Wellen sind heute beinahe zwei Meter hoch«, sagte er grinsend. »Das bringt die kreativen Kräfte so richtig in Schwung. Es wird sicher ein produktiver Tag werden.«
Ginie nahm das Thema begierig auf.
»Bist du Künstler?«
»Schriftsteller.«
Sie erinnerte sich an seine schwielige Hand. Der Gedanke, mit dem Schreiben von Büchern Geld zu verdienen, war neu für sie.
»Was schreibst du?«
»Im Moment alle möglichen Sachen für die Werbung.« Er lachte. »Damit ich meine Rechnungen bezahlen kann. Ich betreibe zusammen mit einem Freund eine Werbeagentur.« Er steckte sein Board in den Sand. »Aber wenn ich nicht gerade stumpfsinnige Arbeiten für Firmenkunden erledige, dann schreibe ich Gedichte, Theaterstücke und Erzählungen. Etwas, das keine Kohle einbringt. Es ist schwierig, davon zu leben. Aber das ist mein Traum: Etwas zu schreiben, wofür ich brenne, und auch noch dafür bezahlt zu werden.«
Ginie musste seine Worte erst verdauen. Er hatte innerhalb von zwei Minuten mehr über sich verraten als in den gesamten letzten acht Wochen. Aber Gedichte, Theaterstücke und Erzählungen? Gelang es irgendjemandem, damit Geld zu verdienen?
»Und was ist mit dir?«, fragte er. »Was machst du so?«
Ich mache Dinge, mit denen man tatsächlich Geld verdienen kann, dachte sie.
»Ich bin Wirtschaftsanwältin. Mein Schwerpunkt liegt vor allem im Risikokapital.«
Sie glaubte, beobachten zu können, wie sich seine Augen weiteten. Sie war solche Reaktionen gewöhnt. Die meisten Männer, mit denen sie sich in all den Jahren getroffen hatte, hatten sich von ihrer Intelligenz und ihrem Erfolg einschüchtern lassen.
»Nun, für eine gottverdammte Anwältin hältst du dich aber ganz schön fit«, sagte er, und seine Augen blitzten. »Es gibt sicher nicht viele von deiner Sorte.«
Sie war sprachlos und wusste nicht, ob sie lachen oder beleidigt sein sollte.
»Wir sehen uns morgen«, sagte er und zwinkerte ihr zu.
Später an diesem Morgen hastete sie ins Büro. Üblicherweise war sie eine der Ersten, doch heute hatte sie ewig gebraucht, um sich zurechtzumachen. Sie war eine halbe Stunde unter der Dusche gestanden, und während ihr das Wasser über die Schultern gelaufen war, hatte sie an Daniel gedacht. Daran, wie er sie eine »gottverdammte Anwältin« genannt hatte. Es war derb gewesen, aber dennoch hatte ihre Unterhaltung etwas Intimes an sich gehabt.
»Hübscher Rock!« Arnolds Kopf tauchte hinter dem Empfangstresen auf. »Hast du heute Abend noch eine heiße Verabredung?«
Arnold, der Büromanager der Kanzlei, war der Einzige im Büro, der sie jemals überrascht hatte. Er arbeitete beinahe so lange wie sie selbst für Coombes Taylor Watson. Eigentlich hatte sie sogar einen entscheidenden Einfluss darauf gehabt, dass er diesen Job bekommen hatte. Mit seinen Nadelstreifenanzügen und den gebügelten Fliegen brachte er frischen Wind in die Kanzlei. Und wenn er nicht so gut in seinem Job gewesen wäre, dann hätten ihn die konservativeren Partner der Firma längst hinausgeworfen. Er war laut und theatralisch, doch er war um Klassen besser als alle anderen Büromanager vor ihm.
»Bist du heute denn nicht gut drauf, Liebling?« Er machte einen übertriebenen Schmollmund. »Das hier wird dich aufheitern. Ich habe heute Morgen eine echt meisterhafte Spam-Nachricht für dich.« Er zeigte auf seinen Computerbildschirm. »Betreff: Ihr Zauberstab wird aufgehen wie Germteig.«
Sie unterdrückte ein Grinsen.
»Und im Text steht: Ihre Liebhaber werden sich darum reißen, ihrem besten Stück beim Wachsen und Gedeihen zuzusehen. Antworten Sie jetzt! Ich sag dir was, ich werde ganz sicher antworten. Ich liebe diese Spammer aus der Ukraine. Also, kann ich dir einen Kaffee bringen, Liebling?«
Sie schüttelte den Kopf und machte sich auf den Weg in ihr Büro.
»Ignorierst du mich?«
Ginie zog eine Grimasse.
»Und was ist damit? Die hier sind gerade für dich abgegeben worden.« Arnold zog einen riesigen Strauß gelber Rosen unter seinem Tisch hervor. »Ein super-süßer Kurier hat sie vor fünf Minuten gebracht. Er hätte eine Flasche mit seinem Hintern öffnen können. Ich hätte mir beinahe seine Nummer geben lassen.«
Ginie runzelte die Stirn. »Und wer versucht dieses Mal, mich zu bestechen?«
»Dah … da-da-da-da-dah …« Arnold hielt sich eine Hand auf die Brust und summte eine Melodie, die ihr irgendwie bekannt vorkam.
»Jetzt sag bloß nicht, dass du noch zu jung bist, um den Elton-John-Klassiker zu kennen?« Er grinste gespielt empört. »Also, wer ist Daniel? Erzähl es Onkel Arnold.« Er deutete auf die Karte, die an dem Strauß hing, und grinste unverschämt. »Ich fürchte, er hat den Umschlag vergessen.«
Ginie starrte die Worte auf der Karte an: Können wir unsere Treffen am Strand auf eine andere Ebene bringen? Daniel
»Oh.« Ihr Magen schlug einen Purzelbaum. »Das ist bloß ein Kerl, den ich beim Joggen in Curl Curl kennengelernt habe. Wir haben insgesamt – ich weiß auch nicht – etwa zwei Stunden miteinander geredet.« Sie las die Karte noch einmal. »Ich kann mir nicht vorstellen, wie er mich ausfindig gemacht hat.«
»Es gibt nicht sehr viele Anwälte mit Schwerpunkt Risikokapital in Sydney, Liebling«, sagte Arnold. »Und vor allem keine Anwältinnen. Und ganz sicher keine von deinem Kaliber. Vermutlich hat er dich einfach gegoogelt.«
»Nun, das ist schmeichelhaft, aber er könnte ein Stalker sein.«
»Ach, sei keine Spielverderberin! Du musst mal wieder ausgehen. Schnapp ihn dir.«
»Vielleicht mache ich das«, antwortete sie. »Aber nimm die hier für Phil mit nach Hause.« Sie ließ die Blumen wieder auf seinen Tisch fallen.
»Oh, wunderbar.« Arnold vergrub seine Nase in dem Blumenstrauß. »Phil liebt Rosen.«
Am nächsten Morgen stand Ginie wie üblich um fünf Uhr morgens auf, um ihre obligatorischen sechs Runden am Strand von Curl Curl zu joggen. Doch an diesem Tag duschte sie vorher. Sie schlüpfte in ihre Lycra-Leggins und in ein schwarzes, ärmelloses Trikot, schnüffelte an ihren Achseln, trug zwei Schichten Deo auf und schüttelte den Kopf. Sie führte sich auf wie ein Teenager. Sie sah in den Spiegel: Ihr Spiegelbild verhöhnte sie. Alt. Sogar noch älter als gestern. Mit neununddreißig Jahren arbeitete sie hart daran, fit zu bleiben. Sie hielt ihr Gewicht niedrig, ihre Muskeln stramm und ihre Gliedmaßen geschmeidig. Doch die Zeit war nicht spurlos an ihrem Körper vorübergegangen und hatte bereits zahllose Altersflecken auf ihrem Dekolleté hinterlassen. Das Fleisch auf ihren Hüften war ein wenig schlaff, und um ihre Augen hatten sich Krähenfüße gebildet. Sie beugte sich vor den Spiegel. Zumindest heute waren keine grauen Haare zu erkennen. Sie flocht ihre blonden Haare zu einem langen Zopf, den sie durch die Öffnung hinten in ihrer Sportkappe zog, rieb ihre Lippen mit Kakao-Balsam ein und stellte sich einen Moment lang vor, wie Daniel seine weichen Lippen auf ihre presste.
Als sie schließlich über den Sandstrand von Curl Curl lief, war ihr Pulsschlag so hoch, dass ihre Pulsuhr Alarm schlug. Der Strand lag ungewöhnlich still und unter einer Nebeldecke verborgen da. Die Fähren vom Hafen von Sydney werden bei so starkem Nebel heute wohl nicht auslaufen, dachte sie. Arnold würde zu spät zur Arbeit kommen.
Sie befand sich bereits am nördlichen Ende des Strandes, als sie Daniel in etwa zwanzig Metern Entfernung entdeckte. Er hielt sein Board unter dem Arm, drehte sich in ihre Richtung und winkte. Sie lief weiter auf ihn zu, wobei sie ihre Schritte beschleunigte. Als sie schließlich bei ihm ankam, beugte sie sich nach vorn, stemmte die Hände auf die Knie und atmete keuchend.
»Das nenne ich sportlichen Einsatz«, sagte er.
Sie lächelte. »Danke für die Blumen. Und ich würde … unsere Treffen auch gerne auf eine andere Ebene bringen.«
Sie senkte den Blick und betrachtete den Sand. Einen Moment lang sah sie das ernste Gesicht ihres Ex-Freundes Frederic vor sich. Sie erinnerte sich an seine typisch französische Selbstsicherheit, seinen rasiermesserscharfen Intellekt und seine Leidenschaft für Rechtskunde, aber auch an seine unnachgiebige, konservative Lebenseinstellung. Er hatte den Wunsch geäußert, eine Familie zu gründen, und zu Beginn gefiel ihr das. Sie hatten einander geliebt, daran bestand kein Zweifel. Doch während Ginie sich noch nicht entschieden hatte, ob sie jemals Kinder bekommen wollte, war er fest entschlossen gewesen. Schließlich hatte er ihr ein Ultimatum gestellt: Heirate mich und gründe eine Familie mit mir, oder wir gehen von nun an getrennte Wege.
Ihre Mutter hatte geweint, als sie ihr erzählte, dass sie sich getrennt hatten. Seither hatte sie achtzehn lange Monate zölibatär gelebt.
Daniels blaue Augen wanderten über ihren Körper und fingen schließlich ihren Blick auf.
Er nahm ihre Hand, und sie stiegen gemeinsam eine Düne empor, wobei sie sich auf der anderen Seite ihren Weg zwischen saftig grünen Sukkulenten hindurchbahnen mussten, bis sie zu einer geschützten, sandigen Mulde gelangten. Sie befanden sich auf der nördlichsten Düne des Strandes, genau über den unregelmäßigen Wellentälern, die eine beliebte Hundeauslaufzone waren. An diesem Morgen hörte man jedoch kein weit entferntes Bellen. Die Sonne ging gerade erst auf und wurde sofort von dem dicken Nebel verschlungen.
»Hier«, sagte Daniel. Er hob ihre Hand an seinen Mund und küsste ihre Handfläche. An der Innenseite ihres Handgelenkes hielt er inne. Das Gefühl war so angenehm, dass sie seufzte. Er sah auf, als er es hörte, und lächelte.
Ich kann ihm vertrauen, dachte sie.
Sie ließen sich auf den Sand sinken. Er zog ihr das Top über den Kopf. Dann folgten der BH und schließlich ihre Leggins. Plötzlich lag sie nackt und verletzlich auf der Düne. Er rollte seinen Neoprenanzug herunter, der quietschte, als er über die feuchte Haut gezogen wurde.
»Wir können nicht …« Sie hatte kein Kondom bei sich.
»Ich weiß«, sagte er.
Seine Lippen wanderten auf ihrem Körper nach unten, seine Hände umfassten ihre Hüften.
»Lass dich gehen.« Sie spürte seinen warmen Atem auf ihrem Bauch. »Lass dich gehen.«
Sie schloss die Augen und trieb davon.
Sie war sich nicht sicher, ob sie eine Beziehung hatten, aber sie wusste, dass sie den besten Sex ihres Lebens mit ihm erlebte. Sie hatte sich so lange zurückgehalten, gewartet und sorgfältige Entscheidungen getroffen. Daniel war wie ein Abenteuerurlaub von ihrem gewöhnlichen Leben. Drei Wochen nach dem Treffen auf der Sanddüne tauchte Arnolds Kopf in ihrer Bürotür auf.
»Du strahlst von innen heraus«, sagte er mit einem boshaften Grinsen. »Darf ich fragen, ob Daniel vielleicht etwas damit zu tun hat?«
Sie nickte fast unmerklich. »Bring mir doch bitte die Kentridge-Akte, Arnold.«
Doch die Arbeit war eine Farce. Sie konnte nur noch an den Sex mit Daniel denken. Am Strand von Curl Curl, in ihrem Auto, an der Wand einer öffentlichen Toilette, auf dem Dach seiner Wohnung. Er war unersättlich. Er verschlang ihren Körper und erweckte ihn zu neuem Leben. Sie hatte sich sexuell noch nie so frei gefühlt.
Sechs Wochen später wurde ihr plötzlich übel.
»Das ist doch keine Katastrophe«, sagte Daniel und griff über den Restauranttisch hinweg nach ihrer Hand.
»Ich bin beinahe vierzig Jahre alt«, fuhr sie ihn an. »Ein Kind war nicht Teil meines Plans.« Daniel hatte Kondome verwendet. Schachteln und noch mehr Schachteln voller Kondome. Und dennoch war sie mit neununddreißig Jahren schwanger geworden. Das war statistisch gesehen beinahe unmöglich.
»Das Leben verläuft nicht immer nach Plan.« Daniel lächelte. »Ich habe bloß dreißig Jahre gebraucht, um das zu lernen.«
Sie beugte sich in ihrem Stuhl zurück und betrachtete ihn.
Ein Kellner kam an ihren Tisch, doch sie schickte ihn fort.
»Wie alt bist du eigentlich, Daniel?«
Sie schliefen nun seit zwei Monaten miteinander, doch er war dieser Frage immer mit markigen Sprüchen wie »alt genug, um das hier machen zu dürfen« oder »alt genug, um zu wissen, was ich tue« ausgewichen. Sie war davon ausgegangen, dass sie etwa gleich alt waren.
»Spielt das denn eine Rolle?«, entgegnete er.
»Nein, nicht wirklich«, sagte sie. Vielleicht aber doch, dachte sie.
»Wie alt glaubst du denn, dass ich bin?«
»Ich habe keine Ahnung. Ich bin nicht gut im Raten.«
»Komm schon, versuch es.«
